So war der Meister erhöht mit Spott, der einem Verwundern glich...

Darauf aber entkleideten sie ihn seines Purpurmantels und Gewandes und

zogen ihn hinauf mitsamt den beiden Übelthätern, einen jeden an sein

Kreuz; und sie schlugen ihm die Nägel durch Hände und Füße, so seinen

nackten Leib am Kreuze befestigend.

Also hing er mit seinem blutigen, zerfleischten Leib, das Haupt gereckt

in Qualen, ein Mensch von Menschen geboren, leidend und sterbend...

Als er aber ihr Geschrei vernahm, da erwachte in ihm der Grimm und der

Zorn Zebaoths, der einst das Wort gesetzt: „Auge um Auge und Zahn um

Zahn!“ Er aber sprach mit der Macht und der Kraft des Vaters gegen den

Zorn des Vatergottes in sich zu Ihm Selbst und bat:

„Vater, vergieb Ihnen, denn sie wissen nicht, was sie thun!“

* * * * *

Und die Gluten des Tages stiegen; das öde Kalkgestein brannte unter

ihren Füßen; aber sie blieben, seinen Tod zu erwarten.

Rings in weißflimmernder Hitze weitete sich das Gelände, in weißblauen

wellenden Dunst gehüllt die Hügel und Höhen und Thalsenkungen, die

Felder in ihrer Reife, die Olivenwaldungen und Palmenhaine. Unten gegen

den Fuß des Berges aber, weit im Bogen, die weißblendenden Dächerwogen

Jerusalems von den beiden mächtigen Massivs Moriah und Zion hernieder,

die bronzedunkel gegen den stahlblauen Himmel glühten in der heißen

Macht der syrischen Sonne.

Schlaff lagen die mächtigen Leiber der germanischen Söldner zu des

Rabbi Füßen und würfelten um den Purpur, den sie seinen Schultern

entnommen...

Das Geschrei der Menge aber war verstummt. In Haufen stand und lagerte

das Volk umher, und ihre dunklen Augen starrten in funkelnder Gier

aus den braunen Gesichtern zu dem Meister hinauf, auf sein Sterben,

und doch noch mit einem stillen bangenden Grauen das Wunder erhoffend,

daß er herabsteigen werde zu seinem Volk, das in Thorheit harrte. Die

aber vorn und zunächst dem Kreuze standen und die von der Sekte der

Pharisäer und von den Schriftgelehrten waren, schmähten hinauf in seine

Qual.

Weit ab zur Seite aber stand zagend das Häuflein derer, die er lieb

hatte, in deren Mitte ihm die stillen Freuden von Samaria und Galiläa

geblüht, als er an den fruchtbaren Gestaden des Sees Tiberias gewandelt

und gelehrt: Maria und Maria Magdalena, die Weiber, Johannes auch, sein

Liebling, Joseph von Arimathia, ein angesehener Mann, sein heimlicher

Jünger, und andere mit ihnen.

Er aber hing einsam in der brütenden, flirrenden Öde, und seine

lechzenden Sinne stöhnten aus ihm heraus:

„Mich dürstet!“

Und er ward getränkt...

* * * * *

Danach aber erhoben wieder einige ihre Stimmen gegen ihn. Wieder aber

mochten ihnen Zweifel gekommen sein, ob er nicht dennoch der Messias

sei, und sie riefen: „Bist du Gottes Sohn, so komm, steig herab“! --

Und das Wort drang hinein in die Seele eines der Übelthäter und er

schmähte den Meister. Der andere aber wies ihn zurecht in Reue und

Glauben, und da er den Meister fragte, da gab der ihm aus der Fülle

seiner Leiden das dunkle Trostwort:

„Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: heute noch wirst du mit mir im

Paradiese sein!“

* * * * *

Und im langen Bangen, in Gluten und Qualen verdorrend, riß er sein

Haupt empor.

Und plötzlich geschah das Zeugnis des Vaters gegen seine Widersacher.

Denn siehe, aus der Stille entstand ein Wirbel, und ein Wind hub an

und zog eine Fahlheit über das Land, und eine Finsternis wurde, und

das Licht der Sonne verhüllte sich über ihren Häuptern. Und der Donner

des Vaters grollte über die Weiten und die flammenden Zeichen seines

Zornes furchten sich durch die Nacht, und die Erde hub an zu beben. Und

rings erhub sich Staunen und Wehklage, und viele flohen vom Berg hinab

gegen die Stadt, zu derselben Stunde, als es geschah, daß der Vorhang

des Tempels zerriß und die Gräber sich öffneten, und die Tiefe der

Erde sich aufthat. Viele aber schlugen sich an die Brust, weinten über

den Tod des Gerechten und glaubten. Die Söldner aber wichen von seinem

Kreuz in Grauen.

Da eilten seine Lieben zu ihm, und er war mit ihnen allein... Und im

Graus des Unwetters suchte er das Auge der Schmerzensreichen und

gewahrte an seiner Seite den Jünger, den er liebte, seinen klugen

jungen Johannes, und er that sie zusammen:

„Weib, siehe, das ist dein Sohn! -- Siehe, das ist deine Mutter!“

* * * * *

Die Finsternis aber wuchs, und alles Volk mitsamt den Kriegsknechten

stand und starrte auf seinen Leib, über den der Vater seine Lichter

breitete.

Und wieder waren viele unter ihnen, die ihn erkannten, an ihre Brust

schlugen und wehklagten.

Aber die Schauer des Vollenders traten an ihn heran mit dem fahlen

Grausen ihrer Urweltgeheimnisse, und all seine Not brach aus ihm hervor

in einem Schrei:

„_Eli, eli, lama, asabthani!_“

Und zweimal schrie er seinen letzten Gethsemanezweifel zum Vater.

Danach stammelte er sein Wort vom Ende, neigte sein Haupt und

verschied...

* * * * *

Da es aber vollbracht war, lichtete sich die Sonne über ihren Häuptern,

wie sie in Staunen standen und Grauen.

Am Holze seiner Schmach aber klirrten Waffen und Liebe, Glaube und

Geist hingen an seinem Antlitz und waren bereit...

Nachtgang.

Abends in der Schummerstunde, wenn er eine Weile auf seinem

Tafelklavier herumphantasiert hat, gute altfränkische Weisen von einer

rührenden romantischen Sentimentalität, die einen wie Geistergrüße

anmuten, fängt Herr Haberland wohl auch gelegentlich mal an über

religiöse Dinge zu reden, so melancholisch-versonnen, nach dem

Kleinkram des Tages: ich weiß nicht, es imponiert mir immer und ich

komme dann unwillkürlich so halb und halb mit in seine Weise hinein. --

Die Madame sitzt dann mit einem Strickstrumpf auf ihrem geflochtenen

Lehnstuhl und schlummert so nach und nach vor Andacht ein.

Nun ist Herr Haberland zwar ein Freigeist, aber nicht ohne eine gute

Portion Romantik. So sprachen wir gestern über Unsterblichkeit. Er

glaubt daran; ja, sie ist ihm ein notwendiges Erfordernis. Man weiß,

dieses Erfordernis der Vernunft: das gar zu Unausgeglichene muß in

einem zukünftigen Leben notwendigerweise einen Ausgleich erfahren. --

Die Armen, Unterdrückten, Leidenden wurden ja immer auf den „Himmel“,

auf einen Ausgleich nach dem Tode verwiesen. -- Nun, was soll man dazu

sagen: aber, es ist doch sonderbar, wie einen so ein Glaube packen

kann! -- In einen ganz absonderlichen Zustand war ich gekommen. --

Es ist die richtige Schummerstunde. Der Tag mit allen seinen Lauten

ist verebbt, und einzelne Töne und Geräusche nur regen sich aus dem

Beruhigt-Friedlichen heraus, mit diesem unbeschreiblich stillenden

Zauber. -- Im Zimmer liegt das letzte Licht; so heimlich-heimisch. --

Und nun dieser, wenn auch bescheidene, kleinbürgerliche Wohlstand,

der etwas Altväterliches hat, daß sich einem allerlei Glaube und wohl

auch Aberglaube anschmiegt. -- So „alt“ und „klug“ man geworden:

unwillkürlich läßt man es sich gefallen, und alles was in einem

„Atavismus“ ist: man fühlt nicht ohne ein stillgerührtes Geltenlassen,

wie es sich belebt, und man spürt dann wohl auch im Alten die Wurzeln

alles dessen, was im Laufe der Jahre in einem neu geworden.

In dieser Umgebung, unter solchen Einwirkungen hört man aus einer

gleichen Stimmung heraus eine derartige Meinung, die Meinung eines wenn

auch in schlichter Weise nach des Tages Müh und Plage auf das Ewige und

Höhere gerichteten Sinnes. --

* * * * *

... In unserem Gespräch ist eine lange inhaltreiche Pause eingetreten.

Die ausgetauschten Gedanken wirken noch nach und sind zu einer

unaussprechlichen Stimmung geworden. Der kleine blonde Herr Haberland

hat sich auf seinem Ledersesselchen wieder zum Clavier herumgedreht

und phantasiert in leisen Accorden. -- So halb und halb ist mir:

es mag wohl ein Motiv aus dem „Freischütz“ sein, das er variiert.

-- Halb unbewußt auch spür’ ich das bleiche Schimmern der letzten

Lichter auf der sauberen Ordnung der Zimmergegenstände und den roten

huschenden Wiederschein der Ofenglut. -- Diese schlichte Meinung über

eine persönliche Unsterblichkeit, die ich noch mit all dem intimen

Zauber einer individuellen Äußerungsweise in mir empfinde, jene

halb wahrgenommenen Eindrücke von diesen bleichen Lichtreflexen und

diesen Gegenständen, die sich aus der hereinbrechenden Dunkelheit

hervorheben: plötzlich ist mir ein Gedanke gekommen, von dem ich fühle,

daß er fruchtbar werden will, in dessen unterbewußten Tiefen ich mit

innerlichstem Erbeben einen ganzen mächtigen Reichtum geheimnisvoller

Ideenverbindungen ahne, deren Zustandekommen klar zu legen unmöglich

sein würde. -- Ein Gedanke: daß die Urbewegung der Materie und

die organisch-geistige, welche diese Zimmergegenstände zu Stande

gebracht, die jenen Gedanken, den Herr Haberland vorhin geäußert,

die diese musikalischen Phantasieen hervorbringt, nicht in einem

wirklichen, sondern nur in einem gradweisen Unterschied zu einander

stehen und daß sie im Grunde ein und dasselbe und ein Gleiches sind,

so entgegengesetzt sie einander scheinen. -- Und ich empfinde diesen

so plötzlich auftauchenden Gedanken als das Glied einer unbewußten

Analyse die aus einem unsagbar feinen und intimen Zusammenhang heraus

das Zustandekommen jener Meinung über eine persönliche Unsterblichkeit

zu begreifen, zu werten sucht, und sie bereits als eine unumstößliche

Wahrheit und Gewißheit verwunderlich weiß. --

Eine gesteigerte verfeinerte Gehirnthätigkeit bringt mich in einen

seltsamen Zustand, in dem ich feinere Wahrnehmungen habe, als

gewöhnlich, und es ist mir, als ob nicht nur mein Denken logische

Schlußfolgerungen zöge, sondern als ob auch dies seltsame verfeinerte

Fühlen, diese verschärfte Thätigkeit meiner Sinne fühle, denke,

beweise. -- In der stillen Wonne dieses halb und halb seherischen

Zustandes drängt es mich aus dem Zimmer in die Einsamkeit. Ich nehme

meinen Hut und trete auf den Flur hinaus. An der gelben Wand hängt

das Küchenlämpchen, das ihm eine trübe Helle giebt. Unter meinen

Füßen fügen sich die roten Backsteine aneinander, mit denen der Boden

gepflastert ist. -- Oben schimmert ungewiß seine weißgetünchte niedrige

Decke.

Ich öffne die Hausthür. Die Flurschelle bimmelt. Nun bin ich draußen...

* * * * *

Es ist ein wundersamer Herbstabend.

So klar ist der Himmel, daß alle Sterne strahlen. Das Gewimmel der

Milchstraße zieht sich breit hindurch. Unten, am Fuße des Hügels,

seh’ ich aus der Dämmerung die Masse der Häuser zwischen dem Laub der

Gärten, sehe die roten Fenster und die träumerischen Firste, hohe und

niedrige, mit den stillen Reflexen der Sternlichter, und ich höre dies

verwehte Gekläff der Hofhunde. Eine Frische weht von dem Bergland

herüber. Am Ende unsrer Häuserreihe hier oben schimmert es mit seinen

runden Linien bleich, ungewiß unter der herrlich entfalteten Pracht des

Sterngewimmels.

Es treibt mich an den Häuserchen entlang. Dicht streif’ ich an der

traulichen Helle ihrer Fensterchen hin, vorbei an dem matten Schimmer

ihrer hellbunten Tünche. Wie eine Vision empfind’ ich diese Eindrücke,

wie ich gleichsam mitten in all diesen Gedanken und Halbgedanken

hingehe, halb getragen von dem Rhythmus ihres seltsamen Lebens.

Ich bin über das letzte Häuschen hinaus. Das Stacket seines Hofes

springt weit ins Einsame des Höhenlandes hinein. Und nun schreite ich

vorwärts auf dem Saum der Höhe in die Nachtfreiheit hinaus, tauche

hinein in diese Einsamkeit, in der es nichts giebt als diese endlos

gewölbte Himmelspracht und unter ihr diese erstarrten Wellen des

Geländes mit seinem kurzen schimmernden Rasen, der den Schall meiner

Schritte dämpft wie Filz, nichts als diesen jungen dunklen Fichtenwald,

und jene Anhöhe, die als höchster Gipfel rings Berg und Thal

beherrscht, und der ich zustrebe, diese Einsamkeit, in der kein Laut

hörbar ist, als das Winseln und Pfeifen des nächtlichen Herbstwindes

mit seiner herben Frische, oder der ferne Ruf eines Käuzchen...

* * * * *

Durch das Rauschen der Fichtenwaldung bin ich hindurchgeschritten

und finde mich nun wieder im Freien. Über Kalksteingeröll steig ich

die weite Fläche hin dem Gipfel der Höhe entgegen; eine runde kahle

Erhebung, überwachsen von diesem spärlichen filzigen Graswuchs mit

seinen kleinen Wolfsmilchstauden, seinen wilden weißen und roten

Nelken, seinem gelben Steinklee und seinem hochzackigen Distelgestrüpp.

-- Eine Art dieser Disteln hängen sie da unten an den Querbalken ihrer

kleinen Stuben als ein Schutzmittel gegen die Fliegen. --

Auf dem obersten Gipfel laß’ ich mich nieder in das Gras, das wie ein

weicher Teppich ist.

Wie herrlich es sich hier oben über allerlei nachdenken läßt!

Denn nun bin ich ein Herr dieser ganzen weiten nächtlichen Gegenden,

ein einsamer Herr, und mir gehört die ganze, ganze Fülle ihrer

Wunder und Geheimnisse. Die schwarzen Wälder gehören mir, die in das

Thal hinabraunen, die dämmernden Tiefen mit ihren weißen Nebeln und

ihrem flinkernden Bach, weit dort drüben die silberbleich geisternde

Seefläche, das endlose Gewoge des Landes und alle Himmelswelten.

-- Das Städtchen mit seinem Vordorf ist nicht mehr zu sehen. Es ist

hinter dem Wald verschwunden mit allem, was klein und eng und warm und

traulich und wirrend und alltäglich ist, und was zur Klarheit seiner

selbst und seiner Einheit kommen möchte, in der großen Einförmigkeit

dieser Einsamkeit, mit mir und in mir...

* * * * *

Du hältst still, hältst diesem weiten Grauen der nächtlichen Öde

mutig still, kräftig, sie zu ertragen und fühlst, was die einfachen

und doch so mächtigen Akkorde dieser Linienzüge dieser Wölbungen,

dieser Formen, dieser großen und weiten Gegensätze von Halblicht und

Dunkel, dieser Himmelswölbung mit allen ihren großen und kleinen

Sternen, Sternbildern, kosmischen Nebelflecken, jeder Millionen und

Millionen von Sonnensystemen, in dir wie in einem Resonanzboden

wecken und ertönen lassen. Du bist in dieser herb-rauhen und doch

unsagbar wonnig-großen Andacht, mitten in dem mystischen Einklang ihrer

erhabenen Fuge, und du kannst sagen: alles, was nun in dir lebendig

wird, sind Geisterstimmen ewigen Flutens, ewigen Lebens und ewiger

Bewegung...

Still, wie ihr Geheimstes nun in dir offenbar wird! Und fühle,

ahne, was du bist! Wie du eine Offenbarheit bist, die sich selbst

unbegreiflich! Wage, das ganz, ganz zu fühlen, ganz in dieser

unsäglichen Empfindung zu erschauern! -- Was bist du nun und was

bedeuten deine Gedanken, was bedeutet dein Wissen, deine Gedanken? --

Und achte auf die, die wiederkehren und immer wiederkehren und aus der

Wirrnis deiner Alltäglichkeiten immer wieder emportauchen, und spüre im

Triumph deiner Ekstase ihre ganze und volle Würde! --

Da kommt sie wieder, die schlichte Meinung Meister Haberlands, dieses

kleinen dürren blonden Krämers mit seiner Glatze, seiner Brille und

seiner Schnurrbartraupe, dieses unscheinbaren Einen vom Dutzend, nicht?

-- Aber es sind nicht so besonders die Worte: nein! Du verstehst,

was das Unsagbare dabei ist, das Hellseherische kannst du sagen,

dieses ewig Gewisse, Wahre, Feste, dieses -- Hellseherische, das sich

nicht irren kann, nie! verstehst du? -- Es ist diese Stimmung einer

versonnenen, sinnenden Müdigkeit, halb wonnig, halb traurig, halb Ruhe,

halb Unruhe, wie sie sich wohl einstellt, wenn man den Tag über so

und so viel dummen Krempel von Ware verabreicht hat, so und so viel

Redensarten hat machen müssen gegen Menschen, die einem gleichgültig

sind. Das ist es. -- Die Nüance, das Unwillkürliche, dieses -- nun wie

soll ich sagen? -- dieses aus dem tiefsten Aus-sich-selbst-heraus.

Da ist es wieder: dieses simple Postulat, dieses so recht

volkstümliche Postulat eines „jenseitigen Ausgleiches“. -- Nun, es ist

altmodisch. Aber merke und vergegenwärtige dir, daß du, wenn du es

verneinst, nicht aus einer einheitlichen Stimmung heraus verneinst,

sondern etwa im logischen Geplänkel eines Disputes, oder aus der

Grämlichkeit einer Verbitterung heraus, nicht aus diesem Rausch, aus

diesem gesteigerten, vertieften Empfinden einer Einheit. Und nur im

Rausch ist das Leben und im Rausch offenbaren sich die Wahrheiten. Das

läßt sich kaum deduzieren, aber fühlen, fühlen, fühlen...

* * * * *

Die nachtdunklen Weiten! --

Das Schicksal des Dunklen! -- Am Morgen erhebt sich die Sonne und der

Tag strahlt über der Welt mit der Pracht seiner Helle, die sich an

dem unendlich mannigfaltigen und verschiedenartigen Widerstand des

Geformten in unzählig mannigfaltige Farben bricht. -- Das Gestirn

nimmt seinen Lauf bis zur jauchzenden Mittagshöhe des Tages, um dann

allmählich zu sinken. Dann wird es Abend und Nacht und das Dunkel

herrscht über der Welt.

Aber Licht ist eine Wahrnehmung und das Dunkel ist eine Wahrnehmung und

Licht und Dunkel bin Ich.

Jetzt aber sollen alle Sterne erloschen sein und alles, was geringstes

Licht ist, soll erloschen sein. Es ist nun eine Nacht, wo man die Hand

nicht vor den Augen sieht. Aber diese Nacht und das Dunkel dieser

schwärzesten der Nächte ist eine Wahrnehmung von Mir.

Jetzt aber lieg ich im Schlummer. Mein Bewußtsein ist geschwunden. Aber

das Dunkel ist noch da und alles ist noch da. Heimlich ist ihm mein

Unbewußtes geöffnet. Irgend eine leise Wahrnehmung ruft Traumbilder in

mir hervor, ihre Macht, oder irgend ein Geräusch, vermag mich zu wecken.

Aber nun erlischt auch dieses Wahrnehmen. Ich sterbe. -- Hier ist das

Unsagbare, das weder Dunkle noch Helle, das Weder -- Noch, das dennoch

ein Sowohl -- als Auch ist; das Weder -- Noch, das Sowohl -- als Auch

dunkler chemischer Prozesse. -- Und dieses Sowohl -- als Auch, dieses

Beieinander, dieser Inbegriff aller Möglichkeiten, Licht, Dunkel,

Farbe, Form, und nenne was du willst, alles in Einem Urgrund des

Erwachens und Erdämmerns. -- Krystallisation. -- Organisches Erwachen.

-- Schlummernder Traumzustand in seiner sich leise entfaltenden

geistigen Dynamik. --- Moner. -- Zelle. -- Zellenbildung. --

Pflanzenleben. -- Der Wurm. -- Sinne sich bildend. -- Und ~Einer~

erwacht wieder. Und aus dem Unergründlichen wieder der deutliche

Wechsel und das Gegensätzliche; und Seele und Geist; und Licht und

Dunkel und Farben Ihm wieder offenbar, Mir! --

Ausgleich? -- Auch! --

Ein einziges winziges ungestilltes Glücksbedürfnis: wer möchte seine

ganze und tiefste Bedeutung ermessen? Wer möchte Macht und Bedeutung

der geringsten, unscheinbarsten, winzigsten, übersehendsten der

Ursachen ermessen?

* * * * *

O Blick der Höhe!

Die Nacht um mich ist ein weites, kaltes eisiges Starren...

Ich will schlafen gehen...

Verlag von ~F. Fontane & Co., Berlin W.~

Arno Holz und Johannes Schlaf.

~Neue Gleise.~

Gemeinsames.

~Inhalt.~

Die Papierne Passion Papa Hamlet

Krumme Windgasse 20 Der erste Schultag

Die kleine Emmi Ein Tod.

Ein Abschied

Die Familie Selicke,

Drama in drei Aufzügen.

Preis: geh. M. 4.--; geb. M. 5.--

* * *

Der geschundene Pegasus.

Eine Mirlitoniade

in Versen von ~Arno Holz~ und 100 Bildern von ~Johannes

Schlaf~.

Preis schwarz M. 3.--; kolor. M. 5.--

* * *

Arno Holz.

Buch der Zeit.

Lieder eines Modernen.

Zweite Auflage.

Preis geh. M. 4.--; geb. M. 5.--

* * *

Der unverkennbare lebhafte Aufschwung, den die litterarische Produktion

im letzten Jahrzehnt genommen, die beträchtliche Fülle neuer Talente,

die sich auf allen poetischen Schaffensgebieten erschlossen hat,

die gesteigerte Regsamkeit des litterarischen Lebens überhaupt, die

sich bemerkbar macht, ließen es angezeigt erscheinen, ein Organ zu

schaffen, das zwischen Autoren und Publikum eine dauernde Vermittelung

herstellt und es übernimmt, das Interesse möglichst weiter Kreise

für unsere zeitgenössische Litteratur zu beleben und wachzuhalten.

Ein Organ, das zweckmäßig und geeignet sein soll, jedem Gebildeten

ein fortlaufendes und zuverlässiges Gesamtbild der litterarischen

Bewegung daheim und draußen zu geben, ohne ihn in das Dickicht der

Fachgelehrsamkeit zu führen, ohne ihn in das Lager einer einseitig

bestimmten Geschmacksrichtung zu ziehen, ohne an Zeit und Kosten

größere Aufwendungen von ihm zu verlangen.

Ein solches Litteraturblatt für weitere Kreise beabsichtigt die seit 1.

Oktober 1898 ins Leben getretene Zeitschrift

Das litterarische Echo

Halbmonatsschrift für Litteraturfreunde

zu sein, die am 1. und 15. jedes Monats, zunächst in einer Stärke

von durchschnittlich 32 Seiten bei vornehmer Ausstattung und einem

vierteljährlichen Abonnementspreise von zwei Mark erscheint.

„Das litterarische Echo“ hat sich u. a. die Aufgabe gestellt,

die zahlreichen historischen, kritischen und ästhetischen

Litteraturbeiträge, die alljährlich im Feuilleton unserer größeren

Tageszeitungen erscheinen, um meist sogleich wieder spurlos zu

verschwinden, auf einen dauerhafteren Boden zu retten, sie in einer

ständigen Rubrik je nach ihrem Werte im Wortlaut oder im Auszug zu

reproduzieren, mindestens aber in einigen Stichworten zu registrieren.

Eine Reihe von Blättern hat sich mit dieser Absicht, vorbehaltlich

der jeweiligen Zustimmung der Autoren, bereits einverstanden

erklärt, wir nennen u. a.: Allgemeine Zeitung (München), Berliner

Tageblatt, Bohemia (Prag), Breslauer Zeitung, Der Bund (Bern),

Fremdenblatt (Wien), Frankfurter Zeitung, Hamburgischer Korrespondent,

Hannöverscher Courier, Kölnische Volkszeitung, Neues Wiener Tagblatt,

Nationalzeitung, Neue Züricher Zeitung, Pester Lloyd, Tägliche

Rundschau, Vossische Zeitung u. s. w.

Einen anderen Arbeitszweig des litterarischen Echos werden die

ausländischen Litteraturbriefe bilden, deren jede Nummer gewöhnlich

zwei enthalten soll. Ein Stab von auswärtigen Mitarbeitern ist zu dem

Zwecke angeworben worden, in gemessenen Fristen über die wichtigeren

Neuheiten in der französischen, englischen, russischen, italienischen,

skandinavischen, dänischen, spanischen, ungarischen, belgischen,

holländischen, polnischen, südslavischen, griechischen, amerikanischen,

japanischen Litteratur in knappen, klaren, übersichtlich orientierenden

Artikeln fortlaufend zu berichten.

Der inländischen Litteratur wird „Das litterarische Echo“ zunächst

durch Artikel über einzelne Fragen und Persönlichkeiten gerecht,

insbesondere aber durch einen möglichst vielseitigen kritischen Teil,

in dem alle bemerkenswerten Neuerscheinungen durch sachverständige

Referenten thunlichst rasch und gedrängt besprochen werden

sollen. Außerdem enthält jede Nummer ein alphabetisch geordnetes

Verzeichnis sämtlicher neu erschienener Werke belletristischer und

litteraturwissenschaftlicher Art.

Eine gedrängte Zeitschriftenrevue wird regelmäßig den Extrakt aus den

litterarischen Beiträgen aller größeren einheimischen und ausländischen

Zeitschriften geben: aus den deutschen Zeitschriften in jeder Nummer,

aus denen des Auslandes in zwei, Heft um Heft abwechselnden Serien.

Abgeschlossene Proben aus bedeutsamen, neu erscheinenden Werken,

Porträts und kurze Biographieen, interessante Facsimiles,

Illustrationsproben u. dgl. m. sollen „Das litterarische Echo“

lebhafter und anregender für weitere Kreise gestalten helfen. Ein

genaueres Augenmerk gedenkt die Zeitschrift auch auf das litterarische

Leben und Streben in den einzelnen Provinzen und Bundesstaaten zu

richten, für dessen Emsigkeit die zunehmende Unzahl eigener kleiner

Organe beredtes Zeugnis ablegt.

Mit der Verarbeitung und Siebung dieses gesamten Materials soll der

Endzweck erreicht werden, daß sich in einem abgeschlossenen Jahrgange

des litterarischen Echos -- dem jeweils zum Schlusse ein genaues Sach-

und Namenregister beigegeben wird -- möglichst alles übersichtlich

verzeichnet und eingeordnet findet, was das Jahr an litterarischen

Erscheinungen von Bedeutung, an Büchern sowohl, als einzelnen Artikeln,

gebracht hat.

Stille Welten: Neue Stimmungen aus Dingsda · 第 5 / 6 段