Maren ging zu ihnen und begrüßte sie still. --

»Es ist ein Schnitter, der heißt Tod«, sagte Pastor Licht ernst.

Und Frau Luischen drückte Marens Hände und zog zugleich ihr warmes

Umschlagetuch um die junge, blasse Frau. Recht wie eine Henne, die

ihrem Küchlein warmen Unterschlupf gewährt. »Nicht anschauen, das da

drinnen«, riet sie und zeigte nach der Kirche. »Diesmal hat der Tod

kein friedvolles Aussehen ...«

Sie führte Maren ins Pfarrhaus.

Da war zwar auch noch nichts vom Frieden zu spüren. In der warmen

Diele saßen sechs alte Leutlein, drei Frauen und drei Männer. Sie

weinten, klagten und stritten sich ein weniges. Hörten auch nicht damit

auf, während die Pastorleute und ihr Gast die Diele durchschritten.

»Alle sechs über die Siebzig«, kopfschüttelte Pastor Licht. »Aber noch

ganz erdenheimisch. Dabei nicht einmal dankbar, daß unser Herrgott

sie noch nicht abrief. Sondern mit Herz und Sinn dem nachklagend, was

Motten und Rost verfallen ist. Und was gestern das Wasser verschlungen

hat. --«

»Werden die sechs bald ein Unterkommen finden?« fragte Maren

teilnahmevoll. »Frau Pastorin wird das auf die Dauer nicht schaffen

können ...«

»Freilich nicht«, meinte betrübt Frau Luischen. »Da sind besonders die

drei, Momme Mommsen, Gesche Wiensen und Melf Brodersen. Die haben einen

unheimlichen Appetit. Weiß nicht, wie ich sie satt kriegen soll. Und an

Arbeit fehlt’s auf unserer kleinen Warf. Und doch sind sie alle drei

gesund und müßten beschäftigt werden ...«

»Geben Sie sie mir«, rief Maren lebhaft. »Ich hab’ Arbeit in Hülle

und Fülle. Mein Mann verläßt mich, ...« sie erschrak selbst über das

eigenartige Wortspiel und setzte hastig hinzu: »Er ist nach Kopenhagen

gewählt. Soll auch in Kiel und Hamburg bleiben ...«

»Laden Sie sich auch nicht zu viel auf, Frau Holgers?« Pastor Licht

drohte mit dem Finger. »Sie haben doch schon Melenkes Kind bei sich ...«

Zum erstenmal lächelte Maren. »Ja, und Akkes Kind ist auch bei mir.«

Sie erzählte rasch von Akkes kopfloser Flucht, und daß sie das Kind

um des unglücklichen, schwer betroffenen Großvaters willen so lange

behalten wolle, bis Akke sich melde und es zu sich hole. »Nun kann die

Großwarf doch wieder ein rechter Mutterhof sein«, setzte sie errötend

hinzu.

Da sagte auch Pastor Licht: »Du starkes Herz!« Wie vorhin Manne Wögens.

Und gab ihr das väterliche Du, das er sonst nur für seine eigenen,

erwachsenen Konfirmanden hatte.

Nun wurde alles sachgemäß besprochen. Auch mit den drei alten Leuten.

Die waren ganz aufgeräumt, daß sie auf den stattlichen, reichen

Mutterhof sollten. Der Aufenthalt »bei Pastersch« sah ihnen wie

Almosennehmen aus, weil keine rechte Arbeit für sie da war.

»Ihr könnt gleich mitkommen«, gebot Maren freundlich den drei

Auserwählten. Dann nahm sie noch eine ergiebige Vesper mit den

gastfreien Wirten ein und zog schier fröhlich mit ihrem seltsamen,

humpelnden Gefolge ab. Das Pastorenpaar mit den drei Bresthaften winkte

ihnen lange nach. Händereibend schritt dann Pastor Licht in seiner

Stube auf und ab. »Siehst du, Luischen, vorhin drückte mich der Anblick

des schaurigen Todes da drinnen schier zu Boden. Und nun zeigt mir

gleichdrauf der Herrgott so echtes Menschentum und hebt mich wieder

auf. Nun kann ich froh an mein Tagwerk gehen.« --

Der Mutterhof empfing seine junge Herrin in voller Tätigkeit.

Der aufgebaute Zaun leuchtete ihr mit den vielen neueingesetzten

Holzteilen förmlich entgegen. Die von der Sturmflut weniger bedrängten

Warfbohlsgenossen hatten sich eingefunden, um an allen Ecken und

Enden zu helfen, und Maren Holgers begrüßte die Nachbarn mit dankbarem

Handschlag. Dann eilte sie ins Haus. Auch hier hatte man die Zeit gut

genutzt. Alle Stuben unten waren tüchtig durchheizt und sauber, die

Säuglinge schliefen in zwei Wiegen. Erstaunt sah Maren, daß Tanten

Frauke ihr nie benutztes Heiligtum für Akkes Kind hergegeben hatte.

Mutter Holgers schlief übermüdet von der unruhigen Nacht einen tiefen

Erschöpfungsschlaf, und Ohm Rickert ging bastelnd, rauchend und

philosophierend im ganzen Gewese umher.

»Allens im Lot«, sagte er nickend. Und setzte ritterlich hinzu: »Eben

meint ich noch, jetzt müßt büschen Sonne kommen, damit das hier wieder

durch und durch trocken und warm wird. Und süh so, -- da kommt auch

schon Nichte Maren.«

Und doch war es Maren, als sähe der Alte wie verlegen an ihr vorbei.

Da ging sie in den Wohnpesel des Mutterhofs, um nach Onnen und Karen

zu sehen, fand aber nur Karen fest schlafend auf dem Sofa. Und Onnens

Kammer ausgeräumt. Sie ging nach dem Jungteil und fand es leer und

unordentlich. Und lief nach Tanten Fraukes Altenteil, und sah Frauke

Holgers über ein Bett geneigt, in dem Onnen noch immer schlummerte.

Bei Marens Eintritt drehte sich Tanten Frauke um und war mit raschen

Schritten bei ihr. »Wie müde du aussiehst, meine Maren ... Und ich kann

dir keine Ruhe und keine Freude bringen.«

»Edlef?« fragte Maren. Und eine Flamme schlug ihr ins Gesicht, weil sie

zuerst und immer nur an ihn gedacht. Und sie sah doch, daß hier ein

Schwerkrankes lag -- ihr kleiner, guter Onnenschwager.

»In Onnen scheint eine ernste Krankheit zu stecken.« Tanten Frauke ging

mit zartem Takt über Marens Frage hinweg. »Er schläft seit heut morgen

fast ununterbrochen. Nur ein paar Minuten war er halbwach ..., als

Edlef Abschied nahm ...«

Der Mutterhof: Ein Halligroman · 第 32 / 46 题