an, lebte so viel, als irgend möglich, im Freien und betrieb so
viele körperliche Übungen, wie irgend die Zeit erlaubte. In seinem
achtundzwanzigsten Jahre erstieg er die Höhe seiner leiblichen Kraft
und Gewandtheit. Sein Körper war sehr mager und sehr sehnig; die
beständige Übung machte ihn immer geschmeidiger und ausdauernder. Am
23. April 1777 schrieb er als einzige Eintragung in sein Tagebuch:
„Körperliche Übungen allerlei Art“, aber das ganze Jahr betrieb er
solche körperlichen Übungen fleißig. Das Tanzen, Reiten, Wandern,
Fischen, Jagen, Scheibenschießen, Baden, Eislaufen, Schlittenfahren,
Fechten, Kegeln, sie wechselten nach der Jahreszeit miteinander ab.
Beim Kegeln ist an das Wurfspiel nach der ~Trou-Madame~ zu denken, die
im ‚Stern‘ stand. Das Wandern war zumeist ein vergnügtes Herumstreifen
mit Anderen, zuweilen ein einsames, scharfes Marschieren zu bestimmtem
Ziele; z. B. ging er an einem Juli-Abend von halb Sechs bis halb Zehn
nach Kochberg. Im Reiten brachte er es zu viel besseren Leistungen als
früher: von Leipzig bis Weimar ritt er von früh halb Sieben bis mittags
um Drei; von Eisenach bis Weimar von früh Fünf bis halb Zwölf, obwohl
er eine starke Stunde in Erfurt beim Statthalter saß; von Kochberg bis
Weimar in zwei Stunden fünf Minuten. Das machten ihm bei dem damaligen
Zustande der Straßen nicht Viele nach! Auch junge Pferde zuzureiten,
betrieb er als Vergnügen. Am 15. Mai begann er das Schwimmen zu
erlernen, zunächst mit einem Schwimmwams und nur im Floßgraben.
Im Winter war der Eislauf schon ein allgemeines Vergnügen der
Hofgesellschaft geworden. Auch die Herzogin zeigte sich als eine
geschickte Schlittschuhläuferin; sonst ließen sich die Damen meist
in Stuhlschlitten von den Kavalieren herumfahren. Der Herzog liebte
es, auf dem Eise mit einigen Freunden fröhliche Tafel zu halten, und
zuweilen wurde die Lust abends bei Fackeln, Laternen und Feuerwerk
fortgesetzt, und die Musikanten spielten auf zum Fackeltanz. Unfälle
erhöhten manchmal die Aufregung; Goethe selber brach am 17. Januar
ein, kümmerte sich aber nicht um Schreck und nasse Kleider, ging
abends auf die Redoute, am andern Morgen wieder auf’s Eis, aß dort
mit dem Hofe, tollte weiter herum, bis er abends an der Tafel der
Herzogin-Mutter plötzlich ohnmächtig hinsank. Die nächsten Tage aber
war er wieder auf dem Eise. Wieland, der an den schönsten Sommerabenden
den Mantel nicht zu Hause ließ, schalt auf solche gewaltsamen
Abhärtungsversuche:
Goethe leidet zeither immer an Zahnschmerz comme un damné,
schrieb er im Oktober an Merck:
aber er macht’s auch danach mordiable. „Man muß die bestialische
Natur brutalisieren“ pflegte der alte Mordiable v. Bassenheim zu
Mainz zu sagen; Goethe und der Herzog sind auch von diesem Glauben,
aber sie befinden sich meist so übel dabei, daß ich keine Versuchung
kriege, ihr Proselyt zu werden.
[Sidenote: Erstarkung]
Ein neues Mittel der Abhärtung und der gewollten Verbindung mit der
Natur war für Goethe der neue Altan: hier konnte er im Freien schlafen.
Am 2. Mai war abends ein herrliches Gewitter, das den ganzen südlichen
Himmel überleuchtete. Goethe sah vom Altan aus zu, obwohl die Frösche
von der Ilm aus gar schrill den kommenden Regen ihm in die Ohren
verkündeten. Schließlich wurde er müde, wickelte sich in seinen blauen
Mantel, suchte sich ein Fleckchen, das der Regen nicht erreichen
konnte, und schlummerte bei Blitz, Donner und Regen ein. Als er später
das noch nicht abgekühlte Schlafzimmer aufsuchte, war’s ihm fatal in
der Schwüle, und von nun an schlief er öfters entweder im Altanstübchen
bei geöffneter Türe oder auf dem Altan selbst; einen Strohsack hatte er
unter, seinen Mantel über sich. Und es war ihm die größte Augenlust,
wenn er in der Nacht aufwachte und ein neues Stück Sternhimmel über ihm
strahlte, oder wenn sich die erste Morgenhelle mit dem Mondschein zu
einem seltsamen fahlen Lichte vermischte.[25]
[Sidenote: Körperliche Tüchtigkeit]
Manche Bemerkungen in Goethes Tagebüchern und Briefen zeigen uns, wie
bewußt er solche körperlichen Übungen trieb. Kein Wunder also, daß er
im Marschieren und Reiten bald Erstaunliches leistete! Einmal ritt er
mit Karl August in acht Stunden von Leipzig nach Weimar, was bei dem
damaligen Zustande der Straßen eine große Leistung war. Als es am
3. Mai 1776 in Ilmenau brannte, ritt Goethe hinauf, und am nächsten
Tage schrieb er seinem Fürsten: „Ich bin keine sechs Stunden geritten,
also wie sich’s gehört. Des Husars Pferd wollte nicht mehr fort gegen
das Ende, und hinter Büchenloh auch meins nicht mehr.“ In der ersten
weimarischen Zeit wurden alle Reisen zu Pferde gemacht; zumeist
war der Herzog sein Gefährte, und Dieser liebte die allerschärfste
Gangart. Am deutlichsten bewies Goethe Abhärtung und Wagemut durch
seine Winterreisen in die Gebirge, die zu besuchen damals auch im
Sommer gar nicht üblich war. Ende November 1777 ritt er von Weimar
über den Ettersberg dem Harze zu, den er noch nicht kannte. Mitten
im Schloßenwetter überkommt ihn reine Ruhe der Seele. Kein Unwetter,
kein böser Weg, kein schlechtes Quartier schreckt ihn zurück. Am 10.
Dezember bestieg er den Brocken, damals ein Heldenstück, das Jedermann,
selbst der Förster im Torfhause, namentlich des dichten Nebels wegen,
für unmöglich erklärte. Noch mehr wagte er 1779 in der Schweiz, als er
im November mit Karl August in das Gebiet des Montblanc, der Furca und
des Gotthard eindrang. Die Genfer Sofamenschen waren arg entrüstet,
als sie von solchem Gott versuchenden Vorhaben hörten. Im Spätjahr
1792, bei der törichten Kampagne der deutschen Fürsten gegen die
französischen Revolutionäre, bewies Goethe seine Strapazentüchtigkeit
noch einmal mit bestem Humor. „Das Wetter war furchtbarer als je“
erzählt er selber,
die Unbequemlichkeit, ja das Unheil stiegen auf’s höchste; die
Zelte durchnäßt, sonst kein Schirm, kein Obdach ... Konnte man sich
auch unter einem Zelte bergen, so war doch an keine Ruhestelle zu
denken. Wie sehnte man sich nicht nach Stroh, ja nach irgend einem
Brettstück, und zuletzt blieb doch nichts übrig, als sich auf den
kalten, feuchten Boden niederzulegen! Nun hatte ich aber schon in
vorigen gleichen Fällen mir ein praktisches Hülfsmittel ersonnen,
wie solche Not zu überdauern sei: ich stand nämlich so lange auf
den Füßen, bis die Knie zusammenbrachen; dann setzte ich mich auf
einen Feldstuhl, wo ich hartnäckig verweilte, bis ich niederzusinken
glaubte, da denn jede Stelle, wo man sich horizontal ausstrecken
konnte, höchst willkommen war. Wie also Hunger das beste Gewürz
bleibt, so wird Müdigkeit der herrlichste Schlaftrunk sein.
Wie die Herberge, so war damals auch die Nahrung oft die mangelhafteste.
Mitten im Regen ermangelten wir sogar des Wassers, und einige Teiche
waren schon durch eingesunkene Pferde verunreinigt ... Ich wußte
nicht, was es heißen sollte, als ich meinen treuen Zögling, Diener
und Gefährten von dem Leder des Reisewagens das zusammengeflossene
Regenwasser sehr emsig schöpfen sah; er bekannte, daß es zur
Schokolade bestimmt sei, davon er glücklicherweise einen Vorrat
mitgebracht hatte. Ja, was mehr ist, ich habe aus den Fußtapfen der
Pferde schöpfen sehen, um einen unerträglichen Durst zu stillen.
Als es noch schlimmer kam, als er nur auf einem Krankenwagen vorwärts
kommen konnte, half wieder die Macht des Gemütes.
Zwischen ansteckende Kranke gepackt, wußte ich von keiner
Apprehension. Der Mensch, wenn er sich getreu bleibt, findet zu jedem
Zustande eine heilsame Maxime. Mir stellte sich, sobald die Gefahr
groß ward, der blindeste Fatalismus zur Hand, und ich habe bemerkt,
daß Menschen, die ein durchaus gefährliches Metier treiben, sich
durch denselben Glauben gestählt und gestärkt fühlen.
[Sidenote: Strapazen]
Es kamen dann Jahre, wo er es sich bequemer machte; er brauchte dann
Anlässe und Verführungen, ehe er seine Zimmer verließ. So bewegte
er sich in alten Tagen wenig um der Bewegung willen, aber da das
Aufsuchen von seltenen Gesteinen, die Vermehrung seines geologischen
und mineralogischen Wissens ihm die größte Freude war, so kam er auch
als Greis noch oft zu Fußwanderungen, zum Bergsteigen, zum Klettern,
zum Beklopfen und Abschlagen der Steine in künstlichen Stellungen.
Was manchem Andern die Jagd ist, eine Gelegenheit zur Erheiterung,
Erfrischung, Anstrengung und Abhärtung, war ihm das Steinsuchen.
Bis in’s hohe Alter hinein zeigte er sich +gelegentlich+ wetterhart
und bewegungslustig. Noch mit vierundsechzig Jahren erwähnt er in
einem Briefe an Christiane, daß er am Tage vorher sechs Stunden
zu Pferde gewesen und daß es ihm gut bekommen sei. Noch als
Achtundsiebzigjähriger setzte er sich Ende September an der Straße
nach Berka zum Frühstück auf die Ecke eines Steinhaufens, der vom
Frühtau noch feucht war. Das mache ihm nichts, antwortete er ruhig
dem besorgten Eckermann. Und immer wieder nahm er sich auch in seinen
letzten Jahren vor, recht viel im Freien zu sein. Sie wollten jede
Woche einen Tag zu einem großen Ausfluge anwenden, meinte er zu dem
eben genannten Begleiter, und als er einige Tage später mit ihm an
der Hottelstedter Ecke des Ettersberges stand, die wegen ihrer weiten
Aussicht von Weimar und Erfurt aus gern aufgesucht wird, meinte er:
Wir wollen künftig öfter hierher kommen. Man verschrumpft in dem
engen Hauswesen. Hier fühlt man sich groß und frei wie die Natur, die
man vor Augen hat, und wie man eigentlich immer sein sollte.
[Sidenote: In alten Tagen]
Im Greisenalter fuhr er gewöhnlich spazieren, aber so lange es ging,
schritt er weite Wege zu Fuß, immer ohne Stock. Beim Gehen durch die
Felder schlenderte er die beiden Hände fast überzwerch und berief sich
dafür auf die Tiere, die ja auch die Vorderfüße überzwerch setzten.
An seinem Geburtstage 1831, als er zweiundachtzig Jahre vollendete,
sehen wir ihn zum letzten Male als den „Wanderer.“ Es hatte ihn
noch einmal nach Ilmenau gezogen. Am frühen Morgen fuhr er mit dem
Berginspektor Mahr über Gabelbach auf den Gickelhahn. Auf dem
Rondell erquickte er sich an der weiten Aussicht und gedachte der
Gefährten, die einst mit ihm hier gestanden. „Dann“, so erzählte
nachher sein Begleiter, „schritt er rüstig durch die auf der Kuppe
des Berges ziemlich hochstehenden Heidelbeersträucher hindurch bis zu
dem wohlbekannten zweistöckigen Jagdhause, welches aus Zimmerholz und
Bretterbeschlag besteht. Eine steile Treppe führt in den oberen Teil;
ich erbot mich, ihn zu führen, er aber lehnte es mit jugendlicher
Munterkeit ab.“
Was er suchte, war das am 6. September 1780 von ihm auf die südliche
Innenwand des Jagdhäuschens geschriebene Gedicht: Über allen Wipfeln
ist Ruh. „Er überlas die wenigen Verse, und Tränen flossen über seine
Wangen. Ganz langsam zog er sein schneeweißes Taschentuch aus seinem
dunkelbraunen Tuchrock, trocknete sich die Tränen und sprach in
sanftem, wehmütigem Ton: »Ja, warte nur, balde ruhest du auch!«“
* * * * *
Er war zeitlebens ein Freund des frühen Morgens, in großem Gegensatz
zu Schiller; bei der Lampe hat er selten gearbeitet; in der Regel ward
seine Arbeit an dem recht langen Vormittage getan. Mit gutem Grunde
lauten die ersten Verse in seinen gesammelten Gedichten:
Der Morgen kam: es scheuchten seine Tritte
Den leisen Schlaf, der mich gelind umfing,
Daß ich, erwacht, aus meiner stillen Hütte
Den Berg hinauf mit frischer Seele ging ...
Im Alter begann er den frühen Tag allerdings im Arbeitszimmer, aber in
jungen Jahren holte er sich manches Mal zuerst einen Trunk Morgenluft
aus der freien Natur:
In der Dämmerung des Morgens den höchsten Gipfel erklimmen.
Frühe den Boten des Tages grüßen, dich, freundlicher Stern,
Ungeduldig die Blicke der Himmelsfürstin erwarten --
Wonne des Jünglings, wie oft locktest du nachts mich heraus![26]
[Sidenote: Stehen und gehen]
Daß er sich sehr gerade hielt, ist schon gesagt; die Schultern zog er
straff zurück; oft empfahl er seine frühzeitig angenommene Gewohnheit,
die Hände hinter dem Rücken zu vereinigen. Riemer berichtet, August
Goethe habe nach Lehre und Vorbild des Vaters eine solche Haltung und
Ausbildung des Körpers und besonders eine solche Breite und Ausbildung
der Brust gewonnen, daß er den antiken Musterbildern eines Antonius
oder Meleager gleich erschien und daß seine sonore Stimme den größten
gefüllten Raum leicht durchdringen konnte.
Es hat kaum einen Geistesarbeiter gegeben, der so wenig +gesessen+ hat
wie Goethe. Selbst im Zimmer saß er sehr wenig. Auch wenn er Gäste
hatte, wußte er es einzurichten, daß sie bald in’s Stehen und Gehen
kamen; er ging mit ihnen im Garten auf und ab oder stand mit ihnen in
einer Fensternische oder im Zimmer vor seinen Kunstschätzen. Und ebenso
brachte er seine poetischen und wissenschaftlichen Arbeiten, seinen
Briefwechsel usw. im Stehen und Gehen fertig, da ihm das Diktieren so
sehr zur Natur geworden war wie uns Andern das Schreiben. Schon 1780
bemerkte er: „Was ich Guts finde an Überlegungen, Gedanken, ja sogar
Ausdruck, kommt mir meist im Gehn; sitzend bin ich zu nichts aufgelegt“
und beschloß, „darum das Diktieren weiter zu treiben.“ Auch die Hände
konnte er schwer ruhig halten, darin im Alter noch den Knaben gleich.
Er zog entweder das zusammengedrehte Taschentuch durch die Hand, oder
drehte ein Papierstreifchen, oder knüpfte an Bindfäden, oder hantierte
mit der Lichtputzschere. War er bei Frau Schopenhauer oder in Jena
bei Frommanns oder Knebels in Gesellschaft geladen, so stellte man
ihm einen Tisch mit Zeichengelegenheit hin, und oft begleitete er die
Erzählung oder Vorlesung eines Andern mit raschen zugehörigen Bildern.
* * * * *
[Sidenote: Ärzte, Radfahrer, Turner]
Soviel Goethe auch den menschlichen Körper studierte, so hütete er sich
doch, in die Aufgaben des Arztes einzugreifen. Zwar schrieb er einmal
an Meyer: „Man ist übel daran, daß man den Ärzten nicht recht vertraut
und doch ohne sie sich gar nicht zu helfen weiß.“ Aber er lobte doch
seine Ärzte gern. Der Satz, daß die Ärzte unseres Lebens Dauer um
keinen Tag verlängern können, gehörte zu seinem religiösen Glauben;
„wir leben, so lange es Gott bestimmt hat, aber es ist ein großer
Unterschied, ob wir jämmerlich wie arme Hunde leben, oder wohl und
frisch, und darauf vermag ein kluger Arzt viel.“ So sprach er 1827, und
drei Jahre später, als er sich beständig wohl befand: „Daß ich mich
jetzt so gut halte, verdanke ich Vogel; Vogel ist zum Arzt wie geboren
und überhaupt einer der genialsten Menschen.“ ~Dr.~ Vogel aber erzählte
von ihm:
Die echten Jünger der Heilkunst achtete Goethe ungemein hoch; er war
ein dankbarer und folgsamer Kranker. Konsultationen mehrerer Ärzte
betrachtete er mit Mißtrauen. Er sprach gern mit dem Arzt über die
Krankheit und verstand sehr viel davon.
Ein wenig neigte er zu Dem, was wir jetzt als Naturheilmethode kennen;
in einem Briefe aus Lauchstädt (1805) rühmt er zuerst „das auf Starkens
Anraten“ gebrauchte „Tusch-Bad“ und das auf Reils Empfehlung genommene
Eger-Wasser. Er fährt dann fort:
An Reil habe ich einen sehr bedeutenden Mann kennen lernen;
er beobachtete meine Übel vierzehn Tage, ohne ein Rezept zu
verschreiben, als etwa eins, das er selbst für palliativ erklärte.
Tröstlich kann es für mich sein, daß er gar keine Achtung vor meinen
Gebrechen haben will und versichert, Das werde sich alles ohne großen
medizinischen Aufwand wiederherstellen.
Schon vorher war ihm als Hauptkur das Reiten empfohlen, und er hatte
selber bestätigt, daß es ihm gut gehe, solange er täglich reite. Ebenso
wußte Goethe, daß in den Bädern, die er regelmäßig im Sommer besuchte,
nicht nur von ihren Quellen heilende Kraft ausging, sondern mehr noch
von dem erfrischenden, geselligen Leben in der Natur, von der größeren
Vertraulichkeit und Unvorsichtigkeit im Umgange mit ihr. „Übrigens
mutet man sich hier viel mehr zu als zu Hause“ heißt es in einem
Karlsbader Briefe an Christiane.
Man steht um fünf Uhr auf, geht bei jedem Wetter an den Brunnen,
spaziert, steigt Berge, zieht sich an, macht Aufwartung, geht zu
Gaste und sonst in Gesellschaft. Man hütet sich weder vor Nässe, noch
Wind, noch Zug und befindet sich ganz wohl dabei.
Es ist kaum nötig zu sagen, daß er als alter Herr die jungen Leute zu
frischer Betätigung ermunterte und ihre neuen Übungen mit Vergnügen
sah. Der badische Forstmeister v. Drais erfand 1817 eine Laufmaschine,
die aus zwei hintereinander angebrachten Rädern und einem darüber
befestigten Sitzbalken bestand; man konnte darauf fahren, wenn man sie
durch Laufen in Bewegung gesetzt hatte oder wenn es bergab ging; Goethe
sah im Januar 1818 Jenaischen Studenten zu, die sich im „Paradiese“ an
der Saale auf solchen Laufrädern versuchten. Wichtiger war das Turnen,
das gleich nach den Befreiungskriegen aufkam. Goethe sprach 1817 einmal
den jungen Krummacher an, des Parabeldichters Sohn, als Dieser mit der
schwarz-rot-goldenen Mütze vom Turnplatze kam, und er sagte:
Die Turnerei halte ich wert, denn sie stärkt und erfreut nicht nur
den jugendlichen Körper, sondern ermutigt und kräftigt auch Seele und
Geist gegen jede Verweichlichung.
Es war ihm dann sehr schmerzlich, daß Turnen und Politik miteinander
verquickt, daß deswegen die Turnanstalten von den Regierungen sehr
eingeschränkt oder verboten wurden.
Ich hoffe, daß man die Turnanstalten wiederherstelle, denn unsere
deutsche Jugend bedarf es, besonders die studierende, der bei dem
vielen geistigen und gelehrten Treiben alles körperliche Gegengewicht
fehlt und somit jede nötige Tatkraft.
Die gleiche Gesinnung hat Goethe in seinen alten Tagen oft
ausgesprochen. Er schalt auf die Engbrüstigen und die Brillenträger.
Die frischen jungen Engländer gefielen ihm viel besser als die jungen
Deutschen. Er billigte es keineswegs, daß von den künftigen Beamten so
viele theoretische Kenntnisse verlangt wurden, bei deren Aneignung die
jungen Leute vor der Zeit körperlich und geistig geschwächt wurden. „Es
fehlt ihnen die nötige geistige, wie körperliche Energie, die bei einem
tüchtigen Auftreten im praktischen Verkehr ganz unerläßlich ist.“
„Es geht uns alten Europäern übrigens mehr oder weniger allen herzlich
schlecht“ meinte er ein andermal, „unsere Zustände sind viel zu
künstlich und kompliziert ... Man sollte oft wünschen, auf einer der
Südsee-Inseln als sogenannter Wilder geboren zu sein, um nur einmal
das menschliche Dasein ohne falschen Beigeschmack durchaus rein zu
genießen.“
[22] An Trapp, 28. Juli 1770.
[23] Lichtenberg und Moses Mendelssohn waren bucklig, Schleiermacher
leicht verwachsen.
[24] Eine Entelechie, ein Am-Ziele-sein, ist nach Aristoteles die
Seele als dasjenige Hinzutretende, wodurch der Körper, der an
sich nur die +Fähigkeit+, zu leben und zu empfinden, besitzt,
+wirklich+ lebt und empfindet, solange es mit ihm verbunden ist.
Als Beispiel denke man sich eine Wasserleitung, die erst durch
das hineinfließende Wasser Sinn und Vollständigkeit erlangt.
[25] Ich habe die letzten Seiten aus einem besonderen Grunde
meinem Buche ‚Goethes Leben im Garten am Stern‘ entnommen. Über
Goethes Leipziger und Frankfurter Krankheit ist von Medizinern
und Philologen Verschiedenes gemutmaßt, da die vorliegenden
Mitteilungen nicht eben sicher auf ein bestimmtes Leiden
schließen lassen. B. Fränkel in Berlin hat in der ‚Zeitschrift
für Tuberkulose‘ (1910) als „des jungen Goethe schwere
Krankheit“: „Tuberkulose, keine Syphilis“ aufgestellt. Um nun
zu zeigen, wodurch Goethe sein schweres Lungenleiden überwunden
habe, druckte Fränkel die eben mitgeteilten Seiten aus meinem
Buche, die ich ohne jeden Gedanken an solche Krankheit und Kur
geschrieben, wörtlich ab und fügte hinzu: „Der aufmerksame Leser
wird nicht verkennen, daß in dieser Abhärtungsmethode Goethes
Grundzüge der modernen Phtisiotherapie enthalten sind, z. B.
das Wohnen im Gartenhaus, das Arbeiten und Schlafen im Freien
usw. Vielleicht haben wir es ihnen zu verdanken, daß uns die
Tuberkulose nicht, wie Dies von Schiller bekannt ist, auch
das kostbare Leben Goethes verkürzte. Jedenfalls erkannte und
betätigte das gleichzeitig beobachtende und intuitive Ingenium
Goethes die Prinzipien, mit denen jetzt die Empirie der Ärzte
die Tuberkulose zu heilen sucht.“ -- --
Wir können diese Gesundung Goethes noch heute mit Augen sehen,
wenn wir seine Bildnisse nacheinander betrachten. Ich meine
diese Reihenfolge: Relief von Melchior 1774 -- Zeichnung von
Lips nach dem verlorenen Relief eines Schülers von Nahl 1774 --
Schattenrisse in Ayrers Sammlung -- Vorder- und Seitenansicht
von May 1779 -- Juel 1779 -- Büsten von Klauer -- Angelika
Kauffmann 1787/88 -- Lips 1791 -- Bury 1800 -- Jagemann 1817.
Hier in diesem Buche kann ich nur einige davon zeigen.
[26] Venetianische Epigramme 1799.
XII.
Die Mahlzeiten und der Wein.
Goethe wuchs in einer Stadt auf, wo ein reichliches Essen an der
Tagesordnung war: Frankfurt liegt in einem gesegneten Lande, und als
ein Handels-Mittelpunkt hatte es die Mittel, seine Bürger auch mit den
Erzeugnissen fremder Gegenden zu ernähren. Ob Wolfgang Goethe schon
in seinen jungen Jahren im Essen und Trinken ein rechter Frankfurter
war, wissen wir nicht. Als er im Sommer 1774 mit seinem Freunde
Lavater reiste, fragte Dieser in den Wirtshäusern, wo man hielt, nach
Himbeer-Essig, während Goethe überall sein Glas Wein trank, und als
sie eines Morgens um Sieben zwischen Neuwied und Andernach in einem
Kahne fuhren, vermerkte Lavater in seinem Tagebuche, Goethe verzehre
jetzt schon sein Butterbrot „wie ein Wolf“ und sehe sich nach dem
übrigen eingepackten Essen um. Im Übrigen ist uns ein starkes Essen
oder Trinken Goethes, ein Wertlegen auf die Mahlzeiten erst nach seiner
Heimkehr aus Italien, nach seiner Verbindung mit Christiane Vulpius
bezeugt.
[Sidenote: Die Tafel im Goethe-Hause]
Danach allerdings war es das allgemeine Zeugnis seiner Gäste, daß
er eine recht gute Tafel führe. Einige erzählen, daß sie bei ihm
neue Speisen vorgesetzt bekamen, mit denen sie noch nicht umzugehen
wußten, z. B. Kaviar oder Artischocken; Andere bewunderten seine
Geschicklichkeit im Zerlegen des Bratens oder Geflügels oder seine
allgemeine Kochverständigkeit oder seinen vortrefflichen Appetit.
„Auch frisset er entsetzlich“ schrieb der karikierende Jean Paul einem
Freunde. „Auf den Küchenzettel, den er gewöhnlich selbst angab, hatte
die Anwesenheit von Gästen besonderen Einfluß“ berichtet der Maler
Ernst Förster 1821.
Es gab außer der Suppe gewöhnlich drei, höchstens vier Schüsseln:
Fleisch mit Gemüse (er aß sehr gern ein nach italienischer Kochkunst
bereitetes Stuffato), dann gab es Fisch (Forellen liebte er zumeist),
Braten (zumeist Geflügel oder Wild) und, wie er erklärte: wegen der
Damen, eine Mehlspeise (Karlsbader Strudl). Er selbst zog der süßen
Speise ein Stück englischen oder Schweizer Käse vor.
„Es war ungemein splendid: Gänseleberpastete, Hasen und dergleichen
Gerichte“ bezeugt schon 1809 der Sprachforscher Wilhelm Grimm, und
ebenso wunderte sich 1828 dessen hessischer Landsmann, der Baumeister
Johann Heinrich Wolff, über die vielen guten Gerichte und über Goethes
Leistungsfähigkeit im Essen und Trinken. „Unter anderem verzehrte er
eine ungeheure Portion Gänsebraten und trank eine ganze Flasche Rotwein
dazu.“ Im selben Jahr imponierte er auf der Dornburg einigen Studenten,
als er ihnen den Salat eigenhändig zubereitete und dabei versicherte,
er habe selber einen neuen Salat aus eingemachten Gurken erfunden.
„Man aß nach damaliger Zeit gut, nach jetziger einfach“ erzählte Jenny
v. Gustedt 1885, als sie sich an die Mahlzeiten in Goethes Hause
erinnerte.