Unangemessenheit; seine Beine waren um 6 bis 7 Zoll zu kurz. Daher
hatte er etwas von Dem, was Albrecht Dürer in seiner Beschreibung
der vollkommenen Menschengestalt einen gebundenen Leib nennt; es
fehlte ihm körperliche Gewandtheit und Leichtigkeit ... Diese seine
Beinverkürzung gab ihm wirklich eine etwas unbewegliche Steifigkeit,
welche ein Unkundiger und Unwissender leicht als absichtliche
Förmlichkeit und angenommene Vornehmigkeit hat deuten können. Ich
möchte ferner behaupten, daß Goethe ... dieses Naturmangels seiner
Schenkel frühe inne geworden ist, daß daher auch Das entsprungen
ist, was in seinen Schriften öfters nicht angenehm auffällt; daß er
in der Leichtigkeit und Beweglichkeit der körperlichen Haltung,
wie sie jeder Jagdjunker und Kammerjunker unter Lakaien, Rossen
und Jägern von Jugend auf gewinnt, oft etwas zu Männliches und
Idealisches gesehen und es als Solches dargestellt zu haben scheint.
In dem wirklichen Leben unter gewandten Weltleuten (Offizieren,
Hofleuten) stand der große Mann daher ohne jenen Stolz, der ihm da
wohl doppelt erlaubt gewesen wäre, fast mehr einem Untergeordneten
gleich. Ich habe ihn selbst mit Erstaunen vor jungen Leutnanten
aus freiherrlichen und gräflichen Geschlechtern mit einer gewissen
steifen Verlegenheit stehen gesehen. Er fühlte sich vor solcher
Ungebundenheit und Leichtigkeit offenbar mit seinem Körper verlegen
und gebunden.
Arndt überschätzte gewiß die Wirkung des Wuchsfehlers, der übrigens
auch bei Alexander dem Großen, Friedrich dem Großen, Napoleon, Mozart,
Beethoven, Napoleon dem Dritten, Richard Wagner und anderen berühmten
Leuten, den sog. Sitzriesen, festgestellt ist und den Homer auch seinem
Odysseus zuschreibt. Aber es ist in der Tat aus jedem Lebensalter
Goethes diese körperliche „Steifigkeit“ bezeugt; schon der kleine
Knabe hielt sich überaus gerade und schritt „gravitätisch“ einher,
und über den Sechsundzwanzigjährigen, in Weimar Eintretenden lesen
wir: „seine steife Haltung, die enge Bewegung seiner Arme und sein
Perpendikulargang fielen allgemein auf.“[8] Als Knabe und Jüngling
hörte Goethe manchen Spott darüber. Aber wichtiger für sein Verhalten
gegen Gewandtere ist doch der andere Umstand, daß er in Gesellschaft,
unter Fremden sich innerlich unbeholfen fühlte. Insofern war ihm fast
jeder Sprößling eines guten adligen Hauses im gesellschaftlichen Leben
überlegen; also mußte Goethe an vielen vornehmen Leuten, die vielleicht
wenig Gehalt hatten, eine höchst wünschenswerte Meisterschaft verehren.
* * * * *
Hatte er „vor der bloßen Fürstlichkeit als solcher nie viel Respekt“,
so mochte er doch das Feine und Gute am aristokratischen Wesen gern
genießen. Noch in seinem Todesjahre sprach er zu Eckermann einmal
davon, wie sympathisch ihm ein echter Aristokrat sei, ein Mann wie
Karl v. Spiegel, von dem gerade die Rede war. „Seine Abkunft kann
er ebensowenig verleugnen als Jemand einen höheren Geist verleugnen
könnte. Denn Beides, Geburt und Geist, geben Dem, der sie einmal
besitzt, ein Gepräge, das sich durch kein Inkognito verbergen läßt. Es
sind Gewalten wie die Schönheit, denen man nicht nahe kommen kann, ohne
zu empfinden, daß sie höherer Art sind.“
* * * * *
[Sidenote: Karl August]
Aus diesem Gepräge, das die Menschen durch ihre Abstammung haben, aus
dieser angeborenen Gewalt des Aristokraten, die durch die Erziehung und
den freien Weltüberblick des Wohlhabenden und Gesicherten noch gestärkt
wird, erklärt sich zum Teil auch, warum Goethe, nachdem ihm Karl
Augusts Fehler gar oft ärgerlich gewesen waren, sich und sein Schicksal
diesem selben Karl August schließlich doch völlig anvertraute. „Ich
leugne nicht: er hat mir anfänglich viel Not und Sorge gemacht“
erzählte er 1828. „Doch seine tüchtige Natur reinigte sich bald zum
besten, so daß es eine Freude wurde, mit ihm zu leben und zu wirken.“
Karl August erwies sich nach dem Ausgären eben gerade als geborener
Fürst.
Er hatte die Gabe, Geister und Charaktere zu unterscheiden und Jeden
an seinen Platz zu stellen .... Er war beseelt von dem edelsten
Wohlwollen, von der reinsten Menschenliebe und wollte mit ganzer
Seele nur das Beste. Er dachte immer zuerst an das Glück des Landes
und ganz zuletzt erst ein wenig an sich selber. Edlen Menschen
entgegenzukommen, gute Zwecke befördern zu helfen, war seine Hand
immer bereit und offen. Es war in ihm viel Göttliches ... Und
drittens: er war größer als seine Umgebung. Neben zehn Stimmen, die
ihm über einen gewissen Fall zu Ohren kamen, vernahm er die elfte,
bessere, in sich selber. Fremde Zuflüsterungen glitten an ihm ab ...
Er sah überall selber, urteilte selber und hatte in allen Fällen in
sich selber die sicherste Basis.[9]
Goethe fühlte, daß auch ihm, dem scheinbar so Selbständigen, die
Anlehnung an diesen echten Fürsten zum Segen gereichte. Nach langer
Besinnung über seine Vergangenheit und Zukunft und in großer
räumlicher Entfernung, in Neapel, schrieb er 1787 an den Herzog:
Ich bin zu Allem und Jedem bereit, wo und wie Sie mich brauchen
wollen ... Wie Sie mich bisher getragen haben, sorgen Sie ferner
für mich! Und tun Sie mir mehr wohl, als ich selbst kann, als ich
wünschen und verlangen darf! Geben Sie mich mir selbst, meinem
Vaterlande, geben Sie mich sich selbst wieder, daß ich ein neues
Leben und ein Leben mit Ihnen anfange. Ich lege mein ganzes Schicksal
zutraulich in Ihre Hände!
Und zehn Monate später wiederholt er:
Ich kann nur sagen: Herr, hie bin ich; mache aus deinem Knecht, was
du willst. Jeder Platz, jedes Plätzchen, die Sie mir aufheben, sollen
mir lieb sein. Ich will gerne gehen und kommen, niedersitzen und
aufstehen.
Goethe erinnerte sich noch recht gut aller der Sprüchlein, die
seine Landsleute in der freien Stadt Frankfurt über die Übel des
Hoflebens und Fürstendienstes im Scherz und Ernst sagten, und er
hatte manche dieser Übel am eigenen Leibe erfahren: dennoch schloß er
diesen Bund auf Lebenszeit mit einem thüringischen Herzog. Und Beide
hatten großen Vorteil davon. Karl August, den seine Lust am Reisen
und am Soldatenleben viel außer Landes führte, wußte daheim stets
einen treuesten Freund, vor dem er kein Geheimnis hatte, auf dessen
Wahrhaftigkeit und guten Willen er stets rechnen konnte. Und Goethe
behielt durch diese Freundschaft den Anschluß an das wirkliche und
tätige Leben, bekam Einblick in vielfältige und große Verhältnisse,
während er, wenn er nur seiner eigenen Natur gefolgt wäre, sich an
ein abseitiges, abgesondertes Gelehrten-Dasein gewöhnt hätte, das
vielleicht dem Leben seines Vaters gar zu ähnlich geworden wäre. Und
Goethe freute sich geradezu, daß ihn der Herzog beeinflußte und lenkte.
Er lasse sich leicht bestimmen, gestand er 1815 dem Altersfreunde
Boisserée, und vom Herzog gern, denn Der bestimme ihn immer zu etwas
Gutem und Glücklichem. Demselben Freunde sagte er: was die Verhältnisse
mit Fürsten teuer und wert mache, sei das Beständige und Beharrliche
darin, wenn einmal ein Vertrauen entstanden.
[Illustration: Goethe 1818.
Von +Ferdinand Jagemann+.]
[Illustration: Karl August bei Goethe.
Von +C. A. Schwerdgeburth+.]
Ihre höchste Feier erlebte diese Freundschaft, als Herzog Karl August
fünfzig Jahre seiner Regierung und Goethe fünfzig Jahre seines
Aufenthaltes in Weimar beendete. Mit dankbarer Lust rühmten da Beide
einander. „Ich bin dem Großherzog seit einem halben Jahrhundert auf
das innigste verbunden“ sagte Goethe im Frühjahr 1825 zu Eckermann,
„und habe ein halbes Jahrhundert mit ihm gestrebt und gearbeitet;
aber lügen müßte ich, wenn ich sagen wollte, ich wüßte einen einzigen
Tag, wo der Großherzog nicht daran gedacht hätte, etwas zu tun und
auszuführen, das dem Lande zum Wohle gereichte und das geeignet wäre,
den Zustand des Einzelnen zu verbessern. Für sich persönlich: was hat
er denn von seinem Fürstenstande, als Last und Mühe! Ist seine Wohnung,
seine Kleidung und seine Tafel etwa besser gestellt als Die eines
wohlhabenden Privatmanns? ... Dieses sein Herrschen, was war es weiter
als ein beständiges Dienen?“
Als dann der 3. September 1825 anbrach, Karl Augusts Jubeltag, trat
ihm Goethe morgens um sechs Uhr vor dem ‚Römischen Hause‘ im Park
entgegen: ein Chor sang eine von Riemer gedichtete Kantate, Goethe
wollte dem Fürsten die auf den Tag geprägte Denkmünze überreichen, aber
die Rührung gestattete ihm keine Worte. Der Fürst ergriff des alten
Freundes Hände. „Bis zum letzten Hauch beisammen“ sagte er, und dann
sprach er von Jugendtagen, von Ilmenau und Tiefurt, und wiederholte das
Sprüchlein: „Nur Freundeslieb’ und Luft und Licht, Verzage nicht, wenn
Das nur blieb!“ Und Goethe antwortete: „Dies Dreifache gab mir, was ich
gegeben.“
Als dann am 7. November Goethes Ehrentag kam, schrieb Karl August einen
herzlichen fürstlichen Brief an Goethe, in dem er „die Treue, Neigung
und Beständigkeit“ des Jugendfreundes pries und deutlich bekannte:
„Seinem umsichtigen Rat, seiner lebendigen Teilnahme und stets
wohlgefälligen Dienstleistungen verdanke ich den glücklichen Erfolg der
wichtigsten Unternehmungen, und ihn für immer gewonnen zu haben, achte
ich als eine der höchsten Zierden meiner Regierung.“
Goethe sah, nachdem er den Brief empfangen, die Leute vor einer Mauer
stehen, wo öffentliche Bekanntmachungen angebracht wurden. Er schickte
seinen Großneffen Nicolovius hinunter, nachzusehen, was es sei. Als
Dieser wiederkam und meldete, der Dank des Großherzogs an Goethe sei
gedruckt und angeschlagen, rief der alte Dichter mit Freudentränen:
„Das ist Er!“
* * * * *
[Sidenote: Ankämpfen gegen den Herzog]
Tüchtige Menschen behalten, auch wenn sie ihrem Fürsten von Herzen
ergeben sind, ihre eigene Ansicht der Dinge. Auch Goethe hat seinem
Fürsten und Freunde unter vier Augen und in vertraulichen Briefen sehr
oft deutlich widersprochen. „Mit dem Herzog gegessen“ heißt es am
19. Januar 1782 in seinem Tagebuche; „sehr ernstlich und stark über
Ökonomie geredet und wider eine Anzahl falscher Ideen, die ihm nicht
aus dem Kopfe wollen.“ Und ein andermal: „Conseil. Der Herzog zu viel
gesprochen. Mit dem Herzog gegessen. Nach Tische einige Erklärungen
über Zu-viel-reden fallen lassen, Sich-vergeben, Sachen in der Hitze
zur Sprache bringen, die nicht geredet werden sollten. Auch über die
militärischen Makkaronis [d. h. Liebe zu überflüssigem Militär].“
Oft kämpfte Goethe gegen des Herzogs Lust an Krieg und Soldaten, die
so sehr ein Hemmnis für die Besserung der Staatsfinanzen war und den
Fürsten seinem Lande zu entfremden drohte.
Die Kriegslust, die wie eine Art Krätze unsern Prinzen unter der Haut
sitzt, fatigiert mich wie ein böser Traum, in dem man fort will und
soll und einem die Füße versagen. Sie kommen mir wie solche Träumende
vor, und mir ist es, als wenn ich mit ihnen träumte. Ich habe auf
dieses Kapitel weder Barmherzigkeit, Anteil, noch Hoffnung und
Schonung mehr.[10]
Goethes Briefe sind oft Meisterstücke feinster Diplomatie; seine
Schreiben an Karl August zeigen, in welcher klugen Form er seinen
Fürsten warnte, tadelte, ermahnte. Im Dezember 1784 war Karl August
wieder einmal draußen im Reich; manche Leute daheim schalten laut über
diese Reiselust, Goethe aber schreibt ihm, von sich selber redend,
jedoch in Gedanken an des Fürsten Unruhe und Streben nach Neuem:
Mich heißt das Herz das Ende des Jahres in Sammlung zubringen. Ich
vollende mancherlei im Tun und Lernen und bereite mir die Folge
einer stillen Tätigkeit auf’s nächste Jahr vor und fürchte mich vor
neuen Ideen, die außer dem Kreise meiner Bestimmung liegen. Ich habe
deren so genug und zu viel; der Haushalt ist eng, und die Seele ist
unersättlich.
Ich habe so oft bemerkt, daß, wenn man wieder nach Hause kommt, die
Seele, statt sich nach dem Zustand, den man findet, einzuengen,
lieber den Zustand zu der Weite, aus der man kömmt, ausdehnen möchte;
und wenn Das nicht geht, so sucht man doch, soviel als möglich von
neuen Ideen hereinzubringen und zu pfropfen, ohne gleich zu bemerken,
ob sie auch hineingehen und passen oder nicht. Selbst in den letzten
Zeiten, da ich doch jetzt selbst in der Fremde nur zu Hause bin,
hab ich mich vor diesem Übel, oder wenn Sie wollen: vor dieser
natürlichen Folge nicht ganz sichern können.
Es kostet mich mehr, mich zusammenzuhalten, als es scheint, und nur
die Überzeugung der Notwendigkeit und des unfehlbaren Nutzens hat
mich zu der passiven Diät bringen können, an der ich jetzo so fest
hange.
Und als die Empörung der Untertanen über die vom Herzog am Ettersberge
angesiedelten Wildschweine vorgetragen werden mußte, schrieb Goethe
scharf und mild zugleich:
Auch die Jagdlust gönn’ ich Ihnen von Herzen und nähre die Hoffnung,
daß Sie dagegen nach Ihrer Rückkunft die Ihrigen von der Sorge
eines drohenden Übels befreien werden. Ich meine die wühlenden
Bewohner des Ettersbergs. Ungern erwähn’ ich dieser Tiere, weil ich
gleich anfangs gegen deren Einquartierung protestiert und es einer
Rechthaberei ähnlich sehn könnte, daß ich nun wieder gegen sie zu
Felde ziehe. Nur die allgemeine Aufforderung kann mich bewegen,
ein fast gelobtes Stillschweigen zu brechen, und ich +schreibe+
lieber, denn es wird eine der ersten Sachen sein, die Ihnen bei
Ihrer Rückkunft vorgebracht werden. Von dem Schaden selbst und dem
Verhältnis einer solchen Herde zu unsrer Gegend sag’ ich nichts; ich
rede nur von dem Eindrucke, den es auf die Menschen macht. Noch habe
ich nichts so allgemein mißbilligen sehn; es ist darüber nur +eine+
Stimme. Gutsbesitzer, Pächter, Untertanen, Dienerschaft, die Jägerei
selbst: Alles vereinigt sich in dem Wunsche, diese Gäste vertilgt zu
sehn. Von der Regierung zu Erfurt ist ein Kommunikat deswegen an die
unsrige ergangen.
Was mir dabei aufgefallen ist und was ich Ihnen gern sage, sind die
Gesinnungen der Menschen gegen Sie, die sich dabei offenbaren. Die
Meisten sind nur wie erstaunt, als wenn die Tiere wie Hagel vom
Himmel fielen; die Menge schreibt Ihnen nicht das Übel zu; Andre
gleichsam nur ungern, und Alle vereinigen sich darinne, daß die
Schuld an Denen liege, die, statt Vorstellungen dagegen zu machen,
Sie durch gefälliges Vorspiegeln verhinderten, das Unheil, das
dadurch angerichtet werde, einzusehn. Niemand kann sich denken, daß
Sie durch eine Leidenschaft in einen solchen Irrtum geführt werden
könnten, um etwas zu beschließen und vorzunehmen, was Ihrer übrigen
Denkens- und Handelnsart, Ihren bekannten Absichten und Wünschen
geradezu widerspricht.
Der Landkommissär hat mir gerade in’s Gesicht gesagt, daß es
unmöglich sei, und ich glaube, er hätte mir die Existenz dieser
Kreaturen völlig geleugnet, wenn sie ihm nicht bei Lützendorf eine
Reihe frisch gesetzter Bäume gleich die Nacht drauf zusamt den
Pfählen ausgehoben und umgelegt hätten.
Könnten meine Wünsche erfüllt werden, so würden diese Erbfeinde der
Kultur ohne Jagdgeräusch, in der Stille, nach und nach der Tafel
aufgeopfert, daß mit der zurückkehrenden Frühlingssonne die Umwohner
des Ettersbergs wieder mit frohem Gemüt ihre Felder ansehen könnten.
Man beschreibt den Zustand des Landmanns kläglich, und er ist’s
gewiß: mit welchen Übeln hat er zu kämpfen! Ich mag nichts
hinzusetzen, was Sie selbst wissen. Ich habe Sie so Manchem entsagen
sehn und hoffe, Sie werden mit dieser Leidenschaft den Ihrigen ein
Neujahrsgeschenk machen, und halte mir für die Beunruhigung des
Gemüts, die mir die Kolonie seit ihrer Entstehung verursacht, nur den
Schädel der gemeinsamen Mutter des verhaßten Geschlechtes aus, um ihn
in meinem Kabinette mit doppelter Freude aufzustellen.
Möge das Blatt, was ich eben endige, Ihnen zur guten Stunde in die
Hand kommen![11]
* * * * *
[Sidenote: Mahnungen an den Herzog]
In seinem Amtsbereiche war Goethe immer sehr unabhängig, ja zuweilen
selbstherrlich. Als er in Jena ein Stück der alten Stadtmauer
fortreißen ließ, um gegen die Feuchtigkeit der Bibliothek das Nötige
zu tun, schickte die Stadtverwaltung an den Herzog eine Deputation
mit der untertänigen Bitte, daß es doch Seiner Hoheit gefallen möge,
durch ein Machtwort diesem Beginnen ein Ende zu setzen. „Ich mische
mich nicht in Goethes Angelegenheiten“ erwiderte der Herzog. „Er weiß
schon, was er zu tun hat, und muß sehen, wie er zurechtkommt. -- Geht
doch hin und sagt es ihm selbst, wenn ihr Courage habt!“ Und wenn es
sich um Theatersachen handelte, ärgerte sich der Herzog selber oft
genug über seines Untergebenen „Tyrannei“ und „Herrschsucht“. In Weimar
war man der Ansicht, daß Goethes Wille von Niemand zu lenken sei; man
erzählte sich zum Beispiel von einem Gespräche über die Berufung eines
Professors nach Jena, wo der Fürst seine Wahl gegen Goethe verteidigte
oder durchzusetzen suchte. „Du bist ein närrischer Kerl“ rief Karl
August schließlich; „Du kannst keinen Widerspruch vertragen.“ -- „O
ja“, versetzte Goethe, „aber er muß verständig sein.“
[8] Karl v. Lyncker, Am weimarischen Hofe.
[9] Eckermann, der diese Worte berichtet, war auf die Gnade des
weimarischen Hofes angewiesen; er übertrieb wohl zuweilen
Goethes Lob der fürstlichen Familie. Man kann von Karl August
sehr viel Rühmliches sagen, aber nicht wohl behaupten, daß er
immer zuerst an das Glück des Landes und ganz zuletzt erst ein
wenig an sich selber gedacht habe.
[10] An Knebel, 2. April 1785.
[11] 26. Dezember 1784.
VI.
Untergebene.
Goethe war sich stets bewußt, daß die Diener an ihrem Platze ebenso
vollkommen sein können, wie er an dem seinen. „So göttlich ist die
Welt eingerichtet, daß Jeder an seiner Stelle, an seinem Orte, zu
seiner Zeit alles Übrige gleichwägt.“ So sagte er 1810 zu Riemer, und
„wenn der Größte ins Wasser fällt und nicht schwimmen kann, zieht ihn
der ärmste Hallore heraus.“ Gern bedachte er auch die Gleichheit des
Menschenloses in den wichtigsten Erlebnissen: „Es ist ganz einerlei,
vornehm oder gering sein: das Menschliche muß man immer ausbaden.“
Der Knecht sowie der Herr vom Haus
Ziehen sich täglich an und aus.
Sie mögen sich hoch oder niedrig messen,
Müssen wachen, schlafen, trinken und essen.[12]
Drum treibt’s ein Jeder, wie er’s kann:
Ein kleiner Mann ist auch ein Mann!
Der Hoh’ stolziert, der Kleine lacht,
So hat’s ein Jeder wohl gemacht.[13]
Manchmal stellte er die „kleinen Leute“ geradezu über die Großen:
wenn er erwog, daß +sie+ die allgemeinen Ernährer sind, oder wenn er
ihre Hülfsbereitschaft sah. Als es im Juni 1774 in der Frankfurter
Judengasse brannte und auch Goethe „seinen Tropfen Wasser geschleppt“
hatte, bekannte er im nächsten Briefe an Schönborn: „Ich habe bei
dieser Gelegenheit das gemeine Volk wieder näher kennen gelernt und bin
aber- und abermal vergewissert worden, daß Das doch die besten Menschen
sind.“
Auch als Weisheitslehrer nahm er Leute „aus dem Volke“ oft an, und
dabei meinte er nicht nur den Spruchschatz, den sie von den Vätern her
in ihren Reden zum Vorschein bringen, sondern ihre eigenen, erworbenen
und bewußten Erfahrungen. 1785 schrieb er seiner Freundin Charlotte v.
Stein über einen Buchbinder, der ihm seine Handschrift von ‚Wilhelm
Meisters theatralischer Sendung‘ vor seinen Augen zusammenheften
mußte: „Unter der Arbeit erzählte er mir seine Geschichte und sprach
über sein Leben; jedes Wort, das er sagte, war so schwer wie Gold,
und ich verweise Dich auf ein Dutzend Lavaterischer Pleonasmen, um
Dir die Ehrfurcht auszudrücken, die ich für den Menschen empfand.“ In
späteren Jahren nannte er in einem Aufsatze neben dem hochberühmten
Geschichtsschreiber und Philosophen Plutarch den gothaischen
Schuhmacher Steube als einen Zeugen für die göttliche Leitung des
Menschenlebens. Und von drei andern Kleinen gab er die von ihnen
niedergeschriebenen Erinnerungen heraus und leitete sie mit eigenen
Betrachtungen ein: von dem Bibliotheksdiener Sachse, dem Gastwirt,
früheren Diener, Soldaten und Barbierlehrling Mämpel und einem
ungenannten Elsässer, der als Landmann zu Napoleons Truppen gepreßt
wurde und in Spanien Mämpels Kriegskamerad war.
Wegen seiner Sammlungen hatte Goethe oft mit schlichten Handwerkern
zu tun, die sich durch ihre Kenntnisse auszeichneten. Sehr auffällig
war sein Besuch bei Karl Huß in Eger und daß er sogar an dieses Mannes
Tische aß, denn Huß war von Beruf Scharfrichter und also nach der
Auffassung jener Zeit „unehrlich.“
* * * * *
[Sidenote: Der Wert der Armen]
Den ihm unterstellten Beamten gönnte Goethe ziemlichen Ellbogenraum.
„Ich suche jeden Untergebenen frei im gemessenen Kreise sich bewegen
zu lassen, damit er auch fühle, daß er ein Mensch sei. Es kommt alles
auf den +Geist+ an, den man einem öffentlichen Wesen einhaucht.“ Er
wünschte, daß auch jeder Diener seine Besorgung für recht wichtig
ansehe. Und wie er selber Tagebuch führte, mußten auch die bei den
Bibliotheken in Weimar und Jena Angestellten sauber geschriebene
Tagebücher halten, worin Witterung, Besuche, Eingänge und Vorgänge
jeder Art sowie das an jedem Tage Geleistete aufgezeichnet wurden. „So
wird den Leuten erst lieb, was sie treiben, wenn sie es stets mit einer
gewissen Wichtigkeit anzusehen gewohnt werden, stets in gespannter
Aufmerksamkeit auch auf das Kleinste bleiben.“ Goethe ließ sich diese
Tagebücher aus Jena regelmäßig senden und freute sich herzlich, wenn
sie ihm die Überzeugung gaben, „daß die sämtlichen Verfasser bei
Fortsetzung derselben sich zu eigener Satisfaktion, zu pflichtmäßiger
Beruhigung und Legitimation arbeiten.“
„Das ist ein prächtiger Herr“ urteilte der jenaische Hofgärtner, als
man ihn im Frühjahr 1820 nach Goethe fragte. „Den schätz’ ich am
höchsten -- Das heißt, nächst dem lieben Gott -- und wer ihn kennt und
ihn nicht schätzt, Das ist kein christlicher Mensch, und Das will ich
Jedem in’s Gesicht sagen. Und sehen Sie, er ist so ein christlicher
Herr; er läßt mit sich reden, denn er denkt: leben und leben lassen!“
* * * * *
[Sidenote: Die Schauspieler]
Zu den ihm Unterstellten gehörten auch die Schauspieler, und dieses
Völkchen war zu allen Zeiten schwer zu regieren. „Ich will mit dem
Schauspielervolk nichts mehr zu schaffen haben“ schrieb ihm Schiller
einmal, „denn durch Vernunft und Gefälligkeit ist nichts auszurichten;
es gibt nur ein einziges Verhältnis zu ihnen, den kurzen Imperativ, den
ich nicht auszuüben habe.“
Goethes Grundsatz im Theater war: stets die Paragraphen der Hausgesetze
entscheiden lassen. „Bei Schauspielern muß man in der Ordnung streng
am Buchstaben halten, sie sind Meister in Ausflüchten“ schrieb er 1798
an Kirms. Aber als Jemand einmal bemerkte, es möge wohl schwer sein,
ein Theater in gehöriger Ordnung zu halten, sprach er die Worte, die
sich jeder Regierende in’s Album schreiben sollte: „Sehr viel ist
zu erreichen durch Strenge, mehr durch Liebe, das meiste aber durch
Einsicht und eine unparteiische Gerechtigkeit, bei der kein Ansehn der
Person gilt.“
Die Liebe, die er zu seinem Schauspieler- und Theatergehülfen-Völkchen
hatte, sprach Goethe auch öffentlich mit herzlichen Worten aus. Jeder
aus dem noch so vielfach verachteten Stande der „vor Hunger kaum,
vor Schande nie bewahrten“ Komödianten mußte mit Lust die Gedichte
‚Auf Miedings Tod‘ und ‚Euphrosyne‘ lesen. Mieding war ein schlichter
Tischler, aber kunstfertig, eifrig, anspruchslos und für das fürstliche
Liebhabertheater ebenso unentbehrlich wie dessen beste Darstellerin
Korona Schröter. Beide verherrlichte Goethe öffentlich, als Mieding an
der Schwindsucht gestorben war; aus Koronas Händen läßt er den ehrenden
Kranz in Miedings Grab fallen.
Sie tritt herbei. Seht sie gefällig stehn,
Nur absichtslos, doch wie mit Absicht schön,
Und hoch erstaunt seht Ihr in ihr vereint
Ein Ideal, das Künstlern nur erscheint.
Anständig führt die leis’ erhobne Hand
Den schönsten Kranz, umknüpft von Trauerband.
Der Rose frohes, volles Angesicht,
Das treue Veilchen, der Narzisse Licht,
Vielfält’ger Nelken, eitler Tulpen Pracht.
Von Mädchenhand geschickt hervorgebracht,
Durchschlungen von der Myrte sanfter Zier,
Vereint die Kunst zum Trauerschmucke hier,
Und durch den schwarzen, leichtgeknüpften Flor
Sieht eine Lorbeerspitze still hervor.
Es schweigt das Volk. Mit Augen voller Glanz
Wirft sie in’s Grab den wohlverdienten Kranz.
Sie öffnet ihren Mund, und lieblich fließt
Der weiche Ton, der sich um’s Herz ergießt.
Sie spricht: Den Dank für Das, was du getan,
Geduldet, nimm, du Abgeschiedner an!
Der Gute wie der Böse müht sich viel,
Und Beide bleiben weit von ihrem Ziel.
Dir gab ein Gott in holder steter Kraft
Zu deiner Kunst die ew’ge Leidenschaft.
Sie war’s, die dich zur bösen Zeit erhielt,
Mit der du krank als wie ein Kind gespielt,
Die auf den blassen Mund ein Lächeln rief,
In deren Arm dein müdes Haupt entschlief!
Noch tiefer ergriffen war Goethe, als Christiane Neumann, die er selber
zur Schauspielerin herangebildet hatte, die er gern Euphrosyne, die
Frohsinnige, nannte -- sie führte diesen Namen in einer ihrer Rollen
--, als ganz junge Frau starb. In den schweizerischen Bergen erhielt
er die Nachricht; ihm war es, als ob die Seele der Gestorbenen ihm
nachgeeilt sei, um auch von ihm noch Abschied zu nehmen. Und er hörte
ihre Bitte: