Ist es schon töricht, das Publikum in einem wissenschaftlichen Streite
zum Richter zu machen, so ist jeder öffentliche Hader in politischen
Dingen noch viel bedenklicher. Diejenigen, die zu gemeinsamer Arbeit
für das Wohl der Stadt oder des Landes berufen sind, können freilich
nicht immer einig bleiben, und zwischen heftigen Naturen wird heftiger
Streit entstehen. Aber kluge Freunde werden dann sorgen, daß dies Feuer
auf seinen Herd beschränkt werde, daß nicht die Funken und brennenden
Scheite nach allen Seiten fliegen. Ein junger Anverwandter Goethes, J.
F. H. Schlosser in Frankfurt, hatte 1816 einen Amtsgenossen öffentlich
angegriffen; Goethe schrieb ihm, er würde in solcher Lage verzweifeln.
Beurteilen kann ich nicht, ob es unvermeidliche Notwendigkeit war,
Herrn v. Guaita auf eine unwiderrufliche Weise anzugreifen. In
ähnlichen Verhältnissen habe ich mich auch gewehrt, aber innerhalb
der Verhältnisse selbst, und es wäre mir unmöglich gewesen, das
Publikum, das nie rechten kann noch wird, dergestalt als Instanz
zu ehren ... Wenn ich mir denke, daß Sie mit diesem angesehenen,
bedeutenden Manne zeitlebens in +einer+ Stadt wohnen, öfters in
+einem+ Kollegium, vielleicht gar als Ratsherr in +einer+ Reihe
mit ihm sitzen sollen, nachdem Sie ihm seine Herkunft vorgeworfen,
seine Tüchtigkeit zu einem Geschäfte, zu dem er sich erboten,
öffentlich bezweifelt und nicht allein ihn, sondern auch seine
Freunde, Verwandte, Verbündete sich zu Todfeinden gemacht haben, ohne
vielleicht von dem gleichgültigen und schwankenden Publikum gebilligt
zu werden, so stelle ich mir Ihre und Ihres würdigen Bruders Lage so
schrecklich vor, daß ich mich darüber kaum beruhigen kann.
In solcher Gesinnung kam Goethe auch zu der weiteren Meinung, daß man
über Ortsgenossen sich überhaupt nie öffentlich äußern solle.
Über den Ort, wo man gewöhnlich sich aufhält, wird Niemand wagen,
etwas zu schreiben, es müßte denn von bloßer Aufzählung der
vorhandenen Gegenstände die Rede sein. Ebenso geht es mit Allem, was
uns noch einigermaßen nah ist. Man fühlt erst, daß es eine Impietät
wäre, wenn man auch sein gerechtestes, mäßigstes Urteil über die
Dinge öffentlich aussprechen wollte.
Es dachten freilich auch damals (1799) schon Viele anders! Die
Zeitungen fingen an, auch örtliche Nachrichten zu bringen und die
persönlichen Angelegenheiten zu berühren; nach der Schlacht bei Jena
erzählten sie z. B. auch, daß Goethe seine Haushälterin geheiratet habe
und wie es bei der Plünderung dem Romanfabrikanten Vulpius und seiner
Gattin gegangen sei. Aber solche schamlose Neuigkeitskrämerei, solches
öffentliche Zeigen von Abneigung und Haß empfand Goethe fast ebenso
schmerzlich wie die Gewalttaten der Franzosen. Denn dies war eine
Herabwürdigung, die von innen kam!
* * * * *
Manche Feindschaft entsteht aus einer plumpen Auffassung der
Wahrhaftigkeit. Alle menschliche Gesellschaft ist aber auf Höflichkeit,
Gefälligkeit und Duldung angewiesen; wer dazwischen fährt und Anderen
„seine Meinung“ oder „die Wahrheit“ sagen will, stiftet Ärger und Haß.
Eines Abends 1819 erzählten bei Goethe die jungen Gräfinnen Egloffstein
von dem damaligen Posthalter zu Langensalza, der wegen seiner
lächerlichen Eitelkeit weithin bekannt war, und die Damen gestanden,
daß sie dem Manne noch gröblich geschmeichelt hätten, wobei sie ihm
sehr wohl getan und sich heimlich vergnügt hätten. Goethe erfreute sich
an dem Berichte und meinte: darin, im Eingehen auf die Schwäche eines
Andern, bestehe die eigentliche Lebensklugheit und er rate Jedermann
ein solches Benehmen an.
Auf Juliens Frage, warum man nur gegen Karikaturen sich diese
augenblickliche Verleugnung seiner Ansichten gestatte, erwiderte
er mit sichtbarer Freude über die Bemerkung, daß diese Gattung
von Menschen, indem sie aus ihrer Natur heraustrete, auch alle
Verpflichtungen, so wir gegen uns und Andere üben, auflösten und man
daher diese Personen als halb Wahnwitzige dulde und, statt sie zu
widerlegen, in ihre Ideen eingehe.
Julie zitierte eine Person aus ihrer Bekanntschaft, wo man täglich
diese Regel übe. Jedes glaubte sie erraten zu haben, als der
alte Herr mit Feinheit einfiel, daß man nur im Staatskalender
suchen dürfe, um so einen Gegenstand zu finden. „Erhaltet eure
Aufrichtigkeit und Wahrheitsliebe soviel wie möglich“ fuhr er fort,
„aber verfallt nicht in den Fehler der jetzigen Zeit: nämlich durch
allzu große Aufrichtigkeit grob zu werden!“
Hierauf erzählte er uns eine niedliche Anekdote von einer alten
würdigen Kastellanin zu Nürnberg, welche in einer Gesellschaft von
jungen Leuten, die sich mit ungeziemender Heftigkeit und Unart
über die Schmeichler und Heuchler äußerten, plötzlich hinter ihrem
Kaffeetisch mit zusammengeschlagenen Händen in vollem Unmut ausrief:
„Ach, wie lieb’ ich die Schmeichler und Heuchler!“
* * * * *
[Sidenote: Die Gegner zu erwarten]
Je älter er wurde, um so tiefer ward seine Friedfertigkeit. Schon 1816
scherzte Goethe, er habe auf seinen letzten Reisen am Rhein und Main
das Evangelium Johannis gepredigt: „Kindlein, liebt euch, und wenn Das
nicht gehen will, laßt wenigstens einander gelten!“ Später drückte er
philosophisch-naturwissenschaftlich aus, daß wir dem Andersgesinnten,
Andersgearteten nie gram sein dürfen. So meinte er 1829 gegen seinen
jungen Anhänger Schubarth, er wolle zwar die Jugend nicht tadeln, wenn
sie sich in den Kampf stürze, müsse aber bekennen, daß bei ihm, dem
Alten, die polemischen Richtungen immer schwächer würden „und sich
nach der inneren Einheit zusammenziehen: denn die Gegenstellungen sind
überall dergestalt unvermeidlich, daß, wenn man den Menschen selbst
ganz genau in zwei Hälften spaltete, die rechte Seite sogleich mit der
linken in einen unversöhnlichen Streit geraten würde.“ Ähnlich sprach
er zu Eckermann:
Man sagt von den Blättern eines Baumes, daß deren kaum zwei
vollkommen gleich befunden werden: und so möchten sich auch unter
tausend Menschen kaum zwei finden, die in ihrer Gesinnungs- und
Denkungsweise vollkommen harmonieren. Setze ich Dieses voraus, so
sollte ich mich billig weniger darüber wundern, daß die Zahl meiner
Widersacher so groß ist, als vielmehr darüber, daß ich noch so viele
Freunde und Anhänger habe. Meine ganze Zeit wich von mir ab, denn sie
war ganz in subjektiver Richtung begriffen, während ich in meinem
objektiven Bestreben im Nachteile und völlig allein stand.
Das bezieht sich auf die Gegner aus abweichender Denkungsweise. Aber er
hatte noch viele andere.
Zuerst nenne ich meine Gegner aus Dummheit; es sind Solche, die mich
nicht verstanden und die mich tadelten, ohne mich zu kennen. Diese
ansehnliche Masse hat mir in meinem Leben viele Langeweile gemacht;
doch es soll ihnen verziehen sein, denn sie wußten nicht, was sie
taten.
Eine zweite große Menge bilden sodann meine Neider. Diese Leute
gönnen mir das Glück und die ehrenvolle Stellung nicht, die ich
durch mein Talent mir erworben. Sie zerren an meinem Ruhm und hätten
mich gern vernichtet. Wäre ich unglücklich und elend, so würden sie
aufhören.
Ferner kommt eine große Anzahl Derer, die aus Mangel an eigenem
Sukzeß meine Gegner geworden. Es sind begabte Talente darunter,
allein sie können mir nicht verzeihen, daß ich sie verdunkele.
Viertens nenne ich meine Gegner aus Gründen. Denn da ich ein Mensch
bin und als solcher menschliche Fehler und Schwächen habe, so können
auch meine Schriften davon nicht frei sein. Da es mir aber mit meiner
Bildung Ernst war und ich an meiner Veredelung unablässig arbeitete,
so war ich im beständigen Fortstreben begriffen, und es ereignete
sich oft, daß sie mich wegen eines Fehlers tadelten, den ich längst
abgelegt hatte. Diese Guten haben mich am wenigsten verletzt; sie
schossen nach mir, wenn ich schon meilenweit von ihnen entfernt war.
Übrigens muß schon ein denkender +Leser+ der Novellen, Romane und
Dramen zu solcher Duldung gelangen, also erst recht Derjenige, der
solche Werke schafft! Als geborener Dichter konnte sich Goethe in die
verschiedenartigsten Charaktere hineindenken und hineinfühlen; er wußte
also, daß sie in ihrer Art Recht hatten, daß ihr Wesen und Handeln
ausreichend begründet war. „So mußt du sein, dir kannst du nicht
entfliehen“: dies eingeborene Gesetz gilt für unsere Gegner so gut wie
für uns. Da Goethe nun sein Leben lang die Menschen auch noch fleißig
beobachtete und studierte, so wurde sein Verhältnis zu ihnen immer
sachlicher: der Gegner erschien ihm immer mehr das natürlichste Ding
von der Welt.
Was klagst du über Feinde?
Sollten Solche je werden Freunde,
Denen ein Wesen, wie du bist,
Im Stillen ein ewiger Vorwurf ist?
* * * * *
[Sidenote: Die philosophische Betrachtung der Feinde]
Aber ist diese philosophische Betrachtung der Feinde durchzuführen? Die
Feinde schaden uns doch, wenn sie es irgend können, oder sie schaden
unsern Freunden und der guten Sache. Dürfen wir die Schlechten, die
Verblendeten, die Unwissenden ruhig gewähren oder gar herrschen lassen?
Goethes Antwort ist, daß die Feinde, solange wir selber richtig
handeln, uns nur selten schaden können und daß der Krieg nicht das
Mittel ist, ihnen Abbruch zu tun. Lassen wir uns auf den Ringkampf ein,
so verbrauchen wir unsere Zeit und Kraft dazu, ihre Stöße abzuwehren,
ihre Blöße zu erspähen, und wir ermüden sogar durch die Schläge, die
wir selber austeilen. Mit demselben Aufwand können wir ohne Kampf
unserer Sache erfolgreicher dienen. In einer der letzten hundert Nächte
seines Lebens lag Goethe lange schlaflos; er hatte Vorträge von Carus
in Dresden über Psychologie gelesen; sie reizten ihn zu Gegengedanken,
und er arbeitete im Kopfe aus, was er über den gleichen Gegenstand
sagen würde. Und diktierte am andern Morgen ins Tagebuch: „Streiten
soll man nicht, aber das Entgegengesetzte faßlich zu machen, ist
Schuldigkeit.“
Verwandte Maximen hatte er schon früher aufgeschrieben: „Der Irrtum
wiederholt sich immerfort in der Tat; deswegen muß man das Wahre
unermüdlich in Worten wiederholen.“ Oder:
Es mag sich Feindliches eräugnen,
Du bleibe ruhig, bleibe stumm!
Und wenn sie dir die Bewegung läugnen,
Geh’ ihnen vor der Nase herum!
Schon als Sechsundzwanzigjähriger, im ersten weimarischen Dienstjahre,
hielt Goethe es so und lebte, während er nach Wielands Ausdruck die
ganze Hennebergische Natur abzeichnete, in Ilmenau völlig unbekümmert,
„daß die Welt, die er vergessen hat, soviel von ihm und gegen ihn
spricht.“ Er sah damals wohl ein, daß er von den gegen ihn, den
Günstling eines unreifen Fürsten, erhobenen Anklagen sich rein waschen
müsse; aber nicht Reden waren die beste Verteidigung, sondern ein
andauerndes uneigennütziges Handeln. Als Schriftsteller hatte er
die gleiche Politik. „Lassen Sie uns nur unsern Gang unverrückt
fortgehen!“ schrieb er 1795 an Schiller; „ich kenne das Possenspiel
des deutschen Autorwesens schon zwanzig Jahre in- und auswendig. Es
muß nur +fortgespielt+ werden: weiter ist dabei nichts zu sagen.“ Und
das Gleiche lehrte er für häusliche und bürgerliche Dinge. Als seine
Christiane nach der kirchlichen Trauung mit ihm noch mehr als früher
angegriffen und verleumdet wurde, antwortete er ihr:
Wenn Dir die Leute Deinen guten Zustand nicht gönnen und Dir ihn zu
verkümmern suchen, so denke nur, daß Das die Art der Welt ist, der
wir nicht entgehen. Bekümmere Dich nur nichts drum, so heißt’s auch
nichts! Wie mancher Schuft macht sich jetzt ein Geschäft daraus,
meine Werke zu verkleinern! Ich achte nicht darauf und arbeite fort.
Wo aber die Feindseligkeiten in der Tat nicht wirkungslos bleiben,
fragt es sich noch, ob sie schaden oder nützen. Gegen den französischen
Diplomaten Reinhardt meinte Goethe 1807:
Der böse Wille, der den Ruf eines bedeutenden Mannes gern vernichten
möchte, bringt sehr oft das Entgegengesetzte hervor: er macht die
Welt aufmerksam auf eine Persönlichkeit, und da die Welt, wo nicht
gerecht, doch gleichgültig ist, so läßt sie sich’s gefallen, nach
und nach die guten Eigenschaften Desjenigen gewahr zu werden, den
man ihr auf das schlimmste zu zeigen Lust hatte. Ja, es ist sogar im
Publikum ein Geist des Widerspruchs, der sich dem Tadel wie dem Lobe
entgegensetzt.
Und an Schiller schrieb Goethe sogar, die gegen sie beide gerichteten
Schmähschriften seien ganz nach seinem Wunsche, denn
es ist eine nicht genug gekannte und geübte Politik, daß Jeder, der
auf einigen Nachruhm Anspruch macht, seine Zeitgenossen zwingen soll,
Alles, was sie gegen ihn in petto haben, von sich zu geben. Den
Eindruck tilgt er durch Gegenwart, Leben und Wirken jederzeit wieder.
Was half’s manchem bescheidenen, verdienstvollen und klugen Mann,
daß er durch unglaubliche Nachgiebigkeit, Untätigkeit, Schmeichelei
und Rücken und Zurechtlegen einen leidlichen Ruf zeitlebens
erhielt? Gleich nach dem Tode sitzt der Advokat des Teufels neben
dem Leichnam, und der Engel, der ihm Widerpart halten soll, macht
gewöhnlich eine klägliche Gebärde.
* * * * *
[Sidenote: Kluge Politik gegen Feinde]
Eine andere zwar nicht unbekannte, aber doch „nicht genug gekannte und
geübte Politik“, die Angreifer loszuwerden, üben wir, indem wir uns
unempfindlich stellen. Wehe dem Knaben, der andere Buben merken läßt,
daß er sehr kitzlich ist, und wehe dem im öffentlichen Leben stehenden
Manne, der dem Gegner verrät, daß seine Pfeile schmerzen! Wer die
Zähne zusammenbeißt und eine gute, oder doch gleichgültige Miene zum
bösen Spiel macht, setzt die Angreifer matt und stärkt sich nebenbei
im Stoizismus, der ihn den nächsten Angriff schon viel leichter
ertragen läßt. Goethe hat (Dichtung und Wahrheit I, 2) in seiner
Knabenzeit unter roheren Gespielen auch diese Schule durchgemacht und
im Unterdrücken des Schmerzes Tüchtiges geleistet. „Dadurch setzt man
sich in einen großen Vorteil, der uns von Andern so geschwind nicht
abgewonnen wird.“
* * * * *
[Sidenote: Kotzebue]
Ein sehr derbes, aber auch sehr richtiges Bild hat Goethe einmal
vom Hassen gegeben: „Der Haß gleicht einer Krankheit, dem Miserere,
wo man vorn herausgibt, was eigentlich hinten weggehen sollte.“ Wie
Goethe seine Feinde verdaute und zur eigenen Ernährung ausnutzte, Das
sieht man am besten an seinem Verhalten zu Kotzebue. Dieser machte
es sich, als er aus Goethes Kreise zurückgewiesen war, zum Geschäft,
auf jede Art und Weise seinem Talent, seiner Tätigkeit, seinem Glück
entgegenzutreten.[20] Goethes Hausmittel dagegen war: „die Existenz
Desjenigen, der mit Abneigung und Haß verfolgt, als ein notwendiges,
und zwar günstiges Ingrediens zu der seinigen zu betrachten.“ So hielt
er es auch mit diesem Angreifer:
Ich denke ihn mir gern als Weimaraner und freue mich, daß er der mir
so werten Stadt das Verdienst nicht rauben kann, sein Geburtsort
gewesen zu sein. Ich denke mir ihn gern als schönen, muntern Knaben,
der in meinem Garten Sprengel stellte und mich durch seine freie
Tätigkeit sehr oft ergötzte. Ich gedenke seiner gern als Bruder eines
liebenswürdigen Frauenzimmers [Malchen K.], die sich als Gattin
[des Dr. Gildemeister in Bremen] und Mutter immer verehrenswert
gezeigt hat. Gehe ich nun seine schriftstellerischen Wirkungen
durch, so vergegenwärtige ich mir mit Vergnügen heitere Eindrücke
einzelner Stellen, obschon nicht leicht ein Ganzes, weder als Kunst-
noch Gemütsprodukt, weder als Das, was es aussprach, noch was es
andeutete, mich jemals anmuten und sich mit meiner Natur vereinbaren
konnte. Sehr großen Vorteil dagegen hat mir seine literarische
Laufbahn in Absicht auf Übung des Urteils gebracht, welches wir am
eigentlichsten durch die Produktionen der Gegenwart zu schärfen
vermögend sind. Er hat mir Gelegenheit gegeben, manche Andere, ja das
ganze Publikum, kennen zu lernen. Ja, ich finde noch öfters Anlaß,
seine Leistungen, denen man Verdienst und Talent nicht absprechen
kann, gegen überhinfahrendes Tadeln und Verwerfen in Schutz zu
nehmen. Betrachte ich mich nun gar als Vorsteher eines Theaters
und bedenke, wie viele Mittel er uns in die Hand gegeben hat, die
Zuschauer zu unterhalten und der Kasse zu nutzen, so wüßte ich nicht,
wie ich es anfangen sollte, um den Einfluß, den er auf mein Wesen und
Vornehmen ausgeübt, zu verachten, zu schelten oder gar zu leugnen;
vielmehr glaube ich alle Ursache zu haben, mich seiner Wirkung zu
freuen und zu wünschen, daß er sie noch lange fortsetzen möge.
Goethe ließ in der Tat von 1791-1817 nicht weniger als 84 Stücke seines
Feindes Kotzebue aufführen; weit über 600 Abende besetzte er damit;
weder Schiller, noch Goethe, noch sonst ein Dichter wurden auf der
weimarischen Bühne auch nur annähernd so viel gespielt. Einmal verschob
Goethe seine Badereise, um Kotzebues Posse ‚Der Rehbock‘ völlig
einzustudieren; ja, im Jahre 1817 wandte er vier Wochen fleißiger
Arbeit daran, um den ‚Schutzgeist‘ zu kürzen und umzuarbeiten, weil
sonst das Stück auf der Bühne nicht zu halten gewesen wäre. Und gleich
danach widmete er ebensoviel Sorgfalt dem Lustspiel ‚Die Bestohlenen‘.
Goethes Hausmittel gegen diesen Feind sieht beinahe christlich aus;
er will es aber weder als christlich noch als sonst hochmoralisch
empfehlen: es sei einfach einem verklärten Egoismus entsprungen
und bewähre sich als praktisch, um die unangenehmsten von allen
Empfindungen aus dem Gemüt zu verbannen: kraftloses Widerstreben
und ohnmächtigen Haß. In der Lehre, man solle seine Feinde lieben,
scheint ihm das Wort „lieben“ gemißbraucht oder doch in einem andern
Sinne gebraucht zu sein, als es sonst hat; er will deshalb lieber
jenen weisen Spruch mit Überzeugung wiederholen, daß man einen
guten Haushalter hauptsächlich dann erkenne, wenn er sich auch des
Widerwärtigen vorteilhaft zu bedienen wisse.
Goethe hatte auf Kotzebue das Verschen gemacht:
Natur gab dir so schöne Gaben,
Als tausend andre Menschen nicht haben;
Sie versagte dir aber den schönen Gewinst:
Zu schätzen mit Freude fremdes Verdienst.
Wollte er diesen Feind völlig überwinden und von ihm Gewinn statt
Schaden haben, so mußte er dessen Fehler mit der entgegengesetzten
Tugend vernichten:
Nicht größeren Vorteil wüßt’ ich zu nennen,
Als des Feindes +Verdienst+ erkennen.
[19] Zu Eckermann 21. März 1830 über die ‚Piken‘ in der
‚Walpurgisnacht‘.
[20] Biographische Einzelheiten. Kotzebue.
X.
Familienleben.
„Glückselig Der, dessen Welt innerhalb des Hauses ist!“ schrieb Goethe
an Kestner, der mit Lotte Buff aus Wetzlar sich einer aufblühenden
Familie erfreute. Und als er im Mai 1790 freie Ferientage in Venedig
verbrachte, dachte er sehnsüchtig an das eigene Heim im Jägerhause zu
Weimar, wo seine Christiane seiner harrte:
Weit und schön ist die Welt, doch o, wie dank ich dem Himmel,
Daß ein Gärtchen beschränkt zierlich mir eigen gehört!
Bringet mich wieder nach Hause! Was hat ein Gärtner zu reisen?
Ehre bringt’s ihm und Glück, wenn er sein Gärtchen besorgt!
Zeitlebens war Goethe sehr häuslich gesinnt, und wenn er auch
keineswegs zu den Damenfreunden gehörte, die die weibliche
Gesellschaft der männlichen vorziehen, und wenn er noch weniger zu
den Schmetterlingen und Don Juans gehörte, denen es um wechselreiches
Naschen zu tun ist, so fühlte er sich doch aus seiner Arbeit und aus
seinem männlichen Freundeskreise auch immer wieder zur weiblichen Natur
hingezogen und war glücklich im gegenseitigen Geben und Empfangen mit
geliebten Frauen.
Trotzdem gelangte er erst spät und dann auch nur halbwegs zur Ehe.
Es fiel ihm in allen Dingen sehr schwer, entscheidende Entschlüsse zu
fassen. „Eine Verlobung oder Heirat aus dem Stegreife war mir von jeher
ein wahrer Greuel“ sagte er 1825 zum Kanzler v. Müller.
Eine Liebe wohl kann im Nu entstehen, und jede echte Neigung muß
irgend einmal gleich dem Blitze plötzlich aufgeflammt sein, aber
wer wird sich denn gleich heiraten, wenn man liebt? Liebe ist etwas
Ideelles, Heiraten etwas Reelles, und nie verwechselt man ungestraft
das Ideelle mit dem Reellen. Solch ein wichtiger Lebensschritt will
allseitig überlegt sein und längere Zeit hindurch, ob auch alle
individuellen Beziehungen, wenigstens die meisten, zusammenpassen.
So dachte er immer: „Lieben heißt leiden, man +muß+ es nur, man will
es nicht“, oder: „Als ob die Liebe etwas mit dem +Verstande+ zu tun
hätte!“ Die Ehe aber galt zu Goethes Zeit viel allgemeiner als heute
für eine Verstandessache; sie war also viel seltener eine Folge des
Verliebens, hatte auch die Liebe nicht zur Voraussetzung. Vielmehr
ward sie als eine praktische, gemeinnützige Einrichtung aufgefaßt,
die den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zustand beider Gatten
verbessern, ihr leibliches und seelisches Wohlbefinden erhöhen und
zum Aufziehen eines neuen Geschlechtes die geschützte Stätte liefern
sollte. Man nahm an, daß ein wünschenswertes Maß von Liebe sich in der
Ehe von selbst einstelle, da die Gatten manche Annehmlichkeiten von
einander haben und wirtschaftlich der Welt gegenüber verbündet sind.
Die Brautleute waren in der Regel noch jung genug, um sich einander
anzupassen; namentlich gab man die Mädchen fast noch im kindlichen
Alter, wo sie noch biegsam und bildsam sind, an ihre Eheherren. Goethe
hat einmal die Erfahrung ausgesprochen: die Liebe der Frauen sei
meistens eine pflichteifrige, die der Männer eine enthusiastische. Aus
dieser Erfahrung heraus sah man auch den verheirateten Männern neue
Verliebtheiten nach, erklärte jedoch die Liebe zu einer Pflicht der
Ehe, namentlich für die Ehefrauen. Und viele Frauen liebten in der Tat
deshalb ihre Männer, weil sie an diese Pflicht glaubten, und waren
ihnen treu und untertan, wie es der Pfarrer bei der Trauung als Gottes
Gebot gelehrt hatte.
* * * * *
[Sidenote: Auffassung der Ehe]
Aber wenn Goethe in jungen Jahren um sich schaute, so sah er unter
den Ehen, in die er die besten Einblicke hatte, kaum eine, wie er
sie für sich wünschen konnte. Seine Mutter und seine Schwester waren
an brave Männer und dennoch übel verheiratet. Herzog Karl August und
Herzogin Luise waren vortreffliche junge Menschen, aber ihre Ehe war
Verdruß und Not. Seine beste Freundin, Charlotte v. Stein, hatte
einen achtungswerten Gatten, aber in ihrem inneren Leben ging er nur
so nebenher. Dazu kamen dann die Ehepaare, deren Zank und Streit
öffentlich bekannt war oder wo der Eine dem Andern davonlief. Es traten
nicht wenige Frauen auf, die zu pflichtmäßiger Liebe nicht mehr fähig
oder willig waren; es waren Frauen, die sich durch Stärke des Geistes
und Gefühls auszeichneten. Charlotte v. Kalb und Karoline v. Beulwitz
hatten gegen ihre Männer keine erheblichen Anklagen, aber sie drangen
auf Scheidung, weil sie ein hohes Ideal vom Manne in ihren Herzen
trugen; beide hängten eine Zeitlang ihre Herzen an Schiller. Eine noch
schlimmere Plage ihres rechtschaffenen Gatten war Emilie v. Berlepsch,
die den Jean Paul für sich verlangte und vorher sehr gern Frau v.
Goethe geworden wäre. Die hübsche Frau v. Werthern entlief ihrem
Gatten, weil sie in August v. Einsiedel einen romanhaft vollkommenen
Mann gefunden zu haben glaubte. Immer wieder ward Goethe daran
erinnert, daß die Ehe gerade für Menschen von verfeinerten Ansprüchen,
für Menschen, die von Höhe zu Höhe schreiten, leicht zur qualvollsten
Lebenslast wird.
[Sidenote: Die Ehen ringsum]