Er nahm es mit hinüber in die Ewigkeit. --

Edlef Holgers kehrte heim.

In Tannengrün prangte der Mutterhof, und kleine Tannenzweiglein

bedeckten den Weg, der von der Haustür bis zur Warftreppe führte. Und

der Sarg war eingehüllt in Bonnestave. Die blaue Halligblume grüßte

ihren Sohn, der heimkehrte zur Halligerde.

So bekam Edlef Holgers doch noch das Kirchengeläut, das Boy Boysen ihm

versagen wollte. Der Klang der Halligglocken zitterte in der klaren

Winterluft.

Maren schritt allein hinter dem Toten.

Ehern stand die Majestät des Schmerzes in ihrem leidgereiften Antlitz.

Als der Sarg über die Schwelle des Mutterhofes gehoben wurde, sagte sie

laut und feierlich: »Sei willkommen, mein Edlef!«

Und die Träger meinten, sie würden niemals dies Wort vergessen und

nimmer das junge Weib in seinem heiligen Schmerz.

* * * * *

Wider den Nordoststurm kämpfte sich ein Mann nach der Schulwarf. Helle,

durchdringende Glockenschläge, immer vier in einer Gruppe, drangen

durch die Winterluft zu ihm hin.

Und da wußte Manne Wögens, daß sein liebster Freund bereits in der

Erde lag, und daß er zu spät kam, ihm die letzte Ehre zu erweisen. Man

»läutete den Toten aus«. Der Lehrer hüllte sich fröstelnd fester in

seinen Mantel.

Der Süden hatte ihn verwöhnt, auch lagen durchreiste und durchwachte

Nächte hinter ihm, seit Marens Telegramm ihn rief. Jetzt wollte er

nur noch sein schweres Gepäck heimbringen und dann gleich nach dem

Mutterhof zu seiner Marenschwester eilen. Ihr gehörte er jetzt _allein_.

Das war ihm klar geworden seit einer halben Stunde. Denn er hatte

telegraphisch seine Ankunft gemeldet und war nur von Ohm Rickert und

Onnen empfangen worden. Die, die er einzig und allein in einem zagen

Glücksahnen erwartet hatte, war nicht gekommen. Er zürnte ihr nicht

einmal. Sie hatte wohl das Rechte gewählt für sich und ihn. Denn mit

Edlefs Tode war großer Reichtum über Nomine gekommen, und sie war

Herrin des Mutterhofes bis zu Onnens Großjährigkeit. Ob sie dies Recht

ausnützen würde oder nach der Stadt und ihrem Beruf zurückkehren, _er_

würde in jedem Falle abseits stehen. Das hatte ihm ihr Fernbleiben

heute schonend sagen wollen.

Und Maren wollte er bitten, zu ihm zurückzukehren, anstatt ins

Altenteil des Mutterhofes zu ziehen. Beide Geschwister wieder einsam,

wie ehedem. Das Herz wurde ihm seltsam eng bei dem Gedanken, jetzt in

das kalte Schulhaus zu kommen, in seine unbehaglichen Stuben. Denn der

alte Emeritus, den die Behörde zu seiner Vertretung gesendet, hatte

währenddem beim Pfarrer gewohnt.

Nun erstieg Manne Wögens die Treppen zu seiner Warf und öffnete seine

Haustür. Durch die kleine Diele schritt er in sein Wohnstübchen. Da

mußte er sich gleich in den alten Ohrenstuhl fallen lassen, »drin alle

Wögens ausgerastet hatten«.

Denn das liebliche Bild, das sich ihm bot, übermannte ihn.

Über ihr schwarzes Trauerkleid hatte Nomine Holgers eine frauliche

Schürze gebunden, und sie hielt ein großes Brot im Arm und schnitt

duftende Scheiben davon ab. Die häuften sich neben dem Napf mit der

goldgelben Butter. Und wenn auch die Kinder zu dem lieblichen Bild von

»Werthers Lotte« fehlten, so besaß doch Manne Wögens Vorstellungskraft

genug, sie sich in stattlicher Zahl dazu zu denken. --

»Du bist hier?« fragte er selig erstaunt.

»Wo sollte ich sonst sein?«

»Unten am Steg ...«

»Da waren die andern.« Sie errötete heiß. »Ich gehöre doch _hier_ her.

Und mußte doch Essen für dich richten. Und mußte dir doch alles warm

machen ...«

»Ja, das tust du wahrlich. Kein Mensch hat mir je so warm gemacht, wie

du, Nomine Holgers ...«

Dann wurde er ganz ernst. Und in seinem lebendigen Gesicht sah das

Mädchen die tiefe Ergriffenheit.

»Willst du bei mir bleiben, Schulmeisterin?«

»Ja, Schulmeister, ich will!«

Da vergaß Manne Wögens, daß er zum Tod und Begräbnis gekommen war, und

er holte sich jauchzend das lachende Leben an sein Herz und in seine

Arme.

* * * * *

Im Witwenstübchen saß Maren Holgers.

Das schwarze Trauerkleid lag in schweren Falten um ihre schlanke

Gestalt, und die dunkle Friesenhaube rahmte schier feierlich das

schöne, ernste Antlitz ein.

Vor ihr stand Onnen und hielt ihre beiden Hände.

»Du siehst arg müde aus, Mütterchen Maren«, sagte er besorgt. Sein

offenes, schönes Knabengesicht beugte sich unendlich liebevoll über

die junge Witwe. »Ich will auch gleich von dir fortgehen, dir tut das

Alleinsein not ...«

Ein liebes Lächeln trat in ihr Gesicht. »Ich könnte dich wohl

›Väterchen Onnen‹ nennen, so besorgt bist du um mich«, sagte sie

liebevoll.

»Ich gehe auch gleich, Mütterchen. Aber ich mußte dir sagen, dir ganz

allein, _wie ich mich freue_. Wie dankbar ich unserm Edlef bin. Daß er

alles _so_ und nicht anders geordnet hat. Nicht wahr, du fühlst, wie

ich mich freue?!« fragte Onnen stürmisch.

»Ja, das tue ich, du lieber Junge. Hab’ Dank! Ihr seid alle so gut zu

mir ...«

»Weil wir _alle_ dir _alles_ verdanken«, rief Onnen begeistert. »Weil

im Mutterhof so viel Sonne ist! Trotzdem ihr alle schwarze Kleider

tragt. Das ist wie ein Wunder ... Ach, Mütterchen Maren ...!«

»Du lieber Junge!«

Und Maren dachte still, wie viel Reichtum ihr doch geblieben sei, da

sie dieses seltene junge Menschenkind erziehen und leiten dürfe zu

allem Guten. Und so dem Mutterhof doch einen Erben geben konnte. Ganz

selbstlos, ohne eigenes Glück. Nur auf das Ansehen und die Ehre des

Mutterhofes und der Halligheimat bedacht. --

Onnen war hinausgestürmt.

In ihm war alles Wollen und Tatkraft.

Das Leben lag vor ihm wie die blühende Halligfenne in lauter goldener

Sommersonne. Lernen durfte er, -- lernen. All sein dürstendes Sehnen

stillen. Das angefangene Werk seines lieben, heimgegangenen Bruders

dereinst fortsetzen.

Er durfte bodenständig auf seiner Hallig bleiben, ohne einen Menschen

zu betrüben, ohne einem seiner Angehörigen liebgewordene Pläne zu

zerstören.

Alle waren einverstanden mit seinem Wollen, freuten sich mit ihm. Der

Reichtum erdrückte ihn fast. Da war es gut, daß man einen lieben,

klugen Lehrer hatte, der zugleich sein bester Freund war. Auf ihn

konnte man einen Teil der Freuden abladen und sich allstunds treuen Rat

holen. Zu ihm wollte Onnen jetzt stürmen und viel herrliche, schier

unerhörte Dinge und auch viel Ernsthaftes und Unverstandenes mit ihm

durchsprechen. --

Maren hatte ihm nachgesehen mit gutem Blick und tausend guten Gedanken.

Sie liebte diesen hochgemuten Jungen wie ein eigenes Kind. Und der Gram

um ihr totes, eingesargtes und begrabenes Glück wich einer großen,

alles überragenden Dankbarkeit gegen Edlef. Über sein Grab hinaus. --

Sie hatte am gestrigen Tage still ihre Habe gepackt, um wieder nach

denn Schulhause zum einsamen Mannebruder zu gehen. Da spürte sie es

zum Weinen schwer, wie sehr sie mit dem Mutterhof verwachsen war. Jede

kleinste Wurzel ihres Herzens mußte sie einzeln herausreißen, und das

tat unerträglich weh.

Nun hatte ihr heute der Hamburger Rechtsanwalt eröffnet, daß sie die

Herrin des Mutterhofes sei.

Daß Edlef ein Testament hinterlassen habe. Der Anwalt hatte einen

Brief des Toten an sie in ihre Hände gelegt. Darin standen die Gründe,

weshalb Edlef alte, überlieferte Bestimmungen zu ihren Gunsten umstieß.

»Weil Du mir _schrankenlos_ vertrautest. Weil nichts Dich anfocht, was

Dir die Umwelt zutrug. Weil Deine Liebe zu mir so stolz und groß war,

daß Du mich nicht ein einziges Mal gefragt hast: ›Ist es wahr, was man

mir sagte?‹ Dafür bist auch Du meines schrankenlosen Vertrauens würdig,

und sollst gesegnet sein, süße Mutter Maren.«

* * * * *

Diesen Brief, oft gelesen und mit Tränen benetzt, barg Maren auf ihrem

Herzen. Aber sie sann in stillen Stunden, deren sie jetzt nach dem

strengen Trauergebot des Mutterhofes gar viele hatte, darüber nach, was

wohl in dem Spruch für ein Geheimnis liege, der ganz klein geschrieben

die Nachschrift des Briefes darstellte: »Und vergib uns unsere Schuld,

wie wir vergeben unsern Schuldigern ...«

Als Onnen aus der Haustür gestürmt war, hätte er beinahe Frau Akke

umgerannt, die zögernden Schrittes sich gegen das Haus hin bewegte.

Der Holgersjähzorn schoß in ihm hoch. »Was willst du da?« fragte er

barsch. »Meiner Maren weh tun? Das gibt’s nicht.«

Er bekam keine Antwort. Akkes Augen sahen ihn erschrocken und weh an.

Und sie wandte sich sofort und ging zurück.

Ihr müder Gehorsam entwaffnete den heißblütigen Jungen. Er fühlte,

-- diese gebeugte Frau wollte nichts Ungutes über die Schwelle des

Mutterhofes tragen. Da ging er mit ihr die kurze Strecke nach dem

Hause wieder zurück, und das Bewußtsein seines eigenen äußeren und

inneren Glückes gegenüber der müden Traurigkeit Akkes machte ihn gut

und ritterlich. Er öffnete ihr die schwere Haustür und rief ihr noch in

großer Verlegenheit zu: »Grüß dein klein’ Anni«, ehe er wieder stürmend

den Lauf nach der Schulwarf aufnahm. --

Nun stand Akke Bahn, geborene Luersen, vor Maren Holgers. Deren Blick

weitete sich bei ihrem plötzlichen Erscheinen in fragendem Erstaunen

und stiller Angst.

Aber Edlefs Brief, der auf ihrem Herzen lag, war wie ein Talisman, von

dem geheime Kräfte ausgingen.

Sie erhob sich von ihrem Sitz und holte für den stummen Gast einen

Stuhl.

Akke wehrte kopfschüttelnd ab. Sie rang nach Worten und fand kein

einziges.

Da sagte Maren ruhig und freundlich: »Du willst mir Kondolenz geben? So

setz dich auch.«

Aber Akke tastete sich nach rückwärts und legte einen noch größeren

Raum zwischen sich und die junge Witfrau. An den Türpfosten lehnte sie

sich. Scheu, als wollte sie jeden Augenblick das Weite suchen. »Können

wir eine Weile allein bleiben?« stieß sie heraus.

Der Mutterhof: Ein Halligroman · 第 38 / 46 题