einziges, großes, gesteigertes Empfinden, in dem meine Nerven feiner
und subtiler aufnehmen und reagieren, beleben und vertiefen sich so
eigen meine Wahrnehmungen, und fast wie in einer undefinierbaren
Raumdimension, die in irgend einem Punkt, in irgend einer Weise
eine mystische Einheit ist von drinnen und draußen, -- mein
Persönlichkeitsbewußtsein ist in ihr halb entschlummert -- regt es
sich in einer unsagbaren Weise und flüstert einem Verständnis in mir,
das versteht, ohne Worte zu hören. Und irgendwie ist Wolkengebilde,
Windströmung, Berglinie, Farbe und Form, auf die mein dämmerndes
Bewußtsein nicht achtet und die es doch hat, gleich und eins mit
Blutwallung, Vibrieren des Nervenfluidums, Muskelbewegung und
irgendwie Offenbarung und Mitteilung, Werden. -- Und in einem stillen
Zeugungsakt dieser geheimsten Bewegung, die irgendwie in unmeßbaren,
millionenfachen Vibrationen flirrt, gebiert sich, ringt sich dunkel ein
Wort los, ein Wort, ein Ur-Keim- und Kernwort, das sich zu entfalten
beginnt, in Ideen- und Gedankenfolgen sich entfaltet zu einer ganzen
Dichtung...
Incarnation! --
* * * * *
Und nun versteh’ ich aus dem Eigensten und vergegenwärtige mir und sehe.
Jene Großen gewahrten eine Not ihres Volkes, spürten sie wohl in
eigensten und individuellsten Schicksalen. Sie bemächtigte sich
ihrer schauenden reflektierenden Seele, und aus dem Getriebe des
sie umgebenden Kleinlebens begaben sie sich wohl in die Einsamkeit
der Wüste, die Stimme des Einen zu hören, und rangen in der zähen
Willensenergie ihres Volkes nach dem Wort und Willen Jehovahs, rangen
nach dem Urwort, das Licht bringt. Und sie gingen auf in ~Ihm~,
waren in ihren Ekstasen, in Fasten und Entbehrungen, in den Krämpfen
ihres mächtig ringenden Willens eins mit ~Ihm~; und ~Er~ war die
große Natur in der gewaltigen Monotonie ihrer Öde, die sie umgab
und auf sie wirkte, Er war die Schicksale ihres Volkes, die sich
jenen äußeren Naturerscheinungen wieder innig verknüpften und eins
ihrer differenzierteren Ergebnisse waren, Er war ihre individuellen
Schicksale, Erlebnisse und Fähigkeiten, die wieder eins in jenen
und eins im Einen und Gleichen, und Er war ihr Körper mit der
Thätigkeit der Muskeln, Eingeweide, Nerven, seines mächtigen Gehirns,
dieser Körper, dieses Gehirn ein Willens- und Kraftcentrum der
Volksgemeinschaft, die sie erzeugt, und das alles in diesen Stunden Er
in seiner einen und einzigen Einheit! Und in dieser Einheit, in ihnen,
zeugte ~Er~ als in Sich, zeugte die Einheit das Wort, das fruchtbare
Wort, das diesem Volk not that, schuf ~Er~ sie zu seinen Helden,
Gewaltigen und Verkündern in Mose, Jeremia und wie sie alle hießen,
verkörperte ~Er~ sich in ihnen zum Helfer und Ermahner seines Volkes...
Incarnation. --
* * * * *
Incarnation. --
Diese bestimmte jüdische Volksgenossenschaft; eine Gemeinschaft sie
wieder von so und so viel Sondergenossenschaften, die sich gegen
einander abgrenzen durch ganz bestimmte und besondere Interessen,
bedingt durch die Verschiedenheiten der einzelnen Landschaften,
durch den jeweiligen Charakter der Natur, der sie unter bestimmten
Bedingungen ihren Lebensunterhalt verdanken, durch Familien- und
andere soziale Interessen. -- In einer dieser Gemeinschaften, in
der sich vielleicht offenbar oder geheim alle Interessenfäden der
Gesamtgenossenschaft als in einem offenbaren oder geheimen Centrum am
intimsten verknüpften, wurde in einer ganz bestimmten sozialen Lage
einer dieser Erwählten geboren.
Wie wunderbar dieses Emportauchen eines derartigen Individuums! --
Wie rätselhaft stellt es sich dar! -- Vielleicht waren alle, die ihm
zunächst standen, seine Eltern, seine Geschwister, Verwandte Menschen,
die dem Leben einen entschiedenen praktischen Thätigkeitstrieb
entgegensetzten, vielleicht als Ackerbauer. Ganz anders dieses
Individuum! -- Vielleicht ein schwächliches Kind, mit vorwiegend
nervöser Disposition, vielleicht auch ohne eine solche beschaulichen
Charakters, aber doch dieser stille, mit so mächtiger Energie nach
innen raffende Wille. Still, wohl gar scheu er in seinem Gebahren, aber
lebhaft sein Interesse jeder Erscheinung im Bereich seiner Umgebung
zuwendend, und dann wieder das Wahrgenommene in sich verarbeitend,
zurückgezogen von der Thätigkeit der Seinen, den Spielen und
Zerstreuungen der Altersgenossen.
Und dieses Insichverarbeiten! -- Dieses Versunkensein! Diese
stille, so rastlose Thätigkeit des Gehirns! -- Dieser sonderbare
Assimilationsprozeß! -- Zurückzuleiten auf physiologische, zu
begreifen als physiologische, ja im letzten Grunde chemische
Vorgänge und Prozesse, im ~letzten Grunde solche bedeutend~ und
dennoch -- ~denken~!... Im Cirkel der lebhaften, den äußeren
Dingen zugewandten, praktisch nach außen gerichteten Betriebsamkeit
der Menschen seiner Umgebung, dieses Individuum wie ein stiller,
stillhaltender, ruhender Punkt, in einer heimlichen, wie magnetischen
Affinität mit den Lebensvorgängen ringsum, dieses Individuum mit seinem
mystischen Erraffen! -- Er, der Schwächste, Passivste vielleicht, der
Stillste unter seinen Genossen, mit dieser mystischen Disposition
innerlich ihrer der Lebendigste, mit seinem großen, geistigen
Körper, mit diesem amorphen Körper heimlicher Blutströme, heimlicher
Nervenvibrationen, deren zuströmende Energie das Gefüge seines
sichtbaren individuellen Körpers erleidet, unter der er erschauert
wie eine Sensitive, diese Energie, die dieses sichtbare, zarte und
durch die Macht seiner Disposition doch so zähe Gefüge schüttelt,
erbeben macht, durchkrampft, und doch die unerhörte Gewalt seines
erraffenden, erprobenden Willens nicht zu vernichten vermag, so sehr
sie’s erschüttert, bis dieser schwache Körper gestählt ist und in
ihm sich aus den Seinen der Eine konzentriert und geboren hat, der
ihnen notthut, Jehovah in ihm vermöge eines mystischen Zeugungsaktes
sich incarniert hat: Er, zuvor der Schwächste, Unscheinbarste, wohl
gar Mißachtete, wenn nicht Verspottete mit dieser Disposition die
Seele, der stille Wächter seines Volkes. ~Er~, die nach innen
konzentrierte Energie der Seinen und sie in irgend einer mystischen
Verknüpfung Seine nach außen gewandte Energie. --
Incarnation! --
Und ich gedenke im Sonntagsfrieden dieser Morgenstunde des biblischen
Wortes: „Die Cherubim und Seraphim, seine Gewaltigen und Helden, die
vor seinem Throne stehen“, und es bekommt einen so besonderen Sinn, und
ich bedenke, wer Gott und seine Helden nicht aus der Welt geschafft,
sondern ins Deutliche, Vertraute, Menschliche gerückt und offenbar
geworden sind, thronend doch in einem Lichte, da niemand hinzukann...
2. Gethsemane.
Die Nacht brach an. Der Rabbi verließ das Haus, wo er mit den Zwölfen
das Passahlamm gegessen nach dem Brauch und den Lobgesang gesungen.
Als er mit den Jüngern auf die Gasse trat, stand die helle Scheibe des
Vollmonds groß und rund über Moriah und legte ihren weißen Schimmer
auf die Tempelgebäude. Wie für eine Ewigkeit aufeinander gequadert
dehnten sich die dunklen Steinmassen mit ihren gewaltigen Säulengängen
in düster-heiliger Pracht, mit massiven Mauerkränzen und dem mystischen
Flechtwerk ihrer Ornamente.
Der Rabbi verweilte in den Anblick verloren. Und dann wandten sich
seine Blicke über die palmenüberragten Häuser des Tyropoion-Thales
hinüber zum Berge Zion, wo sich mit steilem Mauerwerk das Massiv der
alten Königsburg und der Palast des Vierfürsten erhob. Dort bereitete
sich jetzt sein Endgeschick. Dort würde es sich in wenigen Tagen
entscheiden. Und da drüben weilte jetzt der Jünger, der ihn verraten
hatte, und wartete mit den Knechten des Hohenpriesters.
Nach Gethsemane! Dort würde ihn Judas zu finden hoffen. Dort wollte er
sich ihnen überliefern.
Ein versonnenes müdes Lächeln um die Lippen, wandte er sich endlich und
wanderte, Judas Ischarioth im Herzen, durch die stillen, mondträumenden
Gassen der Bezetha und wandte sich hinab, wo der Weg in das stille Thal
seines geliebten Kidron führte.
Schweigend wandelt er vor den Elfen her, die ihm in Gruppen folgen,
mit zagen Meinungen die bedeutsamen Vorfälle erwägend, die sich
soeben beim Mahl abgespielt haben: Simon Petrus und Andreas sein
Bruder, Jacobus und Johannes, des Zebedäus Söhne, alle Fischer vom See
Genezareth, Philippus, Bartholomäus, Matthäus der Zöllner, Jacobus,
Lebbäus, Thomas und Simon von Kana, der Zelot.
Gesenkten Hauptes schreitet Jesus vor ihnen her in seinem langen,
glatten Gewand. Lässig und müde hängt die Linke mit dem Hut hernieder,
und die hagre, feine Rechte streicht den dunklen Kinnbart. Ihm zur
Seite schreitet scheu der Jünger, den er lieb hat. In stiller ratloser
Teilnahme hängen seine Blicke an dem geliebten Meister, denn Jesus hat
zu ihnen von seiner Gefangennahme und seinem nahebevorstehenden Tod
gesprochen. Wenn das Passah vorüber ist, und die Volksmengen die Stadt
geräumt haben, werden sie ihm das Gericht machen.
Das ist nicht mehr sein gewaltiger Rabbi aus Isais altem Königsstamm,
der herrlich die Bergrede gehalten oben im galiläischen Land, als
ihm die Völker zugeströmt waren aus Syrien, aus Galiläa und den zehn
Städten, aus Juda und von jenseits des Jordan. -- Eine tiefe Furche
gräbt sich ihm in die breite braune Stirn, von der die Haare, die ihm
neulich erst das Weib von Bethanien gesalbt, lang und schlicht auf die
hageren Schultern fallen. Die tiefen Augen verfolgen starr und trübe
verborgene Gedanken, die kein Ahnen streift, und zwei tiefe Falten
graben sich von den Wangen herab.
„Herr, das widerfahre dir nur nicht!“
Leise, mit innerlichst verzagendem Herzen, hat es Johannes endlich über
die Lippen gebracht, aber der Rabbi hat es nicht gehört. Einsam und
verschlossen wandert er mit seinen geheimsten Gedanken, die je und je
nur Er kannte, neben dem Jünger her. Nichts von der süßen Milde ist in
diesem Gesicht, die ihnen sonst die Herzen warm machte zu dem geliebten
Meister hin.
Nein, kein armer Trost reicht an dieses Geheimste des Meisters heran.
Und Johannes verstummt vor diesem Rätselgesicht unenthüllbarer
Einsamkeit. --
* * * * *
Um die Kalkhänge von Moriah herum, tief unter den hohen Tempelzinnen
oben auf dem Hügel, von dem die Woge der weißen Dächer herabflutet,
biegt der Meister zwischen den letzten Häusern hervor in den Fußpfad
ein, der in weiter Biegung zum Ufer des Kidron hinabführt.
Totenstill weitet sich die ahnungsvoll dämmernde Mondnacht mit ihren
wenigen großen Sternen. Nur fern von der Vorstadt her trägt die
Nachtluft das Gekläff der Schakale herüber. Unten vor ihnen plätschern
die hellgleißenden Wellen des Kidronbaches und murmeln und rauschen
im eiligen Gefälle zwischen den Laubmassen der Olivenhaine hin, die
sich drüben von den sanften Höhen des Ölbergs anmutig in das liebliche
Thal hinabziehen. Palmengruppen ragen daraus hervor mit ihren hohen,
schlanken, mondschimmernden Schäften und tauchen mit ihren breiten,
hängenden Kronen hinein in die strahlende Klarheit der Höhen.
Nach kurzer Wanderung stehen sie vor dem Hof Gethsemane, des Meisters
stillem Lieblingsort.
Vor dem Hain hemmt er seine Schritte und heißt die kleine Schar
verweilen und seiner warten. Nur seinen lieben Brausekopf Petrus, den
stilltreuherzigen Jacobus und den jungen Johannes wählt er sich, daß
sie ihm folgen und tritt mit ihnen in die heilige Dämmerung des Haines.
Bald aber läßt er auch sie zurück und ist ihnen im Dunkel seiner
heimlichen Einsamkeiten verschwunden...
Allein!...
Mit wankenden Knieen bricht er zusammen. Und der Menschensohn hebt an
zu trauern und zu klagen.
Und er sieht seinen schimpflichen Tod. Er sieht die Richtstätte, den
kahlen öden Kalkhügel mit seiner Schädelform draußen vor der Stadt, wo
die Verworfensten der Verworfenen ihren schmachvollen Tod sterben.
„Herr, ist es möglich, so laß’ diesen Kelch an mir vorübergehn!“
Lange liegt er im Gebet; aber kein Frieden will über ihn kommen.
Erloschen ist die Fülle der Visionen, versiegt die Macht
leidentrückender Ekstase, die ihn an das Herz des Vaters hebt. Ein
müder, verzagter Mann windet sich hier in der Tiefe menschlicher
Ohnmacht und vergeht im Vorgefühl einer schmachbeladenen Agonie.
Was bedeutet dies Bangen? Ist er nicht, Herr über Leben und Tod und
ihr mächtiger Überwinder, gekommen, um zu sterben, daß aus seinem
Tode unvergängliches Leben für die Jahrtausende sprieße? War er nicht
gekommen, des väterlichen Geistes voll, daß die Urmacht des göttlichen
Wortes sich über die Geschlechter der Jahrtausende spanne?
Judas...
Und wieder sieht er sich auf dem Füllen der lastbaren Eselin, und
das Volk vor ihm her, Palmen breitend und Gewänder, und der freudige
Jubelruf der Scharen umbraust ihn: „Gelobt sei, der da kommt im Namen
des Herrn! Hosianna dem Sohne Davids, einem König in Israel!“ Und
wieder hört er den Messiasruf und die Sehnsucht seines geknechteten
Volkes.
Judas...
Und wieder, wie vor Jahren, da er die vierzig Tage in der Felsenwüste
durchfastete, will sich in ihm das heiße Thatenblut der alten
Volkskönige regen, und der Gedanke an die Macht und die Herrlichkeit
dieser Welt gleißt vor seiner Seele, und er denkt an die Verheißungen
und Hindeutungen der Propheten. Wieder, wie einstmals in der Einöde,
der heißen Ideeenamme der Erhabensten seines Volkes.
Judas...
Und er gedenkt der Zuversicht seines Jüngers zu ihm, dem Sproß der
Könige. Und noch einmal erheben sich die beiden Seelen seiner Brust
gegen einander im heißen Ringen. Er sieht, wie die Scharen kommen,
aus Galiläa, von Syrien her und die am Gestade des Meeres wohnen,
aus Samaria und über den Jordan herüber, drüben aus Peräa, seinem
machtvollen Wort zu lauschen. Und wie Meereswogen sieht er die Völker
erschauern unter der Gewalt seiner Rede. Und sein Königsblut braust auf
und sein gewaltiges Messiasgehirn führt sein Volk zum Sieg.
Ha, Judas!...
Seine Augen leuchten auf in einer beginnenden Ekstase.
Macht! Königspriester seines einigen weltmächtigen Volkes! --
~Seines~ Volkes! -- Nein, welches Volkes?! --
Versunken liegt er, mit aufgestemmten Fäusten und starrt in die
mondschimmernden Halme und sieht in sich hinein und lauscht.
Armes, kleines Juda! -- Zeit und Stunde kommt, da wird kein Stein
auf dem andern bleiben von den stolzen Zinnen da oben. Rom! -- Aber
sein Auge weitet sich. Seine Brust wogt, Schweiß trieft von seiner
Stirn und sein Mund ächzt unter der Fülle der Visionen. -- Uralte
Mysterien dämmern herauf in seinem mächtigen Gehirn und er sieht die
Wiederkunft, ~Seine~, des ~Einen~, herab von der Rechten des
ewigen Thrones in Macht und Herrlichkeit. Zeichen und Wunder vom Himmel
und auf der Erde verkünden ihn, und die staunende, lauschende Stille
der Völker. Und Kaisergott wird Er, der Heimliche, sein heimliches,
einiges, erwähltes Volk um sich sammeln, das neue Volk der Völker,
ein Sauerteig der Welt, ein Stamm von Freien und Königen, das offenbar
gewordene Reich der Verheißungen, und Er sein neuer Adam...
Und doch!...
Noch diese Nacht!...
Und vor ihm gähnt schwarz und finster das uralte Rätsel, und die alten
Zweifel und Anfechtungen kommen, die nie einer der Seinen geahnt, die
heimlichen Dämonen seiner Brust.
~Ward~ ihm nicht die Gewalt und das heimlich heilige Vermächtnis
seines Blutes? ~Ist~ er nicht gekommen? ~Ist~ er nicht da mit
seinem hohen Beruf? ~Sind~ die Zeiten nicht erfüllt, von denen die
Propheten sagten? Sind die Völker nicht zu ihm gekommen?
Ist er den rechten Weg gegangen?
O Judas!...
O Herr, Herr! -- Licht! --
Soll er sich seinen Henkern überantworten? Soll der Tod der Schmach und
Erniedrigung sein Ende sein?
„O Herr, wenn es möglich ist, laß diesen Kelch an mir vorübergehn!“
* * * * *
Still! --
Nein, noch nicht! --
Nur das Rauschen der Kronen in der hellen Stille. Da oben die eisige
Pracht der Höhen. Und die weißen kalten Mondlichter.
Noch nicht! --
Andere Gedanken kommen und Anfechtungen. Und er gedenkt Marias, die
sein Haupt gesalbt und seine Füße und sie getrocknet mit dem Haar ihres
Hauptes, als er im Hause ihres Bruders Lazarus weilte, seines lieben
Gastfreundes von Bethania. Er sieht sie zu seinen Füßen sitzen in
ihrem lichten Gewand. Ihre dunklen Augen haften in selbstvergessener
Bewunderung an seinem Gesicht, und hingegeben lauscht sie seinen
Worten. Aber Martha, die häuslich geschäftige Schwester, schilt sie,
die das bessere Teil erwählt.
Er gedenkt der Hochzeit zu Kana, wo er fröhlich war mit den Fröhlichen,
und wo er so weise des Kelleramtes gewartet. Er sieht die Gäste wieder
in ihrer trunkenen Weinseligkeit und hört ihre Hochzeitslieder.
Er wandert durch die lachenden Auen um den See Tiberias. Er sieht
die Wogen ihres goldenen Segens und hört die Schnitter singen auf
den Feldern und die Liebenden in den traubenschweren Weinbergen und
den Olivengärten. Er sieht das Rosenwunder von Jericho. Er sieht die
vertrauten Gestalten derer, die ihm teuer sind, sieht das Genügen
stillen Lebens im sichren Gang geordneter Tage. -- Und er erwägt die
Unrast des Geistes, die ihn treibt, das rauhe Los derer, die der Vater
erkoren.
„Die Vögel unter dem Himmel haben ihre Nester, und die Tiere des Feldes
ihre Schlupflöcher, aber des Menschen Sohn hat nicht, wo er sein Haupt
hinlege!“
* * * * *
Gott ist die Liebe...
Ein Herr des Friedens und der Liebe wollte er sein. Aber erregt er
nicht dennoch Gewalt wider Gewalt? Vor seiner Seele eröffnen sich die
Leiden der Seinen. Er sieht ihre tausendfachen Martern und Peinigungen.
Tausende und Abertausende werden ihr Blut verströmen um seines Wortes
willen. Und sein Wort vom Frieden und von der Liebe des Vaters wird
Gewalt werden weltlicher Macht und wird die Völker durcheinander
wirbeln im Wirrsal endloser Kämpfe.
O Qual der Qualen! Nie erhellte Nacht wütender, rasender Zweifel!
Tiefgeheimste dunkle Not und Notwendigkeit ewiger Unruhe! O tiefstes
Geheimnis seines tiefsten Wissens! Ewig heulender Wahnsinn urewiger
Weltenunrast!
O Herr! -- Licht! -- Wer jemals hätte Deinen Sinn erkannt, oder wer
wäre Dein Ratgeber gewesen! -- Nicht wie ich will, Dein Wille geschehe!
--
Und sein Hirn taumelt hin vor dem Gedanken des Ewigen.
* * * * *
Und wieder erwacht er aus seiner Ohnmacht.
O Grauen blöder Einsamkeiten! Die Strahlen da oben: wie fressende Feuer
rieseln diese starren Lichter über seinen Körper.
So schauerte Mose am Horeb vor dem Ewigen und Einzigen.
O Herr, wer könnte Dich ertragen?
Menschenaugen! --
Er erhebt sich und wankt aus der Einöde seiner Pein zu den Jüngern.
Sie liegen und schlafen.
Er muß ihre Worte hören, muß ihnen in die Augen sehn.
„Simon Petrus, schläfst du?!“
Und Petrus schlägt seine Augen auf und sieht den Rabbi. Schweiß trieft
von seiner Stirn und feuchtet sein Haar.
Aber schon lächeln des Rabbi Augen wieder und bannen des Jüngers
Mitleid.
„O wache, mein Petrus, und bete mit mir! -- Wachet und betet, daß ihr
nicht in Anfechtung fallet, denn der Geist ist willig, aber das Fleisch
ist schwach!“
Aber er gewahrt die ratlose Verlegenheit des Jüngers. Nein, er kann
ihnen nichts von diesen Anfechtungen sagen, die nur Er trägt. Und
wieder hebt er sich von ihnen und tritt zurück in die Pein seines
einsamen Ringens...
* * * * *
Die Stunde naht...
Und wieder sieht er die Tage seines Leidens im Geist. Entfesselt ist
die Wut und der Haß seiner Feinde. Die Jünger sind entflohen. Niemand
wird bei ihm sein. Einsam wird er seinen Feinden überantwortet sein,
wird er leiden und sterben. Nur sein junger Liebling wird bei ihm sein
und sie, die Schmerzensreiche ...
Und wieder ächzt er unter der heimlichen Not der Einen und Einsamen,
der Träger des ewig einen Geheimnisses, ihres Himmels und ihrer
Hölle. Sie die fleischgewordenen Offenbarungen der ewigen Unrast
und ihre Bändiger. Die Stillen, Duldenden, Schauenden und sie, aus
denen der Geist des Vaters hervorbricht wie aus Mose, da er sein Volk
aus Egyptenland durch die Gefahren der Wüste führte in das Land der
Verheißung.
Und er fühlt die Wundenmale seiner Hände und Füße, und siehe! ihre
Schmerzen werden ein köstlicher Balsam sein, und sein Haupt wird sich
neigen in erlösender Ohnmacht, und er und der Vater werden eins sein...
Da!
Schritte, Stimmen und der düster irrende Schein der Fackeln zwischen
den grauen Stämmen.
Er erhebt sich und seine Augen werden weit und seine Brust wird still
in einer tiefen, gelassenen, schweigenden Ergebenheit.
So tritt er ihnen entgegen und empfängt den Kuß seines dunklen Bruders
und Erlösers...
3. Golgatha.
Man weiß: eine Woche nach dem Passah wurde der Rabbi mit den beiden
Missethätern zur Richtstätte geführt.
Erlösungsfreudig hatte er sich nach den letzten Stunden seiner
qualvollen Einsamkeit in Gethsemane seinen Feinden und Widersachern
überantwortet. Wie von der Hand des Vaters geleitet, ging er seinem
stillen Kampf entgegen, ein Riese unter allen Kämpfern, Legion er gegen
Legion.
Nicht mehr brannte der Judaskuß in seiner Seele, nicht mehr fühlte er
den Schmerz über die Flucht der Seinen.
Im Äther thronte er nun und im Einen, als der Speichel seiner
Widersacher von seinen Wangen troff, als ihre Geißelhiebe seinen
Leib zerfleischten. Und als man das Purpurgewand eines Spottkönigs
um seine Schultern hing, die Dornenkrone auf sein Haupt drückte und
das Spottscepter in seine Rechte, da stand er in seiner heimlichen
Königswürde, ein Sieger, der nicht von dieser Welt ist.
Wie der Jubel der Heerscharen umbrauste ihn die Wut von Feinden: er
aber ihr König, und sie alle sein, der Demut seiner Gelassenheit
heimlich mit einem übertobten Staunen unterthan.
So stand er erhöht, die Sinne in die Stille des Einen gerichtet: er,
der duldende Kaiser kommender Jahrtausende, der wiederkommen wird, ein
Anderer und doch der Immergleiche, als der Eine und Heimliche, der an
der großen Weltwende herausgeboren aus dem Einen, einen neuen Wandel
beginnen wird.
Denn wenn es hell wird über die Völker hin und wenn eine Unruhe vor
übermenschlichen Grenzen erlahmt, dann wird er erstehen...
Jetzt aber stand er über ihnen, mitten unter ihnen und lauschte, gleich
und identisch, der unermeßlichen Sprache der Welt, der ewig stummen,
er, der Stumme, gleich und identisch sie vernehmend, gleichsam; nur
erst ahnend jene Endstille des Einen, von der umarmt, ihr wirklich
gleich und identisch er sein neues zeugendes Weltenwort empfängt, jener
Endstille, die alles ist und in der alles wogt und verebbt als in sich
selbst...
* * * * *
Hinab von Zion durch die Gassen der Bezetha, gegen das nördliche
Hochgelände von Golgatha.
Wie Adam wankte er, der neue Adam, traumhaft durch das Ungewiß-Gewisse
seinem Schlummer entgegen, aus dem jenem die Gefährtin ward, auf daß
beide, zwiefach eine Einheit, Schöpfer einer neuen großen Einheit
ihnen gleichender Wesen seien, die sich über die Welt breitet, bis ihre
Kraft sich stauen wird an einer neuen, ungeahnten, aus ihr gezeugten.
Aber auf zerfleischten, zuckenden Schultern trug jetzt der Mittler sein
Kreuz zwischen den beiden Übelthätern.
Und da geschah es, daß er wieder die Hand des Vaters gewahrte.
Milde trübte sich der Schein seiner Augen, linde vergingen die
Schmerzen seiner Wunden hinüber in eine unbegreifliche Wonne; ein
Sausen wurde die Welt, und verdämmernd spürten seine Sinne das
köstliche Erzittern seiner Glieder und die holden Schauer, die sie
umdunkelten. Und er sank...
* * * * *
Aber sein Wille richtete ihn auf, denn er hatte Wehklage vernommen, und
als er taumelnd stand, erhellte sich sein Auge für die Deutlichkeit,
und er sah das Kriegsvolk, das ihn umgab, die hohen breitgegliederten
Germanen, die kleinen bronzefarbenen und dunkeläugigen Syrer, und ein
Landmann aus Cyrene trug sein Kreuz vor ihm her. Aber viel klagendes
Volk drängte sich hinter ihnen, und er erhob seine Stimme und tröstete
sie, insbesondere die Weiber, die weinend ihre Hände gegen ihn reckten.
Und weiter taumelte er mit seinen blutenden Füßen das harte Kalkgeröll
des Gehänges hinauf, mit einem zuckenden Lächeln, inmitten der Menge
ein Einsamer, auf den sich tausend Sinne richteten, gleichsam ein Wort
und ein Gebot erheischend.
Weh zuckte ein Lächeln um seine blutenden Mundwinkel. Denn dann erst,
wenn der Geist ausgehen wird, Sein Geist, und die Helle sich über
den Völkern entfacht, zur Zeit der Vollendung, wird er sich ganz
offenbaren, und er wird ein Bauer sein, der sein Feld bestellt, ein
König auf seinem Thron, ein Bettler am Weg, und all und jeder wird
der Eine sein und Er, der der Fröhliche war mit den Fröhlichen, der
Trauernde mit den Trauernden, und er, der einsam litt...
Unbegreiflich sind die Wege, auf denen er wiederkommen wird, und die
Wandlungen, aus denen Geist und Stoff neu Ihn zeugen und hervortreten
lassen, heimlichen Kaiser eines heimlichen Volkes, Gewaltigen ewiger
Kraft...
* * * * *
Als sie nun aber auf dem Berge waren, standen sie in Gluten, denn der
Tag war schwül.
Kriegsvolk und Knechte richteten die Kreuze. Und des Rabbi Kreuz war
erhöht über die beiden Schächer. Oben drauf aber stand geschrieben, ein
Spott gegen die Juden, von des Landpflegers Hand in dreierlei Sprache:
„Jesus von Nazareth, der Juden König!“