Später hätte Wieland dies Gedicht als eine allzu enthusiastische

Übertreibung gern aus der Welt geschafft; 1797 meinte er einmal,

Goethes Kunst habe von jeher darin bestanden, die Konvenienz mit Füßen

zu treten und doch dabei immer klug um sich zu sehen, +wie weit+ er’s

gerade wagen durfte. Jenes Gedicht bezog sich auf einen Besuch Goethes

und Wielands bei der Familie v. Keller in Stetten; hier in Stetten,

erzählte nun Wieland, sei Goethe gegen die alte Dame weit respektvoller

gewesen als daheim in Weimar gegen die Herzogin-Mutter, in deren

Gegenwart er sich oft auf dem Boden im Zimmer herumgewälzt und durch

Verdrehung der Hände und Füße Lachen erregt habe.

[Sidenote: Der Hexenmeister]

In jener ersten weimarischen Zeit besuchte einmal der alte Gleim aus

Halberstadt seine Freunde Wieland und Bertuch, und ehe er Goethe

kannte, nahm er an einer höfischen Gesellschaft teil. Da erbot sich ein

feiner Jäger, ihn im Vorlesen aus dem neuesten Musenalmanach abzulösen,

und bald las dieser Jäger das tollste, geistvollste, witzigste Zeug,

das gar nicht auf den Blättern stand; sogar eine Fabel auf Gleim

improvisierte er in Knittelversen. „Das ist entweder Goethe oder der

Teufel!“ flüsterte der Halberstädter Gast Wieland zu. „Beides!“ gab

Jener zur Antwort.

Dieser Hexenmeister für fröhliche Gesellschaften, dieser

liebenswürdigste Kamerad blieb Goethe nicht lange, oder vielmehr: was

anfangs die Regel gewesen war, wurde bald zur seltenen Ausnahme. Es

erheben sich auch unter den weimarischen Freunden bald Klagen über sein

zugeknöpftes, allzu ernstes Wesen. Und als er von der italienischen

Reise wiederkam, erschien er vollends als ein Fremder.

Es ist vielen der nähern Freunde und Lebensgenossen Goethes begegnet,

daß er ihnen nach seiner italienischen Reise ganz umgewandelt vorkam,

ja, daß sie fast irre an ihm wurden, wenn sie jenen freien harmlosen

Lebenssinn, jene unbefangene, zutrauliche, hinreißende Lebhaftigkeit,

mit der sie ihn früher die verschiedenen Gegenstände ergreifen zu

sehen gewohnt waren, nicht mehr an ihm zu gewahren glaubten. So kam

er dem Einen erkaltet, dem Andern verschlossen oder selbstsüchtig,

rätselhaft den Meisten vor, und noch späterhin haben ähnliche Klagen

nachgeklungen.[15]

Goethe versuchte zuweilen, die Tage unbefangener Jugendlust mit Gewalt

zurückzurufen; man sah z. B. bald nach seiner Heimkehr aus Italien,

wie er auf einem Hofballe nur mit solchen Mädchen und Frauen tanzte

und schwätzte, die außer der Jugend und einem hübschen Gesicht nichts

zu bieten hatten, während er die Älteren und Verständigeren mied; und

später umgab er sich gern mit jungem Schauspielervolk, das denn doch

besser zu seiner Christiane als zu ihm paßte. Im Herbst 1801 erschien

er plötzlich einmal in einer Damengesellschaft bei dem klugen alten

Hoffräulein v. Göchhausen und begann vor den überraschten Damen alsbald

eine Strafpredigt über die verderbte Geselligkeit, die jetzt herrsche.

Mit den grellsten Farben schilderte er die dermalige Geistesleere

und Gemütlosigkeit: wieviel gemütlicher sei es doch früher gewesen!

Seinen ganzen Zorn ergoß er über den Teufel der Hoffart, der die

Genügsamkeit und den Frohsinn aus der Welt verbannt, dagegen aber die

unerträglichste Langeweile eingeschmuggelt habe. Dann schlug er einen

Reformverein vor und zwar eine -- ~cour d’amour~. Sein Vorschlag wurde

angenommen; die phantastische Gesellschaft bildete sich aus sieben

Damen und sieben Herren. Man kam jeden Mittwoch Abend nach dem Theater

in Goethes Haus zusammen; die Damen sorgten für das Essen, die Herren

für den Wein. Aber der Liebeshof wurde nicht so unterhaltend, wie

man gehofft hatte, und man klagte über Goethes Steifheit, Pedanterie

und Tyrannei. Schon nach einem halben Jahre bewirkte die erste

Meinungsverschiedenheit, daß die Zusammenkünfte aufhörten.

* * * * *

[Sidenote: Klagen Goethes und über ihn]

Auch Goethe selber hat uns bezeugt, daß er in der Geselligkeit bald

frei-spielend, bald unfrei und unbeholfen gewesen sei. „Doch ach!

ein Gott versagte mir die Kunst, Die arme Kunst, mich künstlich zu

betragen“ so klagt er schon 1783, und: „Mir ist’s nicht gegeben,

gegen die Menge und mit der Menge herzlich zu sein“ schreibt er 1785

an Knebel, als er gegen die berühmte Frau v. der Recke so stumm

und kalt geblieben war, daß ihre Begleiterin Sophie Becker von ihm

niederschrieb: „Er hat etwas entsetzlich Steifes in seinem Betragen und

spricht gar wenig; es war mir immer, als ob ihn seine Größe verlegen

mache.“ In den ‚Annalen‘ von 1804 fügt Goethe hinzu: auch wenn er sich

nicht verstelle, sondern sich gehen lasse, werde er doch immer von

den Leuten nicht recht gefaßt. Um so mehr mußte er mit Staunen später

bemerken, wie sehr der Stubengelehrte Schiller in jeder Gesellschaft

Herr seiner selbst war.

Schiller war ein ganz anderer Geselle als ich und wußte in der

Gesellschaft immer bedeutend und anziehend zu sprechen .... Er ist

so groß am Teetisch, wie er es im Staatsrat gewesen sein würde.

Nichts geniert ihn, Nichts engt ihn ein, Nichts zieht den Flug seiner

Gedanken herab. Was in ihm von großen Ansichten lebt, geht immer frei

heraus ohne Rücksicht und ohne Bedenken. Das war ein rechter Mensch,

und so sollte man auch sein! Wir Andern dagegen fühlen uns immer

bedingt; die Personen, die Gegenstände, die uns umgeben, haben auf

uns ihren Einfluß .. wir sind die Sklaven der Gegenstände.

[Sidenote: In Düsseldorf und Münster]

Ganz anders klingt dann wieder, was Goethe in der ‚Kampagne in

Frankreich‘ über sich und seinen Aufenthalt in Düsseldorf und Münster

erzählt. Er beginnt auch hier damit, daß er in Jacobis Hause seine

optischen Entdeckungen nur „didaktisch und dogmatisch“ vortragen

konnte, denn, sagt er, „eine eigentlich dialektische und konversierende

Gabe war mir nicht verliehen.“ Dann aber spricht er von einer „bösen

Gewohnheit.“

Da mir das Gespräch, wie es gewöhnlich geführt wird, höchst

langweilig war, indem nichts als beschränkte Vorstellungsarten

zur Sprache kamen, so pflegte ich den unter Menschen gewöhnlich

entspringenden bornierten Streit durch gewaltsame Paradoxen

aufzuregen und an’s Äußerste zu führen. Dadurch war die Gesellschaft

meist verletzt und in mehr als +einem+ Sinne verdrießlich. Denn oft,

um meinen Zweck zu erreichen, mußte ich das Böse Prinzip spielen, und

da die Menschen gut sein und auch mich gut haben wollten, so ließen

sie es nicht durchgehen. Als Ernst konnte man es nicht gelten lassen,

weil es nicht gründlich, als Scherz nicht, weil es zu herb war;

zuletzt nannten sie mich einen umgekehrten Heuchler und versöhnten

sich bald wieder mit mir. Doch kann ich nicht leugnen, daß ich durch

diese böse Manier mir manche Person entfremdet, Andere zu Feinden

gemacht habe.

Er fährt fort:

Wie mit dem Zauberstäbchen jedoch konnte ich sogleich alle bösen

Geister vertreiben, wenn ich von Italien zu erzählen anfing ... Ich

konnte beschreiben, als wenn ich’s vor mir sähe; von belebender

Staffage wimmelte es durch und durch, und so war Jedermann von den

lebhaft vorbeigeführten Bilderzügen zufrieden, manchmal entzückt.

„Er ist und bleibt der wahre Zauberer“ schrieb damals Helene Jacobi an

Gräfin Sophie Stolberg.

Was die Leute Sonderbares von ihm schwatzen und reden, ist, weil sie

immer nur die linke Seite sehen, und Dies ist auch das Verkehrteste

an ihm, daß er so gern das Verkehrte aus sich herauswendet.

Wenige Tage danach war Goethe in Münster bei der Fürstin Gallitzin in

einem Kreise frommer katholischer Laien und Priester. Er fügte sich

vollkommen in diesen Kreis.

Hier wählte ich unaufgefordert die römischen Kirchenfeste, Karwoche

und Ostern, Fronleichnam und Peter Paul, sodann zur Erheiterung die

Pferdeweihe, woran auch andere Haus- und Hoftiere teilnehmen. Diese

Feste waren mir damals nach allen charakteristischen Einzelheiten

vollkommen gegenwärtig, denn ich ging darauf aus, ein ‚Römisches

Jahr‘ zu schreiben, den Verlauf geistlicher und weltlicher

Öffentlichkeiten; daher ich denn auch meinen katholischen frommen

Zirkel mit meinen vorgeführten Bildern ebenso zufrieden sah, als

die Weltkinder mit dem Karneval. Ja, Einer von den Gegenwärtigen,

mit den Gesamtverhältnissen nicht genau bekannt, hatte im stillen

gefragt, ob ich denn wirklich katholisch sei. Als die Fürstin mir

Dieses erzählte, eröffnete sie mir noch ein Anderes; man hatte ihr

nämlich vor meiner Ankunft geschrieben, sie solle sich vor mir in

acht nehmen; ich wisse mich so fromm zu stellen, daß man mich für

religiös, ja für katholisch halten könne. -- „Geben Sie mir zu,

verehrte Freundin“ rief ich aus, „ich stelle mich nicht fromm: ich

+bin+ es am rechten Orte! Mir fällt nicht schwer, mit einem klaren,

unschuldigen Blick alle Zustände zu beachten und sie wieder auch

ebenso rein darzustellen. Jede Art fratzenhafter Verzerrung, wodurch

sich dünkelhafte Menschen nach eigener Sinnesweise an dem Gegenstand

versündigen, war mir von jeher zuwider. Was mir widersteht, davon

wende ich den Blick weg; aber Manches, was ich nicht gerade billige,

mag ich gern in seiner Eigentümlichkeit erkennen. Da zeigt sich dann

meist, daß die Andern ebenso recht haben, nach ihrer eigentümlichen

Art und Weise zu existieren, als ich nach der meinigen.“

Ein junger Schweizer, Horner aus Zürich, durfte im Oktober 1794 als

Begleiter seines Landsmanns Heinrich Meyer an einer Gesellschaft bei

Herder teilnehmen. Er wunderte sich, wie ungeniert die großen Geister

miteinander verkehrten. „Jeder sprach und stand oder setzte sich,

zu wem er wollte.“ Herder zeigte sich als der Unterhaltsamste und

Überlegenste; Goethe blieb stumm. Da brachte ein gewisser Professor

Meyer aus Berlin „auf eine infam-witzige Manier die Heirats- und

Sterbensgeschichte“ des armen Karl Philipp Moritz vor.

Dies weckte Goethen so nach und nach aus seiner Kälte auf. Er saß

neben mir, und wir schenkten uns wechselseitig um die Wette ein. Nun

fing auch er an, von Moritz zu erzählen: was er in Rom für dumme

Streiche gemacht hatte, und schlug mit seinem Witz, der viel feiner

war, den Professor und bisweilen auch Herdern zu Boden.

[Sidenote: Bei Frau Schopenhauer]

Stephan Schütze, der ihn namentlich im geselligen Kreise der

Bankierswitwe Johanna Schopenhauer, der Mutter von Adele und Arthur

Schopenhauer, beobachtete, schildert ihn uns, wie er in den Notjahren

nach dem Oktober 1806 dort erschien.

Das Merkwürdigste war, ihn fast jedesmal in einer anderen Stimmung

zu sehen, so daß, wer ihn mit einem Male zu fassen glaubte,

sich das nächste Mal gewiß gestehen mußte, daß er ihm wieder

entschlüpft sei. Man hatte bald einen sanft-ruhigen, bald einen

verdrießlich-abschreckenden -- auch Kummer drückte sich bei

ihm gewöhnlich durch Verdrießlichkeit aus -- bald einen sich

absondernden, schweigsamen, bald einen beredten, ja redseligen,

bald einen episch-ruhigen, bald, wiewohl seltener, einen

feurig-aufgeregten, begeisterten, bald einen ironisch-scherzenden,

schalkhaft neckenden, bald einen zornig scheltenden, bald sogar einen

übermütigen Goethe vor sich .... Goethe übte gewiß eine Herrschaft

über sich, wie leicht Niemand; dennoch drang ein Nachhall der letzten

Stunde oder die Laune des Augenblicks oftmals durch die feste Haltung

hindurch, und als Gast ohne besondere Verpflichtung ließ er sich hier

weit freier gehen als zu Hause, wenn er selbst Gäste empfing.

Schütze erzählt weiter:

Gewöhnlicherweise warf er weder mit Witz noch mit Ideen um sich; ja,

er vermied diese sogar, sondern er gefiel sich meist im Ton einer

heitern Ironie, die etwas zu loben schien, dessen Unhaltbarkeit sich

so von selbst ergeben mußte. ... Schnelle Kreuz- und Querzüge konnte

er in der Unterhaltung nicht leiden ... Noch mehr liebte er, etwas

ruhig durchzusprechen, wobei Andere oft nur beipflichtend und fragend

beförderlich waren, während er eigentlich nur das Gespräch führte und

fortsetzte.

Höher noch stieg seine Liebenswürdigkeit, wenn er ganz und gar einer

epischen Stimmung sich hingab, wenn er z. B. einen römischen Karneval

beschrieb oder sonst etwas von Italien erzählte. Hier konnte man

stundenlang ihm zuhören und die ganze übrige Gesellschaft darüber

vergessen. Die Ruhe, die Klarheit, die Lebendigkeit, der an’s

Komische hinstreifende, halb feierliche Ton, womit er schilderte

und Alles deutlich vor Augen stellte, flößten mit dem Reize der

Unterhaltung zugleich ein großes Behagen, ein großes Wohlgefallen am

Leben ein.

So angenehm fesselnd indes auch seine Schilderungen waren, die

höchste Glorie umleuchtete ihn erst in Augenblicken der Begeisterung,

wenn ein lebhaftes Rot die Wangen überflog, deutlicher der Gedanke

auf der erhabenen Stirn hervortrat, himmlischer noch die Strahlen

seines Auges glänzten, und sein ganzes Antlitz sich zum Ausdruck

einer göttlichen Anschauung verklärte. Es war Dies namentlich der

Fall, als er eines Abends [1807] Calderons ‚standhaften Prinzen‘

vorlas. Bei der Szene, wo der Prinz als Geist mit der Fackel in

der Nacht dem kommenden Heere voranleuchtet, wurde er so von der

Schönheit der Dichtung hingerissen, daß er mit Heftigkeit das Buch

auf den Tisch warf.

* * * * *

Ein abwechselndes Vorlesen und ein Lesen mit verteilten Rollen ward

auch in Goethes Hause gepflegt, wenigstens eine Zeit lang. Der junge

Heinrich Voß, der Sohn des Homer-Übersetzers, erzählt davon im Januar

1801:

Da sitzt die ganze Gesellschaft um einen langen Tisch, Goethe in der

Mitte, und liest abwechselnd. Es traf sich, daß beidemal, als ich

zugegen war, aus der ‚Luise‘ gelesen wurde. An Goethe kam die Stelle

von der Trauung, die er mit dem tiefsten Gefühle las. Aber seine

Stimme ward kleinlaut: er weinte und gab das Buch seinem Nachbar.

„Eine heilige Stelle!“ rief er aus mit einer Innigkeit, die uns alle

erschütterte.

Nachher traf ihn die Stelle: „den Gesang, den unser Voß in Eutin uns

dichtete.“ Aus dem Pathos, mit welchem er diese Worte vortrug, hätte

ich schon seine Liebe zu meinem Vater abnehmen können.

Vier Jahre später schilderte Frau Schopenhauer ihrem Sohne einen Abend

bei Goethe, „wo es allerliebst war.“

Er hatte einige junge Schauspieler, die er oft bei sich deklamieren

läßt, um sie für ihre Kunst zu bilden, eingeladen und las mir mit

ihnen einige seiner frühesten Arbeiten, ein Stück von Laune und

Humor: ‚Die Mitschuldigen‘, vor. Er hatte selbst die Rolle eines

alten Gastwirts darin übernommen ... Ich habe nie was Ähnliches

gehört; er ist ganz Feuer und Leben, wenn er deklamiert; Keiner hat

das Echtkomische mehr in seiner Gewalt als er.

Zwischendurch meisterte er die jungen Leute. Ein paar waren ihm zu

kalt. „Seid ihr denn gar nicht verliebt?“ rief er komisch erzürnt,

und doch war es ihm halb ein Ernst. „Seid ihr denn gar nicht

verliebt, verdammtes junges Volk! Ich bin sechzig Jahre alt und

kann’s besser.“

Wir blieben bis halb Zwölf zusammen, Ich saß bei ihm, und die Bardua

auf der andern Seite.

* * * * *

[Sidenote: Lesen und Singen]

„Wohl perlet im Glase der purpurne Wein“ beginnt Schiller ein Gedicht,

„Wohl glänzen die Augen der Gäste: Es zeigt sich der +Sänger+, er tritt

herein. Zu dem Guten bringt er das Beste.“ Und ebenso zeichnet uns

Goethe den singenden Dichter, den der König herbeirufen läßt, seine

Gäste zu erfreuen.

Der Sänger drückt’ die Augen ein

Und schlug in vollen Tönen;

Die Ritter schauten mutig drein,

Und in den Schoß die Schönen.

Diese Erfahrung, daß Dichtung und Musik zum Guten das Beste hinzufügen,

hatten beide Dichter oft mit erlebt: bei Hofe, in geselligen Vereinen

und im eigenen Hause. Als Fürst Radziwill einmal nach Weimar kam, sein

Cello mitbrachte und zum Cello sang, glaubte Goethe einen Troubadour

aus alten Zeiten zu sehen. In jüngeren Jahren war Korona Schröter so

eine Bringerin der schönsten Freude in Goethes Häuschen an der Ilm;

in späteren Zeiten kamen Liedermeister wie Reichardt, Zelter und

Methfessel zu ihm und sangen zur Gitarre, zum Klavier oder ohne jedes

Instrument. Oder es kamen Sänger und Sängerinnen vom Theater: Ehlers,

Strohmeier, Moltke, Ernestine Engels, Henriette Eberwein und von

auswärts Henriette Sontag, Wilhelmine Schröder-Devrient. Auch tüchtige

Klavierspieler und Geiger erfreuten ihn und seine Gäste nicht selten:

Hummel, Organist Schütz aus Berka, Karl Eberwein, Ferdinand Hiller,

Felix Mendelssohn, Maria Szymanowska, Klara Wieck, die nachmalige

Gattin von Robert Schumann, und Andere mehr.

[Sidenote: Hauskapelle und Zeichentisch]

Eine eigene Hauskapelle hatte er sich schon lange gewünscht; im Herbst

1807 glückte es ihm, sie einzurichten; ein paar Sänger und Sängerinnen

vom Theater übten sich bei ihm zweimal die Woche; der Geiger Karl

Eberwein warf sich zum Dirigenten auf; im Januar 1808 konnte Goethe

schon das erste Konzert seines eigenen Singechors vor geladenen Gästen

veranstalten. In den nächsten Wintern waren dann seine Hauskonzerte

seine liebste Geselligkeit. Sie fanden an den Sonntagmittagen statt;

alle Freunde waren geladen, und einige Male zählte man an die fünfzig

Zuhörer. Diese Tonfreuden begannen gewöhnlich mit Werken der ~musica

sacra~; dann folgten weltlich-ernste Stücke, und schließlich fehlte

auch das Lustige nicht.

Um 1812 und 1813 schlief diese kleine Anstalt ein, besonders infolge

von Mißhelligkeiten im Theater. Aber das Ehepaar Eberwein blieb dem

alten Dichter treu anhänglich, und wenn nun Goethe in seinem Saale ein

Konzert wünschte, so bedurfte es nur einer kurzen Mitteilung: Eberwein

brachte die Vortragenden rasch zusammen. Eckermann hat uns solche

Abende geschildert, wo Goethe sich mit den Seinen Händels ‚Messias‘

zurückrief oder sich an dem Vortrag seiner eigenen Lieder erfreute,

die Henriette Eberwein gar lebendig vortrug, und zwar in Melodien, die

teils ihr Mann, teils ihr Schwager, der Rudolstädter Eberwein, gesetzt

hatten.

* * * * *

Auch das Zeichnen und Malen wurde im klassischen Weimar zuweilen zum

gesellschaftlichen Vergnügen. Wir besitzen ein Bild von Georg Melchior

Kraus, wo er im Kreise um die Herzogin Amalie neun Damen und Herren

an einem Zeichentische abgebildet hat: Goethe, Einsiedel, Herder

usw.; zwei der Damen sticken, Herder macht den Zuschauer, die Übrigen

haben alle den Stift oder den Pinsel zur Hand. Als im Oktober 1806

die Frau Schopenhauer trotz ihrer Neuheit in Weimar zweimal in der

Woche Tee-Abende geben und dazu namentlich den Geheimen Rat Goethe als

regelmäßigen Gast gewinnen wollte, gab ihr sein Freund Heinrich Meyer

einen guten Rat. „Goethe fühlt sich recht wohl bei mir“ konnte sie dann

sehr bald an ihren Arthur schreiben;

ich habe einen eigenen Tisch mit Zeichenmaterialien für ihn in eine

Ecke gestellt. Wenn er dann Lust hat, so setzt er sich hin und tuscht

aus dem Kopfe kleine Landschaften: leicht hingeworfen, nur skizziert,

aber lebend und wahr, wie er selbst und Alles, was er macht.

Einmal brachte er der Gastgeberin einen schön aus Papier

ausgeschnittenen Blumenstrauß von dem Hamburger Maler Philipp Otto

Runge mit; da zeigte ihm Frau Schopenhauer, daß sie diese Kunst auch

verstand, und legte ihm einen ebensolchen Kastanienzweig vor.

Er freute sich darüber wie ein Kind zum Weihnachten ... Die Übrigen

gingen an’s Klavier im Nebenzimmer; ich blieb allein bei Goethe an

seinem Zeichentische ... Nun erzählte er mir von einem Ofenschirme,

den ich so machen müßte, machte mir mit ein paar Strichen eine

Zeichnung dazu und will mir auch beim Aufkleben helfen.

Beide gingen sogleich mit großem Eifer an diese Aufgabe. Die junge

Witwe schnitt ihre Blumen, und der berühmte Dichter war „gewaltig

beschäftigt“, sie zur Verzierung des Ofenschirmes zu ordnen. Ende

Januar 1807 berichtet Johanna wieder darüber.

Es ist eine herrliche Sache um solche gemeinschaftliche Arbeiten, die

man mit Lust und Liebe anfängt; es gibt kein schöneres, festeres

Band für’s gesellige Leben. Ich habe immer mit meinen Freunden Etwas

vor, und Das gibt ein Zusammenkommen, ein Beraten, ein Überlegen,

als hinge das Wohl der Welt daran; am Ende wird es ein Ofenschirm

... Klugen, vernünftigen Leuten muß unser Beginnen fast töricht

erscheinen. Wenn so ein Senator oder Bürgermeister sähe, wie ich mit

Meyer Papierschnitzel zusammenleime, wie Goethe und die Andern dabei

stehen und eifrig Rat geben, er würde ein recht christliches Mitleid

mit uns armen kindischen Seelen haben ...

Der Ofenschirm ist fertig und die Bewunderung aller Welt; er ist

wirklich über Erwarten hübsch! Goethe hat letzt mit dem Lichte in der

Hand wohl eine halbe Stunde davor gesessen und ihn besehen, und wer

ihm näher kam, Der mußte mit bewundern und besehen.

* * * * *

[Sidenote: Kartenspiel]

Zu den väterlichen Warnungen, die Goethe auf die Universität mitnahm,

gehörte diejenige vor allem Kartenspiel. In Leipzig aber überzeugte ihn

eine mütterliche Freundin, die Hofrätin Böhme, daß nur der Mißbrauch

gefährlich und schädlich sei, und sie unterwies ihn in Pikett, L’hombre

und anderen in Gesellschaft üblichen Spielen. Ein guter Kartenspieler

wurde ihr Zögling jedoch nicht. „Ich hatte wohl den Spielsinn, aber

nicht den Spielgeist“ so schilderte sich Goethe später:

Ich lernte alle Spiele leicht und geschwind, aber niemals konnte ich

die gehörige Aufmerksamkeit einen ganzen Abend zusammenhalten. Wenn

ich also recht gut anfing, so verfehlte ich’s doch immer am Ende

und machte mich und Andere verlieren, wodurch ich denn jederzeit

verdrießlich entweder zur Abendtafel oder aus der Gesellschaft ging.

Kaum war Madame Böhme verschieden, die mich ohnedem während ihrer

langwierigen Krankheit nicht mehr zum Spiel angehalten hatte, so

gewann die Lehre meines Vaters Kraft; ich entschuldigte mich erst von

den Partien, und weil man nun nichts mehr mit mir anzufangen wußte,

so ward ich mir noch mehr als Andern lästig, schlug die Einladungen

aus, die denn sparsamer erfolgten und zuletzt ganz aufhörten.

Diese Erfahrung machte ihn in Straßburg willfährig, als dort ein

älterer Freund, Salzmann, die gleiche Forderung an ihn stellte wie

einst die Professorin Böhme. Goethe sah ein, daß man sich durch

diese kleine Aufopferung -- wenn sie ja als solche gelten dürfe --

manches Vergnügen und „sogar eine größere Freiheit in der Sozietät

verschaffen könne, als man sonst genießen würde“; handelte es sich

doch damals, wenn vom Kartenspiel die Rede war, in der Regel nicht um

einen Wirtshaus-Zeitvertreib unter Männern, sondern um eine häusliche

Unterhaltung zwischen Damen und Herren. Die Gefahr, daß Einzelne von

der Spielleidenschaft ergriffen wurden, blieb freilich; nicht Wenige

brachten sich bei Kunst- und Glückspielen um Wohlstand, Häuslichkeit

und Ehre. Aber Goethe fühlte nie eine übermäßige Anziehung vom

Spieltisch aus, und wenn er die Karten in der Hand hielt, blieb ihm das

Beisammensein mit den Menschen die Hauptsache.

Das alte eingeschlafene Pikett wurde daher hervorgesucht; ich lernte

Whist, richtete mir nach Anleitung meines Mentors einen Spielbeutel

ein, welcher unter allen Umständen unantastbar sein sollte, und nun

fand ich Gelegenheit, mit meinem Freunde die meisten Abende in den

besten Zirkeln zuzubringen.

Er war selber noch ein junger Student, als ein noch jüngerer, Augustin

Trapp in Worms, ihn um einen Gewissensrat über das Kartenspielen

bat; Goethe neigte damals zur herrnhutischen Frömmigkeit und hatte

Verständnis für solche Nöte; seine Antwort war vermittelnd:

Wenn Sie es für eine Sünde halten, so spielen Sie nicht! Warum

wollen Sie törig sein und Ihr Gewissen, anderen Leuten zu gefallen,

beschweren? Aber ich wünschte nicht, daß Sie eine +Religions+sache

daraus machten und +sagten+: Ich tu es nicht, weil ich’s für Sünde

halte.

Goethes Lebenskunst · 第 6 / 19 段