Fieberhaft arbeitete Maren. --

Ungeahnte Kräfte schienen ihr zu kommen. Sie scheuerte mit der Magd

an den verschlammten Stuben und Möbeln. Sie brachte die schreienden

Wochenkinder in frische Wäsche und in die behaglich-dunkle Ruhe von

der Ahne-Döntje. Sie schaffte Onnen vom Boden herunter und bettete ihn

einstweilen auf ihr eigenes Lager, denn der Knabe war übermüdet und

völlig schlafsüchtig. Maren aß auch gehorsam, was man ihr vorsetzte.

Man sah, sie wollte sich aufrecht halten, um all der vielen Pflichten

willen, die auf sie warteten. Dann, am Nachmittage, als die nötigste

Arbeit getan war, und Mutter und Tante sie drängten, stand sie fragend

vor ihrem Gatten. Der zimmerte mit dem Knecht und einem »Bohlsgenossen«

den umgerissenen Zaun wieder zurecht.

»Nicht wahr, du läßt mich jetzt zu Manne gehen?«

»Allstunds«, entgegnete Edlef.

Da wandte sie sich und stieg die Stufen hinunter und kehrte sich nicht

ein einziges Mal um. Und ihr Auge sah nichts von der Zerstörung auf dem

Mutterhof und sonst rings umher. Weil ihr eigen Herz verstört und voll

des Jammers war.

All die vielen Wasser- und Wellenberge waren zurückgerauscht, warm

schien jetzt eine milde Herbstsonne auf die verschlammten Fennen. In

der Ferne glitzerte die ruhig dünende See.

Maren schritt mit einem inneren Grauen an Vadder Luersens Haus vorüber.

Da hatte das Wasser die morschen Wände eingedrückt, ganz schief stand

die Kate, und durch das halb abgedeckte Dach schien die Sonne auf eine

Stätte der Verwüstung. Ein alter Knecht aus dem Nachbarhaus stand

allein vor dem verfallenen Gewese. Er grüßte Maren und deutete mit der

kurzen Stummelpfeife auf das Wrack.

»Eben hett man se wegbröcht.«

»Wen?« stieß Maren hervor.

»De Liken. De Fru un fief Kinner. De Paster hett se all in de Kirch

bringen laten. Dor liggen se, bet se to Erd bröcht ward. De Nahber

Luersen is gorni da west, as se verdrunken sün. De hett sin Akke söcht.

Un as de Flut kam, hett he bien Paster seten. De Akke wier so allstunds

sin Zockerpopp. Dat süll äwer nüms weten. Unten an de Postfähre hett

he ok stunnen ... Aber se is nich kamen. Un dann hett he weiter söcht,

Warf um Warf ... Un as he endlich heimgung ... Ja, -- da wier dat so

... Um Middernacht wier dat so ... Un in Morgengrauen hett man se

funnen, -- sien Akke nich, äwer sien Fru und Kinner.«

Maren stürmte weiter, von Grausen geschüttelt.

Dann klinkte sie endlich die Tür im Schulhaus auf. Und klopfte an und

lag an Manne Wögens Brust. Und lachte und weinte in höchster Erregung:

»Gottlob, ich bin bei dir.«

Er streichelte sie beruhigend mit der gesunden Rechten. Die linke Hand

und der Arm lagen zwischen zwei Holzstücken geschient, sie sah es mit

einem Blick. Und furchtbar blaß sah der Bruder aus und seine Augen

lagen gramvoll in den Höhlen. Ja, es schien Maren, als zöge sich durch

das leicht gewellte dunkle Blondhaar ein weißer Streifen ...

»Manne!« rief sie entsetzt.

Da tönte aus der Ecke, darinnen der alte Ohrenstuhl stand, ein

jammervolles, heiseres Singen. Marens Herz wollte stillstehen:

»Slaap, slaap, mien Zockerpopp,

Morgen fruh weck ik di op ...«

Manne Wögens wollte sie zurückhalten, aber Maren war schon bei dem

alten Sessel, drin alle Wögens ausgeruht hatten. War das Vadder

Luersen, der darin hockte? Der in seinen Armen ein altes, schmutziges

Kinderkissen schaukelte und mit leeren Augen und blödem Gesicht das

Lied lallte?

»Herrgott im Himmel, du!« stöhnte Maren und griff nach einem Halt. Der

Bruder umfaßte sie. Auch seine Augen brannten.

Vadder Luersen lächelte blöde. »Dat’s mien Akke«, sagte er

geheimnisvoll. »Ik heff se endlich funnen, mien söte Deern.« Und er

wiegte das Kissen und sang unermüdlich:

Slaap, slaap, mien Zockerpopp,

Morgen fruh weck ik di op ...

»So geht das seit heute nacht, da das Unglück geschah«, sagte Manne.

»Wir können ganz laut sprechen, er merkt nichts von seiner Umgebung und

erkennt niemand. Maren, gottlob, du lebst und bist gesund. Und alles

bei euch ist wohlauf. Ich hörte es, sonst säße ich nicht so ruhig hier.«

»Und wie geschah _dein_ Unglück?« fragte Maren leise und zeigte auf die

schwerverletzte Hand.

»Ach, nicht der Rede wert. Als wir die ... Leichen aus dem Hause

freilegen wollten, schlug ein Balken auf die Hand. Die Pastorin hat

mich geschient. Morgen kommt der Doktor, er hat schon angerufen; sorg’

dich nicht, Marenschwester.«

Sie zitterte in seinem Arm.

»Ist noch weiteres Unglück geschehen?«

»Die auf der Lüttwarf sind obdachlos geworden«, berichtete Manne. »Der

Pfarrer hat sie alle sechs aufgenommen. Drei alte Frauen sind drunter.

Das Jammern ist groß bei ihnen, weil sie alles verloren haben.« --

Maren berichtete von der bangen Nacht im Mutterhof. Mit tief

verfinstertem Gesicht hörte Manne zu, als sie von Akke erzählte. Scheu

streifte sein Blick das reine, blasse Gesicht der Schwester.

»Wann will Edlef fort?«

»Bald, Manne.«

»Es ist notwendig, Maren. Die Hallig fordert es, unsere Heimat. So leid

es mir für dich ist ...«

»O, es ist besser für uns beide, wenn er fort sein wird ...«

»Steht es _so_ um euch ...?«

»Ja, Manne.«

Der Mutterhof: Ein Halligroman · 第 30 / 46 题