»Ja, gestern. Aber von sich selbst schreibt er gar nichts, der
ganze Brief wimmelt von ›Erdlahnungen‹, ›Faschinenbuhnen‹ und
›Strohbeschickung‹. Er ist sehr fleißig, dein Edlef. Und auch mit
seinem Geld und Gut setzt er sich ein. Die Halligleute schätzen ihn
sehr, Maren, mein Deern ...«
»Ja, und schneiden ihm die Ehre ab«, sagte sie bitter.
»Das steht ganz und gar auf einem andern Blatt«, rief der Lehrer eifrig
und nahm ihre Hand. »Du kennst die wunderliche Hallig nicht wie ich ...«
»Doch, Manne, _ich kenne_ sie.« Aus ihren Augen sah der Gram.
Da reichte er ihr rasch die Hand und ging mit weit ausholenden
Schritten zur Schulwarf. Sein alter Knecht kam ihm entgegen. »Allens im
Lot«, berichtete er. »Dat brummelt blot so’n beten in de Scholstuw. Ik
heww seggt: Ji Düwelstüg, wenn ji Larm makt, dann hol ik sülwst School.
Da hebben se Angst kregen ...«
Manne Wögens lachte. »Junge, Junge, dat is gewiß.« Und noch lachend
trat er in die Schulstube.
Da saß Onnen Holgers auf dem Katheder und las mit erhobener Stimme und
gutem Ausdruck eine biblische Geschichte vor. Und die Schulbuben und
Mädchen hatten die Hände gefaltet bis auf Geerd Mannsen. Der kerbte mit
einem Taschenmesser die Bank ein, was von den Umsitzenden mit Teilnahme
verfolgt wurde. Die hinderte sie aber nicht, zugleich die Geschichte
mit Spannung in sich aufzunehmen. Denn Schulkinder haben die Gabe, die
Ohren freizuhalten, wenn sie auch Herz, Hirn und Augen zu einer anderen
Sache brauchen.
Daß der Schulmeister mitten in der schönen Geschichte zurückkam, das
neue Messer von Geerd Mannsen enteignete, dem Sünder eins an die Ohren
gab und die Geschichte unterbrach, dünkte allen eine sehr unberechtigte
Störung. Nur Onnen sprang fröhlich von seinem hohen Sitz herunter.
Zugleich läutete es acht Uhr von der Kirchwarf, und die Pause begann.
Alle Kinder marschierten geordnet zur Tür hinaus auf den Hof zum
lärmenden Spiel, wobei auch Geerd Mannsen seine Ohrfeige vergaß.
»_Es ist sehr schwer, Lehrer zu sein, oha, oha_«, sagte Onnen, der
zurückgeblieben war. Er atmete tief und befreit auf.
»Sieh da, Onnen, mein Junge,« meinte der Lehrer, »da hast du ja schon
in deinen jungen Jahren begriffen, was die meisten erwachsenen Leute
noch nicht klar haben. Ja, es ist sehr schwer, ein Lehrer zu sein!«
Onnen machte ein sorgenvolles Gesicht. »Jeder wollte eine andere
Geschichte, Herr Lehrer. Das ging doch nicht. Und der Lärm dabei! Dann
hab’ ich eine gefunden, die paßte für alle.«
»Und welche war das?«
»Von Jesus und der Sünderin.«