Licht, das im Zimmer herrscht. Zart und zierlich mit der reinlichen
Form seiner dunkelgrünen Blätter. Und dieser feingezackte Rand! -- Und
vor allem die Blüte! -- Schön wie ein Traum! -- Diese eine Blüte mit
ihrer gekräuselten Fülle, mit diesem herrlichen Gelb und seinen roten
Tönungen nach dem Innern des Kelches zu. --
Die Rose!... Die Blume der schaumgeborenen Aphrodite, vom Blut des
geliebten Adonis gefärbt.
Die heilige Blume der Musen und Grazien.
Die heilige Blume des Dionysos.
Lydische Flötenspielerinnen mit Rosen bekränzt.
Sie, in uralten Tschuktschengräbern gefunden, der Liebling und die
Freude der Menschen schon vor mehr denn fünftausend Jahren vor unsrer
Zeitrechnung! --
Was das alles für Gedankengänge anregt! --
Die Blume der Liebenden. -- Die Liebe. -- Die Liebe eine Krankheit. --
Und der Schmerz! -- --
* * * * *
Der Schmerz. --
Was fällt mir da ein! --
Es ist Winter und alles ist dicht verschneit. Jeder Laut ist wie
von weiten dichten Teppichen gedämpft. -- Es ist ein Tag nach dem
Begräbnis. Die Erwachsenen sitzen still oben im Zimmer, in ihren
Trauerkleidern, und hängen ihren Gedanken nach. Wir Kinder aber
sind auf den Hof hinuntergegangen; diesen großen Gutshof mit seinen
verschneiten Stallgebäuden und Wagenreihen. Große Kinder sind wir
schon, dicht vor und nach der Konfirmation. Und wie wir nun den schönen
weißen Schnee sehen, da löst sich’s uns wie ein Bann und alle Trauer
ist vergessen. Hurtig bücken wir uns, und im nächsten Augenblick ist
die fröhlichste Schneeballschlacht im Gange. Aber das Lachen und Rufen
hat die Wirtsfrau in die Flurthür gelockt, und sie droht mit dem Finger
und mahnt mit ernst-lächelnder Miene.
Wir erschraken damals und schämten uns, und einer von uns quälte sich
nachher noch lange mit seinen stillen Reuegedanken und hatte seine
Betrachtungen, wie schnell man vergißt und -- vergessen wird...
Und doch: wie natürlich das alles war!... Und weiter: es fällt mir
in seiner ganzen Bedeutsamkeit das biblische Wort ein: „So ihr
nicht werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht in das Himmelreich
kommen!“...
* * * * *
Heimliche Dornenwunden ihr! -- -- --
Ah was doch! Keine sündigere Wonne, als die Wonne an den Schmerzen!...
Ich sehe aus meiner Rose heraus ein schönes starkes Gesicht, ein
Gesicht mit runden hellen Sonnenaugen, und in ihnen, zu schönem Maß
gebändigt, jenen süßen Wahnsinn, der aller Freude heimlichste Energie
bedeutet.
Wie ein Flötenlied prangt diese königliche Blüte, und ich bin in den
Gefilden der Schönheit und der Feste und des Vergessens, im Sonnenland
eines klugen Rausches...
Der Blumentopf.
Frau Haberland kennt meine Blumenliebhaberei, und so hat sie mir
denn auch gleich nach meiner Ankunft einige Blumentöpfe ins Zimmer
gestellt: eine schlanke Monatsrose, eine Fuchsia mit der Überfülle
ihrer schlanken tiefroten Blütentropfen, ein Heliotrop und vor allen
Dingen ein gewaltiges Geranium mit recht knallroten, bauernfröhlichen
Blütendolden, daß es eine wahre Herrlichkeit ist.
Der Asch dieses Geraniums ist einigermaßen merkwürdig: nämlich in
Bezug auf seine Farben. Zwar reichlich die Hälfte zeigt die natürliche
rotgelbe Thonfärbung: die andere aber ist um so interessanter. Da muß
wohl mal Farbe auf dem Topf gewesen sein. Freilich hat sich nur noch
ein geringer Rest davon erhalten. Denn nicht nur, daß, wie bereits
gesagt, die obere Hälfte des Topfes infolge irgend welcher Einflüsse
seine Naturfarbe völlig wiederbekommen hat: auch von unten her ist die
ehemals aufgetragene, ein lichtes Himmelblau, von Schimmel und feuchtem
Schmutz verdrängt, der sich in die Poren des Asches hineingefressen.
Das Weißgrau des Schimmels aber ist noch über das Schwarzgrau des
Schmutzes, der in breiten Streifen rings um den Asch liegt und dem es
allerlei Nüancen gegeben, hinausgedrungen, hat den Rest des schnurrig
gezackten ursprünglichen Blau verschont und sich nur in ein paar matten
Säumen, Tüpfelchen und Pünktchen um seine Ränder gelegt.
* * * * *
Ja, und nun mußt du frei sein von allem, was dir Sorgen und Gedanken
macht und mußt das Auge haben, das nichts will und nichts sieht und
doch etwas hat. Aber der bewußte Gedanke hat nichts durch das Auge.
Es ist kein Gedanke vorhanden. -- Ich las von den Roßhirten der
Pußta. Stundenlang können sie, wenn sie feiern, hingenommen von der
stummen Melancholie der weiten Ebene, auf demselben Flecke sitzen, in
den hellen Mondnächten, ums Feuer herum. Sie rühren kaum ein Glied,
sprechen kein Wort, sitzen nur so da in einer vollkommen animalischen
Ruhe und sehen ins Ungewisse, gleichsam wie die Hasen mit offenen Augen
schlafend. -- So mußt du sein. Nicht starren dürfen deine Augen. Sie
müssen ruhen, ruhen in einer seltsamen Müdigkeit. Aber dennoch bist du
so sonderbar wach, und deine Sinne, scheinbar auf nichts gerichtet,
sind einem Verborgenen offen, das sie irgendwie wahrnehmen...
* * * * *
Siehst du: jetzt bist du wieder ein kleiner Junge und sitzt auf dem
Fensterbrett, und es ist so wunderbar schönes Wetter. Und du guckst nur
immer, immer in die Höhe, in den schönen, tiefblauen Himmel hinein, in
einen Himmel so tiefblau wie das wundervolle Briefpapier, auf dem dein
Vater seine Geschäftskorrespondenzen zu erledigen pflegte. Und alle
Deine Sinne sind nur ein einziges unsagbares Wohlgefallen an diesem
Blau, an diesem tiefköstlichen Himmelblau...
* * * * *
Aber jetzt ist ja gar nicht mehr Tag: es ist eine Nacht im Süden. Nur
ins Endlose dehnt sich noch dieser helle Himmel, und seine wenigen
großen Sterne blitzen in so seltener fremder Pracht. Das ganze Land
aber ist eine einzige weite Ebene, ganz von einem silberblauen
Duft überwebt. Und ein fernes verhaltenes Rauschen der lichten
Meeresbreiten.
Alles ist so einsam, eine so tiefe leuchtende Ruhe.
Aber durch das Einsame, hoch, hoch am klaren Himmel kommt ein Wölkchen
gezogen, ein einziges langes weißes Wölkchen, ein wunderliches
Wölkchen...
Die Dose.
Es ist in der Abenddämmerung. Der rote Sonnenuntergang bringt nur noch
ein letztes rosa Licht ins Zimmer, das schon dunkelt. Eben noch so eine
Ahnung von einem matten, matten rosa Licht. Mein Sofatisch, der vor
dem breiten Pfeiler mitten zwischen den beiden kleinen Fenstern steht,
bekommt kaum einen Schimmer ab. Es liegt nur noch so in den Gardinen.
Ich stehe in der einen Fensterecke und habe die Dose im Auge, die auf
dem Tisch zwischen dem Schreibgerät steht. Es ist eine gelblackierte
Holzdose, ein kleines norwegisches Bauernkunstwerk, eine Schnitzerei,
die ich mir „aus der Kultur“ mit hierhergebracht habe in meine
verspätete Sommerfrische.
Ja, was nur eigentlich? -- Ah ja! -- Was mich mit einem Mal so an dem
Ding fesselt! --
Nun, die Kunst! Die Kunst! -- Die Kunstempfindung! Der Kunstgenuß! --
Es ist sicher schön, wenn man „Kenner“ ist, wenn man das alles auf
Regeln bringen, wenn man sich Rechenschaft geben kann, so und so kommts
zu stande, auf dem und dem beruht die Wirkung, und wenn das so und so
zu stande kommt, ist das und das richtig und das und das verfehlt; und
das wird erst der eigentliche und wahre Kunstgenuß genannt...
Aber wie fern mir das jetzt ist! -- Und ich weiß, was das Beste an der
Kunst ist. Und das ist diese plötzliche Wirkung eines Kunstwerks, der
allererste unsagbare Eindruck, dieser ganz undefinierbare Eindruck, der
Kenner und Laien zwingt und bannt, und den kein Kalkül, keine Kritik,
keine Theorie ermessen kann. Lebendig empfundenes und gebanntes Leben,
das wieder Leben weckt und belebt, tröstet, hebt und so wundersam ins
Weite führt. Das, wo nichts mehr zu sagen ist, als das letzte was
gesagt werden kann und was unantastbare Mystik ist: erhebende reine
Lustempfindung. -- Lustempfindung...
Das ist es: wie diese Arabesken so wundersame Linien in mein Gehirn, in
mein Empfinden ziehen, daß sie wieder in mir werden, was sie in jenem
Bauern waren. Und das ist das Beste an der Kunst und das Notwendige.
Und das ist die Dimension, für die wir ein anderes heimliches
Sinnensystem haben, einen verborgenen Sinn, der das letzte ist, an das
kein Verstand, kein Wort, keine Analyse und keine Theorie heranreicht,
das ewige Aktivum und das letzte wahre Sein.
Haftend an diesen Linien da vor mir, lebe ich im Einzigen und sehe es
mit übersinnlichen Augen.
Und ich sehe einen Pfahlbauern, der Kreise, Schlangenlinien und
Zacken auf ein Thongefäß malt und stehe vor dem Mysterium erster
Kunstbethätigung.
Ja, und stehe so da in diesem rosa Abendlicht und sehe die Dose und bin
-- Harmonie...
Herbstblumen.
Die letzten schönen Herbsttage sind im Land. Wie bin ich beglückt, sie
in dieser schönen Weltabgeschiedenheit verbringen zu dürfen! --
So gegen Mittag hin, wenn die Sonne fast im Zenith steht, nehm’ ich
ein Buch unter den Arm, schreite zwischen dem behaglich gackernden
Hühnervolk hin über den kleinen Hof und steige die sechs rissigen
Kalksteinstufen neben der Scheune in die Höhe, die zu der kleinen
Holzgatterthür hinaufführen, durch die ich in den Hausgarten gelange.
Etwa ein Morgen Land hinter der Scheune. Zur Hälfte Gras- und
Obstgarten, zur anderen Hälfte Gemüse- und Blumengarten. Eine dichte
Rotdornhecke grenzt den Garten gegen das freie Hügelland ab hinter dem
Haus. Die graugelbe Lehmwand der Scheune ist fast gänzlich von Weinlaub
überwuchert. Die Fülle der gelblich-grünen und blauen Weintrauben lugt
daraus hervor.
Mit einer milden Helle schimmert das Licht auf dem Gras, auf dem
gelbenden Laub, auf dem letzten Blumenflor des Jahres. Eine köstlich
linde Wärme. Und kein Lüftchen regt sich. Man hört nur die Laute
des Geflügels vorn vom Hof her, oder den dumpfen Fall eines Apfels,
einer Birne, einer Pflaume in das Gras. Oder das Rucken, Gurren und
Flügelklatschen der Tauben auf dem Scheunendach.
Mein Lieblingsplatz ist die Pfeifenkrautlaube hinten im Gemüsegarten,
denn da kann sich mein Auge so recht an den vielen Blumen erfreuen.
Grüngestrichene Lattenbänke stehen um einen Baumstumpf herum, auf dem
ein ausrangierter Mühlstein befestigt ist. Das ist der Tisch. Durch
das dichte Gewirr der breiten Blätter dringen die feinen Sonnenstrahlen.
Man läßt sich nieder und in den vielen Pausen zwischen seiner Lektüre
blickt man vor sich hin in den Garten...
* * * * *
Da ist zuerst, wie ein hoher Zaun gegen den Obstgarten hin, die lange
Reihe der Sonnenblumen. Ihre mächtigen Blütenscheiben mit dem braunen
Rund ihrer Körner, um das die gelben Blütenblätter flammen, hängen
schwer an den dicken Stengeln nieder. -- Dieses prächtige Gelb leuchten
zu sehen!... Drunter, über ein Beet hin kriechen die Kürbisranken mit
dem Blaugrün ihrer großen Blätter, zwischen denen die hellgoldgelben
Blütenglocken hervorschimmern. Dann ruht der Blick auf den Gemüsebeeten
mit ihren Kohlstauden. Die eigentliche Pracht des Gartens aber
entfaltet sich auf den Rabatten, die sich an den Buchsbaumeinfassungen
der Kieswege hinziehen.
Hier glüht die dunkle Herrlichkeit der braunroten Georginen, der Rosen
der Jahreszeit. Hier blinken die weißen und gelben: alle mit diesen
zierlichen Trichtern ihrer Blütenblätter. Minutenlang können sie einen
bannen, daß man schier weiter nichts denkt, nichts fühlt, als diesen
wunderbaren Farbeneindruck. Die letzten Falter taumeln drüber hin. Auch
ein prächtiger Schwalbenschwanz hat sich von den grünen Kalkhügeln über
die Hecke hier herüber verloren.
Und dann ragen da die hellvioletten Nachtviolen, und mit seidigem
Glanz dämmern die dunklen Stäudchen der Heliotropen. Und die vielen
Sterne der blauen, weißen, violetten und roten Astern; Geranien, weiße
Kamillen, gelbe Studentenblumen, Strohblumen und die letzten Nelken.
Sie duften nicht mehr: aber der ganze Gartenwinkel ist bunt wie ein
Tuschkasten, und die liebe Sonne hat eine herzhafte Lust, all diese
vielen Farben so recht licht und fröhlich leuchten zu lassen.
* * * * *
Es überkommt einen so eine freundliche Müdigkeit. Diese linde,
lächelnde Herbstmüdigkeit, mit der all das Sommerleben ringsum in den
nahenden Winter hinüberschlummert, teilt sich einem mit. Und dies
Gefühl wertet so eigen heimisch und weise mit still erdämmernden
Gedanken das Leben. Das hoffende Erwachen des Frühlings, wo das junge
Leben mit strotzenden Zellen so dumm-fröhlich sich dem nahenden
Lichte zudehnt und sich vor Neugier und Ungeduld in seiner ersten
täppischen Frische nicht zu lassen weiß. Und dann steht das uralte,
zeugende, nährende, reifende Rund auf der Mittagshöhe des Jahres
und die Zeit der Erfüllung ist da. -- Sommerglück! -- Heißes,
jubelndes Sommersonnenglück! -- Blüht, prangt, jauchzt in hundert
und aberhundert heißen Farben! Duftet und jubelt! Und tausendfältig
üppige Reife! -- Aber Licht, zu viel Licht, zu viel heißes Glück
und Überschwang des Lebens; an den grellen Tagen, in den warmen
sternfunkelnden Nächten. Und in all dem Jubel stöhnt leise der Schmerz
allzudrückender Fülle und grollt und brüllt sein süßes Leid aus in
dunklen Gewitterstürmen.
O, diese köstliche lächelnde Müdigkeit nun, die an Schlummer denkt
und Ruhe; diese Betäubung in Erinnerungen all des treibenden,
heißen, glühenden Lebens, dessen letzte Farben blinken in diesem
freundlich-heitern, mild-müden Glanz! --
* * * * *
Eine dieser dunklen Georginen liegt vor mir auf dem grauen Stein mitten
zwischen bernsteingelbem Weinlaub.
Sie nimmt sich aus wie ein dunkelrubinrotes Kristallgebilde. Auf dem
Grund ihrer Blütentrichter vertieft sich die etwas hellere Farbe ihrer
Ränder und Spitzen ins schwärzlich-dunkelrote, blauviolette hinein. --
Wie die Farbe eines mystisch-dunklen Auges, das einen so eigentümlich
bannt mit einer Stille, von der man mit irgend einem heimlichen
inneren Sinne weiß und ahnt, daß sie die unendliche Rastlosigkeit
unmeßbarer Vibrationen bedeutet... Gebändigte Leidenschaft, gezähmte,
selbstbewahrte, konzentrierte, kluge Freude. Aller Freude, aller
Weisheit und alles Wissens von tiefstem Leid und hellster Lust trächtig
und ihrer Einheit ein Symbol...
Ich erinnere mich plötzlich an ein Grabmal oben auf unserm Friedhof.
Ein hochschlanker Stein in der Form eines oben abgeplatteten Obelisken,
von dem in steifen feierlichen Falten ein goldumfranztes Gewand
herniederhängt. An der einen Seite ist die Schlange herausgemeisselt,
die kreisrunde Schlange, die sich in den Schwanz beißt. Ich ahne mehr,
als daß ich’s weiß und mir erklären kann, wie ich gerade zu dieser
Erinnerung komme. -- Und ich beginne mit diesem dunkel verstehenden
Ohr auf all die unsagbaren Gewißheiten zu lauschen, von denen dieses
Ahnen spricht und deren es trächtig ist, dieses Ahnen, das nicht mit
abgemessenen Worten spricht und geformten Gedanken; dieses Ahnen, ein
unerschöpflicher Urborn all der verkündeten geoffenbarten, in Worte
gefaßten Weisheiten von Urbeginn...
Die dunkle Georgine...
* * * * *
Die Heliotropen...
Mit den tiefsatten Farben ihrer krausrunden Blätter und ihren feinen
Dolden, zwischen denen hier und da ein helleres Weißblau hervorblickt,
wenden sie sich der Sonne zu. -- Ich habe mir zuhause ein solches
Stäudchen auf ein Stück schwarzen Sammetes sticken lassen und mir diese
Stickerei über den Schreibtisch gehängt.
Die hohen Sonnenrosen wenden sich lauter und greller zum Licht,
indessen diese violetten Dolden in ihrer bescheidenen Verborgenheit
still eine süße Sehnsucht hauchen.
Eine Sehnsucht, für die bald die feuchten Herbststürme brausen werden...
Eine Sehnsucht, die bald ihren Frieden finden wird unter dem blanken
Winterschnee...
Die Heliotropen...
* * * * *
Aber diese unverwüstlichen Geranien!...
Leuchten das ganze Jahr mit diesen grellfröhlichen Bauernfarben.
Letzt vergangenen Sonntag haben wir Erntefest gefeiert. Im
Gasthaussaal gab’s natürlich Tanzvergnügen. Diese Bauerndirnen alle
und Ackerbürgermädchen in ihren grellen, hellfarbigen Kleidern.
Klatschrosenrot und cyanenblau... Und oben auf der engen Gallerie
siedelten, flöteten und trompeteten die Musikanten, unten aber
rauschte und jauchzte die junge Lust und stampfte, drehte sich,
schleifte und wirbelte und wurde nicht müde.
Die Geranien...
* * * * *
Und die Astern! -- Die Herbststerne! --
Sie beginnen schon welk zu werden, und die weißen bekommen
hellgelb-braune Spitzen an ihren vielen schmalen Blütenstrahlen.
Die kühlen Nächte mit ihren bleichen Sternen und huschenden
Mondlichtern, wenn der Wind über die Hügel und die fahlen Stoppelfelder
kommt, um das Haus weht und im Rauchfang singt! --
Das erste Frösteln dieser Nächte und Abende, wenn die ersten Bratäpfel
in die Gespräche bei der Lampe zischen und mit ihrem Duft das warme
Zimmer erfüllen.
Das Gekrissel der Astern mit ihren welkenden Farben in diesem müden,
linden Sonnenlicht! --
Weißgraue Wolken treiben sich da drüben am Himmel umher, schleichen und
schieben sich dicht über den fernen Rand der kahlen Felder hin, von
denen der scharfe Rauch der ersten Kartoffelfeuer herüberweht. Bald
werden sie sich zusammenschieben und ihr trübes gleichmäßiges Grau über
den ganzen Himmel ziehen, aus dem der unaufhörliche Regen den ganzen
Tag über herniedernäßt, wenn der letzte Apfel, die letzte Birne vorn in
der Obstkammer liegt. Dann erlöschen diese letzten freundlichen Farben
in ein schmutziges Braun der Verwesung in der feuchten Einsamkeit hier
draußen! Und bald glitzern die feinen Sternchen des ersten Reifes.
Die Astern...
* * * * *
Die Nachtviolen...
Leise schwanken ihre lichtvioletten Dolden und taumeln in diesem
sanften Lichtrausch auf ihren schwanken Stengeln, an denen sich Blatt
an Blatt fiedert.
Es ist Abend. Einer dieser schönen, hellen Mondabende, die wir jetzt
haben, und in denen sich’s immer noch hier draußen aushalten läßt.
Alles ist still. Über den Obstbäumen steht die Scheibe des zunehmenden
Mondes, der nun bald voll sein wird. Alle Farben sind in seinem
bleichen Lichte erblaßt. Nur das Schwarzbraun des Scheunendaches und
das Schwarzgrün der Bäume mit dem blassen stillen Lichtschimmer, der in
Flächen draufliegt, sich kraus über das Laub breitet.
Die Hunde kläffen, das Käuzchen ruft und der Nachtwächter tutet in sein
Horn.
Die schlanken Stengel ragen ganz still, und auf ihnen geistern die
Dolden und glimmen in einer blassen nebligen Farbe. In der tiefen Ruhe
lauschen die alten Sagen und Kunkelmärchen mit blassen, irren Augen
unterm Mond. -- Dann kreist die Geisterlaterne zwischen dem Bergland um
den Galgenhügel, und die Nachtluft geht wie mit Stimmen.
Die Nachtviolen.
* * * * *
Die gelben Studentennelken...
Richtig! Daß ich’s heut abend bei Leibe nicht versäume in den „goldenen
Stern“ zu gehen! -- Des Herrn Bürgermeister dicker Haussohn ist da,
der im siebenten Semester _utriusque juris_ beflissen ist und nächstens
seinen Referendar „deichseln“ wird. -- Ich werde mit an dem runden
Stammtisch sitzen, im Kreis der Herren Honoratioren und mit dem Herrn
_cand. jur._ „übers Kreuz“ und „aufs Speziellste sine Löffelung“ trinken
und mir von ihm ein bißchen was vorrenommieren lassen.
Ich sehe schon seine kleinen, etwas stumpfsinnigen, wasserblauen
Äugelchen, die in den runden Hängebacken verschwinden wollen, auf
denen die drei prächtigen „Durchzieher“ wie drei Röslein glühen. Und
höchstwahrscheinlich werde ich schändlicher Weise mit ihm und seinem
Papa einen soliden Dauerskat „kloppen“...
Das sind hier so meine kleinen kleinstädtischen Herbstabendfreuden mit
der stillen Behäbigkeit ihres Philistertums. Man raucht seine Cigarre
und trinkt sich nach dem kostbaren Nichtsthun des lieben langen Tages
dieser letzten Herbstsommerfrische „die nötige Bettschwere an“... Nun!
--
Die gelben Studentenblumen...
* * * * *
Eins, zwei, drei... Eins, zwei, drei...
In der Scheune wird der Roggen ausgedroschen. Gegen den Hof hin sind
die beiden Thorflügel weit geöffnet. Im staubwimmelnden Halblicht
stehen in Hemdärmeln die drei Drescher und schwingen im Takt ihre
Flegel. Auf den Speichern aber hantieren ihre Weiber, grellbunte
Staubtücher um die Haare geknüpft, und werfen ihnen die frischen Garben
zu. Draußen vor dem Thor giebt’s ein emsiges Durcheinander von Hühnern,
Enten, Tauben und Spatzen.
Am schönsten aber wird das alles erst, wenn der erste Schnee gefallen
ist. Winter! --
Der schönste Cherub kommt.
Mit weitweißen
Weichen Schwingen
Schimmert er durchs Dunkel;
Kalt, starr und grausig
Und -- süß wie der Wille Gottes,
Heimatliederumraunt ...
Weltspiel.
Ich durchblätterte einen alten Jahrgang des „~Graphic~“, den
mir der Aktuar geliehen und es fiel mir auf, daß kaum in einer
anderen mir bekannten Zeitschrift so viel Haupt- und Staatsaktionen,
Regierungsakte, Völker- und Sittenbeschreibungen, Kriegsberichte,
Ereignisse zu Wasser und Land in Wort und Bild berichtet und
geschildert sind, als in diesem „Graphic“.
Als ich den Band, nachdem ich mir seine Illustrationen besehen und
dies und jenes gelesen, beiseite legte, befand ich mich in einer ganz
eigenartigen Stimmung. Und ich fühlte, wie in ihr sich eine Reihe sehr
naheliegender, durch Anschauung und Lektüre angeregter Gedankengänge
gleichsam bildlich verdichtete, gleichsam zu einer Vision oder vielmehr
zu so etwas, was ich fast eine Vision nennen könnte... denn es war kein
deutliches Bild, mit den ganz bestimmten plastischen Eigenschaften
eines solchen, sondern mehr das Gefühl eines eigentlich Undefinierbaren
und Unbeschreiblichen, für das sich dennoch aber ein bildliches Symbol
etwa in einem unablässig fluktuierenden Kristallisationsprozeß finden
ließe. --
Mir war, als wenn das alles ein höchst eigenartiges konzentrierendes
Denken sei, das Alles Einzelne unwillkürlich immer zu einer Einheit
führt und in einem engen Zusammenhange mit dieser Einheit erkennt, so
wie der religiöse Mensch alles auf Gott zurückführt und in allem Gott
erkennt und ihn etwa als ein fortwährend und beständig sich zugleich
bildendes und lösendes Allcentrum anerkennt, fühlt und glaubt, ein
Centrum in diesem fortwährenden Sichbilden und zugleich Sichlösen ewig
und unvergänglich und mit diesen beiden parallelen Eigenschaften eine
Einheit. --
Das sah ein Fühlen, das... Ja, was könnte da gesagt werden...
* * * * *
Nun spielt sich’s aus einer, ich möchte sagen, gleichsam mathematischen
inneren Anschauung ins Menschliche, Organische, in den Bereich des
Geformt-Körperlichen, kommt es näher, kommt Er näher, oder Es --, ein
doppeltes in einer Einheit, eine zwiefache Einheit, das Widerspiel und
Ineinanderspiel des Männlichen und Weiblichen in Einem. -- --
Das Denken der Menschheit hat durch Milliarden von Generationen Gott
gesucht, um immer deutlicher zu erkennen, daß sein Ziel nur die
Menschheit selbst ist, und im letzten Grunde wieder das Individuum,
aber nicht bloß das menschliche, sondern das Individuum überhaupt, und
der Mensch als Individuum.
Und was ist das, dieses Individuum? Ein sich Bildendes, Wandelndes,
dunkel Wollendes; eine -- _causa movens_? Ein... das letzte Rätsel! --
Das Unenthüllbare!...
* * * * *
Staatsaktionen, Herrscher, tägliches Lebensspiel ...
Wie denn nur? -- Alles hat seine Würde, und alles ist doch ein
Gleitendes, Fließendes.
Ich sitze immer nur vor diesem einen Strudel und sehe immer nur dieses
sein Kreisen...
Ich sehe ein ungeheures Netz. Worte und Werte seine Knoten. Die ewigen
dunklen festen Runen, das Geistige... Und alles, alles wird Wort, und
ist...
„Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott und Gott war das
Wort“...
* * * * *
Da ist ein Bild in meinem „~Graphic~“.
Unterschrift: „_The expulsion of the Jesuits from France. -- Inside
the convent. -- The Commissary of police reading the decree of
expulsion before breaking open the inner door._“
Die gehalten-bestimmte, höflich-liebenswürdige Haltung der Beamten;
das finstere, mürrisch-erstaunte und betroffene und doch haltungsvolle
Gesicht der Patres. Die Beamten fragen und machen ihre Notizen.
Man respektiert sich und vollbringt möglichst gelassen das --
Notwendige...
Fertige, alte, kluge Zeit.
Ruhe.
Wie man sich immer wieder balanciert. --