[5] Burgplatz 1, Fürstenhaus und Seifengasse 16.

[6] Übrigens besaß Goethe 1818 am Alten Markte in Frankfurt ein

kleines Haus, das er vielleicht nie betreten oder auch nur

angesehen hat. Er hatte von der Mutter her einen Insatz darauf,

den er ausklagen mußte, weil der Mieter die Zinsen nicht

bezahlte; in der Versteigerung mußte er das Haus kaufen.

III.

Äußere Erscheinung.

Wir haben von Goethe viele Bilder: sehr verschieden wirken sie auf uns.

Und ebenso verschieden sind die Schilderungen Derer, die ihm in seinem

Stadthause aufwarteten. Die Einen fanden ihn sehr groß, die Andern

„keineswegs von hervorragender Größe.“ Die Einen erblickten ein Ideal

männlicher Schönheit, die Andern wissen nichts davon zu berichten.

Manche fanden ihn, wie sie ihn sich gedacht hatten; Andere sagten, er

sehe aus wie ein Forstmeister, ein Gutsbesitzer oder ein Großkaufmann.

Den Einen erschien er überaus sympathisch, mit einem einzigen Blicke

Liebe und Verehrung erweckend; Andern war er „ein langer, alter,

eiskalter Reichsstadtsyndikus,“ und sie atmeten auf, wenn sie seine

Eisluft hinter sich hatten.

So verschieden sehen die Menschen durch ihre Gefühle hindurch! Aber

Goethe war auch nicht immer der Gleiche. Groß erschien er, wenn er

sich recht steif und gerade hielt und würdig auftrat, und Das pflegte

er Fremden gegenüber zu tun; in Wirklichkeit war er nicht so groß,

wie wir ihn uns gern denken. Nach einer Marke im Gartenhause, die

für sein Maß gilt, würden wir ihm für seine jungen Jahre 1,77 ~m~

zuschreiben.[7] Und seine Schönheit hing sehr von den Stimmungen ab;

in erhöhten Stunden sahen seine Bewunderer in ihm einen Apollo oder

Jupiter; kritische Betrachter dagegen bemerkten einige Pockennarben im

Gesicht, sahen, daß sein linkes Auge größer war oder höher saß als das

rechte, daß die Nase schief gegen die Stirne stand, daß der zahnlose

Mund eingefallen und beim Reden unschön war, daß er gelbe Zähne hatte.

Sie fanden, daß seine Beine zu kurz seien; in seinen fünfziger Jahren

war er auch übermäßig dick. Sicherlich war der Jüngling und der Greis

erheblich schöner als der Mann im mittleren Alter.

Ein Bild des jungen Mannes entwarf ein langjähriger Diener: „Als ich

bei ihm kam, mochte er etwa siebenundzwanzig Jahre alt sein; er war

sehr mager, behende und zierlich, ich hätte ihn leicht tragen mögen.“

Gleim bemerkte um die gleiche Zeit „außer einem Paar schwarzglänzender

italienischer Augen, die er im Kopfe hatte,“ nichts Auffallendes.

[Illustration: Goethes erhaltene Kleider.]

[Illustration: Goethe 1791.

Von +Heinrich Lips+.]

[Sidenote: Urteile über das Äußere]

Oberthür aus Würzburg glaubte schon im 28jährigen Goethe „einen tief

denkenden, ernsthaften, kalten Engländer dem Kleide und der Miene nach“

zu sehen; den „lustigen, launigten, auch ein wenig mutwillig-lustigen

Gesellschafter,“ von den man redete, hätte er in diesem Manne nie

erraten. „Nach und nach merkte ich, daß der Dichter sich noch mehr

in sich selbst zurückzog, stille wurde, ernsthaft und kalt wie in

einem englischen Spleen dastunde.“ Immer wieder werden seine Augen

hervorgehoben. „Das weiß ich, daß in seinen großen, hellen Augen der

ganze Goethe strahlte“ schreibt die Tochter der Karschin, und der

junge Schauspieler Iffland: „Goethe hat einen Adlerblick, der nicht zu

ertragen ist.“

Schiller urteilte 1788:

Er trägt sich steif, geht auch so, sein Gesicht ist verschlossen,

aber sein Auge sehr ausdrucksvoll, und man hängt mit Vergnügen

an seinem Blicke. Bei vielem Ernst hat seine Miene doch viel

Wohlwollendes und Gutes. Er ist brünett und schien mir viel älter

auszusehen, als er es sein kann. Seine Stimme ist überaus angenehm.

Die Dichterin Friederike Brun schilderte ihn, wie er 1795 in Karlsbad

zu ihr kam.

Anspruchsloser, wie er es ist, in seinem Reden und Schweigen, in

seinem Gehen und Stehen, ist es unmöglich zu sein. Sein Gesicht ist

edel gebildet, ohne gleich einen inneren Adel entgegen zu strahlen;

eine bittere Apathie ruht wie eine Wolke auf seiner Stirn. Bei einem

schönen männlichen Wuchse fehlt es ihm an Eleganz, und seinem ganzen

Wesen an Gewandtheit.

Sie versuchte, wie viele andere Frauen und auch wohl Männer, die

Gestalten seiner Dichtungen oder den Verfasser dieser Dichtungen in ihm

zu erkennen. Zunächst sah er nur wie der Urheber des ‚Wilhelm Meister‘

aus; bei weiterem Umgang sah sie aber auch den Faust, den Werther und

Egmont hervorleuchten; nur bis zu Tasso und Iphigenie stieg er nicht

empor. Einmal sah er leibhaftig aus wie Faust. „Bald glaubte ich ihn

auf dem Faß zu sehen, und dann glaubte ich wieder, der Gottseibeiuns

würde ihn auf der Stelle holen.“

Dies waren schon die Jahre, wo seine Dickigkeit das Bild verdarb und

auch häufige Kränklichkeit und viel Hypochondrie sich abzeichneten.

Später aber entstand eine neue Schönheit. Den älteren Mann scheint der

schon genannte Mediziner v. Weltzien 1820 sehr unparteiisch zu zeichnen:

Sein Gesicht hat ungeachtet der tiefen Furchen und Runzeln,

die zweiundsiebzig Lebensjahre hineingegraben haben, einen

außerordentlichen Ausdruck, den ich aber ganz anders fand, als ich

erwartete: nichts von Arroganz, nichts von Menschenverachtung,

sondern etwas ganz Unnennbares, wie es Männern eigen zu sein pflegt,

die durch vielfältige Erfahrungen und Schicksale und gleichsam

im Kampf durch das Leben gegangen sind und nun im Gefühl ihrer

wohlerhaltenen Integrität mit beneidenswerter Gemütsruhe der

Zukunft entgegensehen. In diesem Ausdrucke mischt sich bei Goethe

ein unverkennbarer Zug von Herzensgüte und zugleich ein andrer

von besiegter ehemaliger Leidenschaftlichkeit, welche noch in dem

unsteten Wesen seines Blicks sich offenbart. Diesem Ganzen verleiht

das graue Haar einen noch größeren Zauber.

Ganz ähnlich scheint Goethe selber über sein Aussehen gedacht zu haben,

denn 1818 schreibt er in dem Aufsatze ‚Antik und modern‘:

Ein geübter Diplomat, der meine Bekanntschaft wünschte, sagte,

nachdem er mich bei dem ersten Zusammentreffen nur überhin angesehen

und gesprochen, zu seinen Freunden: ~Voilà un homme qui a eu de

grands chagrins!~ Diese Worte gaben mir zu denken. Der gewandte

Gesichtsforscher hatte recht gesehen, aber das Phänomen bloß durch

den Begriff von Duldung ausgedrückt, was er auch der Gegenwirkung

hätte zuschreiben sollen. Ein aufmerksamer, guter Deutscher hätte

vielleicht gesagt: Das ist auch Einer, der sich’s hat sauer werden

lassen!

In den Tagebüchern des Grafen Platen finden wir eine Schilderung von

1821:

Er ist sehr groß, von starkem, aber nicht in’s Plumpe fallendem

Körperbau. Bei seiner Verbeugung konnte man ein leichtes Zittern

bemerken. Auch auf seinem Angesichte sind die Spuren des Alters

eingeprägt. Die Haare grau und dünn, die Stirn ganz außerordentlich

hoch und schön, die Nase groß, die Formen des Gesichts länglich, die

Augen schwarz, etwas nahe beisammen, und wenn er freundlich sein

will, blitzend von Liebe und Gutmütigkeit. Güte ist überhaupt in

seiner Physiognomie vorherrschend.

Platen fährt fort: „Bei der Feierlichkeit, die er verbreitet, konnte

das Gespräch nicht erheblich werden,“ und der Theologe Stickel

berichtet von seinem Besuche 1827: „Unwillkürlich verneigte ich mich so

tief wie sonst noch vor keinem Sterblichen; eine innere Gewalt beugte

mich nieder.“

* * * * *

Ebenso wie in Haltung und Auftreten, so war Goethe auch in der Kleidung

das volle Gegenteil Friedrichs des Großen, von dessen verschabtem

blauen Rock und buckliger Gestalt er einmal spricht. Zwar in jungen

Jahren legte auch er wenig Wert auf seine Kleidung, und namentlich

fragte er nicht nach Mode oder Sitte und erregte dadurch in Frankfurt

oft Anstoß. Wo alle andern in feierlichen Kleidern erschienen, war er

nachlässig gekleidet; „er ist ganz sein, richtet sich nach keiner

Menschen Gebräuchen“ schreibt der Maler Kraus 1775 von ihm. Daß er im

Hause der vermeintlichen Schwiegermutter Schönemann elegant und modisch

auftreten sollte, um zu ihrem Vermögen, ihrer Geselligkeit und ihren

Möbeln zu passen, behagte ihm gar nicht; lieber ließ er sich von den

Freunden Bär oder Hurone oder Westindier schelten. Am liebsten ging er

in grauem Biberfrack mit lose geschlungenem braunseidenem Halstuch.

[Sidenote: Kleidung]

Als er dann im Frühjahr 1775 seiner Braut und ihrer Mutter mit

den Grafen Stolberg entfloh, trugen sie alle „Werther-Uniform“,

d. h. blauen Frack mit Messingknöpfen, gelbe Weste, Lederhose und

Stulpenstiefel; namentlich die Stiefel waren ganz gegen die damalige

Kleiderordnung, die in besserer Gesellschaft seidene Strümpfe und

Schuhe vorschrieb. Auch nach Weimar kam er in dieser Kleidung. Das

Naturburschentum war damals Mode, und Goethe war ein Führer dieser

Mode. Er entsetzte die Damen durch sein Fluchen bei Tische, brauchte

gern unanständige Ausdrücke und machte sich nichts daraus, wenn sein

Lieblingswort „Kerl“ Anderen nicht gefiel. Aber bald übernahm er

Ämter und Pflichten, und zu gleicher Zeit kam er in die Erziehung der

geliebten Charlotte v. Stein; er ward an sich haltender, auf seine

äußere Erscheinung bedachtsamer. Auf einem Schattenbilde von 1778

sehen wir ihn mit Haarbeutel, Spitzenkrause, eng anliegendem Rock, der

bis über die Knie reicht, seidenen Strümpfen und Schnallenschuhen.

Matthisson schildert ihn 1783 als „stattlichen Mann in goldverbrämtem

blauem Reitkleid.“ Johanna Schopenhauer verliebte sich ein wenig in

den berühmten Dichter, als er ihr im Herbst 1806 bei ihrem Eintritt

in Weimar die Ehre erwies, sie häufig zu besuchen. Trotzdem sind ihre

Schilderungen seiner Person zuverlässig genug.

Er ist das vollkommenste Wesen, das ich kenne, auch im Äußeren. Eine

hohe, schöne Gestalt, die sich sehr gerade hält, sehr sorgfältig

gekleidet, immer schwarz oder ganz dunkelblau; die Haare recht

geschmackvoll frisiert und gepudert, wie es seinem Alter ziemt, und

ein gar prächtiges Gesicht mit zwei klaren braunen Augen, die mild

und durchdringend zugleich sind. Wenn er spricht, verschönert er sich

unglaublich.

Ein ausdrucksvolleres, mobileres Gesicht habe ich nie gesehen. Wenn

er erzählt, ist er immer die Person, von der er spricht. Der Ton

seiner Stimme ist Musik. Jetzt ist er alt, aber er muß schön wie ein

Apoll gewesen sein.

Goethe wechselte offenbar gern zwischen sehr schlichten und sehr

feinen Anzügen. Die Freunde sahen ihn im Alter öfters in Hemdsärmeln

sitzen, wenn der Tag heiß war, oder im Winter im dicken wollenen

Wams behaglich an seinem geliebten breiten Ofen stehen. Selbst am

Mittagstisch saß er im Sommer zuweilen in Hemdsärmeln. Er empfing

auch wohl Freunde im weißen flanellenen Schlafrock, und wenn ihn in

diesem Kostüm gerade ein Bruder Napoleons überraschte, brachte ihn Das

auch nicht in Verlegenheit. Aber wo er sich vorbereiten konnte, ließ

er sich doch standesgemäß ankleiden. Weltzien notiert 1820: „Ganz in

Gala, schwarzer, feiner Frack, worauf der große Stern des Falkenordens

prangte, schwarze Pantalons nebst Stiefeln, eine weiße Weste und sehr

feine Manschetten, so daß ich nicht begreifen konnte, wie ein Mann in

solchem Alter sich zu Hause solchen Zwang antut.“ Da hatte ihm Goethe

eben nicht gesagt, daß er den Großherzog erwarte. Gustav Carus erwähnt

1821: „blauen Zeugüberrock, kurzes, etwas gepudertes Haar.“ Der Pole

Odyniec sah 1829 „einen dunkelbraunen, von oben herab zugeknöpften

Überrock, auf dem Halse ein weißes Tuch, das durch eine goldene Nadel

kreuzweis zusammengehalten wurde, keinen Kragen.“ In zwei verschiedenen

Gestalten erschien er 1826 dem Dichter Grillparzer. Zuerst in einer

großen Gesellschaft: „schwarz gekleidet, den Ordensstern auf der Brust,

gerader, beinahe steifer Haltung trat er unter uns, wie ein Audienz

gebender Monarch.“ Ein paar Tage später gingen sie im Hausgarten auf

und ab, und Goethe war viel gemütlicher und herzlicher:

Sein Anblick in dieser natürlichen Stellung, mit einem langen

Hausrock bekleidet, ein kleines Schirmkäppchen auf den weißen Haaren,

hatte etwas unendlich Rührendes. Er sah halb wie ein König aus und

halb wie ein Vater.

* * * * *

[Sidenote: Halb ein König, halb ein Vater]

„Und schreien kann er wie 10000 Streiter“ schreibt Felix Mendelssohn

in der Übertreibung, die die Jugend liebt; „einen ungeheuren Klang

der Stimme hat er.“ Schwerhörige dagegen klagten, daß Goethe zu

leise spräche und, wenn er ihnen zu liebe die Stimme erhöbe, sie

doch sogleich wieder sinken ließe. Alle Berichte sagen, daß Goethes

Stimme ein sehr wohlklingender Baß gewesen sei und daß er rezitierend

oder deklamierend großen Eindruck machte. Uns Heutige würde es

vielleicht stören, daß der berühmte Dichter, ebenso wie Schiller und

fast alle Zeitgenossen, seine heimatliche Mundart nie ganz aufgab.

Eine Schulsprache gab es damals noch nicht, und ebensowenig hatte

das Theater die Deutschen in dieser Hinsicht schon einiger machen

können. So sprach Goethe, wenn er sich gehen ließ, „frankfortsch“, und

dem Berliner, der sich über das Berlinische seiner Landsleute nicht

wunderte, fiel das natürlich auf. So dem ~Dr.~ Parthey, der am 28.

August 1827 mit August Goethe nahe der Tür eines Zimmers stand, in dem

der Dichter die Fürstlichkeiten, die ihm zum Geburtstag gratulierten,

empfing. Goethe trat plötzlich heraus und sagte eilig zu seinem Sohne

im echtesten Frankfurter Dialekte: „August, der König von Bayern will ä

Glas Wasser habbe!“ --

„Man soll sich sein Recht nicht nehmen lassen“ meinte Goethe zu Jakob

Grimm; „der Bär brummt nach der Höhle, in der er geboren ist“.

[7] 1,74 ~m~ gibt Kuhn in seinem Buche ‚Aus dem alten Weimar‘

(Wiesbaden, 1905) an; er stützt sich auf die Berechnungen eines

Anatomen und eines Schneidermeisters aus Goethes erhaltenen

Kleidern, gibt also die Zahlen für das Alter. Danach maß Goethe

ferner von der Mitte bis zur Fußsohle 97 ~cm~; die vordere

Armlänge war 57 ~cm~, der Brust- und Rückenumfang 113 ~cm~,

der Umfang der Mitte 126 ~cm~, die Schulterbreite 12 ~cm~, der

Kopfumfang 60 ~cm~.

IV.

Verhalten gegen Fremde.

Wir haben schon bemerkt, daß Goethe im Umgang mit den Menschen sehr

verschieden sein konnte; sein junger Freund Felix Mendelssohn war von

dieser wandelbaren und reichen Natur so betroffen, daß er meinte, man

werde in Zukunft gar nicht an +einen+ Goethe, sondern an eine Schar

Goethiden glauben. Über seine Verkehrsformen gingen schon bei seinen

Lebzeiten und selbst in Weimar die verschiedensten Gerüchte. Die Einen

erklärten ihn für stolz und patzig, steif und arrogant und warnten die

Neugierigen vor seinen „stummen Audienzen“ oder erzählten: „jedes Wort

sei Eis“; die Andern wußten seine Liebenswürdigkeit nicht genug zu

rühmen.

[Sidenote: Verschlossenheit]

Wir dürfen nicht erwarten, daß ein berühmter Mann, wenn wir ihn bei

einer geliebten Arbeit stören, und wenn uns vielleicht schon hundert

lästige Menschen als Räuber seiner Zeit zuvorgekommen sind, uns noch

mit natürlicher Herzensgüte empfängt und aufrichtige Freude über unsern

Besuch widerstrahlt. Goethe aber hat das nicht leichte Schicksal

gehabt, sechzig Jahre einer der berühmtesten Europäer zu sein, den

Viele sehen und sprechen wollten, den Tausende aus Neugier oder

Bewunderung oder zur späteren Prahlerei belästigten. Er mußte wohl

lernen, sich zu versteinern und einen Graben der Furcht um sich zu

ziehen.

Etwas Anderes kam hinzu. Die genialen Menschen sind nicht so

sehr Herren ihrer selbst als die talentvollen; sie sind nicht so

anpassungsfähig, so beständig sattelgerecht. Goethe fühlte sich in

Gesellschaft oft unfrei und unbeholfen. Und er wußte, daß sein Geist

in anderer Richtung sich bewegte als der Zeitgeist, daß er darum

auch eine besondere Sprache sprach und überall wenig Aussicht hatte,

recht verstanden zu werden. Gut beurteilt hat ihn der Oberbergrichter

(spätere Minister) v. Schuckmann, der 1790 in Breslau mit Goethe

freundschaftlich verkehrte:

Daß es schwer ist, ihm näher zu kommen, liegt nicht in seinem Willen,

sondern in seiner Eigentümlichkeit, in der Sprachschwierigkeit, seine

Gefühle und Ideen so, wie sie in ihm liegen, auszudrücken ... +Bis er

weiß+, daß man ihn errät, fühlt, ihm durch jede Öffnung, die er gibt,

hineinsieht, kann er nicht reden.

Und in einem späteren Briefe:

Was ich Dir über seine Schwierigkeit im Ausdruck schrieb, war ganz

weg, sobald er herzlich ward und außer der Konvention mit mir lebte.

Kalt kann er eigentlich nicht reden, und dazu will er sich mit

Fremden zwingen, und Das wohl aus guten Gründen. Vertraut, folgt er

seiner Natur und wirft aus dem reichen Schatze die Ideen in ganzen

Massen hervor ... Freilich, alle übrigen Menschen hier, von Garve bis

Seydlitz, finden, daß er sich sonderbar ausdrücke, daß er nicht zu

verstehen sei und lästige Prätentionen mache. Und doch hat er sich

von meiner guten Mutter recht vertraulich die Wundertaten des Enkels

und ihre Wirtschaft erzählen lassen, die ihn auch recht lieb darum

hat!

In Gesellschaften, wo Goethe nicht Jedermann für Gutfreund nehmen

konnte, hatte er ein besonderes Mittel, etwaige Auflauernde und

Zwischenträger lahm zu legen: er sagte nichts von Bedeutung. Schon der

Fünfundzwanzigjährige tat gegen seinen unvorsichtigen Freund Lavater

den Ausspruch: „Sobald man in Gesellschaft ist, nimmt man vom Herzen

den Schlüssel ab und steckt ihn in die Tasche; Die, welche ihn stecken

lassen, sind Dummköpfe.“ Aber auch vom Geiste nahm er den Schlüssel

ab. Karoline v. Dacheröden, später Wilhelm v. Humboldts Frau, war 1790

einen Abend mit ihm zusammen. „Er ging mir fast nicht von der Seite,

sprach offen, so geistvoll und herzlich; aber wenn ein Dritter dazu

kam, sprach er das fadeste Zeug, das man denken mag.“ Ebenso erzählt

ein Baron Merian aus Basel, der in Dresden 1810 in Goethes Gesellschaft

kam: „Er sprach von ganz gewöhnlichen Dingen auf eine ganz gewöhnliche

Weise: Das tut er mit Fleiß.“ Sehr groß war die Enttäuschung der Klara

Kestner aus Hannover, als sie ihre Mutter im September 1816 zu Goethe

geleiten durfte: diese Mutter war die berühmte Lotte Buff aus Wetzlar!

Goethe hatte sie vor Jahren fast allzu sehr geliebt und seitdem nicht

mehr gesehen; nur in der Weltliteratur lebten ihre Namen zusammen. War

nun ein zärtliches oder ein feierliches Wiedersehen zu erwarten? Ach,

Goethe empfing sie, wie wenn irgend eine Dame aus Weimar, die er erst

vorige Woche gesprochen, zu ihm komme. Und auch als sie bei Tische

saßen, gab es keine Blitze und Feuerfunken.

Leider waren alle Gespräche, die er führte, so gewöhnlich, so

oberflächlich, daß es eine Anmaßung für mich sein würde, zu sagen:

ich hörte ihn sprechen oder ich sprach ihn. Denn aus seinem Innern

oder auch nur aus seinem Geiste kam Nichts von Dem, was er sagte.

Beständig höflich war sein Betragen gegen Mutter und gegen uns alle:

wie Das eines Kammerherrn.

Die Berichterstatterin fügt hinzu, ihr Onkel Riedel, der in Weimar

lebte und mit in der Gesellschaft war, habe Goethes Betragen mit

seiner bekannten Steifigkeit, ja Blödigkeit entschuldigt; diesmal

kam aber auch der Vorsatz hinzu, sich nicht vor Zuschauern zu einem

Gefühls-Ausbruche zwingen zu lassen, dessen Schilderung dann in Briefen

oder gar Zeitungsartikeln die Neugierde der Leser befriedigte.

* * * * *

[Sidenote: Im Volke verschwindend]

Gern entfloh Goethe seiner eigenen hochgebauten Festung und lebte in

den Tälern als Mensch unter Menschen. Als er zehn Jahre in Weimar

verbracht hatte, klagte er: „was wir in den kleinen souveränen Staaten

für elende einsame Menschen sein müssen, weil man, und besonders in

meiner Lage, fast mit Niemand reden darf, der nicht was wollte oder

möchte.“ Auch deshalb verbrachte er gern ganze Monate im nahen Jena,

wo er ungestört arbeiten konnte, oder in Bädern. Deshalb reiste er

auch gern unter fremdem Namen. Er hatte schon als Jüngling viel Lust

zu Mummereien und hat oft in Verkleidungen seinen Scherz getrieben;

später war die Verkleidung eine Notwehr gegen seinen berühmten Namen

und eine gelegentliche Absonderung von sich selbst, wie er sie in

seinem Streben nach Objektivität liebte. Am wohlsten fühlte er sich,

wenn er unerkannt reisen und behaglich unter dem Volke sich bewegen

konnte. Nach Italien fuhr er 1786 als der Kaufmann Philipp Möller aus

Leipzig; aus einem Dachsranzen und einem Köfferchen bestand sein ganzes

Gepäck, und schon aus Bayern schreibt er ganz vergnügt über seinen

neuen Zustand an Frau v. Stein: „Da ich ohne Diener bin, bin ich mit

der ganzen Welt Freund. Jeder Bettler weist mich zurechte, und ich

rede mit den Leuten, die mir begegnen, als wenn wir uns lange kennten.

Es ist mir eine rechte Lust.“ Dann machte es ihm Spaß, daß er einem

alten Weibe für einen Kreuzer Birnen abkaufen und sie ~publice~ „wie

ein anderer Schüler“ verzehren konnte. „Herder hat wohl recht, daß ich

ein großes Kind bin und bleibe, und jetzt ist mir so wohl, daß ich

ungestraft meinem kindischen Wesen folgen kann.“ In Italien hielt er es

ebenso. Er machte sich zum Italiener, trug die Kleidung der mittleren

Bürger, gewöhnte sich ihre Gebärden und Bewegungen an und lernte

ihre Sprache so gut, daß er auf Märkten und Gassen unauffällig sich

unter das Volk mischen, seine harmlose Fröhlichkeit, sein Leben und

Lebenlassen teilen konnte.

Oft hat er nachher diese zwei Jahre in Rom und Italien als die

glücklichste Zeit seines Lebens bezeichnet. Es mag ein stillvergnügtes

Treiben gewesen sein, als Filippo Miller, Georgio Zicci, Frederico Bir

und Tisben, d. h. Goethe, Schütz, Bury und Tischbein bei dem Kutscher

Collina und seiner Piera Giovanna wohnten, dem „redlichen alten Paar,

die Alles selbst machen und für uns wie die Kinder sorgen.“ Gleich

nach Goethes Rückkehr reiste Herder nach Italien: Goethe verwies ihn

an seine dortigen Freunde und gab ihm die besten Ratschläge. In Rom

wurde ihm sogleich Goethes vormalige Wohnung angeboten, aber sie war

dem anspruchsvollen Herder nicht vornehm genug; und er mietete sich

eine, die in unserem Gelde 53 Mark monatlich kostete. „Goethe hat

gut reden“ schrieb er seiner Gattin heim, „alle seine Ratschläge in

Ansehung Roms taugen nichts; er hat wie ein Künstlerbursche gelebt ...

Auch von Goethes Gesellen habe ich eigentlich wenig: es sind junge

Maler, mit denen am Ende doch nicht viel zu tun ist.“ Herder zog vor,

sich im fremden Lande als den höchsten Geistlichen des weimarischen

Staates kundzutun, und versäumte in Kleidung und Auftreten nichts, was

dem „Bischof von Thüringen“ zukam. Als seine Herzogin Amalie, die zu

gleicher Zeit in Rom war, nicht schnell genug daran dachte, ihn bei den

Kardinälen und Prinzen einzuführen, sagte er ihr geradezu, es schicke

sich nicht, daß sie ihn verleugne; nun tat sie ihm den Gefallen,

brachte ihn in die feinsten Gesellschaften, wo er sich und sein Amt

auch vortrefflich repräsentierte. Aber das Ergebnis war, daß Herder

immer unzufriedener wurde.

Man kommt in Rom zu nichts, und man wird seiner Zeit nicht froh ...

Man wird mit Zeremonien überladen, und die Besuche aus Höflichkeit

werden unendlich, sobald man sich einläßt ... Die große Welt, die

Kardinäle, Monsignori, Principi und Principesse fangen an mich zu

ennuyieren. Ein Train von seelenloser Konversation und Observanzen,

die zuviel Zeit und Geld kosten, als daß sie der Mühe wert wären.

Goethe hatte also doch recht gehabt!

Wenn es ging, mischte er sich auch in Deutschland unter die kleinen

Leute und lebte mit ihnen. Seine Winterreisen in den Harz waren auch

Entfernungen aus der vornehmen Welt; die Briefe, die er im Dezember

1777 aus Goslar an die geliebte Frau v. Stein schrieb, verraten seine

Liebe zum schlichten Menschentum und gemütlichen Verkehr:

Mir ist’s eine sonderbare Empfindung, unbekannt in der Welt

herumzuziehen; es ist mir, als wenn ich mein Verhältnis zu den

Menschen und den Sachen weit wahrer fühlte. Ich heiße Weber, bin ein

Maler, habe Jura studiert, oder ein Reisender überhaupt, betrage mich

sehr höflich gegen Jedermann und bin überall wohl aufgenommen. Eine

reine Ruh und Sicherheit umgibt mich. --

Goethes Lebenskunst · 第 2 / 19 段