Und sie setzte sich auf das alte Thüringer Kanapee und faltete die
Hände in ihrem Schoß.
Akke war ruhelos. »Wenn nur der Anfang nicht so schwer wäre«, stöhnte
sie. »Du darfst mich mit keinem Wort unterbrechen, Maren Holgers, sonst
laufe ich dir wieder fort ... Weshalb ich hier bin? Weil Edlef Holgers
mich so sehr verachtete. Weil er nicht glaubte, ich könne je ein
Unrecht eingestehen. Und weil er dich so hochstellte, daß er meinte,
es brauche dir niemand die Wahrheit zu sagen, du würdest ihm vertrauen
über allen bösen Leumund hinweg. _Ich will besser sein, als Edlef von
mir gedacht hat_, -- deshalb bin ich hier. --«
Eine schwüle Pause entstand. Dann ließ sich Akke plötzlich schwer in
den Stuhl fallen, den sie vorher abgelehnt hatte.
»Du weißt ja nicht, Maren, wie das ist, wenn man jemand lieb hat, der
sich gar nicht um einen kümmert ... Ich bin dem Edlef schon als lütt
Scholdeern nachgelaufen. Und hab’ ihn mit guten Sachen beschenkt und
mit Steinen geworfen, -- nur damit er mich beachten sollt’. Aber er hat
nie an mich gedacht. Ich hab’ nicht mit Puppen gespielt, wie andere
Deerns, ich wollte immer bei den Jungens sein. Die ließen mich auch
mittun, weil ich mutig und stark war. Bis der Edlef dazu kam und mich
fortjagte. Das ist so gegangen, bis wir groß waren. Die Ahne hatte
mich zur Frau für Edlef bestimmt. Darauf baute ich. Ich wußte auch,
daß er ein Auge auf _dich_ hatte, Maren Holgers. Und daß du ihn nicht
ermuntertest. Da macht ich es genau wie du. Und nun wollt’ er mich
haben. Wie die Katz mit der Maus hab’ ich mit ihm gespielt. Und ganz
verrückt war er vor Eifersucht ... Aber so die richtige Holgerslieb,
-- die hat er ja doch nur für dich gehabt ... Und hat dich ja auch zu
seinem Weibe gemacht ... Die kurze Zeit unserer Brautschaft vorher war
keine Untreue gegen dich. Als ich dann später mit meinem Kind zu euch
kam, weil mein Mann mich schlecht behandelte, hat Edlef mir zuerst die
Tür gewiesen. Aber du kennst ihn ja. Keinen Hund konnte er fortjagen,
und als der Lütte anfing zu schreien, versprach er mir, einen Dienst
bei Bekannten für mich zu suchen. -- Er gehört zu den Leuten, die nicht
›nein‹ sagen können. Bei _der_ weichen Stelle sind sie zu packen. Ich
wußte ja längst, daß ihr unglücklich miteinander wart, weil du kein
Kind hattest, Maren Holgers ...« Von der Stelle, da Maren saß, kam ein
Laut. Und das Gesicht der jungen Frau war ganz weiß. »Nicht!« sagte sie
abweisend und hart. »Nicht von mir und meinem Mann sollst du sprechen,
-- nur von dir.«
Akke lachte bitter. »Ja, das ist dein Hochmut. Und so war auch Edlef.
Er litt es nie, daß ich von dir sprach. Ob bös oder gut, ich sollte
deinen Namen nicht erwähnen.«
Da faltete Maren die Hände noch fester, und in ihr wundes Herz kam es
wie Frieden.
»Maren Holgers, -- _ich hab’ den Edlef mit meiner Liebe verfolgt_. --
Wenn er in die Versammlung ging, war ich da, und wenn er nach Hause
kam, fand er mich. Und wies mich fort. -- -- -- Sag nicht, daß sich
jeder Mann jedes Mädchens erwehren könnte. Konnte er mich nicht mehr
lieben, so sollte er wenigstens mit mir sprechen. So blieb ich immer
um seinen Weg. -- Ich habe ihm erzählt, daß ich das Gerücht nach der
Hallig brachte, mein Kind sei von ihm. Da hat er mir kalt und ruhig
gesagt: ›_Das glaubt die Maren nicht._‹ Und so ganz zuversichtlich
immer wiederholt: ›Nein, meine Maren glaubt das nicht.‹ Da fraß
der Zorn an mir. Da hab ich’s anders angefangen. Und da hatte ich
Erfolg ...«
Maren hob den tief geneigten Kopf. Banges Entsetzen trat in ihre
leidvollen Augen.
»Ich sagte Edlef für heilig und ganz gewiß ...« Akke sah scheu auf
Maren und stieß dann rasch heraus: »Daß du schon _vor_ der Hochzeit
gewußt habest, niemals Kinder zu bekommen ... Daß dein Bruder und du
den Mutterhof _bewußt_ mit einer Unfruchtbaren betrogen hättet ...«
»Akke!« stöhnte Maren, »was tat ich dir ...?«
Die Worte kamen nun stoßweise aus Akkes Mund: »Du kennst ja Edlef. Das
traf ihn. Er hatte dir so vertraut. Und er war stolz. Ich wußte, er
hätte dich nie gefragt. Stolz und hochmütig wie du. Und er glaubte mir.
Weil er selbst nicht lügen konnte. Dann hat er mich zum letztenmal
davongejagt ... Aber ganz gebrochen sah er aus. Weil sein Vertrauen tot
war ...«
Akke erhob sich. Und sah befremdet auf die Herrin des Mutterhofes. Die
konnte sich wohl kaum noch aufrecht halten. Wie der Tod sah sie aus.
Aber sie schrie nicht und klagte und weinte nicht, wie andere Frauen.
Hätte sie es doch getan. Dann wären die grauen, ernsten Augen wohl
nicht so furchtbar anklagend auf Akke geheftet. Diese leidvollen Augen,
denen man durchwachte Nächte ansah.
Wieder tönte Akkes harte Stimme:
»Ich habe dir das alles nicht gesagt, Maren Holgers, um dich etwa jetzt
um Verzeihung zu bitten. Die will ich nicht. Und brauche ich nicht. Nur
um meiner selbst willen klage ich mich an. Ich _will_ besser sein als
Edlef von mir gedacht hat.«
Tiefe Stille. Und darin nur diese anklagenden, wehen Augen. Akke
schlich nach der Tür.
»Ich gehe nun, Maren Holgers. Ich ziehe ganz fort von der Hallig. Den
kranken Vater nehme ich mit mir. Und das Kind. Mein Mann ruft mich. Er
hat einen Schlaganfall gehabt und ist gelähmt ...«
Da war Maren Holgers plötzlich neben ihr, und ihre Hand legte sich auf
Akkes Arm und hielt sie zurück.
»Arme Akke!« sagte eine gute Stimme. Das Bewußtsein des eigenen
Reichtums, des festen Verbundenseins mit Edlef über Tod und Vergehen
hinaus stand groß auf in Maren Holgers. Und sie dachte nicht mehr an
die Schuld, nur noch an das Unglück der Halligschwester. Der man das
letzte »Scherflein« nehmen wollte, -- die Heimat. Und mit diesem
starken Empfinden kam eine große Ruhe über sie. »Willst du nicht deinen
Mann auf die Hallig holen, Akke?« fragte sie. »Euer Haus hat doch Raum
für ihn. Und die Hallig -- die braucht dich, Akke. Du bist fleißig, --
und -- viel stärker als ich -- -- du wirst mir oft helfen können ...
Willst du, Akke?«
Da straffte sich eine gebeugte Gestalt und ein heißes, irrendes Herz
wurde seiner Last ledig. Eine Antwort bekam Maren nicht. Aber deren
Herz schlug zum erstenmal ruhig und froh, als sie der Enteilenden
nachsah. Dann horchte sie befremdet nach draußen hin. Da waren viele
Stimmen aufgestanden. Die rannten miteinander. Auch leise lachende
Kinderlaute waren dazwischen. Onnens helle, warme Stimme tönte obenauf.
Maren tritt vor die Haustür.
Die ist mit Tannen bekränzt und mit zwei Tannenbäumen eingerahmt. Und
den Weg bedecken Blüten der blauen Halligblume. Kinder treten auf sie
zu, die tragen Bonnestave in ihren Händen. Und lachen sie glücklich an,
und rufen: »Mutter Maren!«
Und der Gemeindevorsteher liest etwas aus einem großen Bogen vor, aber
seine Stimme versagt so oft, daß Maren gar nichts davon versteht. Bis
er plötzlich abbricht und auch nur die zwei Worte stammelt: »Mutter
Maren.« Dann drängen sich die »drei Obdachlosen« vor und drücken ihre
Hände, und Lütt Krischan wird ihr auf den Arm gegeben. So steht sie
lieblich da, die »Mutter Maren mit dem Kinde«. Auch Bruder Mannes Hände
strecken sich ihr entgegen, und Schwester Nomine umfängt sie glücklich.
Mutter Holgers weint still in ihr Tuch. Tanten Frauke steht etwas
abseits mit ihren versonnenen Augen. Die sieht wieder die Holgerssippe.
Sieht Geschlechter kommen und gehen, und zieht ihre stillen Vergleiche.
Maren drückt viele Hände und sagte wenig Worte.