Manne Wögens unterdrückte ein Lächeln. »Junge, wie kommst du auf die?«

»Weil da ein Spruch drüber steht: ›Und wenn ich mit Menschen- und

Engelszungen redete und hätte der _Liebe_ nicht, so wäre ich ein

tönendes Erz und eine klingende Schelle.‹ Ich dachte, von der Liebe ...

könnte man den Halligleuten gar nicht genug erzählen ... --«

Da nahm der Lehrer den Jungen und stellte ihn vor sich hin. Und

betrachtete ihn sehr aufmerksam. Und küßte ihn in ausbrechender Freude

auf die Stirn, was beide sehr verlegen machte.

»Sag mal, Onnen, mein Junge, möchtest du nicht Halligpastor oder -- --

Halliglehrer werden?«

Der Knabe sah ihn freimütig an. »Pastor nicht. Da müßt ich ja zu lange

von hier fort. Vielleicht Halligschulmeister ... _Wenn_ ich gut genug

dazu bin ...«

»Eben deshalb. Um dieses Wortes willen! Weil du so hohe Anforderungen

an dich stellst, Onnen, mein Junge. Wir werden nun viel darüber

sprechen, willst du? Du hast mich heute recht froh gemacht ...«

»Ich will alles tun, was Sie froh macht.« Onnen sah mit großer Liebe zu

seinem Lehrer auf. »Auch die Nomine schreibt es, und legt es mir ans

Herz. Ich habe einen Brief von ihr. Aber sie braucht es nicht erst zu

schreiben, ich tue es von allein ...« Nun ward es still im Schulzimmer.

Eine Weile wartete noch Onnen. Er blickte auf den Lehrer. Der schaute

durchs Fenster hinaus über die salzen See hin mit versonnenen Augen. In

Fernen hinein ...

Da schlich sich der Knabe hinaus. Und der Lehrer merkte nicht

einmal, wie die Tür klappte. Die Umwelt war versunken, er fühlte nur

eine unbeschreibliche, wohlige Wärme. Die kam vom strahlend blauen

Hallighimmel in leuchtenden Sonnenstrahlen und schien durch die

geöffneten kleinen Fenster der Schulstube geradenwegs in sein Herz

hinein.

* * * * *

Am Spätnachmittage suchte Manne Wögens den Pastor auf. Die traute

Behaglichkeit, in der er »Philemon und Baucis« fand, stimmte gut zu

seiner eigenen, schier weichen Stimmung. Die Fenster des Pastorats

waren weit geöffnet, von draußen strömte die warme und doch seltsam

herbe Frühlingsluft herein und vermischte sich mit dem Duft eines sehr

guten Kaffees und dem eines nicht minder guten, echt thüringischen

Streuselkuchens.

»Ob ich es nicht gewußt habe, Herr Wögens!« begrüßte ihn freudig

die Pastorin. »Den ganzen Vormittag hat sich die Katze geputzt

und geschleckt, das ist ein untrügliches Zeichen für lieben

Nachmittagsbesuch.«

Damit goß sie ihm auch schon eine bauchige Tasse voll, versorgte

ihn mit Sahne und Zucker und lud auf seinen Teller eine Unmenge des

duftenden Gebäckes. Er wehrte erschrocken ab.

»Frau Pastorin, Sie scheinen der unbedingten Ansicht zu sein, daß die

Begriffe ›Schulmeister‹ und ›Hunger‹ zusammengehören«, rief er lachend.

»Mich hat aber eben meine brave Magd schon genudelt.«

»Doch sicher nicht mit Thüringer Streuselkuchen«, meinte Frau Luischen

stolz und ein wenig gekränkt.

»Essen Sie, Wögens, essen Sie!« sagte der Pastor behaglich. »Wenn Sie

dem Kuchen, der mit eitel Liebe gebacken ist, nicht alle Ehre antun,

dann erlaubt mir meine Frau nicht, daß ich Ihnen den geringsten Wunsch

erfülle. Und ich sehe doch, daß Sie allerhand Wünsche, nicht nur einen,

auf dem Herzen haben.«

»›’n ganzen Barg‹, wie meine Jungs sagen. Zuerst, Herr Pastor, was

fangen wir mit Luersen an? Der bleibt nicht bei mir und darf nicht bei

Maren bleiben.«

Und der Lehrer erzählte von der Gefahr, welcher Klein-Anni durch den

kranken Großvater ausgesetzt gewesen.

Frau Luischen schlug die Hände zusammen. »Das ist ja schauderhaft«,

rief sie. »Das ist ja gar nicht auszudenken! Und die liebe, junge Frau

Maren da immer so tapfer dazwischen! Herr Wögens, was haben Sie für

eine prächtige Schwester!«

Sie goß die Riesentasse gleich noch einmal voll, obschon sie noch zur

Hälfte gefüllt war. »Haben Sie keine Angst, Herr Lehrer!« sagte sie

eifrig. »Ich kann ruhig draufgießen, das gibt kein Gliederreißen. Bei

uns in Thüringen nicht, nur im Rheinlande. Ach, Herr Wögens, wollen Sie

den armen Luersen nicht zu _uns_ bringen? Das Pfarrhaus hat so viel

Platz. Und Kinder sind hier nicht zu gefährden.«

»Luischen, wer sagte denn heute morgen: Ephraim, nur keine fremden

Leute mehr ins Haus, die drei ›Bresthaften‹ bringen mich noch auf den

Schragen ...??? Wer war das doch, Luischen?«

»Ach, Ephraim, ›Vormittagred’ ist nicht Nachmittagred’.‹ Und der

Luersen dauert mich, und vor allen Dingen dauert mich Frau Maren

schrecklich. Und das Pfarrhaus soll immer mit gutem Beispiel

vorangehen ...«

»Das tun Sie wahrlich und haben es immer getan«, sagte der Lehrer warm.

»Es macht Ihnen so leicht niemand nach, wie Sie Ihr Haus voll laden mit

all den Mühseligen.«

»Doch, Frau Maren macht es genau so und noch viel gründlicher und hat

nicht einmal die Verpflichtung wie wir. Ach, Herr Wögens! Und der Edlef

Holgers läuft in der Welt herum ... Hat so eine Perle von einer Frau.

Und er? Was man da so zusammen hört ...«

»Pssscht! Luischen!« mahnte der Pastor, und zog seine Stirn in dichte

Falten. »Ich glaube, du läßt uns nachher ein bißchen allein.«

»Ach, Pastor, bei Mannesrat allein schaut nichts Erkleckliches heraus.

Sehen Sie, Herr Lehrer, es wäre schön, wenn Sie mir da ein Linschen

beistünden. Mein Pastor ist immer dafür, alles sanft und glatt zu

reden, aber ich muß hier meiner Mitschwester durch dick und dünn

beistehen. Wenn der Herr Holgers, -- ich hab’ ihn übrigens immer gern

gemocht, -- in der Welt ›herumfachiert‹ ...«

»Luischen, sieh zu deinen Worten ...«

»Ja, nicht wahr, Herr Lehrer, dann müssen wir Frauen zusammenstehen wie

_ein_ Mann, und ...«

»Luischen, ich sehe schon, du willst in den Reichstag. Da will ich nur

gleich Frau Maren fragen, ob sie mich mit verköstigt und das lebende

und tote Hauswesen des Pastorats betreuen will.«

»Pastor, was du redest. Und was machst du denn da? Ich glaube gar, du

willst den Tisch abräumen? Und mein Volkstedter Porzellan zerbrechen?

Das fehlte noch!«

Frau Luischen sprang hurtig auf und räumte die kostbaren,

goldgeränderten Tassen selbst zusammen. Stellte sie dann an das

feingemalte Kuchenbrett, fegte sorglich die Krümel vom blütenweißen

Tischtuch und trug alles hinaus. Manne Wögens sprang auf, um ihr die

Türen zu öffnen.

»Ich muß jetzt so etwas selbst tun«, sagte sie entschuldigend zu ihm,

»meine brave Magd quält sich mit den drei Bresthaften. Aber über Maren

und Edlef sprechen wir noch, gelle, Herr Lehrer?«

Da stand der Pastor ruhig auf, ging zur Tür, zog den Lehrer am

Rockärmel in die Stube zurück und schloß sehr energisch hinter Frau

Luischen ab.

»Wenn ich nicht Ihrem klaren Blick vertraute, lieber Wögens ...« meinte

der alte Pastor verlegen, »dann ...«

Der Lehrer drückte ihm mit einem guten Blick die Hand.

»Frau Pastorin ist uns allen lieb und wert«, sagte er warm. »Und gerade

das Streitbare und Aufrechte an ihr brauchen wir hier auf der Hallig.«

»Ach Gott ja, streitbar ist sie«, seufzte der Pastor. »Und doch

herzlich und lieb wie die lichte Sonne. Aber mit jedem, der nach ihrer

Meinung nicht gut tut, fährt sie gleich durch den Schornstein. Und

wenn’s einer vom Konsistorium wäre!«

Dann berieten sie lange und eingehend. Über alle Sorgen und Nöte der

Hallig. Und fühlten, wie ersprießlich ihr gutes Miteinandergehen

war. Und als Manne Wögens wieder zur Schulwarf schritt, lag sein

Sorgenbündel im bauchigen Lehnsessel des Pastors. Und dessen Nöte hatte

hinwiederum _er_ aufgepackt, einen strammen Rucksack voll. Aber sie

drückten ihn nicht allzusehr, denn er wußte viele starke Schultern auf

der Hallig, die sie mit dem Pastor tragen würden, wenn Manne Wögens sie

nur liebevoll und gerecht verteilte. --

Am meisten bedrückte ihn noch der Gedanke an Peder Luersen. Denn Pastor

Licht hatte dringend zur Unterbringung in eine Anstalt geraten. Und

solch ein Verpflanzen aus dem Halligboden in die Fremde dünkte den

Lehrer grausam.

Aber als er in seinen Wohnpesel trat, saß Peder Luersen ganz still auf

der Ofenbank und hielt die Hände gefaltet. Das weiße Kissen lag neben

ihm, aber er schaukelte es nicht.

»Seid Ihr wieder da, Nachbar Luersen?« fragte der Lehrer ruhig, als

spräche er zu einem Gesunden. »Wolltet Ihr nicht bei Maren bleiben?«

Ein paarmal mußte er die Frage wiederholen. Dann antwortete der Kranke:

»Da ist nichts.«

So schickte Manne Wögens schweren Herzens den Knecht wieder nach dem

Mutterhof, um Luersens Verbleib zu melden, und erfuhr bei seiner

Rückkehr, daß alles wohl auf dem Mutterhof sei und der Kranke gleich,

nachdem Klein-Anni zu Bett gebracht, das Haus verlassen habe.

So ging es nun Tag um Tag.

Jeden Morgen, nachdem Vadder Luersen geatzt worden, ging er rasch und

unentwegt dem Mutterhof zu. Dort nahm ihn Maren in Empfang, gab ihm

das Wiegenband, und er schaukelte das Kleine, ja er blickte wohl auch

manchmal längere Zeit auf das Geschöpfchen nieder und wehrte ihm die

Fliegen ab. Niemals mehr nahm er das Lütte eigenhändig aus der Wiege,

aber er ließ auch außer Maren niemand an das Bettchen heran.

So hatte der kranke Großvater sein Enkelkind gefunden und wachte den

ganzen Tag wie ein treuer Hund bei ihm in rührender Bedürfnislosigkeit.

Von einer Anstalt wurde nicht mehr gesprochen. Maren betreute Vadder

Luersen tagsüber, und abends nahm ihn Manne Wögens in seine und des

Schulhauses Obhut.

* * * * *

_Aufzeichnungen des Halligschulmeisters Manne Wögens._

»_Es sollen nicht aufhören Sommer und Winter, Frost und Hitze, Tag und

Nacht_«.

Dies wäre es, was ich über mein Leben zu sagen hätte.

Die harte Arbeit und ihren Schweiß, aber auch das Beglückende, das sie

mir gibt, will ich dankbar danebensetzen.

Wieder kamen Frühling und Sommer, es kamen Eintagsfliegen von Föhr

herüber, und es kam ein berühmter Maler, welcher der Hallig Freund

werden will und mit dem warmen Künstlerherzen unsere Insel und ihre

herbe Schönheit auf die Leinwand bannt. Wieder haben wir die Fennen

eingeteilt, und es meldet das Mehdebuch in diesem Jahr:

Norderlätig:

1 Schwesterteil das Verhäuß-Schifft,

1 Schwesterteil die, welche ein Schifft in

8 teilen, ohne Zugift.

Das norderste Schifft bei dem Damme erhält Lars Larsen und gibt

¹/₅ Teil aus an die, welche ein Schifft in 8 teilen; als Zugift

das oberste Bruderteil von Kleiderhörn. Das süderste Schifft

bei dem Damme erhalten die, welche ein Schifft in 8 teilen, als

Zugift das nächstoberste Bruderteil von Kleiderhörn. Varskoog

erhalten die, welche ein Schifft in 8 teilen, als Zugift das

nächstwesterste Teil von Kleiderhörn.

Lars Larsen: 6 Nutzgras 6⁴⁷/₄₈ Lammgras

Witwe Klausen: 0 " 3⁵⁷/₁₂₈ "

Edlef Holgers: 7 " 7⁴⁷/₄₈ "

Rickert Holgers: 4 " 2²⁷⁹/₆₀₈ "

Henning Jürgens: 0 " 5⁵/₄₈ "

Sonke Karsten: 0 " 2¹⁵⁵/₁₉₂ "

Unsere Mehdebücher in ihrer wunderlichen Verzwicktheit und zugleich

rührenden Einfachheit bilden den Schatz der Hallig. --

Sie selbst und unser eigenartiges Besitzwesen stehen wohl ganz einzig

da. --

Nun ist der Herbst gekommen und, wie ich in großer Bescheidenheit sagen

muß: »_Der_ Baum auf meiner Schulwarft steht entlaubt.«

Dagegen grünt und blüht der ganze Mensch Manne Wögens. Denn mein Buch

liegt fertig vor mir: »Im Banne der Heimat.« Prächtig hat es der

Verleger ausgestattet, und wenn auch die märchenhafte Summe, wovon

Schwester Maren träumt, erst kommen soll, so ist es doch bereits von

der ernsten Kritik mit überraschend warmen Worten aus der Taufe gehoben

worden. Und das Unerhörte, jahrelang Ersehnte, nie Geglaubte wird

Wahrheit werden, ich gehe nach dem Süden. Meine Behörde hat mir diesen

Urlaub gewährt und ich, der ich nie Ferien gekannt habe, dem immer Juli

und August die härteste Arbeit brachten, ich darf im Winter warme Sonne

und blauen Himmel erleben im fernen, schönen Land. Aber doppelt und

dreifach lieb wird mir die Heimat sein, wenn ich wiederkehre. In sechs

Wochen kann ich reisen. --

Im Mutterhof rüstet man zu Edlefs Heimkehr. Sie ist aber so unbestimmt,

daß ich nicht weiß, ob ich noch hier bin, wenn er kommt. Wie wird er

alles verändert finden! Einst wollte _er_ allen Staub hinausjagen aus

dem Mutterhof, aber die Spannkraft seines Willens versagte. Meine

Marenschwester ließ er als »verlassene Königin« im Märchen zurück. Das

trennt mich innerlich vom alten Freunde. Welche Macht da tätig war, um

diesen hochgemuten Jungen im Wachstum zu hemmen? Ich konnte es nicht

ergründen, so gründlich ich auch geforscht habe, durch meine Briefe.

Einmal suchte ich ihn in Hamburg auf. Er ist sehr verändert. Und sein

Auge sah an mir vorbei. Die Arbeit hält ihn mit Krallen gepackt. Sie

ist ihm ein Fronvogt. Mit der Peitsche treibt sie ihn an. Edlef Holgers

kennt nichts Beschauliches mehr. Und ich bange für den Mutterhof, wenn

er heimkehrt und diese Arbeitsunrast mitbringt. Dabei lag doch etwas

in seinen Augen, in seiner Stimme, wenn er sich unbeobachtet glaubte,

das sah aus wie -- Heimweh. Und Halligheimweh ist aufreibend wie eine

schwere Krankheit. Warum suchte er nicht längst die einfachste und

sicherste Heilung?

Mit Marenschwester habe ich nur wenig über diesen Besuch bei Edlef

gesprochen. »Laß!« wehrte sie mir. »Er hat mir so wehgetan, aber ich

kann von niemandem hören, _daß er es tat_.«

»Mein Deern,« sagte ich, »es wird eine große Veränderung für dich und

den Mutterhof kommen, wenn er wiederkehrt. Wirst du die Herrschaft

gern und willig abgeben wollen? Wie eine kleine Königin hast du den

Mutterhof regiert.«

»Edlef ist der Herr«, sagte sie ruhig. »All meine Arbeit war für ihn.«

Ich las in ihrer Seele. Marenschwester und ich waren von Kindheit an

innerlich untrennbar. Ich weiß, daß sie sich selbst zutiefst die

Schuld gibt an der Entfremdung zwischen Edlef und sich.

Schuldlose Schuld. Arme Maren!

Jedenfalls aber wird Edlef gerecht genug denken, der jungen Herrin tief

zu danken, wenn sie ihn wieder in sein Königreich führt.

Eine Macht ist der Mutterhof geworden.

Er war früher nur reich, jetzt ist er _groß_.

Meine Marenschwester hat der »Liebe« Hüsung gegeben. Es ist _warm_ im

Mutterhof. Und sie, die von dem Gatten keine Liebe empfing, hat aus dem

reichen Schatz ihres Innern geschürft und hat gegeben, -- immer nur

gegeben. Und je mehr sie gab, desto reicher wurde sie. Und sie, deren

Leib nicht gesegnet ward, wird »Mutter« genannt von allen, die ihrer

Kraft und ihres Rats bedürfen. »_Mutter Maren_« heißt meine noch so

junge Schwester auf Hallig Likamp.

Onnen erzählte mir, daß auch Nomine Holgers aus dem Ausland heimgekehrt

ist, um ihr Staatsexamen abzulegen. Danach will sie Edlef in der Heimat

begrüßen. Und will all die großzügigen Maßnahmen mit ihm durchsprechen,

die Edlef zum Schutze unserer Insel getroffen hat.

Ich werde dann fern sein.

In Nomines Stübchen will ich mein Buch legen lassen, es ist wie ein

Testament ...

Und zugleich eine Antwort auf ihre verschiedenen frohen Anzeigen hin,

die sie uns seit Jahren schickt und die Kunde von ihrem rastlosen Fleiß

geben.

Ob freilich mein Buch für sie ~summa cum laude~ sein wird? Ob sie

nicht darauf herabsieht wie auf ihre arme Hallig?

Was kümmert’s mich? Immer noch dies heimliche Fragen, das sich um

die Heimatflüchtige dreht. Meine Reise soll mich von dieser letzten,

sentimentalen Rückständigkeit befreien.

* * * * *

Ich wollte mein »Zeitbuch« schließen und fortpacken, habe neue Seiten

hineingeheftet, welche die Schilderung der Reiseeindrücke bergen

sollen. Nun gebe ich noch einige Seiten für die Heimat her. Denn ich

hatte heute morgen eine seltsame Begegnung. Wir Warfbohlsgenossen haben

im Sommer das verfallene Haus von Peder Luersen wieder aufgebaut und

gezimmert. Jeder hat sein Bestes dazu getan. Schwester Maren gab mit

Edlefs Erlaubnis einen Teil der Mittel, auch stiftete sie ein Bett

hinein und alles Nötige für jemand, der vielleicht einmal auf unsere

Hallig verschlagen wird und hier übernachten muß. -- Nach Luersens

altem Hause wanderte ich heute, um einen Haussegen aufzuhängen:

»Wo Glaube, da Liebe,

Wo Liebe, da Friede,

Wo Friede, da Segen,

Wo Segen, da Gott,

Wo Gott, keine Not.«

Die Halligleute halten darauf, daß in jedem Hause dieser Spruch hängt.

So wollte auch ich etwas stiften und nagelte den hübsch gerahmten

Spruch über das einfache Sofa im Wohnpesel. Das hat Tanten Frauke aus

ihrer Kemenate hineinstellen lassen.

Als ich just beim Einpacken von Hammer und Nägeln war, ließ mich ein

Geräusch aufblicken.

Und da lehnte Akke Luersen in der Tür.

Sie tastete sich mit unsicheren Schritten zu mir. Ihre Augen brannten

in dem blassen Gesicht. »Herr Lehrer, Sie werden mir die Wahrheit

sagen«, raunte sie heiser.

Beide Arme hob sie wild und zeigte mit den Händen ringsumher. »Ist

das wahr? Die Sturmflut? Alles leer? Alles? Vater, Mutter, die

Geschwister??? In Pellworm hat man’s mir gesagt. Von Kopenhagen komm

ich ...«

»Und habt in der ganzen Zeit nicht einmal geschrieben und gefragt, wie

steht’s daheim?« fragte ich ernst. Und mußte an Nomine denken, die in

all ihrer herben Mädchenhaftigkeit genau so gehandelt hatte wie die

verachtete, wilde Akke.

»Wem sollt ich schreiben? Der Vater hatte mir die Tür gewiesen ...

Und seit der letzten Sturmflut haßte ich die Hallig und alle Menschen

drauf ...«

»_Alle?_« fragte ich mit schwerer Betonung.

Eine fliegende Röte ging über ihr Gesicht. Und da wußte ich, daß sie

mich verstanden hatte. Ich hätte sie schütteln mögen im grimmigsten

Zorn.

Aber sie ließ mir nicht lange Zeit. »Wie furchtbar ist das alles«,

stöhnte sie. »Wo, -- wo sind -- -- finde ich alle Gräber? Auf der

Kirchwarf? Oder ...?«

»Ja, alle. Aber Ihr Vater lebt!«

Sie sah mich erschüttert an und packte wieder meinen Arm.

»Vater lebt? Ist das wahr? Und das sagen Sie jetzt? Wo ist er? O, diese

langsame Halligart!«

Ihre Worte überstürzten sich.

»Sie kommen früh genug zu ihm hin, Frau Akke. Und Sie haben lange Zeit

gebraucht, ihn zu suchen ...«

»Wo ist er?« drängte sie.

»Bei meiner Maren im Mutterhof. Und nachts bei mir.«

Die Röte ging wieder über ihr Gesicht. »Bei Maren?« fragte sie

ungläubig und verlegen ...

»Auch Ihr Kind lebt dort, Akke Luersen, Sie fragten noch nicht danach.«

»Was kümmert mich das Kind?« rief sie wild. »Das kenn ich nicht, und

es kennt _mich_ nicht. Nach meinem Vater verlang ich.« Sie schluchzte

schwer. »Warum sagten sie mir in Pellworm, er wäre tot? Und nun will

ich hin zu ihm.«

Vielleicht war es grausam von mir, die Tochter wieder zurückzuhalten,

trotzdem ich sah, der Schmerz war echt. Aber der Grimm in mir und

die Trauer um meiner Maren zertretenes Leben war zu lebendig, und so

verstellte ich die Tür und fragte laut: »Können Sie Marens Schwelle mit

reinem Gewissen betreten?« Da duckte sie sich scheu und sah mich nicht

an. Und das Leid um meine Marenschwester würgte mir die Kehle.

So standen wir eine Weile stumm.

»Was soll ich tun?« fragte sie dann finster.

»Ich selbst will Vadder Luersen holen.« Mir wurde das Sprechen schwer.

»Aber ... er ist krank ...«

»Was heißt das?« Ihre Stimme war unsicher. »Was fehlt ihm?«

»_Sie_ haben ihm gefehlt, Frau Akke. Sie und das Enkelkind und Ihre

Mutter mit den ertrunkenen Kindern ... das Leid hat ihn verwirrt ...«

Sie erwiderte kein Wort, und ich ging hinaus nach dem Mutterhofe. Dort

sprach ich mit Maren und konnte ihr liebes Gesicht nicht ansehen,

während ich ihr erzählte. So sehr schämte ich mich für Edlef, den ich

einst meinen liebsten Freund nannte. Der Kranke wollte mir durchaus

nicht folgen. Da ging Maren eine Strecke mit uns und löste nach einer

Weile ihren Arm aus dem seinen, und ich trat an ihre Stelle. Während

sie still zurückschritt. Als wir zum Hause kamen, blieb Vadder Luersen

stehen und horchte nach allen Seiten, aber er wollte nicht hineingehen.

Die neue Haustür mutete ihn fremd und unbehaglich an. Aber ich erzählte

ihm, daß das sein liebes, altes Haus sei, wo die Akke drin wohne. Und

schob ihn sacht vor mir her in das Stübchen. Er blieb auf dem Fleck, da

ich ihn hingestellt und machte ängstliche Augen. Und dann tastete er an

den Wänden hin und lachte. Denn er fühlte da manches Bekannte. Auch ein

kleines Wandschränkchen fand er mit einem alten Tabaksbeutel, den er

gierig beroch. Und dann lachte er wieder.

Mit vorgebeugtem Körper stand Akke. Sie streckte die Hände abwehrend

aus gegen das Jammerbild, und dann schlug sie auf den harten Boden

hin, wie ein gefällter Baum.

Ich lief zum nahen Schulhaus und holte Wein und Brot und Wasser, meine

alte Magd half mir alles tragen. Als wir zurückkamen, saß Akke mit

ihrem Vater auf dem Bettrand. Sie hielt seine Hand und strich sacht

darüber hin. Ihr schönes, wildes, derbes Gesicht war jäh gealtert. Sie

stand auf und sah mich an. »Kann ich hierbleiben?« fragte sie kurz

und hart. »Und kann mir mein Kind geschickt werden? Ich möchte den

alten Mann bei mir behalten. Vielleicht -- daß er mich noch einmal

erkennt ...« Sie schien alle Fragen ohne Pause tun zu wollen. So als

bliebe ihr keine Zeit sonst, und als wolle sie danach nie mehr ein Wort

an andere richten. »Könnten Sie mir Arbeit besorgen, Herr Lehrer? Damit

ich verdiene. Eine Weile geht’s noch mit meinem Ersparten. Die Gemeinde

soll keine Last mit uns haben.«

Ich konnte ihr das versprechen, denn Lars Larsen von der Schulwarf

sucht eine Hilfe für seinen großen Hausstand. Und er vermag reichlich

auszugeben. Im übrigen leidet kein Halligbewohner, daß irgendeiner von

der Insel sich in Bedrängnis befinde. Nur von der Schwelle meiner Maren

möcht’ ich Akke fernhalten ...

* * * * *

Aber wer rechnet mit den wunderlichen Frauen ...

Heut kann ich schon niederschreiben, daß Maren allein das Haus der

Akke fertig eingerichtet und ihr übergeben hat. Vadder Luersen sitzt

in einem behaglichen Ohrenstuhl und zupft das Wiegenband. Wenn seine

Tochter spricht, dann hält er die Hand ans Ohr und lauscht. Als ob aus

weiter Ferne etwas zu ihm dränge. Seine Züge spannen sich dann ein

wenig. Noch scheint ihn aber das Ringen mit der Erkenntnis zu quälen.

Am friedvollsten ist er, wenn er das Kind ganz für sich allein hat.

Dann sitzt Tanten Frauke in seiner Nähe am Spinnrad. Sie hat das Amt

des Betreuens übernommen, während Akke auf Arbeit geht.

Ich sprach ernst mit meiner Marenschwester, warum sie doch so viel

Wohltaten auf die Frau häufe ...

»Ich kann niemand Aufrechtes am Boden liegen sehen«, sagte Maren sanft.

»War Akke so aufrecht?«

»Sie war immer heiter. Sie konnte lachen. Es ist furchtbar, wenn man

das Lachen verlernt. Deshalb möcht’ ich die Akke wieder aufheben. Ihr

Kind braucht das Lachen der Mutter ...«

Ich nahm Maren in meinen Arm. »Du, -- ich brauche auch Lachen, _dein_

Lachen, Schwester. Wo ist es?«

»Bei Edlef. Ich weiß nicht, Mannebruder, ob er es mir

wiederbringt.« -- --

Frau Akke hat meiner Marenschwester nicht mit Worten gedankt. Sie

geht finster und mit unbewegtem Gesicht einher. »Ich werde das alles

abverdienen«, hat sie gesagt.

Und Maren hat entgegnet: »Das sollst du auch, -- denn sonst hast du

keine Freude daran.«

So ist nun dies wunderliche Hauswesen wieder im Gange. Wir haben kein

Wrack mehr auf der Hallig. Ein zerfahrener Mensch beginnt ein neues

Leben, und Tanten Fraukes einsames Dasein hat neuen Inhalt bekommen.

Sie pflegt Vadder Luersens Körper und ist ein Arzt für Akkes Gemüt.

Pastor Licht geht wieder händereibend umher.

»Merken Sie es, Wögens? Der Herrgott ist wieder einmal auf der Hallig«,

sagte er glücklich. »Und warum, Wögens? Warum? Weil ›Mütterchen Maren‹,

der gute Engel von Likamp, das _rechte_ Beten hat: ›Komm, Herr Jesus,

sei unser Gast.‹«

* * * * *

Es ging auf Weihnachten zu.

Manne Wögens hatte seinen Koffer und den strammen Rucksack gepackt.

Hatte beides an Knecht und Magd abgegeben, die trugen das Gepäck zur

Postfähre hinunter.

Er selbst lehnte am Fenster und schaute über die sturmgepeitschte

Hallig hin. Gestern war der erste Schnee gefallen, aber man entdeckte

schon nichts mehr von ihm. Sturm und Regen hatten ihn fortgewaschen und

gepeitscht.

Dies trübe Grau in Grau würde er nun lange nicht sehen. Ein

wunderliches Herzweh war in ihm, und er schalt sich selbst.

»Halligbursch! Grundinsulaner! Es ist, als ob ich schon wieder Heimweh

nach der Hallig hätte, und bin noch gar nicht fort.«

Er sah sich in dem wohlaufgeräumten Stübchen um, fand es leer und

ungemütlich.

Reisefieber und ein unklares Gefühl von Verlassenheit rissen an ihm

herum.

Da hörte er draußen Onnens Stimme. »Fort ist er. Sieh, da unten werden

seine Sachen weggeschafft. Nomine, ich renne nach. Vielleicht erwisch

ich ihn noch ... kommst du auch?«

»Ich komme bald«, sagte eine herbe Stimme in wunderlichem Klange ...

Dann bog sich die Klinke herunter.

Das Heimweh in Manne Wögens Brust schwieg.

Er sah auf das tief erschrockene Mädchen mit gutem, frohem Blick.

»Bleiben Sie nicht auf der Schwelle stehen, Fräulein Doktor. Treten

Sie ein! Lassen Sie auch den Onnen ruhig nach der Postfähre rennen ...

Warum sollen wir zwei Feinde nicht zum Abschied noch einmal die Klingen

kreuzen?«

Sie suchte nach einer Antwort. Es schien nicht mehr die selbstsichere

Nomine von einst ... Dann hatte sie sich wieder in der Gewalt.

»Ich bin nicht mehr Feind, Manne Wögens«, sagte sie ruhig. Aber sie

meinte, man müsse ihr Herz laut schlagen hören.

Er sah sie durchdringend an.

»Sie stehen immer noch an der Tür. Ich komme mir ungastlich vor. In

welchen ›Salon‹ darf ich Sie geleiten?«

»Nur jetzt keinen Spott. Ich -- ich möchte in das Schulzimmer.«

Sie öffnete rasch die wohlbekannte, alte Tür.

Erstaunt und befremdet folgte er ihr.

Die Röte kam und ging auf ihrem regen Gesicht. »Manne Wögens, ich

komme, um Abbitte zu tun, da ist hier der rechte Platz ... Ganz klein

möchte ich mich machen ...«

Sie hockte sich auf eine niedere Schulbank. »Wissen Sie noch, wie ich

damals sagte (es ist lange, lange her), ich säße nicht mehr auf der

Schulbank, und Sie sollten nicht ewig schulmeistern? Nun sitze ich

wieder darauf. -- Wissen Sie alles noch, oder haben Sie es vergessen?«

»Ich habe nichts vergessen, was die Prinzessin jemals an guten und

bösen Dingen zum Schweinehirten gesagt hat.«

»Oh, nicht so ein finsteres Gesicht, Manne Wögens. -- Aber es ist gut,

tausendmal gut, daß Sie nichts vergessen haben. Gefürchtet habe ich

mich nur vor -- Gleichgültigkeit.«

»Es wäre mir lieb, wenn Sie ganz deutlich und ruhig sprechen wollten,

was Sie hierher führt«, sagte Manne Wögens schroff.

»Das habe ich Ihnen doch erklärt, -- ich wollte -- abbitten ...«

»Was heißt das? _Ich_ habe Ihnen nichts zu verzeihen. Daß Sie die

Hallig nicht liebhatten ... nun sie ist unsere Mutter, und eine Mutter

verzeiht alles und nimmt auch das lieblose Kind immer wieder ans Herz.

Daß Sie _mich_ nicht liebhaben konnten, war Ihr gutes Recht ...«

Sie sah ihm gerade in die Augen. »_Ich habe die Hallig lieb! So_ lieb!

Ist’s denn so schlimm, daß ich erst lernen mußte, was anderen im Blut

liegt? Manne Wögens, -- ich hab’ nicht gewußt, was rechtes Heimweh

ist. Dann kamen im Ausland bitter einsame Stunden, und in diese hinein

brachte ein Professor mir Ihr Buch ...«

»Sie -- haben -- mein Buch schon gelesen?«

»_Im Banne der Heimat._ Ja. Manne Wögens, _Sie_ haben mir die Heimat

geschenkt. Darf ich Ihnen die Hand geben?«

Ganz mechanisch und sehr langsam reichte er sie ihr hin, zog sie aber

gleich wieder fort. Beinahe wie ein verlegener Junge, der das Weite

suchen will.

»Was ist das mit Ihnen, Fräulein Doktor?« fragte er ungeduldig. »Sind

Sie eine neue Ausgabe der alten spottsüchtigen Nomine Holgers? Ich

finde mich nicht zurecht.«

In ihr regte sich der Zorn. Aber der heiße Wunsch, jetzt nichts zu

verderben, drängte alle unguten Worte zurück. Sie standen Aug’ in

Auge ...

Und obgleich Nomine Holgers innerlich feststellte, daß Manne Wögens sie

unerhört quäle, war es doch der Schulmeister, der beide Fäuste ballte

und mit farblosen Lippen die Worte herausstieß: »Wie Sie mich quälen,

Nomine Holgers!«

Da sagte sie leise und wandte die Augen nicht von ihm: »Ihre

Marenschwester hat mir geschrieben, nicht einmal, sondern in jedem

Brief: ›Der Manne hat dich lieb bis in den Tod, denn er ist ein Wögens.

Aber er wird es dir niemals wieder sagen, _nie_.‹«

»Was soll das?« fragte Wögens verletzt.

»Da hab’ ich gedacht: ›So muß ich etwas ganz Ungewöhnliches tun,

-- etwas, das er vielleicht ... häßlich findet ... Aber ich muß es

trotzdem tun. Denn sonst erfährt er ja nie ...‹«

Und nun wandte sie doch den Blick von ihm fort und senkte den feinen

Kopf tief.

Ein großmächtiger Tintenfleck machte sich vor ihr auf der Schulbank

breit. Eine Viertelsflasche hatte Geerd Larsen heute ausgegossen, und

dafür einen Katzenkopf bekommen. Zu diesem Tintenfleck sagte Nomine

laut: »Ich habe dich _auch_ lieb, Manne Wögens!«

Vielleicht jauchzte der Lehrer auf, aber es klang wie ein Schluchzen.

Und mit einem Ruck straffte er sich. Legte die Hände auf den Rücken und

ging heftig auf und ab. Wäre Nomine seine Schülerin gewesen, so hätte

sie gewußt, daß der Lehrer Manne Wögens aus den Fugen war und wieder

zurechtkommen wollte.

Aber sie wußte es nicht. Und sie schlug jetzt in heller Scham beide

Hände vor das Gesicht.

Manne Wögens blieb stehen. So fest biß er sich auf die Lippen, daß

kleine Blutstropfen auf ihnen standen. Und in der peinigenden Stille

nahm er die Kreide und malte wilde Schnörkel an die Wandtafel, und

zerbrach die Kreide und warf die Stücke weit von sich.

Wieder nahm er den Dauerlauf auf. Blieb wieder stehen. Und sah sie an,

wie sie mit blassem Gesicht durch das Fenster schaute in den grauen

Regen hinein.

»Wär’ ich ein anderer, Nomine Holgers, -- ich nähme dich in meine Arme

und holte nach, was wir vier lange Jahre versäumt. Aber ich bin ...

Manne Wögens. Fahre nicht auf, Nomine. Du mußt mich verstehen. Ja, du

hast mir eben ›Unerhörtes‹ gesagt. So unerhört Schönes und Süßes, daß

ich es nicht annehmen kann, _jetzt_ nicht ... wenn ich ehrlich bleiben

will.«

Da kam ein Wehlaut aus Nomines Mund.

Er streckte die Arme nach ihr aus, und ließ sie wieder sinken.

»Du sollst dich nicht einen Augenblick gekränkt fühlen«, sagte er

tonlos vor innerer Erregung. »Und deshalb sag’ ich dir wieder und

wieder, was du nie mehr hören solltest: ›Nomine, ich hab’ dich lieb!

Ich hab’ dich lieb! Ich hab’ dich lieb!‹ Aber ich nehme dich nicht und

küsse dich nicht, weil du ganz frei sein sollst, während ich fort bin.

Denn über dich ist ein Rausch gekommen ... versteh mich recht, du Süße

... der Halligrausch. Ich weiß, wie er gewaltig zupackt. Du liebst

die Heimat mit einer späten gewaltigen Liebe und meinst, sie gelte

_mir_. Tu ich dir weh, Liebste? Ach, ich tu mir selbst am wehsten. Das

muß sein, du mußt dies kommende Vierteljahr auf der Hallig bleiben,

Nomine. Mußt die ganze Öde der kalten, einsamen Insel durchmachen. Um

dich zu prüfen, ob deine Liebe echt ist. Ob du es aushalten kannst

›up ewig ungedeelt‹ neben dem einfachen Schulmeister _in dieser Öde_

zu stehen ... Nach all deinem ernsten, wohlbelohnten Studium -- eine

Halligbäuerin zu werden. Denn das müßtest du werden -- Nomine -- mit

deinem ganzen Herzen ...«

Ein Sonnenstrahl, der erste an diesem grauen Regentage, fiel durch

das Fenster und leuchtete an der Wand auf, wohin das Mädchen seinen

trostlosen Blick gerichtet hatte. Ein Spruch hing da, ganz ungerahmt,

daß es aussah, als höben sich die Buchstaben aus der Wand heraus ...

»die Liebe aber ist die Größeste unter ihnen«.

Da demütigte sich die »Prinzessin« tief ...

»So will ich warten, bis du wiederkommst«, sagte sie einfach. »Du wirst

mich ganz unverändert finden, Manne Wögens, -- so wie ich heute zu dir

kam.«

»Du! Du!« stammelte er ... Und dann riß er seine zärtlichen, dürstenden

Blicke gewaltsam los -- »Gott behüt!« rief er noch.

Die Tür öffnete und schloß sich mit jähem Ruck.

Und Lehrer Wögens lief davon. Lief nach der Postfähre hinunter wie ein

Schuljunge, der unerträglichem Zwang entfliehen will ... Einmal sah er

sich um. Ein weißes Tuch winkte. Da rief er noch einmal in den Sturm

hinein: »Gott behüt ...!«

Langsam wandte sich Nomine vom Fenster fort. Sie nahm ihr Herz in beide

Hände. Fest, ganz fest.

Stammelte irgend etwas. Etwas Zärtliches, Glückseliges. Ihre Blicke

umfingen noch einmal das Schulstübchen. Ein alter, sturmerprobter

Filzhut hing in einer ganz versteckten Ecke am Nagel. Manne Wögens trug

ihn im Frühjahr bei garstigem Wetter zur Gartenarbeit. Häßlich war der

alte Hut, durchlöchert und verfärbt. Aber Nomine streichelte ihn und

setzte ihn sich mit einem lieben Lachen auf den schönen, zierlichen

Kopf. Und klinkte ganz sacht die Tür auf und wieder zu. Lief dann, ohne

aufzuhalten, ihren Weg zurück und trug ihr ernstes, schönes Geheimnis

mit lauter frohen, guten Gedanken in den Mutterhof. --

* * * * *

Alle, welche Sitz und Stimme hatten auf der Hallig, waren beim

Gemeindevorsteher versammelt.

Es war eine ganz außergewöhnliche Sitzung. Und die verschlossenen

Friesengesichter sahen noch etwas ernster aus als sonst. Nicht

eigentlich, daß sie vermuteten, der Anlaß dieser Sitzung würde sich als

etwas Trauriges herausstellen, sondern weil sie alles Außergewöhnliche

besonders wichtig nahmen.

Viele sahen nicht nur ernst, sondern mißmutig und unbehaglich aus. Das

waren die starken Raucher. Die mit der »korten Piep« aufstanden, und

mit ihr zu Bette gingen.

Die konnten sich nicht mit dem Verbot zurechtfinden, das der

Gemeindevorsteher erlassen, -- bei einer Sitzung den »Nasenwärmer«

fortzulassen. Aber Ketel Boon hatte einmal das Wort »unwürdig«

gebraucht, und da er viel in großen Städten gewesen und ein angesehener

Mann war, so wollte niemand in seinem Hause »unwürdig« sein.

Vier hochgeschätzte Halligleute fehlten. Das waren Peder Luersen, der

seine »Fiw« noch nicht wieder beisammen hatte, Pastor Licht, der mit

schwerem Rheuma zu Bett lag, Edlef Holgers, der noch immer in Hamburg

lebte, und Manne Wögens, der »im Süden studeerte, wat he doch nich

im Norden bruken kunn«, wie der immer etwas giftige Boy Boysen sich

ausdrückte.

Lars Larsen eröffnete die Sitzung.

Dann gab er das Wort dem Gemeindevorsteher.

Und was dieser vorbrachte, machte alle Herzen warm, und war auch

jedem einzelnen recht aus der Seele gesprochen. Und in einem von ihnen

zündeten die Worte ein ganzes Freudenfeuer an, daß er kaum ruhig auf

seinem Stuhl sitzen konnte. Das war Rickert Holgers vom Mutterhof.

Und weil bei ihm die kurze Pfeife das Allheitmittel gegen Not und

Krankheit, und besonders auch gegen Rührung jeglicher Art bedeutete, so

löschte sein heftiges Verlangen nach Tabak alle gegenteiligen Erlasse

des Gemeindevorstehers in seinem Gedächtnis aus. Und er zündete sich

unter heftigem Schlucken und unbestimmten Lauten seinen Tröster an und

qualmte unerhört heftig.

Freilich legte er alles ebenso rasch fort, als plötzlich die Mühle

still stand und Lars Larsen vor Entrüstung den Faden verlor. Aber Ohm

Rickert war doch durch die paar kräftigen Züge erst mal wieder ins

Gleichgewicht gekommen.

»Geehrte Gemeindemitglieder! In ein paar Tagen, mich dünkt am

Donnerstag, will Edlef Holgers vom Mutterhof aus Hamburg zurückkommen.

Beinahe ein ganzes Jahr ist er fortgewesen, und hat in diesem Jahre nur

für uns gearbeitet, für das Wohl unserer Insel.«

»Junge, Junge, dat’s gewiß!« murmelte jemand.

»Seine Reisen und sein Aufenthalt in den wichtigen Hafenstädten hat

unserer Gemeinde nicht einen Pfennig gekostet. Mit seinem Hab und Gut

und mit seiner ganzen Gesundheit hat er sich eingesetzt nur aus Liebe

zur Heimat und ohne eigenen Gewinn. Hohe Herren sind auf unsere Hallig

gekommen und haben von Edlef Holgers gesprochen, als sei er selbst ein

hoher Herr. Das ehrt uns alle. Deshalb wollen wir ihn wieder ehren und

ihm einen schönen, warmen Empfang bereiten.«

»Dat’s doch Sach’ von sin Fru ...« warf Boy Boysens loses Mundwerk hin.

Ihm antworteten nur entrüstete Blicke, und Ohm Rickert machte eine

ausholende Gebärde, die gar nicht mißzuverstehen war.

Ketel Boon fuhr in seiner Rede fort.

»Wir wollen Edlef Holgers feierlich einholen. Wer vorher nach Pellworm

oder Husum kommt, soll Tannenzweige mitbringen. Wer noch kleine,

freundliche Kinder daheim hat, läßt sie die Sonntagskleider anziehen,

und so mit dem Tannengrün sollen sie am Poststeg stehen, wenn das

Segelboot kommt.«

»Ich heww nur mien gnarrige Olsch to Hus«, murrte Boy Boysen.

»Und wir wollen im Gottestischrock dabeistehen und ihm die Hand geben«,

schlug Ketel Boon weiter vor.

»Jawohl,« rief Lars Larsen, »und mich dünkt, es könnt nicht schaden,

wenn die Glocken auf der Kirchwarf geläutet würden.«

Aber da wurde Boy Boysen ganz wild, und widersetzte sich so laut und

heftig, daß der Vorschlag gleich fallen gelassen wurde.

»Das fehlte noch!« erregte er sich. Da wolle er sich dann nie und

nimmermehr mit Genuß begraben lassen, wenn wegen jedem »Buh und Bah«

geläutet würde.

»So lade ich euch alle am Tage von Edlef Holgers Ankunft in mein Haus

zu gutem Schmaus und gutem Trunk«, sagte Lars Larsen.

»Junge, Junge, dat’s gewiß«, beruhigte sich Boy Boysen. »Eten und

Drinken is beter as Läuten.«

Aber der Gemeindevorsteher stand immer noch an seinem Platz, und jetzt

handhabte er die Glocke, als wolle er seinen Vorredner deutlich Lügen

strafen. Oder auch, als wolle er nun etwas ganz besonders Frohes mit

hellem Klange einläuten:

»Liebe Gemeindeglieder! Wenn wir nun unseren Halligbruder also ehren,

was gebührt dann der Halligschwester? Was gebührt Mutter Maren?«

Da brach ein freudiges, erregtes Rufen los. »Ja, ja, _Mutter_ Maren!«

»Man zu, Gemeindevorsteher!« »Wi willn se _ok_ ehren, uns’ lütt Mutter

Maren!«

»Was Edlef Holgers draußen geschafft hat,« rief Ketel Boon jetzt

freudig und laut, »das hat Maren Holgers drinnen getan. Im eigenen

Haus und rings auf der Insel. Sie hat uns ein Armen- und Krankenhaus

erspart, denn sie nahm alles auf den Mutterhof, was mühselig und

beladen war.«

»Dat’s gewiß! Dat’s ekli wohr«, tönten die Stimmen durcheinander.

»Da giww du man noch’n Eten, Lars Larsen«, schlug der praktische Boy

Boysen vor. »Für de Mutter Maren ok.« Aber dieser materialistische

Vorschlag wurde mit lauter verächtlichen Blicken abgelehnt.

»Mein Rat ist so«, sagte der Gemeindevorsteher. »Wir schreiben eine

schöne Widmung auf und sagen darin alles, was wir auf dem Herzen

haben. Das soll ein guter, gewichtiger Dank für sie sein. Und in dem

Schreiben wollen wir sie ›Mutter‹ nennen. Damit begraben wir zugleich

das schlimme Vorurteil unserer Insel, daß nur _die_ Frauen etwas wert

seien, die der Hallig Kinder gegeben haben. Mutter Maren vom Mutterhof

hat uns _Liebe_ gegeben, und so sind wir _alle_ ihre Kinder geworden.«

Da streckten sich viele Hände gegen ihn aus in freudiger Zustimmung. Es

war nicht eine Stimme, die dagegen sprach.

»Willst du die Worte aufsetzen, Gemeindevorsteher?«

»Ich will’s.«

»Und wer soll sie Mutter Maren bringen?«

»Wir wollen _alle_ hingehen. Denn uns allen hat sie wohlgetan. Das gibt

einen stattlichen Ehrenzug!«

Da kam wieder freudige Zustimmung. Und dann gingen sie auseinander in

dem Gefühl, einen sehr wichtigen und sehr glücklichen Tag erlebt zu

haben.

Maren aber schmückte den Mutterhof.

Ihr eigen Herz war schon geschmückt. War ganz voll Liebe, voll Sonne,

voll innigsten Verzeihens, und stand in Blüten.

Aber der Mutterhof sollte nicht minder festlich ausschauen, wenn der

Herr endlich wieder einzog in seiner Väter Erbe, das die Gattin ihm

verwaltet und treulich gemehrt hatte.

Der junge Schwager Onnen half Maren in eifriger Hast. Was würde das

für ein köstliches Leben werden, meinte er, wenn erst der große Bruder

wieder daheim sei, und all die geplanten wichtigen Unternehmungen nun

Wahrheit würden. Wie würde Onnen daran wachsen! Und später die rechte

Hand von Edlef werden!

Und »Mutter Maren« würde wieder das Lachen lernen! Das war noch das

Schönste von allem!

In all das festliche Vorbereiten schickte Pastor Licht einen großen

Schreibebrief. Er selbst lag immer noch zu Bett. -- -- -- »Mutter

Maren« hieß den Boten warten und packte ein Körbchen voll schöner

Sachen. Lauter Kostproben von dem, womit Edlef empfangen und verwöhnt

werden sollte. Und dann erst, als sie noch den Korb mit Blumen

besteckt, die sie von den prangenden Fenstertöpfen abschnitt, und der

Bote den Rückweg angetreten hatte, setzte sie sich mit dem Brief zum

geruhigen Lesen nieder. --

Als sie etwas später aus der Haustür trat, da war ein Sturm über ihre

Gestalt und ihr zartes Gesicht gegangen. Gebeugt und alt sah sie aus.

Eine Stunde darauf stand sie schon an der Postfähre und sah mit

schmerzenden, brennenden Augen, wie das Segelboot zurechtgemacht wurde.

Das sollte sie nach Pellworm bringen und von dort wollte sie nach

Hamburg.

Sie sprach mit niemand über den Brief von Pastor Licht. Ruhig hatte

sie ihre Anordnungen gegeben und das Haus bestellt für eine längere

Abwesenheit. Ohm Rickert bekam eine Vollmacht, und Onnen erhielt ein

paar Vertrauensposten. Mutter Holgers übergab sie das Kind, und als die

alte Frau sie forschend und traurig ansah, legte sie die Hand auf ihre

Schulter: »Ein schwerer Unfall, Mutter. Edlef ... Er ruft mich.«

»Um Jesu willen, was ist? Wann kommst du wieder, Maren?«

»Das steht bei Gott.«

* * * * *

Im Eppendorfer Krankenhaus führte »Schwester Käte« die junge Frau

gleich zu ihrem Gatten.

»Er hat sehr nach Ihnen verlangt, Frau Holgers«, sagte sie

teilnahmevoll. »Auch in der Narkose hat er immer nach Ihnen gerufen.

Soll ich Ihnen Näheres vom Unglück im Elbtunnel erzählen?«

»Nein, nein,« wehrte Maren. »Ich will zu meinem Mann. Aber wird es ihn

nicht zu sehr angreifen, wenn ich plötzlich vor ihm stehe? Wollen Sie

ihn vorbereiten, Schwester Käte?«

Diese wendete ihr Gesicht fort. Sie meinte, noch nie solch wehen

Ausdruck in den Augen eines Menschen gesehen zu haben.

»Nein, nein, Frau Holgers, gehen Sie nur, -- -- es ist besser, Sie

sehen den Verletzten _bald_ ... Aber erzählen Sie nicht von dem

Unglück, er -- weiß es nicht, wie schwer seine Verletzung ist. Wenn Sie

es über sich gewinnen könnten, Ihrem Manne _frohe_ Dinge zu erzählen

... so ...«

Sie drückte Maren fest die Hand. Wollte hinzusetzen: »So machen Sie

ihm das Sterben leichter«, aber die Stimme versagte der Leidgewohnten

diesen trostlosen Augen gegenüber.

Der Chefarzt ging vorüber und sah fragend die Schwester und die Fremde

an.

»Frau Holgers von Hallig Likamp ...«

Da trat lebhafte Teilnahme in sein kluges Gesicht.

Das also war »Mutter Maren«, von der ihm Pastor Licht geschrieben. Und

welche durch die Fieberträume des schwer siechen Mannes geschritten war

und in seinem Wachen lebte.

Er reichte Maren die Hand in rascher, herzlicher Art.

»Nur ganz unbefangen mit ihm sein«, riet er. »Ihr Frauen seid ja

doch nun einmal Helden im Schmerzverarbeiten ... Ihr Mann wurde uns

schrecklich zugerichtet gebracht. Wir mußten beide Beine sofort

abnehmen. Und leider ist er auch innerlich schwer verletzt.«

Sie schritt zu Edlefs Lager. Man hatte ihn in einem Zimmer allein

gebettet. Und Maren konnte ihm zulächeln und sah, wie ihm dies Lächeln

wohltat. Und während sie meinte aufschreien zu müssen vor Jammer und

Leid, scherzte sie mit dem Wunden: »Mein Edlef, sie warten alle daheim

auf dich, und du legst dich in die Heia ...?«

Er hielt ihre Hände und zwang sein schmerzverzerrtes Gesicht zur

heiteren Ruhe. »Maren, mein Deern, gottlob, du bist bei mir.« So als

läge gar nichts zwischen ihnen. Als seien all die eisigen Monate eitel

Frühling und Sommerwärme gewesen. --

Und Maren meinte bei sich, sie würde bis an ihr Lebensende die Worte

nicht vergessen, sondern würde ihre ganze Kraft aus ihnen saugen:

»Gottlob, Maren, mein Deern, du bist bei mir.«

Sie hielt seine Hand und plauderte mit ihm. Von allem, was den

Mutterhof betraf, und was sich dort ereignet hatte. Bei Akkes Namen

verfärbte sich Edlef, und Maren sah es und litt unsäglich. Aber gleich

nahm sie ihn wieder in ihre Arme: »Hast du Schmerzen?« fragte sie

liebreich.

»Ja, große Schmerzen«, gestand er. »Die Beine und Füße quälen mich

schrecklich. Sie müssen mehrfach gebrochen sein, aber man will es mir

wohl noch verheimlichen. Maren, -- wenn ich ein Krüppel würde! Oh, und

wie meine Brust schmerzt!«

»Greift dich auch das Reden nicht zu sehr an?« Sie sah voll namenloser

Sorge in sein gelblich-blasses Gesicht.

»Ach, nein, Maren, ich bin sehr froh, daß du gekommen bist! Wir Holgers

müssen immer erst durch Tiefen gehen, ehe wir zur Einsicht kommen.

Maren -- -- es ist kaum glaublich. -- Erst als ich unter den schweren,

immer aufs neue abgleitenden und stürzenden Steinen im Elbtunnel lag

-- Maren, da erst -- kam mir zum Bewußtsein, daß ich dich schnöde

verlassen hatte ...«

Edlef sprach abgerissen, manchmal ganz undeutlich. Dann wieder umfing

ihn wohltätige Ohnmacht.

Maren labte seine Stirn und die eingefallenen Schläfen mit kölnischem

Wasser. Und ihr Herz betete und schrie: Mein Gott, warum hast du mich

verlassen?

Als Edlef wieder die Augen aufschlug, faßte er sofort fest ihre Hände.

»Du bist bei mir, Maren. Und ich werde den Professor bitten, daß ich

bald heimkehren darf. -- Du allein kannst mich gesund pflegen. -- Und

du wirst auch einen Krüppel liebhaben, ja, Maren? Aber sorg dich nur

nicht -- der Professor ist sehr geschickt -- vielleicht flickt er mich

auch heil zurecht ...«

Nun stöhnte er auf, und Maren sah, wie sich helle Blutstropfen in

seinen Mundwinkeln sammelten. Sacht wischte sie mit ihrem kühlen

Leinentuch über seinen Mund.

»Blut?« stammelte er. »Wo kommt das wohl einmal her? Hab mir wohl gar

ein paar Zähne eingeschlagen? Und es war nur Ungeschick von deinem

großen Edlef, -- Maren, du kleine, süße Deern ... der Gang war so eng,

ich wollte über den Riesensteinhaufen hinweg -- die waren schlecht

geschlichtet und begruben mich ...«

Er wurde wieder ohnmächtig.

Nach einer Weile kam Schwester Käte. Sie beugte sich über Edlef und

bedeutete Maren, sie für eine Weile mit dem Wunden allein zu lassen.

Als Maren wieder gerufen wurde, lag Edlef mit wachen Augen. »Immer ist

Maren da, wenn ich sie rufe«, sagte er leise. »Immer. Im Leid -- meine

Mutter ... Schwester Käte, wann darf ich heimkehren ...?«

»Bald!«

Wie eine bohrende Nadel senkte sich dies »bald« in Marens Brust. Sie

nahm wieder ihren Platz am Bettrande ein, und wieder haschte der

Versehrte nach ihren beiden Händen.

»Maren, mein Deern, -- hast du mir vergeben?« Große Tränen rollten über

sein blasses Gesicht. Maren trank sie mit ihrem Munde auf.

»Lieber, Lieber!« stammelte sie -- »ich hab’ dich lieb!«

»Ja, das tust du. Süße Maren! Und ich wollte mehr ... Wollte einen Sohn

von dir haben ... Mutterhoferben ... Und nun hast du mir unsern Onnen

gerettet. Solch ein prächtiger Erbe ... _Gott_ segnete dich, Maren ...

die ganze Hallig nennt dich _Mutter_ ... Das ist mehr, viel mehr ...«

»Quäl dich nicht so«, bat sie. »Wir fangen ein neues, wunderschönes

Leben an, Edlef, Liebster ...«

»Ein neues Leben -- Ja! Aber sag’ mir, Maren -- nur das eine ... warum

hattest du kein Vertrauen zu mir???«

»Ich verstehe dich nicht, Edlef ...«

»Nein, laß! Ich hab’ es dir vergeben. Aber es war nicht gut, nicht

recht ... Es paßte nicht zu euch beiden Aufrechten ... Manne! Maren!

Eine falsche Scham ... Manne hätte es mir sagen müssen ...«

»Was sollte er dir sagen? Um Gottes willen, Edlef, sprich weiter, was

tat ich?«

Aber sie sah, wie die blassen Mundwinkel sich wieder mit Blut füllten.

Und während sie es sorgfältig abtupfte und den Erschöpften labte, rang

sie mit allen lichten und allen finsteren Mächten.

Edlef sah sie an. Voll Schmerz und Liebe. »Du, du, Maren! Warum? Ach,

warum?«

Da schrie Maren auf. Und sank an seinem Bett in die Knie. »Edlef,

hör’ mich! Sieh deine Maren an! _Was man dir auch gesagt haben mag_,

-- Lieber, rein weiß ich mich von jeder Schuld. Nie hab’ ich dir mit

meinem Willen ein Leids getan. Nie!«

Er sah sie an. Lange. Auf den Grund ihrer reinen Frauenseele drangen

seine Augen, in denen schon der Schimmer einer andern Welt lag. Dann

verklärte sich sein Gesicht. Er lächelte. Erstaunt, fragend, wissend.

Strahlend wurde sein Lächeln. Viele Dinge lagen darin.

Der Mutterhof: Ein Halligroman · 第 37 / 46 题