Unbewegt und ernst stand er vor ihr, und sah in seiner
hochaufgerichteten, stattlichen Größe auf sie nieder. Allen Zorn, allen
bitteren Unmut zwang er jetzt mannhaft zurück. Und sah nur das junge
Menschenkind vor sich, das all der furchtbaren Wahrheit im Mutterhof
ahnungslos entgegenging. Er bewegte die Lippen und formte die Worte,
die sie schonend vorbereiten sollten ...
»Um Gottes willen,« rief sie, »nur keine Moralpredigt mehr. Ich hab
genug für alle Ferien davon. Gö Dai, Manne Wögens ...«
Nomine Holgers gönnte ihm nicht einen einzigen Blick mehr. Sie wandte
sich und lief noch ein Stück den Deich entlang, und stieg dann die
Steinstufen zur Großwarf empor.
Und Manne Wögens stand still auf derselben Stelle und sah ihr nach. Als
wolle er dort Wurzel schlagen, wie die Bonnestave zu seinen Füßen.
* * * * *
_Aufzeichnungen des Halligschulmeisters Manne Wögens._
»Wer tief verwundet ist von den Geschossen des Schicksals, der mag auf
die majestätischen Höhen der Berge und die ungebändigten Wogen schauen
und lernen, daß man mit der Weichheit nicht durchkommt, und daß Kraft
die Losung des Lebens ist.«
Dies Wort holte ich mir heut aus meiner Bücherei. Eine Bestätigung der
tiefen Wahrheit, die mir schon lange der tägliche Anblick der salzen
See gegeben hatte. --
Hart sind alle Halligleute.
Der Kampf mit den Elementen gibt ihnen seinen Stempel.
Kaum eine halbe Stunde duckte sie die Sturmflut.
Gleich waren sie wieder aufgesprungen, hatten sich gereckt, und ihre
starken Arme tilgten in kraftvoller Entschlossenheit die Spuren der
Vernichtung. --
Nur mein alter Nachbar Luersen ist liegengeblieben.
Der Stoß war zu derb, den ihm das Schicksal gab. Aber da ihm die
Vernunft abhanden kam, wurde zugleich sein Los gemildert. Er wiegt das
Kissen und ist glücklich.
Die Beerdigung der sechs Leichen bedeutete eine Läuterung für die ganze
Hallig.
Sechs Särge predigten lauter als Pastor Ephraim Licht. Und Lars Larsen
auf der Königswarf, der all sein Lebtag mit Peter Luersen verfeindet
war, lud uns zum Mahl in sein Haus. Und veranstaltete dann eine
Sammlung, zu der er selbst den größten Betrag stiftete. Die liegt nun
als hübsche, runde Summe auf der Kreissparkasse. Für Akke’s kleines
Mädchen. Wir haben es Anni genannt.
Und ich mußte richtig kämpfen um meinen Pflegling Luersen. Da war auch
nicht einer in der Gemeinde, der ihn nicht zu sich nehmen wollte.
Aber er wurde _mir_ zugesprochen. Weil es den Unglücklichen trotz der
Verblödung noch nach seinem verwüsteten Hause zieht, das neben dem
meinen liegt. -- Irgendwo im äußersten Winkel des kranken Gehirns muß
eine Erinnerung schlummern. Wird sie wach, dann läuft er mir plötzlich
fort und lehnt sich an den morschen Birnbaum in seinem ehemaligen
Gärtchen. Und wiegt sein Kissen und horcht nach dem Hause hin. Und
kehrt wieder heiter zu mir zurück. -- Gestern besuchte ich Maren und
nahm Luersen mit nach dem Mutterhof. Aber dort war er unruhig und
strebte fort. Da nahm Maren seine Hand und führte ihn an die Wiege
zu seinem Enkelkind. Hieß ihn sich setzen und legte ihm das kleine
Mädchen in den Arm. Paßte sorglich auf, daß er’s nicht fallen ließ.
Er sah darauf nieder und hielt die Arme steif und ruhig. Ließ es sich
auch wieder abnehmen und beobachtete, wie es in die Wiege zurückgelegt
wurde. Darauf nahm er sein Kissen und schaukelte es heftig. --
Nur des Nachts darf meine Magd dies Kissen waschen. Er ist ganz außer
sich und weint kläglich, wenn er es nicht früh an seinem Lager findet.
Ein aufgeweckter Mann war einst Peter Luersen. Ich selbst holte mir
von ihm manchen Rat. Und die Insulaner wandten sich in verzwickten
Angelegenheiten an ihn.
Er legte Mehdebücher an und half den Warfbohlsgenossen bei den
Berechnungen, wobei er einen Mathematiker von Fach beschämen konnte. Er
las gern gute Bücher. Meine zerlesenen habe ich alle an ihn abgegeben,
und da war er nun wieder der geborene Buchbinder und legte die
schönsten Deckel darum. Und nie kam er ohne ein paar Bücher vom Husumer
Markt zurück, die er sich von einem »fliegenden Händler« erstand.
Sein Gärtchen war mit das sauberste und schönste auf der Hallig. Sein
Birnbaum trug am reichlichsten. Weil er immer Neues ausdachte, um die
Frucht zu fördern.
Von all diesen Gaben ist nun nichts geblieben. Nichts als die
Vaterliebe. Und von dieser nur die Erinnerung an seine Erstgeburt,
seine Akke. Man könnte sich darüber vergrübeln, wenn das Leben nicht so
viel Arbeit für uns hätte. --
Neulich versuchte ich bei Luersen wieder einige Gedanken zu wecken.
Er war mir in seiner gesunden Zeit ein eifriger Mitarbeiter an meinem
Buche. Brachte mir jedes Pflänzchen, von dem er glaubte, es sei noch
nicht in mein Bereich gekommen, brachte mir seltsame Steinfunde, und
stöberte wertvolle alte Halligaufzeichnungen auf. Ganz andächtig konnte
er dann von Zeit zu Zeit in meinem Manuskript blättern und nachlesen.
So gab ich es ihm auch neulich einmal wieder in die Hand. Preislich und
dickleibig ist’s schon geworden. Es drängt dem Ende entgegen bei aller
Fülle des Stoffes, der noch vorliegt. Aber Peter Luersen hielt das
weiße Bündel kaum in der Hand, da fing er auch an es zu schaukeln:
»Slaap, slaap, min Zockerpopp,
Morgen früh weck ik di op.«
Alles dünkt ihm »Akke«. Das Kind Akke, das noch gut und rein war und
dem Vater zulieb lebte. --
Wir sind nun schon weit im Februar drinnen. Haben auch schon oft
wieder mit dem Wasser gekämpft, aber nicht so hart wie im letzten
Herbst. Doch schaue ich jedesmal mit Bangen nach der Nordseite von
Likamp. Hierhin öffnen sich die Mündungstrichter unserer Priele. Edlef
hat mir gezeigt, wie die Natur selbst schützend eingreift. Ein zäher
Lehm lagert dort, wo die Gefahr am größten lauert. An ihm findet
die wühlende See hartnäckigen Widerstand. Aber für die Ewigkeit ist
sein Lagern nicht berechnet. Edlef plant einen Steinschutzdamm mit
Zuhilfenahme von Faschinen. Und bei der arg bedrängten Kirchwarf
denkt er an Betonversenkung. Von Mal zu Mal raubt die salzen See
bei Sturmflut etwas von der Landzunge zwischen Kirchpriel und freier
See. Dem muß Einhalt geboten werden. Edlef verspricht sich viel von
seinem Aufenthalt in Hamburg. Ihn hat schon immer die Regulierung
der Unterelbe interessiert, nun ist er mitten drin im Studium des
einschlägigen Materials. Das will er dann für die Sicherung und
Eindeichung von Hallig Likamp verwenden.
Viele Insulaner stellen sich lau zu all den großzügigen Plänen.
Das ist tief bedauerlich. Ich verliere leicht die Geduld so viel
Kurzsichtigkeit gegenüber. So viel Gescheite und ernste Männer,
denen unsere Hallig lieb ist, beschäftigen sich mit der Insel. Sie
haben jedem Verständigen einleuchtende Grundsätze aufgestellt, auf
denen wir unbedingt aufbauen müssen. -- Ich versammle jetzt öfters
die Halligleute im Schulhause und halte kleine Vorträge, berate
sie auch nach bestem Wissen und Gewissen. Besonders die gerechte
Lastenverteilung an Arbeit und Kosten ist schwer, aber auch hier haben
Sachverständige die Wegweiser gestellt: »Wer den meisten Vorteil an der
Landerhaltung hat, der hat auch am meisten zu leisten.« --
Edlef schreibt mir verhältnismäßig oft, weil er weiß, welch rege
Anteilnahme ich seinen Plänen entgegenbringe, die alle das Wohl der
Hallig im Auge haben.
Aber nur ganz sachlich schreibt er mir. Von Maren enthalten seine
Briefe nichts. Er selbst schickt nur Postkarten nach dem Mutterhof.
In seinem Verhältnis zu Maren ist etwas verschüttet, was nicht wieder
gehoben werden kann. So meint Maren. Gott verhüte, daß sie recht hat.
Aber vielfach erwähnt Edlef seinen Bruder Onnen. Er liebt ihn, ist
ungeheuer stolz auf ihn und legt mir seine Förderung ans Herz. Mein
Brief, der damals über Onnens Lebensgefahr berichtete und über Marens
nimmermüde, Tag und Nacht währende Pflege hat ihn tief erschüttert. Er
fand dankbare, begeisterte Worte über Marens selbstloses Verhalten,
aber nur gegen mich. Maren selbst erhielt kein Wort darüber. -- --
Onnen durfte das Weihnachtsfest bei mir im Schulhaus verleben. Da
sind wir uns noch näher gekommen, wenn das überhaupt möglich war.
Merkwürdigerweise hat man Onnen nicht gesagt, daß seine Schwester
Nomine zu Hause gewesen ist. Onnen war zwar noch recht angegriffen,
aber der Besuch von Nomine hätte ja nichts Welterschütterndes für ihn
bedeutet. Es ist mir ein völliges Rätsel, warum sie ihn nicht hat sehen
wollen. --
So habe ich einen schönen, kleinen Tannenbaum für Karen und Onnen
geschmückt, und Peter Luersen hat in die hellen Lichter hineingeschaut,
doch ohne Erleuchtung für seinen armen Kopf. Gar nicht gekümmert hat
er sich um meine jungen Gäste. Das Wiegenkissen ist ihm allstunds
Gesellschaft genug.
Am Silvestertag kam dann Maren zu mir, um mir aus ihrem goldenen,
treuen Schwesterherzen heraus ein glückliches neues Jahr zu wünschen.
Sie faßte das »Glück« gleich in ein paar Begriffe zusammen, in
»Gesundheit«, »Gelingen meines Werkes« und »daraus entsprießendem
Mammon«, der mir eine große, herrliche Reise ermöglichen soll. -- Ich
war mit diesen Begriffen zufrieden. --
»Der Mutterhof hatte ein Krankes«, sprach Maren weiter zu mir. »Sonst
wäre ich längst bei meinem einsamen Mannebruder gewesen.«
»Schon wieder ein Krankes?« fragte ich. »Du kommst nicht heraus aus dem
Pflegen.«
»Hier war nichts Eigentliches zum Pflegen. Herz und Gemüt waren aus den
Fugen, und der arme Mensch, der dazu gehörte, mußte sich selber helfen.«