»Und für mich!« folgte Tanten Frauke.
So begann die schwere Nacht für den Mutterhof.
Kläglich blökte und brüllte das Vieh. Es wollte zur ungewohnten Zeit
nicht aus den Ställen heraus und scheute vor der dumpf hallenden
Bretterrampe, die schon Edlefs Großvater hatte anlegen lassen,
um das Vieh in Stunden der höchsten Not sichern zu können. Immer
wieder entwichen die Tiere und wollten nach dem ebenerdigen Obdach
zurück. Trotzdem die schwarze, schillernde Schlange schon Besitz vom
Erdboden nahm und das Stroh durchfeuchtete. Mutter Holgers und die
Magd schleppten die schwere Holzwiege mit Lütt-Krischan. Maren trug
Akkes Kind. Klein-Karen »rettete« allerlei Unnützes und hinderte die
Erwachsenen. Onnen verwies es ihr. Seine sonnigen Knabenaugen trugen
einen über seine Jahre reifen Ausdruck. »Nimm du nur deine Puppe«,
sagte er liebreich. »Das ist dein Kind, bring’s in Sicherheit.«
Dann zog er die Schwester hastig auf den Hausboden und hieß sie
sich dort ruhig hinsetzen. -- Er selbst eilte wieder hinab und
verschnürte rasch und sachgemäß die Betten, um sie hinaus und hinauf
zu tragen, während das Wasser schon seine Knöchel umspülte. Von
den Ställen her klangen Edlef Holgers’ Befehle und der wilde Lärm,
den die verängstigten Tiere verursachten. Dazu kreischten Möwen und
Austernfischer, sie flogen ohne Scheu schutzsuchend bis in die Stuben
hinein.
»Maren«, rief Onnen mit fliegendem Atem. »Ich hörte, daß Bruder
Edlef nach Köpenhaun soll. Unseres Deiches wegen! Und sonst noch ...
Halligstudium! -- _Unsere_ Zukunft! Du _mußt_ ihn fortlassen, Maren,
du _mußt_. Nicht wahr, du tust es? Es ist zu notwendig. Ich weiß das,
Maren, wenn ich auch noch ein Junge bin.«
Maren nickte ihm zu. »Halligsach’ ist _unsere_ Sach’«, sagte sie. Und
setzte besorgt hinzu: »Sieh, wie das Wasser steigt. Wir dürfen nichts
mehr mitnehmen, müssen eilen, meine Schuhe sind schon voll Wasser ...«
»Meine auch«, lachte Onnen. Aber das Lachen verging ihm jäh, als er die
Tür öffnete. Gurgelnd, zischend, klatschend schossen die Wasser heran.
»Halt mich«, rief er Maren zu und schwang die gefährdeten Betten auf
Schulter und Kopf, und ließ sich halten, vorwärtsstoßen und führen von
der jungen Frau. Als sie auf den Hausboden kamen, schliefen die Kinder
schon, aber Onnen wollte nichts vom Bettgehen hören.
»Will zum Edlefbruder hinunter, vielleicht kann ich da noch helfen ...«
»Laß ihn«, wehrte Maren der Schwieger, die den Knaben zurückhalten
wollte. »Er ist umsichtig wie ein Mann, das Gewese liegt ihm am Herzen.«
Nun kämpfte sie mit Mutter Holgers und der Magd bei den Luken. Der
Sturm hatte zwei von ihnen aufgerissen und heulte durch sie hindurch.
»Laß sie offen, bis Mannshilfe kommt,« keuchte Mutter Holgers, »es ist
ohnehin zum Ersticken hier oben.«
Die drei Frauen saßen stumm bei den schlagenden Holzladen und konnten
sich nur dann und wann durch Zeichen verständigen. Denn ohrbetäubend
ratterte das losgebrochene, feste Holz, knarrten, gurgelten und
klatschten die Wassermassen.
»Christ Kyrie, Christ Kyrie«, schrie die Magd auf, und die Kinder
erwachten und weinten, und Klein-Karen fürchtete sich.
Später kamen triefend und erschöpft die anderen.
Akke sah seltsam wild und schön aus mit den vom Sturm gelösten
krausen Haaren und den kraftvollen Bewegungen ihrer starken Arme. Sie
versuchte die Haarmassen wieder in Flechten zu bändigen. »Heiß ist’s
hergegangen«, lachte sie mit ihrer tiefen Stimme. »_Die_ Arbeit liegt
mir besser, als Kinder päppeln.« Und sie nahm gleich Ohm Rickert Hammer
und Nägel aus der Hand, fing den schlagenden Laden auf und schlug die
Krammen wieder fest.
Da saßen sie alle im Dunkeln, aber Edlef zog aus einer Abseite eine
ungefüge Riesenlaterne hervor und entzündete darin das mächtige
Wachslicht.
Maren mühte sich, Onnen die nassen Stiefel und Strümpfe auszuziehen,
und rieb dann seine erstarrten Füße mit ihren lebenswarmen Händen.
Seine Augen sahen sie dankbar an, und er kroch willig auf das Heu, und
ließ sie die Federdecke über sich stopfen.
Auch Akke hatte sich ein Nest gewühlt. »Wenn ihr mich braucht, rüttelt
mich tüchtig«, tönte es zu den andern her. »Denn ich hab’ einen
Bärenschlaf. Wenn aber nur der blanke Hans heraufkommt, so laßt mich in
Ruh«, setzte sie leichtsinnig hinzu.
Bald hörte man ihre lauten Atemzüge, denen sich ein schnarchendes
Schnaufen aus Ohm Rickerts Ecke zugesellte. Knecht und Magd schliefen
übermüdet in unbequemer Stellung. Mutter Holgers dämmerte vor sich hin.
Tanten Frauke starrte mit seltsam glänzenden Augen in das Licht, als
sähe sie in den schwelenden Rauchwölkchen geheimnisvolle Dinge.
Die sah sie auch. Generationen zogen an ihr vorüber. Die vom Mutterhof.
Alle hatten sie so hier oben gesessen in Angst und Zagen, in Ergebung,
in wildem Wehren gegen den Tod, oder in tapferer Entschlossenheit.
Ob aber wohl eins darunter gewesen war, wie diese junge Frau Maren?
So ganz und gar selbstlos? War das nicht höher zu werten als
Gleichgültigkeit gegen den Tod oder als Todesmut? Wie sie immer wieder
sich erhob mit den müden Gliedern, der Mutter ein Kissen in das Kreuz
schob, die Magd beruhigte, nach den schlummernden Kindern sah, wenn sie
sich im Traume rührten! Und jetzt deckte sie die hergelaufene Akke zu,
die sich unruhig hin und her warf. Und schützte deren Augen vor dem
flackernden Licht der großen Laterne. Dann saß sie wieder still neben
dem jungen Gatten.
Wie war es wunderlich zwischen diesen beiden.
Und wer kannte sich aus in einem Holgers?
Hatte nicht Edlef sie selbst, die kinderlose Frauke, wieder in alle
Ehren eingesetzt, und femte nun doch sein eigen Weib?
Das war die Holgersselbstsucht, die mit der Holgersgutheit im Streit
lag seit Urbeginn.
Und der Holgershochmut wollte sich nicht beugen unter das Schicksal,
das »Entsagen« hieß.
Wie hatte die Ahne gesprochen? »Die Holgers sind wie harte Nüsse.
Niemand bringt sie auf. Und am liebsten bleiben sie droben in ihren
Zweigen. Aber einmal fallen auch sie reif vom Nußbaum herunter ins
Grab. Dann holt der Herrgott seinen Hammer und schlägt sie mühelos auf.
Schade nur, daß niemand erfährt, ob sie hohl waren oder voll süßen
Kernes.«
* * * * *
Drunten in den Stuben stieß und polterte es.
Das Wasser spielte Ball mit den alten Möbeln. Kurze Zeit würde es
dauern und die Wände wurden eingedrückt. Wie lange sich dann wohl das
Haus auf den Grundpfählen halten würde? Christ Kyrie!!!
»Wollen wir nicht doch am Ende die Akke wecken?« fragte Maren.
»Laß sie schlafen«, entgegnete Edlef. »Du hörtest ja ihren Wunsch.«
»Sie ist ’n tapfere Frau«, schob Ohm Rickert dazwischen. »Gearbeitet
hat sie wie ein Pferd, und nun legt sie sich geruhig zum Sterben hin,
wie wenn nix wär.«
Akkes Kind fing an zu weinen.
Maren wickelte aus wollenen Tüchern die mitgebrachte warme Milchflasche
und betreute das kleine Wesen.
Jetzt prasselte drunten irgendeine Mauer zusammen, und das Wasser
umflutete das Haus. Durch die Luft kam es wie wimmernde Klagelaute,
jemand läutete die Glocken auf der Kirchwarf.
»Jesus,« schrie da Akke, »was ist das? Was soll das? Wird es denn
Ernst?« Sie rieb die Augen. Und sie kauerte plötzlich neben Edlef und
schüttelte ihn.
»Seid ihr denn auch Menschen? Wollt ihr klaglos versaufen wie die
Katzen?«
Edlef und Maren sahen bestürzt in Akkes verstörtes Gesicht.
»Hast du denn nicht geschlafen?«
»Fünf Minuten oder etwas mehr. Weil ich nicht wußte, daß es Ernst
war. Weil ... Ihr war’t alle so ruhig ... Aber nun läuten sie von der
Kirchwarf! ... Hört doch! Hört doch! Jesus, Edlef, ich will nicht
sterben.«
Sie stürzte zu der Luke, die sie selbst vor einer Stunde vernagelt
hatte und entriegelte sie. Polternd schlug der Laden aus ihrer Hand.
Alle auf dem Boden erwachten, als der eisige Nachtwind pfeifend über
sie hinstrich.
»Akke, wie kannst du?« rief Maren bestürzt und suchte sie vom Fenster
fortzuziehen, während Edlef den Laden wieder einfangen wollte.
Aber Akke schlug nach ihnen. »Laßt mich! Seht ihr nicht, wie das
Wasser da drunten wühlt? Ist denn keine Möglichkeit, aus diesem Loch
herauszukommen? O dies gräßliche Läuten! Geht’s denn zum Sterben?«
Sie schrie und schlug um sich und jammerte, und lehnte sich weit aus
der Lukenöffnung und lallte entsetzte Laute, wenn der tobende Gischt
sie umsprühte. Die beiden Säuglinge schrien jämmerlich, Maren legte
Lütt-Krischan trockene Wäsche unter und beruhigte Akkes Kind, daß es
wieder einschlief. »Herr, gebiete dem Sturm, schütz’ Haus und Turm«,
beteten Knecht und Magd.
Edlef nagelte den Laden aufs neue fest, und dabei konnte er sich nur
mit Mühe der jammernden Akke erwehren, die sich immer wieder auf ihn
warf.
»Memme«, rief Jung-Onnen plötzlich und stand in dürftigster Bekleidung
vor Akke. »Warum sagtest du denn vorhin so ein hochmütiges Wort, du
wolltest schlafen, wenn der blanke Hans käme? Und nun kommt er, und nun
ist alles gelogen?«
»Er soll nicht kommen!« Akke streckte abwehrend ihre Hände aus. »Ich
hab’ das nicht gewußt, ich hab’ das nicht gewußt ...«
Sie ächzte laut und warf sich auf ihren Bettplatz, und wiederholte
immerfort die Jammerworte. Dann sprang sie auf.
»Was seid ihr auch für gräsige Holzpuppen, ihr Holgers!« rief sie außer
sich. »O warum bin ich auf die grauenhafte Hallig gekommen! Warum bin
ich nicht in Hamburg geblieben! Dann dürft ich jetzt leben, leben,
leben ...«
Da schüttelte Onnen seine jungen, starken Fäuste vor ihren Augen:
»_Stirb anständig!!!_ Du! ... Schmäh die Hallig nicht ...«
Und er warf sich auf sein Lager und weinte wild und schmerzlich.
Da kroch Edlef Holgers zu ihm hin und nahm ihn in seine Arme. Was
hatte der junge Bruder da eben gesagt? »Stirb anständig!«
Edlef strich ihm über das Blondhaar, das heiß und feucht von der
inneren Erregung an der Stirn klebte. Und er fühlte, wie die jungen
Glieder zitterten.
»Nicht krank werden«, raunte Edlef an Onnens Ohr. »Wir zwei müssen
uns recht kennen lernen, du ... kleiner Bruder! Reiß’ dich zusammen!
In deine Hände will ich ja Maren geben, wenn ich fort muß ... Spürst
du mein Vertrauen? Ja? So sind wir heut erst rechte Halligbrüder
geworden ...« Ganz dicht schmiegte sich Onnen an des großen Bruders
Brust.
»Up ewig ungedeelt ...«, lallte er und dann lösten sich seine Glieder
in überwältigender Müdigkeit. Sacht ließ Edlef ihn auf das Lager
zurückgleiten, und legte sich neben ihn und faltete seine großen Hände
über den Kinderhänden. --
Am andern Morgen fiel ein Sonnenstrahl durch das Lukenloch und weckte
Maren. Sie schreckte auf. Alle Glieder schmerzten sie heftig. Die Arme
und Hände waren abgestorben, beide Kinder hielt sie krampfhaft an ihre
Brust gedrückt. Ihr Rücken lehnte an dem großen Bodenbalken, sie konnte
kaum den Kopf drehen. Unerträglicher Nackenschmerz quälte sie. Lange
konnte sie nicht geschlafen haben, die Säuglinge hatten die Nacht durch
geschrien, ohne doch die schwer ermüdeten anderen aufzuwecken. Auch war
Maren mehrmals zu dem laut redenden Onnen hingetreten und hatte ihm aus
dem Wasserkrug zu trinken gegeben. Tief und fest schlief Edlef neben
dem Knaben.
Nun tastete sich Maren nach dem Laden, riegelte ihn sachte auf und ließ
die Sonne in den dumpfen Oberboden hinein. Die lachende Sonne, die
eine grauenhafte Verwüstung beschien. Maren stöhnte auf, als sie die
kurze Umschau hielt. Von den Ställen her hörte sie das Vieh blöken und
brüllen. Sie legte die beiden festschlafenden Kinder in die Wiege. Als
sie aufschaute, sah sie in Tanten Fraukes ernste Augen.
»Maren, mein Deern, hilf mir auf, -- ich kann mich nicht rühren --,
aber Gott sei ewig Dank, wir leben und der Mutterhof auch ...«
»Aber _wie_ lebt er!« seufzte Maren.
»Komm, Tanten Frauke, wir wollen die andern nicht wecken, sieh, wie
völlig erschöpft sie schlafen.«
Sie tasteten sich vorsichtig über die Schläfer hinweg zur Stiege hin.
Als sie an Akkes Lager vorbeikamen, erschraken beide. Das Bett war
leer. Auch drunten weit und breit nichts von ihr zu entdecken.
»Vielleicht ist sie schon beim Vieh«, meinte beruhigend Tanten Frauke,
und sie schritt, so rasch es ihre steifen Glieder vermochten, nach dem
Stallboden. Auch Maren ging tapfer gegen die körperlichen Schmerzen
an. Sie schlich sich in die Küche, mußte sich dort aber an die Tür
lehnen in heftigem Schreck. Verheerend hatte der Sturm gewütet.
Schlamm, Seetang und Muscheln bedeckten den Küchenboden. Darin standen
die schmutzigen Küchenmöbel und Kochgeräte bunt durcheinander. Mit
unsäglicher Mühe öffnete Maren die eiserne Lade, in welcher sich
trockenes Holz befand. Streichhölzer lagen dabei, so konnte sie rasch
ein prasselndes Feuer entfachen. Als sie sich umdrehte, stand die Magd
Gesine mit verschlafenem Gesicht und krummem Rücken in der Tür, sie
schleppte einen Eimer Regenwasser.
»Den kriegen wir erst mal zu Feuer«, lachte sie. »Un denn en orndlichen
Kaffeepunsch, der bringt uns alle wieder auf die Beine. Christ Kyrie,
war das eine Nacht! Un wo süht dat hier ut!«
Sie reinigten den verschlammten Wasserkessel, füllten ihn und setzten
ihn auf das fauchende Feuer. Aus einem hochgelegenen Wandschapp, daran
die Wellen nicht gelangt hatten, holte Maren eine Flasche »reines
Gotteswort« und setzte sie auf den Herd. Nach einer Weile kam Tanten
Frauke mit dem halbgefüllten Milcheimer.
»Wir müssen doch die Mannsen wecken,« sagte sie besorgt, »das Vieh muß
vom Boden herunter, es sieht nicht alles so aus, wie es soll. Und die
Akke ist auch nicht droben.«
Tanten Frauke begab sich nach dem Oberboden, um dort Bescheid zu sagen,
unterdessen versuchte Maren, etwas Behaglichkeit in den Wohnpesel zu
bringen. Die Magd heizte den Ofen. Dabei kopfschüttelte sie ergiebig.
»Dat süht bös ut, buten un binnen, dat duert ’n beten, bet wi wedder in
de Reg sünd ...«
»Aber wir haben niemand verloren«, tröstete Maren sich selbst mit, denn
im Grunde war ihr das Herz bitter schwer.
»Dor kümmt de Brefträger«, sagte die Magd und wies nach dem Fenster.
Peter Hansen brachte an Edlef einen großen Brief und für Maren eine
fröhliche Karte von Nomine aus Bacharach am Rhein. Der Bote machte ein
ernstes Gesicht.
»Dat wier ’n sworer Abend un ne schlechte Nach!«
»Sünd ji god toweg?« fragte er teilnahmevoll.
»Ja, Hansen, god toweg.«
»Dann setten Se man glicks ›Gott sei Lob un Dank‹ achteran, Fru Maren.
Dat wier ’n richtigen Manndränke ... Gott sei allen gnädig.« Peter
Hansen setzte sich schwerfällig auf einen umgestürzten Zuber und
wischte sich den Schweiß von der Stirn.
»Wie meinen Sie das?« fragte Maren mit stockendem Atem.
»Weeten Se denn noch gor nix, Fru Holgers? Hebben Se denn slöppt?«
»Sie wissen, Hansen, daß die Grootwarf am weitesten liegt, uns hat noch
niemand Nachricht gebracht ...« Maren sah den Boten aus jammervollen
Augen an.
»Die Schulwarf hat’s am härtesten getroffen ...« Der Briefträger
bedeckte einen Augenblick die Augen mit der Hand.
»Mein Bruder Manne?« fragte Maren heiser.
»De Scholmeester kann noch vun Glück seggen. De hat man blot de linke
Hand braken, äwer Vadder Luersen ...«
»Mein Mannebruder!« stöhnte Maren. »Und ich nicht bei ihm. Und was
ist’s mit Luersen?«
Da sah sie, daß der Briefbote weinte. »Sin Fru und sin Kinners sin em
verdrunken ...! Herrgott, Fru Holgers ...!«
Er sackte steuerlos in sich zusammen.
Die Magd jammerte laut. In Marens weißem Gesicht rührte sich kein Zug.
»Ist seine Tochter Akke dort?« fragte sie heiser.
»Dat is ’t jo man. De weet von nix. De is hüt vör Dau un Dag mit’n
Postschipper nah Pellworm segelt, un von dor gliks nah Husum. Se war
dull in de Fohrt ... Du grote Gott, ne, de weet von nix. Sonst weer
se jo wohl dor. De is doch all ehr Dag dat Kücken west in Luersens
Höhnerstall. --«
Maren hielt die Hände gefaltet. Sie murmelte tonlose Worte vor sich
hin: »Die ist fort ... Die weiß nichts ... Frau und alle Kinder
ertrunken ...«
Der Briefträger stieß sie ein wenig an, damit sie sich besänne. »Ja, so
was greift an, Frau Holgers«, meinte er betrübt.
Jetzt kam Edlef von den Ställen her.
»Uns gehen ein paar Stück Vieh drauf, Maren,« rief er ihr zu. »Mich
dauern die armen Tiere. Und _schwerer_ Schaden überall ... Was hast du,
Maren?«
Die Lippen in ihrem weißen Gesicht bewegten sich, aber man konnte
nichts verstehen. Die Magd reichte ihr besorgt eine Tasse vom heißen,
stark duftenden Kaffeepunsch. Maren trank gierig, und es kam etwas
Farbe in ihr trostloses Antlitz.
»Dat is man, Herr Holgers, daß Se blot Vieh verloren hebben,« sagte der
Bote, »awer up annere Warfen ...«
Und dann erzählte er noch einmal den ganzen Jammer der Schulwarf.
»Den Scholmeester hat de Fru Pastern all in Pflege«, setzte er hinzu.
»Da soll sich Fru Holgers nich sorgen. Aber bei Vadder Luersen, da muß
wohl uns’ Herrgott de Pfleg’ übernehmen ...«
»Ich komme heute noch hin auf die Schulwarf.«
»Das wird gut sein, Frau Holgers.«
Peter Hansen stärkte sich nun auch am dargereichten Kaffeepunsch, aber
er erzählte nichts mehr. Trotzdem Mutter Holgers, Tanten Frauke und der
Knecht dazu kamen. Er schüttelte nur immer mit dem Kopf und schien ganz
von dem Unglück der letzten Nacht erfüllt zu sein. Dann nahm er seine
Mütze und entfernte sich dankend. --