Haushälterinnen, mit denen er die Wirtschaft führte ohne Ottiliens
[seiner Schwiegertochter] Hilfe. Er hatte kein Vertrauen in ihre
wirtschaftlichen Talente und sagte wohl scherzend: Ich hatte mir so
eine kochverständige Tochter gewünscht, und nun schickt mir der liebe
Gott eine Thekla und Jungfrau von Orleans in’s Haus!
Dieser Übergang von einer untauglichen Köchin zu einem Koch, dem jungen
Straube, steht in Goethes Tagebuch unter dem 10. Februar 1831 mit einem
merkwürdigen Zusatze.
Vulpius[27] entließ die Köchin mit billiger Entschädigung. Von dieser
Last befreit, konnt’ ich an bedeutende Arbeiten gehen; ich kann
hoffen, die Epoche werde fruchtbringend sein.
So stark drückte der Vollender des ‚Faust‘ es aus, daß seine Leistung
von einer guten Zubereitung der Speisen und von der hausväterlichen
Zufriedenheit mit der Bewirtung der Gäste und Hausgenossen abhänge.
Aber wir dürfen die Rolle der Tafelfreuden in Goethes Leben nicht
überschätzen: er entbehrte sie ebenso leicht, wie er sie gern genoß.
Zu Mittag aß er auch deshalb stark, weil es fast die letzte Mahlzeit
des langen Tages war. Denn Kaffee, auf den er von jungen Jahren an viel
gescholten, bot er wohl den Gästen an, trank ihn aber nicht mit. Nur
als Greis trank er frühmorgens Milchkaffee; in früheren Zeiten hatte
er Wassersuppe oder Schokolade vorgezogen. Abends hatte er eine dem
englischen Fünf-Uhr-Tee entsprechende leichte Mahlzeit; er nahm dann
Wein und ein Franzbrot zu sich. Da der Tee zu stark auf ihn wirkte,
trank er auch bei Schiller statt dessen Punsch, den er sich aus Arrak
und einer Zitrone selber bereitete. Das war sein Abschluß; in späterer
Stunde ließ er wohl für Riemer, Eckermann, oder wer sonst da war,
decken; „er saß dabei, schenkte ein, putzte die Lichter und plauderte,
rührte aber keinen Bissen an.“ Felix Mendelssohn hebt es 1821 als eine
Merkwürdigkeit hervor, daß Goethe mit ihm zu Abend aß. Selbst wenn er
eine Einladung für den Abend annahm, fügte er wohl hinzu: „Erlauben
Sie zugleich mit gastlicher Freimütigkeit zu eröffnen, daß ich niemals
gewohnt war, zur Nacht zu speisen.“ (So 1814 in Frankfurt an Simon
Moritz v. Bethmann.)
[Sidenote: Reichlich und ärmlich]
Wenn Goethe allein war, da war von vielen Gängen keine Rede. Im
Gartenhause aß er, was Frau v. Stein gerade geschickt hatte, oder ließ
sich von seinem Diener einen Eierkuchen backen; manchmal, wenn nichts
da war, ging er auch hungrig zu Bett. Später hat er namentlich in
seiner jenaischen Zuflucht erbärmliche Kost oft wochenlang ausgehalten.
„Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, daß ich vier, fünf Tage bloß von
Zervelatwurst und rotem Wein gelebt;“ solche Klagen bekam Christiane
von Jena aus oft zu hören.
Ich bitte Dich also auf’s allerinständigste, mir mit jedem Botentage
etwas gutes Gebratenes, einen Schöpsenbraten, Kapaun, ja einen
Truthahn zu schicken, es mag kosten, was es wolle, damit wir nur zum
Frühstück, zum Abendessen, und wenn es zu Mittag gar zu schlecht ist,
irgend etwas haben, was sich nicht vom Schweine herschreibt.
Einmal schreibt er befriedigter:
Die Götzen kocht nicht übel; nur, weil sie im Ofen kocht, sind die
Sachen wohl einmal rauchrigt.
[Sidenote: Lieblingsspeisen]
Eine andere Aufwärterin, die Schloßkastellanin Trabitius, konnte wohl
einen Eierkuchen gut bereiten, aber bei dem Salat dazu fehlte schon
ein brauchbares Öl; Das war in ganz Jena nicht zu haben. Es mutet
uns seltsam an, wie knapp damals manche gute Speise war oder daß
kleine Geschenke an Fleisch, Fisch, Gemüse und Obst zwischen Jena und
Weimar, zwischen Goethes, Schillers, Knebels und Anderen ausgetauscht
wurden; daß sich in früherer Zeit Goethe und Charlotte v. Stein mit
Küchengütern beschenkten, daß Goethe sogar die Herzogin Luise aus
Italien mit Kaffeebohnen bedachte. Auch aus seinem eigenen Hause
in Weimar klagte Goethe 1794, dem Laster ~gulositas~ könne er sich
nicht ergeben, „indem wir uns höchstens an einem guten Schöpsenbraten
und einer leidlichen Knackwurst versündigen können“; er sei aber
unglaublich lüstern nach den Leckerbissen, die es in Hamburg gebe:
geräuchertes Rindfleisch, Rinds- und Schweinszungen, geräucherte
„Aele“ und andere wunderbare Fische, fremden Käse usw. Als nachher
die große Gastfreundschaft sich in Goethes Hause entfaltete, da mußte
mancher Brief nach Hamburg, Bremen und Frankfurt gesandt werden, damit
es an guten Gerichten nicht fehle. Von Bremen kam der französische,
spanische und portugiesische Wein und von Speisen: Heringe, Neunaugen,
Dorsche, Butter in halben Zentnern, während der Freund, der diese
Dinge besorgte, aus Thüringen nur Pflaumenmus, getrocknetes Obst und
Schwämme erhielt. Von Frankfurt wurde der deutsche Wein und feines
Gebäck bezogen, auch Weintrauben, Artischocken und dergl.; von Hamburg
Schinken und Fische, und Freund Zelter schickte jedes Jahr aus Berlin
Teltower Rübchen. Was Goethe am liebsten aß, ist zum Teil schon gesagt:
Wildpret, Geflügel, z. B. kaltes Rebhuhn zum Zehn-Uhr-Frühstück,
von Fischen die Ilmforelle, von Gemüsen Blumenkohl und Spargel. Wie
wir Anderen, behielt er manche Speisen der Kindheit in freundlichem
Gedächtnis. 1830 gab es bei ihm einmal Kohlsalat mit warmer Brühe. „Das
ist ein echt Frankfurter Essen“ sagte Goethe, „wie es meine Mutter mir
so häufig gemacht hat.“ In seinen Bittschreiben an Christiane verriet
er auch Appetit auf recht gute französische Bouillon, auf Kalbsfüße in
Gelee, die nicht gar zu sauer wäre, auf Froschkeulen, auf Schokolade,
bei der er aber zu andern Zeiten befürchtet, daß die Fabrikanten
allerlei Dunkles zusammenmischen. Aus Torten und süßem Gebäck machte er
sich nichts; dagegen war er ein großer Freund von Obst. Als sein August
1808 in Heidelberg studierte, beglückwünschte er ihn zu den Genüssen
der Obst- und Traubenhügel, und als er selber in Italien war, freute
er sich nicht wenig über das reichlichere Obst. „Mein eigentliches
Wohlleben ist in Früchten“ schreibt er aus Oberitalien an Charlotte
v. Stein, „Feigen esse ich den ganzen Tag; Du kannst denken, daß die
Birnen hier gut sein müssen, wo schon Zitronen wachsen.“ Und in Rom war
sein Abendbrot oft ein Pfund Trauben, das er auf der Straße aß.
* * * * *
[Sidenote: Vorsicht gegen den Wein]
Als Goethe Student war, vertrödelte er manchen Tag mit Allotriis;
er trank auch täglich Bier oder Wein, aber wenn ihm in Leipzig ein
Merseburger Bier oder in Straßburg ein roter Wein schlecht bekam, so
bemerkte er es auch und gab sie auf, und niemals trieb er mit dem
Getränk und dem Zechen einen Kultus. Er gehörte keiner Gesellschaft an,
die ihn zum Wirtshaustreiben nötigte. In Leipzig und Straßburg, wo er
studierte, gab es kein Studentenleben. Ja, es ist uns aus seiner Jugend
überhaupt kein Fall bekannt, wo er an einem Kommers nach studentischer
Art teilgenommen hätte, und aus seinen späteren Jahren kennen wir einen
einzigen solchen Abend, 1780, unter den Theaterfreunden, die oben auf
Ettersburg spielten; der Präside war Franz v. Seckendorff.
Die Kneipszene im ‚Faust‘, die in der ersten Fassung noch derber
lautete, zeigt uns, wie er schon als junger Mann das Völkchen
beurteilte, von denen Mephisto sagt: „Merks! den Teufel vermuten die
Kerls nie, so nah er ihnen immer ist.“ „Du Mastschwein!“ läßt er Faust
zu Siebel in jener ersten Fassung sagen. Als Dreiundzwanziger wußte er
bereits, daß wir die reinste Heiterkeit nur genießen, wenn wir frei
vom Weine sind: „Die heiligen Götter gaben mir einen frohen Abend;
ich hatte keinen Wein getrunken, mein Auge war ganz unbefangen über
die Natur, ein schöner Abend!“ Als ihn in Frankfurt 1775 die jungen
Grafen Stolberg besuchten und bei Tische in den poetischen Tyrannenhaß
ausbrachen, in den sie mit ihren Freunden im Göttinger „Hain“ sich
hineingedacht hatten, holte ‚Frau Aja‘ ihre besten Weine aus dem
Keller: „Hier ist das wahre Tyrannenblut! Daran ergötzt euch, aber
alle Mordgedanken laßt mir aus dem Hause!“ Begeistert griff Goethe
das Wort seiner Mutter auf. „Jawohl, Tyrannenblut!“ rief er aus,
„keinen größeren Tyrannen gibt es als Den, dessen Herzblut man euch
vorsetzt. Labt euch daran, aber mäßig! Denn ihr müßt befürchten, daß er
euch durch Wohlgeschmack und Geist unterjoche. Der Weinstock ist der
Universaltyrann, der ausgerottet werden sollte; zum Patron sollten wir
deshalb den heiligen Lykurgus, den Thrakier, wählen und verehren ...
Dieser Weinstock ist der allerschlimmste Tyrann, zugleich Heuchler,
Schmeichler und Gewaltsamer. Die ersten Züge seines Blutes munden euch,
aber ein Tropfen lockt den andern unaufhaltsam nach.“
Als Goethe nach Weimar kam, sagten die Leute allerdings bald: der
Herzog werde sich totzechen, und sein Abgott, der junge Frankfurter
Doktor, habe ihn dann auf dem Gewissen. Auch vom achtundzwanzigjährigen
Goethe redete man in Berlin, von ihm sei nichts mehr zu erwarten, da er
in kurzer Zeit vom Branntwein ruiniert sein werde. Daß der Fürst wie
der Dichter mit höchsten Ehren ihr Fünfzigjahre-Jubiläum feiern würden,
ahnte auch der würdige Klopstock nicht, als er einen wohlgemeinten
Ermahnungsbrief an den Verführer Karl Augusts richtete. Auch Klopstock
warnte: „Der Herzog wird, wenn er sich ferner bis zum Krankwerden
betrinkt, anstatt, wie er sagt, seinen Körper dadurch zu stärken,
erliegen und nicht lange leben.“
Aber sehr bald nach dieser tollen Einleitung sehen wir, wie der junge
Goethe als fleißiger Staatsbeamter die verdrießlichsten Arbeiten
übernimmt, und abends schreibt er vielleicht in sein Tagebuch: „Daß ich
nur die Hälfte Wein trinke, ist mir sehr nützlich; seit ich den Kaffee
gelassen, die heilsamste Diät.“ So im Januar 1779; am 7. August klingt
es fast wie ein Gebet:
Gott helfe weiter und gebe Lichter, daß wir uns nicht selbst viel im
Wege stehn! Lasse uns von Morgen bis Abend das Gehörige tun und gebe
uns klare Begriffe von den Folgen der Dinge! Daß man nicht sei wie
Menschen, die den ganzen Tag über Kopfweh klagen und gegen Kopfweh
brauchen und alle Abend zuviel Wein zu sich nehmen. Möge die Idee des
Reinen, die sich bis auf den Bissen erstreckt, den ich in den Mund
nehme, immer lichter in mir werden!
In dieser Vorsicht gegen den Wein verharrte er diese ganzen
arbeitsreichen Jahre. „Seit drei Tagen keinen Wein“ schreibt er am 1.
April 1780. „Sich nun vor dem englischen Bier in acht nehmen. Wenn
ich den Wein abschaffen könnte, wäre ich glücklich.“ Im gleichen
Monat schreibt er eines Abends sehr befriedigt: „War sehr ruhig und
bestimmt .... Ich trinke fast keinen Wein. Und gewinne täglich mehr
in Blick und Geschick zum tätigen Leben.“ Im Sommer 1780 kommt er im
Tagebuch nochmals auf den Wein zurück: „Man könnte noch mehr, ja das
Unglaubliche tun, wenn man mäßiger wäre;“ freilich kann hier auch
andere Mäßigkeit gemeint sein. Und ähnlich klingt es noch 1786 aus
Italien an die geliebte Freundin: „Ich lebe sehr mäßig; den roten Wein
der hiesigen Gegend [Vicenza], schon von Tirol her, kann ich nicht
vertragen; ich trinke ihn mit viel Wasser wie der heilige Ludwig.“ Das
Jahr vorher hatte er seinem Freunde Jacobi im Scherz vorgeschlagen, er
wolle ihm den Fritz v. Stein als Mann für sein Töchterchen erziehen:
„Aber gib ihr nicht Punsch zu trinken und das andere Quarks! Halte sie
unverdorben, wie ich den Buben, der an die reinste Diät gewöhnt ist.“
Da Goethes Dichten stets ein Widerschein seines Lebens war, so finden
wir in seinen Versen aus der ersten Hälfte seines Lebens kaum ein Lob
des Trinkens. Dagegen tadelt er durch Antonios Mund seinen Tasso, der
die erste Pflicht des Menschen, „Speis’ und Trank zu wählen“, töricht
erfüllt.
Wann mischt er Wasser unter seinen Wein?
Gewürze, süße Sachen, stark Getränke,
Eins um das andere schlingt er hastig ein,
Und dann beklagt er seinen trüben Sinn,
Sein feurig Blut, sein allzu heftig Wesen
Und schilt auf die Natur und das Geschick!
Natürlich kann dem Tasso kein Arzt helfen, so lange er bei dieser
schlechten Lebensweise bleibt. Schließlich rät der Arzt, was er gleich
hätte raten sollen:
So trinkt denn Wasser! -- „Wasser? nimmermehr!
Ich bin so wasserscheu als ein Gebißner.“ --
So ist euch nicht zu helfen. -- „Und warum?“ --
Das Übel wird sich stets mit Übeln häufen
Und, wenn es euch nicht töten kann, nur mehr
Und mehr mit jedem Tag euch quälen.
* * * * *
Es ist gewiß, ein ungemäßigt Leben,
Wie es uns schwere, wilde Träume gibt,
Macht uns zuletzt am hellen Tage träumen.
Das alles beweist einen tiefen Einblick des jungen Dichters in die
Wirksamkeit der Rauschgetränke.
* * * * *
[Sidenote: Verschiedene Zeugnisse]
Aber als Goethe aus Italien wiederkehrte, beklagte Frau v. Stein,
daß er sinnlicher geworden sei, in heutiger Sprache: materieller.
Er gab sich den natürlichen Neigungen völliger hin, zügelte seinen
Ehrgeiz schärfer, stellte sich die Aufgaben kleiner, und wenn er auch
außerordentlich fleißig blieb, so hatte sein langer Tag doch auch
einige Stunden für die Tafelfreuden frei. Seine Hausgenossin Christiane
trank den Wein mit Lob und Lust; sie war darin seine Schülerin, aber
auch seine Antreiberin. „Den Doktor Stark bitte ich mir auch zum
Doktor aus“ schreibt sie im Herbst 1800; „Dem seiner Meinung bin ich
gewiß auch, daß Du nicht so wenig Wein trinken sollst und Champagner
besonders.“ Zwei Jahre darauf redet Goethe im selben Tone gegen
Schiller über den kränkelnden Freund Heinrich Meyer: „Hätte er sich,
statt Pyrmonter Wasser hier teuer in der Apotheke zu bezahlen, ein
Kistchen Portwein zur rechten Zeit von Bremen verschrieben, sollte
es wohl anders mit ihm aussehen.“ Und als dann im nächsten Jahre,
1803, Christiane einen Monat im Bade Lauchstädt verbrachte, sagte man
von ihr und zu ihr: sie mache wohl eine Weinkur. Etwa von 1802 an
dichtete Goethe auch einige Trinklieder, weil in befreundeten Kreisen
Begehr nach solchen Gesängen war. An diesen Trinkliedern ist jedoch
bemerkenswert, was +nicht+ darin steht. Er verherrlicht den Wein
nur als Sorgenbrecher und Stimmungsverbesserer, der uns zeitweilig
erheitert und verjüngt. Als er zu seinen geselligen Abenden das alte
Zecherlied: „~Mihi est propositum in taberna mori~“ bearbeitete, gab
er es nicht so echt wieder wie Bürger: „Ich will einst bei Ja und Nein
vor dem Zapfen sterben,“ sondern er mischte recht viel Wasser in den
alten Wein und schrieb: „Mich ergreift, ich weiß nicht wie, himmlisches
Behagen.“ Und man merkt öfter, wie ihm jeder Hang zur Unmäßigkeit auch
in diesen weinfreudigen Jahren schmerzlich ist. Er bemerkte ihn schon
bei seinem eigenen Sohne, dem Heidelberger Studenten, und deshalb
schrieb er die vorsichtig eingekleidete Warnung:
Wir leben nach unsrer alten Weise still und fleißig besonders auch,
was den Wein betrifft, wobei mir denn lieb ist, aus Deinem Briefe zu
sehen, daß Du Dich auch vor diesem so sehr zur Gewohnheit gewordenen
Getränk in acht nimmst, das mehr, als man glaubt, einem besonnenen,
heiteren und tätigen Leben entgegenwirkt.
Im selben Jahre (1808) läßt er ein Lieblingskind seiner Muse, die
schöne Ottilie, in den ‚Wahlverwandtschaften‘ „über die Unmäßigkeit der
Männer, besonders was den Wein betrifft“ klagen:
Wie oft hat es mich betrübt und geängstigt, wenn ich bemerken
mußte, daß reiner Verstand, Klugheit, Schonung Anderer, Anmut und
Liebenswürdigkeit selbst für mehrere Stunden verloren gingen, und oft
statt alles Guten, was ein trefflicher Mann hervorzubringen und zu
gewähren vermag, Unheil und Verwirrung hereinzubrechen drohte! Wie
oft mögen dadurch gewaltsame Entschließungen veranlaßt werden!
Sie dachte bei diesen Zeilen an den heimlich geliebten Eduard,
der zwar nicht gewöhnlich, aber doch öfter, als es wünschenswert war,
sein Vergnügen, seine Gesprächigkeit, seine Tätigkeit durch einen
gelegentlichen Weingenuß zu steigern pflegte.
Ganz ebenso hatte Goethe, der Enkel eines Gastwirts, schon in ‚Hermann
und Dorothea‘ das häufige leichte Räuschchen des Wirtes als Ursache von
häuslichen Störungen und Trübungen geschildert, und es ist bezeichnend,
daß der Held der Dichtung, Hermann, größere Liebe zum Ackerbau als zum
einträglichen Wirtsgewerbe zeigt.
Doch reden auch aus den Altersjahren manche Berichte von Goethes
Weinfreudigkeit. „Er trank fleißig, besser noch die Frau“ schreibt
Wilhelm Grimm 1809. „Der Alte sprach viel und trank nicht wenig“
bekundet Holtei 1827. „Goethe ist sehr munter“ erzählt Eckermann 1824
seiner Braut,
Vorgestern Mittag bei Tisch aß er in Hemdsärmeln und war sehr
jugendlich heiter. Bei Tische teilte er Manches mit mir und gibt
mir von seinem Teller. Wenn ich abends komme, läßt er gleich eine
Bouteille Wein bringen. Der alte Hofrat Meyer trinkt keinen, Kanzler
v. Müller Zuckerwasser. Goethe und ich trinken dann allein.
Vom Pfingstnachmittag desselben Jahres berichtet auch der Kanzler v.
Müller solche Hemdärmelszene:
Er aß im Hemdärmel und trank mit Riemer. Ersteres war Ursache, daß
er Gräfin Line Egloffstein nicht annahm. Sie möge doch, sagte er zu
Ottilien, des Abends zu mir kommen, nicht wenn Freunde da sind, mit
denen ich tiefsinnig oder erhaben bin.
Auch Liköre waren im Keller des Goethe-Hauses. 1792 schickte Goethe
welchen aus dem eroberten Verdun. Später wird Rack oder Arrac öfters
erwähnt, der vielleicht nur zur Bereitung des Abend-Punsches diente.
Vom Persiko berichtet Heinrich Voß 1804; Das ist ein auf Pfirsich und
bittere Mandeln abgesetzter Branntwein.
Gestern vor acht Tagen wurde er, Goethe, so gut aufgeräumt, daß er
die Vulpius bat, die Persikoflasche zu holen. Bei dieser Gelegenheit
fiel ihm eine Begebenheit ein, wo er vor zwanzig Jahren auch die
Persikoflasche nicht geschont habe, und fing an zu erzählen, und
währenddessen wurde das Gläschen oft gefüllt und ging die Runde. Die
Vulpius leerte es dreimal und ward in den dritten Himmel gesetzt, und
als Goethe einmal hinausging, strömte ihr Herz über zu des lieben
Geheimrats Lobe.
Betrunken oder stark angeheitert hat jedoch „den lieben Geheimrat“
Niemand gesehen. Zwar als ihn sein Arzt am 27. August 1818 morgens
bei einer Flasche fand und ihm bemerkte, es sei ja erst morgen sein
Geburtstag, rief Goethe aus: „Da habe ich mich heute umsonst besoffen!“
aber Goethe liebte solche derben Worte. Ein leichtes Angeheitertsein
erwähnen ein paar unverdächtige Zeugen; z. B. trat er 1795 nach der
Hoftafel mit dem Ausdruck süßen Weines zu der Engländerin Emilie Gore
und redete sie zu ihrer größten Verwunderung an: „~ma chère, seule,
unique amie!~“ Einmal urteilt Goethe selber, daß er zuviel getrunken
habe. Es war in Tennstädt und in der Nacht vor seinem Geburtstage 1816.
Er saß mit Meyer und dem großen Philologen Wolf zusammen, und Wolf
ließ wieder seinen ungezügelten Widerspruchsgeist die tollsten Sprünge
machen. Da wurde Goethe „bestialisch.“
Glücklicher- oder unglücklicherweise hatte ich so viele Gläser
Burgunder mehr als billig getrunken und da hielt ich auch keine Maße.
Meyer saß dabei, der immer gefaßt ist, und ihm war nicht wohl bei der
Sache.
* * * * *
In seinen allerletzten Lebensjahren wurde Goethe wieder viel
vorsichtiger gegen den Wein; „ja man könnte behaupten, zu furchtsam“
meinte sein Arzt. Zwar blieb er bei dem Glas Madeira zum Frühstück
und der Flasche leichtem Würzburger zu Mittag, nahm auch wohl zum
Nachtisch ein ganz kleines Gläschen ~Tinto di Rota~, aber wie sehr er
auch Verlangen trug nach dem Punsch, den er von früher her abends um
sechs Uhr gewöhnt war, oder gelegentlich nach Champagner, den er sehr
liebte, so siegte doch stets, selbst gegen die Meinung des Arztes,
seine Besorgnis, daß sie ihm schaden könnten.
Namentlich aber war Goethe sein ganzes Leben lang der Ansicht, daß uns
der Wein zum geistigen Schaffen nichts nütze. Wir kommen noch darauf
zurück. Und Das ist noch zu beachten, daß der Wein das einzige Gift und
Reizmittel war, das Goethe gebrauchte, und daß er daran schon in seiner
Jugend und von Vorfahren her gewöhnt war. An gebrannten Getränken und
an Bier, auf das er oft schalt, hat er in seinem langen Leben nur
ganz wenig zu sich genommen. Ebenso lehnte er Kaffee und Tee ab und
haßte den Tabak, während fast alle seine Freunde entweder rauchten
oder schnupften. Er roch nur an kölnischem Wasser, wenn er eine kleine
Anreizung begehrte.
Alles in allem: Goethe hat den Wein zur Steigerung des Lebensgenusses
und zur Würze der Mahlzeiten gebraucht, hat aber niemals seine
Freiheit an ihn verloren. Dagegen hat er die Gefahr verkannt, die
die Weingeistgetränke für seine Frau und namentlich für seinen
heranwachsenden Sohn in sich trugen. Diesen Leichtsinn oder Mangel an
Wissen und Vorsicht hat er schwer büßen müssen: Daran ist kein Zweifel
möglich, wenn er auch seinen Kummer über das schlimme Ende seiner
beiden Nächsten stillverschlossen im eigenen Innern verarbeitete.
[27] Der Neffe Rinaldo, der nach Augusts Tode wegen Ottiliens
Unbrauchbarkeit viel für die geordnete Fortführung des Haushalts
tat.
XIII.
Das Schaffen.
Der Fleiß ist ein Bedürfnis und eine natürliche Tugend kräftiger
Persönlichkeiten: sie haben so viel zu erfassen, umzubilden,
auszudrücken, daß ihnen jede Stunde kostbar und das längste Leben
zu kurz erscheint. „~Ars longa, vita brevis~“ ist ihre Klage von
altersher. Wer seine Persönlichkeit schätzt, hält seine Zeit wert und
heilig.
Goethe war also zeitgeizig. Er verglich gern die Zeit mit Geld und Gut;
hinterließ ihm der irdische Vater 10000 Gulden, so gab ihm der Schöpfer
aller Dinge eine viel reichere Fülle von verwertbaren Lebensstunden:
Mein Erbteil, wie herrlich, weit und breit!
Die Zeit ist mein Besitz, mein Acker ist die Zeit.
„Er wußte sie wie Keiner zu nutzen, wahrhaft auszubeuten“ urteilte der
Kanzler v. Müller, der uns auch den kleinen Zug erzählt, daß Goethe
sich aus einem Gespräch mit dem König von Bayern einen Augenblick
fortstahl, weil ihm ein Gedanke für die Fortsetzung der Faustdichtung
gekommen war, der aufgeschrieben werden mußte. Tage völliger Muße
kannte Goethe nicht; Sonn- und Feiertage waren von Werktagen nur wenig
verschieden. Von seinem Neffen Rinaldo Vulpius, der ihm einen Brief von
Jena nach Weimar mitnahm, schreibt er im Mai 1818:
Warum er schon wieder nach Weimar läuft, ist mir nicht deutlich. Wie
die Menschen das Wort Feiertag hören, so sind sie alle verrückt, und
Niemand denkt, daß er die größte Zeit seines Lebens müßig herumläuft
oder gestreckt daliegt.
Selbst wenn er noch im Bette liegen wollte, begann er schon mit dem
geistigen Schaffen. Da es ihn schmerzte, daß Schiller durch eine
ungeschickte, ungesunde Lebensweise manche gute Stunde verlor, so gibt
er ihm im Dezember 1796 einen Wink:
Ich muß Anstalt machen, meine Schlafstelle zu verändern, damit ich
morgens vor Tage einige Stunden im Bett diktieren kann. Möchten Sie
doch auch eine Art und Weise finden, die Zeit, die nur eigentlich
höher organisierten Naturen kostbar ist, besser zu nutzen!
An denselben Freund schreibt er:
Es würde nicht schwer werden, sich so einzurichten, daß man auf
der +Reise+ selbst mit Sammlung und Zufriedenheit arbeiten könnte.
Denn wenn sie zu gewissen Zeiten zerstreut, so führt sie uns zu
andern desto schneller auf uns selbst zurück; der Mangel an äußern
Verhältnissen, ja die Langeweile ist Demjenigen günstig, der Manches
zu verarbeiten hat.
Goethe hat in der Tat recht viele Verse beim Halten der Postkutsche
oder des eigenen Reisewagens oder an Gasthoftischen niedergeschrieben.
Auch in Bade- und Kurorten verging kein Tag ohne Studium oder
Hervorbringung; in Wiesbaden arbeitete er im Juni 1815 sogar 16 bis 17
Stunden täglich an der ‚Italienischen Reise‘ und diktierte auch in der
Badewanne.
* * * * *
[Sidenote: Ausbeuten der Zeit]
Wer seine Zeit schätzt und seine noch ungetane Arbeit bedenkt, hütet
sich vor aller Teilnahme an Bestrebungen und Arbeiten, auf deren
glückliches Gelingen er nur geringen oder gar keinen Einfluß hat. Schon
aus diesem Grunde war Goethe kein Politiker. Das kollegiale und erst
recht das parlamentarische Arbeiten für den Staat erkannte er als eine
ungeheuere Zeit- und Kraftvergeudung. Es werde immer das Minimum von
Effekt hervorgebracht, wenn man mit Andern und durch Andere zu wirken
hat, sagte er zu Riemer, und zum Kanzler: „Ich konnte nie zu Zwei etwas
leisten; Diktatur oder Konsulat mit geteilter Gewalt!“ Und schon 1797
schrieb er an Heinrich Meyer: