Blasiertheit. -- Bloß, irgend etwas fängt an, ihn zu betrachten. Mit
einer so mystischen, eisigen Gelassenheit...
Und plötzlich beginnt mich eine Erinnerung wieder für das
Gegenständliche, für die „Welt der Erscheinungen“ um mich herum zu
erwärmen ...
Es ist doch sonderbar! -- Man ist wie ein Kind... Die Kinder haben oft
solche Anfälle von Flauheit, wo sie nicht wissen, was sie wollen, --
ich erinnere mich zuverlässig --; man schwingt ihnen dann meinetwegen
eine Klapper vor dem Gesicht umher, bis... &c. &c.
Hm! -- Na ja! --
Es war in einem Hotelzimmer.
Eine fieberwache Nacht. Halbschlummer. Quälende Träume. Zahnschmerzen.
Nein! Das kann der Satan noch aushalten! --
Ruhe! Ruhe! Ruhe! -- Aufstehen! --
Ich steige aus dem Bett, kleide mich notdürftig an, entfache das
elektrische Licht und laufe, die Shagpfeife im Mundwinkel, auf und ab.
Das Winterzwielicht fröstelt im Zimmer, mit Mühe ein wenig von der
Helle des elektrischen Drahtes erwärmt. Die Uhr tickert auf dem
Nachttischchen. Mein Gott, erst halb acht! --...
Ah! Ruhe! --
Ah! --
Dieses Bild, nur dieses Bild! Dieses einzige Bild, von den Ruten des
hohen Fensters umrahmt, in seiner zarten alabasternen Schönheit und
doch in der Tiefe seiner ganzen Mystik!...
Halb unbewußt und nebenbei hat es in mir für den Bruchteil eines
Augenblickes konstatiert, daß sie durch den Gegensatz der elektrischen
Helle im Zimmer und der Dämmerung des beginnenden Morgengrauens
hervorgebracht wird: aber nun gehör’ ich ihr ganz und völlig. -- Und
physischer Schmerz, Unruhe und alles, alles wird Auge und hält und
umfaßt, versteht, versinkt in diesen Anblick, in die gedankenlose, so
köstlich unrastfreie Stille dieses Anblicks. --
* * * * *
Ja, und es ist doch nun weiter gar nichts Besonderes dabei; es ist bloß
dieses Land unten vorm Fenster. -- Es ist nichts, als der Gegensatz
und das Zueinander dieser leise verhüllten, weich zarten Himmelsbläue,
dieser Bläue, die eigentlich eine graue Schicht von Schneegewölk ist,
das über Nacht den Himmel überzogen, und die nur dem Gegensatz des
erhellten Zimmers ihr Vorhandensein verdankt, dieser Bläue und dieser
weiten graugrünen Rasenflächen.
Aber da drüben, an der Grenze, dieses stille Kleinspiel. Der Strich
der Chaussee mit den Silhouetten ihrer Telegraphenstangen und dem
nackten schwarzen Geästel ihrer Kirschbäume. Und die Laternen, die,
soweit die Chaussee Fortsetzung der Vorstadtstraße bedeutet, in
weiten Abständen ragend, noch brennen. Drüben, auf der anderen Seite,
jenseits der Chaussee dehnt sich die Vorstadt; dunkel, schwarz, mit
den pittoresken Umrissen ihrer Häusermasse in dieses tiefe Himmelsblau
einer italienischen Sommernacht hinein. -- Ein paar müde Lichtpunkte
dazwischen: erhellte Fenster. Einige grellere; drei, vier, fünf in
einer Reihe: Straßenlaternen. -- Links die vier Schornsteine des
Eisenwerkes, von denen sich feine dünne Rauchsäulen seitab kräuseln.
Die Fenster der Fabrikräume sind schon erhellt; aber dieser Schimmer
ihrer Vierecke, die matt wie große Perlmutterfourniere aus dem
Halblicht dieses ersten Morgengrauens hervordämmern, erinnert noch mit
nichts an menschliche Thätigkeit. --
* * * * *
Daß es nie Tag würde und immer diese Stille bliebe und die beständige
Möglichkeit dieses schmerz- und wunschlosen Versunkenseins, dieser
ruhigen leidfreien Einheit von Innen und Außen! --
Denn hier ist keine Bewegung, stört keine Bewegung, nicht die leiseste.
-- Nur diese eine, einzige, unbeschreibliche Stille, in der selbst
dieses leiseste Kräuseln des Schlotdampfes stockt...
Ah! -- Wie ein leiser feiner Schreck! -- Eine Fahlheit hat sich über
die tief-satte Fülle der Farben gezogen, und dort, von rechts her,
mit ihr, eine erste Bewegung. Kleine, schwarze Schattenrisse kriechen
langsam über das weite Graugrün. Die Karrenschieber, die den Tag über
braunen Humus auf den Rasen fahren. --
Aus!...
Beim Türmer.
Es ist so wunderbar klares, sonnig-mildes Wetter, und das liebe
Himmelsblau ist so frisch und ätherisch: man möchte ein Vogel sein! --
Aber ich besinne mich, daß ich wenigstens wieder mal in die Stadt gehen
und auf den Rathausturm hinaufsteigen kann, zu meinem alten Freund, dem
Türmer. --
Der Rathausturm, der noch dazu erhöht liegt, ist reichlich so hoch
wie der Stadtkirchturm. Er hat auch dieselbe mit schwarzem Schiefer
gedeckte Zwiebelkuppel der alten Jesuitenkirchen, wie man sie von
gleicher Art gegen die Alpen hin im Bayerischen Oberland überall
finden kann. -- Dicht unter der Kuppel hat Meister Schwalbe, der
Türmer, seine Wohnung. Vier Fenster geben den Blick nach allen vier
Himmelsrichtungen hinaus. Auf der einen Seite giebt es einen kleinen
Balkon. -- Man nimmt ein paar Flaschen Bier mit hinauf, wird sich mit
Meister Schwalbe auf den Balkon setzen und was plaudern, indes man den
wunderschönen Ausblick genießt, oder, wenn der Meister gerade Stühle zu
flechten hat, nun! dann kann man sich auch solo hinaussetzen und sich
an der Luft und der Aussicht freuen...
Ich finde Meister Schwalbe zu Hause. Er sitzt in seiner behaglichen
Wohnstube und flechtet Stühle. An der Wand neben dem Kachelofen hängt
das mächtige Tuthorn, mit dem er nach allen vier Himmelsrichtungen die
Feuersbrünste signalisiert.
Köstlich! Das sonnige Zimmer mit seinem kleinbürgerlich sauberen
Hausrat ist ein Idyll! --
Meister Schwalbe, der sein Sechzigstes hinter sich hat, sitzt neben dem
großen Tisch, auf dessen grün auf schwarz geblümtem Wachstuchüberzug
noch das Geschirr und die Überreste des Vesperkaffees stehen. Er hat
seine Hauskappe auf und die Kurzpfeife in seinem graumelierten halb
schalkhaften, halb gelassen-würdevollen Altschäfergesicht und pafft
bedächtig vor sich hin. Im übrigen ist er in seinem Arbeitsornat und
hat die blaue Leinenschürze über die blaugestrickte Wolljacke geknüpft.
Um ihn herum kräuselt sich ein graugelbes Gewölle von Stuhlrohr und vor
sich hat er einen Stuhlsitz, den er neu überflechtet. -- Sein steifes
Genick dabei! Diese behaglich langsamen aber zwecksicheren Bewegungen!
Diese tiefe, ruhige Kehlbaßstimme, vom Paffen unterbrochen und hin und
wieder ein wenig zischend und brodelnd, weil ihm seine Rauchthätigkeit
den Speichel zusammenzieht ...
Kurz und gut: der prächtige brave alte Meister Schwalbe, Turmwächter,
Stuhlflechter und untrüglicher Wetterprophet! --
Aber mit hinaus kommen wird er erst nachher, wenn er seinen Stuhl
fertig hat. Ich mache mich auf den Balkon...
* * * * *
Da haben wir das ganze Nest, halb Stadt, halb Dorf...
Die Straßenzeilen mit dem Gewinkel ihrer Häuserchen. Die paar Menschen
dazwischen. Schläfriges Geratter von ein paar Lastwagen. Der friedliche
Lärm spielender Kinder, Hundegebell und Gänsegekreisch.
Der Marktplatz unter mir mit seinem Brunnen und seinem höckerigen
grasdurchwachsenen Pflaster. Die alten Honoratiorenhäuser. -- Liebe
Zeit! wie ist das alles so klein, so still, so mollig, so unpathetisch!
--
Das Gelände draußen mit seinen Feldern, Chausseen, Obstbaumwegen und
glitzernden Gewässern; die Berge mit ihren Wäldern; das Schloß mit
seinen Türmen und Umwallungen aus den dichten herbstlichen Laubmassen
heraus. --
Vogelschaugedanken! --
Sie lenken sich heute mal auf die „Profession“, auf die liebe „Kunst“.
-- Die „_paysage intime_“ von Meister Sommerfeld, des Buchbinders, Hof,
in den ich gerade so recht schön hineingucken kann, giebt ihnen ihre
Richtung.
Natürlich so ein richtiger kleinstädtischer Hof mit dem Idyll seines
ganzen romantisch-pittoresken Kleinkrams. -- Die getünchten Wände
des Wohnhauses und der Stallgebäude mit einem unendlich verzwickten
Gewinkel, mit ihrem närrischen verwitterten Ziegeldachwerke, mit ihren
blaugrauen Holzgallerien, mitgenommen von Wind, Luft, Sonne und Regen.
Der Düngerhaufen, das bunte Hühnervolk, allerlei wunderliches Gerümpel,
Gott! und so weiter.
Ja, wie so allmählich das Pathos stirbt und das _al fresco_ und die
„Höhenkunst“ heutzutage! -- Wie alles intim wird, Farbe, Nüance,
Seele, sich differenziert! -- Wie die liebe Kunst immer heimischer
wird, irdischer, wirklicher! -- Und doch, wie bei allem selbst die
Würde und Bedeutung des „Geringfügigen“ und „Häßlichen“ mehr und mehr
empfunden wird, zu Tage tritt und die Ästhetik immer siegreicher
revolutioniert! -- Wie unsre Kunst aus sich selbst heraus immer
asiatischer, östlicher, fertiger wird! -- Ich denke an einige
japanische Gesichtsmasken, die ich zu Hause habe, und an unsre heutige
Vorliebe für dergleichen Kunstprodukte, und wie wir diese Weise
von Kunstbethätigung immer mehr verstehen lernen. -- Diese Kunst
mit dem ganzen mystischen Zauber ihrer Realistik, ihres fertigen,
alles erraffenden, alles erfühlenden Naturalismus, und wie seine,
des verachteten, identische Wirkung immer eindringlicher wird, denn
alle Entwicklung führt zur Identität. -- Die lyrische Emphase eines
jahrtausendelangen Kulturkampfes läßt nach, wie er sich nach den
letzten Entwicklungsstürmen des Mittelalters immer mehr gefriedigt hat
und seiner Früchte und Erfüllungen froh zu werden beginnt...
* * * * *
Ich sitze und spüre nur so, wie köstlich frisch die Luft geht, wie
klar und blau der tiefe Himmel, und fühle den Pulsschlag des Lebens
rings unter meiner Höhe und sehe die Seele dieses kleinen Nestes, die
im Kleinen und Malerisch-Krausen doch so mystisch intim und mannigfach
ist. -- Denn was besagt Alltäglichkeit? Alles ist rätselhaft, alles das
gleiche Problem und dies Problematische ist auch der Untergrund und die
heimliche, schlichte, tiefe Seele moderner Kunstwirkungen...
* * * * *
Aber Philosophieren ist uns so über geworden. Es ist ja nun auch
nachgerade seit Jahrhunderten und Jahrtausenden alles, aber auch
geradezu alles zusammenphilosophiert worden. Es kommt einem alles so
rund und so fertig vor. --
Mein lieber Lynkeus, Meister Schwalbe, setzt sich zu mir mit
seiner Pfeife und seinem weisen gelassenen Gesicht, in dem so viel
still-kluger Humor ist, und es ist über alles Philosophieren, wenn wir
vom Wetter sprechen, oder von den lieben Nachbarn, oder was hier und
dort so alles in der Welt passiert. -- Lieber Gott ja: aller Weisheit
Schluß und Anfang ist eben, daß die Leute sich verheiraten, Kinder
kriegen, wirken und sterben von Urbeginn zu Urbeginn...
Die Hyacinthe.
In einem eigens dazu hergerichteten Glas habe ich eine
Hyacinthenzwiebel.
Wie köstlich zu beobachten, wie sich hier die Natur gestaltet! So
schlicht, so still, mit so kräftigem wohligen Behagen.
Zuerst ist es nur die Zwiebel. Aber wie viel Freude, sie zu betrachten,
wie sie da vor mir auf dem Schreibtisch steht, zwischen allerlei
Kleinkram und Erinnerungen, selbst eine liebe Erinnerung.
Das zartfrische Farbenspiel ihrer Schale: in allen feinen und feinsten
Nüancen spielend zwischen Braun, Bläulich, Weiß, Violett und Lila.
Oben ist ein hellgrünes gelbliches Spitzchen, mit der der innerlich
schlummernde treibende Lebenskeim zu erwachen beginnt. Unten viele
feine, lichtweiße Wurzelfaserchen, die sich munter in das Wasser
hinabschlingen.
Die Lust, das unbändige Behagen in diesen Windungen! Das Spreizen
dieser Formen!
Man muß unwillkürlich drüber lachen.
Ich höre ein Kind lallen und gurgeln, sehe es mit seinen Zehchen
spielen, mit seinen dicken Händchen vor sich hingrappsen im süßen
Dämmer seines ersten Seins.
Diese Lust, zu beobachten, Tag für Tag, wie es mehr und mehr erwacht
und wird und wird, seitdem ich es aus der dunklen Schublade hier in
sein Lebenselement gebracht.
Jetzt sind es schon ziemlich lange Blätter. Unten, wo die Kraft
des ersten Keimes die Schale zur Seite gespellt hat, sind sie
hell-gelblich-grün, nach oben ist das Grün bläulicher.
Es sind -- eins, zwei, drei, vier, fünf Blätter.
In ihrer Mitte drängt sich die lichtgrüne Blütendolde keck und
lichtbegierig herauf, zwängt zur Seite, dehnt sich in die Breite und
Höhe mit ihren wasser- und saftstrotzenden Zellen. Und wenn ich genau,
ganz genau hinsehe, dann merke ich, wie leise, leise ihre grünen
Hüllenblättchen sich zu spreizen und zu lösen beginnen, wie es sich
ungeduldig drunter regt und bunt und prächtig hinaus will ins freie,
fröhliche Licht.
Ab und zu hemm’ ich das allzu üppige Wachstum der Blätter, und schneide
ihre Spitzen ab, damit die Blüte an Kraft und Freiheit gewinne.
O, höchstens noch eine Woche: dann jubelt es mir in bunter junger
Herrlichkeit entgegen und mein Zimmer ist des süßen Duftes voll...
Die Fliegen.
Die gute Sonne!
Vor mir auf dem Fensterbrett haben die Fliegen ihr Treiben. Sie
trippeln durcheinander, reiben sich den Hinterleib, fliegen gegen die
Fensterscheibe auf.
Plötzlich kommt mir, ich weiß nicht wie? eine Erinnerung.
Ich sehe den Kirchhof wieder.
Es ist wieder der graue Tag, der mit Regen droht. Im fahlen Licht
stehen die Leidtragenden um das offene Grab herum. Über sie erhöht, auf
der aufgewühlten Lehmerde, hat der Prediger seinen Stand, der Prediger
mit seinen Bäffchen, seinem Talar und seiner hohen Mütze, und spricht
den Segen über den Sarg, der eben mit einem dumpfen Schollern in die
Tiefe verschwunden ist.
Einer nach dem andern tritt heran und läßt seine Handvoll Erde
hinunterplumpen.
Aber das Weib!
Mit einem winselnden Weinen hat sie dagestanden und im verhaltenen
Wahnsinn ihres Leides das Taschentuch zerrissen. Und nun ist sie nicht
mehr zu halten, in diesem letzten, so erbarmungslosen Augenblick.
Mit lautgellender Wehklage ist sie auf das Grab zugestürzt, ist
hineingesprungen und umklammert nun den Sarg.
Es war zum Nievergessen! --
... Mir kommt ein Gedanke.
Behutsam hebe ich die Hand, schlage zu und wage einen Mord.
Geglückt! -- Eine von den Fliegen liegt tot.
Für den ersten Augenblick sind die andern gegen die Fensterscheibe
aufgeflogen; aber bald sind sie wieder zurück. Geschäftig trippeln sie
umher, als wenn nichts geschehen wäre.
Nur eine von ihnen ist auf die tote Spielkameradin gestiegen und hat
für einen Augenblick den Saugrüssel in den Blutstropfen gesenkt, der
aus dem zerquetschten Körperchen gequollen ist, und saugt...
Bornschein.
Drüben an der Mauer liegt Bornschein, der Böttcher, wieder einmal
stockbetrunken. Der Länge nach liegt er unter dem Fliederbusch und die
Nachmittagssonne brennt auf seine Kleider.
Die Nachbarn stehen im Kreis um ihn herum, schütteln die Köpfe,
schwatzen, lachen, haben ihre Unterhaltung und machen ihre
Glossen. Reger ist die liebe Jugend. Sie haben Kiesel und Steine
zusammengetragen und werfen nach seinem Bauch und seinen Beinen. Die
ganze sonnenstille Gasse schallt von ihrem Eifer.
O Phantasie!
Ich bin Bornschein. Mein Gesicht ist breit und gedunsen, mit borstigem
Bart und Kopfhaar, und glüht von Sonne und Alkoholdunst. Und Sonne und
Alkohol glühen durch den seligen Dusel meines Rausches und lallen aus
mir heraus mit dumpfen dunklen Worten in eine wogende flimmernde Welt
von wunderlich verworrenen Gestalten und Lauten.
Meine armen thörichten Atome lechzen nach Kühlung. Langsam, automatisch
regt sich ein Arm, zuckt ein Bein, von einem Kiesel getroffen.
Kühlung! Wie ein fernes Bedürfnis ist es in mir, ein Bedürfnis meiner
klugen Sinne, meines Lebenswillens, von dem meine Seele doch fern ist.
Ein Bedürfnis und keins...
Aber wie ich hier oben zwischen den roten Geranien hindurch zu mir da
drüben hinüberluge, schreit meine arme Seele nach Wasser, nach Wasser...
O ewige Vernunft!
Drüben öffnet sich die Thür, schadenfroh und flachshaarig tritt ein
lachendes Mitleid mit einem vollen, triefenden Wassereimer auf die
Straße. Friedrich, der Hausknecht vom „goldenen Adler“.
Und nun: den Eimerring in der Linken! Die breite, braune Rechte packt
den Boden, kippt... Brrr!...
Gottseidank!
Bornschein trieft und zuckt wohlig wie ein Aal in der Fischwanne und --
schimpft. -- Undank ist der Welt Lohn! -- Aber die „Welt“ ist diesmal
über Undank erhaben. Die Nachbarn lachen und die liebe Jugend brüllt
Halloh.
Ich atme auf, hier in meinem Blumenwinkel, und denke in meinem lieben
Herzen, wie alles in dieser herrlichen Welt, selbst Bornscheins Atome,
bis in meine liebe verwünschte Einbildung hinein, hat, was es bedarf.
--
Bibellektüre.
1. Incarnation.
Seit einigen Tagen les’ ich die Bibel. Das Exemplar, das Frau Haberland
in ihrem Glasschrank hat. Es ist eine schöne alte Familienbibel, in
Quartformat, aus dem Anfang des vorigen Jahrhunderts, ein wahrer
Koloß, solid in braunes Leder gebunden, mit zwei Messingverschlüssen,
jeder eine Figur, ein Apostel wohl oder so etwas. -- Dieser Duft,
dieses dicke vergilbte Papier, diese großen fetten Lettern und die
Familienchronik mit ihrer altfränkischen Schnörkelschrift gaben
mir wieder mal den Geschmack für diese Lektüre. -- Die Madame war
so liebenswürdig, mir das ehrwürdige Monstrum anzuvertrauen, und
nun vergeht selten ein Tag, an dem ich nicht über diesen braven
altväterlichen Holzschnitten und diesen köstlichen Drucktypen säße und
mein Pensum erledigte.
Wenn’s das Wetter irgend erlaubt, sitz’ ich dabei am liebsten hinten
im Garten, in der Pfeifenkrautlaube. Vornehmlich bei der Lektüre
der Patriarchenhistorien war es die beste Umgebung. Man sieht über
die Rotdornhecke hinweg auf die Hügel, und da hat denn wohl die
große Schafherde von der Schloßdomäne ihr Wesen; man hört die gelben
Wolfshunde kläffen, man hört das Trappeln und Rauschen der erschreckten
Tiere, die von ihnen beieinander gehalten werden. Man gewahrt die
Gestalt des Schäfers in seinem langen blauen Schoßrock mit den blanken
Knöpfen und dem breiten Lederriemen, mit seinem altfränkischen Filzhut
und seinem langen Schlenderstock, man hört seine Zurufe und wie er
auf die Hunde schilt. Laban und Jakob, Joseph und David. -- Oder man
hört die Laute des Geflügels, der Haustiere, Pferdewiehern aus der
Nachbarschaft oder das Brüllen der Kühe...
* * * * *
Gegenwärtig bin ich bei den Propheten, und da kommen mir so allerlei
Gedanken und Betrachtungen; Gedanken und Betrachtungen, mit denen
ich mich meinem goldenen Freigeist, dem Herrn Aktuarius Nerrlich,
nicht anvertrauen könnte, ohne befürchten zu müssen, wegen einer
bedenklich reaktionären Rechtsschwenkung seiner mir so werten
Freundschaft verlustig zu gehen; denn es sind nicht nur diese ersten
Kindheitserinnerungen, die da in diesen Lesestunden mit lebendig
werden, auch nicht bloß und lediglich so etwas wie Feinschmeckerei
und „historischer Standpunkt“, obgleich das alles natürlich mit
unterläuft: nein, es ist auch noch etwas Anderes. Denn das ist nun so:
jedes gute und bedeutsame Buch hat seine ewig frische und lebendige
Wirkung, und die bedeutendsten variieren ja nur immer wieder den einen
ewigen und gleichen Text. -- So will mir zum Beispiel auch keinerlei
rationalistische Exegese an die alten Sagen und Wundermärchen heran.
Ein feinerer Sinn spürt das Wunder der Wunder hinter ihrer ehrwürdigen
Symbolik und staunt aus einem modern-differenzierten Verständnis der
Lebens- und Naturvorgänge heraus, das uns gerade wieder die Ergebnisse
der neuzeitigen Wissenschaften, und nicht zum wenigsten der exakten,
gebracht, über die tiefe Lebensweisheit, welche sich in diese Symbole
verdichtet hat.
Ich komme von der Lektüre psychophysiologischer Bücher; man hat
als Mensch der Neuzeit neben allen geistigen Zuflüssen seine
Nervenerfahrungen, und weiter hat der ringende Geist Alterfahrenes
und Frühvertrautes, Einflüsse und Eindrücke erster Jugendzeit und
ihren unverwüstlichen Gehalt, der sich allen Anstürmen einer
materialistisch-kritischen Durchgangsperiode zum Trotz aus all ihren
Entwicklungswehen heraus behauptet hat, mit den neuen Ergebnissen
vereinbart: wie eigen mutet einen da diese Lektüre an! -- Und um so
fühlbarer und eindringlicher ist ihre Ehrwürdigkeit, je tiefer man
spürt, wie die eine und gleiche Wahrheit immer nur wieder in Symbole
sich fassen läßt...
* * * * *
Ja, diese Propheten!
Es fällt einem so ein, was die alten Kirchenlehrer von Erwählung,
Berufung, Prädestination geschrieben, oder etwa Platon von den Ideen,
von der Annamnese, man gedenkt der Lehren der Veden und des Buddhismus,
was bei den Pythagoräern als Metempsychose wieder auftauchte, und
wie diese bereits bei den Egyptern gelehrt war, man berücksichtigt
etwa den Zusammenhang von alledem, sieht sich etwa auch mit genauen
Augen und mit so einem stillen Ahnen die neue Wissenschaft und die
Entwicklungslehre des Darwinismus an, in der so unendlich viel
Möglichkeiten und Urwurzeln von Ideenverbindungen schlummern, die
einen, wie sie in ungewissen Umrissen auftauchen, so verwunderlich an
uralte Weisheits- und Weltbetrachtungsergebnisse erinnern und einen
mystischen und urnotwendigen Zusammenhang menschlicher Weisheit neu
bezeugen: mit alledem betrachtet man diese Propheten.
Man gewahrt ihr Pathos, in dem in ewig staunenswerter Mystik
unterbewußte geheime Gedankenverknüpfungen und wohlverwahrte
ewige Erfahrungen sich dichten, in dem sie mit ekstatischer Macht
hervorbrechen; und nun will man das Geheimnis nicht erklären -- man
kann das in seinem letzten Grund Unerklärliche nicht erklären -- man
fühlt es und fühlend besitzt man, weiß man, mit einem geheimen,
unmittelbaren, identischen Wissen. -- Denn was heißt das, wenn ich
mir etwa diese Gewaltigen und ihr Wirken zu einem Teil pathologisch
erkläre? -- Erkläre! -- Was heißt das, wenn ich sage, Mohamed war
ein Epileptiker? Wohl, aber wenn ich mir jene ehrfürchtigen Begriffe
der Alten in ihrer schlichten und doch so tiefen und sinnreichen
Bescheidenheit vergegenwärtige, etwa die Begriffe der Erwählung oder
der Incarnation, so verstehe ich mit einem so mächtig konzentrischen
Verständnis. ---
* * * * *
Incarnation! --
Es ist ein frischer Herbstvormittag. Ein gleißendes Sonnengold leuchtet
über den Hügeln. Mit einer mächtigen Energie, in gewaltigen Linien,
mit breiten Flächen, in gigantisch-majestätischen Wölbungen ballt
sich, schiebt sich, schießt ein weißes Gewölk vom Horizont auf über
das klare Blau. Luftströmungen mit ihrem unaufhörlichen Rauschen
und Sausen gehen durch die Feiertagsstille der Frühe. Innerlichst
belebt und hingenommen von dem Rhythmus dieser gewaltigen Perioden
mit der eindringlichen, schlichten und doch so mächtigen Energie
ihres Gefüges, dieses _Parallelismus membrorum_ althebräischer Poesie,
wend’ ich überwältigt mein Gesicht von den Zeilen in die Höhe, und
meine Sinne richten sich unter dem Zwang dieser Lektüre über das
kunterbunte Kleinleben meiner Umgebung hinweg wie unter dem Einfluß
einer heimlichen magischen Gewalt, die Gleiches dem Gleichen eint,
unwillkürlich hinüber zu den weiten freien Linien des Berglandes, den
gewaltigen des Gewölkes, zu diesem monotonen großen Akkord der bewegten
Lüfte. -- Der Sturm! „Du weißt nicht, von wannen er kommt, noch wohin
er geht, aber du hörest sein Sausen wohl.“ --