fand, sich selber zu beobachten, und er wußte, was bei fleißiger
Selbstbeobachtung herauskommt: daß man sich nämlich krank und bedroht
findet. Man darf den Dichter mit keinem seiner dramatischen Helden ganz
gleich stellen, aber recht nahe kommen seiner Gesinnung Egmonts Worte,
„daß Der schon tot ist, der um seiner Sicherheit willen lebt“, und
ebenso Egmonts Fragen: „Leb ich nur, um auf’s Leben zu denken? soll ich
den gegenwärtigen Augenblick nicht genießen, damit ich des folgenden
gewiß sei? und Diesen wieder mit Sorgen und Grillen verzehren?“
* * * * *
[Sidenote: Allerlei Krankheiten]
Nun glauben noch Viele, daß Goethe sehr gesund und kräftig gewesen sei
und schon darum sich um Gesundheit nicht viel zu kümmern brauchte. Aber
er war durchaus keine robuste, sondern eine weichliche Natur; Leib und
Geist waren für schädliche Einflüsse sehr empfindlich, und so ist er
denn auch oft krank und kränklich gewesen. Er hat auch im größten Teile
seines Lebens älter ausgesehen, als er war.
[Illustration: Goethe um 1774.
Stich von +Heinrich Lips+ nach einem Gipsmedaillon von einem Schüler
Nahls.]
[Illustration: Goethe 1774.
Von +Joh. Peter Melchior+.]
[Illustration: Goethe 1779.
Von +Georg Oswald May+.]
Als Kind hatte er nicht bloß die gewöhnlichen Kinderkrankheiten,
sondern auch die schwarzen Pocken, die Spuren hinterließen. Als
achtzehnjähriger Student bekam er im Herbst 1767 einen Blutsturz und
schwebte tagelang zwischen Leben und Tod. Als er sich dann ein wenig
erholt hatte und in die Heimat zurückgekehrt war, stand er vor seinem
Vater als ein Kränkling, der noch mehr an der Seele als am Körper zu
leiden schien. Bald erkrankte er wieder so schwer, daß man im Dezember
1768 zwei Tage lang für sein Leben fürchtete. Die Frankfurter Ärzte
meinten, seine Krankheit stecke nicht sowohl in der Lunge als in den
dazu führenden Teilen, und unser Neunzehnjähriger befand sich im
Elternhause nur so gut, „als ein Mensch, der im Zweifel steht, ob er
die Lungensucht hat oder nicht, sich befinden kann.“ Mehr als ein Jahr
verging, ehe er melden konnte: „Mein Körper ist wieder hergestellt“,
und da fügte er hinzu: „aber meine Seele ist noch nicht geheilt.“ Bei
der Heimkehr von Straßburg war er körperlich gesünder; „aber in seinem
ganzen Wesen zeigte sich doch etwas Überspanntes, welches nicht völlig
auf geistige Gesundheit deutete.“ Wenn wir seine Briefe aus jener
Zeit lesen, auch noch die 1775 und 1776 an Gräfin Auguste Stolberg
gerichteten, haben wir diesen Zustand schwarz auf weiß vor uns.
[Sidenote: Kränklichkeit]
Auch in Weimar war er oft krank; er wollte Das auf das „infame Klima“
Thüringens schieben, aber wir kennen dieses Klima als sehr gesund, wenn
es auch etwas rauh ist. „Es stickt etwas in mir“ hat er manchmal zu
Charlotte v. Stein geklagt. Kräftig erscheint er auch nicht, wenn er
1781 der besorgten Mutter schreibt: „Meine Gesundheit ist weit besser,
als ich sie in vorigen Zeiten vermuten und hoffen konnte, und da sie
hinreicht, um Dasjenige, was mir aufliegt, wenigstens großenteils zu
tun, so habe ich Ursache, damit zufrieden zu sein.“ Häufig waren jetzt
sowohl die Verdauungsstörungen wie die Erkältungen. Sein Häuschen an
der Ilm bot gar zu wenig Schutz gegen das Wetter; übrigens hatte er
sein ganzes Leben darunter zu leiden, daß die Wohnhäuser und Gasthäuser
und auch die Fürstenschlösser im Winter nicht durchweg warm gehalten
wurden, so daß man oft in überheizten, oft in sehr durchkälteten Räumen
sich aufzuhalten gezwungen war.
1785 sah er ganz faltig und abgearbeitet aus; Karl August verglich ihn
mit einem ausländischen Gewächs, das, in ein rauheres Klima verpflanzt,
unter jedem bösen Wetter leide und viel Zeit brauche, sich wieder
herzustellen. 1786 suchte er wegen seiner gichtischen Zustände, die ihm
große Schmerzen in den Beinen machten, zum ersten Male das Karlsbad
auf. Von da ging er heimlich nach Italien. „Die Hauptabsicht meiner
Reise war, mich von den physisch-moralischen Übeln zu heilen, die mich
in Deutschland quälten und mich zuletzt unbrauchbar machten.“ Auch nach
der Heimkehr besuchte er regelmäßig im Sommer Bäder zu seiner Erholung;
zwölfmal war er in Karlsbad, dreimal in Marienbad, und ebenso suchte er
in Teplitz, Eger, Wiesbaden, Pyrmont, Tennstädt, Lauchstädt und Berka
Besserung. Daheim trank er ziemlich regelmäßig die heilsamen Wasser,
die von diesen Quellen versandt wurden: Pyrmonter, Egerer, Kreuzbrunnen
usw. Die Ärzte waren oft mit ihm beschäftigt. Nur diesen Kuren, Reisen
und Badezeiten schrieb er es zu, daß er arbeitsfähig blieb.
Auch in älteren Tagen ist er noch einige Male so schwer krank gewesen,
daß man alle Hoffnung aufgab oder ihn bereits tot sagte, so im Januar
1801, im März und April 1805 und im Februar 1823. Er ist viele Wochen
nicht aus dem Zimmer gekommen. Selbst wenn er nicht darniederlag,
traute man ihm gewöhnlich keine lange Lebensdauer mehr zu. Die beste
Kennerin seiner Zustände, Christiane, dachte um 1800, man müsse ihn
seine letzten Jahre noch recht pflegen und schonen. „Goethe ist schon
wieder krank gewesen“ meldete im März 1806 ihr Bruder Vulpius einem
Hausfreunde; „monatlich kommt sein Übel zurück und macht ihn sehr
mürbe; es sind böse Hämorrhoidalzufälle.“ Und der mißgünstige Friedrich
Schlegel sagte 1803 „kalt-grinsend“ zu Öhlenschläger: „Der alte Kerl
hat faule Nieren und wird’s nicht lange mehr machen.“
[Sidenote: Empfindlichkeit]
Zu diesen Krankheiten kam bei ihm eine beständige geistige und
leibliche überfeine Empfindlichkeit. Das Wort „sinnlich“ hat er viel
gebraucht, weil er selber in der eigentlichen Bedeutung des Wortes
sehr sinnlich war; d. h. seine Sinne waren alle feinfühlend, kräftig
auf Reize wiederwirkend. Das ist ein physischer Grund seiner genialen
poetischen Leistungen; es war ihm aber im Leben oft recht unbequem.
Eckermann drückte am 20. Dezember 1829 seine Verwunderung aus, daß man
bei ausgezeichneten Talenten, besonders bei Poeten, so häufig eine
schwächliche Konstitution finde; Goethe erwiderte:
Das Außerordentliche, was solche Menschen leisten, setzt eine sehr
zarte Organisation voraus, damit sie seltener Empfindungen fähig
sein und die Stimme der Himmlischen vernehmen mögen. Nun ist eine
solche Organisation im Konflikt mit der Welt und den Elementen
leicht gestört und verletzt, und wer nicht, wie Voltaire, mit großer
Sensibilität eine außerordentliche Zähigkeit verbindet, ist leicht
einer fortgesetzten Kränklichkeit unterworfen.
Vor allem brauchte er Licht und Wärme; den Winter haßte er.
Den Dezember und Januar nannte der junge Voß 1804 „Goethes
Faullenzermonate“: „Er kränkelt da fast jedes Jahr, ohne eben krank
zu sein.“ Und 1813, Ende Oktober, just nach der Schlacht bei Leipzig,
schrieb die Gräfin O’Donell aus Wien an ihren weimarischen Freund, er
solle nun schon anfangen, sich in Baumwolle einzuwickeln. Goethe selber
fand die stärksten Ausdrücke für seinen Abscheu gegen die kurzen,
dunkeln Tage, die niederhängenden Wolken und das Schlackerwetter.
Im Dezember 1803, nach Herders Tode, erklärte er, er begreife recht
gut, daß Heinrich III. von Frankreich den Herzog von Guise erschießen
ließ, bloß weil es fatales Wetter war, und er beneide Herdern, weil
er jetzt begraben werde. Der 21. Dezember war ihm ein Festtag, an dem
er ausrief: „Heute feiern wir die Wiedergeburt der Sonne!“ Italien
liebte er wegen seiner Fülle des Lichts und seiner warmen Luft; es war
ihm, als ob er hier geboren und aufgewachsen wäre „und nun von einer
Grönlandsfahrt, von einem Walfischfange zurückkäme.“ Nur mit Schaudern
dachte er an die norddeutsche Heimat mit ihren grauen, tiefen Wolken
und naßkalten Winden, die uns immer wieder in die Stube zwingen.
In seinen letzten Lebensjahren konnte er zwar recht lange in
geschlossener und überheizter Zimmerluft aushalten, aber sonst gehörte
+reine+ Luft zu den Bedingungen seines Wohlbefindens. Schiller mußte
faule Äpfel in der Schublade seines Arbeitstisches haben; Goethe bekam
sogleich eine Übelkeit, als er an diesem Tische saß, ohne dessen
eigentümlichen Inhalt zu ahnen. „Eine Luft, die Schillern wohltätig
war, wirkte auf mich wie Gift.“ Schiller, Karl August, Knebel und fast
alle andern Freunde rauchten; Goethe litt sogleich, wenn er in einem
Zimmer sein mußte, wo Tabak und Pfeifen dünsteten. Seine Christiane
stellte einmal als sparsame Hausmutter Schweine in einen Stall: sie
mußten abgeschafft werden, sobald Goethe den Geruch merkte. Sein
Geschmackssinn war ebenso fein, wie sein Geruch. Vom Tee sagte er,
daß er wie Gift auf ihn wirke, und ebenso nahm er sich vor dem Kaffee
in acht und warnte Andere davor. Knoblauch übte nach seinem eigenen
Ausdruck „selbst in der geringsten Dosis höchst gewaltsame Wirkungen“
auf ihn aus. Auch viele Sorten Wein konnte er nicht vertragen oder er
lehnte sie von vornherein als Gift ab. Ähnlich ging es ihm mit dem
Biere. ~Dr.~ Vogel, sein letzter Arzt, hat uns berichtet, daß er ebenso
gegen Medizin ungewöhnlich empfänglich und empfindlich war, so daß ihm
schwächere Dosen verschrieben werden mußten, als sonst üblich waren.
Namentlich aber richtete sich sein Befinden auch nach dem Barometer;
bei hohem Barometerstande fühlte er sich am wohlsten; stand es niedrig,
so war ihm sehr schwer, anders als mißmutig und untätig zu sein.
Körperliche Schmerzen griffen ihn sehr an; er fürchtete sie, während er
den Tod gar nicht fürchtete. Gar nicht leiden konnte er es, wenn die
Leute nach seinem Befinden fragten oder etwa sagten, er sähe wohler
aus als das letztemal; er mochte über seine Gesundheitszustände nicht
sprechen, außer zum Arzt.
* * * * *
Trotz alledem waren sowohl die leiblichen wie die geistigen
+Leistungen+ Goethes bis in’s höchste Alter hinein bewunderungswürdige.
Seinen Schwächen müssen also größere Kräfte gegenübergestanden haben;
seine Lebensweise muß im Ganzen gut gewesen sein, zumal da er mit den
Jahren eher gesünder als kränklicher wurde.
Von Haus aus besaß er zwei große Hülfen zur Gesundheit und Arbeit:
einen vortrefflichen Appetit und einen guten Schlaf. Was den Schlaf
angeht, so machte es ihm nicht viel aus, ob er dabei lag oder saß,
angekleidet oder ausgezogen, im eigenen Bett oder anderwärts war.
Auch eine Fülle von Blutleben trug zu seiner Gesundheit viel bei;
noch im Alter schienen dem Arzte Aderlässe notwendig; Hufeland, der
zehn Jahre lang sein Arzt war, bezeichnete die Produktivität als den
Grundcharakter auch seines körperlichen Lebens.
* * * * *
[Sidenote: Wertung der Gesundheit]
Aber auch seine gesundheitlichen Ansichten und Gewohnheiten waren
trotz aller Sorglosigkeit besser, als man für jene Zeit voraussetzen
darf. Zuerst +wertete+ er die Gesundheit und Strapazentüchtigkeit
höher als andere Geistesarbeiter um ihn herum. Schon als Student
wußte er, daß man den Körper um der Seele willen pflegen muß. Als ein
junger Freund ihm seine Not klagte und über Heiraten und andere Dinge
beraten sein wollte, antwortete Goethe mit der Frage: „Wie steht’s
mit Ihrer Gesundheit?“ und fuhr fort: „Ich bitte Sie: sorgen Sie doch
für diesen Leib mit anhaltender Treue! Die Seele muß nun einmal durch
diese Augen sehen, und wenn sie trüb sind, so ist’s in der ganzen Welt
Regenwetter.“ Der Einundzwanzigjährige sprach das schon aus eigener
Erfahrung: „Es war eine Zeit, da mir die Welt so voll Dornen schien,
als Ihnen jetzo. Der Himmelsarzt hat das Feuer des Lebens wieder in mir
gestärkt, und Mut und Freude sind wieder da.“[22] Wieland entschuldigte
seine dürren Beine mit dem Scherze, er sei noch aus der Zeit, wo die
Genies ihre Kraft im Kopfe hatten; Goethe verlangte auch von Gelehrten
und Beamten brauchbare Gliedmaßen und einen gesunden Körper. Daß
Schiller so oft aussah, als würde er keine vierzehn Tage mehr leben,
und daß er nicht das Rechte gegen seine Kränklichkeit tat, bedrückte
ihn oft. Da lobte er sich Napoleon, der „vom brennenden Sande der
syrischen Wüste bis zu den Schneefeldern von Moskau eine Unsumme von
Märschen, Schlachten und Biwaks ertrug, der bei wenig Schlaf und wenig
Nahrung sich der höchsten geistigen Tätigkeit hingab: wenn man bedenkt,
was +Der+ alles durchgemacht und ausgestanden!“ „Es gab zwar eine Zeit,
wo man in Deutschland sich ein Genie als klein, schwach, wohl gar
bucklig[23] dachte, allein ich lobe mir ein Genie, das den gehörigen
Körper hat.“
[Sidenote: Der Wille zur Gesundheit]
Goethe hatte namentlich einen kräftigen +Willen+ zur Gesundheit, und er
selber schrieb diesem Willen große Wirkungen zu. „Es ist unglaublich,“
sagte er einmal, „wieviel der Geist zur Erhaltung des Körpers vermag.“
Ich leide oft an Beschwerden des Unterleibes, allein der geistige
Wille und die Kräfte des oberen Teiles halten mich im Gange. Der
Geist muß nur dem Körper nicht nachgeben! So arbeite ich bei hohem
Barometerstande leichter als bei tiefem; da ich nun Dieses weiß,
so suche ich bei tiefem Barometer durch größere Anstrengungen die
nachteiligen Wirkungen aufzuheben, und es gelingt mir.
Ein andermal rühmte er an seinem Helden Napoleon, daß er die
Pestkranken besucht habe, um ein Beispiel zu geben, daß man die Pest
überwinden könne.
Und er hat recht! Ich kann aus meinem eigenen Leben ein Faktum
erzählen, wie ich bei einem Faulfieber der Ansteckung unvermeidlich
ausgesetzt war und wo ich bloß durch einen entschiedenen Willen die
Krankheit von mir abwehrte. Es ist unglaublich, was in solchen
Fällen der moralische Wille vermag. Er durchdringt gleichsam den
Körper und setzt ihn in einen aktiven Zustand, der alle schädlichen
Einflüsse zurückschlägt. Die Furcht dagegen ist ein Zustand träger
Schwäche und Empfänglichkeit, wo es jedem Feinde leicht wird, von uns
Besitz zu nehmen.
Als Sachsen-Weimar zum Großherzogtum erhoben war und die Huldigung des
nunmehrigen Großherzogs bevorstand, war Goethe bettlägerig. Es schien
unmöglich, daß er an jenem Palmsonntag 1816 an seinem Platze sein
könne, aber Napoleons Ausspruch kam ihm in’s Gedächtnis: „~L’empereur
ne connaît autre maladie que la mort~“, und er ließ an Hof sagen, wenn
er nicht tot wäre, könne man auf ihn rechnen. Die Natur schien sich
diesen tyrannischen Spruch zu Gemüte zu ziehen: er stand zur rechten
Zeit an seinem Platze, rechts zunächst am Throne; er konnte auch noch
bei Tafel allen Schuldigkeiten genug tun; dann zog er sich zurück,
legte sich wieder in’s Bett und wartete auf einen neuen kategorischen
Imperativ, der krank zu sein nicht gestattete.
Ein andermal schrieb Goethe einem starken Geiste sogar die Kraft zu,
den Körper zu einer zweiten Jugend zu zwingen. Er sprach am 11. März
1828 mit Eckermann über einige bekannte alte Herren, denen im hohen
Alter die nötige Willenskraft und jugendliche Beweglichkeit im Betriebe
der bedeutendsten und mannigfaltigsten Geschäfte nicht zu fehlen
schienen.
Solche Männer sind geniale Naturen, mit denen es eine eigene
Bewandtnis hat; sie erleben eine +wiederholte Pubertät+, während
andere Leute nur einmal jung sind. Jede Entelechie[24] nämlich ist
ein Stück Ewigkeit, und die paar Jahre, die sie mit dem irdischen
Körper verbunden ist, machen sie nicht alt. Ist diese Entelechie
geringer Art, so wird sie während ihrer körperlichen Verdüsterung
wenig Herrschaft ausüben; vielmehr wird der Körper vorherrschen, und
wie er altert, wird sie ihn nicht halten und hindern. Ist aber die
Entelechie mächtiger Art, wie es bei allen genialen Naturen der Fall
ist, so wird sie bei ihrer belebenden Durchdringung des Körpers nicht
allein auf dessen Organisation kräftigend und veredelnd einwirken,
sondern sie wird auch bei ihrer geistigen Übermacht ihr Vorrecht
einer ewigen Jugend fortwährend geltend zu machen suchen. Daher
kommt es denn, daß wir bei vorzüglich begabten Menschen auch während
ihres Alters immer noch frische Epochen besonderer Produktivität
wahrnehmen; es scheint bei ihnen immer einmal wieder eine temporäre
Verjüngung einzutreten.
Eine andere Art, wie der Geist auf den Körper einwirkt, berühren wir
mit den Worten Leidenschaft und Ruhe, Lebenslust und Verbitterung.
Goethe kannte Weltschmerz und Leidenschaftlichkeit an sich selber nur
zu gut, aber gegen beide kämpfte er beständig an. Als 1830 Karl Augusts
Witwe gestorben war, deren stets sich gleich bleibendes Wesen er oft
lobte, kam er gegen Eckermann und Soret auf die berühmte Ninon de
l’Enclos zu sprechen und pries ihren Gleichmut und ihre Lebenslust ohne
verzehrende Leidenschaftlichkeit; bekanntlich blieb jene Ninon bis in
ihr achtzigstes Jahr so jugendlich schön, daß sie Liebhaber anzog und
beglückte.
* * * * *
[Sidenote: Verweichlichung im Elternhause]
Goethes Dienst an seiner Gesundheit ging also namentlich aus der von
ihm gewollten Herrschaft des Geistes über den Körper hervor; zu diesem
Dienst gehörten namentlich: Frühaufstehen, Bewegung und Abhärtung.
Im Hause des Kaiserlichen Rats Goethe wurden die Kinder verweichlicht;
ihr Vater dachte fast nur an die geistige und gelehrte Erziehung.
Kornelia Goethe verpimpelte, so daß sie als junge Frau vor jedem Winde
oder Regen sich ängstlich im Hause hielt und auch bei der Arbeit nie
kräftig zuzugreifen wagte. Auch ihr Bruder Wolfgang wurde vor dem
abhärtenden Leben der Knaben, das sich auf den Straßen abspielt,
behütet und war nie Das, was man unter einem richtigen Jungen versteht.
Er wandelte also mit sechzehn Jahren als ein zarter Gelehrter herum.
Dann als Student begann er mit der Abhärtung, und zwar unter dem
Einfluß Rousseaus und mit arger Übertreibung. Daher rührte zum Teil
seine Leipziger Krankheit; kalt Baden, hartes, schlecht bedecktes Lager
nennt er selber unter den unvernünftig angewendeten Mitteln, der Natur
nahe zu kommen.
In Straßburg fühlte er sich nach den langen Krankheitswochen, die
er im Vaterhause eben ertragen hatte, als ein Genesender; aber eine
zurückgebliebene übermäßige seelische Reizbarkeit brachte ihn oft aus
dem Gleichgewicht.
Ein starker Schall war mir zuwider; krankhafte Gegenstände erregten
mir Ekel und Abscheu; besonders aber ängstigte mich ein Schwindel,
der mich jedesmal befiel, wenn ich von einer Höhe herunterblickte.
Allen diesen Mängeln suchte ich abzuhelfen, und zwar, weil ich keine
Zeit verlieren wollte, auf eine etwas heftige Weise. Abends beim
Zapfenstreich ging ich neben der Menge Trommeln her, deren gewaltsame
Wirbel und Schläge das Herz im Busen hätte zersprengen mögen. Ich
erstieg ganz allein den höchsten Gipfel des Münsterturms und saß
in dem sogenannten Hals, unter dem Knopf oder der Krone, wie man’s
nennt, wohl eine Viertelstunde lang, bis ich es wagte, wieder heraus
in die freie Luft zu treten, wo man auf einer Platte, die kaum eine
Elle ins Gevierte haben wird, ohne sich sonderlich anhalten zu
können, stehend das unendliche Land vor sich sieht, indessen die
nächsten Umgebungen und Zieraten die Kirche und Alles, worauf und
worüber man steht, verbergen. Es ist völlig, als wenn man sich auf
einer Montgolfière in die Luft erhoben sähe. Dergleichen Angst und
Qual wiederholte ich so oft, bis der Eindruck mir ganz gleichgültig
ward, und ich habe nachher bei Bergreisen und geologischen Studien,
bei großen Bauten, wo ich mit den Zimmerleuten um die Wette über die
freiliegenden Balken und über die Gesimse des Gebäudes herlief, ja
in Rom, wo man eben dergleichen Wagstücke ausüben muß, um bedeutende
Kunstwerke näher zu sehen, von jenen Vorübungen großen Vorteil
gezogen. Die Anatomie war mir auch deshalb doppelt wert, weil sie
mich den widerwärtigsten Anblick ertragen lehrte, indem sie meine
Wißbegierde befriedigte. Und so besuchte ich auch das Klinikum des
ältern ~Dr.~ Ehrmann, sowie die Lektionen der Entbindungskunst seines
Sohnes in der doppelten Absicht, alle Zustände kennen zu lernen und
mich von aller Apprehension gegen widerwärtige Dinge zu befreien. Ich
habe es auch wirklich darin so weit gebracht, daß Nichts dergleichen
mich jemals aus der Fassung setzen konnte. Aber nicht allein gegen
diese sinnlichen Eindrücke, sondern auch gegen die Anfechtungen
der Einbildungskraft suchte ich mich zu stählen. Die ahnungs- und
schauervollen Eindrücke der Finsternis, der Kirchhöfe, einsamer
Örter, nächtlicher Kirchen und Kapellen, und was hiermit verwandt
sein mag, wußte ich mir ebenfalls gleichgültig zu machen; und auch
darin brachte ich es so weit, daß mir Tag und Nacht und jedes Lokal
völlig gleich war.
[Sidenote: Schulung des Körpers]
In körperlichen Übungen war Goethe mit zwanzig Jahren noch sehr
zurückgeblieben, schon weil er das Landleben nicht kennen gelernt
hatte. Er konnte nicht schwimmen oder rudern oder ein Boot lenken,
auch nicht Schlittschuh laufen. Wir wissen von keiner erheblichen
Fußwanderung in seinen drei Leipziger Jahren und nur von einer
einzigen kleinen Reise. Ehe er zur Universität gesandt wurde, hat er
ein wenig Fechten und ein wenig Reiten gelernt. In Leipzig machte er
ein paar Male den Sonntagsreiter. In Straßburg dagegen fing er an,
größere Reisen zu Pferde zu machen. Und jetzt schaute er sich auch
wirklich in dem Lande um, wohin ihn das Schicksal gesetzt hatte. „Die
Straßburger sind leidenschaftliche Spaziergänger“ erzählt Goethe in
seinen Erinnerungen; jedenfalls betrieb er selber jetzt das Spazieren,
Herumstreifen und weite Wandern in viel höherem Maße als zuvor. Und
Das setzte er fort, als er nach Abschluß seiner Studien wieder in der
Vaterstadt lebte, jetzt als Rechtsanwalt und Dichter. Die Freunde in
Darmstadt und im Rheingau nannten ihn geradezu den Wanderer, weil er in
großen Fußmärschen die weitere Umgebung der Vaterstadt durchforschte
und seine Geistesverwandten aufsuchte. Nach dem Wetter fragte er
wenig; für den Straßenkot fand er die gelehrte Formel „Deukalions
Flutschlamm“, und noch freundlicher klingt die andre Umschreibung:
Das ist Wasser, Das ist Erde
Und der Sohn des Wassers und der Erde,
Über den ich wandle
Göttergleich!
Dies ganze Gedicht ‚Wanderers Sturmlied‘ ist ein Gesang der Abhärtung:
Wen du nicht verlässest, Genius,
Nicht der Regen, nicht der Sturm
Haucht ihm Schauer über’s Herz.
Wen du nicht verlässest, Genius,
Wird dem Regengewölk,
Wird dem Schlossensturm
Entgegen singen,
Wie die Lerche,
Du da droben.
Jetzt lernte er auch, ein Schifflein auf dem Flusse zu lenken, und
namentlich wurde er ein sehr eifriger Schlittschuhläufer. Dabei spielte
Klopstocks Begeisterung für dies gesundeste Vergnügen mit. Dieser
angesehenste Dichter der damaligen Zeit ermahnte alle seine Freunde
unter den deutschen Gelehrten und Schriftstellern zu einem frischeren
Leben in freier Natur und pries ihnen unermüdlich das Baden und
Schwimmen, Reiten und Eislaufen an: Dinge, die damals eigentlich gegen
die Würde eines gelehrten Mannes gingen.
In Weimar traf Goethe auf einen achtzehnjährigen Fürsten, dessen
Leidenschaft das Leben im Freien, das Reisen, Jagen und Hetzen war, der
sich in weiten Bergwäldern hundertmal wohler fühlte als in prächtigen
Zimmern und der als ein von Geburt Schwächlicher und Kränklicher nur
durch Abhärtung und Wagemut ein +lebenswertes+ Leben gewinnen konnte.
Goethe war bereits ruhiger und reifer, aber die gleiche Gesinnung, das
gleiche Verlangen trug auch er in der Brust -- die Egmont-Gesinnung
-- und so stärkten sich der Fürst und sein neuer Freund aneinander.
Man kannte in Weimar das Schlittschuhlaufen noch nicht; Goethe und der
Husaren-Rittmeister Friedrich v. Lichtenberg führten es jetzt ein,
unterrichteten darin, und nun verbrachte Goethe viele Winterstunden
unter den Eisläufern und Schlittenfahrern. Viel wichtiger aber war, daß
ihn draußen im Ilmtal ein zum Verkauf ausgebotener Berggarten, in dem
auch ein altes Häuschen stand, anlockte; er kaufte dies verwahrloste
Besitztum, richtete es als seine Wohnung ein und hatte noch lange Zeit
daran zu verbessern; z. B. baute er an der Südseite einen Altan vor
seine Wohnzimmer. So ward er immer wieder veranlaßt, auch wenn ihn der
eigene Wunsch nicht antrieb, sich im Freien zu bewegen.
[Sidenote: Abhärtung]