Gattin war hochgebildet und hochbegabt; sie liebte ihren Mann von
ganzem Herzen und lebte sein äußeres und inneres Leben vollkommen
mit, war auch die gleichwertige Freundin seiner Freunde. Aber gerade
diese innige Verbundenheit des Herderschen Paares erschien auch
als etwas Schädliches und Verderbliches; Herder wurde durch seine
Gattin in seinen Fehlern bestärkt; sein persönlicher Egoismus wurde
durch die Erweiterung zum Familienegoismus nicht angenehmer; Herders
machten ihr Pfarrhaus gar zu sehr zu einer eigenen Festung gegen
die Mitlebenden und wurden immer ungerechter und verbitterter gegen
die ehemaligen Freunde, die ihnen oder ihren Kindern nie genug tun
konnten. Viel anspruchsloser und glücklicher war Wieland in seinem
gleichfalls kinderreichen Heime. Er hatte in jungen Jahren die
geistreichsten Freundinnen gehabt; als er aber heiratete, tat er es
ganz nach der alten Sitte. Er wählte die Braut, ehe er sie gesehen
hatte; er heiratete sie nach einmaliger Zusammenkunft, obwohl er, der
vielbewunderte Autor, wußte, daß sie außer der Bibel und dem Kalender
nichts las. Auch durch Schönheit zeichnete sich Dorothea Hillenbrand
nicht aus; sie war nur ein gutes Kind und hatte soviel Vermögen, daß
sie im Witwenstande davon hätte leben können. Sie blieb auch als
Wielands Gattin in einem kindlichen Verhältnis zu ihm, wagte nie, ihn
mit „Du“ anzureden, ging nie mit ihm in Gesellschaften, und wenn Beide
spazieren gingen, vermieden sie die allgemeine Promenade. Dabei gab es
kein glücklicheres Paar und keine glücklichere Familie in Weimar!
Aber weder die wielandische noch die herdersche Ehe waren für Goethe
verführerisch.
Und namentlich: es trat ihm, seit er in Weimar Amt und Heimat hatte,
kein Mädchen entgegen, das ihn alle Bedenken vergessen ließ. Es konnte
ihn kein Mädchen berauschen, weil er in eine zärtliche Freundschaft
mit Charlotte v. Stein geraten war und dadurch einen „Maßstab für alle
Frauen“ hatte. Diese Freundschaft konnte ihn nicht völlig befriedigen,
aber sie verminderte Hunger und Durst nach der rechten Liebe. Und so
paßte lange Jahre auf ihn sein eigenes Wort:
Wenn die Stunde nicht kommt, die rechte, wenn nicht das rechte
Mädchen zur Stunde sich zeigt, so bleibt das Wählen im Weiten,
Und es wirket die Furcht, die Falsche zu greifen, am meisten.
* * * * *
[Sidenote: Christiane]
Als Goethe aus Italien heimkehrte, fühlte er sich in Weimar
einsamer als je vorher; und namentlich fand auch Charlotte v. Stein
ihn umgewandelt, ihr entfremdet. In dieser Lage lernte er die
vierundzwanzigjährige Christiane Vulpius kennen, eine Waise aus einer
verarmten Beamtenfamilie; eines Tages stand sie mit einer Bittschrift
ihres Bruders im Garten vor ihm als ein hübsches Kind „von naivem,
freundlichem Wesen, mit vollem, rundem Gesicht, langen Locken, kleinem
Näschen, schwellenden Lippen, zierlichem Körperbau und niedlichen,
tanzlustigen Füßchen.“ So war das Mädchen wie eine Blume unter den
anderen Blumen. Und der Dichter erzählt weiter:
Ich wollt’ es brechen,
Da sagt es fein:
Soll ich zum Welken
Gebrochen sein? -- --
Ich grub’s mit allen
Den Wurzeln aus,
Zum Garten trug ich’s
Am hübschen Haus.
Und pflanzt es wieder
Am stillen Ort,
Nun zweigt es immer
Und blüht so fort.
Er nahm Christiane mit ihrer Tante und Schwester in sein Haus und
behielt das Verhältnis Jahr für Jahr bei. Auf die Entrüstung alter
Freunde und Feinde antwortete er im stillen mit dem Tasso-Worte:
„Viel lieber, was ihr euch unsittlich nennt, als was ich mir unedel
nennen müßte!“ Schiller verstand ihn; „diese seine einzige Blöße,
die Niemand verletzt als ihn selbst, hängt mit einem sehr edeln Teil
seines Charakters zusammen“ schrieb er an die Gräfin Schimmelmann.
Goethe brachte für dies häusliche Verhältnis manches Opfer; er ward
oft in peinlicher Weise daran erinnert, daß seine Nächste, die Mutter
seiner Kinder, von seiner übrigen Gesellschaft nicht als Seines- und
Ihresgleichen angenommen werden konnte; trotzdem, meinte er, Christiane
passe besser als tausend vornehme, anspruchsvolle Damen zu ihm.
Ich wünsche mir eine hübsche Frau,
Die nicht Alles nähme gar zu genau,
Doch aber zugleich am besten verstände,
Wie ich mich selbst am besten befände.
Und Christiane dankte ihm alle seine Liebe. Sie war eine brave
Hausfrau, die außer ihrem „Geheimen Rat“ und dem einzigen Sohne, der
von fünf Kindern am Leben blieb, noch die vielen Gäste in sorgenden
Gedanken trug. Unter der schwersten eigenen Last zeigte sie Jedermann
ein munteres Wesen. Manchmal sprach sie ihre Not brieflich gegen einen
fernen Freund aus, den Arzt Nikolaus Meyer in Bremen, mit dem sie
fröhliche Stunden auf Bällen und Redouten vertanzt hatte. „Ich lebe
ganz still und sehe fast keinen Menschen“ schrieb sie im April 1803,
„das Theater nur ist meine Freude, denn wegen dem Geh. Rat lebe ich
sehr in Sorge; er ist manchmal ganz hypochonder, und ich stehe oft
viel aus; doch trage ich Alles gerne, da es ja nur krankhaft ist, habe
aber so gar Niemanden, dem ich mich vertrauen kann. Schreiben Sie mir
aber hierauf nichts, denn man muß ihm ja nicht sagen, daß er krank
ist; ich glaube aber, er wird wieder einmal recht krank.“ Goethe ahnte
nicht, welche Angst Christiane um ihn trug; er sah sie fast immer
mit fröhlichem Gesicht. „Eine stille, ernsthafte Frau ist übel daran
mit einem lustigen Manne, ein ernsthafter Mann nicht so mit einer
lustigen Frau“ meinte er später einmal zu Riemer, und Der dachte sich
dabei: „So dankt er Gott, daß er nicht nötig hat, lustig zu sein!“
Sie war namentlich eine treffliche Vermittlerin zu den Schauspielern
und eine erwünschte Berichterstatterin über die Aufführungen. Aber
auch sonst nahm sie an seinem geistigen Schaffen einen bescheidenen
Anteil. Er betrachtete sie als seine Gattin, obwohl kein Priester ihren
Bund gesegnet hatte. Und allmählich entstand in ihm der Entschluß,
zu ihrem und seines Sohnes Vorteil die Ehe auch gesetzlich gültig
zu machen. Dieser Entschluß verstärkte sich im Frühjahr 1806, weil
damals Christianes Tante und Schwester starben, so daß sie nun keinen
Frauen-Anhalt mehr im Hause hatte, gleichsam zu Niemand mehr gehörte.
Als dann nach der Schlacht bei Jena die als „Wirtschafterin“ behandelte
Person den französischen Soldaten, die auf Goethe sogar mit den Waffen
eindrangen, mutig entgegengetreten war, als sie ihm vielleicht das
Leben gerettet hatte, da war die rechte Stunde gekommen.
* * * * *
Es war und blieb nur eine halbe Ehe, aber beide Teile verlangten
nichts Unmögliches voneinander und fühlten sich auch in der halben
Ehe ziemlich wohl. Christiane redete ihren Geheimrat nach wie vor
mit Sie an und lebte gewissermaßen ein Stockwerk tiefer als ihr
Gatte. Dem Fremden klang es wunderlich, wenn bei einem Mittagessen im
Goethe-Hause die Frau v. Goethe, die vielleicht eine Ausfahrt mit ihrer
Gesellschafterin vorhatte, ihren Gatten fragte: „Erlauben Sie, daß wir
uns zurückziehen?“ Wohl hatten sie einen gemeinsamen Freundeskreis,
aber Jeder hatte daneben seine besondere Welt von Bekanntschaften und
Neigungen. Goethes Genossin erfreute sich Dessen, daß er die Frauen gut
kannte und ihnen das Recht, ihrer Natur nachzuleben, willigst einräumte
und daß er die Eigenart jeder Persönlichkeit zu achten gewohnt war.
Die Freiheit, deren er selber bedurfte, gönnte er auch der Gattin. Er
konnte und wollte es sich nicht versagen, andere Mädchen und Frauen
schön und liebenswert zu finden und ihr freundliches Lächeln zu
genießen: so gestattete er auch Christianen das „Äugeln“ und scherzte
mit ihr darüber. Da sie überaus gern tanzte, ließ er sie allein auf
Bälle gehen, und die Leute mochten reden, was sie wollten. „Meine Frau
besucht in Lauchstädt Theater und Tanzsaal“ berichtet er an Bettina v.
Arnim, während er selber in Karlsbad an Silvie v. Ziegesar seine Freude
hat. Und dann heißt es an Christiane: „Fräulein Silvie ist gar lieb
und gut, wir haben viel zusammen spaziert; was sich in diesem Kapitel
bei Dir ereignen wird, erfahre ich doch wohl auch.“ Ein anderes Jahr
schreibt er wieder aus Karlsbad nach Lauchstädt: „Ich zweifle nicht,
daß alter und neuer Äugelchen vollauf sein wird; dazu wünsche auch
Glück; macht euch in jener Gegend so viel Freude wie möglich!“ Und
wie milde klingt auch seine Warnung aus etwas jüngeren Jahren: „Mit
den Äugelchen geht es, merke ich, ein wenig stark; nimm Dich nur in
acht, daß keine Augen daraus werden!“ Die große Wahrhaftigkeit zwischen
Beiden lesen wir auch aus einem Briefe heraus, in dem er erwähnt, daß
er bei Frommanns in Jena Minchen Herzlieb wiedergesehen habe. „Sie ist
nun eben ein paar Jahre älter“ schreibt er seiner Frau, „an Gestalt und
Betragen aber immer noch so hübsch und so artig, daß ich mir gar nicht
übelnehme, sie einmal mehr als billig geliebt zu haben.“ Aber wenn er
denkt, daß Christiane wohl auf seine feinen und gelehrten Freundinnen
eifersüchtig sein könnte, beeilt er sich stets, ihr zu sagen, wie
viel lieber sie ihm sei. Sie mag zuweilen nicht ohne Sorge an das
andere Ende der Ackerwand gedacht haben, wo Frau v. Stein wohnte, die
nach bitterem Gegensatz langsam wieder seine Freundin wurde; da weiß
er ihr gar zart zu sagen, daß er doch nur mit ihr ganz einig, ganz
heimisch sei. Als er mit einer andern hochgebildeten Dame, Marianne v.
Eybenberg, in Karlsbad in einem Hause wohnte, beruhigte er sie: „Mit
der lieben Hausfreundin bleibt’s, wie ich Dir schon gesagt habe; so
angenehm und liebreich sie ist, so gehn wir doch nicht auseinander, daß
sie nicht etwas gesagt hätte, was mich verdrießt. Es ist wie in der
Ackerwand.“
Und in jedem Briefe bemühte er sich, eine Freude für sie anzubringen,
ein neues Geschenk anzumelden. „Ich lege abermals ein Endchen Spitze
bei, daß ja keine Sendung ohne eine kleine Gabe komme. Lebe recht
wohl, liebe mich!“ -- „Auch bringe ich Dir eine silberne Tee- und
Milchkanne mit, zu der ich zufälligerweise ohne sonderliche Kosten
gekommen bin.“ -- „Ein recht zierliches Unterröckchen und einen großen
Shawl nach der neuesten Mode bring ich Dir mit. In Kassel kannst Du
Dir ein Hütchen kaufen und ein Kleid; sie haben die neuesten Waren so
gut als irgendwo.“ Immer wieder denkt er daran, sie zu schmücken, und
lebt ihre kleinen Freuden mit. „Schreibe mir ja, wie das schwarzseidene
Kleid geraten ist und wann Du es zum ersten Male angehabt hast“ bittet
er 1797 aus Frankfurt, und eine Woche später heißt es: „Ich bin recht
wohl zufrieden, daß Du Dir die goldenen Schnuren anschaffst und Dich
recht hübsch herausputzest.“
Und immer wieder versüßt er ihre Tage mit Liebesworten und spricht aus
der Ferne von seinem Verlangen nach ihr und ihrem Kinde. „Mit Freuden
werde ich Koppenfelsens Scheungiebel [seinem Hausgarten gegenüber]
wiedersehen und Dich wieder an mein Herz drücken und Dir sagen, daß
ich Dich immerfort und immer mehr liebe.“ „Lebe recht wohl und behalte
mich so von Grunde des Herzens lieb wie ich Dich“ ist ein Briefschluß
wie viele andere. Klagte sie ihm aber in ihrer ungelenken, naiven
Ausdrucksweise, in ihrer sehr volkstümlichen Wortschreibung, daß die
Leute wieder so schlecht über sie gesprochen hätten, daß etwa Frau v.
Staël boshaft über sie hergezogen sei, da tröstet er sie mit schönen
Worten und schließt: „Wir wollen in unserer Liebe verharren und uns
immer knapper und besser einrichten, damit wir nach unsrer Sinnesweise
leben können, ohne uns um Andere zu bekümmern.“
* * * * *
[Sidenote: Die Kinder, „so, wie Gott sie uns gab“]
Am Sohne,[21] an der Schwiegertochter, an den drei Enkelkindern
bewährte Goethe dieselbe Duldsamkeit, dieselbe Anerkennung der
Persönlichkeit und ihres jeweiligen Zustandes, dieselbe immer neue Güte.
Gerade dem häuslichen Goethe war wenig häusliches Glück beschieden:
die Gattin blieb ihm eine Halbfremde, der Sohn wurde kein glücklicher
Mann, und die Schwiegertochter erfüllte seine Hoffnungen nur zum
kleinsten Teile. Es kamen Zeiten, wo der alte Dichter den Sohn oder
die Tochter wochenlang nicht sehen mochte und einem vertrautesten
Freunde gegenüber heftig auf sie schalt. Immer wieder entschloß er
sich jedoch zu freundlichster Duldsamkeit als zu dem einzigen Mittel,
solche unabänderlichen Übel zu mildern. Er lobte den Sohn und die
Schwiegertochter, soviel er nur konnte, stellte ihre Vorzüge in
das hellste Licht und bestärkte sich immer wieder in seiner alten
Gesinnung, daß man von Kindern und jüngeren Menschen nicht die
Eigenschaften verlangen darf, die wir als Tugenden der älteren Jahre
schätzen, und daß der Mann sich hüten muß, männliche Art von Frauen zu
erwarten.
Denn wir können die Kinder nach unserm Sinne nicht formen,
So wie Gott sie uns gab, so muß man sie haben und lieben,
Sie erziehen auf’s beste und Jeglichen lassen gewähren.
Denn das Eine hat die, die Anderen andere Gaben,
Jedes braucht sie und Jedes ist doch nur auf eigene Weise
Gut und glücklich.
Schon ehe er selber Kinder hatte, war er ein eifriger Beschützer der
Kinder gegen die Erwachsenen. „Ein Blatt, das groß werden soll, ist
voller Runzeln und Knittern, eh’ es sich entwickelt; wenn man nicht
genug Geduld hat und es gleich so glatt haben will wie ein Weidenblatt,
dann ist’s übel.“ So schrieb er an seinen Freund Jacobi in Düsseldorf,
dessen Sohn schwer zu erziehen war. Der Vater -- die treffliche
Mutter war schon tot -- hatte ihn zu Matthias Claudius nach Wandsbek
zur Erziehung geschickt, danach zu der edeln Fürstin Gallitzin nach
Münster; doch der Knabe tat nicht gut. Goethe redete immer zu Geduld:
„Ich mische mich nicht gern in dergleichen Sachen ... aber das Kind
dauert mich: es ist doch Dein und Bettys Kind und gewiß nicht zum
Bösewicht, zum Nichtswürdigen geboren.“ Der Knabe wurde in der Tat kein
Bösewicht, sondern ein preußischer Geheimer Regierungsrat.
Diese Duldsamkeit zeigte Goethe auch im eigenen Hause immer wieder.
Der Sohn ist schon in seiner Kindheit von Charlotte v. Stein richtig
gezeichnet: „Ich kann manchmal in ihm die vornehme Natur des Vaters
und die gemeinere der Mutter unterscheiden. Einmal gab ich ihm ein
neues Stück Geld; er drückte es an seinen Mund vor Freuden und küßte
es, welches ich sonst am Vater auch gesehen habe. Ich gab ihm noch
ein zweites dazu, und da ruft er aus: Alle Wetter!“ August v. Goethe
war ein schöner, stattlicher Mann, als Gehülfe seines Vaters und als
Beamter wohl brauchbar, schließlich aber aus dem Geleise geratend, dem
Weingeist verfallend, als untreuer Gatte einer untreuen Gattin zu Hause
nicht glücklich, als mittelmäßig Begabter von der Größe seines Vaters
bedrückt. Holtei schildert ihn, wie er ihn 1829 sah: „Seine Heiterkeit
war wild und erzwungen, sein Ernst düster und schwer, seine Wehmut
herzzerreißend; dabei suchte er aber immer eine gewisse Feierlichkeit
der Formen zu bewahren, die oft wie eine unbewußte Nachahmung des
Vaters erschien und sich deshalb im Gegensatz zum sonstigen Tun und
Treiben gespenstig ausnahm.“ Und August selber läßt uns in sein Unglück
hineinsehen durch Zeilen, die er Schillers Sohn Ernst in’s Stammbuch
schrieb, als Dieser nach einem Besuche Weimars wieder abreiste:
Bin ich denn ganz allein?
Ich habe Vater ja,
Ich habe Frau,
Ich habe Kinder auch,
Doch keinen Freund!
Er schied!
Auf einer Reise nach Italien sollte und wollte er sich von Übeln und
Fehlern befreien: in Rom erlöste der Tod den Vierzigjährigen von allen
Übeln und Fehlern. Der Vater verbarg auch jetzt seinen Kummer, so gut
es ging, und wenn er von dem Verstorbenen sprach, suchte er die lichten
Seiten auf. Aber als er mit Riemer einmal auf häusliche Dinge und
besonders auf elterliche Gefühle zu sprechen kam, traten ihm Tränen
in’s Auge, und er wiederholte das Wort eines Franzosen: das Zarteste,
was die Natur erschaffen habe, sei ein Vaterherz.
* * * * *
[Sidenote: August und Ottilie]
„August kommt nicht wieder; desto fester müssen +wir+ zusammenhalten“
sagte er zur Schwiegertochter, als die böse Nachricht aus Rom
gekommen war. Diese Schwiegertochter, Ottilie v. Pogwisch, machte
ihm viel Kummer. Das Treiben Ottiliens sei hohl, leer, es sei weder
Leidenschaft, Neigung, noch wahres Interesse, es sei nur eine Wut,
aufgeregt zu sein, ein abenteuerliches Treiben: so sagte er zum Kanzler
einmal im Zorn über die beständigen Liebschaften Ottiliens mit den
Engländern, die in Weimar lebten. Aber in der Regel lobte er, was
gelobt werden konnte, und war gegen sie von größter Güte. Das Kränkende
ward entschuldigt und vergessen; Ottilie blieb sein Töchterchen bis zu
seiner letzten Stunde.
So sahen denn die Gäste trotz aller häuslichen Nöte im Goethehause
manches schöne Familienbild. Als der böhmische Freund Grüner 1825
kam, führte ihm Goethe seine Enkel Wolfgang und Walter zu. „Sehen Sie
meinem Wolf in die Augen“ sagte er; „es spricht so etwas heraus, daß
ich meinen sollte, er werde ein Dichter. Mein Sohn hat keine Anlage
dazu, wohl aber ist er auf seinem Platz als Kammerrat. Er versieht
auch meine ganze Wirtschaft, um die ich mich nicht zu kümmern brauche.
Meine Enkel machen mir viele Freude; sie werden gut erzogen. Meine
Schwiegertochter ist eine einsichtsvolle, in Sprachen geübte, im
Umgange in höhern Zirkeln gewandte, unterrichtete Hausfrau. Sie
dürften sich selbst bei der Soirée überzeugt haben, wie sie jeden Gast
empfangen und sich bemüht hat, Jeden nach Höflichkeit zu unterhalten.“
-- „Ich bewunderte“ antwortete Grüner „ihren edeln Anstand, ihr
einnehmendes Wesen und ihre Sprachkenntnisse.“ -- „Nun müssen Sie auch“
fuhr Goethe fort „die Sammlung meines Sohnes im Gartenhause ansehen,
welches er sich für seine Passion für Petrefakte ganz eingeräumt hat.“
Alle, die Goethe im Umgang mit Kindern sahen, rühmten sein großes
Geschick, mit ihnen umzugehen. Der Jüngling war in der Liebe zu den
kleinen Menschen seinem Werther gleich; noch der Großvater bewährte
diese Liebe am schönsten. „Er hat die Natursprache in seinem Besitz“
schreibt ein Freiherr v. Stackelberg über den Achtzigjährigen. „Es
war eine Lust, ihn mit Kindern, die immer ab und zu bei ihm vorkamen,
sprechen zu hören, denn er hat eine rührende Art, sich mit ihnen zu
unterhalten, spricht ganz in ihrem Sinne, darum sie auch an ihm hängen
und ganz mit ihm vertraut sind.“ Es ist nicht ganz Zufall, daß die
letzten Menschen, die sich rühmen konnten, Goethe noch gekannt zu
haben, nämlich drei sehr alt gewordene Damen: die Witwe des Staatsmanns
v. der Gabelentz, die Witwe des Bleistiftfabrikanten Hardtmuth und die
Witwe des Malers Karl Hummel, alle drei erzählen konnten, daß sie als
Kinder von Goethe auf den Schoß genommen und gehätschelt seien.
[Sidenote: Der Großvater]
Eine jüngere Schwester der Schwiegertochter, Ulrike v. Pogwisch, wuchs
mit im Hause auf. Sie erzählte später:
Wir nannten ihn immer den ‚Vatter‘; Das mochte er gern. O, Das war
eine Ehrfurcht, wenn der Vatter kam, und wenn er uns anredete, dann
waren wir schon glücklich. Nun mochte er es gern, daß eine von uns
jungen Mädchen in seinem Zimmer verweilte, wenn er arbeitete; doch
durfte Diese keine Handarbeit vornehmen. Auch wurde nur selten
gesprochen, er mochte uns nur gern um sich haben. Das war mir aber
zu langweilig, und so nahm ich meine Handarbeit mit. Nun gab’s ein
Gezwitscher: „Die Ulrike ist zum Vatter gegangen mit Handarbeit.“
Ich kehrte mich nicht daran, und als es dem Vatter gesagt wurde, wie
ungehorsam ich sei, lächelte er so ein ganz wenig -- er konnte oft so
ein ganz wenig lächeln, und es war dann in seinem Gesicht wie heller,
warmer Sonnenschein -- und sagte: „Beunruhigt nur die Kleine nicht,
sie darf es.“
Ebenso durfte der Enkel Wolf im heiligsten Raume des Hauses, in des
Dichters Arbeitsstube, eine Schublade des großen Tisches mit seinen
Spielsachen vollpacken und sie täglich neu ordnen; Walter durfte mit
seinen Bilderbüchern kommen und Erläuterungen verlangen, und Alma, die
einzige Enkelin, trug ihre Puppen herbei. In dem Hausrock Goethes,
der uns erhalten ist, steckt noch jetzt ein Puppenkopf. Der Großvater
fütterte die Enkelkinder heimlich, wenn die Schwiegertochter sie nach
der neuesten Lehre der Ärzte karg hielt. Und wenn die in der Mansarde
wohnenden Kinder zu lärmend spielten, schickte er Frankfurter Gebäck
hinauf; sie sollten um die einzelnen Stücke Lotto spielen: dabei mußten
sie stillsitzen! Goethe war einundachtzig Jahre alt, als Eckermann und
Gräfin Karoline Egloffstein einmal zusahen, wie der kleine Wolf seinem
Großvater recht viel zu schaffen machte. Er kletterte auf ihm herum
und saß bald auf der einen Schulter und bald auf der andern. Goethe
erduldete Alles mit der größten Zärtlichkeit, so unbequem das Gewicht
des zehnjährigen Knaben seinem Alter auch sein mochte. „Aber, lieber
Wolf“, sagte die Gräfin, „plage doch deinen guten Großvater nicht so
entsetzlich! er muß ja von deiner Last ganz ermüdet werden.“ -- „Das
hat gar nichts zu sagen“ erwiderte Wolf; „wir gehen bald zu Bette,
und da wird der Großvater Zeit haben, sich von dieser Fatigue ganz
vollkommen wieder auszuruhen.“ -- „Sie sehen“, nahm Goethe das Wort,
„daß die Liebe immer ein wenig impertinenter Natur ist.“
[21] Der Gegenstand der letzten Seiten ist gründlicher behandelt in
meinem Buche ‚Weib und Sittlichkeit in Goethes Leben und
Denken‘. Sein Verhältnis zum Sohne und zur Schwiegertochter in
dem Buche ‚Goethes Sohn‘.
XI.
Gesundheitspflege.
[Sidenote: Die Hypochondrie]
Mehr als heute galten zu Goethes Zeit die Angehörigen der gelehrten
Stände für unfrohe, mißlaunige Menschen; man sprach gar viel von
Hypochondern und Hypochondrie und meinte damit ein körperliches und
geistiges Leiden, bald mehr körperlich, bald mehr geistig, das eben bei
Männern, die in Studierstuben arbeiteten, sehr häufig war, etwa so wie
die Hysterie beim andern Geschlechte. Die körperliche Krankheit hatte
ihre Stätte, wie der Name sagt, unter dem Brustknorpel, und wurde als
Milzsucht bezeichnet oder anderen Teilen des Unterleibs zugeschrieben;
der Hämorrhoidarier war mit dem Hypochonder oft +eine+ Person. Im
geistigen Leben war die Hypochondrie eine in’s Krankhafte gesteigerte
Empfindung der Übel und Nöte, entweder des allgemeinen Weltelends
(Wertherstimmung, Weltschmerz) oder der besondern Verdrießlichkeiten,
die Keinem erspart bleiben, oder der eigenen sittlichen Beschaffenheit
(moralische Selbstbeobachtung, Tagebuchführen, Selbstquälerei,
Gewissensbisse, Reue, Buße) oder der eigenen Gesundheitszustände, wobei
immer neue bedenkliche Zustände des Körpers entdeckt und immer neue
Kuren versucht werden.
Goethe sprach 1815 einmal von der „deutschen Hypochondrie.“ Die
Deutschen und alle nördlichen Völker neigten im Gegensatz zu den
fröhlichen Romanen besonders zur Milzsucht oder zum ~spleen~; in
Deutschland aber ward ihr nicht, wie in England, durch eine frische
und lockere Jugenderziehung und viel Bewegung im freien Felde entgegen
gearbeitet. „Der dritte Teil der an den Schreibtisch gefesselten
Gelehrten und Staatsdiener ist körperlich anbrüchig und dem Dämon der
Hypochondrie verfallen“ klagte Goethe 1828.
Er selber war nicht frei von diesem allgemeinen Leiden. „Ich habe viel
Humor, bin aber dabei immer Hypochonder“ schreibt er 1780 an Knebel.
„Wie stehen Sie mit Ihrem hypochondrischen Freunde?“ fragte er Frau v.
Stein im nächsten Jahre. 1792 versichert er seiner Christiane, es fehle
ihm nicht das mindeste „und an Hypochondrie ist garnicht zu denken.“
Aber 1803 klagt Christiane einem ärztlichen Freunde insgeheim:
Ich lebe wegen des Geheimrats sehr in Sorge; er ist manchmal ganz
Hypochonder, und ich stehe viel aus; weil es aber Krankheit, so tue
ich Alles gern.
Knebel bezeugt 1807, daß Goethe seinen Zustand „eine halbe
Hypochondrie“ nannte, und im gleichen Jahre schreibt Frau Schopenhauer
ihrem Arthur:
Goethe ist seit einiger Zeit nicht recht wohl; er ist nicht krank,
aber er fürchtet, krank zu werden, und schont sich ängstlich ... Er
kommt mir zuweilen etwas hypochondrisch vor, denn seine Krankheit
verschwindet, wenn er nur ein wenig warm in Gesellschaft wird, und
Das geschieht so leicht.
„Ich finde höchst nötig“ schreibt Goethe selber wieder 1810, „mich von
gewissen hypochondrischen Einflüssen zu befreien.“
Wir brauchen jedoch nur an seine Lebensarbeit zu denken, so wissen
wir, daß er durch solche vorübergehenden Anfälle zwar der allgemeinen
Gelehrten- und Zeitkrankheit seinen Tribut zahlte, daß er aber
seiner Grundgesinnung nach das Gegenteil vom grämlichen, grilligen,
selbstquälerischen Hypochondristen war. „Hypochondrisch sein heißt
nichts Andres als: in’s Subjekt versinken“ sagte er selber 1814 zu
Riemer; sein ganzes Streben aber ging auf Objektivität.