Wie in allen andern Dingen war Goethe auch in Geldsachen für

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Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1919 so weit

wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler

wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht

mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original

unverändert; fremdsprachliche Ausdrücke wurden nicht korrigiert.

Seitenüberschriften aus der gedruckten Fassung wurden als Randnotizen

übernommen, dabei wurden wiederholte Überschriften nicht erneut

erwähnt.

Besondere Schriftschnitte werden im vorliegenden Text mit Hilfe der

folgenden Symbole gekennzeichnet:

fett: =Gleichheitszeichen=

gesperrt: +Pluszeichen+

Antiquaschrift: ~Tilden~

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[Illustration: Goethe um 1789.

Bruchstück einer Büste von +Martin Klauer+.]

[Illustration: Goethe 1829.

Büste von +Pierre Jean David+.]

Wilhelm Bode

Goethes Lebenskunst

[Illustration]

Siebente, neu bearbeitete Auflage

21. bis 25. Tausend

Mit zahlreichen Abbildungen

Verlegt bei Ernst Siegfried Mittler und Sohn

Berlin 1919

Alle Rechte aus dem Gesetze vom 19. Juni 1901

sowie das Übersetzungsrecht sind vorbehalten.

Amerikanisches Copyright 1913 by E. S. Mittler & Sohn, Berlin.

Zur sechsten Auflage.

Vielleicht hätte ich ein Buch, das bereits in 14000 Abzügen verbreitet

und überall freundlich aufgenommen wurde, nicht so stark umgestalten

sollen, wie bei dieser neuen Ausgabe geschehen. Aber da ich mich

beständig mit Goethes Leben, Werken und Umwelt beschäftige, so kann es

nicht ausbleiben, daß meine Kenntnisse zunehmen, meine Auffassungen

sich ändern, manche neue Erklärungen sich ergeben und manche

Zusammenhänge deutlich werden, die ich früher nicht sah.

Als ich vor vierzehn und dreizehn Jahren dies Buch schrieb, hieß die

Aufgabe, die ich mir gewählt hatte: ‚+Goethe als Mensch+‘. Mit diesem

Titel sandte ich die Handschrift an „E. S. Mittler & Sohn“, d. h. an

~Dr.~ Theodor Toeche-Mittler, der jetzt nach einer sehr fruchtbaren

Tätigkeit dem im gleichen Sinne wirkenden Sohne zusieht. Dieser

ältere Freund nahm als ein aufrichtigster Verehrer unseres Dichters

an meinen ersten Arbeiten auf diesem Gebiete einen herzlichen Anteil

und fügte deshalb seinem bereits sehr ausgebreiteten Verlagshause

noch ein Angebäude für Goethe-Bücher hinzu. Das neue Buch, meinte

er damals, müsse in ‚+Goethes Lebenskunst+‘ umgetauft werden. Ich

fügte mich, und der Erfolg hat ihm recht gegeben, denn Niemand hat

den Titel beanstandet, und einige Beurteiler haben ihn ausdrücklich

als zutreffend gelobt. (Nur Signild Wejdling, die eine schwedische

Übersetzung herausgab, hat, ohne von mir zu wissen, die ursprüngliche

Überschrift vorgezogen: ‚~Goethe såsom Människa~‘.) So hat also der

Verfasser des Buches dem Namengeber zu danken; aber der Leser soll doch

wissen, wie die Aufgabe eigentlich gestellt war und daß nicht etwa die

Absicht einer Goethe-Verherrlichung zu Grunde lag oder liegt. Es soll

durchaus nicht Alles, was hier mitgeteilt wird, als klug und weise

gelten; sehr oft tritt eben nur „Goethe als Mensch“ vor uns.

„Wie lange wird es dauern“, sagte er 1809 zu Falk, „so werden sie auch

an mich glauben und mir Dies und Jenes nachsprechen. Ich wollte aber,

sie behaupteten ihr Recht und öffneten ihre Augen selbst.“

+Weimar+, Neujahr 1913.

Zur siebenten Auflage.

Ein Münchener Nervenarzt schrieb mir einmal, er verordne dies Buch

seinen Patienten. Ich weiß nicht, welche Erfolge er damit hat, und

wünsche mir mehr gesunde Leser als krankhaft erregte. Aber wahr ist es,

daß dies Buch ein ruhiges und beruhigendes ist. Das fällt mir selbst

auf, weil ich die neue Auflage in den unruhigsten Zeitläuften, die wir

je erlebt haben, abschließe.

+Weimar+, Neujahr 1919.

~Dr.~ Wilhelm Bode.

Inhalt.

Seite

I. Beruf und Erwerb 1

II. Wohnung 17

III. Äußere Erscheinung 35

IV. Verhalten gegen Fremde 44

V. Fürsten und Vornehme 60

VI. Untergebene 77

VII. Geselligkeit 96

VIII. Freundschaft 121

IX. Feinde 136

X. Familienleben 155

XI. Gesundheitspflege 173

XII. Die Mahlzeiten und der Wein 205

XIII. Das Schaffen 221

XIV. Das Lernen 247

XV. Kampf und Glück 279

Abbildungen.

Bildnisse Goethes:

Um 1774 Von Heinrich Lips nach einem Schüler Nahls 176

1774 Von Joh. Peter Melchior n. 176

1779 Von Georg Oswald May n. 176

1789 Büste von Martin Klauer vor dem Titel

1791 Von Heinrich Lips n. 37

1818 Von Ferdinand Jagemann n. 70

1828 Von Josef Stieler n. 298

1829 Büste von Pierre Jean David vor dem Titel

1832 Von C. A. Schwerdgeburth n. 299

* * * * *

Goethe und Karl August. Von C. A. Schwerdgeburth n. 71

* * * * *

Erhaltene Kleider n. 36

Wohnungen:

+Gartenhaus+, Grundriß 18

Blick auf Haus und Garten 1826. Von C. A.

Schwerdgeburth 16

Hausflur. Aufnahme von Otto Rasch n. 18

Arbeitszimmer. Von Otto Rasch n. 19

+Stadthaus+, Grundriß. Obergeschoß 29

Ansicht vom Frauenplan. Von H. Tessenow 23

Ansicht vom Garten. Aufnahme von L. Held n. 30

Treppe. Aufgang zum Obergeschoß. Aufnahme

von Otto Rasch n. 26

Empfangszimmer. Von H. Tessenow 24

Vorzimmer zum Arbeitszimmer. Von Otto Rasch n. 27

Arbeitszimmer. Von H. Tessenow 30

Schlafzimmer. Aufnahme von L. Held n. 31

[Illustration]

I.

Beruf und Erwerb.

Die ersten poetischen Werke, die Goethe in die Welt sandte, sein ‚Götz

von Berlichingen‘ und erst recht seine ‚Leiden des jungen Werthers‘,

erregten großes Aufsehen: sie ergriffen, packten, erschütterten viele

Tausende; der Name ihres Verfassers ward bei allen „schönen Geistern“

und „fühlbaren Herzen“ schnell berühmt: nun erwarteten sie neue große

Gaben von ihm.

Heute wird ein erfolgreicher junger Dichter, wenn ihm sein Brotberuf

so wenig zusagt wie dem Doktor Goethe die Advokatengeschäfte, kurzweg

Schriftsteller; er erhält dann vom Publikum durch die Verleger und

die Bühnenleiter das Nötige zum Leben, wenn er es sonst versteht,

die erlangte Gunst festzuhalten. Zu jener Zeit, um 1774, gab es

zwar auch schon einige Literaten, die durch Anfertigung der von den

Buchhändlern verlangten Bücher und namentlich durch Übersetzungen aus

dem Französischen und Englischen ein kärgliches Auskommen fanden; aber

ein Dichter, ein Originalschriftsteller, konnte die Honorare nur als

glückliche Nebengewinne betrachten: sie reichten für einige festliche

Tage, aber nicht für die bürgerliche Nahrung eines ganzen Jahres. Die

Zahl der deutschen Bühnen war noch gering; die paar seßhaften wie

die reisenden Theatergesellschaften kämpften immer um ihren eigenen

nötigsten Bedarf; die Buchverleger aber konnten selbst dann, wenn

ein Buch viel Beifall fand, keinen großen Gewinn mit dem Verfasser

teilen, weil sich gar rasch in irgend einem deutschen Nachbarstaate

ein Drucker fand, der dies Buch nachdruckte, und weil die Obrigkeiten

dann keineswegs bereit waren, solchen erwerbseifrigen Untertanen

um „ausländischer“ Verleger oder Verfasser willen dies Geschäft zu

untersagen. „Ich bedauere einen jeden Autor, der Nutzen von seinen

Werken ziehen will“ urteilte 1775 Friedrich Nicolai in Berlin, der

Schriftsteller und Buchhändler zugleich war, und ein andrer Berliner

Buchhändler, Mylius, beschwerte sich im selben Jahre, als Goethe für

seine ‚Stella‘ zwanzig Taler Honorar begehrte; er meinte, dann werde

er ja wohl für Goethes nächstes Stück 50 Taler und für seinen ‚Doktor

Faust‘ gar 100 Louisdor (1820 M.) zahlen sollen: „Das ist aber wider

die Natur der Sache und nicht auszuhalten.“ Es war wirklich wider

die Natur der Sache, und deshalb war das Dichten für Goethe zunächst

noch eine kostspielige Beschäftigung, zumal wenn er es nicht bloß als

Spiel der Phantasie in Mußestunden betrieb, sondern Leben und Dichten,

Erleben und Schaffen verflocht und verquickte. Noch 1789 fragte und

antwortete er mit Recht:

Hat mich Europa gelobt, was hat mir Europa gegeben?

Nichts! ich habe wie schwer! meine Gedichte bezahlt!

[Sidenote: Die Brotgeber des Künstlers]

Aber die Künste gediehen auch zu jener Zeit. In der Wirtschaftsordnung

des Feudalstaates gehörte es zu den Pflichten der Landesfürsten,

die Gelehrten, Dichter, Musiker, Maler, Bildhauer und Baumeister

zu ernähren und ihnen die Aufgaben zu stellen. Zur höfischen

Repräsentation, zur Entfaltung von Prunk und Pracht, um des Ansehens

und Ruhmes willen bedurfte man solcher Leute, die wegen ihrer

Geschicklichkeit in Wissenschaften und Künsten weithin bekannt waren;

viele Landesväter aber hatten auch ein eigenes herzliches Verhältnis zu

einigen oder vielen Künsten und Wissenschaften und ihren Angehörigen.

Im ‚Tasso‘ hat uns Goethe die zarte Fürsorge eines edlen Fürsten für

einen empfindlichen Poeten auf das schönste vor Augen gestellt; sein

lebendiges Vorbild für Tassos Gönner, den Herzog Alfons von Ferrara,

aber war der junge Herzog Karl August von Weimar, den er selber seit

1775 als seinen Ernährer und Freund rühmen mußte:

Klein ist unter den Fürsten Germaniens freilich der meine;

Kurz und schmal ist sein Land, mäßig nur, was er vermag.

Aber so wende nach innen, so wende nach außen die Kräfte

Jeder; da wär’s ein Fest, Deutscher mit Deutschen zu sein!

* * * * *

Denn mir hat er gegeben, was Große selten gewähren:

Neigung, Muße, Vertrau’n, Felder und Garten und Haus.

Niemand braucht’ ich zu danken als ihm, und Manches bedurft’ ich,

Der ich mich auf den Erwerb schlecht, als ein Dichter, verstand.

Als Gast des achtzehnjährigen Herzogs kam Goethe 1775 nach Weimar; der

Gast wurde ein naher Freund, und der Freund mußte ein Arbeitsgenosse

des Fürsten werden, teils weil Dieser in der Verwaltung seines Landes

eines solchen Engverbündeten bedurfte, teils weil er nicht die Mittel

hatte, Künstlern oder Gelehrten zu einem bloßen freien Dichten, Malen

oder Forschen einen Ehrensold zu geben. Goethe war nun gleichzeitig

Dichter und Geschäftsmann, wie damals der Beamte genannt wurde; für

Beides empfing er seinen Unterhalt, denn beiderlei Tätigkeit begehrte

der Landesherr. Ob er die ‚Iphigenie‘ dichtete, oder junge Bursche

zum Militär aushob, oder im herzoglichen Liebhabertheater eine Rolle

einstudierte, oder eine Feuerlöschordnung ausarbeitete, oder an

benachbarten Höfen aufwartete, oder seinen Herzog zu Manöver, Krieg

und Belagerung begleitete: immer war es Fürstendienst; Karl August

besoldete und beschenkte ihn für das Eine wie das Andere. Alle die

sechs Schöpfer unserer neuen deutschen Sprache und Literatur: Klopstock

und Herder, Lessing und Wieland, Goethe und Schiller, betrachteten ihr

Dichten und Schreiben als Arbeit an der Erleuchtung und Erhöhung des

Menschengeschlechts in den deutschen Volksstämmen; edle Fürsten dienten

gleichen Aufgaben; deshalb entstanden damals so manche Verbindungen

zwischen Fürsten und Dichtern. Die schönste und mannigfaltigste

war die durch zweiundfünfzig Jahre dauernde Freundschaft und

Arbeitsgemeinschaft zwischen Goethe und Karl August.

[Sidenote: Dichter und „Geschäftsmann“]

Mit heutigen Amtsbezeichnungen läßt sich Goethes Tätigkeit in Weimar

nicht deutlich machen; er besorgte die verschiedenartigsten Aufgaben,

wenn unter den übrigen Beamten keiner war, der besser dazu taugte; fand

sich ein Brauchbarer, so zog er sich rasch zu seinen poetischen und

wissenschaftlichen Arbeiten zurück. Zumeist bezogen sich seine Aufträge

auf die Anstalten für Wissenschaft und Kunst: das Hoftheater leitete er

von 1791 bis 1817; außerdem hatte er viele Jahrzehnte die Oberaufsicht

über die Bibliotheken zu Weimar und Jena, über die wissenschaftlichen

Anstalten der Akademie zu Jena, über die Zeichenschulen zu Weimar und

Eisenach, über die Kunstsammlungen und Kunstausstellungen zu Weimar;

auch die Veranstaltung und poetische Ausschmückung von Hof- und

Volksfesten war lange Zeit hindurch eine häufig wiederkehrende Pflicht,

die bald als Lust, bald als Last empfunden wurde. In jüngeren Jahren,

als es seinem Fürsten an guten Dienern noch sehr fehlte, bekümmerte

sich Goethe aber auch um Landwirtschaft und Industrie, um den Ilmenauer

Bergbau, um Wege und Flußläufe, um Verbesserung des Kassenwesens und

Mehrung des Landesvermögens.

Diese Kraftzersplitterung wurde oft getadelt. Seine Amtskollegen

wünschten, daß er ihnen mehr Arbeit abnehme. Andere erklärten es

geradezu für eine Verschwendung, daß der Fürst eines so armen Landes

einen Geheimen Rat oder Minister hielt, der sich einen großen Teil des

Jahres den Staatsgeschäften entzog, um in Jena oder Karlsbad, einmal

sogar fast zwei Jahre in Italien, seiner eigenen Ausbildung oder seinen

Dichtungen und Forschungen zu leben. Auf der anderen Seite zürnten alte

Freunde Goethes, daß er sein Genie zu höfischen Unterhaltungen und

kleinlichen Verwaltungsgeschäften verbrauche, statt jährlich solche

Gaben wie ‚Götz‘ und ‚Werther‘ der deutschen Nation auf den Tisch zu

legen.

Goethe kannte solche Urteile und durfte sie nicht verachten. Der einen

Partei erwiderte er in seinem Innern, daß er nur dem Herzoge für den

Gebrauch seiner Zeit und Kraft verantwortlich sei. Dessen Sache war es,

ob er einen Beamten von Goethes Art ernähren konnte; wollte der Fürst

dies Opfer für die allgemeine Kultur des deutschen Volkes bringen, so

konnte Goethe nur herzlich-dankbar zustimmen. In die konstitutionelle

Zeit, die er im Alter auch noch erlebte, paßte solche Auffassung, paßte

Goethe als Beamter freilich nur schlecht hinein. Seinen alten Freunden

dagegen antwortete er, daß er lieber von seinem Herzoge als von der

stets unberechenbaren und oft sehr törichten Leserwelt abhängen wolle

und aus dem Dichten keinen Broterwerb machen könne. Sodann: daß ein

Dichter, der nur Dichter sei, sich bald ausschöpfen und seine Gedanken

und Empfindungen allzu oft wiederholen würde und daß ein fleißiger

Mensch auch in solchen Tagen und Stunden schaffen wolle, wenn die Musen

nicht geneigt sind, ihn zu umschweben. Erst durch Berufsgeschäfte,

durch Arbeiten, die uns schwer fallen und zu denen wir keine Neigung

haben, erwerben wir ein wertvolles Stück Bildung: und eigener reicher

Bildung bedarf doch der Schriftsteller zumeist, der auf seine

Volksgenossen Einfluß ausüben zu wollen die Kühnheit hat.

Und zuweilen dachte Goethe: es kommt nicht so sehr darauf an, was wir

machen, sondern darauf, daß wir unsere jeweilige Aufgabe so vorzüglich

lösen, wie irgend in unseren Kräften steht. Wer als Jurist und Sohn

eines Juristen Genauigkeit und Vorsicht im Denken gelernt hat, meinte

er einmal, könne davon auch bei der Farbenlehre Gebrauch machen.

„Freilich!“ gestand er ein andermal, als von der vielen Zeit die Rede

war, die er mit der Theaterleitung verloren hatte, „ich hätte indes

manches gute Stück schreiben können! Doch, wenn ich es recht bedenke,

gereut es mich nicht. Ich habe all mein Wirken und Leisten immer nur

symbolisch angesehen, und es ist mir im Grunde ziemlich gleichgültig

gewesen, ob ich Töpfe machte oder Schüsseln.“

[Sidenote: Gefahr der Zersplitterung]

Bleibt freilich die Frage, ob solche nach manchen Richtungen

verfließende Arbeit höchste Leistungen ergibt. Ein Mittel, die Gefahr

des Verrinnens und Versandens aufzuheben, hatte Goethe in seinem gern

gepriesenen Grundsatz der „Folge“, d. h. des Immer-wieder-Anknüpfens an

alte Fäden. Er schuf zwar immer nur Bruchstücke einer Faust-Dichtung

und ward dieser Arbeit immer wieder untreu, aber er kehrte auch

immer wieder zu ihr zurück, so daß am Ende seines Lebens das große

Werk doch vollendet ward. Wer sich beschränkt und zusammenfaßt,

leistet auf seinem engen Gebiete schneller und sicherer etwas von

Wert; dagegen gewinnt der Kenner vieler Gedanken, der Sammler vieler

Erfahrungen in jedem Gebiete, das er betritt, rasch neue Erkenntnisse,

die dem Kleinfachmann verborgen blieben. Bildung von allen Seiten

her, Entfaltung nach allen Seiten hin, Erlangung eines vollständigen

All-Menschentums ist schließlich doch eine höhere Aufgabe für unsere

Kräfte und in einigen Fällen das bessere Mittel, vom eigenen Erwerb

Anderen Wertvolles mitzuteilen.

* * * * *

Die Fürsten zahlten zu Goethes Zeiten ihren Dienern -- so hießen auch

die höchsten Beamten -- nur niedrige Gehälter. Goethe bekam anfangs

1200 Taler, von 1781 an 1400, von 1785 an 1600, später 1800 Taler;

als 1815 Weimar zu einem Großherzogtum erhoben wurde, erhielt er als

ältester Staatsminister 3000 Taler. Aber zum Gehalte kamen manche

andere Lieferungen, Geschenke und Vorteile. Die Besoldungen waren

damals nicht so genau festgelegt wie heute; die Fürsten übernahmen

für ihre Beamten im Grunde die gesamte Fürsorge, auch für ihre Witwen

und für die Erziehung ihrer Kinder, die in der Regel recht jung in

fürstliche Brotstellen gelangten, so daß die Väter großer Familien mehr

empfingen als die kinderlosen und ledigen Männer. Auch Goethe erhielt

manche besonderen Zuwendungen: den schönen Garten an der Ilm, das

stattliche Haus am Frauenplan, Wagen und Pferde, frühzeitige Anstellung

seines einzigen Sohnes und manches Andere.

[Sidenote: Gehalt und Autorgewinn]

Ausreichend waren allerdings alle Gaben Karl Augusts nicht für „die

etwas breite Existenz“ Goethes. Er verbrauchte schon 1776 1411 Taler;

in den nächsten Jahren waren es rund 1600, 1780: 2249, 1782: 2605

Taler, also stets erheblich mehr, als sein Gehalt einbrachte. Das

konnte er zunächst als Sohn eines wohlhabenden Vaters so halten; aber

auch sein Wort, daß ihm Europa für seine Gedichte nur Lob und sonst

nichts gebe, blieb nicht zutreffend. Seine ersten Werke hatte er

vertändelt; zu der Zeit, wo alle Welt seinen ‚Götz‘ bewunderte, mußte

er sorgen, woher er das Geld nehme, um das Papier dafür zu bezahlen.

Aber bald lernte er recht gut, von den Verlegern die größten Honorare,

die sie wagen durften, zu erlangen. Für die erste Sammlung seiner

Werke, die 1786 begann, zahlte ihm Göschen 2000 Taler. Für die zweite

Sammlung, die bei Unger in Berlin erschien, bekam er 500 Taler den Band

und für die zwei Bände ‚Wilhelm Meisters Lehrjahre‘ 1500 Taler. Für

‚Hermann und Dorothea‘ forderte und erhielt er von Vieweg 1000 Taler

in Gold, eine Summe, die selbst die Freunde Schiller und Wilhelm v.

Humboldt „ungeheuer“ fanden, denn es machte zwölf Groschen für jeden

Vers. Als Cotta 1802 neue Werke von ihm wünschte, obwohl er an den

‚Propyläen‘ schon erheblich zugesetzt hatte, warnte Schiller seinen

Landsmann beinahe vor seinem Freunde:

Es ist, um es gerade heraus zu sagen, kein guter Handel mit G. zu

treffen, weil er seinen Wert ganz kennt und sich selbst hoch taxiert

und auf das Glück des Buchhandels, davon er überhaupt nur eine vage

Idee hat, keine Rücksicht nimmt. Es ist noch kein Buchhändler mit

ihm in Verbindung geblieben; er war noch mit keinem zufrieden, und

mancher mochte mit ihm nicht zufrieden sein. Liberalität gegen seine

Verleger ist seine Sache nicht.

Cotta war und blieb dennoch Goethes Verleger; freilich bedurfte

es geschickter Vermittler, um sie zusammenzuhalten. Das Mißtrauen

der Verfasser gegen die Ehrlichkeit der Verleger war zu jener Zeit

ein allgemeines; Goethe aber ärgerte sich nicht selten über die

politischen und anderen Schriften, die Cotta gleichfalls verlegte.

Über seine Honorare durfte er sich jedoch nicht beklagen. Für die

‚Wahlverwandtschaften‘ bekam er 2500 Taler, für ‚Wahrheit und

Dichtung‘ 12000, für die erste zwölfbändige Cottasche Ausgabe der Werke

(1805-1808) volle 10000 Taler für das Verlagsrecht auf acht Jahre,

für die neue Ausgabe in zwanzig Bänden 1816 auf weitere acht Jahre

16000 Taler, 1824 gab August v. Goethe der Steuerschätzungs-Kommission

als das jährliche literarische Einkommen seines Vaters „~in maximo~

1400 Taler“ an. Das war Steuer-Pessimismus, obwohl das Einkommen im

letztvergangenen Jahre nur 500 betragen hatte; denn im Durchschnitt

der letzten zehn Jahre hätte man rund 3500 Taler errechnen können.

1826 forderte und erhielt Goethe von Cotta für eine neue, in 20000

Exemplaren zu druckende Ausgabe seiner Werke in vierzig Bänden sogar

60000 Taler. Im ganzen wurden in den Jahren 1795-1832 von Cotta an

Goethe 401090 Mark in heutigem Gelde gezahlt und von 1832-1865 an die

Erben noch 464474 Mark. Dagegen blieben die Einnahmen des Dichters von

den Bühnen gering; von der Berliner Hofbühne erhielt Goethe in zwanzig

Jahren nur 319 Taler, während Kotzebue es dort in der gleichen Zeit auf

4579 Taler brachte.

* * * * *

[Sidenote: Honorare]

Goethe war nie ein Verschwender, aber ängstliche Sparsamkeit war auch

nicht seine Sache; wie er sein Leben lang in Lotterien spielte, so

wendete er manchmal sein Geld an Hoffnungen und Liebhabereien. Als

Privatmann hätte er sich in einfachsten Verhältnissen wohlgefühlt; als

erster weimarischer Beamter und als Repräsentant der deutschen Künste

und Wissenschaften zog er die „etwas breite Existenz“ vor. „Einen

Parvenü wie mich konnte nur die entschiedenste Uneigennützigkeit

aufrechterhalten“ sagte er im Alter zu Riemer und Friedrich v. Müller,

und zu Eckermann: „Eine halbe Million meines Privatvermögens ist durch

meine Hände gegangen, nicht allein das ganze Vermögen meines Vaters,

sondern auch mein Gehalt und mein bedeutendes literarisches Einkommen.“

Schon im kleinen Gartenhause an der Ilm hatte er verschiedene Diener:

Philipp Seidel, Christoph Sutor, Paul Götze, die Köchin Dorothee. Große

Opfer brachte er der Gastfreundlichkeit; große Summen kosteten auch

seine Sammlungen, deren Wert damals nur von Wenigen erkannt wurde.

In Geldknappheit befand sich Goethe auch nach den Jugendjahren. 1792

lieh er sich von dem Juristen Hufeland in Jena 1000 Taler, die er viele

Jahre verzinste. 1796 wollte er seinen Garten an der Ilm an den Herzog

verkaufen, weil er Geld brauchte; aber seine Christiane vermutete,

daß dies Geld doch nur wieder für Kunstgegenstände und Mineralien

daraufgehen werde, und verlangte einen Umtausch gegen Krautländereien

oder andere Grundstücke.

Während der napoleonischen Kriege mit ihren beständigen

Einquartierungen war Goethe erst recht oft in Geldnot. Als sein Sohn

in Heidelberg studierte und mit seinem Wechsel nicht ausgekommen war,

so daß er 50 Taler Schulden hatte, mußte Christiane den Jüngling und

seine Gläubiger hinhalten. „Wegen des Geldes können wir Dir aber

jetzt nicht gleich welches schicken“ schrieb sie im Januar 1809, „da

wir diese Weihnachten sehr viele Ausgaben gehabt und viel Abzug

wegen der Kontribution haben .... Die Ausgaben hier übersteigen meine

Einnahmen, so daß mir auch Alles ganz knapp zugeschnitten wird.“ Noch

viel übler sah es im Jahre 1812 aus. Nicht ohne Grund schrieb Goethe

damals, er müsse auf seinen Vorteil aus dem Buchhandel sehen, „wenn

ich nicht nach einem mühsamen und mäßigen Leben verschuldet von der

Bühne abtreten will.“ Im Jahre 1815 war man auch noch recht arm.

Damals mußte Christiane an die Weinhändler Gebrüder Ramann in Erfurt

schreiben: „Wegen der Zahlung tragen Sie keine Sorge, mein Mann ist

zwar angekommen, aber wegen Gelde, sagte er mir, müßten Sie noch etwas

in Geduld stehen.“

In den nachfolgenden Friedenszeiten verbesserte sich seine Lage

allmählich und erheblich. Es ging aber noch lange die Sage, daß

der alte Dichter zu viel arbeiten oder auch zu viel Unfertiges und

Minderwertiges in die Druckerei geben müsse, weil die Ausgaben des

Hauses rasche und große Einnahmen verlangten. Erst von seinem 76. Jahre

an konnte sich Goethe in gesicherten Verhältnissen als wohlhabender

Mann fühlen.

* * * * *

[Sidenote: Vermögen, Ordnung, Bürgschaften]

Wie in allen andern Dingen war Goethe auch in Geldsachen für strenge

Ordnung. Er führte über seine Einnahmen und Ausgaben sorgfältig Buch;

wir können heute noch nachlesen, wieviel er als Junggeselle für

Göttinger Wurst ausgegeben hat und daß er z. B. 1778 34 Tischtücher,

267 Servietten, 108 Handtücher, 194 Hemden mit und 82 ohne Manschetten

besaß. Von seinem Besuche in Heidelberg im Jahre 1814 erzählt uns

Sulpiz Boisserée: Jeden Abend ließ Goethe seinen Bedienten zu sich auf

die Stube kommen, um Rechnung mit ihm abzuhalten über alle Ausgaben

des Tages, die größten wie die kleinsten, und für den folgenden Tag

den vorläufigen Etat im Ausgabebuch festzustellen. Als Boisserées

Freund Bertram über diese haushälterische, dem Materiellen zugewendete

Sorgfalt des Dichters seine Verwunderung äußerte, sagte Goethe: „Wenn

die Prosa abgetan ist, kann die Poesie um so lustiger gedeihen. Man muß

sich das Unangenehme vom Halse schaffen, um angenehm leben zu können,

und der Schlaf bekommt uns um so besser.“

Aus ähnlicher Gesinnung entsprang der nachfolgende ernste Brief, den

Goethe am 19. September 1816 an seinen Sohn August über Borgen und

Bürgen schrieb:

Ohne in den besonderen Fall einer zu übernehmenden Bürgschaft,

den Du mir, mein lieber Sohn, vorlegtest, einzugehen, muß ich Dir

Nachstehendes zu Herzen geben.

Als mich mein seliger Vater einigermaßen ausstattete, war unter

andern guten Lehren, die er mir zugleich erteilte, eine, die einem

Befehl glich, daß ich bei seinem Leben keine Bürgschaft eingehen und

auch nach seinem Tode diese Warnung immer bedenken solle.

Denn, sagte er, wenn du bares Geld hast, so magst du es einem Freunde

auch ohne große Sicherheit leihen. Willst du es verschenken, so ist

auch nichts dagegen zu sagen. Borgst du, so wirst du dich einrichten,

Interessen zu bezahlen und das Kapital abzutragen. Verbürgst du dich

aber, so versetzest du dich in einen unruhigen Zustand, der desto

peinlicher ist, als du dich untätig, ja leidend verhalten mußt.

Niemand verbürgt sich leicht, außer wenn er glaubt, er laufe keine

Gefahr; ist aber die Verbürgung geschehen, so fühlt er sich gar bald,

besonders in sorglichen Augenblicken, von einem in der Ferne sich

zeigenden Übel bedroht, welches um so fürchterlicher erscheint, als

er fühlt, daß er ihm nicht gewachsen sei, wenn es näher treten sollte.

Das Leben für einen Freund zu wagen wie für dich selbst ist

löblich, denn der Augenblick entscheidet; aber dir auf unbestimmte

Zeit oder wohl gar auf’s ganze Leben Sorge zu bereiten und deinen

sichern Besitz wenigstens in der Einbildungskraft zu untergraben,

ist keineswegs rätlich: denn unsere körperlichen Zustände und der

Lauf der Dinge bereiten uns manche hypochondrische Stunde, und die

Sorge ruft alsdann alle Gespenster hervor, die ein heiterer Tag

verscheucht. -- -- --

So war die Gesinnung meines Vaters und so ist auch die meinige

geblieben. Ich habe in meinem Leben viel, vielleicht mehr als billig,

für Andere getan und mich und die Meinigen dabei vergessen. Dies kann

ich Dir ohne Ruhmredigkeit sagen, da Du Manches weißt. Aber ich habe

mich nie verbürgt,[1] und unter meinem Nachlaß findest Du keinen

solchen Akt. Habe daher das alte Sprichwort vor Augen und gedenke

mein!

* * * * *

[Sidenote: Entgegengesetzte Eigenschaften]

Wir können nicht lange von Goethe reden, ohne ihm entgegengesetzte

Eigenschaften zuzuschreiben; hier müssen wir zusammenfassen: Goethe war

sparsam und verschwenderisch.

Sehr sparsam erscheint er z. B. im Gegensatz zu Herder während des

Aufenthaltes in Italien; Herder und Schiller lebten stets über ihre

Mittel hinaus, wurden die Schulden nicht los und brauchten für die

Erziehung ihrer Kinder fremde Hilfe. In Goethes Hause standen die

Ausgaben zu seinem Vermögen und seiner Einnahme doch im rechten

Verhältnis. In mancher Hinsicht war er recht sparsam. Wir lesen z. B.,

daß auch in seinen alten Tagen die Besuchsstuben ganze Wintermonate

hindurch nicht geheizt wurden, und noch in seinen letzten Jahren

wunderten sich Kinder, die seine Enkel besuchten, daß in einem so

vornehmen Hause gewöhnliche Talgkerzen gebrannt wurden. „Er hat den

Schlüssel des Holzstalles unter seinem Kopfkissen und läßt das Brot

abwiegen“ liest man in einem Briefe von 1831 über den Greis: da war er

arger Lotterei im Hause auf die Spur gekommen. Zu andern Zeiten war

er sehr freigebig und spielte mit dem Gelde. Einmal wagte er etwas

ganz Verwegenes: er kaufte für 14000 Taler ein Landgut, ohne es auch

nur anzusehen! Und zwar, obwohl er lange darum handelte und obwohl er

in zwei Stunden am Platze sein konnte! Im ganzen erscheint er als ein

+Herr+ des Geldes, es nie ängstlich festhaltend, es stets gern gegen

unmittelbare Güter eintauschend, auch wenn seine Nächsten den Wert

dieser Güter nicht erkennen konnten, wie Das bei seinen Sammlungen der

Fall war.

Bei seinem Tode hinterließ er 30000 Taler in bar, außer seinen beiden

Grundstücken, seinen Sammlungen und seinem literarischen Eigentum.

Geerbt hatte er beim Tode seiner Mutter 22252 Gulden.

[Illustration: Goethes Garten am Stern 1826.

Von +E. A. Schwerdgeburth+.

]

[1] Zwei kleine Bürgschaften Goethes sind uns jedoch bekannt.

Zunächst für Philipp Seidel, als Dieser in den Staatsdienst

und zwar in das Steuerfach eintrat. Sodann für seinen anderen

ehemaligen Diener Sutor, der ein Kartenfabrikant wurde; hier

handelte es sich um ein Darlehen von 300 Talern.

II.

Wohnung.

Wer nach Weimar kommt, sucht bald auch den Park auf, der die

liebliche Ilm umsäumt, und wenn er einige Minuten unter den Bäumen

dahingeschritten ist, denen Karl August, Goethe und Bertuch einst

ihre Stelle anwiesen, so sieht er hinter einer großen grünen Wiese

ein weißgetünchtes Häuschen mit hohem, grauem Dache in und vor einem

Garten, der sich den Hügel hinaufzieht. In diesem Garten und diesem

Hause hat Goethe viele glückliche und viele schmerzlich-erregte Stunden

verbracht. Hier überfiel ihn bald sein Herzog, um Staats- oder auch

Liebessachen mit ihm zu besprechen; dann kam wohl auch die „schöne

Krone“, die Sängerin Korona Schröter, und brachte ein Sträußchen

Waldblumen mit, oder es kam die teuerste von Allen, Frau v. Stein, und

ihr junger Verehrer schenkte ihr selber den Kaffee ein, über dessen

schädliche Wirkung er sonst mit Überzeugung zu schelten liebte. Hier

machte er an Sommerabenden zuweilen für die ganze Hofgesellschaft „den

Wirt der herzoglichen Promenade“ und suchte „bald durch Tee, bald durch

saure Milch die Gemüter der Frauen zu gewinnen,“ während die Männer am

Spieltische saßen oder in seiner Kegelbahn ihre Kunstfertigkeit maßen.

[Illustration: Die Räume des Gartenhauses.

Von +Hans Saal+.]

[Illustration: Hausflur im Gartenhause.

Aufnahme von +Otto Rasch+.]

[Illustration: Arbeitszimmer im Gartenhause.

Zeichnung von +Otto Rasch+.]

[Sidenote: Die Räume des Gartenhauses]

Wir sind nicht wenig erstaunt, wenn wir das Häuschen betreten, das

sieben Jahre hindurch dem Busenfreunde des Landesherrn, dem weithin

berühmten Dichter, dem Herrn Geheimden Rat als Wohnung diente. So

bescheiden hätten wir es uns doch nicht vorgestellt! Unten ist gar

kein bewohnbares Zimmer; höchstens kann man einen Raum, an dessen

Wänden Pläne von Rom hängen, im Sommer wegen seiner Kühle schätzen.

Oben sind drei Stuben und ein Kabinettchen, alle klein und niedrig,

mit bescheidenen Fensterchen und schlichten Möbeln; zuerst ein

Empfangszimmer mit harten, steifen Stühlen, dann das Arbeitszimmer mit

kleinem Schreibtisch, daranschließend ein Bücherzimmer, und zuletzt

das Schlafstübchen, in dem noch die Bettstelle aus Holz, Drell und

Bindfaden steht, die in drei Teile zusammengeklappt und so als --

Koffer auf die Reise mitgenommen werden konnte. Draußen im Garten kann

es uns viel besser gefallen als im engen Häuschen; da sieht man, wie in

den Rosen, die seine Fenster umranken, Hänflinge und Grasmücken nisten;

da blühen die Malven, Lilien und Kaiserkronen; hohe Bäume stehen in

flüsternden Gruppen zusammen, und in ihrem Schatten genießen wir den

Blick auf das anmutige Flußtal.

Es ist eine herrliche Empfindung, da haußen im Feld allein zu sitzen.

Morgens früh, wie schön! Alles ist so still. Ich höre nur meine Uhr

tacken und den Wald und das Wehr von ferne.[2]

Das Schloß und die Stadt waren nahe, aber die Bäume des Parks

verdeckten sie. Es war, „als sei man in der Nähe eines Waldes, der

sich stundenweit ausdehnt. Man denkt, es müsse jeden Augenblick ein

Hirsch, ein Reh auf der Wiesenfläche hervorkommen. Man fühlt sich in

den Frieden tiefer Natureinsamkeit versetzt, denn die große Stille ist

oft durch nichts unterbrochen als durch die einsamen Töne der Amsel

oder durch den pausenweise abwechselnden Gesang einer Walddrossel.“[3]

Hier (auf dem Altan, der später abgerissen wurde) liebte der junge

Goethe, in seinen Mantel gehüllt, die Sommernacht zu verschlafen oder,

wenn der Schlaf ihn floh, zu den Sternen hinaufzuschauen:

Euch bedaur’ ich, unglückselge Sterne,

Die ihr schön seid und so herrlich scheinet.

Denn ihr liebt nicht, kanntet nie die Liebe!

Oder er sprach zu den Zweigen, die ihm entgegenblühten, von seinem

Hoffen und Sehnen:

Sag ich’s euch, geliebte Bäume,

Die ich ahndevoll gepflanzt.

Als die wunderbarsten Träume

Morgenrötlich mich umtanzt?

Ach, ihr wißt es, wie ich liebe,

Die so schön mich wieder liebt -- --

[Sidenote: Im Gartenhause]

Und hier im Grünen vergaß er rasch allen Ärger, den ihm die

„Ekelverhältnisse“ mit seinen Neidern in der Stadt bereiteten; in der

stillen Natur erfrischte er seine Seele immer wieder, wie den Leib in

der Ilm oder im Floßgraben, der seinem Häuschen noch näher war:

Ich gehe meinen alten Gang

Meine liebe Wiese lang.

Tauche mich in die Sonne früh,

Bad’ ab im Monde des Tages Müh’.

„Jeden Morgen empfängt mich eine neue Blume und Knospe“ schreibt er

im Frühling 1781 an Lavater; „die stille, reine, immer wiederkehrende

Vegetation tröstet mich oft über der Menschen Not, ihre moralischen,

noch mehr physischen Übel.“

Hier im grünen Flußtale konnte der junge Mann seinen Naturkultus

nach Herzenslust betreiben. Als er zum ersten Male in seinem Garten

geschlafen, nannte er sich „Erdkulin“, Erdkühlein nach einem

Märchentier, das einsam im Walde haust. Er spricht von seinem

„Erdgeruch“ und „Erdgefühl“; ihm war wohl in Klüften, Höhlen und

Wäldern. Und seine ganze Umgebung steckte er an. „Sauge den Erdsaft,

saug’ Leben dir ein“ riet Karl August in einer poetischen Epistel

der Frau v. Stein, und er, der Landesfürst, hauste selber tage- und

wochenlang in einer Holzhütte des Parkes, dem Borkenhäuschen, das jetzt

nur noch zur Aufbewahrung von Geräten gut genug erscheint. Auch Wieland

kaufte einen großen Obstgarten und schrieb: „Mir ist nirgends so wohl,

bis ich meinen Stab in der Hand habe, um unter meinen Bäumen zu leben

und den unendlichen Erdgeist einzuziehen.“ „Der Statthalter von Erfurt

war einige Tage bei uns und ist auch nicht ohne Erdgeruch entlassen

worden“ meldet Goethe vergnüglich dem Freiherrn v. Fritsch. Herzogin

Amalie lebte wie eine Gutsbesitzerin im Dörfchen Tiefurt. Schiller,

der ein Stubenhocker war, sah auch an Knebel Goethes Wirkung: die

Verachtung der „Spekulation“ und „das bis zur Affektation getriebene

~Attachement~ an die Natur.“

Auch für Goethe kam die Zeit, wo ihm der Garten fremder wurde; er mußte

zugeben, daß er eines großen Stadthauses bedurfte. Zeitweilig überließ

er das Häuschen seinem Freunde Knebel; zwei Sommer vermietete er den

Garten an den Herzog, der ihn als Tummelplatz seiner Kinder brauchte;

auch Frau v. Heygendorff hatte ihn zwei Sommer. Aber einige Male wohnte

Goethe doch auch als alter Herr wieder auf Wochen draußen. Und zuweilen

hatte er Lust, im Gartenhäuschen, wo er „so tüchtige Jahre verlebt“

auch zu sterben.[4]

* * * * *

[Illustration: Goethes Wohnhaus am Frauenplan.

Von +Heinrich Tessenow+.]

[Illustration: Empfangszimmer im Stadthause.

Von +Heinrich Tessenow+.]

[Sidenote: Das Stadthaus]

Einen ganz andern Eindruck gewannen die Gäste in Goethes Stadthause

am Frauenplan. Nachdem er früher schon zur Miete darin gewohnt hatte,

konnte er es sich in den Jahren 1792 und 1793 als eine Art Eigentum

einrichten. (Buchmäßig gehörte es zunächst dem Herzoge, der es ihm

aber als Geschenk zugedacht hatte.) Goethe suchte bei diesem Umbau

Manches, was ihm in Italien gefallen hatte, hier zu wiederholen;

es traf sich auch, daß ein Künstler, den er in Rom kennen gelernt

und der seinen Geschmack in Italien ausgebildet hatte, jetzt und

hier sein Hausgenosse war und sehr oft auch sein Stellvertreter, da

Goethe gerade während des Umbaues und der Einrichtung viel abwesend

sein mußte. Dieser Künstler, der Schweizer Heinrich Meyer, besaß sein

volles Vertrauen, und so ereignete es sich, was bisher noch in keinem

deutschen Bürgerhause der Fall gewesen, daß ein Maler den Umbau und die

ganze Ausstattung anordnete. So kam es denn auch, daß diese Wohnung des

Geheimen Rats Goethe einen ganz andern Eindruck machte, als man sonst

gewohnt war; besonders das sehr groß geratene Treppenhaus, die sanft

ansteigende breite Treppe und der antike Schmuck ringsum stimmte den

Eintretenden feierlich. Man ward dann noch durch ein Gemälde-Zimmer

geleitet, ehe sich die Tür öffnete zu dem Raum, in welchem der Fürst

des Hauses dem sich verneigenden Besucher entgegentrat. Wer Zeit hatte,

sich umzusehen, bemerkte noch ein Zweites, was ihn der gewöhnlichen

Welt entrückte: die Zimmer dienten zugleich als eine Galerie für

Kunstwerke, Altertümer und Naturschätze. Schon 1794 berichtet ein

junger Landsmann Heinrich Meyers, der dem Dichter seine Aufwartung

machen durfte, daß er nach der kurzen Audienz noch „sein fürstliches

Kabinett von Handzeichnungen berühmter Meister und sein mit dem

feinsten epikuräischen Geschmack eingerichtetes Haus“ besehen habe. Wer

bei Herder oder Wieland oder sonst einem Gelehrten der Stadt seinen

Besuch machte, hatte keine Ursache, über ihre Wohnungen zu reden; bei

Goethe aber war schon seine Umgebung ein unvergeßliches Erlebnis.

Gleich beim Eintritt in das mäßig große, in einfach antikem Stil

gebaute Haus deuteten die breiten, sehr allmählich sich hebenden

Treppen sowie die Verzierung der Treppenruhe mit dem Hunde der Diana

und dem jungen Faun von Belvedere die Neigungen des Besitzers an.

Weiter oben fiel die Gruppe der Dioskuren angenehm in die Augen, und

am Fußboden empfing den in den Vorsaal Eintretenden blau ausgelegt

ein einladendes ~SALVE~. Der Vorsaal selbst war mit Büsten und

Kupferstichen auf das reichste verziert und öffnete sich gegen die

Rückseite des Hauses durch eine zweite Büstenhalle auf den lustig

umrankten Altan und auf die zum Garten hinabführende Treppe. In ein

anderes Zimmer geführt, sah der Gast sich auf’s neue von Kunstwerken

und Altertümern umgeben: schön geschliffene Schalen von Chalcedon

standen auf Marmortischen umher; über dem Sofa verdeckten halb und

halb grüne Vorhänge eine große Nachbildung des unter dem Namen der

Aldobrandinischen Hochzeit bekannten alten Wandgemäldes, und außerdem

forderte die Wahl der unter Glas und Rahmen bewahrten Kunstwerke,

meistens Gegenstände alter Geschichte nachbildend, zu aufmerksamer

Betrachtung auf.

So schildert einer der vielen Gäste, der gelehrte Leibarzt des

sächsischen Königs, Gustav Carus, was er sah, ehe der Ersehnte und

zugleich Gefürchtete erschien.

[Illustration: Treppe im Stadthause.

Aufnahme von +Otto Rasch+.]

[Illustration: Vorzimmer zu Goethes Arbeitsstube.

Zeichnung von +Otto Rasch+.]

Das Museumsartige des Hauses nahm mit jedem Jahre zu. Dafür sorgte

Goethes Liebe zur Kunst und zur Natur, seine Lust am Sammeln, sein

Bedürfnis, das Schöne, Merkwürdige oder Lehrreiche zu besitzen und es

stets zur Hand und oft vor Augen zu haben. Die Altertümer, die Büsten,

Statuetten, Denkmünzen, Plaketten, Kameen, Majoliken, Ölgemälde,

Kupferstiche, Handzeichnungen, die Steine, Knochen usw. wuchsen

allmählich zu Hunderten und Tausenden an. In ihre Betrachtung

vertiefte er sich immer wieder, um feinsten Genuß und neue Belehrung

davonzutragen; in ihrer Mitte hielt er oft seine Gesellschaften ab,

schon dadurch jede Langeweile ausschließend. Hier erlebte mancher

Fachkenner, daß für sein Gebiet die gesamten Lehrmittel sofort

herbeigeholt werden konnten; hier waren denn auch die gelehrten Freunde

und Mitarbeiter aus der Stadt: Meyer, Riemer und Eckermann, oder die

noch gelehrteren Gäste von auswärts, Wilhelm und Alexander v. Humboldt,

Friedrich August Wolf und Sulpiz Boisserée, an ihrem Platze.

* * * * *

Wenn wir aber in diesem Stadthause die Räume aufsuchen, die er am

meisten benutzte, so haben wir wieder den Eindruck des Gartenhauses.

Goethe wohnte gar nicht in seinem vornehmen Vorderhause am Frauenplan,

sondern in einem bescheidenen Hinterhause zwischen Hof und Garten.

Das Arbeitszimmer und das daneben liegende Schlafzimmer sind sehr

einfache, niedrige Räume. Nichts deutet auf einen vornehmen, reichen

Besitzer. Die Studierstube würde heute nur Wenigen genügen, die

sich zum Mittelstande rechnen; für „standesgemäß“ würde sie Niemand

halten. Alles darin ist zur Arbeit bestimmt, zum Lesen, Schreiben

oder Experimentieren: kein Sofa, kein bequemer Stuhl, keine Gardinen,

sondern nur Rollvorhänge aus dunklem Rasch. Ein Sofa war lange darin,

aber noch in hohem Alter ließ Goethe es hinaustragen, um Platz für

seine geliebten Sammlungen zu gewinnen. Auch an den Büchern ist keine

Pracht; seine gesammelten Werke sind auf das schlichteste eingebunden:

er nahm ja auch seine berühmtesten Dramen oder Gedichte jahrzehntelang

nicht wieder in die Hand. Nur ein Möbel hatte Goethe in dieser Stube,

das wir nicht kennen: ein kleines Korbgestell, das sein Taschentuch

aufnahm. Und auf dem Tische liegt ein Lederkissen, auf das er die Arme

legte, wenn er dem gegenüber sitzenden Schreiber diktierte.

Er war über achtzig Jahre alt, als er zum getreuen Eckermann sagen

konnte:

Sie sehen in meinem Zimmer kein Sofa; ich sitze immer in meinem

alten hölzernen Stuhl und habe erst seit einigen Wochen eine Art von

Lehne für den Kopf anbringen lassen. Eine Umgebung von bequemen,

geschmackvollen Möbeln hebt mein Denken auf und versetzt mich in

einen passiven Zustand.

[Illustration: Grundriß des Obergeschosses in Goethes Stadthause.]

[Illustration: Goethes Arbeitszimmer.

Von +Heinrich Tessenow+.]

[Illustration: Gartenweg neben Goethes Arbeits- und Schlafstube.

Aufnahme von +L. Held+.]

[Illustration: Goethes Schlafzimmer.]

[Sidenote: Kein Luxus, aber mehrere Wohnungen]

Die einzige Schönheit dieser „Klosterzelle“, die der alte Herr oft

wochenlang nicht verließ, war, daß sie ebenso ruhig und friedlich

war, wie wenn sie wirklich zu einem Kloster gehöre; kein Lärm von

der Straße drang hierher, und die Fenster gingen in den schlafenden

„Klostergarten.“ Hier stand er an frühen Winterabenden und blickte

auf die Schneelast der Bäume, während sein geliebter großer Ofen die

Eisblumen vom Fenster abwehrte. Am Tage freute er sich dann, wie die im

Winter willkommene Mittagssonne sein ganzes Zimmer durchleuchtete. Wenn

nun die Tage länger wurden, erschienen „Schneeglöckchen, Krokus und

andere niedliche Frühblumen in Büschel und Reihen“ vor seinem Fenster,

und bald sah man ihn dann mit dem Gärtner die buchsbaumumsäumten

Gartenwege eifrig hin und wieder schreiten, das Säen und Pflanzen

anordnend, bei dem er früher so gern selber Hand angelegt.

Noch schlichter als die Studierstube ist sein Schlafzimmer. In dem

kleinen Gemache ist außer seinem Bette fast nichts vorhanden als der

Lehnstuhl, in dem er starb, und daneben ein kleines Tischchen, auf dem

noch heute die letzte Medizin steht. Eine Art Waschtisch sehen wir

noch, ein sehr kleines Ding mit einem sehr kleinen Waschbecken, wie wir

es jetzt kaum noch in Dorfwirtshäusern vorfinden.

* * * * *

Eine Eigentümlichkeit Goethes war sein Bedürfnis, mehrere Wohnungen

gleichzeitig zu haben und mit ihnen zu wechseln. Diese „etwas breite

Existenz“, die er im eigentlichen, räumlichen Sinne führte, erklärt

sich nicht völlig aus den verschiedenen Darbietungen und Forderungen

der Jahreszeit oder aus seinen verschiedenen Beschäftigungen. Eine

Unrast, die ihn sein ganzes Leben zuweilen ergriff, und andere,

innerliche Gründe veranlaßten ihn oft, der gewöhnlichen Umgebung

zu entfliehen. Schon in seinen ersten weimarischen Jahren hatte er

zugleich Stadtwohnungen[5] und sein Häuschen an der Ilm, und dies

mehrfache Wohnen behielt er sein Leben lang bei. Im Januar 1794 plante

Goethe, obwohl er doch schon zwei Besitzungen hatte, den Ankauf

eines großen Landgutes, das 45000 Taler kosten sollte. Einige Jahre

(1798-1803) besaß er, wie schon erwähnt, das Freigut in Oberroßla;

1808 hatte er große Lust, sich in Frankfurt eine Wohnung zu längeren

Besuchen zu mieten.[6]

Vom Sommer 1794 an wohnte Goethe auf viele Jahre in zwei Städten

abwechselnd. Denn er hielt sich nun Monate lang auch in Jena auf, teils

aus eigenem Triebe, weil er dort ungestörter arbeiten konnte, teils

weil der Herzog und sein Ministerkollege Voigt seinen Einfluß auf die

Professoren für zuträglich hielten.

In der ersten Zeit hatte er sein dortiges Quartier im Schlosse. Es

scheint aber, daß er in diesem Schlosse nur ein einziges kleines

Zimmer zum Wohnen und Schlafen benutzte. Im Mai 1809 richtete er sich

im Botanischen Garten „eine Art zweiter Wohnung“ ein. Im Frühjahr und

Sommer 1818 schlief er bei Inspektor Bischoff, verbrachte die Tage

aber in einer Mansarde des Gasthofs zur Tanne in Kamsdorf, also an der

Brücke auf der andern Seite der Saale: es war ihm um den Blick auf

den Fluß und die weite Aussicht zu tun. Frau Frommann schilderte dies

Mansardenzimmer ihrem Sohne:

In der Mitte ein großer Tisch mit Landkarten, auch solche vom Harz

und Thüringer Waldgebirge, wo es unruhig wird und braut, denn er

beobachtet mit Gläsern und bloßen Augen die Wolken, führt darüber

ein Tagebuch. Auch Bücher liegen auf dem Tisch und eine Vase Blumen

mit angesteckten Zetteln. Die ganzen Wände sind bedeckt mit guten

Zeichnungen, Kupferstichen, zierlich in den Ecken angeheftet. An der

einen Seite ein großes, wohl vier Ellen langes Panorama von Rom, an

der entgegengesetzten eine etwas kleinere Ansicht von Dünkirchen

-- die Peterskirche mit den spitzen Türmen -- den Einzug Ludwig

XIV., Allongenperücken, mit Roß und Mann; gleich darüber eine gute

Sepiazeichnung von einer Greueltat aus der biblischen Geschichte. Das

Sofa voll Bücher, Hefte in Menge ... Vor dem Fenster liegt immer der

artige schwarze Spiegel, um die schönsten Miniaturlandschäftchen zu

geben. Die Brücke, das rauschende Strömen der Saale geben herrliche

Unterhaltung ... Keine Bequemlichkeit im ganzen Raum als das Bett,

worauf er sich abwechselnd legt.

Nicht viel anders sah es in seiner Wohnung im Botanischen Garten

aus, die er doch auch viele Jahre beibehielt. Er sprach selber im

Herbst 1821 von einer „unscheinbarsten Hütte“ oder der „morschen

Schindelhütte“, in der er dort lebe. Ein junger Balte, v. Weltzien,

fand diese Wohnung von außen „sehr schofelig“ und drinnen nicht viel

besser.

Goethe hält sich gewöhnlich in einem Zimmer eine Treppe hoch auf,

welches blau angestrichen und mit vielen Kupferstichen behängt ist.

Im Zimmer selbst sieht es ziemlich liederlich aus; alle Tische

und Fenster liegen voll Kalender, Bücher usw. Nebenan stößt eine

Schlafkammer.

Man kann sich Goethe recht gut in den herrlichsten Räumen denken, und

er hat sich oft darin bewegt. Aber seine eigentliche Heimat hatte er

doch in bescheidensten Stübchen. So sprach sich der Achtzigjährige zu

Eckermann aus:

Prächtige Gebäude und Zimmer sind für Fürsten und Reiche. Wenn man

darin lebt, fühlt man sich beruhigt; man ist zufrieden und will

nichts weiter. Meiner Natur ist es ganz zuwider. Ich bin in einer

prächtigen Wohnung, wie ich sie in Karlsbad gehabt, sogleich faul und

untätig. Geringe Wohnung dagegen, wie dieses schlechte Zimmer, worin

wir sind, ein wenig unordentlich-ordentlich, ein wenig zigeunerhaft,

ist für mich das Rechte; es läßt meiner Natur volle Freiheit, tätig

zu sein und aus mir selber zu schaffen.

[2] Goethes Tagebuch, 18. Mai 1776.

[3] Eckermann unter dem 22. März 1824.

[4] Außer diesem Garten besaß Goethe seit 1796 durch Christianes

Betreiben ein Krautland hinter der Lotte (jetzt Lassenstraße 27);

bei seinem Tode vermachte er es seinem letzten Diener Friedrich

Krause.

Goethes Lebenskunst · 第 1 / 19 段