Mit einigem Mißtrauen, mich so leicht wie möglich machend, k

Anmerkungen zur Transkription:

Der vorliegende Text wurde anhand der 1899 erschienenen Buchausgabe

erstellt; Interpunktionsfehler wurden dabei stillschweigend korrigiert.

Das Inhaltsverzeichnis wurde der Übersichtlichkeit halber an den Anfang

des Textes verschoben.

Die folgenden offensichtlichen Fehler wurden korrigiert:

#Urheberrechtshinweis: ‚Ubersetzung‘ --> ‚Übersetzung‘

#S. 52: ‚Nuance‘ --> ‚Nüance‘; ‚Herrn Aktuar‘ --> ‚Herr Aktuar‘

#S. 86: ‚schaumgeboren Aphrodite‘ --> ‚schaumgeborenen Aphrodite‘

#S. 87: ‚auf dem Hof hinuntergegangen‘ --> ‚auf den Hof

hinuntergegangen‘

#S. 94: ‚ein geriger Rest‘ --> ‚ein geringer Rest‘

#S. 134: ‚des elekrischen Drahtes‘ --> ‚des elektrischen Drahtes‘

#S. 170: ‚Trappeln und Ranschen‘ --> ‚Trappeln und Rauschen‘

#S. 183: ‚dnrchkrampft‘ --> ‚durchkrampft‘

#Anzeige in „Das literarische Echo“: ‚ohne ihn in das Lage‘ -->

‚ohne ihn in das Lager‘; ‚Mtarbeitern‘ --> ‚Mitarbeitern‘; ‚in

gemessenien Fristen‘ --> ‚in gemessenen Fristen‘

Der Originaltext wurde in Frakturschrift gesetzt. Im vorliegenden

Text wurde dabei Antiquaschrift mit _Unterstrichen_ gekennzeichnet;

gesperrte Passagen wurden durch ~Tilden~ hervorgehoben.

Johannes Schlaf

Stille Welten

Neue Stimmungen aus Dingsda

[Illustration]

Berlin W

F. Fontane & Co.

1899

Stille Welten

Neue Stimmungen aus Dingsda

von

Johannes Schlaf

[Illustration]

Berlin W

F. Fontane & Co.

1899

Alle Rechte

insbesondere das der Übersetzung

vorbehalten.

Inhalt.

Seite

1. Das blaue Zimmer 1

2. Unser Haus 7

3. Muskochen 13

4. Programm 21

5. Der Wanderer 27

6. Der Marterturm 35

7. Logos 55

8. Im Laden 65

9. Das Rosenfest 83

10. Der Blumentopf 91

11. Die Dose 99

12. Herbstblumen 105

13. Weltspiel 123

14. Ruhe 131

15. Beim Türmer 139

16. Die Hyacinthe 149

17. Die Fliegen 155

18. Bornschein 161

19. Bibellektüre 167

1. Incarnation 169

2. Gethsemane 185

3. Golgatha 203

20. Nachtgang 217

Das blaue Zimmer.

Jetzt, zum Herbst erst, bin ich also in die Sommerfrische gegangen und

will nun diese ganze Jahreszeit mitsamt dem Winter hier, -- hier! --

verbringen.

Ein sonderbarer Einfall.

Doch mit solchen sonderbaren Einfällen hab’ ich’s ja nun mal. --

* * * * *

Aber dieses Blau ringsum! Dieses Blau, dieses wunderköstliche Blau!

Wer von meinen lieben Wirtsleuten, Herr Haberland oder Madame, ist nur

auf diesen entzückenden Einfall geraten, mir meine Bude inzwischen in

dieses wunderscheene Himmelblau zu kleiden?

Wirklich: _je me trouve tout en bleu!_ --

Dieses nichtsnutzige Französeln! -- Ich muß denn doch wohl in letzter

Zeit zu viel Verlaine gelesen haben. --

Alles blau! -- Diese himmlisch hellhimmelblaue Wandtünche! -- Und an

den Fenstern diese niedlichen Dingerchen von Vorhängen aus Kattun

mit ihrem Kornblumenmuster und ihren sauber ausgeplätteten Falbeln.

Dieser blaugestrichene Tisch mit der blaugemusterten Quastendecke.

Hellblaugeblümt das Sofa dahinter und hellblaugeblümt die Polster der

blauen Stühle. Blau die Thür mit ihrer sinnigen weißen Lilie, von der

ich nun freilich nicht ganz genau weiß, ob sie nicht dennoch eine Tulpe

sein soll. Blau der ehrwürdige Kleiderschrank. Blau auch das kleine

Rollschreibepult, auf dem Meister Haberland während meiner Abwesenheit

seine Cigarrenkisten aufzustapeln pflegt. Nur der Rundspiegel über

dem Sofa mit der langen, seitwärts ragenden Pfauenfeder hat einen

vergoldeten Rahmen und das große Öldruckbild der Sixtinischen Madonna,

die in ihren prächtigsten Couleuren prangt.

Ein Pendant bietet meine Kammer. O dieses Himmelbett, in dem man

versinkt bis über die Nasenspitze! Und dieses zartblaue Blumenmuster

seiner Vorhänge!

Und der blaue Bauernkachelofen mit seinen Bronzemalereien, denen sicher

irgendwelche Muster aus der Steinbeilzeit zu Grunde gelegen. --

Unser Haus.

Es will Nacht werden.

Ich steige den Hügel hinauf, auf dem unser Haus liegt.

Die kleine Häuserreihe da oben, die größere Häusermasse des Dorfes hier

unten: über alles scheint der runde Mond...

Hell wie am Tage breitet sich die ganze Gegend. Die Hofhunde kläffen

und bellen in allen Tonarten. Der glitschige Rasen, auf dem ich in die

Höhe klimme, breitet sich im Silberflimmer.

Nun bin ich vor unserm Haus.

Unserm Haus..

Mein Gott, diese Stille!...

Ich betrachte das kleine Gebäude, und erfasse es mit meinen gestillten

Sinnen.

Diese weiße geisternde Tünche! Und so eigen dunkel das verwitterte

Ziegeldach drüber in den erhellten Höhen! Und wie der riesige Nußbaum

es überragt! Dieses unaufhörliche Flüstern und Rauschen in seiner

runden Krone...

Wie ein Hauch alles, wie ein Hauch! Wie ein Traum, ein Träumen...

* * * * *

Nur ein Erdgeschoß. In der Mitte dunkelt die braune Hausthür. Zwei

rissige Kalksteinstufen führen zu ihrer Schwelle hinauf. Sie reichen

bis zur Ladenthür hinüber. Die dicken Firmschildbuchstaben mit ihrer

schwarzen Ölfarbe: Albert Haberland.

Die Läden des kleinen Schaufensters sind geschlossen.

Vier Fenster. Oben seh ich meine zwei Giebelfensterchen. So licht ist

die Nacht, daß ich das Kornblumenmuster der Gardinen erkennen kann.

Ein kühler Luftzug weht von den Bergen her die Häuserreihe herab und

spielt mit dem blauen Pappschild neben dem Schaufenster. Mit weißer

Kreide sind allerlei in dieser Jahreszeit besonders verlangte Waren

draufgeschrieben.

Dieses Klappern und Rascheln des Schildes gegen die Hauswand!

Heimisch-gruslig wie so eine Art Gespenst in dieser Nachteinsamkeit!

Nun, Gott bewahre Herrn Haberland vor Alpdrücken und uns alle vor allen

schlimmen Dingen...

Gute Nacht! --

Muskochen.

Vielleicht zum heimlichen Verdruß der Frau Haberland konnt’ ich mich

heute vormittag nicht sogleich von der Küchenthür fortbringen. Denn

Madame Haberland hatte ihre liebe Not. -- Vor ein paar Tagen haben

wir nämlich hinten im Garten die Pflaumen gepflückt, und nun ist sie

beim Muskochen. -- Seit frühem Morgen schon ist dieser Duft nach

frischgekochten Pflaumen durch das Haus gezogen und war auch zu mir die

Treppe in die Höhe gekommen; und wie so etwas zu Unsereinem zu kommen

pflegt: man hat als Stadtpflanze gleich seine Neugier auf so eine

unbekannte weiblich-ländliche Bethätigung, daß man seelenvergnügt die

Treppe hinunterspringt und mit dabei sein muß.

Und dann gab’s da so viel Vergnügliches.

Dieses Loch von Küche mit seinen rotgetünchten Wänden, mit seinen

mannigfachen Geräten und seinem mit roten Ziegeln ausgelegten Fußboden!

Und nun Madame Haberland! --

Sie ist großartig! Geradezu großartig!...

Wirklich: wie so ein weiblicher Heros steht sie in dieser engen heißen

Kajüte von Küche. Dicht vorm Herd. Und wie die von der Glut krebsroten

Arme sich bewegen, wie ihre runden fetten Hände den Musrührer

umklammern und mit ihm in dem mächtigen Kupferkessel umherrühren, aus

dem der dicke weiße Brodem in den schwarzen Rauchfang hinaufsteigt!

-- Wie sie in Glut, Hitze und Dunst dasteht, stramm und rund, und ihr

gesundes Mondgesicht wie eine Bauernrose glüht!...

Um sie herum aber in liebenswürdigster Krabbelei ihre sechs Bälger,

wie sie sie selbst in sehr begreiflicher Rage tituliert, mit einem

schwachen Versuch, sich ihrer Wißbegier, ob das Mus bald fertig ist, zu

erwehren. Alle sechs wimmeln um sie herum und füllen das kleine Ding

von Küche, daß der bekannte Apfel nicht zur Erde fallen könnte. ---

Alle sechs, denn selbst die älteren sind heute zu Haus, weil gerade die

Herbstferien sind.

Der eine ist über die Nußschüssel her, denn in ein richtiges

Pflaumenmus müssen auch Nüsse hinein, Nüsse mit grüner Schale;

meinetwegen kann die grüne Schale auch fehlen, ich höre aber: die mit

der Schale sind das eigentlich Richtige...

Minchen interessiert sich für das Faß, das mit den aufgeschnittenen und

ausgekernten Pflaumen gefüllt ist. Die beiden älteren bethätigen neben

ihr ein gleiches Interesse, obgleich von Madame Haberland mehrmals in

sehr energischer Weise aufgefordert, ihr die beiden bereits laufbaren

Brüderchen abzunehmen, die mit stieren Guckaugen und gereckten Hälschen

wie die Kletten an ihren Schürzenzipfeln hängen. Aber Grete, dieses

„große alte Kalb“ hat nur einmal so einen halben Versuch gemacht, als

ob sie Fritzchen und Karlchen von Mamas Schürze lösen wollte. Denn sie

brüllen so... Mäxchen, das noch nicht laufen kann, ist es inzwischen

gelungen, bis zum schwappvollen Wassereimer zu rutschen, wo es

ernsthaft und gründlich seinen kleinen stillen Beschäftigungen obliegt.

Madame Haberland seufzt nur noch ab und zu, in Bezug auf Fritzchen und

Karlchen resignierend, und rührt nur mit aller Kraft in ihrem Kessel

umher. Kaum daß sie, ohne im übrigen ihre Thätigkeit zu unterbrechen,

so auf gut Glück, noch mal so etwas wie ein „Balg“ oder sonst ein

autoritatives Kosewort mit etwas weinerlicher Stimme in den Tumult um

sie her hineinwirft. --

Etwa zwei Minuten hab’ ich am Thürpfosten gelehnt und zugekuckt und

bin von der guten Madame Haberland, allerdings mit einer Stimme, der

nicht viel Neigung zu einer ausgedehnteren Unterhaltung anzumerken

war, obenein noch belehrt worden, daß zu einem guten Pflaumenmus außer

selbstverständlich den Pflaumen und den bereits erwähnten grünen Nüssen

auch noch Zimmet, Citronenschale und „janzer Ingwer“ gehöre. Aber

nun wend’ ich mich, ihre Stimmung respektierend, in den Flur zurück,

nicht ohne daß es mir vorher noch gelungen wäre, das beträchtlich

angefeuchtete Mäxchen in aller Stille von dem Eimer wegzubringen.

Es hatte sich an ihm emporgerichtet, und drohte soeben vornüber die

Balance zu verlieren...

* * * * *

Wie ich im Flur bin und im Begriff stehe, auf den kleinen Hof

hinauszutreten, wo es trotz des sonnigen Herbsttages „etwas kühler“

ist, fällt mir so ein, wie ich vor ein paar Jahren an einem schönen

Spätsommerabend die gute Madame Haberland einmal aus der Stadt hier

heraus begleitete. Wir waren eben über die Schloßgrabenbrücke aus dem

dunklen Thorgang in die Bergfreiheit herausgetreten, da stand der

Sommermond groß und voll zwischen den beiden uralten Schloßtürmen

und alles lag weithin in seinem Glanz. Madame Haberland, die wohl

etwas verschnaufen wollte, blieb stehen; und da sagte sie, ihr rundes

Gesicht freundlich zu dem schwesterlichen Gebilde hinaufgewandt: „Luna

lacht...“

Programm.

Aufs Land gehen. Das heißt Weltflucht, Flucht vor dem großstädtischen

Verkehr und seinen nervenzehrenden Zerstreuungen, Umgang mit der Natur,

Einsamkeit. Aber eigentlich bin ich nicht gerade hierhergegangen, um

den lieben Nächsten zu fliehen.

Der heilige Tertullian, oder ist’s Augustin? kurz eins von jenen

großen Kirchenlichtern meint: du wirst etwas mehr aus der Natur, von

Bäumen und Waldblumen lernen als aus den Büchern. Das mag schon seine

Richtigkeit haben: aber für diesmal nichts davon, denn: „_crede

experto_“: das Schlußstück ihrer Weisheit ist, daß sie Dich

vermittelst einer gründlichen Langeweile doch wieder zu dem lieben

Nächsten zurücktreibt. -- Und gerade der ist’s, den ich nichts weniger

als meiden wollte. Nur das, was man -- _dieu m’en préserve_!

-- Saison zu nennen pflegt, mit Gesellschaften, Soiréen, mit diesen

dummen Theateraufführungen und Konzerten; diese Buchhändlerläden mit

ihren kunterbunten Büchertitelbildern, die mit jedem Tag verschrobener

werden. Da mag ich ihn nicht, wo er wimmelt wie in einem Termitenbau.

Aber hier, wo er abseits in einfachen Verhältnissen als Bauer und

Halbbauer hinlebt, hier will ich ihn haben, will mich seines Umganges

erfreuen und von ihm lernen.

Ich werde in diesen Tagen meinen lieben alten Freund, den Herrn

Aktuarius Nerrlich aufsuchen, werde in der Weise von ehedem, denn er

ist in dieser Hinsicht so wunderbar jugendlich und frisch geblieben,

mit ihm über Politik, Kunst und Freisinn plaudern und mich von ihm

seinem Stammtisch zuführen lassen im „Goldnen Stern.“ Wir werden

uns Anekdoten erzählen, Stadtklatsch treiben, Cigarren rauchen,

Bier trinken und Kegel schieben. Nein: es wird gar keine Zeit sein,

Langeweile zu haben, denn nie bin ich mehr aufgelegt gewesen, alle

derartigen „Bagatellen“ und sogenannten Spießbürgerkram ernster

zu nehmen als derzeit. -- Ich werde mit Nachbar Schraube, dem

Fischermeister, auf den See hinausfahren, Fische angeln und Netze

legen, ich werde mit Herrn Haberland hinten in der Niederlage Bier

und Petroleum auf Flaschen ziehen, und mein Herz soll meinen lieben

Mitmenschen in keiner Weise verschlossen sein. --

Der Wanderer.

Es wehte mich heute einmal so an, aus der „Kultur“!

Du lieber Gott, es ist mir ganz plümerant geworden! Ich will das nur

alles einmal aus mir heraus wirbeln, und es soll ein Adieu sein für

lange Zeit, so Gott will! --

Panamaskandal, soziale Frage, der große Kladderadatsch, ethische

Kultur, Humanitätsdusel, gereinigtes Christentum, Neubauten,

Stiftungen, Volksküchen, Staatsstreiche, Kapital und Arbeit,

Antisemitismus, Bombenattentate, Dörings Seife mit der Eule, Wasmuths

Hühneraugenringe in der Uhr, Militarismus, die Ismen und Asmen, die

Aner und Janer, die Isten und Asten! O heiliges Tremtrem! --

Horr! -- Mein Schädel! Mein Schädel! --

Die Vielzuvielen! Die Vielzuvielen!

Erbarmen!

Will sich nicht etwas Neues durch mein Gehirn furchen und einen dicken,

dicken Strich durch all den Quark machen?!

Die Vielzuvielen!

O Nietzsche! O Martyrium! -- Wie werd’ ich sie los?!

Sieh, eine Hydra mit tausend Köpfen! Der alte Drache, der seine wirre

Weisheit in die Welt heult!

Wo ist der Herkules, wo der Siegfried, der ihm das Maul stopft?! --

* * * * *

O, er ist da! Er ist da! -- Die Not ist am größten!

Ich will mir das Trostlied vorsingen von Ihm, dem Einen, dem alten

herrlichen Drachentöter, dem Dummen, dem Riesen, dem Herrn über

die Vielen und Vielzuvielen, dem jungen Alten, dem Wanderer, dem

zweiseitigen Einzigen und Einen!

O Herr, Herr! Ein Trost- und Schlummerlied meinem armen Schädel!

Er ist der Eine, Adam, der alte köstliche Junge, der nie fertig wird,

der Endlose, ewig Wiedergeborene, der Vater der Vielheit, der aus der

Vielheit als der Eine wieder geboren hervortaucht, still, heimlich,

schlicht, unbekannt und die Vielheit überwältigt durch und in sich!

Der ewig Hungrige, der sie in sich hineinschlingt, um sie ewig neu zu

zeugen und Sich!

Komm, Du friedlicher Mörder und Totengräber Deiner Selbst! Komm, Du

streitbarer Riese, Herr und Friedefürst! Komm, Du hündischer Sklave

Deiner Selbst! -- Du herrlicher Herr, der blöden Menge ein Spott, den

wenigen Deinen eine verzweifelte Sehnsucht! --

* * * * *

Zuweilen hab’ ich eine Vision von ihm.

Ich sehe ihn über den Markt gehen. -- Er ist hager, unscheinbar und

schmächtig, mit dunklen tiefen Augen, wie sie der Rabbi von Nazareth

gehabt haben mag. Aber entschieden hat er etwas von dem dummen Jungen

aus Meißen. Das heißt: jetzt sieht er aus wie der ausgefeimteste

Jesuit! -- Nein! -- Doch! -- N...

Das ist Er, Zarathustra, der dunkle Herr, der Helldunkle!

Er ist behend, geschmeidig; ein Spott den Fetten und Neunmalklugen und

doch zehnmal schlauer als ihrer der Schläueste.

Mit nach innen gewandten Sinnen taumelt er, ein Innerer und doch ein

Äußerer, durch die Zeit, trunken von den Geheimnissen der Welt, und

träumt sie vor sich hin, und sein Träumen ist der alte Gigantenkampf

mit der Sphinx! --

* * * * *

Ich sehe ihn, den Taumler.

Er hascht nach einer Stimme; einer goldenen, grausigen, süßen Stimme.

Wo ist ihr Körper?!

Sie kichert, brüllt, singt, sänftigt und wühlt auf, peitscht und

peinigt, streichelt, kost, heult, klagt, flötet die alten, alten,

uralten Geheimnisse.

Irgendwo! Irgendwo!

Überall! Nirgends!

Ich sehe ihn, den Taumler, den Sucher.

In seinen Augen gleißt der Wahnsinn seiner Sehnsucht nach Ihr, nach Ihr.

Das ist Er, der Böse, Gute, Heimliche, Deutliche, und das ist das ganze

Geheimnis seiner Heimlichkeit.

Der Vielgeschmähte, Verlachte, Mystische.

Er!! --

Hahahahaha!! --

Das ist das Lied und das meine Glosse: Helf er sich selbst, ihm ist

nicht zu helfen!

Und eine andere, dunklere: Arzt, hilf Dir selber! --

O, ich habe die Schmähsucht. Du Harlekin _fin de siècle!_ Du Ritter von

der traurigen Gestalt! Mondpierrot, Phantast, Spielzeug einer Rotte

von dummen Jungen! Vogelscheuche, Uralter, junger Greis an Körper und

Weisheit! Ehrloser Hund! Tier! --

So seh’ ich ihn mitten über den Markt gehen. Die Spatzen pfeifen ihn

aus, und die Jungens schmeißen ihn mit Dreck.

Er greint und sie johlen oder gaffen stumm sein dummes Rätselgesicht an.

Das ist das dunkle, verrückte Lied vom Wandrer an der Wende.

Ich verlange nicht, daß einer draus gescheit wird! --

Der Marterturm.

Es ist Spätnachmittag. Ich stehe vor der Hausthür und lasse mich von

der Sonne und der frischen Bergluft, die über die Höhenwiese herweht,

zu einem Spaziergang einladen.

Unwillkürlich lenke ich meine Schritte zum Schlosse hin.

Bald habe ich in nur noch kurzer Entfernung das graue, weitgedehnte

Mauerwerk mit seinen Bastionen und Basteien vor mir, mit dem

altertümlichen Gebäude des Kreisgerichtes, den Domänen-Gebäuden,

dem Kirchturm der Schloßkirche und vor allem dem Wachtturm und dem

Marterturm, grau, tot, beide hergeisternd seit Urzeiten in alles

buntfröhliche Leben hinein.

Mir fällt ein, daß ich doch eigentlich noch nie den Marterturm betreten

habe, der so „außerordentlich interessant“ sein soll. Und nun wandelt

mich plötzlich ein Verlangen an, sein Inneres einmal in Augenschein zu

nehmen.

Ich will bei dieser Gelegenheit gleich meinem Freund, dem Herrn Aktuar

Nerrlich, so eine Art vorläufige Antrittsvisite machen. Bestimmt werde

ich ihn oben im Archiv des Kreisgerichts finden, und dann kann er mir

wohl auch gleich zu dem Turmschlüssel verhelfen, der es mir ermöglicht,

für einige Zeit mal in dem alten Burschen von Turm umherzukramen.

Langsam und vorsichtig steig’ ich den Kalksteig mit seinem kurzen

Rasen, auf dem man zuweilen ausrutschen kann wie auf Glatteis, zu der

Brücke hinab, die über den Wallgraben durch einen langen Thorgang in

das Schloßgebiet hineinführt.

Ich betrete den Hof.

Romantisches Gebiet!...

Hier gleich zur Linken befindet sich ein uralter Kellerraum, der jetzt

von der Domäne als Milchkeller benutzt wird. Natürlich ist es hier

nicht recht geheuer. Abends und um die Mittagszeit kommt es vor, daß

es den Mägden die Kerzen auslöscht und daß die tugendvergessenen unter

ihnen im Dunkeln von unsichtbarer Hand Ohrfeigen bekommen. Das ist das

Mönchsgespenst, das dann gegen Mitternacht mit Vorliebe an der alten

romanischen Kirche vorbei in das Kreisgerichtsgebäude eintritt und die

Korridore der Gefangenen unsicher macht.

Ich steige die Freitreppe zu dem großen Portal -- das Gebäude mag

aus dem sechszehnten Jahrhundert stammen -- hinauf und trete ein. Im

Vorflur begegnet mir der alte Gerichtsdiener Bärwinkel, der mir, „ganz

gehorsamst“ mitteilt, daß der Herr Aktuar oben im Archiv zu finden

seien... Drei endlose Wendeltreppen hinauf. Die Archivräume befinden

sich dicht unter dem Dachboden.

Ich trete ein. -- Helle, goldstaubwimmelnde Sonnenbalken stemmen

sich schräg durch den Raum mit seinen mächtigen Wänden, alle vier

voller Aktenfaszikel in Regalen von der Decke bis zu dem weißgrau

gescheuerten Dielenboden. -- Die vielen viereckigen Pappstückchen aus

der bunten Rückenverklebung, mit ihren „Hinz contra Kunz“ und ihren

Aktennummern aus den alten verstaubten Dingern hervor, bringen einige

Unruhe in diesen öden Papierspeicher. -- In der Mitte des Saales steht

ein gewaltiger Tisch, und an ihm sitzt ein nervöses Schreiberlein im

grauen Anzug, mit so einem richtigen blanken Sardellensemmelschädel,

löst die Aktenpapiere aus ihren bunten Papprücken und schichtet sie in

Stößen neben sich auf den Fußboden. -- Ich biete ihm die Zeit und frage

nach dem Herrn Aktuarius. -- Der Herr sollen sich in das Nebenzimmer

bemühen. --

* * * * *

_Recte tu quidem_! -- Da steht er, mitten zwischen Aktenbündeln

gleich am ersten Fenster, natürlich wieder hinter seiner Staffelei!...

Ah?!! -- Der kleine untersetzte Herr mit seiner goldenen Brille, seinem

rotrunden backenbärtigen Gesicht, die gestickte Sammetkappe auf den

Locken, die lang und schwarz, aber schon ein wenig „meliert“ bis auf

den Rückenteil der Weste fallen -- denn natürlich arbeitet er wieder in

Hemdärmeln -- breitet die Arme aus und starrt -- bist Du’s wirklich?!

-- in freudiger Überraschung auf den Besuch. -- Schnell mit lachenden

Stammelworten, eifrige Äuglein hinter den Brillengläsern, Palette und

Pinsel auf das Fensterbrett und nun, die Hände lebhaft ausgestreckt,

hervor, die meinigen mit temperamentvollem Druck ergreifend und sie

auf das Wärmste schüttelnd, indes er mich in seiner Aktuarwürde und im

Selbstbewußtsein seiner freien Seele wohlwollend erfreut mustert und

mich mit seinem schönsten, sonorsten -- er singt in der „Liedertafel“

einen sehr geschätzten Bariton -- Tribünenpathos begrüßt...

Natürlich interessiere ich mich für seine Malerei, die in

diesem langweiligen kleinen Nest nun schon mal eine seiner

Junggesellenschrullen ist. Ich bewundere, kritisiere und bitte ihn,

sich nicht stören zu lassen. Er pinselt weiter. Aber ich merke, wie er

sich auf unsere bevorstehenden Stammtischabende im „Goldenen Stern“

freut.

Ach, wie er vor Wißbegierde brennt! -- Wie er gleich nach der

„Weltstadt“ fragt, diesem Wunder seiner stillen Sehnsucht, und wie er

mich sofort in eins seiner freisinnigen Gespräche verwickelt. -- Diese

kleine naive Eigenheit, sogleich auf sein Lieblingsthema zu kommen,

läßt mich ihn lieben. Zwar es ist immer dasselbe von Büchner, Darwin,

Häckel, Vogt bis zur letzten Rede Eugen Richters: aber es hört sich

ihm so schön zu. Wie seine Augen vor Begeisterung strahlen, wie seine

Locken beben, wie er gestikuliert und eine fast jünglingshafte Verve

entwickelt...

Indessen für diesmal setz’ ich ihm ein Wehr und komme auf den Schlüssel.

Er ist einigermaßen verdutzt, aber dann giebt er mir nach einer kleinen

Pause, wennschon ein wenig verstimmt, Bescheid. In der Domäne kann ich

ihn bekommen... Ich spreche von heute abend und dem „goldenen Stern“

und erziele damit einen leidlichen „Abgang“...

* * * * *

Auf dem grauglatten Rasenfilz schreite ich zwischen windgeducktem

Heckenrosengebüsch hin, um das alte graue Ungeheuer herum.

Die tote Ruhe dieser vier kolossalen verwitterten Mauerflächen mit

ihren winzigen Luken! -- Er stammt aus der Zeit der sächsischen

Kaiser...

Wie die Falken schrillen! -- Und die vielen schwarzen Dohlen!...

Oben, man reckt sich den Hals aus, die niedrige schwarzbraune Haube im

klaren Blau, zwischen den weitgestreckten weißen Windbäumen! --

Tausendjährig! --

Ein wenig nervös steig’ ich die morschen Kalksteinstufen hinauf zu der

schweren, beschlagenen Thür. Wie sie in das Mauerwerk hineingehen,

geben sie einen Begriff seiner ungeheuerlichen Dicke.

Das Aufschließen macht Mühe. Das alte Schloß giebt Laute von sich, die

mir durch alle Nerven fahren.

Endlich! -- Die Angeln bewegen sich. -- Ein heiserer Baßton, der in

einen schrillen Diskant umschlägt in modriges totstilles Dunkel hinein,

wie -- aus ihm heraus mir entgegen.

Schwarze Stille! --

Ich trete ein und befinde mich in einem Vorraum.

Eine Art wunderlicher Furcht hat mich ergriffen. Aber sie ist nicht

unangenehm. Weil sie mehr eine unwillkürliche plötzliche Erinnerung

an jene Knabenfurcht ist, mit der ich mich wohl in der Dunkelheit,

gelegentlich eines noch notwendigen Ganges, am Friedhof vorüberdrückte.

Die alten dunklen Tannen und Trauereschen und der Ahorn, in dem es so

seltsam winselte, pfiff und raunte...

* * * * *

Schrillen und Schilfern um mich herum. --

Wie ich mich vorwärts taste auf so etwas wie eine Treppe zu, die ich

in ihren leisen Umrissen mehr errate als sehe, klirrt etwas. -- Es muß

Ackergerät sein. Die Leute von der Domäne mögen’s hier untergebracht

haben.

Aber jetzt bemerke ich einen leisen Lichtreflex, eine matte Helle.

Sie markiert oben die letzten Sprossen einer Leiter, die durch eine

viereckige dämmernde Öffnung in einen Oberraum führt.

Mit einigem Mißtrauen, mich so leicht wie möglich machend, klimm’ ich

in die Höhe.

* * * * *

Ein saalartiger Raum, von zwei schmalen Luken erhellt. -- Seine Decke

ist eingestürzt. Ein paar Fetzen hängen noch an dem Gemäuer herab und

von ein paar dicken Balken, die sich schwarz nebeneinander hinqueren.

-- Ich habe einen Blick in eine schier endlose Höhe. Kreuz und quer

schießen die Lichtstrahlen durch die Luken herein und geben eine mäßige

Helle. Hellere Lichter liegen hier und da auf dem Gemäuer, blinken

auf riesigen Spinnweben, auf dem vorragenden Stroh eines Genistes.

Unausgesetzt, ohrenzerreißend schallt ein Geschrill, Gekrächz, Pfeifen,

und das Rauschen und Klatschen der Fittige aus dem Getümmel der Vögel

da oben hernieder. Manche fahren bis tief in den halbdunklen Raum herab.

Um mich herum stockt ein dumpfes Dämmern.

Nur die gekreuzten Lichtstrahlen der beiden Luken...

* * * * *

Die dumpfe stickige Luft... Wenn der Wind nicht ein bißchen

hereinpfiffe...

Ich beuge mich zu einem mächtigen Block nieder, der schwarzbraun im

Licht mitten im Raum steht. Sein ehemaliger grausiger Zweck ist mir

sofort klar.

Aber wie ich wieder aufblicke, fahr’ ich zusammen. -- Drüben, in der

Ecke, in deren Dunkel ein müder Schein kaum hineindringt, seh ich

etwas wie eine gedrungene unförmliche Gestalt, der ein Durcheinander

wimmelnder Staubatome grausig so etwas wie eine Bewegung giebt.

Ich fasse mich und trete hinzu.

Die „eiserne Jungfrau“... Jenes scheußlichste aller Marterwerkzeuge;

jene plumpe Gestalt einer Weibsperson aus Eisen. An der Seite kann

sie geöffnet und aufgeklappt werden; dann finden sich im koncaven

Vorderteil lange, großen Nägeln ähnliche Zapfen, die, wenn wieder

zugeschlagen wird, dem hineingezwängten Delinquenten durch Augen, Kopf,

Herz und Leib dringen.

Und nun gewahr’ ich all das fürchterliche Gerät an den Wänden, unten

auf dem Fußboden, gegen die Mauer gelehnt.

Da hängen mächtige harte Geißeln mit Bleikugeln oder zackigen Sternchen

aus hartem Metall unten an den Stricken. Da sind Streckapparate, auf

denen die Körper der armen Sünder in die Länge gereckt wurden. Da

sind eingekerbte, mit stumpfen Spitzen versehene Schraubstöcke, in

denen die Daumen zusammengequetscht wurden. Da sind härene Bande zum

Zusammenschnüren der Glieder. Da sind die „spanischen Stiefel“. Da

ist das „mecklenburgische Instrument“, vermittelst dessen man ein

kreuzweises Zusammenpressen der Daumen und großen Zehen ermöglichte.

Da sind Bänke und Leitern. Da sind Stricke mit Apparaten, in welche

die Hände eingeschraubt wurden. Der Körper hing dann in seiner Schwere

von der Decke hernieder, während unten an den Füßen noch jene großen

Eisengewichte befestigt wurden, die ich dort in einer Ecke gewahre. Da

sind Beile und Zangen und Pfriemen zum Brennen der Gesichter, Weichen

und Arme, zum Blenden der Augen. Da ist die „pommersche Mütze“, mit der

in einer sehr gefährlichen Weise der Kopf zusammengepreßt wurde. Da ist

der „gespickte Hase“...

Und nun seh’ ich auch erst so recht alle die dunklen braunmodrigen

Flecke auf dem Estrich, zwischen Staub, Deckenschutt und Vogelkot.

Ich meine, es müsse vertrocknetes Blut sein.

Genug!...

* * * * *

Ah, die Luke! -- Und der schöne Sonnenstrahl! -- Und das Stückchen

Himmel! Auf der Kante sitzt ein Vögelchen; sitzt da und zwitschert sein

Lied in das Dunkel hinein...

Wieder fort...

Und nur die Einsamkeit! -- Tiefer! Grausiger! -- Mit dem Winseln und

Pfauchen des Windes, mit diesem abscheulichen Sausen, Klatschen und

Rauschen der Fittige oben und den häßlichen Lauten des Vogelgetümmels.

* * * * *

Minuten gehen...

Meine Phantasie wird lebendig. Ich fange an, Laute zu mißdeuten. Ich

meine Knacken von Gliedern, Kettengeklirr, Geräusche arbeitender

Werkzeuge zu hören, Stöhnen, Schreie; sehe verzerrte Gesichter, spüre

huschende Bewegungen, wie ich dastehe in einer tiefen Starre.

Ich schüttle mich.

Ach, Donnerwetter! Die Fledermäuse natürlich, der Wind, die Vögel,

Mäuse... Aber jeder Laut hallt so wieder!...

Ich sitze da und eine Strophe geht mir im Kopf herum, die ich mal

gelesen. Mit einem Mal. Es ist, als ob sie jemand in mir Wort für Wort

flüstere.

„Der Verzweiflung schriller Schrei

Höhnt aus allen Glocken.

Aber ewig streut der Mai

Seine Blütenflocken!“

Sich in dieses Rätsel zu versenken!...

* * * * *

Auf! --

Ich rücke eins von den Geräten an die Luke, das es mir ermöglicht,

mit dem Kopf hinaufzukommen. Ich sehe die goldige Landschaft, Dächer,

Bäume, getünchte Mauern, ferne Hügel, Felderbreiten und Waldstriche.

Ein paar Jungens lärmen mit ihren hellen Stimmen draußen umher und

blasen auf Schalmeien aus Weidenrinde. Aber die Stimmen und Töne haben

so eine wunderliche Nüance, irgend etwas Unsagbares, als ob sie etwas

dunkles, Furchtbares vertuschen sollten.

Helle! -- Licht! --

Die Wahrnehmung bringt mich plötzlich auf die Archivräume und den Herr

Aktuar mit seinen Träumen von einem freien Reich der Zukunft. -- Der

gute Herr Aktuar, der nichts davon haben wird als seinen schönen Traum,

der ihn so begeistert! -- Und das goldene Reich mit all seinen freien

Bürgern?

Ich sehe nur immer die unheimlichen schwarzbraunen Flecke hinter mir

auf dem Boden, von denen ich meine, sie seien Blut; Blut, das nichts

wegzubringen vermag! Nie! -- Nie! -- Und ich weiß mit einem Mal, was es

mit der Lebensfreude auf sich hat! -- Und ich weiß, woher sich Lieder,

Freude und Schönheit gebären!...

Fort! --

* * * * *

Wie schön die Abendsonne blendet! -- Alles so still, so friedlich, so

wundersam! Wie ich den Steig hinab taumele, mit pochenden Schläfen

und zwinkernden Augen, atme ich so recht von Herzen auf und sehe das

gemütliche Honoratiorenzimmer im „Stern“ mit dem großen Rundtisch, mit

der riesigen Schnupftabacksdose drauf und dem hölzernen Klingelmesser

drüber.

Nun, trotz allem Pessimismus werd’ ich heut abend mit dem Herrn

Aktuarius gründlichst das Mittelalter totschlagen.

Jedenfalls: wir werden uns ansehen, froh, wieder beisammen zu sein,

werden unser Bier trinken, unsere Cigarren rauchen und plaudern,

plaudern...

Logos.

Es war bei der alten Lehmmauer, die sich lang am Gipfel des

Klosterberges hinzieht, in dessen Tiefe, ganz in der Nähe der

Schloßumwallung, sich der herrliche Klostergarten breitet. Da traf

ich mit dem „dummen Joseph“ zusammen. -- Der „dumme Joseph,“ das alte

Inventar der Stadt, der Ortsidiot. Eine gute harmlose Seele; nur daß

er sich ab und zu seinen Rausch antrinkt. Er haust in einem Winkel

des städtischen Armenhauses und verdient sich seine paar Pfennige zum

Schnaps durch allerlei Gelegenheitsarbeiten.

Mit seinem chokoladenbraun verwitterten Gesicht, in der olivigen Jacke,

in Lederhosen und barfuß, eine alte dicke Wintermütze auf dem Kopf,

unter der ihm der Schweiß an den vorlugenden graumelierten Haarspitzen

in dicken Tropfen herniederrann, kam er mir entgegen und schob auf

einem Schubkarren einen gewaltigen Petroleumballon vor sich her.

Augenscheinlich war er, ob infolge eines kleinen Spitzes oder weil die

Bälge ausnahmsweise mal nicht hinter ihm her waren, außerordentlich

aufgeräumt. Denn schon von weitem hatte ich ihn brüllen hören und war

bald zu der Annahme gekommen, daß das Gesang bedeuten sollte: nur war

es mir noch nicht möglich gewesen, irgend so etwas wie einen Text

wegzubekommen. Als ich indessen bei der Lehmmauer mit ihm zusammentraf,

da hörte ich, wie er nach einer fürchterlichen Gassenhauermelodie immer

ein und dieselben vier Worte sang. Und wie wir schon, er nach der

Stadt, ich nach der Schloßgrabenbrücke zu, ein ganzes Stück auseinander

waren, hörte ich immer noch die vier Worte:

„Mein Ziel ist Gott! -- Mein Ziel ist Gott! -- Mein Ziel ist Gott!“

* * * * *

Was?! -- Der See?! --

Wie in aller Welt war ich gerade hierher geraten?! -- Richtig! Jetzt

saß ich in Nachbar Schraube seinem großen Fischerkahn, ganz vorn an

der Spitze. Sie ragte gerade aus dem Schilf heraus in das kräuselnde

Smaragdgrün des Wassers hinein, in all die zahllosen, weit hüpfenden

goldenen Sonnenflämmchen... Und spüre, wie’s mich schaukelt... Der

Kahn? Ein Wort? Vier Worte?... Genau die vier Worte des „dummen

Joseph“. Aber eigentlich: Worte? Nein! Ich weiß selbst nicht...

Ach, nur immer dies Wiegen und die fern verschleierte Weite des feinen

Wellenspiels... Immer dies sanfte, monoton einlullende Plätschern an

den feuchten Wänden des Kahns... Das Wispern im Schilf... Und so ein

Staunen... So halb Grauen, halb Lust...

* * * * *

Horch!

O, dies leise Schwirren der Luft über die kräuselnde Fläche hin! -- --

--

Warum spricht es nur immer in mir so leise und heimlich: „Wort“?

„Wort“?...

Ich liege mit dem Kopf über Bord und alles geht mir so wohlig

durcheinander.

Wort?

Aber nein! Nun ist es mit einem Mal eine Vorstellung, eine Erinnerung.

In der Einsamkeit steh’ ich am Strand. Bis dicht zu meinen Füßen

treibt eine Boe meterhohe Wellen aus der dunklen stahlblauen Ferne

mit mächtigen Schaumkämmen schräg gegen den Strand, und ich höre das

unaufhörliche donnerartige Bersten der aufgestauten Gewässer auf dem

harten Ufersand. Ich höre das Pfeifen, Zausen und Winseln des Windes,

der dunkelgeballtes Gewölk jagt und in dem starren Dünenhafer zischt.

Ich spüre diesen eigentümlichen Thrangeruch und höre das schrille

Jauchzen der Möven: immer „tjäh!“ -- „tjäh!“ -- „tjäh!“, das so sehr an

den Grundtyp der Anwohnersprache erinnert. Aber alles verschlingt und

übertäubt dieses eine ungeheure Rollen, Donnern, Brüllen der berstenden

Wassermassen.

Das Wort!... Wort!... Logos!...

* * * * *

Wort. -- Urlaut. -- Bewegung... Anorganisch und Organisch...

Entwicklung... Einheit...

Still! --

O, wie köstlich! -- Ich höre die feinen, leisen Laute, hervorgebracht

von den Wassermolekülen, die durch den frischen Luftstrom in Bewegung

gesetzt sind. Ich höre, mein Ohr neigend, das unendlich feine Zischen

und Gären der befeuchteten Ufererde, wenn sich der kräuselnde

Wellendrang zurückzieht; höre es raunen, wie ein Geheimnis... Und

weiter hört meine folgernde Vernunft mit geheimen Ohren die leisen

Geräusche der sich einenden und lösenden Elemente, hör’ ich die sich

entbindenden Massen der Elektrizität, brüllende Sturmlaute über die

Länder hin, Regengeriesel und Donnern der Lawinen und die vielen Laute

und Stimmen der Tiere und das Wort, das menschliche Wort, die Sprache

in ihren tausend Verfeinerungen. -- Und alles ist ganz gleich und

einerlei und dasselbe: Bewegung, Laut, Wort, Sinn. Alles gleich und

alles dasselbe eine Wandeln... Alles gleich!...

O, nur die Wellen, die weitschimmernde Fläche und die tanzenden

Flämmchen, und die Wellen, die plätschernden raunenden Wellen...

* * * * *

„Herr Dokter!“

Ich fahre herum.

Meister Schraube! In persona! -- Mit seinem gutmütigen braunen Gesicht,

mit dem Pfeifenstummel und der „Maurerfreese“.

Ach, nun weiß ich: wir wollten ja alle beide ’nausfahren und Reusen

legen!

Meister Schraube bedauert, daß er sich verspätet hat.

„Jedenfalls, ich bin hier beinah’ umgekommen vor Langeweile!“

Die Kette klirrt vom Pflock. -- Ruder eingesetzt! -- Los!...

Im Laden.

Ich sitze auf einem Korinthenfaß und sehe zu, wie Herr Haberland

verkauft.

Wunder meinte ich, wie früh ich heute aufgestanden wäre, aber Herr

Haberland ist nun schon reichlich eine Stunde auf den Beinen und hat

hinter seinem Ladentisch alle Hände voll zu thun.

Es geht mir so durch den Sinn: ich weiß nicht, ob es gerade nötig ist

zu wissen, daß es einen lieben Gott giebt: sicher ist es von nöten, daß

zum Beispiel Herr Haberland heute für so und so viel Reichsmark Ware

umsetzt. Vielleicht komme ich darauf, weil Herr Haberland so privatim

ein bißchen Freigeist ist; vielleicht aber bringt mich auch seine

Geschäftigkeit auf diesen Einfall.

Denn das ist ein wahres Vergnügen, ihm zuzusehen!

Diese nervöse Beweglichkeit paßt ganz zu einem Wuchs: die

Ladentischkante reicht ihm bis über den Bauch, der übrigens ein

sehr diskreter Bestandteil seiner Persönlichkeit ist und sich in

diesem Augenblicke hinter der grünen Schürze verbirgt. Die grüne

Latzschürze mit der Messingkette. -- Wer hat in seinem Leben noch

nicht einen kleinstädtischen Krämer in dieser Schürze vor seiner

Ladenthür das duftende Kaffeesieb schwenken gesehn! -- Es ist einer

der herzerquickendsten und weltversöhnendsten Anblicke, die man

genießen kann! -- Immer hat Herr Haberland übrigens diese Schürze nicht

vorgebunden. Aber er will nachher, wenn seine Madame aufgestanden sein

wird, hinten in der Niederlage noch Petroleum auf Flaschen füllen; denn

er verkauft Petroleum nicht direkt vom Faß, sondern in Flaschen; eine

Neuerung im Petroleumverkauf, die sehr praktisch sein soll, und die

er, findiger Kopf und Fortschrittsfreund, der er ist, da neulich von

einer Geschäftsreise nach der nächsten Großstadt hierher nach Dingsda

importiert hat.

Aber nichts Prachtvolleres als sein Kopf! Dieser mächtige Schädel

mit diesem geweckten vifen Gesicht! Eine hohe kahle Stirn, und

schlichtblondes Haar rahmt eine Glatze ein, rund und spiegelnd wie eine

Billardkugel. Aber sie ist jetzt nicht zu sehn, denn Herr Haberland

hat seine graue Ladenmütze auf. Eine runde Kappenmütze mit einem

gewaltigen Schirm, der spitz wie ein Schnepfenschnabel vorspringt.

Er hat sie schief und verwogen auf der linken Seite, und sie ist

tief heruntergezogen. Unter der behaglichen Nase starrt eine rote

Schnurrbartraupe, und vor den gescheiten grauen Augen funkeln und

blitzen die beiden Brillengläser.

Und dieser Blick vor allem! Dieser Blick! Noch nie hab’ ich mein

Lebtag einen so komplizierten Blick gesehn! -- Da ist Humor,

Leutseligkeit, diskrete Ironie und Witz, denn die Kunden werden von

Herrn Haberland in ihren diversen charakteristischen Eigentümlichkeiten

ebenso genossen, wie sie von ihm unterhalten sein wollen und

müssen; da ist vor allem „das Geschäft“; da ist eine unwillkürliche

Aufmerksamkeit, daß die Ware richtig verabreicht wird, und das alles

und wer weiß, was noch? liegt in diesem Blick...

* * * * *

Vornehmlich hat Herr Haberland augenblicklich hinter dem kleinen

Branntweinausschank zu thun, denn die ersten Kunden des Tages sind

zu bedienen, und das sind die Arbeiter, die in aller Frühe in die

Kalksteinbrüche hinausmüssen, weit draußen in den Thalsenkungen der

Berge. Dort arbeiten sie den lieben langen Tag über bis in den Abend

hinein für ihre anderthalb oder zwei Mark, und da ist es begreiflich,

daß sie sich ihren „Schluck“ mitnehmen müssen, der von Herrn Haberland

sehr geschickt aus der großen Glasflasche in die Zinnnöselchen und

aus ihnen in das Fläschchen praktiziert wird, das sie ihm hinreichen.

-- Natürlich holen sie auf Borg. Sie kommen dann aber auch noch

mal am Abend mit vor; und dann stehen sie vor dem Ladentisch oder

sitzen auf der Bank an der hellgetünchten Wand und „genehmigen“ sich

noch „einen“ vorm Schlafengehen, und wer’s von ihnen etwas näher

an den Nabob heranhat, leistet sich wohl auch noch den Luxus einer

Fünfpfennigcigarre. Am Sonnabend wird dann alles „glatt gemacht“.

Also diese Arbeiter. -- Es ist selbstverständlich, daß sie alle nach

der Reihe Sozialdemokraten sind. Deshalb ist Herrn Haberlands Benehmen

augenblicklich im allgemeinen auch etwas reservierter. In etwas! Denn

es ist selbstverständlich, daß das „Geschäft“ die Hauptsache ist.

Ja, das „Geschäft“! -- Ich bewundere die Macht dieses „Geschäftes“.

Denn so verschieden die politischen Ansichten Herrn Haberlands und

dieser Leute auch sein mögen, und man weiß ja, wie die Politik den

Charakter verdirbt und die Leidenschaften incitiert: das „Geschäft“

hat hier einen Altruismus zu Wege gebracht, der sich in einer teils

allgemein humanen, teils sogar humorvollen Verkehrsweise Herrn

Haberlands darthut und dessen ethische Qualitäten unverkennbar sind...

* * * * *

Diese Arbeiter! -- Romantisch! -- Pittoresk! -- Alles, was in Dir

Maler ist, hat seine Augenweide; denn an ihren Kleidern kannst Du

die ergiebigsten Farbenstudien machen. Vornehmlich sind es diese

Übergangsfarben. -- Alles, was Du da in einem Nest wie Berlin „unter

den Linden“ und in der „Leipziger Straße“ und „Friedrichsstraße“, in

Theatern, Konzertsälen, in Gesellschaften und Zirkeln herumprunken

siehst, ist entschieden eine ganz gewöhnliche Farbenplebs gegen den

intimen Zauber dieser Tönungen.

Da ist vor allem jenes bekannte Olivengrün. Wie es sich dort über

das breite Schulterstück eines gekrümmten Rückens aus einem Rotbraun

herausspielt, im Strahl der Morgensonne in ein feines Gelb hinein!

Die Couleuren einer Lederhose; die Nüancierung jenes ehemals weißen

Maurerpantalons; das zartverblichene Blau jenes Leinenflickens auf den

friesigen zerschlissenen Halbpaletots da! Nun, und was alles diese

geheimen Meisterstücke atmosphärilischer Farbentechnik sind!...

Diese Arbeiter mit ihren rotbraunen Gesichtern! Diese schwieligen Hände

mit ihren krummen ungefügen Fingern und ihrer Behaarung! Dieser Duft

nach Rippenknaster, Branntwein und frischer Bergluft!...

Und die Gestalten! -- Denn siehst Du: so führen die Fäuste die

Steinpicke, die Schaufel, das Brecheisen, langsam, bedächtig,

zweckmäßig, Stoß für Stoß, immer in dem gleichen festgewohnten Rhythmus

der Bewegungen; so schieben sie die Karren, den Schienenwagen, und so

geben diese Bewegungen dem Rücken diese Krümmung, biegen sie die Beine,

formen sie die Mienen der Gesichter, bedingen sie diesen müden und

schleppenden Gang, in dem doch Kraft ist.

Schade nur, daß sie, wie gesagt, alle nach der Naht Sozialdemokraten

sind, diese gefährliche neumodische Menschensorte die „teilen“ will!...

* * * * *

Sie sind fort. -- Langsam schleppen sie sich, ihre schäbigen

Ledertaschen über die Schulter, den Steig zu den Hügeln hinauf, und die

Rauchwölkchen aus ihren Kurzpfeifen kräuseln sich fein und blau in die

helle Morgenfrische.

Hm! -- Nun ja! --

Ich stopfe mir Shag in meinen Stummel und zünde mir eine Morgenpfeife

an, und Herr Haberland klebt an seinen Düten weiter. -- Große Düten,

mittelgroße Düten, kleine und kleinste Düten. Spitze Düten und eckige

Düten. Blaue, graue, gelbe und weiße Düten. -- In vier langen Reihen

bedecken sie den Ladentisch in einer Weise, daß Herr Haberland den

Pinsel nur in den Kleistertopf zu tunken und, während er die eine

seiner großen dürren Hände drüber spreizt, mit ihm drüber hinzufahren

braucht. Man hat dann nur noch nötig den bekleisterten Rand so einer

Düte umzudrücken und sie ist fertig. --

Die Sonne blinkert so friedsam auf den Schnaps- und Likörflaschen. --

Und die schönen blauen Zuckerhüte mit ihren weißen Spitzen! Und die

blitzblanke Messingwage! --

„Ja! -- Gute Kunden! -- Aber Sozialdemokraten! -- Aber freilich: so

schuften müssen den ganzen Tag für kaum zwei Mark, in Wind und Wetter

und Sonnenglut?!“

„Ja ja!“...

Und große Pause...

* * * * *

Bimmelimbimbimbimbimbim...

Die letzten Bimbims in immer beschleunigterer Tonfolge.

„Na, mei Maischen?“

Herr Haberland hat sich mit seinem freundlichsten Gesicht zur

Ladentischkante heruntergebeugt, an die sich ein paar kleine

Patschpfoten klammern und über der ein Busch strohgelber Haare über

zwei eifrigen Guckaugen sichtbar ist.

„Fer -- fer -- fer -- fer -- e -- Groschen -- Semmeln, un -- un -- un e

Pfund Reis, un -- un -- un -- Pompom?“

„Pompom“ ganz leise, das Fingerspitzchen am Munde, die Augen mit

einem scheuen Seitenblick von unten ’rauf zu meiner Hochwohlgeboren

hin gesprochen, halb Hoffnung, halb Resignation und doch Wagemut. Es

bleibt Herrn Haberland überlassen dies „Pompom“ in der Einzahl oder der

Mehrzahl zu nehmen. --

-- „Dä, mei Puttaibchen!“

Das „Puttaibchen“ sockt, die Patschhand inbrünstig um seine „Pompoms“

gepreßt, ab.

* * * * *

Und nun wieder nur Herr Haberland in seiner müllergrauen Gewandung, in

seiner grünen Schürze, mit den blitzenden Brillengläsern und der roten

Schnurrbartraupe, blond, und flink auf seinen dünnen Beinchen mit dem

Kleisterpinsel über das Dütenpapier hinhantierend; die Morgensonne,

und vom Hofe her, durch das geöffnete Fenster hinten das Gackeln der

Hühner, das Meckern von Madame Haberlands Hausziegen und ein lebhaftes

Grunzduett aus dem Schweinekofen, wo Jette das erste Frühstück zu

servieren scheint. -- Und das Stillleben der braunen Kasten und

Regale, die in ihrem ehrwürdigen Alter schon ein bißchen wurmstichig

sind. Die weißen Zettelchen drauf. Die Fässer mit den Heringen, den

sauren Gurken, dem Pflaumenmus, der grünen Seife. Die Posamentenecke

mit ihren bunten Wollwickeln, den langen Zwirnsträhnen, den Knöpfen,

Nadelpäckchen und Garnwickeln. Und so ein unbestimmter Mischgeruch von

alledem, in den der Kaffee sein dämpfendes Aroma hineinwebt.

Meine Pfeife hat guten Zug; das macht mich gesprächig, und ich

beschließe, inspiriert vom Duft des Kaffeesackes, Herrn Haberland etwas

vorzurhapsodieren. Er liebt das außerordentlich, denn niemand kann mehr

für Bildung sein als er. Und für das „Romantische“...

„Ja! -- Nu, das wissen Sie, wer den Kaffee aufgebracht hat?“

Herr Haberland, ohne von seinen Düten aufzusehen, mit einem teils

ermunternden, teils erwartungsvollen Lächeln: „Nee!“...

„Nu, das war im fünfzehnten Jahrhundert...“

„Als wir vierzehnhundert schrieben?“

„Wohl! -- Also da reiste ein würdiger Mann und Mufti, Gemal Eddin von

Aden nach Adjam...“

„Nee, warten Se mal: Mufti?“

„Gott, irgend so ein mohammedanischer Bonze und Rechtsgelehrter...“

„Hm!“

„Also dieser Gemal Eddin war als eine berühmte Autorität von Adjams

Kadi, respektive Amtsrichter, zitiert, in einer besonders verwickelten

Rechtsangelegenheit sein Gutachten abzugeben. Die beiden Herrn sitzen

nun nach Erledigung der pp Angelegenheit um die Zeit, da der Tag kühl

wurde, im Schatten des Hofsäulenganges auf ihrem Teppich und rauchen

ihren Tschibuk; der Springbrunnen plätschert, der blaue Rauch steigt

gegen die Palmenkronen empor et cetera pp verstehen Sie. Da erscheint

der pechrabenschwarze Mohr des Hauses und setzt ein dampfendes Getränk

vor ihnen nieder. Der Kadi schmunzelt, kneift seine Äugelchen und

weidet sich an dem Staunen seines Gastes, der mit verwunderten Blicken

das tiefbraune zitternde Getränk betrachtet und mit weit und wohlig

geöffneten Nüstern sein kostbares Aroma einsaugt ...“

„Also das erste Schälchen Heeßen, hähä!“

„Wohl! -- Sozusagen das allererste und zweifelsohne first quality!

oder eine Schale Kaweh oder Kawah, respektive Kaffee, Adjams nachmals

so berühmt und beliebt, ja unentbehrlich gewordene Spezialität, die in

Aufnahme gebracht zu haben, Gemal Eddins unsterbliches Verdienst. Denn

dieser hochwürdige Mann Gottes brachte sie Adens Derwischen, denen sie

bald zu einer unentbehrlichen Aufmunterung ihrer Gottseligkeit wurde.

Und diese Derwische...“

Ah! Die alte Rebern! --

* * * * *

Die alte Rebern wünscht „fer zwee Fenn’ge gestoßnen Feffer un e halwes

Fund klaren Zucker un -- hehe! -- e Ingwerchen.“ --

Das Ingwerchen ist die Einleitung zu einem gemütlichen Klätschchen, das

insofern nicht ohne Wert ist, als die Mutter Rebern den ganzen lokalen

Teil des Kreisblattes ersetzt, und die wissenswürdigsten Dinge von ihr

am ersten und frischesten zu erfahren sind.

Nu, hinte Nacht hamm se also den Amtsdiener widder mal verdroschen,

un der versoffene Edel hat widder mal seine Frau gehaun un de Frau

Braunsmillern hat e kleen’ Jungen gekriegt...

Soso! -- Na! -- Es wird am Ende doch Zeit, daß ich meinen

Morgenspaziergang erledige ...

Das Rosenfest.

Ach! Meine Moosrose ist aufgeblüht! -- Über Nacht! -- Meine

Morgenüberraschung, wie ich aus der Kammer ins Zimmer trete.

Es ist ein trüber Tag, aber trocken. Nur die Wolken hängen so grau und

schwer und ruhig. Ein beinahe winterliches Licht. -- Im Ofen flackert

das Feuer.

Aber wie ich mich nun, nach dem Mittagessen auf das Sofa gelegt und mir

meine Cigarre angezündet habe und die Rose betrachte, ist es ein Fest,

ein wahres Fest, das nichts von seiner erhebenden Wirkung einbüßt, weil

es ein so stilles und einsames ist. -- Man kommt dahinter, daß sie von

der Art die besten sind. --

Stille Welten: Neue Stimmungen aus Dingsda · 第 1 / 6 段