Bei einem Wirte, der gar viel Väterliches hat. Es ist eine schöne
Philisterei im Hause; es wird einem ganz wohl. -- --
Wie sehr ich wieder auf diesem dunkeln Zug Liebe zu der Klasse von
Menschen gekriegt habe, die man die niedere nennt, die aber gewiß vor
Gott die höchste ist! ... Ich trockne nun jetzt an meinen Sachen! Sie
hängen um den Ofen. Wie +wenig+ der Mensch bedarf und wie lieb es ihm
wird, wenn er fühlt, wie +sehr er das Wenige+ bedarf!
* * * * *
[Sidenote: Zweierlei Masken]
Diesen schlichten, gemütlichen Menschen, dem Frau v. Stein für die
Reise Zwieback in Papier wickelte, der sie um dicke, warme Strümpfe
bat, der in Italien oder im Harze mit armen Leuten fröhlich plauderte
und lachte, ihn bekamen freilich die Fremden in Weimar nicht zu
sehen. Für sie war er oft genug unzugänglich, selbst wenn sie die
erste Mauer durchdrungen hatten und mit ihm auf seinem Sofa saßen. Er
konnte ganz gründlich schweigsam sein und sich auf hm, hm, so! so! und
dergleichen Töne beschränken, die nicht gut als goldene Offenbarungen
des unvergleichlichen Genies weiterzuerzählen waren. Oder er wies die
Besucher einfach ab. „Man muß den Leuten abgewöhnen, einen unangemeldet
zu überfallen“ sagte er 1824 zum Kanzler v. Müller; „man bekommt doch
immer andre, fremde Gedanken durch solche Besuche, muß sich in ihre
Zustände hineindenken. Ich will keine fremden Gedanken, ich habe an
meinen eigenen genug, kann mit Diesen nicht fertig werden.“
Menschen von feinem Gefühl sagten sich Das selber, daß Goethe an
seiner eigenen geistigen Arbeit genug habe, und gerade durch ihre
Zurückhaltung fanden sie dann vielleicht Zugang. Im Herbst 1815 traf
Goethe in Heidelberg in der Bildersammlung des gemeinsamen Freundes
Boisserée zwei von den drei berühmten Brüdern Grimm: Wilhelm und
Ludwig. „Hat denn Goethe nicht von den ‚Märchen‘ gewußt?“ fragte nach
Wilhelms erstem Berichte Jakob, „hast Du ihm nicht den ‚Armen Heinrich‘
gegeben?“ Und Wilhelm erwiderte:
Goethe habe ich weder den ‚Armen Heinrich‘ gegeben, noch von den
‚Märchen‘ etwas Näheres gesagt. Da er sich wohl bewußt sein mag,
wie leicht er an Etwas teilnimmt, so hat er eine eigene wunderliche
Scheu -- man kann sagen: Ängstlichkeit -- daß ihm ja Nichts zu nahe
rückt, und er weicht gewiß aus und setzt sich eiskalt hin, wenn man
von Etwas mit Lebhaftigkeit und Eifer spricht, das er noch nicht
kennt ... Ich habe ihm daher kein Wort von der altdeutschen Poesie
gesagt, bis er in Heidelberg von selbst zu mir kam und mich fragte,
mit welcher literarischen Arbeit wir uns jetzt beschäftigen ..... Der
Louis hat es aus natürlichem Gefühl ebenso gemacht, und zu Dem ist
er auch gekommen, hat ihn über die Rheinreise gefragt u. dgl., recht
liebreich.
[Sidenote: Plagegeister]
Auch noch in hohem Alter verriet Goethe die Verlegenheit und
Unbeholfenheit, wenn er mit Fremden -- ehrlichen Bewunderern,
Schmeichlern, Ausforschern oder was sie sonst sein mochten -- zu tun
hatte. Der junge Holtei, der als Rezitator herumreiste, sah es ihm
an, als der Greis zur erbetenen Audienz in das Zimmer trat. „Ja, bei
Gott, Goethe zeigte sich verlegen vor +mir+! War er’s doch vor jedem
Unbekannten, der sich ihm aufdrang! Hab’ ich’s doch später aus seinem
eigenen Munde vernommen, wie peinlich solche unvermeidliche, vom
Weltruhm unzertrennliche Scenen ihm gewesen sind!“
Bewundernswert ist aber doch, daß er so viele, so unbedeutende Menschen
annahm, und oft erscheint er uns merkwürdig gutmütig. Einmal auf der
Dornburg meldete ihm, dem Achtzigjährigen, der Gärtner: drei Studenten
seien draußen. Aber Goethe mochte nicht gestört sein: „Ich weiß nicht,
was die jungen Leute immer von mir wollen.“ Der Gärtner verriet durch
seine traurige Miene, daß er den Studenten Hoffnung auf gute Aufnahme
gemacht hatte. „Nun, wenn es +Ihnen+ lieb ist, lassen Sie sie immer
herein!“ Und er entzückte die Jünglinge so, daß sie nachher auf sein
Wohl einige Flaschen Wein begeistert leerten.
* * * * *
[Sidenote: Bewundernde Frauen]
Gegen Plagegeister, die ihm seine Pläne durchkreuzten und die Zeit
verdarben, konnte er recht deutlich sein, selbst wenn es Damen waren.
Freilich wurde er gerade von weiblicher Bewunderungssucht arg belästigt.
Der Maler Wilhelm v. Kügelgen hat in seinen ‚Erinnerungen eines alten
Mannes‘ eine drollige Geschichte erzählt. Es war in Dresden am 24.
April 1813. Goethe trat bei seiner Mutter ein und bat sie, von ihrem
Fenster aus den Einzug des russischen Kaisers und des preußischen
Königs, ohne sie zu stören, ansehn zu dürfen. Frau v. Kügelgen
verstand, daß +er+ ungestört sein wolle, und so vermied sie es, ein
Gespräch mit ihm anzuknüpfen, während er mit Behagen am Fenster stand,
nach seiner Art die Hände auf dem Rücken. Sie wußte, wie sehr ihn
die schöngeistigen Damen sonst bedrängten, und schwieg deshalb. Da
fing Goethe mit ihr und ihrem kleinen Knaben von selber freundlich zu
plaudern an. Lassen wir diesen Knaben als alten Mann weitererzählen:
Indem ward heftig an der Klingel gerissen. Ich sprang fort, um
die Tür zu öffnen, und herein drang eine unbekannte Dame, groß
und stattlich wie ein Kachelofen und nicht weniger erhitzt. Mit
Hast rief sie mich an: „Ist Goethe hier?“ -- „Goethe!“ Das war
kurz und gut! Die Fremde gab ihm gegen mich, den fremden Knaben,
weiter kein Epitheton; und kaum hatte ich Zeit, mein einfaches
Ja herauszubringen, als sie auch schon, mich fast übersegelnd,
unangemeldet und ohne üblichen Salutschuß wie ein majestätischer
Dreidecker in dem Zimmer meiner Mutter einlief. Mit offenen Armen auf
ihren Götzen zuschreitend, rief sie: „Goethe! ach Goethe! wie habe
ich Sie gesucht! Und war denn Das recht, mich so in Angst zu setzen!“
Sie überschüttete ihn nun mit Freudenbezeugungen und Vorwürfen.
Unterdessen hatte sich der Dichter langsam umgewendet. Alles
Wohlwollen war aus seinem Gesichte verschwunden, und er sah düster
und verstimmt aus wie eine Rolandssäule. Auf meine Mutter zeigend,
sagte er in sehr prägnanter Weise: „Da ist auch Frau v. Kügelgen!“
Die Dame machte eine leichte Verbeugung, wandte dann aber ihrem
Freunde, dessen üble Laune sie nicht bemerkte, ihre Breitseiten
wieder zu und gab ihm eine volle Ladung nach der andern von
Freudenbezeugungen, daß sie ihn glücklich geentert, beteuernd, sie
werde sich diesen Morgen nicht wieder von ihm lösen. Jener war in
sichtliches Mißbehagen versetzt. -- -- Er knöpfte seinen Oberrock
bis an’s Kinn zu, und da mein Vater eintrat und die Aufmerksamkeit
der Dame, die ihn kannte, für einen Augenblick in Anspruch nahm, war
Goethe fort.
Noch komischer ist, was die Frau Dutitre, eine Berliner Berühmtheit,
manches Mal mit Stolz erzählte.
Ick hatte mir vorjenommen, den jroßen Joethe doch ooch mal zu
besuchen, und wie ick mal durch Weimar fuhr, jing ick nach seinem
Jarten und jab dem Järtner einen harten Taler, daß er mir in eine
Laube verstechen und einen Wink geben sollte, wenn Joethe käme. Und
wie er nun die Allee runter kam und der Järtner mir gewunken hatte,
da trat ick raus und sagte: „Anjebeteter Mann!“
Da stand er stille, legte die Hände auf den Rücken, sah mir jroß an
und fragte: „Kennen Sie mir?“
Ick sagte: „Jroßer Mann, wer sollte Ihnen nicht kennen!“ und fing an
zu deklamieren:
„Fest jemauert in der Erden
Steht die Form, aus Lehm jebrannt.“
Darauf machte er mir einen Bückling, drehte sich um und jing weiter.
So hatte ick denn meinen Willen jehabt und den jroßen Joethe jesehn.
Kaum besser ward zu Heidelberg im Sommer 1814 der Geheime Kirchenrat
Schwarz bedient, der als Verfasser eines bekannten pädagogischen
Werkes, als Schwiegersohn Jung-Stillings und als Würdenträger sich
für berechtigt hielt, Goethes Gesetze zu durchbrechen. Goethe ging
morgens ganz früh auf privaten Wegen zur Schloßruine, um den schönen
Blick allein und ungestört zu genießen; als er eines Tages zu seinem
geliebten Platze kam, saß dort Schwarz, und Dieser redete ihn auch
sogleich an: er preise sich glücklich, ihn zu sehen und ihn fragen zu
können, was er denn eigentlich mit dem ‚Wilhelm Meister‘ beabsichtigt
habe; er habe ihn gewiß für ein Erziehungsinstitut geschrieben. Goethe
sah ihn mit seinen großen Augen an: „Ja, Das habe ich bisher selbst
nicht gewußt, doch nun leuchtet es mir vollkommen ein. Ja, ja, ich habe
den ‚Wilhelm Meister‘ für ein Erziehungsinstitut geschrieben und bitte
Sie, Dies ja überall in der Welt bekannt zu machen.“
Für Leute, die seine Unterhaltung suchten, um darüber in Zeitschriften
und Büchern berichten und ihre Glossen machen zu können, war er nicht
zu Hause. Ein politischer Abenteurer, Witt v. Döring, hielt sich 1828
in Weimar auf, ein Demagoge und Intrigant, der trotz seiner Jugend
schon viel erlebt und auch alle seine Erlebnisse bereits in Memoiren
bekanntgemacht hatte. Goethe nahm seinen Besuch an, um den Menschen
kennen zu lernen; als Witt aber beim Weggehen um die Erlaubnis bat,
wiederkommen zu dürfen, erwiderte ihm Goethe mit Nachdruck: „Nein,
mein Herr! Das ist das erste und letzte Mal! Sie sagen selber in Ihrem
Buche, daß Sie ein gefährlicher Mensch sind, und beweisen es durch Ihre
indiskreten Mitteilungen über die Personen, die Sie kennen gelernt
haben. Erlauben Sie mir, daß ich mich einer solchen Behandlung nicht
aussetze.“
Aufgeschwollene, affektierte, unwahre Menschen und solche, die nur
aus Eigennutz zu ihm kamen, behandelte Goethe kurz und grob; auf
gedrechselte Reden, Komplimente, nichtssagende Phrasen antwortete er
nicht. (Manche verstanden es freilich falsch, daß er die stärksten
Schmeichelreden schweigend entgegennahm; sie trugen dann vielleicht
noch dicker auf und hielten sich nachher darüber auf, daß Goethe so
gar viel Weihrauch verlange.) Sobald er aber etwas Echtes und Gutes in
seinem Gegenüber spürte, sobald er fühlte: der Mann möchte dir etwas
geben und hat etwas zu geben, zeigte er sogleich seine natürliche Güte.
Dann nahm sein Hm hm! nun nun! ja ja! einen eigentümlich gutmütigen
Klang an, dann wurde der Stumme zum lebhaften Redner, dann endete
er: „Pflege um Zwei zu essen, würde mich freuen, wenn Sie unser Gast
sein wollten.“ Holtei hat erzählt, wie er anfangs abblitzte: „Je
geistreicher ich zu sein mir Mühe gab, desto abgeschmackter mag ich
ihm wohl geschienen haben.“ Und nachher: „Je mehr ich mich gehen ließ,
meinem natürlichen Wesen getreu, ohne weitere Ansprüche auf zarten
Ausdruck, desto lebendiger wurde der alte Herr.“
* * * * *
[Sidenote: Zweierlei Fremde]
Im allgemeinen teilte Goethe die Fremden in solche ein, die etwas von
ihm begehrten, und solche, die vielmehr ihm eine Freude machen wollten.
Das war teils Notwehr, teils der gesunde Ichsinn, den er auch lehrte.
Zum Kanzler v. Müller sprach er 1830 diese Maxime aus, als es sich um
das Beantworten von Briefen handelte: „Wenn ich sehe, daß die Leute
bloß ihretwegen an mich schreiben, etwas für ihr Individuum damit
bezwecken, so geht mich Das nicht an; schreiben sie aber meinetwegen,
senden sie etwas mich Förderndes, Angehendes, dann muß ich antworten
... Ihr jungen Leute wißt freilich nicht, wie kostbar die Zeit ist.“
Ehe man diesen Standpunkt allzu selbstsüchtig finde, bedenke man
die Frage, die der eben genannte Friedrich v. Müller in seiner
Gedächtnisrede 1832 aufwarf:
Wie hätte er aber auch, ohne sich selbst zu vernichten, all den
unsäglichen, oft unsinnigen Anforderungen und Zumutungen genügen
können, die so oft gleich einem Wogenschwall auf ihn eindrangen?
Daß fast jeder deutsche Jüngling, der einige glückliche Verse oder
vollends ein Trauerspiel geschaffen zu haben vermeinte, Rat oder
Urteil von ihm begehrte, möchte noch für ganz natürlich gelten; daß
aber auch seinem geistigen Kontakt wildfremde Personen sich oft
in den wunderlichsten Fällen, z. B. um eine Heirat, die Wahl eines
Lebensberufs, eine Kollekte, einen Hausbau zustande zu bringen,
zuversichtlich an ihn wendeten, könnte in der Tat höchst komisch
erscheinen, wenn es nicht zugleich bewiese, wie unbeschränktes
Vertrauen man weit umher ihm zollte, ja für einen Universalhelfer in
geistigen und leiblichen Nöten ihn zu halten geneigt war.
[Sidenote: Bittsteller]
Besonders mußte sich Goethe gegen Bittsteller verhärten, die für sich
oder Andere etwas erbaten. Schon 1797 schrieb er an Kirms, der in der
Leitung des Theaters seine rechte Hand war:
In meinem Leben habe ich so oft bemerkt, daß Menschen, die sonst
zuverlässig sind, gegen Jemand, der eine Stelle zu vergeben hat, gar
kein Gewissen haben. Man will die Leute anbringen, und wir mögen
nachher sehn, wie wir sie los werden.
Und aus seinen letzten Lebensjahren erzählt sein Arzt Vogel:
Die Schwäche, welche nichts abzuschlagen vermag, kannte er nicht.
„Ich halte es doch länger aus,“ meinte er, „die Leute anzuhören, als
sie, mich zu drängen, Merken sie nur erst, daß sie einem auf solche
Weise etwas abzwingen können, so ist man ewig belagert.“
Wem aber Goethe trotz alledem zu hart und kalt erscheint, Der möge
lesen, was er 1809 zu Riemer äußerte: „Nur der am empfindlichsten
gewesen ist, kann der Kälteste und Härteste werden; denn er muß sich
mit einem harten Panzer umgeben, um sich vor den unsanften Berührungen
zu sichern. Und oft wird ihm selber dieser Panzer zur Last!“ Goethe
glich hierin seinem Vater, „der, weil er innerlich ein sehr zartes
Gemüt hegte, äußerlich mit unglaublicher Konsequenz eine eherne Strenge
vorbildete.“ Und der Sohn hätte wegen dieser Weichheit manchmal gern
dem Vater nachgeahmt, den er „nach so viel Studien, Bemühungen,
Reisen und mannigfaltiger Bildung endlich zwischen seinen Brandmauern
ein einsames Leben führen“ sah. Aber am Vater hatte er auch die
Unzuträglichkeit solcher Absonderung beobachtet, denn der Vater war ein
grämlicher, grilliger, geiziger alter Mann geworden, der sich selber,
seiner so gern fröhlichen Frau und allen Übrigen zur Last wurde. Der
Sohn entschloß sich besser zu einer weisen Abwechslung von Einsamkeit
und Geselligkeit. Ganz wolle er der fremden Welt nicht entraten,
schrieb er an Zelter, „denn wenn ich gleich meine Zugbrücken aufziehe
und meine Fortifikationen immer weiter hinausschiebe, so muß man doch
zuweilen auch wieder Kundschaft einziehen.“
V.
Fürsten und Vornehme.
[Sidenote: Verhältnisse zu Fürsten]
Die Tadler Goethes berichten, daß er gegen Fürstlichkeiten zu devot,
daß er ein Fürstenknecht gewesen sei. Es war Vielen nicht recht, daß
der Dichter des „revolutionären“ Götz über fünfzig Jahre einem Fürsten
diente und als Hofmann das höfische Zeremoniell getreulich mitmachte.
Als im Beginn der französischen Revolution auch in Deutschland Viele,
und nicht die Schlechtesten, eine gründliche Zerstörung des Alten und
einen herrlichen neuen Aufbau erhofften, da war es ihnen verdrießlich,
daß Goethe nicht mit ihnen ging daß er vielmehr seinen Herzog in den
Krieg gegen die Franzosen wie zu einem Vergnügen begleitete und auch
nachher die Freiheitsapostel verspottete. Und als nach der endlichen
Niederwerfung Napoleons die Frei- und Deutschgesinnten einen sehr
schwierigen und gefährlichen Kampf gegen die Zwingherren-Gelüste der
Fürsten und Minister führten, da schmerzte es dies jüngere Geschlecht,
daß der geistige König Deutschlands kühl abseits stand. Aber Goethe war
nun einmal nicht umstürzlerisch oder auch nur demokratisch gesinnt; er
glaubte nicht an Verfassungen, Preßfreiheit und Mehrheitsweisheit; er
war durchaus Aristokrat und Monarchist. Und was seine Ministertätigkeit
angeht, so konnte er mit Recht fragen: „Diene ich denn etwa einem
Tyrannen? einem Despoten? Diene ich etwa einem Solchen, der auf Kosten
des Volkes seinen eigenen Lüsten lebt? Solche Fürsten und solche Zeiten
liegen gottlob längst hinter uns!“
Ob der heutige Betrachter Goethes politische Ansichten teilt oder
nicht: Jeder muß anerkennen, daß er sich um die Gunst der Fürsten
nicht eben viel bemüht hat. Er wurde durch sein nahes Verhältnis zu
Karl August mit vielen fürstlichen Personen bekannt; er pflegte solche
Bekanntschaften aber sehr wenig und erwarb sich denn auch an den Höfen
nicht den zehnten Teil der Gunst, die etwa sein Gegner Kotzebue gewann.
Karl August war mit der königlichen Familie von Preußen und mit dem
Herzoge von Braunschweig nahe verwandt; auf Goethe senkte sich kein
Gnadenzeichen aus jenen Fürstenhäusern; man ließ ihn eher Abneigung
spüren. Mit einigen benachbarten Fürsten hatte er in jüngeren Jahren
eine gewisse Freundschaft; aber auch Das schlief ein. Seine politische
Gesinnung hatte er nicht den Mächtigen zu Gefallen. Mehreren Monarchen
war er zu aristokratisch, zu konservativ gesinnt, z. B. dem edlen
Herzog Ernst von Gotha-Altenburg und seinem Bruder August. Auch der
andere vortrefflichste Landesvater im damaligen Deutschland, Franz von
Dessau, erklärte, als man ihn fragte, warum er nicht öfter mit Goethe
verkehrt habe: Dieser sei ihm zu vornehm, zu höfisch gemessen gewesen,
manchmal unangenehm schweigsam. „Auch spürte ich im Allgemeinen etwas
von Inhumanität an ihm.“
Goethe hat den Kaiser Napoleon ehrlich bewundert; er hat die kranke
junge Kaiserin Maria Ludowika von Österreich wie ein zärtlicher Vater
geliebt; im Alter hat er dem kunstbegeisterten König Ludwig von Bayern
mit Freude und Hoffnung zugesehen; im übrigen spielten die Kaiser,
Könige, Herzöge und Fürsten in seinem Innern keine große Rolle -- immer
abgesehen von der weimarischen Fürstenfamilie, mit der sein Leben
verbunden war. Vielleicht hatte er im Alter eine Schwäche für Orden;
aber er war doch schon 59 Jahre alt und bereits seit 32 Jahren ein
hoher Staatsdiener, als er die erste Auszeichnung dieser Art bekam, und
Diese schätzte er zumeist deshalb, weil Napoleon ihn damit zu ehren
wünschte.
Im Jahre 1818 war die Witwe des russischen Kaisers Paul, die Mutter des
regierenden Kaisers Alexander und der weimarischen Erbgroßherzogin, in
Weimar. Ihr zu Ehren wurde bei Hofe ein Fest gegeben, zu dem Goethe
seinen letzten „Maskenzug“ dichtete. Zu dieser Arbeit hielt er sich
zumeist in Berka auf, so daß ihn die Kaiserin erst bei der Aufführung
zu sehen bekam. Am letzten Tage ihrer Anwesenheit ließ sich Goethe bei
ihr melden, um Abschied zu nehmen; er kam dann aber nicht, sondern
ließ sich entschuldigen. Als Dies der Kaiserin gemeldet wurde, wandte
sie sich zum Großherzog und sagte: „Nun, es freut mich doch, daß ich
Goethe wenigstens einmal gesprochen habe und daß er sich gegen mich so
freundlich und huldreich bezeigt hat.“ Karl August lächelte bei diesen
Worten; sie sah es und fuhr fort: „Ich sage Das nicht ohne Absicht,
denn gewiß muß Jeder es für eine Huld erkennen, wenn Goethe gegen ihn
freundlich ist.“
Als Eckermann im September 1827 seinen Meister auf die Höhe des
Ettersberges begleitet hatte, blickte Goethe nach Westen, wo man über
Erfurt hinaus das hochliegende Schloß Gotha entdecken konnte. „Ich bin
dort nicht zum besten angeschrieben“ meinte der alte Dichter. „Als
die Mutter des jetzt regierenden Herrn noch in hübscher Jugend war,
befand ich mich dort sehr oft. Ich saß eines Abends bei ihr allein am
Teetisch, als die beiden zehn- bis zwölfjährigen Prinzen, zwei hübsche
blondlockige Knaben, hereinsprangen und zu uns an den Tisch kamen.
Übermütig, wie ich sein konnte, fuhr ich den beiden Prinzen mit meinen
Händen in die Haare mit den Worten: „Nun, ihr Semmelköpfe, was macht
ihr?“ Die Buben sahen mich mit großen Augen an, im höchsten Erstaunen
über meine Kühnheit -- und haben mir es später nie vergessen.“
[Sidenote: Stolz und Untertänigkeit]
Und der Alte fuhr fort: „Ich hatte vor der bloßen Fürstlichkeit als
solcher, wenn nicht zugleich eine tüchtige Menschennatur dahinter
steckte, nie viel Respekt. Ja, es war mir so wohl in meiner Haut, und
ich fühlte mich selber so vornehm, daß, wenn man mich zum Fürsten
gemacht hätte, ich es nicht eben sonderlich merkwürdig gefunden haben
würde. Als man mir das Adelsdiplom gab, glaubten Viele, wie ich mich
dadurch möchte erhoben fühlen. Allein, unter uns, es war mir nichts,
gar nichts! Wir Frankfurter Patrizier hielten uns immer dem Adel
gleich!“
In diesem Bericht ist Einiges nicht glaubhaft. Daß Goethe nicht mehr
nach Gotha kam, erklärt sich aus seinem hohen Alter und daraus, daß
der dortige Herzog Friedrich ein schwerkranker Mann war; in gesunden
Tagen war er gut Freund mit Goethe gewesen. Auch seinem vor ihm
regierenden Bruder August, einem ebenso geistreichen wie wunderlichen
Herrn, ist kein Schmollen wegen der „Semmelköpfe“ zuzutrauen; er machte
vielmehr seine Witze auch über den „weimarischen Papst“, und so ging
ihm Goethe lieber aus dem Wege. Noch weniger aber kann sich Goethe
zu den Frankfurter Patriziern gerechnet haben, denn sein Großvater
väterlicherseits war ein zugewanderter Schneider, der später Gastwirt
wurde; die Vorfahren von der Mutter her waren Gelehrte und Beamte,
aber auch keine Patrizier. Das stolze Selbstbewußtsein, mit dem sich
Goethe nach Eckermanns Worten den Fürsten gleichsetzte, hatte er jedoch
nicht selten. Oft fiel freilich auch das Gegenteil auf. Karl August
soll den alten Freund wegen seiner untertänigen Förmlichkeit verspottet
haben. Richtig ist, daß Goethe sich durch die Vergünstigungen, die
ihm seine Freundschaft mit Karl August, sein weltberühmter Name, sein
allgemein bewundertes Genie boten, nicht dazu verführen ließ, sich über
die herkömmlichen Formen hinwegzusetzen, und daß er die untertänigen
Wendungen der Hofsprache gebrauchte, auch gegen Karl August. Goethe
hielt sich auch sonst streng an den Kurialstil. „Hochwürdige, Hoch-,
Hochwohl- und Wohlgeborene und Hochedle“ redete er im Juli 1800 die
Landschafts-Deputation des Fürstentums Weimar an, und er fährt fort:
„Höchst- und Hochzuverehrende, auch Hochgeehrteste Herren! Nachdem
ich, Endesunterzeichneter, das freie Lehngut zu Oberroßla, welches
durch Serenissimi besondere Gnade neuerlich in ein rechtes Erblehn
verwandelt worden, ~sub hasta~ erstanden und damit beliehen worden
...“ In solchen Dingen merkte man, daß Goethe eben noch vor der Mitte
des achtzehnten Jahrhunderts geboren war. Wer aber die devoten Formen
jener alten Zeit beurteilen will, bedenke, wie genau Rechte und
Pflichten zusammenhängen: der Eine hielt des Andern überlieferte Rechte
heilig, damit auch seine eigenen unverletzlich blieben. Und weiter:
Höflichkeit und Förmlichkeit sind Mauern, mit denen wir uns gegen
lästige Vertraulichkeit und unerwünschte Zumutungen schützen. Karl
August wußte „seine Leute zu plagen“: also war selbst gegen ihn einige
Umständlichkeit am Platze.
* * * * *
[Sidenote: Der gebundene Leib]
Ernst Moritz Arndt wollte Goethes Verhalten gegen Vornehme aus einem
Körperfehler erklären.