In der Lage, in der ich mich befinde, habe ich mir zugeschworen, an

Nichts recht teilzunehmen als an Dem, was ich so in meiner Gewalt

habe wie ein Gedicht, wo man weiß, daß man zuletzt nur sich zu

tadeln oder zu loben hat, an einem Werke, an dem man, wenn der Plan

einmal gut ist, nicht das Schicksal des penelopeischen Schleiers

erlebt. Denn leider in allen übrigen irdischen Dingen lösen einem die

Menschen gewöhnlich wieder auf, was man mit großer Sorgfalt gewoben

hat, und das Leben gleicht jener beschwerlichen Art zu wallfahrten,

wo man drei Schritte vor und zwei zurück tun muß ... Zwar ist,

ich gestehe es, ein solcher Entschluß sehr illiberal, und nur

Verzweiflung kann einen dazu bringen; es ist aber doch besser, ein

für allemal zu entsagen, als immer einmal über den andern Tag rasend

zu werden.

[Sidenote: Zeitungen]

Goethe bekam zwar immer einige Zeitungen in’s Haus, aber oft las er sie

Monate hindurch nicht. Nicht selten war er in die politischen Vorgänge

durch seine Stellung oder seine Freunde besser eingeweiht als die

Berichterstatter dieser Blätter, und dann entrüstete er sich über ihr

leichtfertiges Umspringen mit der Wahrheit und mit den Gefühlen der an

die Öffentlichkeit gezerrten Personen. Immer aber fürchtete er Zeit-

und Stimmungsräuber in ihnen. An Zelter schreibt er einmal:

Es fällt einem doch mitunter auf, daß man durch die Kenntnis Dessen,

was der Tag bringt, nicht klüger und nicht besser wird. Dieses ist

von größter Wichtigkeit. Denn genau besehen ist es von Privatleuten

doch nur eine Philisterei, wenn wir Demjenigen zuviel Anteil

schenken, worin wir nicht +wirken+ können ... Also wollen wir uns

nicht mit Allotrien beschäftigen.

Im Jahre 1831 machte er sich den Spaß, eine Zeitung von 1826 gebunden

zu lesen. Bei solcher Wiederholung wird „für den Menschen, der sich

in den Kreis seiner Tätigkeit zurückzieht,“ erst recht klar, „daß man

durch diese Tagesblätter zum Narren gehalten wurde, und daß weder für

uns, noch für die Unsrigen, besonders im Sinn einer höheren Bildung,

daher auch nicht das Mindeste abzuleiten war.“

* * * * *

[Sidenote: Geselligkeit]

Die ‚Gesellschaft‘ und die ‚Geselligkeit‘ sind zwei Namen für ärgste

Zeiträuber und Persönlichkeitsvernichter. Goethe wußte ihnen von Jugend

auf zu begegnen. Nahm er an einer Gesellschaft teil, so behauptete

er sich ihr gegenüber; er spielte nicht Karten und verwickelte sich

nicht in Klatsch, sondern setzte auch hier sein Studium fort und

befestigte sich lehrend im Gelernten. Zeichnen, Musikhören, Betrachten

von Mineralien oder Medaillen oder Kupferstichen, Vorlesen, Lesen mit

verteilten Rollen, Schilderungen von fremden Ländern: Das waren seine

Unterhaltungen in geselligen Stunden. Auch Lustigsein, Trinken, Tanzen

und allerlei Possenspiel ließ er als gute Zeitbenutzung gelten.

Aber er war für sich allein zu reich, um häufiger Gesellschaft zu

bedürfen oder sie ertragen zu können. „Die Menschen sind wie das Rote

Meer“ sagte er einmal, „der Stab hat sie kaum auseinander gehalten,

gleich hinterher fließen sie wieder zusammen.“ Zu +diesen+ Menschen

gehörte Goethe nicht. „Ich weiß wohl“ sagte er schon 1784, „daß man,

um die Dehors zu salvieren, das Dedans zugrunde richten soll; aber

ich kann mich denn doch nicht wohl dazu verstehen.“ Als er drei

Jahre später nach Rom kam, vermied er sorgfältig alle vornehmen

Bekanntschaften und hielt sich zu guten Kameraden, die ihn nicht mit

gesellschaftlichen Pflichten behängten. Als seine Anwesenheit dennoch

bekannt wurde und er Einladungen und Besuche bekam, hatte er sich schon

im Kreise der „Künstlerburschen“ befestigt. „Jedem war es nicht um mich

zu tun“ schreibt er über die vornehmen Einladenden an Herder, „sondern

nur: seine Partei zu verstärken. Als Instrument wollten sie mich

brauchen, und wenn ich hätte hervorgehn, mich deklarieren wollen, hätte

ich auch als Phantom eine Rolle gespielt. Nun, da sie sehen, daß nichts

mit mir anzufangen ist, lassen sie mich gehen, und ich mache meinen

sicheren Weg fort.“

So lernte er freilich die römischen Kardinäle und Prinzessinnen nicht

kennen, aber er hatte Zeit und Raum, die ‚Iphigenie‘ umzuschreiben,

den ‚Egmont‘ und ‚Tasso‘ zu fördern, in die Geheimnisse der bildenden

Kunst einzudringen und nebenbei mit fröhlichen Gesellen vergnügt zu

leben.

* * * * *

[Sidenote: Frau von Staël]

Man kann sich keinen größeren Gegensatz denken als Goethe und die Frau

v. Staël, die doch auch Dichterin und Denkerin sein wollte. Ihr war nur

in Gesellschaft wohl; sie mußte stets der Mittelpunkt lauten Lebens

sein; ihr herrliches Landgut bei Genf empfand sie als einen düstern

Ort der Verbannung, weil Napoleon ihr den Aufenthalt in Paris verboten

hatte. Als sie 1804 nach Weimar kam, empfanden Goethe und Schiller ihre

gesellschaftlichen Ansprüche recht unbequem, obwohl die geistreiche

Französin auch sie nicht kalt ließ. Goethe erzählt in seinen Annalen,

wie ihre Salongeschäftigkeit mit dem ernsten Schaffen der deutschen

Dichter und Gelehrten im Gegensatz war.

Sie wollte zu einer gewissen Tätigkeit aufregen, deren Mangel sie uns

vorwarf. Da sie keinen Begriff hatte von Dem, was Pflicht heißt, und

zu welcher stillen, gefaßten Lage sich Derjenige, der sie übernimmt,

entschließen muß, so sollte immerfort eingegriffen, augenblicklich

gewirkt sowie in der Gesellschaft gesprochen und verhandelt werden.

Auch zeigte gerade die Staël manche Oberflächlichkeit, wie sie die

Geselligkeit anerzieht. Goethe erzählt weiter:

Frau v. Staël trat einen Abend vor der Hofzeit bei mir ein und

sagte gleich zum Willkommen mit heftiger Lebhaftigkeit: „Ich habe

Euch eine wichtige Nachricht anzukündigen! Moreau ist arretiert mit

einigen Anderen und des Verrats gegen den Tyrannen angeklagt!“ Ich

hatte seit langer Zeit, wie Jedermann, an der Persönlichkeit des

Edeln teilgenommen und war seinem Tun und Handeln gefolgt; ich rief

im stillen mir das Vergangene zurück, um nach meiner Art daran das

Gegenwärtige zu prüfen und das Künftige daraus zu schließen oder doch

wenigstens zu ahnen. Die Dame veränderte das Gespräch, dasselbe, wie

gewöhnlich, auf mannigfache gleichgültige Dinge führend, und als

ich, in meinem Grübeln verharrend, ihr nicht sogleich gesprächig zu

erwidern wußte, erneuerte sie die schon oft vernommenen Vorwürfe:

ich sei diesen Abend wieder einmal gewohnterweise maussade und keine

heitere Unterhaltung bei mir zu finden. Ich ward wirklich im Ernst

böse, versicherte, sie sei keines wahren Anteils fähig; sie falle

mit der Tür in’s Haus, betäube mich mit derbem Schlag und verlange

sodann, man solle alsobald sein Liedchen pfeifen und von einem

Gegenstand zum andern hüpfen.

So hütete sich Goethe immer vor Angriffen auf sein Gemütsleben; zur

Unterhaltung bedurfte er der Erschütterungen nicht, und seiner Arbeit

waren sie schädlich. Da er nun einmal weich und empfindlich war, so

schonte er sich demgemäß. In Tollhäuser, die jammervollen Vorläufer

unserer heutigen Anstalten für Geisteskranke, konnte ihn auch sein

Herzog nicht einzutreten bewegen. Ebenso ging er den Leichen aus dem

Wege. „Warum“ sagte er bei Wielands Tode zu Falk, „warum soll ich mir

die lieblichen Eindrücke von den Gesichtszügen meiner Freunde und

Freundinnen durch die Entstellungen einer Maske zerstören lassen?

Es wird ja dadurch etwas Fremdartiges, ja völlig Unwahres meiner

Einbildungskraft aufgedrungen. Ich habe mich wohl in acht genommen,

weder Herder, Schiller, noch die verwitwete Frau Herzogin Amalia im

Sarge zu sehen. Der Tod ist ein sehr mittelmäßiger Porträtmaler. Ich

will ein seelenvolleres Bild als seine Masken von meinen Freunden

im Gedächtnis aufbewahren.“ Auch auf Bildern ließ er sich nichts

Widerliches bieten. Sie sollten ihm Angenehmes sagen und ihn nicht an

die Anatomie oder den Schindanger erinnern. Vor frommen Bildern hatte

er auch deshalb Scheu, weil sie so oft Menschenquälerei darstellen.

Ebenso schonte er seine Phantasie gegen die verwirrenden Eindrücke

der Karikaturen. So wollte er im Alter keine Spottbilder auf Napoleon

sehen. „Ich darf mir dergleichen widrige Eindrücke nicht erlauben,

denn in meinem Alter stellt sich das Gemüt, wenn es angegriffen

wird, nicht so schnell wieder her wie bei Euch Jüngeren.“ Als seine

Schwiegertochter bei einem Sturze sich das Gesicht zerschunden hatte,

sah er sie nicht, bis sie wiederhergestellt war.

Genau so wandte er die Augen ab von politischen Vorgängen, die ihn sehr

ergriffen und innerlich beschäftigt hätten, ohne daß er doch Etwas dazu

tun konnte, also besonders von Kriegsereignissen und Revolutionen.

Seine anscheinende Gleichgültigkeit erregte dann oft Erstaunen und

Mißfallen; aber er wußte, weshalb er so handelte. Gleich nach den

Befreiungskriegen entstanden in den meisten deutschen Ländern sehr

unerquickliche Zustände; zwischen den Volksgenossen zeigte sich ein

politischer Haß, der zu schlimmen Taten führte. „Ungerechtigkeit und

Unbilligkeit sind an der Tagesordnung“ schrieb Goethe damals (am 16.

Januar 1818 an Antonie Brentano) und fuhr fort:

An +meiner+ Tagesordnung ist die Maxime: man muß sich selbst schonen,

wo Nichts geschont wird, und wie Diogenes sein Faß in der allgemeinen

Verzweiflung hin und her wälzen.

* * * * *

[Sidenote: Man muß sich selbst schonen]

Oft mußte Goethe alle Gesellschaft meiden und sich selbst von Frau und

Kind abschließen, wenn er Etwas fertig bringen wollte.

Dem Gegenstande, der ihn beschäftigte, gehörte er jedesmal ganz an,

identifizierte sich mit ihm nach allen Seiten und wußte, während er

irgend eine wichtige Aufgabe sich gesetzt, alles seinem Ideengang

Fremdartige standhaft abzulehnen ... Nicht immer jedoch gelang

ihm jene augenblickliche Konzentration, und seiner übermächtigen

Empfänglichkeit und Reizbarkeit wohl bewußt, griff er dann oft zu den

extremsten Mitteln und schnitt plötzlich, wie im Belagerungszustande,

alle Kommunikation nach außen gewaltsam ab. Kaum aber hat die

Einsamkeit ihn von der Fülle anströmender Ideen entbunden, so

erklärt er sich wieder befreit, neuen Interessen zugänglich, knüpft

die früheren Fäden sorgsam an, und schwimmt und badet in frischen

Elementen weit ausgebreiteten Daseins und Wissens, bis eine neue

unbezwingliche Metamorphose ihn abermals zum Einsiedler umschafft.[28]

Gewöhnlich entwich Goethe auf Wochen oder Monate nach dem damals noch

recht kleinen Jena; seltener zog er in’s Gartenhaus, wo ihn dann die

Seinigen nicht stören durften. „Denn dabei bleibt es nun einmal: daß

ich ohne absolute Einsamkeit nicht das Mindeste hervorbringen kann.

Die Stille des Gartens ist mir auch daher vorzüglich schätzbar.“ So

schreibt er im August 1799 an Schiller, und drei Tage später heißt es

schon wieder: „Denn in einer so absoluten Einsamkeit, wo man durch gar

nichts zerstreut und auf sich selbst gestellt ist, fühlt man erst recht

und lernt begreifen, wie lang ein Tag sei.“ Wohl hatte Christiane oft

große Sehnsucht nach ihm, und die kurzen Besuche, die ihr gestattet

waren, erschienen ihr als allzu seltene Festtage. Dann schrieb sie ihm

wohl:

Es wird fieleicht mit den arbeyden Hier beser gehn als sond du kanns

hier wie in Jena in bete dickdiren und ich will des Morchens nicht

ehr zu dir komm biß du mich verlangst auch der Gustell soll Frühe

nicht zu dir komm. Komm nur balt.

Aber sie fügte sich auch willig, wenn er in seiner freundlichen Weise

ihr meldete, daß die gesetzte Aufgabe noch nicht bewältigt sei, und

unverdrossen sorgte sie dann, was sie an guten Speisen und Getränken

für ihn den Botenweibern mitgeben könne.

* * * * *

[Sidenote: Briefwechsel]

Die Geselligkeit der Entfernten ist der Briefwechsel. Auch die Antwort

fordernden Briefschreiber gehören zu den ärgsten Zeiträubern, und

wenn Goethe einmal sagt: „Wer für die Welt etwas tun will, muß sich

nicht mit ihr einlassen“, so dachte er dabei nicht zuletzt an die

Übel der schriftlichen Unterhaltung. „Mit Briefantworten muß man

~nolens volens~ Bankerott machen“ sagte er 1830 zum Kanzler und drei

Jahre früher zu Eckermann: „Sie sehen ja selbst, wie Das bei mir geht

und welche Zusendungen von allen Ecken und Enden täglich bei mir

einlaufen, und müssen gestehen, daß dazu mehr als +ein+ Menschenleben

gehören würde, wenn man Alles nur flüchtig erwidern wollte.“ Schon

in jungen Jahren kam er zu dem Vorsatz, eine große Zahl von Briefen

nicht zu beantworten. Der ihm befreundete Statthalter Karl v. Dalberg

in Erfurt, der nachmalige Großherzog von Frankfurt, bekam eine Unmenge

literarischer Zusendungen, weil er als ein sehr wohlwollender Liebhaber

vieler Wissenschaften und Künste bekannt war. In einem Briefe an Zelter

erzählt Goethe von diesem alten Freunde:

Nun besaß er zwar ausgebreitete Kenntnisse, um solchen Fällen genug

zu tun, aber wo hätte er Zeit und Besinnung hergenommen, um einem

Jeden vollkommene Gerechtigkeit widerfahren zu lassen? Er hatte sich

daher einen gewissen Stil angewöhnt, wodurch er die Leerheit seiner

Antworten verschleierte und Jedem etwas Bedeutendes zu sagen schien,

indem er etwas Freundliches sagte. Es müssen dergleichen Briefe

noch zu Hunderten herumliegen. Ich war von solchen Erwiderungen

öfters Zeuge; wir scherzten darüber, und da ich eine unbedingte

Wahrheitsliebe gegen mich und Andere zu behaupten trachtete, so

schwur ich mir hoch und teuer, in gleichem Falle, mit dem mich meine

damalige Zelebrität schon bedrohte, mich niemals hinzugeben, indem

sich dadurch denn doch zuletzt alles reine, wahrhafte Verhältnis zu

den Mitlebenden auflösen und zerstieben muß. Daher folgt denn, daß

ich von jeher seltener antwortete, und dabei bleibt’s denn auch jetzt

in höheren Jahren, aus einer doppelten Ursache: keine leeren Briefe

mag ich schreiben, und bedeutende führen mich ab von meinen nächsten

Pflichten und nehmen mir zuviel Zeit weg.

* * * * *

[Sidenote: Heimlichkeit]

Die Absonderung von den Menschen um des Werkes willen zeigte sich bei

Goethe auch oft als Verschwiegenheit und Heimlichtun. Der Kanzler

erzählt:

Das Geheimnis hatte überhaupt stets für Goethe einen ganz besonderen

Reiz, vorzüglich darum, weil es vor Entweihung würdiger Vorsätze und

Bestrebungen sichert, ihr Gelingen erleichtert und die Willenskräfte

der Verbündeten steigert. So hat er denn auch im Leben, ja, selbst

in alltäglichen Vorkommnissen diese Liebe zum Geheimnis betätigt und

nur selten und ungern über die nächsten Anordnungen und Beschlüsse

sich im voraus mitgeteilt. Noch unangenehmer war es ihm, wenn man

sein Vorhaben erriet oder Irgendetwas, was er erst später vorzeigen

oder eröffnen wollte, vorzeitig entdeckte oder zur Sprache brachte.

Seine Naturbetrachtungen hatten ihn gelehrt, wie alles Große und

Bedeutende nur im stillen sich vorbereite, wachse und entwickle;

seine Welterfahrung ihm bewiesen, daß die edelsten Unternehmungen,

voreilig enthüllt, meist den feindseligsten Gegenwirkungen ausgesetzt

sind.

Goethe spricht diese Sinnesart öfters in seinen Gedichten aus. Sein

Märchen vom getreuen Eckhart schließt: „Verplaudern ist schädlich,

verschweigen ist gut: +dann+ füllt sich das Bier in den Krügen.“ In den

‚Römischen Elegien‘ erhebt er die Verschwiegenheit gar in den Rang der

Götter:

Zieret Stärke den Mann und freies mutiges Wesen,

O so ziemet ihm fast tiefes Geheimnis noch mehr.

Städtebezwingerin du, Verschwiegenheit! Fürstin der Völker!

Teure Göttin, die mich sicher durch’s Leben geführt!

Und in der ‚Natürlichen Tochter‘ wiederholt er:

Geheimnis nur verbürget unsre Taten;

Ein Vorsatz, mitgeteilt, ist nicht mehr dein!

Der Zufall spielt mit deinem Willen schon;

Selbst wer gebieten kann, muß überraschen.

Gern erzählte Goethe, wie er in Jena die Universitätsbibliothek in

Ordnung gebracht habe.[29] Sie befand sich in einem entsetzlichen,

feuchten und beschränkten Raume. Goethe, mit Vollmacht von den

Erhalter-Fürsten ausgestattet, machte den Professoren den Vorschlag,

ihm den an die Bibliothek anstoßenden Konferenzsaal der medizinischen

Fakultät zu überlassen, damit er die bisherige Bibliothek besser

unterbringen und auch die vom Großherzog geschenkten 13000 Bände

hinzufügen könnte. Man lehnt ab, verlangt als Ersatz einen neuen

Saal, der zwar versprochen, aber nicht sofort erbaut werden kann. Das

bloße Versprechen will dem akademischen Kollegium nicht genügen; der

verlangte Saal wird verschlossen, und der Schlüssel „läßt sich nicht

finden.“ Nun läßt Goethe einen Maurer in die alte Bibliothek kommen

und sagt ihm: „Die Scheidemauer da muß stark sein, denn sie trennt

zwei Quartiere voneinander. Machen Sie sich einmal daran, mein Freund,

Dies zu untersuchen.“ Der Maurer legt Hand an; bald ist der Putz

weggestoßen; eine leichte Ziegelwand wird sichtbar. Dann entsteht ein

Loch, wodurch man die alten Gemälde des Konferenzsaales: Gelehrte in

großen Perücken, schon erblicken kann. „Nur weiter, mein Freund!“ sagt

Goethe, „ich sehe noch nicht deutlich genug.“ Das Loch wird größer.

„Immer noch ein wenig! Genieren Sie sich ja nicht! Tun Sie, als ob

Sie zu Hause wären.“ Der Maurer schlägt weiter ein, und bald ist die

Öffnung so, daß sie als Tür gelten kann. Nun dringen die Bibliothekare

hindurch und werfen Bücher auf den Fußboden des eroberten Saales,

als Zeichen der Besitzergreifung. Im Handumdrehen sind Bänke, Pulte,

Stühle, Gemälde weggeräumt; nach ein paar Tagen stehen ein paar tausend

Bücher in ihren Regalen. Ganz verblüfft erscheinen die Professoren

an der Tür des neuen Bibliotheksaales, als sie endlich erfahren, was

hier vorgegangen ist. Sie schelten und zürnen und -- fügen sich in’s

Geschehene.

Poetisches und wissenschaftliches Schaffen ist von solchem politischen

Handeln grundverschieden, aber auch als Dichter war Goethe für größte

Heimlichkeit. Er wunderte sich, daß Schiller seine entstehenden Werke

mit ihm so gern durchsprach, oft Szene für Szene eines Dramas. Solches

Offenbaren unfertiger Dichtung sei ganz gegen seine Natur gewesen,

sagte Goethe zu Eckermann: „Ich trug Alles still mit mir herum, und

Niemand erfuhr in der Regel Etwas, als bis es vollendet war.“ Aber

Goethe sagte doch auch über seine poetischen Werke: „Es ist nicht

gut, daß der Mensch allein sei, und besonders nicht, daß er allein

arbeite; vielmehr bedarf er der Teilnahme und Anregung, wenn Etwas

gelingen soll.“ Er bedurfte der Anregung von außen, um seine Träume

niederzuschreiben; er empfand es auch als große Förderung, wenn Kenner

wie Herder, Wieland und Schiller seine fertigen Werke durchgingen und

lobten und tadelten; aber im eigentlichen Dichten, im ersten Schaffen,

hätte der beste Helfer und Ratgeber ihn nur gestört und verwirrt.

Sein Schaffen war ein unbewußtes, nachtwandlerisches; er trug seine

Gestalten und Geschichten oft jahrelang im Geiste herum, „als anmutige

Bilder, als schöne Träume, die kamen und gingen, und womit die

Phantasie mich spielend beglückte.“ Wenn sie ganz durchlebt waren,

standen sie dann auch rasch auf dem Papiere. „Während wir Andern“,

schrieb Schiller an Heinrich Meyer, „mühselig sammeln und prüfen

müssen, um etwas Leidliches langsam hervorzubringen, darf er nur leis

an dem Baum schütteln, um sich die schönsten Früchte, reif und schwer,

zufallen zu lassen.“

[Sidenote: Arbeitsgemeinschaft]

Bei wissenschaftlichen Arbeiten ist dagegen viel mehr Geselligkeit

nötig und gegenseitige Unterstützung unentbehrlich, zumal wenn man,

wie der alte Goethe, große Stücke der Welt übersehen und recht viel

Wissensstoff verarbeiten möchte. Um der Wissenschaft willen trat er

mit vielen Menschen verschiedenster Berufsart und Landsmannschaft in

Verkehr.

Sobald Menschen von scharfen, frischen Sinnen auf Gegenstände

aufmerksam gemacht werden, findet man sie zu Beobachtungen so geneigt

als geschickt. Ich habe Dieses oft bemerken können, seitdem ich die

Lehre des Lichts und der Farben mit Eifer behandle und, wie es zu

geschehen pflegt, mich auch mit Personen, denen solche Betrachtungen

sonst fremd sind, von Dem, was mich soeben interessiert, unterhalte.

Sobald ihre Aufmerksamkeit nur rege war, bemerkten sie Phänomene,

die ich teils nicht gekannt, teils übersehen hatte, und berichtigten

dadurch gar oft eine zu voreilig gefaßte Idee, ja gaben mir Anlaß,

schnellere Schritte zu tun ... Es gilt also auch hier, was bei

so vielen andern menschlichen Unternehmungen gilt, daß nur das

Interesse Mehrerer, auf +einen+ Punkt gerichtet, etwas Vorzügliches

hervorzubringen imstande sei. Hier wird es offenbar, daß der Neid,

welcher Andere so gern von der Ehre einer Entdeckung ausschließen

möchte, daß die unmäßige Begierde, etwas Entdecktes nur nach seiner

Art zu behandeln und auszuarbeiten, dem Forschen selbst das größte

Hindernis sei. Ich habe mich bisher bei der Methode, mit Mehreren

zu arbeiten, zu wohl befunden, als daß ich nicht solche fortsetzen

sollte.[30]

Goethes Briefwechsel im Alter ist denn auch vorwiegend ein

wissenschaftlicher, und seine Altersfreunde bildeten um ihn herum eine

Haus-Akademie der Wissenschaften.

* * * * *

[Sidenote: Erzwungenes Hervorbringen]

Um noch einmal zur Poesie zurückzukehren, so war Goethe geradezu der

Meinung, daß Schiller sich durch seine Arbeitsart getötet habe. Zu

Conta sagte er 1820: „Ich behauptete immer, der Dichter dürfe nicht

eher an’s Werk gehen, als bis er einen unwiderstehlichen Drang zum

Dichten fühle ... Schiller dagegen wollte Das nicht gelten lassen. Er

behauptete, der Mensch müsse können, was er wolle, und nach dieser

Manier verfuhr er auch.“ Manchmal warnte Goethe in seiner vorsichtigen

Weise den Freund: „Ich fürchtete, die Musen niemals wiederzusehen“

schreibt er 1798 an Schiller, „wenn man nicht aus Erfahrung wüßte,

daß diese gutherzigen Mädchen selbst das Stündchen abpassen, um ihren

Freunden mit immer gleicher Liebe zu begegnen.“

Der Gedanke, daß man ohne Stimmung und Neigung nichts Tüchtiges

hervorbringen kann, läßt sich auch dahin erweitern, daß wir uns bemühen

sollen, die vorgesetzte Arbeit zu +lieben+; zuweilen kann man Das ja

erreichen. In einem Briefe an Zelter spricht Goethe von einer neuen

Bühnenbearbeitung des ‚Götz‘:

Ich begriff nicht, warum ich seit einem Jahre in dieser Arbeit

penelopeisch verfuhr, und, was ich gewoben hatte, immer wieder

aufdröselte. Da las ich in Ihrem Aufsatz: +was man nicht liebt, kann

man nicht machen+. Da ging mir ein Licht auf, und ich sah recht gut

ein, daß ich die Arbeit bisher als ein Geschäft behandelt hatte, das

eben auch so mit andern weggetan sein sollte, und deswegen war es

auch geschehen, wie’s getan war, und hatte keine Dauer. Nun wendete

ich mehr Aufmerksamkeit und Neigung mit mehr Sammlung auf diesen

Gegenstand, und so wird das Werk, ich will nicht sagen gut, aber doch

fertig.

* * * * *

[Sidenote: Wein als Reizmittel]

Manche Dichter brauchen starken Kaffee oder Wein, um die Stimmung

zu erzwingen. Goethe spottete gegen Schiller über Jean Paul, der

nur Kaffee zu trinken brauche, „um so gerade von heiler Haut Sachen

zu schreiben, worüber die Christenheit sich entzückte.“ Und wenn er

um dieselbe Zeit von sich selber sagte, er könne sechs Monate seine

Arbeit voraussagen, weil er sich durch eine gescheidte leibliche

Diät vorbereite, so war Das kein Selbstlob, sondern eine verhüllte

Mahnung an den Zuhörer, nämlich eben an Jean Paul: er möge doch seine

Lebensweise im Essen und Trinken einer nötigen Prüfung unterziehen.

Ausführlich behandelte Goethe dieses wichtige Thema der Reizmittel

zu geistiger Arbeit im März 1828 in einem Gespräche mit Eckermann.

Dieser fragte: „Gibt es denn kein Mittel, um eine produktive Stimmung

hervorzubringen oder zu steigern?“ Und Goethe erwiderte:

Goethes Lebenskunst · 第 14 / 19 段