abhalten und denen Leuten beweisen wollten, es sei Sünde. Wer spielen
will, Den lassen Sie spielen! Aber Sie, lassen Sie’s sein! Wenn
man Sie nötigt, so sagen Sie: „Ich spiele nicht.“ Wenn man fragt:
„warum?“ so sagen Sie: „Weil ich keinen Gefallen dran habe.“ Sagen
die Leute: „Das ist Grille,“ so antworten Sie mit einem großen
Philosophen: „Gut, es sei Grille: habt Ihr etwan keine?“ Und wenn man
Sie fragt: „Was halten Sie von dem Spiel?“, so können Sie sagen: „Ich
spiele nicht; was ich davon halte, kann sehr einerlei sein; meine
Meinung wird zur Entscheidung des Streits nichts beitragen.“
Und so helfen Sie sich durch, wenn Sie können! Denn es ist aus
tausend Ursachen gut, gewisse Kleinigkeiten nicht nach den
Grundsätzen der Religion, besonders öffentlich, zu beurteilen. --
Als Goethe nach Weimar kam, fand er, daß an diesem Hofe, wie an allen
deutschen Höfen, das Kartenspiel die tägliche Unterhaltung war, ebenso
bei allen adligen und bürgerlichen Gesellschaften. Bei den Redouten
fehlte auch die Pharaobank nie. Wir wissen nur wenig von großen
Geldverlusten; der Zeitverlust aber war ein ungeheurer. Die Wenigen,
die sich ausschlossen oder gar gestanden, sie hätten die Spiele nicht
gelernt (L’hombre, Tarock, Whist usw.) wurden von den damaligen
Regelrechten wie Meerwunder angestaunt. Goethe und Frau v. Stein
gehörten zu diesen Ausnahmemenschen: schon diese Besonderheit führte
sie in Gesellschaft zueinander.
Goethe hat von diesem Zeitverderb sein ganzes Leben lang keine gute
Meinung gehabt, und in Bausch und Bogen könnte man sagen, er habe keine
Karten gespielt. Einige Ausnahmen finden sich jedoch; z. B. spielte er
in den Jahren 1811, 12 und 13 ziemlich oft nach Tische oder auch abends
mit Christiane, August und den Schauspielerinnen Engels und Lortzing
eine Partie Whist. Im Januar 1814 schildert er einem alten Freunde, wie
er jetzt den Frauen schön tue: „Mit den bejahrten spiele ich Karte und
die jüngeren lehre ich Irgendetwas.“
Danach oder mit Christianens Ausscheiden scheint das Kartenspielen für
ihn aufgehört zu haben. Aus seinen letzten Jahren bezeugt einer seiner
Freunde, Soret, daß Goethe diese Art, sich in größeren Gesellschaften
zu unterhalten, abscheulich fand; er spottete darüber, daß die Schönen
in all ihrer Huld und Frische mit jungen, fast unbärtigen Männern die
gelehrten Regeln des Whist und Boston ernsthaft besprachen. „Doch
laßt’s nur gut sein“ meinte er dann wohl, „in unserer Zeit, wo die
Throne gestürzt werden, zeigt man seine natürliche Liebe zur Ordnung
und Unterordnung wenigstens durch Anerkennung des Karo-Königs.“
* * * * *
[Sidenote: Tanzen]
Das Tanzen war in Goethes Zeit und in den Kreisen, wo er sich bewegte,
ein sehr häufiges Vergnügen; die Tanzkunst war bei den Vornehmen
geradezu eins der ersten und wichtigsten Unterrichtsfächer; es ward
noch mehr Zeit darauf verwandt als auf den Katechismus. Unter Goethes
Freunden waren denn auch nicht wenige Künstler in diesem Fache; er
selber tanzte sehr gern und blieb zeitlebens ein Lobredner dieser
Unterhaltung. Auf die Ausschmückung der Redouten hat er sehr viel
Zeit verwandt. Zum letzten Male „tanzte“ er am Abend vor seinem 74.
Geburtstag; es war in Karlsbad bei einem Tanztee, den Graf Zenigeo
gab: „Zu der Schlußpolonaise forderte mich eine polnische Dame zum
Tanze auf, den ich mit ihr herumschlich und mir nach und nach beim
Damenwechsel die meisten hübschen Kinder in die Hand kamen.“
* * * * *
Ebenso begünstigte er das gesellschaftliche Theaterspiel zeitlebens,
sowohl bei Erwachsenen wie bei Kindern. Als vierjähriger Knabe
erlebte Goethe die erste häusliche Schauspiel-Vorstellung durch ein
Puppentheater, das er zu Weihnachten bekam; das letzte Theaterstück sah
er als zweiundachtzigjähriger Greis, wiederum zu Hause; seine Enkel
und ihre jungen Freunde spielten ihm am 6. November 1831 seine eigene
‚Fischerin‘ vor.
* * * * *
[Sidenote: Klatsch]
Die allergewöhnlichste Unterhaltung, der Klatsch, beschäftigte auch im
klassischen Weimar viele Zungen. Goethe stand von jeher abgesondert
und hatte den Kopf voll von höheren Dingen; er erfuhr nur selten,
was über ihn und die Seinen gesprochen wurde, und nahm auch an dem
allgemeinen Hin und Her der höfischen und städtischen Tagesgeschichte
nur selten teil. Zuweilen merkte er dann, daß seine „fortdauernde
reine Entfremdung von den Menschen“ für einen Staatsdiener doch nicht
ganz ratsam war. „Ich bin nicht zu dieser Welt gemacht“ schrieb er dann
in sein Tagebuch; „wie man aus seinem Haus tritt, geht man auf lauter
Kot, und weil ich mich nicht um Lumperei kümmere, nicht klatsche und
solche Rapporteurs nicht halte, handle ich oft dumm.“
Nun sind hübsche Geschichten nur um so anschaulicher, wenn sie in
unserer Nähe spielen und unsere Bekannten betreffen. Solche Geschichten
hat auch Goethe gern angehört und selber erzählt. In seinem Alter
ließ er sich von dem trocken-witzigen Heinrich Meyer gern Dergleichen
mitteilen; namentlich hörte er von seiner Schwiegertochter Ottilie und
ihrer Schwester Ulrike gern „neuerliche frauenzimmerliche Vorkommnisse“
oder Nachrichten von den fürstlichen Personen. „Ottilie, von Belvedere
kommend, den Hofzustand schildernd, mit Neigung, wie ich’s liebe“;
so lesen wir einmal im Tagebuch von 1831, und ein andermal: „Mittag
Ottilie, allen Stadtklatsch durchgearbeitet, wobei denn gar hübsche
novellenartige Verhältnisse zum Vorschein kamen.“
[Sidenote: Mißreden und Ausfragen]
Ganz anders aber stellte er sich, wenn die Erzähler nicht so gutartig
waren, wenn sie ihre Neigung zu Witz und Spott oder gar ihren Haß an
den gemeinsamen Bekannten ausließen. Als der Kanzler ihm einmal einen
bösen Witz Riemers erzählte, fuhr er auf: „Durch solche böswilligen und
indiskreten Dichteleien macht man sich nur Feinde und verbittert Laune
und Existenz sich selbst! Ich wollte mich doch lieber aufhängen, als
ewig negieren, ewig in der Opposition sein, ewig schußfertig auf die
Mängel und Gebrechen meiner Mitlebenden, Nächstlebenden lauern. Ihr
seid noch gewaltig jung und leichtsinnig, wenn Ihr so etwas billigen
könnt!“ Noch deutlicher wurde er einmal, als Jenny v. Pappenheim bei
ihm zu Tische war und eine Klatscherei zum Vorschein kam. „Euren
Schmutz kehrt bei Euch zusammen, aber bringt ihn nicht mir in’s Haus!“
rief er mit dröhnender Stimme. In größerer Gesellschaft sprach er
lieber über Menschen früherer Jahrhunderte und ferner Länder als über
die Nachbarn und Freunde.
Wir wissen schon, daß sich Goethe nicht ausforschen ließ. Der Alte
hat mit Eckermann absichtlich Ausfrage-Gespräche geführt, aber da war
er der Herr und Lenker, und der bescheidene Eckermann stellte nur
willkommene Fragen. Kam aber Jemand, der ihn überlisten wollte, so fand
er in Goethe seinen Meister. Heinrich Luden wollte, als der ‚Faust‘
erst halb fertig vorlag, über den Fortgang und die Grundgedanken des
Werkes gern Offenbarungen haben; Goethe sprach auch recht lange und
eingehend mit ihm; das Gespräch füllt vierunddreißig Druckseiten,
aber wohl offenbart Luden darin Alles, was er über den ‚Faust‘ weiß
und denkt, Goethe jedoch sagt so gut wie nichts. Jean Paul wollte
einmal hören, was Goethe über ihn selber denke, wie hoch er seine
humoristischen Werke bewerte. Er fragte nicht geradezu, sondern redete
über seine Berufsverwandten Sterne, Hippel usw., in der Hoffnung, daß
Goethe nun sagen sollte, er, Jean Paul, übertreffe sie doch alle. Aber
das Gespräch ward ein Schachspiel, in dem Goethe immer Züge tat, die
sein Gegner nicht erwartete, bis sich Jean Paul endlich schachmatt nach
Hause begeben mußte. „Einen durchtriebeneren Schalk gibt es auf Erden
nicht wie den Goethe“ schreibt Karoline Schlegel über dies Gespräch an
Wilhelm Schlegel.
Für ungut aber nahm es Goethe, wenn ihn Jemand durch das Gespräch in
eine gemütliche, offenherzige +Stimmung+ bringen wollte, wie Mancher
wohl fleißig Wein einschenkt, damit der Andere sein Herz offenbare.
„Todfeindschaft kann daraus entstehen“ sagte Goethe einmal bei Tische,
„wenn man es tut und sich gegen mich berühmt, daß man mich auf meine
Schnurre gebracht habe, sobald ich mit Gutmütigkeit mich geäußert und
gehen gelassen habe. Weil es eine falsche Superiorität des Andern und
eine Gemütlosigkeit verrät!“
* * * * *
[Sidenote: Liebste Geselligkeit]
Auch insofern verkaufte sich Goethe nicht der Geselligkeit, als er sich
seine Arbeitszeit nicht verkürzen ließ. Wohl wissen wir von vergnügten
Abenden, die bis in die Nacht reichten; aber es sind für Goethes viele
Lebenstage doch nur wenige. Die Regel: „früh zu Bett und früh heraus“
hat er nur selten durchbrochen. Die ihm zusagende Geselligkeit war:
nach einem langen, arbeitsreichen Vormittage ein fröhliches Mittagessen
mit Gästen, danach Plauderstunden mit Solchen, die sein geistiges Leben
teilten oder bereicherten. Der jüngere Voß hat uns die lebendigsten
Schilderungen aus jener Zeit um die Jahrhundertwende gegeben, wo die
Schauspieler und Schauspielerinnen durch Christiane mehr in’s Haus
kamen als früher und später.
Es wurde bei Tisch gescherzt, gelacht, am Ende sogar die bunte Reihe
hindurch geküßt, und Goethe war am lustigsten. Ich bat gegen das Ende
der Mahlzeit den Hofmeister von Goethes August, mir einen Schlag zu
geben mit den Worten: „Schick’s weiter!“ Ich gab ihn meiner Nachbarin
Silie, und Diese ihrem Nachbar, und so ging’s weiter bis zur Maaß,
die neben Goethe saß. Die Maaß stutzte ein wenig, doch entschloß sie
sich endlich, Goethe einen tüchtigen Klaps zu geben. Goethe drehte
sich zu ihr und küßte sie und darauf seine andere Nachbarin mit den
Worten: „schick’s weiter!“ Die will durchaus nicht, wahrscheinlich,
weil ihr der Nachbar nicht anstand. „Nun,“ sagte Goethe, „wenn’s
nicht so herum will, muß es retour gehen“, läßt sich wieder küssen,
küßt wieder die Maaß und so geht’s fort bis auf die kleine Silie, die
mir den letzten Kuß gab. Nun denk Dir den armen Riemer, der neben mir
saß und leer ausgehen mußte, weil bei mir die bunte Reihe aufhörte.
Auch Goethes Abende zeichnet uns Heinrich Voß:
Wenn es Sechs schlägt, so versammelt sich ein kleines Häufchen um
ihn, außer mir noch Professor Meyer, Fernow und Riemer, und da
bleiben wir dann bis Acht, Neun oder auch wohl bis Zehn ...
Weil er nie ernstlich des Abends arbeitet und seine Augen das
Lesen bei Licht nicht vertragen, so hat er gerne Jemand bei sich,
mit dem er sprechen kann. Nie ist der Mann liebenswürdiger als in
solchen Abendstunden. Dann sitzt er im tiefsten Negligee, in einem
wollenen Jäckchen, ohne Halstuch, mit bloßer Brust, die Strümpfe
über die Hosen gezogen, auf seinem Sofa und unterhält sich oder läßt
sich vorlesen. Und diese Bequemlichkeit, die Abendstille und die
Ruhe nach schwerem Tagesgeschäft machen ihn so überaus heiter und
gesprächig ... Wenn er dann recht lebendig ist, so kann er auf dem
Sofa nicht aushalten; dann springt er auf und geht hastig im Zimmer
auf und nieder, und jede Gestikulation, ihm selbst unbewußt, wird
zur lebendigsten Sprache. Ja, dieser Mann spricht nicht bloß mit
dem Organ der Zunge, sondern zugleich mit hundert andern, die bei
gewöhnlichen Menschen stumm sind; und aus seinen Augen strahlt das
seelenvollste Feuer. Dann hat sein manchmal furchterregender Blick
auch alles Schreckhafte verloren. Besonders gern erzählt er dann von
seinem Leben, nie aber etwas Anderes als heitere Dinge. So hat er,
obgleich ich ihn mehrmals darauf lenkte, nie umständlich von seiner
Krankheit vor drei Jahren gesprochen, und was er davon erzählte,
waren auch nur die heitern Zeiten der Krankheit.
Ähnlich erzählt die Malerin Luise Seidler von 1810, wo Frau Christiane
und ihre Gesellschafterin, Fräulein Ulrich, noch fröhlich das Leben
genossen.
Beim Mittagsessen war Goethe mit Riemer, Meyer und anderen Gästen,
deren Zahl jedoch niemals acht überstieg, sehr heiter. Man speiste
in einem kleinen Zimmer, dessen Wände mit Handzeichnungen berühmter
alter Meister geschmückt waren; das Mahl war stets von gediegener
Einfachheit, das Getränk trefflicher Burgunder. Beim Dessert
entfernten sich die Damen, „die lustigen Weiber von Weimar“, wie
Goethe sie scherzend nannte, um spazieren zu fahren ... Die Herren --
denn nur sehr selten wurden Damen zu Tisch geladen -- blieben sitzen;
auch ich hatte ein für allemal die Erlaubnis zum Dableiben. Sobald
wir allein waren, nahm Goethe jederzeit irgend einen bestimmten
Gegenstand, an welchen er seine scharfsinnigen Bemerkungen reihte,
z. B. einen bronzenen Moses von Michel Angelo ... Unter diesen
interessanten Gesprächen kam unmerklich der Abend herbei, der
neue Genüsse brachte, da man gewöhnlich in das Theater fuhr. Der
Dichter hatte damals eine geschlossene Parterreloge unterhalb der
herrschaftlichen. In den Zwischenakten wurde kalte Küche präsentiert;
auch der Burgunder fehlte nicht.
Alle Besucher, die an Goethes Mahlzeiten teilnehmen durften, rühmten
noch lange über die guten Speisen die sehr angenehme Unterhaltung;
sie empfanden es als ehrende Liebenswürdigkeit, wie Goethe auch um
ihr geistiges Genießen bei der Tafel und nach der Tafel besorgt war.
„Die Unterhaltung war eine allgemeine, lebendige und nie stockende,
Goethe leitete sie meisterhaft“ ist das Zeugnis Zahns (1827), und
Ernst Förster berichtet von 1825: „Es schien bei ihm Bedürfnis, dem
Besuchenden entweder eine Freude zu machen, oder einen womöglich
sichtbaren Stoff der Unterhaltung zu bieten“; in seinem Falle hatte
Goethe eine Anzahl sehr kunstreicher Papier-Schattenbilder von der
Hand der Adele Schopenhauer bereit gelegt und ging sie einzeln unter
Beachtung jeder Kleinigkeit mit ihn durch.
Förster erwähnt auch eine anmutige Tafelsitte, die man an festlichen
Tagen der Mitwirkung Eberweins verdankte:
Das Gespräch wurde auf eine überraschende Weise unterbrochen. An
dem einen Ende der Tafel wurde es unruhig; man räusperte sich, gab
ein leichtes Zeichen am Glas, und ein vierstimmiger Gesang wurde
angestimmt. Es gehörte die schöne Sitte, das Mahl mit Gesängen
zu würzen, zu Goethes besonderen Tafelfreuden bei festlichen
Gelegenheiten, und so folgte auch heute nach jedem Gange ein Gesang
... Nach dem Dessert setzte sich Hummel an’s Instrument und gab
dem kleinen Feste mit einer heitern und reichen Phantasie einen
glänzenden Schluß.
[14] Basedow war ein Aufklärer, Hasenkamp ein Pietist.
[15] Fr. v. Müller in der Erfurter Gedächtnisrede 1832.
VIII.
Freundschaft.
Schon das Wohlgefallen an der äußeren Erscheinung eines neuen
Bekannten, an seiner Stimme und Sprache, seinen Gebärden, Bewegungen
und Sitten, erweckt in uns eine Zuneigung, die der Liebe zwischen
Mann und Weib verwandt ist. Solche Anziehung übten auf den jüngeren
Goethe z. B. Fritz Jacobi, Lavater und Herder aus, schöne Männer, die
höchst liebenswürdig sein konnten. Und in älteren Jahren wirkte mancher
Aristokrat ähnlich, mit dem ihn die Geselligkeit am weimarischen Hofe
oder in böhmischen Bädern zusammenführte.
Häufiger vermitteln gleiche Beschäftigung, Neigung zu den gleichen
Wissenschaften oder Künsten oder auch nur gleicher Zeitvertreib eine
Befreundung; da Goethe nicht wenige Steckenpferde hatte, so gewann er
gar viele Freunde und Halbfreunde dieser Art.
Ähnliche Gesinnung in den Hauptpunkten ist stets Voraussetzung
eines engeren Verhältnisses, namentlich wenn man am selben Orte
wohnt oder sonst häufig zusammenkommt. Ein solcher Hauptpunkt ist
immer die Religion; seit Beginn der französischen Umwälzung wurde
aber auch in Deutschland die politische Parteinahme eine Ursache
vieler Vereinigungen und Trennungen. Goethe zog sich damals von den
„Neufranken“ und für alle Zukunft von den Demokratisch-gesinnten
zurück oder hielt sie sich doch so fern wie möglich, nicht etwa
aus Rücksicht auf seine Stellung zum Hofe oder Staate, denn sein
Landesfürst verlangte dergleichen Vorsicht keineswegs und übte
sie selber nicht, sondern weil ihm selber die auf Umsturz und
Massenherrschaft gerichteten Bestrebungen peinlich waren, so daß er
nicht ohne Not daran erinnert werden mochte.
Leicht und gleichsam ohne Worte verstehen wir uns mit Denen, die
ungefähr denselben Lebensweg wie wir gemacht und daher ähnliche
Erfahrungen gesammelt haben. Also mit Landsleuten, Altersgenossen,
Berufsgenossen, namentlich aber mit Schicksalsgenossen. Goethe war von
seinem 26. Jahre an in den Kreisen, in denen er lebte, ein ~parvenu~
-- er nannte sich selber so -- und vielleicht finden wir deshalb
auch unter seinen Bekannten und Freunden recht viele Emporkömmlinge.
Freilich war ja auch bei ihnen das Aufsteigen ein Beweis ihrer Gaben
und Kräfte. Schiller, der Kanzler v. Müller und der französische
Diplomat v. Reinhardt waren, wie Goethe, auf Grund ihrer Tüchtigkeit
und vornehmen Haltung in den Adelsstand erhoben worden; der ehemalige
schwäbische Theologe Reinhardt ward später sogar Graf und Pair von
Frankreich. Andere, die nicht ganz so hoch stiegen, hatten ihre
Laufbahn auch noch tiefer begonnen. Oeser war der uneheliche Sohn
eines Handschuhmachers in Preßburg. Jung-Stilling war Schneider
gewesen, Moritz Hutmacherlehrling. Wilhelm Tischbein kam aus dem Hause
eines hessischen Dorfdrechslers. Fernow nannte einen uckermärkischen
Gutsknecht seinen Vater. Christoph Bode weidete als Sohn eines
braunschweigischen Ziegelarbeiters das Vieh für die Bauern, bis er
zu einem Stadtmusikus in die Lehre kam. Zelter mußte als Sohn eines
Berliner Maurermeisters das väterliche Handwerk erlernen und ausüben.
Und der Hausiererssohn Eckermann aus Winsen an der Luhe half wie andere
ärmste Landjungen am Erwerb des Nötigsten mit: durch Schilfschneiden,
Ährenlesen, Reisigsammeln und Hüten der Kühe für reichere Leute, denn
seine Eltern besaßen nur +eine+ Kuh. Diese Emporgestiegenen verrieten
zuweilen ihre gröbere Erziehung; z. B. Zelter war „ein Kerl, der in
die Stube spuckt“; Goethe sah darüber hinweg und freute sich der
Kernhaftigkeit solcher selbstgemachten Männer. Er bewunderte ja auch
Napoleon unter allen Herrschern am meisten und freute sich, daß gerade
Dieser ihn bemerkte und ehrte, als die Kaiser und Könige „von Gottes
Gnaden“ sein Dasein noch nicht beachtet hatten.
[Sidenote: Ursachen der Freundschaft]
Die eigentliche Grundlage aller dauerhaften Freundschaft ist aber nicht
das Gefallen, Anerkennen, Verstehen, sondern das gegenseitige Nützen
und Unterstützen. Der Freund muß uns irgendwie ergänzen und daher uns
durch seinen Anschluß bereichern; er muß für sein Geben aber auch von
uns empfangen können; das Bündnis muß Beiden förderlich sein. Bei
Goethes wichtigsten Freundschaften: mit Karl August, Knebel, Schiller,
Zelter und Heinrich Meyer, erkennen wir diesen gegenseitigen Nutzen.
Daraus folgt keineswegs, daß solche Bündnisse aus Eigennutz geschlossen
wurden; die Liebe Goethes zu Karl August war zuerst eine Fürsorge des
Älteren für den jüngeren Schutzbedürftigen; ebenso behielt Knebel durch
seine seelischen Nöte Macht über den Dichter von ‚Werthers Leiden‘;
ebenso Moritz in Rom und mancher Andere. Auch Schiller, Zelter,
Heinrich Meyer bedurften seiner Hilfe, als er sie kennen lernte.
* * * * *
[Sidenote: Schiller]
Es ist nicht leicht, Goethes große Liebe für einige dieser Männer
zu verstehen;[16] am merkwürdigsten war jedoch sein Verhältnis mit
Schiller, ganz abgesehen davon, daß man Nebenbuhler-Gefühle vermuten
könnte zwischen zwei Dichtern, von denen bald der Eine, bald der Andere
erfolgreicher erschien. Als Schiller nach Weimar kam, hielt sich Goethe
noch in Italien auf, und als sich die beiden Männer endlich begegneten,
war Goethe zu einem näheren Verhältnis, wie es Schiller wünschte, nicht
bereit. Der Dichter des ‚Tasso‘ und der ‚Iphigenie‘ lebte innerlich zu
weit entfernt von dem neuen Stürmer und Dränger, der mit den ‚Räubern‘,
‚Fiesco‘ und der ‚Millerin‘ das Publikum erregt hatte. Sechs Jahre
wohnten sie nahe beieinander, hatten gemeinsame Freunde und blieben
gegeneinander kalt und fremd. Es trennte sie Vieles: Denkart, Dichtart,
Lebensweise. Jeder war für den Anderen ein wunderbares Phänomen, ja
fast eine Naturwidrigkeit. „Ein solches Wesen sollten die Menschen um
sich herum nicht aufkommen lassen“ schrieb Schiller sogar.
Allmählich näherten sie sich dann doch, zumeist durch eine Wandlung
oder ein Fortschreiten Schillers. Im August 1794 bat der Jüngere den
Älteren um Mitarbeit an einer neuen Zeitschrift und erwies in dem
Briefe, wie gut er Goethes Wesen verstand. Dieser erwiderte herzlich
vertrauend:
Zu meinem Geburtstag hätte mir kein angenehmer Geschenk werden
können als Ihr Brief, in welchem Sie mit freundschaftlicher Hand die
Summe meiner Existenz ziehen und mich durch Ihre Teilnahme zu einem
emsigern und lebhaftern Gebrauch meiner Kräfte aufmuntern.
Und weiter:
Wie groß der Vorteil Ihrer Teilnehmung für mich sein wird, werden
Sie bald selbst sehen, wenn Sie bei näherer Bekanntschaft eine Art
Dunkelheit und Zaudern bei mir entdecken werden, über die ich nicht
Herr werden kann, wenn ich mich ihrer gleich sehr deutlich bewußt bin.
Und gleichzeitig:
Reiner Genuß und wahrer Nutzen kann nur wechselseitig sein,
und
Alles, was an mir ist, werde ich mit Freuden mitteilen.
Dieser Freundschaftsbund, dem Beide, und mit ihnen ihr Volk, Großes
verdanken, wurde also wie eine Verstandesehe geschlossen; mit gutem
Grunde sprach Goethe später von dem „großen Kunststück“, „bei völlig
auseinanderstrebenden Richtungen“ mit Schiller „eine gemeinsame Bildung
fortzusetzen.“
Bei so geringer natürlicher Anziehung können nur zwei sehr kluge
Menschen Freundschaft miteinander halten; aber das Verhältnis zwischen
Schiller und Goethe wurde mit jedem Jahre herzlicher und brüderlicher:
weil gegenseitige Hilfe und Treue auch Liebe erweckt, bewähren sich
doch die Verstandesehen nicht schlechter als die Liebesheiraten! Der
Gedankenaustausch, die gegenseitige Prüfung und Steigerung durch
Briefe und Gespräche über die nächsten Arbeiten, die gemeinschaftliche
Einwirkung auf das Publikum durch Zeitschriften, die gemeinschaftliche
Verbesserung des weimarischen Theaters, die Abwehr der Gegner: Das
blieb die Hauptsache. Aber dabei wurde Schiller in Goethes und Goethe
in Schillers Hause heimisch, und die Freunde erlebten alle menschlichen
und häuslichen Freuden und Sorgen miteinander. Wie lieb Goethe den
spätgefundenen Freund schließlich hatte, lesen wir am schönsten aus den
Berichten des jungen Voß vom Mai 1805.
In der letzten Krankheit Schillers war Goethe ungemein
niedergeschlagen. Ich habe ihn einmal in seinem Garten weinend
gefunden; aber es waren nur einzelne Tränen, die ihm in den Augen
blinkten: sein Geist weinte, nicht seine Augen, und in seinen Blicken
las ich, daß er etwas Großes, Überirdisches, Unendliches fühlte. Ich
erzählte ihm Vieles von Schiller, das er mit unnennbarer Fassung
anhörte. „Das Schicksal ist unerbittlich, und der Mensch wenig!“ Das
war Alles, was er sagte, und wenige Augenblicke nachher sprach er von
heiteren Dingen.
Aber als Schiller gestorben war, war eine große Besorgnis, wie man
es Goethen beibringen wollte. Niemand hatte den Mut, es ihm zu
melden. Meyer war bei Goethen, als draußen die Nachricht eintraf,
Schiller sei tot. Meyer wurde hinausgerufen, hatte nicht den Mut, zu
Goethen zurückzukehren, sondern ging weg, ohne Abschied zu nehmen.
Die Einsamkeit, in der sich Goethe befindet, die Verwirrung, die er
überall wahrnimmt, das Bestreben, ihm auszuweichen, das ihm nicht
entgehen kann -- alles Dieses läßt ihn wenig Tröstliches erwarten.
Ich merke es, sagte er endlich, Schiller muß sehr krank sein, und ist
die übrige Zeit des Abends in sich gekehrt. Er ahnte, was geschehen
war; man hörte ihn in der Nacht weinen. Am Morgen sagte er zu
einer Freundin: „Nicht wahr, Schiller war gestern sehr krank?“ Der
Nachdruck, den er auf das +sehr+ legt, wirkt so heftig auf Jene, daß
sie sich nicht länger halten kann. Statt ihm zu antworten, fängt sie
laut an zu schluchzen.
„Er ist tot?“ fragt Goethe mit Festigkeit. -- „Sie haben es selbst
ausgesprochen,“ antwortete sie. „Er ist tot!“ wiederholte Goethe noch
einmal und bedeckte sich die Augen mit den Händen. --
Um 10 Uhr sehe ich Goethe im Park gehen; ich hatte aber nicht den
Mut, ihm zu begegnen. Drei Tage lang bin ich ihm ausgewichen. -- -- --
Jetzt spricht Goethe sehr selten von Schiller, und wenn er es tut, so
sucht er die heiteren Seiten ihres schönen Zusammenlebens auf.
* * * * *