Maren taumelte. »Edlef ... nahm Abschied ...?«

»Ja, Maren, mein Deern. Er läßt dich grüßen. Er bekam ein Telegramm.

Hat alles noch geordnet, so gut es ging. Er übergibt dir den Mutterhof.

So sei er in guter Hand.«

Auch Tanten Frauke sah an Maren vorbei. Ganz bewußt. Und ganz ruhig

sprach sie. Als sei diese Abreise nicht für ein ganzes Jahr vor sich

gegangen, sondern etwas Alltägliches.

Und all ihre Gedanken, all ihr Feinempfinden, all ihre große Liebe zu

Maren schienen eine Mauer um das junge Weib zu bauen, die es schützen

sollte vor Neugier und wehtuendem Mitleid.

Mit tastenden Schritten ging Maren an Onnens Bett und sah still auf

den Schläfer nieder. Nach einer Weile schlug dieser die Augen auf.

Er schien Maren nicht gleich zu erkennen, aber dann festigte sich

sein Blick. »Du!« sagte er mit schattenhaftem Lächeln. »Einen schönen

Gruß ... Wenn ich nicht mehr so müde bin, soll ich dich beschützen,

Marenschwester ... Edlef läßt dir sagen: _Gott behüt!_«

Da kniete Maren am Bette nieder und ihr Kopf sank auf die fieberheiße

Hand des Knaben. Und sie weinte, wie sie nie in ihrem tapferen Leben

geweint hatte. --

Tanten Frauke ging sacht aus der Tür. Draußen nahm sie einen Holzstuhl,

stellte ihn vor die Tür und setzte sich darauf. Und hielt treue Wacht,

bis sich ein verzweifelndes Menschenkind durchgerungen hatte. --

* * * * *

Auf Hallig Likamp lag Schnee.

Und ein kalter Nordost fauchte. Es war niemand unterwegs, den sein

Beruf nicht unbedingt hinaustrieb. Eisblumen glitzerten an jeglichen

Scheiben, und die Beilegeöfen verlangten viel Speisung, um die Stuben

einigermaßen behaglich zu machen.

Manne Wögens ging nach der Postwarf, um seine Briefe abzuholen und ein

Paket, das ihm angekündigt war. An der Anlegestelle des Postschiffes

wehte ein dunkelblauer Schleier. Nachdem er das festgestellt, ging er

ein wenig rascher zu und half der Aussteigenden.

»Hier«, sagte Nomine Holgers lachend.

Sie hielt ihm ein Postpaket hin. »Ich habe es für Sie ausgesucht in den

anderthalb Stunden des langweiligen Kreuzens.«

»Wie überaus freundlich!« lächelte er überhöflich. »Und daß wir uns im

Advent treffen, genau am Jahrestag wie beim letztenmal! Wissen Sie, daß

Sie ein Jahr lang nicht hier waren? Und weiß der Mutterhof, daß Sie

kommen?«

»Nein. Wir Holgers sind allem Brimborium und aller Sentimentalität

abhold. Das wissen Sie ja.«

»Das steht doch nicht so ganz fest. Aber allerdings bei Ihnen

persönlich habe ich diese Überzeugung. Sie sind einwandfrei

unsentimental, Fräulein Doktor.«

Nomine errötete. Höchst überflüssig, wie sie bei sich selbst

feststellte. Aber es berührte sie wunderlich, da der Lehrer ihr zum

erstenmal den Titel gab.

»Haben wir den gleichen Weg?« fragte sie fast verlegen. Und als er

ihr sagte, daß er sie nach dem Mutterhof geleiten wolle, nahm sie das

Gespräch wieder auf.

»Ich allein erscheine Ihnen ohne Gefühlsduselei??? Und Sie sind doch

der beste Freund der Ahne.«

»Eben darum. Bei ihr konnte ich tiefer schürfen. Und fand viel von

›Brimborium‹ und von dem, was Sie mit dem Schlagwort ›Sentimentalität‹

abtun.«

»Da wissen Sie in der Tat mehr als ich. Und meine Mutter? Erscheint sie

Ihnen auch sentimental?«

»Jedenfalls hat sich Frau Holgers innerlich und äußerlich so

verändert, daß Sie Ihre Mutter kaum wiedererkennen. Bleibt also noch

Tanten Frauke. Nun, bei ihr werden Sie mir selbst zugeben, daß sie,

gottlob (so sage ich), viel Brimborium zu eigen hat. Und Ihre jungen

Geschwister, Fräulein Doktor? Klein-Karen lebt in einer köstlichen

Puppen- und Märchenwelt, und Onnen???«

»Ja, den haben Sie mir gründlich verdorben«, fuhr es Nomine zornig

heraus.

Eine dunkle Röte jagte über Manne Wögens Stirn. Nach kurzer Pause

fragte er schier gleichgültig: »Wie wollen Sie das begründen?«

»Onnen ist etwas Besonderes ...« sagte sie heftig.

»Seltsam, daß Ihnen das nicht entgangen ist bei dem Studium und der

Doktorarbeit ...«

Sie sah ihn böse an. »Ich meine, ein Schulmeister sollte einem den

Fleiß nicht gar so verübeln.«

»Wenn der Fleiß so rücksichtslos ist wie der Ihre, Fräulein Doktor,

dann verüble ich ihn allerdings. Er ist Ihr schwerster Fehler und Ihr

größter Feind.«

»Ach nein, der sind _Sie_, Manne Wögens. Das wird mir von Mal zu Mal

klarer.«

»Ich staune über Ihre Menschenkenntnis, Fräulein Doktor.«

Sie sah das wunderliche Zucken in seinem Gesicht, und wußte nicht

recht, was sie daraus folgern sollte. »Onnen war ganz _mein_ Junge«,

nahm sie das Thema wieder auf. »Und es war mir der liebste Gedanke,

daß er mein ›Amanuensis‹ würde. Nun haben Sie ihn zum ›Halligburschen‹

gestempelt ...«

»Das war Onnen _immer_. Ein Bodenständiger -- einer, dem die

Heimatflucht das größte Verbrechen dünkt, wenn er’s auch noch gar nicht

in Worte faßt. Ich habe an Onnen nichts gemodelt, nur befestigt. Und

Sie, Fräulein Doktor, begingen einfach den Fehler, die Rechnung ohne

den Wirt zu machen.«

»Den Fehler kann ich noch beseitigen. Ich werde mich in diesen Ferien

ganz nur Onnen widmen. Brieflich ist die Verständigung schwer mit solch

einem trotzigen Feuerkopf. Aber durch persönlichen Einfluß ...«

»Den haben Sie nicht mehr, Fräulein Doktor ...«

Nomine Holgers blieb plötzlich stehen. »Daß ich nicht lache, Manne

Wögens ...«

»Da gibt’s nichts zu lachen«, sagte er schroff. »Onnen gehört auch gar

nicht mehr _Ihnen_.«

»Das sind ja überwältigende Neuigkeiten. Darf ich fragen, in wessen

Besitz mein leiblicher Bruder übergegangen ist? Doch sicher in den

Ihren ...«

»Sie irren, Fräulein Doktor. Er gehört jetzt meiner Schwester Maren.

Sie hat ihn allein und mit eigener schwerer Lebensgefahr in fast drei

Monaten aus Typhus und Diphtheritis gesund gepflegt.«

Wie Keulenschläge fielen seine Worte.

»Onnen? Maren?« stammelte Nomine, »davon weiß ich nichts ...«

»Sie haben ein Jahr lang nicht geschrieben, sind ein Jahr lang nicht

auf der Hallig gewesen«, klang es hart. »Als uns Onnen sterben wollte,

schrieb ich an Sie. Schier wider meinen Willen aus einem inneren Zwange

heraus ...«

»Ich habe nichts erhalten.«

»Nein, der Brief kam zurück. Adressat verzogen, unbekannt wohin ...«

»Ich war auf Reisen, _mußte_ mich erholen ...«

Der Trotz erhob sich wieder in ihr, sie wehrte sich gegen Manne Wögens

unbarmherzige Aufrichtigkeit.

»Ja, ich weiß. Sie hatten Ihre neue Adresse niemand hinterlassen. Das

ist bequem, Fräulein Doktor, aber es befremdet Leute, die noch mitten

im ›Brimborium‹ stehen ...«

Sie warf beleidigt den Kopf zurück. »Erzählen Sie weiter«, gebot

sie kurz. »Sie haben ja gewiß noch den ganzen Sack voll schöner

Neuigkeiten, Manne Wögens. Oder nicht?«

»Neuigkeiten? Ja! Schön? Nein! Aber so reichlich, daß ich fürchte, ich

komme nicht zu Ende, bis wir den Mutterhof erreicht haben.«

»So unartig also war’t ihr Halligleute, während ich nur ein Jahr fort

war?« versuchte Nomine zu scherzen.

»Ja, wir Halligleute -- Fräulein Doktor scheint sich überhaupt nicht

mehr dazu zu rechnen -- erlaubten uns _sehr_ unartig zu sein, über die

Gebühr unartig, -- Gott, was haben wir alles angestellt ...!«

Nomine Holgers sah ihn prüfend an. Die sonderbar bittere Art seiner

Berichterstattung befremdete sie. Es war kein Humor mehr dabei.

»Das scheint mir so«, sagte sie bedeutungsvoll. »Sie tragen ja noch den

Arm in der Binde. Haben Sie gerauft?«

»Mit dem Tode, ja. Aber er war stärker als wir alle.«

»Manne Wögens, Sie sind wirklich unausstehlich. Was soll diese ganze

Art? Wenn es Scherz sein soll ..., Sie pflegten früher geschmackvoller

zu scherzen.«

Er lachte grell und bitter auf. Und dann faßte er mit seiner gesunden

Rechten ihr Handgelenk und hielt es wie in einem Schraubstock fest.

Zornig blitzten seine Augen sie an. Sie wollte sich losreißen, aber er

zwang sie stehenzubleiben.

»Was ficht Sie an, Manne Wögens?« rief sie böse.

»Der _Zorn_, Prinzessin Nomine. Ein Jahr lang haben Sie sich nicht um

Ihre Heimat und um uns gekümmert. Ein Jahr lang haben wir hier in

Kümmernis und Herzenssorgen gelebt, und Sie haben nicht danach gefragt.

Meiner Maren wollten und sollten Sie eine Schwester sein; haben Sie

Ihr Wort gehalten? Alle Brücken zur Heimat hatten Sie hinter sich

abgebrochen. Warum? Aus kaltherziger, eigensüchtiger Bequemlichkeit.

Und wie wollen Sie vor Gott bestehen, wenn er Sie nach Melenke fragt?«

Nun hatte sie sich mit einem Ruck losgerissen.

»Sie überschreiten Ihre Befugnisse, Herr Lehrer Wögens. Ich sitze

nicht mehr auf der Schulbank. Trotzdem will ich Ihnen Antwort geben.

Ernste Arbeit für meinen künftigen Beruf ist nicht kaltherzige

Bequemlichkeit. Allerdings, ich wollte nicht _unnütz_ gestört werden.

Und des Heimatballastes etwas ledig werden. Aber ich habe zweimal an

Melenke geschrieben und sie nach Kiel eingeladen. War auch ganz im

Anfang bei ihr in Hamburg. Aber ihre Umgebung war für mich unwürdig ...

Und dann ... nahm mich allerdings das Bauen meines Doktors _ganz_ in

Anspruch ...«

»Und damit war die Schwester völlig aus Ihrem Gedächtnis entschwunden?

Ich kann’s mir denken ...«

»Warum examinieren Sie mich?« fuhr sie wieder auf. »Ich verbitte mir’s.

Ich habe einmal Ohm Rickert in Husum getroffen. Noch vor zwei Monaten.

Und habe ihn nach Melenke gefragt. Da sah er mich an, als hätte ich

chaldäisch gesprochen. Und hatte es sehr hilde und rief mir nur zu, es

gehe ihr gut, es gehe ihr am besten von uns allen.«

Wieder lachte Manne Wögens kurz auf. »Sieh so, -- der Ohm Rickert. Ja,

das ist ein Humorist und Philosoph.«

»Ich weiß nicht, was Sie wollen«, bemerkte Nomine Holgers ärgerlich.

»Es wird das beste sein, ich lasse Sie hier stehen und stapfe allein

durch den Schnee zum Mutterhof. Da wird mir ja alles offenbar werden,

worüber Sie so krampfhaft orakeln.«

Er sah sie seltsam forschend von der Seite an, und einen Augenblick

wollte das Mitleid heiß in ihm aufwallen, wie sie so ahnungslos neben

ihm schritt.

Aber da schürzte ihr Mund sich schon wieder. »Daß Sie doch immer

schelten und schulmeistern müssen, Manne Wögens. Ich hatte mich

wahrhaftig auch auf _Sie_ gefreut. Aber nun ist alle Freude fort. Und

dabei will ich doch nur die paar Weihnachtstage bleiben, will dann ins

Ausland gehen in den ersten Tagen des neuen Jahres. Könnten Sie nicht

aus diesem Grunde ein bißchen netter sein?«

Sie blieb nun stehen, und wieder sahen sie sich in die Augen.

»Wie schrecklich blaß und elend er mit einemmal aussieht«, dachte sie.

»Und warum trägt er mir alles so nach? Was habe ich denn so Böses

getan?«

»Ich habe nie Anlage zum ›Nettsein‹ gehabt«, entgegnete er ruhig.

Der Mutterhof: Ein Halligroman · 第 33 / 46 题