Nur die Muse gewährt einiges Leben dem Tod.
Denn gestaltlos schweben umher in Persephoneias
Reiche, massenweis’, Schatten vom Namen getrennt;
Wen der Dichter aber gerühmt, Der wandelt, gestaltet,
Einzeln, gesellet dem Chor aller Heroen sich zu.
Freudig tret’ ich einher, von deinem Liede verkündet ...
[Sidenote: Günstlinge]
Solche Liebe zu den Untergebenen wächst, wenn es angenehme Menschen
sind, gar leicht in allzu große Gunst hinein, und nirgends ist die
Versuchung zur Günstlingswirtschaft größer als bei der Leitung eines
Theaters. Goethe aber wußte und lehrte: „Man muß stets die Gunst
+verteilen+, sonst windet man das Ruder sich selbst aus der Hand.“ Zu
Eckermann sagte er, als von den Schwierigkeiten der Theaterleitung die
Rede war:
Ich hatte mich vor zwei Feinden zu hüten. Das Eine war meine
leidenschaftliche Liebe des Talents, die leicht in den Fall kommen
konnte, mich parteiisch zu machen. Das Andere will ich nicht
aussprechen, aber Sie werden es erraten. Es fehlte bei unserm Theater
nicht an Frauenzimmern, die schön und jung und dabei von großer
Anmut der Seele waren. Ich fühlte mich zu Mancher leidenschaftlich
hingezogen; auch fehlte es nicht, daß man mir auf halbem Wege
entgegenkam. Allein ich faßte mich und sagte: +Nicht weiter!+ Ich
kannte meine Stellung und wußte, was ich ihr schuldig war. Ich stand
hier nicht als Privatmann, sondern als Chef einer Anstalt, deren
Gedeihen mir mehr galt als mein augenblickliches Glück. Hätte ich
mich in irgend einen Liebeshandel eingelassen, so würde ich geworden
sein wie ein Kompaß, der unmöglich recht zeigen kann, wenn er einen
einwirkenden Magnet an seiner Seite hat. Dadurch aber, daß ich mich
durchaus rein erhielt und immer Herr meiner selbst blieb, blieb ich
auch Herr des Theaters, und es fehlte mir nie die nötige Achtung,
ohne welche jede Autorität bald dahin ist.
Gegen ältere Schauspieler gab Goethe seiner Unzufriedenheit nie strenge
Worte; sein Tadel war nie verletzend. Z. B.: „Nun, Das ist ja gar nicht
übel, obgleich ich mir den Moment so gedacht habe; überlegen wir uns
Das bis zur nächsten Probe, vielleicht stimmen dann unsere Ansichten
überein.“ Widerspruch nahm er auch hier gut auf, wo er berechtigt war.
Bei einer Theaterprobe las der sonst fleißige Schauspieler Unzelmann
seine Worte aus der Rolle ab. Sogleich ertönte Goethes mächtige
Baßstimme aus seiner Loge hinter dem Parterre: „Ich bin es nicht
gewohnt, daß man seine Aufgaben abliest.“ Unzelmann entschuldigte sich,
seine Frau liege seit mehreren Tagen krank darnieder, deshalb hätte er
nicht zum Lernen kommen können. „Ei was!“ rief Goethe, „der Tag hat
vierundzwanzig Stunden, die Nacht mit eingerechnet.“ Unzelmann trat
bis in’s Proszenium vor und sagte: „Euere Exzellenz haben vollkommen
recht, der Tag hat vierundzwanzig Stunden, die Nacht mit eingerechnet.
Aber ebensogut wie der Staatsmann und der Dichter der Nachtruhe
bedarf, ebensogut bedarf ihrer der arme Schauspieler, der öfter Possen
reißen muß, wenn ihm das Herz blutet. Euere Exzellenz wissen, daß ich
stets meiner Pflicht nachkomme, aber in solchem Falle bin ich wohl zu
entschuldigen.“
Diese kühne Rede erregte allgemeines Erstaunen, und Jeder stand
erwartungsvoll, was nun kommen würde. Nach einer Pause rief Goethe mit
kräftiger Stimme: „Die Antwort paßt! Weiter!“
Als der Kanzler v. Müller ein halbes Jahr nach Goethes Tod vor der
Erfurter Akademie gemeinnütziger Wissenschaften eine Vorlesung über
seinen großen Freund hielt, betonte er auch Goethes gutes Verhältnis zu
seinen Schauspielern:
Nirgends vermochte Goethe den Zauber seiner imposanten Persönlichkeit
freier zu üben und geltend zu machen als unter seinen dramatischen
Jüngern. Streng und ernst in seinen Forderungen, unabwendlich in
seinen Beschlüssen, rasch und freudig jedes Gelingen anerkennend,
das Kleinste wie das Größte beachtend und eines Jeden verborgenste
Kraft hervorrufend, wirkte er im gemessenen Kreise, ja, meist bei
geringen Mitteln, oft das Unglaubliche. Schon sein ermunternder Blick
war reiche Belohnung, sein wohlwollendes Wort unschätzbare Gabe.
Jeder fühlte sich größer und kräftiger an der Stelle, wo +er+ ihn
hingestellt, und der Stempel seines Beifalls schien dem ganzen Leben
höhere Weihe zu gewähren. Man muß es selbst gesehen und gehört haben,
wie die Veteranen aus jener Zeit des heitersten Zusammenwirkens von
Goethe und Schiller noch jetzt mit heiliger Treue jede Erinnerung an
diese ihre Heroen bewahren, mit Entzücken einzelne Züge ihres Waltens
wiedergeben und schon bei Nennung ihrer Namen sich leuchtenden
Blickes gleichsam verjüngen, wenn man ein vollständiges Bild der
liebevollen Anhänglichkeit und des Enthusiasmus gewinnen will, die
jene großartigen Naturen einzuflößen vermochten.
* * * * *
[Sidenote: Schauspieler]
„Wenn +Sie+ es nicht machen wollen, so mache ich es selber“ war ein
Trumpf, den Goethe gegen Untergebene ausspielen konnte. „Und sie
wußten, daß ich verrückt genug war, mein Wort zu halten und das Tollste
zu tun“ fügte er hinzu, als er von dem Schauspieler Becker erzählte,
dem eine Rolle zu unbedeutend für seine hohe Persönlichkeit erschienen
war. Als sein Diener Stadelmann immer noch keine Wischtücher zum
Abstauben der Kunstmappen besorgt hatte, da schalt er: „Ich erinnere
dich heute zum letzten Male! Gehst du nicht noch heute, die oft
verlangten Tücher zu kaufen, so gehe ich morgen selbst, und du sollst
sehn, daß ich Wort halte.“ Auch aus solchem Schelten hörte man heraus,
daß Goethe es gut meinte. Er machte sich viele Gedanken um das gute
Fortkommen seiner Diener und Untergebenen. Für den Bibliotheksdiener
erbat er 1805 vom Herzog sogar die Erlaubnis, sich von den Personen,
die die Bibliothek benützten, ein Neujahrs-Trinkgeld erbitten zu
dürfen, denn „zur allgemeinen Bettelei dürfte wohl auch Diese billig
hinzukommen;“ die Finanzen des Ländchens mögen in jenen Kriegszeiten
ihre Verwalter nicht zu Stolz und Freigebigkeit gestimmt haben.
Bei seinen eigenen Dienern wünschte er, daß sie das Rasieren, die
Gartenarbeit oder dergleichen Leistungen lernten, die ihnen später von
Nutzen sein und sie jetzt schon vor Müßiggang bewahren konnten. Als
er nach Karl Augusts Tode auf der Dornburg an sein eigenes Ende viel
dachte, da fragte er sich auch, was aus seinen Bedienten dann werde,
und er sprach darüber mit dem Gärtner und dem Barbier, den er reichlich
belohnte.
Ebenda war es, daß sein Sekretär John und sein Diener Friedrich Krause
mit dem Gärtner Sckell sich einen fröhlichen Nachmittag machten, wobei
ihnen der Dornburger Wein so sehr zu Kopfe stieg, daß sie nach der
Heimkehr sogleich in schweren Schlummer sanken. Goethe rief vergebens
nach ihnen, als sie zu ihren gewohnten Diensten nicht kamen. Am
andern Morgen erschraken sie sehr, als sie ihre Pflichtvergessenheit
bemerkten. Ganz besonders war Friedrich erschrocken; er wollte sich gar
nicht beruhigen lassen. Als ihn bald darauf Goethe rief und den Kaffee
zu bringen befahl, wurde er totenbleich und wankte mit schlotternden
Gliedern die Treppe hinauf. „Neugierig, was Goethe wohl sagen werde,
schlich ich mich hinter dem Bedienten her“ -- so erzählt Sckell -- „und
blieb horchend an der Tür stehen. Als der Bediente eingetreten war,
sagte Goethe: „Na, na, Friedrich! du zitterst ja wie ein armer Sünder.
Setze nur das Kaffeebrett ab, sonst lässest du es noch fallen! Nicht
wahr, du glaubst, ich werde dich recht auszanken? Das tue ich nicht; du
hast ja deine Strafe wohl so schon bekommen? Wie sieht es denn heute
hier aus?“ fuhr er fort, sich mit dem Zeigefinger über die Stirn
streichend. „Setz nur ab und gehe! Es ist abgemacht!“ -- Hocherfreut,
mit diesem kleinen Verweise davongekommen zu sein, verließ der Bediente
das Zimmer.
[Sidenote: Diener und Köchinnen]
An Schärfe fehlte es Goethen gegen seine Diener freilich auch nicht,
wenn er mit der Geduld schließlich nicht zum Ziele kam. Und wenn er
Jemand entließ, so nahm er es ernst mit der Polizei-Verordnung, die es
den Herrschaften zur Pflicht macht, die Dienstboten „nicht bloß mit
allgemeinen und unbedeutenden Attesten zu entlassen, sondern darin
gewissenhaft ihr Gutes und ihre Mängel auseinanderzusetzen.“ Als er im
März 1811 eine Köchin wegschickte, die er als „eine der boshaftesten
und inkorrigibelsten Personen“ befunden hatte, schrieb er ihr folgendes
aufrichtiges Zeugnis:
Charlotte Hoyer hat zwei Jahre in meinem Hause gedient. Für eine
Köchin kann sie gelten, und ist zuzeiten folgsam, höflich, sogar
einschmeichelnd. Allein durch die Ungleichheit ihres Betragens hat
sie sich zuletzt ganz unerträglich gemacht. Gewöhnlich beliebt es
ihr nur nach eigenem Willen zu handeln und zu kochen; sie zeigt sich
widerspenstig, zudringlich, grob, und sucht Diejenigen, die ihr zu
befehlen haben, auf alle Weise zu ermüden. Unruhig und tückisch,
verhetzt sie ihre Mitdienenden und macht ihnen, wenn sie nicht mit
ihr halten, das Leben sauer. Außer andern verwandten Untugenden hat
sie noch Die, daß sie an den Türen horcht.
Charlotte Hoyer hatte keine Ahnung, welchen Preis ihr von Goethe
gezeichnetes Charakterbild bei Liebhabern später haben würde, und riß
es auf der Treppe in hundert Stücke. Goethe schickte die Beweise dieser
neuen Frechheit der Polizei zu, deren „einsichtsvollem Ermessen“ er
„die Ahndung einer solchen Verwegenheit“ anheimgab.
Aber auch von einer wackeren Köchin wissen wir, wie sie zu Goethe als
ihrem zeitweiligen Herrn stand. Henriette Hunger war seit 1817 bei dem
Verleger Frommann in Jena in Stellung; ihre Erinnerungen erzählt sie am
besten in eigener Sprech- und Schreibweise:
Göhte war ein treuer Freund zu Frommanns. Alle Morgen 11 Uhr fuhr
Göhte vor Und machten Seinen Morgenbesuch. Wobei ich auch das
Unglück hatte, Göhte mit Eine Butte Wasser zu überschitten. Göhte
wollte mich die Tür halten aus Bescheidenheit und ich ebenfalls,
ich versah das Tembo und war in fallen und Göhte wollte mich halten
und bekam die Wasserbutte auf den Halz, ich zum Tode Erschrocken.
Madam und Fräulein Frommann Kamen mit Tüchern und beseitigten das
nasse Element. Göhte fuhr nach Haus um sich umzukleiden. Deßhalb
gab es keine Feindschaft. Den andern Morgen war Göhte wieder da und
lachte. Göhte war nachdem in den botanischen Garten gezogen wolte
aber nicht lange mehr in Jena bleiben, weil Ihn das Essen aus den
Speisehäusern nicht Schmeckte. Frommanns wolten Göhte gerne für sich
und Jena Erhalten, der Grund war das Essen wie anfangen, die Madam
Fromman Eine sehr kluge Dame sann hin und hehr. Endlich kam sie auf
Ihre Köchin, das war ich. Sie ließ mich in Ihr Zimmer kommen und
sagte, ich habe ein großes anliegen an Dich was G. betrift und Du
die Hauptperson bist (Du die Hauptperson? dachte ich) willst Du für
G. Kochen den Mittagstisch übernehmen Meine Speisekammer Steht Dir
Ofen, thue es, ich werde Dirs niemals vergessen, nach langes Zureden
gab ich mein Wort. An Göhte geschriben das Ihre Köchin für Ihn den
Mittags Tisch übernehmen wolte, mit Freuden Nehme ich dis An -- war
die Rückantwort. So kochte ich ein halbes Jahr für den Großen Mann zu
danke. Göhte nahm sich gegen mich nicht als wäre ich Köchin sondern
als wäre ich mehr, wenn ich mit meinen Zettel kam, lag Schon was
Schönes da, anzusehen für mich, Kurz ich kam mich vor als gehörte ich
der gelehrten Welt mit an. -- --
Seine männlichen Diener gehörten erst recht „der gelehrten Welt mit an.“
[Sidenote: Philipp Seidel]
Als Goethe 1775 nach Weimar reiste, brachte er einen um sechs Jahre
jüngeren Landsmann aus der Kleinen Eschenheimergasse, Philipp Seidel,
als sein Faktotum nach Weimar mit. Philipp war auch Schreiber für
seinen Herrn und wurde, als die eigene Wirtschaft eingerichtet wurde,
eine Art Haushofmeister und Kassenverwalter. Christoph Sutor und die
Köchin Dorothee waren seine ersten Untergebenen; vorher hatte er
selber die Eierkuchen für seinen Herrn und sich gebacken. Wir wissen,
daß Goethe allein mit diesem Diener in seinem Gartenhause den Abend
verbrachte und mit ihm in der gleichen engen Kammer schlief. „Mit
meinem Philipp von seiner und meiner Welt geschwätzt“ heißt es in einem
Briefe Goethes; Philipp aber berichtete an einen Frankfurter Freund,
wie weit diese Gespräche gingen.
Stell’ Dir die erschreckliche Wendung vor: von Liebesgeschichten auf
die Insel Korsika, und auf Dieser blieben wir in dem größsten und
hitzigsten Handgemenge bis morgens gegen Viere. Die Frage, über die
mit so viel Heftigkeit als Gelehrsamkeit gestritten wurde, war Diese:
ob ein Volk nicht glücklicher sei, wenn’s frei ist, als wenn’s unter
dem Befehl eines souveränen Herrn steht. Denn ich sagte: die Korsen
sind wirklich unglücklich. Er sagte: nein, es ist ein Glück für sie
und ihre Nachkommen; sie werden nur verfeinert, entwildert, lernen
Künste und Wissenschaften, statt sie zuvor roh und wild waren. Herr!
-- sagte ich -- ich hätt’ den Teufel von seinen Verfeinerungen und
Veredelungen auf Kosten meiner Freiheit, die eigentlich unser Glück
macht.
Philipp war ein recht praktisch angelegter Mensch; schon mit
dreiundzwanzig Jahren begann er als Nebenverdienst eine Flachsspinnerei
und einen Strumpfverlag. Goethe benutzte ihn wegen dieser Talente
auch für seine gemeinnützigen Zwecke; als er den Vorsitz der
Kriegskommission übernahm und die Garnisonschule nach dem Muster
der Frankfurter Stadtschule verbesserte, da gründeten Herr und
Diener gemeinsam auch eine Strick-, Näh- und Spinnschule für die
Soldatenkinder, und sie verfaßten gemeinsam eine ‚Anweisung zum
Spinnen‘.
Am wertvollsten wurde der Diener seinem Herrn, als dieser nach Italien
ging und daheim eines sehr zuverlässigen Verwalters und Stellvertreters
bedurfte. Philipp besorgte nun alle Haus- und Kassengeschäfte,
berichtete die kleinen und großen weimarischen Ereignisse, überbrachte
Andern die Sendungen und Bestellungen seines Herrn; ja, er öffnete im
Anfang die an Diesen gelangenden Briefe und grüßte Hoch und Niedrig von
dem Abwesenden, je nachdem er, Philipp, es für angebracht hielt. Das
war dem Dichter recht. Aus Rom schreibt er:
Du gehst zu den Herren Geheimräten und machst von hier aus meine
besten Empfehlungen und empfiehlst mich ihrem Andenken. Ein Gleiches
kannst Du bei Herrn und Frau v. Wedel und bei den Hofdamen tun.
Fällt Dir sonst noch Jemand ein, so tue das Gleiche; ich gebe Dir
Vollmacht; wo Du es schicklich und artig hältst, gebe ich Dir
Vollmacht. Schreibe mir nur nachher, wen Du gegrüßt hast.
Aus Neapel heißt es dann:
Bleibe ja dabei, und ich fordere Dich dazu auf, mir über Alles, was
mich sonst angeht und was Du sonst gut finden magst, Deine Meinung
unverhohlen, ja ohne Einleitung und Entschuldigung, zu sagen. Ich
habe Dich immer als einen meiner Schutzgeister angesehen; werde nicht
müde, dieses Ämtchen auch künftig beiher zu verwalten.
Und Philipp war aufrichtig. Er schrieb z. B., daß ihm die neue,
italienische Fassung der ‚Iphigenie‘ nicht so gut gefalle wie die
frühere in Prosa. Und Goethe antwortete:
Was Du von meiner ‚Iphigenie‘ sagst, ist im gewissen Sinne
leider wahr. Als ich mich um der Kunst und des Handwerkes willen
entschließen mußte, das Stück umzuschreiben, sah ich voraus, daß die
besten Stellen verlieren mußten, wenn die schlechten und mittlern
gewannen. Du hast zwei Szenen genannt, die offenbar verloren haben.
Aber wenn es gedruckt ist, dann lies es noch einmal ganz gelassen,
und Du wirst fühlen, was es als Ganzes gewonnen hat.
Seidel blieb dabei, daß die alte, prosaische Form die bessere gewesen
sei, wie auch die ‚Claudine von Villabella‘ durch die Jamben nicht
gewonnen habe. Goethe antwortete wieder geduldig:
Du sollst auch eine ‚Iphigenie‘ in Prosa haben, wenn sie Dir Freude
macht. Der Künstler kann nur arbeiten. Beifall läßt sich, wie
Gegenliebe, nur wünschen, nicht erzwingen.
Ebenso wie Philipp ihn, so beriet er seinen Diener bei Dessen
literarischen Arbeiten. Philipp dichtete, schrieb eine Abhandlung
über das Münzwesen (Goethe gab ihm Aufschluß über die Währung in
Neapel), schrieb eine Abhandlung über das weibliche Geschlecht,
Alles neben seinem Dienst, seinen eigenen Unternehmungen und seinen
naturwissenschaftlichen Studien; er war eben Goethes „vidimierte
Kopie“, wie man in Weimar sagte. Sein Herr urteilte immer wohlwollend.
Was Deine kleine Schrift über das weibliche Geschlecht betrifft, so
möchte ich Dir fast raten, sie geradezu drucken zu lassen, besonders
wenn Du unbekannt bleiben könntest. Jene Ausarbeitung über’s Geld
kann nicht reif genug werden; moralische Sachen aber lernt ein
Unbefangener aus dem Effekt auf’s Publikum erst recht kennen.
Auch die Meinung seines Dieners über Staatsangelegenheiten war ihm
wichtig. So bat er im Sommer 1787:
Mache Dir einmal wieder ein Geschäft, mir einen langen Brief zu
schreiben und mir mit Deiner gewöhnlichen Freimütigkeit über die
gegenwärtige Lage unseres kleinen Staats, insofern Du sie übersiehst,
und was das Publikum denkt und sagt, über das neue Kammersystem usw.
Deine Gedanken zu eröffnen.
Philipp wird nicht wenig kritisiert haben, und Goethe antwortete:
„Alle Briefe, die an mich kommen, sind voll Klagen und Trauer über die
Veränderungen, die sich bei uns zugetragen haben.“ Das heißt, in’s
Offene übersetzt: Es ist ein großer Jammer, daß unser guter Herzog sich
hat einfallen lassen, preußischer Soldat zu werden; er wird damit sich
selber und seinem Lande schaden.
Philipp war mit seinem Herrn Naturforscher geworden und setzte nun das
Mikroskopieren auf eigene Hand fort; er teilte seine Entdeckungen
freudig mit. Goethe antwortete:
Du tust sehr wohl, mein Lieber, Dich mit Betrachtung der Natur zu
beschäftigen. Wie der natürliche Genuß der beste ist, so ist auch
die natürliche Betrachtung die beste. Deine Beobachtungen sind recht
gut ... Schreibe mir Alles, was Du auf diesem Wege triffst. Mich
interessiert’s sehr, und ich lerne immer.
Oft schreibt Goethe seinem Diener Lob und Zustimmung; muß er aber
einmal tadeln, so findet er die feinste Form:
Noch ein Wort! Ich kann nicht billigen, daß Du der Frau v. Stein
nicht nähere Auskunft wegen des Kastens gabst. Ich bin dadurch
auf einige Zeit in Sorge geraten. Wo man aufklären, auch in
Kleinigkeiten, kann, soll man es ja und bald tun. Ich gebe diese
Lehre und Ermahnung Dir und mir, indem ich Dies schreibe.
Auch für das Fortkommen Philipps sorgt Goethe auf’s beste. Er ließ ihn
zuerst Kammerkalkulator, dann Rentkommissär werden; 1789 rückte Seidel
zum Rentamtmann auf, und Goethe stellte die dabei nötige Kaution von
1000 Talern. Seidel war bis zu seinem 1820 erfolgten Tode ein tüchtiger
Beamter. -- --
[Sidenote: Stadelmann]
Unter Philipps Nachfolger war Karl Stadelmann aus Jena einer der
wichtigsten; er trat am 1. Februar 1817 seine Stelle als Kammerdiener
an, und schon im April läßt er von Jena aus an den jüngeren Herrn v.
Goethe bestellen, daß er bei seinen mineralogischen Wanderungen in
der Gegend glücklich sei und auch schon den Befehl erhalten habe, den
Ettersberg auf seine Art zu untersuchen. Und schon vorher, am 30. März,
steht in Goethes Tagebuche: „Wunderbarer Fund von Versteinerungen
an der alten Löbstädter Straße durch Stadelmann und Barth“ -- Barth
war der Kutscher. Nicht lange danach berichtete Stadelmann an den
Bibliotheks-Sekretär Kräuter, daß er wegen all des gelehrten Betriebes
nicht zum Briefschreiben gekommen sei. „Sehen Sie, hier in Jena, da
laufen Unsereinem die Professoren immer vor den Füßen herum: da kommt
ein Bergrat, dort ein Chemiker, da wieder ein Künstler, ein Technolog
und weiß Gott was alles; ich muß mich den ganzen Tag mit den Leuten so
herumbalgen, und da hab’ ich denn Jedem so etwas abgemerkt.“
[Sidenote: Stadelmann und Krause]
Sieben Jahre bewährte sich Stadelmann als gelehrter Kammerdiener. Er
suchte in Thüringen und Böhmen die Berge ab nach seltenen Steinen für
die Sammlungen seines Herrn und eignete sich auch auf anderen Gebieten
viele Kenntnisse an. Soret erzählt, wie Karl einmal mit triumphierender
Miene das Gespräch unterbrochen und um die Erlaubnis gebeten habe,
Goethen eine neue Entdeckung vorzutragen. Es handelte sich um die
geliebte Farbenlehre.
„Ich habe ein Weinglas auf ein weißes Blatt Papier gestellt -- so
-- ferner eine Kerze“ begann Karl. „Man sieht, daß das durch die
Flüssigkeit dringende Licht auf dem Papier drei Sonnen mit einem
Regenbogen hervorbringt, wie wir ihn neulich am Himmel beobachteten.
Dreht man es +so+, so sieht man +eine+ Sonne; +so+ werden es +zwei+ und
+so drei+. Und hier ist der Regenbogen, hier der helle Kreis und hier
der dunkle Kreis.“
Goethe hörte andächtig zu, obwohl er sogleich sah, daß hier wieder
einmal der Laie aus richtiger Beobachtung voreilige Schlüsse zog.
Und Stadelmann war glücklich. „Jawohl!“ rief er aus, „es ist doch
sonderbar, es ist merkwürdig! Ich habe nur eine halbe Stunde zu diesem
Experimente gebraucht und würde wohl noch Anderes entdecken, wenn ich
nur Zeit hätte!“
Noch in der Nacht vor seinem eigenen Tode zeigte sich Goethes gutes
Herz gegen seine Diener. Er sah, daß Friedrich vom vielen Nachtwachen
der letzten Wochen sehr müde war; und er mußte ihn doch in seiner Nähe
haben. Da ließ er ihn auf seinem eigenen Bett schlafen, während er im
Lehnstuhl, wo er leichter Atem bekommen konnte, daneben saß; der Kopist
mußte in dieser letzten Nacht aufpassen, daß der Kranke nicht beim
Einschlafen vornüber fiel.
[12] So heißt es in einer Variante zur dritten Bearbeitung des ‚Götz‘.
[13] Prolog zum moral.-pol. Puppenspiel 1774.
VII.
Geselligkeit.
Auch wenn wir von Goethes Geselligkeit reden, müssen wir ihm
Eigenschaften zuschreiben, die einander widersprechen: er war gewandt
und steif, biegsam-schmiegsam und unbeholfen, Zauberer und Pedant,
hingebend und unfühlend.
Wir haben also sehr verschiedenartige Urteile über seinen Umgang mit
Menschen. Sobald er als Dichter aufgetreten war, bewunderten seine
neuen Bekannten auch den Menschen in ihm und rühmten seine Unterhaltung
in höchsten Tönen. Wirklich in höchsten, denn ein Schriftsteller und
Hofmeister Clemens Werthes verglich ihn geradezu mit Christus und
fragte: „Brannte nicht unser Herz in uns, da er mit uns redete?“ Er
war damals aber auch ein recht gutmütiger Gesellschafter, wenigstens
wenn er in neue Kreise trat, wie zum Beispiel als Begleiter Lavaters
im Sommer 1774. Dieser bezeugte denn auch: „Ich habe ihn neben Basedow
und Hasenkamp,[14] bei Herrnhutern und Mystikern, bei Weibchens und
Männinnen: allenthalben denselben edeln, Alles durchschauenden,
duldenden Mann gesehen.“
[Sidenote: Wielands Lobgesang]
Acht Wochen nach Goethes Erscheinen in Weimar dichtete Wieland die
Verse:
Mit einem schwarzen Augenpaar,
Zaubernden Auges voll Götterblicken,
Gleich mächtig zu töten und zu entzücken,
So trat er unter uns, herrlich und hehr,
Ein echter Geisterkönig, daher! -- -- --
So hat sich nie in Gottes Welt
Ein Menschensohn uns dargestellt,
Der alle Güte und alle Gewalt
Der Menschheit so in sich vereinigt!
So feines Gold, ganz innerer Gehalt,
Von fremden Schlacken so ganz gereinigt! -- -- --
Das laß mir einen Zauberer sein!
Wie wurden mit ihm die Tage zu Stunden!
Die Stunden wie augenblicks verschwunden!
Und wieder Augenblicke so reich,
An innerem Werte Tagen gleich!
Was machte er nicht aus unsern Seelen?
Wer schmelzt wie er die Lust in Schmerz?
Wer kann so lieblich ängsten und quälen?
In süßeren Träumen zerschmelzen das Herz?
Wer aus der Seelen innersten Tiefen
Mit solch’ entzückendem Ungestüm
Gefühle erwecken, die ohne ihn
Uns selbst verborgen im Dunkeln schliefen?
* * * * *
Und wenn wir dachten, wir hätten’s gefunden,
Und was er sei, nun ganz empfunden,
Wie wurd’ er so schnell uns wieder neu!
Entschlüpfte plötzlich dem satten Blick
Und kam in andrer Gestalt zurück.
Ließ neue Reize sich uns entfalten,
Und jede der tausendfachen Gestalten
So ungezwungen, so völlig sein,
Man mußte sie für die wahre halten!
Nahm unsre Herzen in jeder ein,
Schien immer nichts davon zu sehen,
Und wenn er immer glänzend und groß
Rings umher Wärme und Licht ergoß,
Sich nur um seine Achse zu drehen.