Goethe war sich bewußt, daß lang andauernde Freundschaften zeitweilig
ruhen müssen. Wir dürfen es nicht verübeln, sondern müssen geradezu
erwarten, daß der Andre sich zeitweilig von uns entfernt und neue
Menschen genießt. Wer eine beständig gleichmäßige Freundschaft fordert,
zerstört eben dadurch die Fortdauer des guten Verhältnisses. Wieland
und Goethe standen miteinander zeitlebens gut, seitdem sie sich von
Angesicht kannten, d. h. von 1775 bis 1813, aber der anfängliche
tägliche und brüderliche Verkehr ward bald viel seltener; Goethe mußte
sich gefallen lassen, daß sich Wieland mehr an Herder anschloß, und
ebenso Wieland, daß sich Goethe und Schiller beinahe gegen alle Welt
verbündeten. Dies Abnehmen und Zunehmen der Freundschaft soll man
erwarten. „Wer sich nähert, Den stoßt nicht zurück“ riet Goethe seiner
Frau und seinem Sohne, „und wer sich entfernt, Den haltet nicht auf,
und wer wiederkommt, Den nehmt auf, als wenn er nicht weg gewesen wäre.“
Auch als Goethe und Schiller Freunde waren, gab es Wochen, wo sie
einander mieden, weil sie sich nicht einig fühlten. Und ebenso gab es
Zeiten, wo Goethe und Karl August miteinander diplomatisch „wie zwei
Großmächte“ verkehrten. Sein gutes Verhältnis mit Fritz Jacobi, der
in der Weltanschauung zu ganz andern Sätzen kam, konnte Goethe bis zu
Jacobis Tode nur dadurch erhalten, daß sie jahrelang die Aussprache
unterließen und geduldig die Gelegenheiten abwarteten, wo sie einander
wieder Liebes erweisen konnten. Aus solchen Erfahrungen schrieb Goethe
1827 nach einer Meinungsverschiedenheit an seinen Verleger Cotta:
Ich habe, wenn zwischen Freunden, notwendig Verwandten und
Verbundenen sich einige Differenz hervortat, immer lieber geschwiegen
als erwidert; denn in solchen Fällen bleibt ein Jeder doch
einigermaßen auf seinem Sinn, und so entstehen aus gewechselten
Äußerungen neue Differenzen, und die Mißverständnisse verwickeln
sich, anstatt sich aufzuklären. Dagegen habe ich gefunden: die +Zeit+
sei die eigentlichste Vermittlerin; in derselben entwickeln sich
Handlungen, die einzige Sprache, die zwischen Freunden giltig ist, um
das wahre Verhältnis auszudrücken.
Die frühen Jugendfreundschaften kann man wie eine erste Liebe in ihrer
Schönheit nur erhalten, wenn man sie gänzlich im Erinnerungsleben
beläßt. 1824 war von Goethes Landsmann Klinger die Rede, der in Rußland
zu hohem Ansehen gestiegen war; er hatte sich kürzlich als ein guter
Freund Goethes bewiesen; trotzdem sagte Dieser:
Alte Freunde muß man nicht wiedersehen. Man versteht sich nicht
mehr mit ihnen; Jeder hat eine andere Sprache bekommen. Wem es
ernst um seine innere Kultur ist, hüte sich davor! Denn der alsdann
hervortretende Mißklang kann nur störend auf uns einwirken, und man
trübt sich das reine Bild des früheren Verhältnisses.
[Sidenote: Zerstörte Freundschaften]
Von drei Jugendfreunden, die er sehr geliebt hatte, wandte sich
Goethe mit stillem Kummer und Zorn allmählich ab: von Merck,
Lavater und Herder. Mit Lavater hatte er sich verbrüdert, als er
selber zum Pietismus neigte; was bei Goethe nur ein anfänglicher
Entwicklungszustand war, blieb Lavaters Natur bis ans Ende. Deswegen
hätten sie nun wohl Freunde bleiben können, zumal bei der großen
Entfernung zwischen Zürich und Weimar, vertrug und verstand sich doch
Goethe auch mit manchem gläubigen Katholiken! Aber Lavater, der sonst
von Herzen Gütige, verkündigte seinen Glauben mit solcher Inbrunst, daß
er gegen Andersdenkende ungerecht und beleidigend wurde; Goethe warnte
ihn schon 1779, als man eine Zusammenkunft plante, in seiner feinen
Weise vor dieser Untugend, indem er bat, „daß wir einander unsere
Partikular-Religionen ungehudelt lassen; Du bist gut darinne, aber
ich bin manchmal hart und unhold.“ Lavater hielt jedoch nicht Ruhe und
wurde überlästig wie jeder Freund, der einen allein-seligmachenden
Glauben zu haben meint und uns nun mit Gewalt in seinen Himmel führen
möchte. Schlimm war auch, daß Lavaters Glaubenslust an den Mysterien
des Neuen Testaments noch nicht satt wurde, sondern auch alle
Wundertaten Gaßners, Kaufmanns, Cagliostros und anderer Schwindler
oder Halbschwindler gläubig aufnahm und weiter verkündete. Dadurch
kam er schließlich in Verdacht, es selber mit der Wahrheit nicht
genau zu nehmen. Jedenfalls mochte Goethe, dem die Wahrhaftigkeit das
erste und vornehmste Gebot war, nicht mit Phantasten und Betrügern
freundschaftlich verbunden sein.
Merck war ein ganz anderer Geist; ihn betrog Niemand; er sah und
sagte die verdrießlichen Wahrheiten und öffnete seinem jungen Freunde
Goethe mehr als einmal die Augen. Da es ihm selber nicht gut ging,
tröstete und erfreute er sich an der Beobachtung der Schwächen
seiner Mitmenschen, am Aufdecken ihrer Blößen. Er ward mit der Zeit
ein halber Mephistopheles: Gemüt und Gewissen schrumpften ein, weil
Verstand, Witz, scharfer Blick, kluge Kenntnis der Welt die Übermacht
gewannen. So schrieb er nach Weimar an den Herzog und seine Mutter
sehr unterhaltende Briefe, in denen er über alles Närrische, Kranke,
Schlimme im Darmstädtischen und in der Nachbarschaft am Rhein und
Main berichtete und spottete; die Empfänger lasen Dergleichen mit
Vergnügen und sogar mit Belehrung, aber Goethe erinnerte sich, daß
der Briefschreiber im Dienst des Landgrafen von Darmstadt stand, daß
er also treulos und verräterisch gegen seine Ernährer und Ortsfreunde
handelte. Und Goethe war sich bewußt, daß alle menschliche Gesellschaft
und Behaglichkeit auf gegenseitiges Wohlwollen, Dulden und Tragen
angewiesen ist; der rücksichtslose Fehlerfinder ist ein Feind der
Gesellschaft: wer mag ihm nahe bleiben?
Seltsamer Weise trug auch der erste christliche Geistliche in Weimar,
Herder, neben dem faustischen einen Mephistopheles-Geist in sich. Er
war ein Unzufriedener wie Merck und ergrimmte oft über Diejenigen, die
ihm oder seinem Amte nicht so viel Gehör, Macht und Einfluß gewährten,
wie er fordern zu dürfen glaubte. Goethe war viele Jahre sein Freund
und Bewunderer, wie denn Herder immer Männer und Frauen um sich hatte,
die ihn verehrten; Goethe ertrug viele Jahre Herders Fehler und hätte
gern die alte Freundschaft dadurch aufrecht erhalten, daß er den
Verkehr und die Berührungspunkte verminderte. In diesem Sinne schrieb
er einmal an Herders ältesten Sohn, damit es die Eltern bedächten:
Wenn wir immer vorsichtig genug wären und uns mit Freunden nur von
+einer+ Seite verbänden, von der sie wirklich mit uns harmonieren,
und ihr übriges Wesen weiter nicht in Anspruch nähmen, so würden die
Freundschaften weit dauerhafter und ununterbrochener sein. Gewöhnlich
aber ist es ein Jugendfehler, den wir selbst im Alter nicht ablegen,
daß wir verlangen, der Freund solle gleichsam ein anderes Ich sein,
solle mit uns nur ein Ganzes ausmachen, worüber wir uns dann eine
Zeitlang täuschen, das aber nicht lange dauern kann.
Leider wurde oder blieb der „Töpferberg“, wo Herder hinter der
Stadtkirche seine Amtswohnung hatte, eine Stätte des Grolls, von
wo bald gegen Goethe und Schiller, bald gegen den Herzog und seine
Minister, bald gegen den ehemaligen Lehrer Immanuel Kant Blitze
geschleudert wurden, die nicht töteten, nicht lähmten, aber doch
ärgerten. Goethe und Herder begegneten sich selten; wenn es geschah,
fühlten sie sich zuweilen einig wie sonst, bis irgend eine Bemerkung
offenbarte, wie fern und feindlich sie jetzt standen. In seinen
‚Annalen‘ von 1803 zeigt Goethe das Gift, das diese Freundschaft mit
Herder zerstörte:
Schon drei Jahre vor seinem Tode hatte ich mich von ihm
zurückgezogen, denn mit seiner Krankheit vermehrte sich sein
mißwollender Widerspruchsgeist und überdüsterte seine unschätzbare
einzige Liebensfähigkeit und Liebenswürdigkeit. Man kam nicht zu ihm,
ohne sich seiner Milde zu erfreuen; man ging nicht von ihm, ohne
verletzt zu sein. Wie leicht ist es, Irgendjemand zu kränken oder
zu betrüben, wenn man ihn in heitern, offenen Augenblicken an eigne
Mängel, an die Mängel seiner Gattin, seiner Kinder, seiner Zustände,
seiner Wohnung mit einem scharfen, treffenden, geistreichen Wort
erinnert!
* * * * *
[Sidenote: Ungleiche Meinung, gemeinsames Handeln]
Goethe war zart und behutsam gegen seine Freunde, schonte ihre
empfindlichen Stellen, wie er die seinen geschützt zu sehen wünschte,
behinderte ihre Freiheit nicht, weil er selber frei sein wollte. Und er
erwartete nicht zu viel von der Freundschaft: sie ist ein köstliches
Glas, das uns erhalten bleibt, wenn wir es schonen und behüten.
Goethes vorsichtiges Schonen der Freundschaft zeigt uns Riemers
Mitteilung, daß Goethe über die Personen, die er liebte, nicht urteilen
wollte. „+Ich denke nicht über sie+“ sagte er, wenn man ihm von ihren
Eigenheiten und Fehlern etwas vorreden wollte.
Namentlich aber wußte er, daß wir die Freundschaften erhalten können,
wenn wir, statt auf Gleichheit der +Meinungen+ zu drängen, uns
gegenseitig in der Arbeit und in der Ausbildung unseres Wesens nützen.
Das sicherste Mittel, ein freundliches Verhältnis zu hegen und zu
pflegen, finde ich darin, daß man sich wechselweise mitteile, was man
tut; denn die Menschen treffen viel mehr zusammen in Dem, was sie
tun, als in Dem, was sie denken.[17]
Daß sich Freunde zu ein und derselben Arbeit vereinigen können, ist
selten; wohl aber können sie einander bei ihren besonderen Arbeiten
anregen, anfeuern, belehren, aufklären, aushelfen. Goethe, der über
sein Genie wenig Herr war und die Poesie keineswegs „kommandieren“
konnte, bedurfte solcher Freundesdienste in hohem Maße und schätzte sie
darum auf das dankbarste. Erst die Freunde klärten ihn über sich selber
auf; er bekannte gern, daß er von Personen, denen es gefiel, freundlich
über ihn zu reflektieren, Manches gelernt und sie deshalb verehrt
habe.[18]
Widersacher kommen nicht in Betracht, denn mein Dasein ist ihnen
verhaßt; sie verwerfen die Zwecke, nach welchen mein Tun gerichtet
ist, und die Mittel dazu achten sie für ebenso vieles falsches
Bestreben. Ich weise sie daher ab und ignoriere sie, denn sie können
mich nicht fördern, und Das ist’s, worauf im Leben Alles ankommt!
Von Freunden aber laß’ ich mich ebenso gern bedingen als in’s
Unendliche hinweisen; stets merke ich auf sie mit reinem Zutrauen zu
wahrhaftiger Erbauung.
[Sidenote: Kleine Aufmerksamkeiten]
Goethe erwiderte seinen Freunden und Denen, die es gern sein
wollten, oft nicht nach Wunsch; sie bedachten nicht, wie viele
Menschen Großes und Kleines von ihm begehrten und daß er doch auch
für sich selbst, seine Ämter, seine Studien, seine Dichterarbeit
leben wollte. Er vermied die Gefühlsergüsse und versäumte die
herkömmlichen Freundschaftshandlungen fast regelmäßig, also namentlich
die schriftlichen oder mündlichen Teilnahme-Versicherungen bei
Familien-Ereignissen. Dagegen verstand er sich auf große und kleine
Liebesdienste außer der Regel. So ärgerte sich die alte Frau v.
Stein, daß der ehemalige Pflegevater sich zu den Schicksalen ihres
Lieblingssohnes Fritz kaum äußerte; aber wenn sie den Schmerz hatte,
daß ihr sehr geliebter Kanarienvogel umkam, so erwachte sie am andern
Morgen an dem Gesang eines neuen Hänschens, den ihr Goethe heimlich
hatte in das Bauer setzen lassen.
Solche kleinen, aber wirklich ihren Namen verdienenden Aufmerksamkeiten
nahm er, wenn sie ihm erwiesen wurden, recht dankbar auf. Eine Frau v.
Eybenberg, mit der er von den böhmischen Bädern her befreundet war,
rühmte er deswegen:
Sie haben unter so vielen liebenswürdigen Eigenschaften die besondere,
daß Sie die kleinen grillenhaften Wünsche Ihrer Freunde für Etwas
halten und, um sie zu befriedigen, sich eine gefällige Mühe geben
mögen. Sie wissen vielleicht selbst nicht, daß diese Eigenschaft
so selten ist. Man liebt seine Freunde, man schätzt sie, man mag
ihnen gern einmal einen derben Dienst, auch mit einiger Aufopferung,
erzeigen; aber einem flüchtigen Geschmacke, einem launigen Einfalle,
irgend einer Grille genugzutun, sind wir, ich weiß nicht: zu bequem,
zu nachlässig, zu trocken, zu falsch-vornehm, und bedenken nicht, daß
eben diese wunderlich scheinenden Gelüste, befriedigt, den angenehmsten
Genuß geben.
[16] Diejenige mit Zelter glaube ich in meinem Werke ‚Die Tonkunst in
Goethes Leben‘ hinreichend begründet zu haben.
[17] 1798 an August Herder.
[18] An Schubarth, 2. April 1818.
IX.
Feinde.
Einst trug der dänische und deutsche Dichter Öhlenschläger ein paar
scharfe Spottgedichte vor, die gegen bekannte Schriftsteller gerichtet
waren. „So etwas sollt Ihr nicht machen!“ rief ihm Goethe zu; „wer Wein
machen kann, soll keinen Essig machen!“ -- „Haben Sie denn keinen Essig
gemacht?“ fragte der kluge Däne, aber „Teufel noch einmal!“ erwiderte
Goethe: „Weil ich es gemacht habe, ist es darum recht?“
[Sidenote: Jugendlust am Kampfe]
Als Goethe in die deutsche Schriftstellerwelt eintrat, mit 22 bis 25
Jahren, zog er sich aus Mutwillen nicht wenige Feinde und Tadler zu.
Trotz aller angeborenen Ernsthaftigkeit und Gutmütigkeit liebte er das
Raufen: den kecken Angriff, das Necken und Daraufhauen, wohlverstanden:
nur mit der Feder, also das Pasquilieren, wie man damals sagte. Er
und seine Freunde hänselten sich gegenseitig; Das war nicht nur eine
lustige Unterhaltung, sondern es übte auch die Selbstbeherrschung und
Geistesgegenwart; man konnte es mit dem Degenfechten vergleichen oder
gar an jene Flibustier erinnern, „welche sich in jedem Augenblicke der
Ruhe zu verweichlichen fürchteten, weshalb der Anführer, wenn es keine
Feinde und nichts zu rauben gab, unter dem Gelagtisch eine Pistole
losschoß, damit es auch im Frieden nicht an Wunden und Schmerzen fehlen
möge.“ Aber Goethe richtete seine Waffen auch gegen Schriftsteller,
nach deren Bereitwilligkeit zu solchem Spiel er nicht vorher fragte.
Unangenehme Gegenwirkungen konnten nicht ausbleiben. Namentlich aber
erfuhr Goethe, daß einige der Verletzten recht vortreffliche Menschen
waren, die er achten und lieben mußte, sobald er sie in der Nähe sah.
Besonders beschämte ihn auch die vornehme und sehr kluge Art, mit der
Wieland seine Pfeile abschüttelte. „Ich bin eben prostituiert!“ rief
er aus, als er sah, daß Wieland keineswegs auf Rache sann, sondern
des jungen Angreifers Talent lobte und seine Fehler als Eigenschaften
brausender Jugend rechtfertigte. Bald danach lernte er weimarische
Freunde Wielands kennen, und namentlich mit Knebel sprach er sich
über seine Streitschriften aus. „Es ist ein Bedürfnis seines Geistes,
sich Feinde zu machen“ schrieb damals Knebel heim; „der Bube ist
kampflustig, er hat den Geist eines Athleten.“ Und weiter: „Wie er
der allereigenste Mensch ist, der vielleicht nur gewesen sein mag, so
fing er mir einmal abends in Mainz ganz traurig an: „Nun bin ich mit
all den Leuten wieder gut Freund, den Jacobis, Wieland ... Das ist
mir gar nicht recht! Es ist der Zustand meiner Seele, daß, sowie ich
Etwas haben muß, auf das ich eine Zeitlang das Ideal des Vortrefflichen
lege, so auch wieder Etwas für das Ideal meines Zorns. Ich weiß, Das
sind lauter vortreffliche Leute, aber just deshalb: was kann ich ihnen
schaden? Was nicht Stroh ist, bleibt doch!““
[Sidenote: Xenien und Versöhnung]
Auch in der ersten weimarischen Zeit juckte das unruhige Blut noch in
ihm, und der neue Freundeskreis betrieb das Pasquilieren so gern wie
die früheren „oberrheinischen Gesellen.“ Doch war Goethe jetzt schon
vorsichtiger, und als er dann in den Staatsdienst trat und die Arbeit
für das Gemeinwohl als Pflicht ergriff, da blieb in seiner Seele nur
wenig Raum für Negation und Opposition. Nur einmal noch fiel er in
den Jugendfehler zurück; 1796, als Schiller und er vom Gefühl ihrer
Doppelkraft berauscht waren, ließen sie sich hinreißen, gegen die
Zeitgenossen, die ihnen nicht anstanden, „Xenien“ zu schmieden und
sie im Druck auszusenden. Freude konnte Goethe an diesen Erzeugnissen
übermütiger Laune nicht erleben; Nutzen konnten sie nicht stiften.
Andere hatten Ärger und Kummer davon; er selber erfuhr nicht selten
Beschämung und Verlegenheiten daraus. Er mußte wohl erkennen, daß er
vielen ehrenwerten Menschen wehgetan hatte und daß er ihre Fehler durch
seine Spötterei nicht beseitigte: kein Herkules kann den Parnaß von den
Schwächlingen rein kehren, die immer wieder bergauf zu krabbeln suchen.
Gern ergriff darum Goethe die Gelegenheit, wenn er mit einem
literarischen Gegner sich wieder versöhnen konnte. So war er mit dem
Kapellmeister Reichardt befreundet gewesen, der manches seiner Lieder
in Musik gesetzt hatte; später hatte Reichardt, besonders auch als
Politiker, Goethes Zorn erregt, und da auch Schiller ihm nicht gewogen
war, wurde er in den ‚Xenien‘ hart mitgenommen. Reichardt blieb die
Antwort nicht schuldig. War er ein böses Insekt gescholten, so nannte
Reichardt Goethes und Schillers Stachelverse einen „Pasquillanten-Unfug
aus empörter Eitelkeit“, drückte seine „herzliche Verachtung“ aus
gegen Schillers „nichtswürdiges und niedriges Betragen“ und sprach
davon, daß Goethe sich durch Unsittlichkeit beflecke. Kurz: hier hatte
Goethe sich einen begabten Freund zum Feinde gemacht. Als aber Goethe
zu Beginn des Jahres 1801 so schwer erkrankte, daß allgemein sein
Ableben erwartet wurde, gedachte Reichardt der früheren Freundschaft
mehr als des späteren Zwistes und schrieb ihm freundlich, und der
Dichter antwortete nach der Genesung mit einem Gedanken, der echt
goethisch war:
Freunde und Bekannte nicht allein, sondern auch Fremde und
Entfremdete bezeigten mir ihr Wohlwollen, und, wie Kinder ohne Haß
geboren werden, wie das Glück der ersten Jahre darin besteht, daß
in ihnen mehr die Neigung als die Abneigung herrscht, so sollte ich
auch bei meinem Wiedereintritt in’s Leben dieses Glücks teilhaft
werden, mit aufgehobenem Widerwillen eine neue Bahn anzutreten ...
Ein altes, gegründetes Verhältnis wie das unsrige konnte nur, wie
Blutsfreundschaft, durch unnatürliche Ereignisse gestört werden.
Um so erfreulicher ist es, wenn Natur und Überzeugung es wieder
herstellt ... Senden Sie mir doch ja Ihre neuesten Kompositionen! Ich
will mir und einigen Freunden damit einen Festabend machen ... Nehmen
Sie wiederholten Dank für Ihre Annäherung in diesem Zeitpunkt!
Nach dem Xenien-Abenteuer hat Goethe niemals wieder die Verse
veröffentlicht, zu denen ihn seine Widersacher reizten. Wenn er sie
später benutzte, so löste er sie vom einzelnen Falle so sehr ab, „daß
es zwar dem Leser nicht an Beziehungen fehlen, aber Niemand wissen
wird, worauf es eigentlich +gemeint+ ist.“[19] Soret fragte ihn einst,
warum er gewisse Epigramme gegen Kotzebue nicht drucken ließe --
Kotzebue war damals schon längst tot -- und Goethe antwortete, er wolle
das Publikum mit seinen Privatstreitigkeiten nicht belästigen oder gar
Lebende damit quälen.
Zu gelegener Zeit kann man, ohne unziemlich zu werden, von Dem, was
in der Richtung gut ist, Gebrauch machen. Meinerseits habe ich darin
immer nur ein Mittel gesehen, meinen Unmut an den Tag zu bringen,
ohne andere Personen in’s Vertrauen zu ziehen, höchstens einmal eine
mir ganz nahestehende.
Ebenso zeigte er ein Gedicht ‚Das Gastmahl der Weisen‘ von 1815
nur wenigen Freunden: „Wenn es bekannt würde, so müßte es gewisse
Individuen sehr tief verletzen, und die Welt ist denn doch nicht
wert, daß man sich, um ihr Spaß zu machen, mit der Welt überwerfe.“
Das Gedicht ist denn auch nur nach Wegnahme der Stacheln im Druck
erschienen; ‚Die Weisen und die Leute‘ heißt es in seiner neuen Gestalt.
Zeitlebens behielt er das Bedürfnis, auch auf seine Gegner und alles
ihm Verdrießliche Verse zu machen; er erwiderte jeden starken Eindruck
durch einen poetischen Ausdruck. Aber die Erfüllung dieses Bedürfnisses
war, wenn es sich um einen Feind handelte, weniger ein Akt der
Feindseligkeit als ein Friedensschluß, denn dadurch wurde der Dichter
die unfreundliche Stimmung vom Herzen los. Erst das +Veröffentlichen+
solcher Zornesergüsse oder witziger Angriffe kann Feindschaft erregen
oder verschlimmern.
* * * * *
[Sidenote: Spätere Friedensliebe]
Der gereifte Goethe hütete sich, Feindschaft zu erregen oder die
vorhandene zu vergrößern, oder gar in der eigenen Brust der Feindschaft
Raum zu geben. Dem Gehaßten schadet die Feindschaft zuweilen, dem
Hassenden immer.
Der Haß ist eine läst’ge Bürde,
Er senkt das Herz tief in die Brust hinab
Und legt sich wie ein Grabstein schwer auf alle Freuden.
Als Heinrich Voß mit einem andern jungen Gelehrten einen Streit bekam,
der sich an die Dramen von Sophokles anknüpfte, hinderte Goethe das
Anwachsen dieses Streites schon deshalb, weil seinem jungen Freunde
dadurch schließlich sogar der Sophokles verleidet werden könnte. Erst
recht war Goethe unglücklich, als er bemerkte, daß ein so hoch begabter
Dichter wie Graf Platen in der herrlichen Umgebung von Rom und Neapel
an seine deutschen literarischen Gegner dachte und seine Zeit und Kraft
der Polemik mit ihnen gönnte. „Solche Händel okkupieren das Gemüt!“
rief Goethe aus,
Die Bilder unserer Feinde werden zu Gespenstern, die zwischen aller
freien Produktion ihren Spuk treiben und in einer ohnehin zarten
Natur große Unordnung anrichten! Lord Byron ist an seiner polemischen
Richtung zugrunde gegangen, und Platen hat Ursache, zur Ehre der
deutschen Literatur von einer so unerfreulichen Bahn für immer
abzulenken!
In Jena lehrte seit 1810 ein Philosoph Bachmann, der sich besonders mit
den Ergebnissen der Naturwissenschaften beschäftigte; einst schickte
er an Goethe eine Abhandlung, in der ein Stück, ein Loblied nämlich
auf Newton und die Mathematiker, dem Verfasser der gegen Newton
ankämpfenden ‚Farbenlehre‘ peinlich sein mußte. Goethe las die Schrift
nur bis zu diesem Teil:
Hier mach’ ich Halt nach längst geprüfter Lebensregel: was mit mir
übereinstimmt, bringt eine heitere Stunde; Dem aber ein Ohr zu
leihen, was mir widerstrebt, warte ich auf einen Augenblick, wo ich
mir selbst gewissermaßen gleichgültig bin und auch wohl das Gegenteil
meiner Überzeugungen geschichtlich anhören mag. Der Menschenkenner
sollte sich überzeugen, daß Niemand durch seines Gegners Gründe
überzeugt wird. Alle Argumente sind nur Variationen eines ersten
festgefaßten Meinungs-Thema, deswegen unsere Vorfahren so weislich
gesagt haben: mit Einem, der deine Prinzipien leugnet, streite nicht!
[Sidenote: Literarischer Streit]
So hütete er sich vor allem literarischen Streit. Als Wolfgang Menzel
an ihm zum Helden zu werden begehrte, las Goethe seine Angriffe gar
nicht, sondern meinte: „Ich habe Breite genug, mich in der Welt zu
bewegen, und es darf mich nicht kümmern, ob sich Irgendeiner da oder
dort in den Weg stellt, den ich einmal gegangen bin.“ Er gestand
den Andersgesinnten gern das Recht zu, sich ihren Widerspruch oder
ihren Ärger von der Brust wegzureden. „In der großen deutschen
Nationalversammlung tut man wohl, wenn man seine Meinung gesagt hat,
Andern auch den Ausdruck der ihrigen zu gönnen.“ So an Kosegarten
1822, und an Eichstädt, den ihm unterstellten Redakteur der Jenaischen
Literaturzeitung 1804: „Adelungen würde ~meo voto~ nicht geantwortet.
Wenn man Jemand so tüchtig durchdrischt, so ist es billig, daß man
ihn Gesichter schneiden lasse, soviel er will. Durch Dupliken wird
nichts ausgerichtet vor dem Publikum; es ist schon eine Art defensiver
Stellung, die niemals vorteilhaft ist.“
Man hat die Polemik zwischen Gelehrten, Schriftstellern und Rednern
wohl öfters mit den Turnieren des Mittelalters verglichen; Goethe aber
betonte, daß es diesen geistigen Kämpfen an ritterlichem Schrankenraum,
an Kreiswärteln und Kampfrichtern fehle, „und in jedem Schaukreise
wirft sich, wie vor alters im Zirkus, die ungestüme Menge parteiisch
auf die Seite der Grünen oder Blauen; die größte Masse beherrscht den
Augenblick.“