Anm. der Verf. (nach Jensen.)

Nach dem Liede saßen wieder alle schweigsam da. Nomine hatte ein

Notizbuch herausgezogen und schrieb mit einem kleinen Bleistift hinein.

Unauffällig schob sie den Zettel auf ein Tannenzweiglein und fuhr

diesen kleinen Schlitten über das Tischtuch hinüber zu Manne Wögens. Er

las:

»Geben Sie sich überwunden? Wir könnten hundertmal froher sein ohne

diese Gebräuche und dies herkömmliche stumpfsinnige Schweigen.« --

Darauf kam umgehend seine Antwort: »Im Gegenteil, ich segne das

Schweigen. Dabei kann ich Sie doch ansehen und finden, daß Sie

heut ganz ungewöhnlich schön sind. Wahrhaftig, wie eine echte

Halligtochter. Aber sobald Sie reden, dozieren Sie auch.«

Da knüllte sie den Zettel zornig zusammen.

Die junge Melenke hatte auch die Friesentracht angelegt. Wunderschön,

sieghaft sah das Mädchen aus. Aber ihre Gebärden waren zügellos. Und in

den Augen lag der Ausdruck eines gefangenen Wildes.

Manne Wögens blickte von einer Schwester zur anderen und schüttelte den

Kopf.

Ohm Rickert, der neben ihm saß, folgte seinem Blick.

»Wie zwei Bilder sind die Deerns«, raunte er. »Schön alle beide, aber

für verschiedene Gustos. Die eine stellt ’ne Heilige vor und die

andere ...«

»Pst«, mahnte der Lehrer.

»Ja, ihr werdet solange ›Pst‹ sagen, bis vor lauter Stillschweigen

und Vertuschen der Dampfkessel explodiert ist. Dann habt ihr’s nötig,

euch die Ohren zuzuhalten vor dem Knall. Die eine hat ’n ›Durst

nach Wissenschaft‹, meint der Edlef. Nun gut, das is wohl nicht

gemeingefährlich. Aber die Melenke mit ihrem Durst nach Leben ...«

Der Lehrer dachte einen Augenblick, ob wohl Ohm Rickert zu viel

getrunken habe.

Der sah aber nur bekümmert aus, und als nun das einfache Festmahl

beendet war und alles aufstand, ging Ohm Rickert zu dem jungen Mädchen

und schlug ihr auf die Schulter: »Nun, Nichte Melenke, freut dich

deines Bruders Hochzeitstag?«

Sie lachte spöttisch auf. »Zum Ersticken ist’s«, rief sie fast

laut. »Und die Langeweile frißt einen auf. Ist das wohl auch eine

Hochzeit? Wo bleiben die Musikanten? Ich möcht’ den ganzen Mutterhof

zusammentanzen.«

»Das sollst du auch, mein Deern. Und da kommen auch die Bierfiedler.

Und wenn dir die Luft zu knapp wird, dann geh vor die Tür, da weht ein

artiger Halligwind. Paß fein auf, Deern, daß er dich nicht verträgt. --«

»Hab’ keine Sorg’ um mich und acht auf deinen Schustertanz«, gab

Melenke finster zurück.

Da strichen auch schon die Fiedler auf Geigen und Baß, und vier

»Junggaster« sprangen vor, knieten nieder, sangen, sprachen und reigten

vor dem jungen Paar:

»So steckt he sin Nadelje, so trekt he sin Dradelche,

So kloppt he sin Ledder up Ledder.

Na, Schohmaker, kumm morgen wedder!«

Ohm Rickert war recht in seinem Element. Als einer der »Junggaster«

sich beim jähen Bücken »dat Krüz verrenkte«, sprang der Alte sofort in

die Bresche und reigte, tanzte und sang, daß selbst die Ahne mit ihm

ausgesöhnt wurde.

Dann holte die alte Kastenuhr mächtig aus und sechs Schläge tönten aus

ihr hervor. Ein helles Glockenspiel folgte: »Befiehl du deine Wege.« Da

falteten sich alle Hände.

Und die Ahne nestelte an dem Schlüsselbund, das an ihrer

schwarzseidenen Schürze hing, und ihre zitternden Hände legten den

Schlüssel zur »heiligen Kammer« in Edlefs Hand. Die umschloß ihn fest,

und zugleich umfingen seine Blicke die zarte Gestalt seines jungen

Weibes in unnennbarer Zärtlichkeit. Pastor Licht gewahrte diesen

Blick, und ein großes Freuen war in ihm. »Nun brauchen sie uns nicht

mehr«, sagte er zu seinem Luischen. Ganz still drückten sie dem Paar

die Hände und verließen den Mutterhof.

Hand in Hand schritten Edlef und Maren zu jedem einzelnen Hochzeitsgast

und empfingen ihren Segenswunsch. Mancher gab wohl auch einen

eingelernten Spruch, einige sagten »Mit Gott« oder »Gott walt’s«.

Bruder Manne reichte Maren nur die Hand. Sie sah nicht auf, aber sie

gab den Druck fest zurück. Da kam sie zu Ohm Rickert. »Nichte Maren,«

raunte er eindringlich, »willst noch einen ehrlichen Rat von der Erde

mitnehmen, ehe du in den Himmel gehst?«

Maren Holgers nickte sacht.

»So höre zu. Man kann eine Stube nur vom Sofa aus beherrschen! Setz

dich nicht immer auf den Stuhl, du kleine, blasse Madam!«

»Wat hedd he seggt?« fragten die Umstehenden.

Aber Ohm Rickert sagte seinen Spruch nicht noch einmal. Denn die

Hauptsache für ihn war, daß »die kleine, blasse Madam« ihn verstanden

hatte. Voll und groß schlug Maren Holgers ihre Blauaugen zu ihm auf:

»Habt Dank, Ohm Rickert! Das Wort tat mir nötig! Ich will’s befolgen!«

* * * * *

Die Geigen jubelten, der Baß brummte und die Flöte klagte, es war ein

großer Lärm. Man tanzte den Kehraus. -- Denn noch um sieben Uhr abends

wollte der Schiffer einige auswärtige Hochzeitsgäste nach Pellworm

bringen. Und als das bräutliche Paar längst verschwunden und der Tumult

am stärksten war, stahl sich die junge Melenke vor die Haustür, um nach

Rat vom Ohm Rickert einmal -- Atem zu holen ...

* * * * *

Am andern Morgen ging es heiß her in der Universität auf der Schulwarf.

Die Jungen hatten alle rote Köpfe und der Lehrer dazu. Manne Wögens

konnte sich gar nicht genug tun in der Deutschstunde, und arbeitete

mit den Großen, als säße er nicht auf ödem Halligeiland, sondern

mit ausgesuchtem Menschenmaterial in der Prima oder Sekunda eines

Gymnasiums. Wie frisch die Jungen waren! Wie angeregt! Wie sie ihm

folgten! »... und deshalb sage ich euch, ein gutes Buch ist der größte

Schatz. Ich will helfen, daß ihr euch eine kleine, gute Bücherei

anlegen könnt. Bringt mir alles, was ihr daheim habt. Ich suche und

sondere aus, und dann wird nach und nach Neues angeschafft. Sagt’s

euern Eltern daheim, daß ihr euch zum Geburtstag ein Buch wünscht.

Ich stelle eine Liste auf, und ihr dürft euch aussuchen. Aber bis zum

nächsten Geburtstag leihe ich jedem ein Buch von mir.«

Das gab einen lauten Freudenausbruch.

»Nun, Onnen Holgers, mein Sohn,« fragte Manne Wögens, »ich meinte,

ich müsse deine Stimme obenauf hören. Statt dessen schaust du aus dem

Fenster. Du suchst wohl den gestrigen Tag? Ja, mein Junge, der ist

fort, bitte dich gefälligst in die Gegenwart zu bemühen -- --«

Onnen Holgers wurde dunkelrot. »Freilich freue ich mich auf die

Bücher,« stieß er heraus, »nur da draußen, -- das ist die Nomine. Was

macht sie einmal auf der Schulwarf ...?!«

»Son ol grot Mäten geht ni mehr to Schol!« ließ sich einer von den

allerjüngsten Abcschützen vernehmen.

Aber der Herr Lehrer war schon mit einem Hechtsatz, der seiner

Turnerschaft alle Ehre machte, zur Tür hinaus. Wahrscheinlich ärgerte

er sich draußen selbst über seine Eile, jedenfalls ging er denselben

Weg langsam zurück und rief seiner Herde zu: »Es läutet 11 Uhr auf dem

Glockenturm, packt langsam und ordentlich ein.«

Dann klinkte er die Gartenpforte auf und sah Nomine Holgers, an einen

der verkrüppelten Obstbäume gelehnt. Verstört die Augen und blaß das

schöne, kluge Gesicht. »Wollte nur bitten,« sagte sie hastig, »ob Sie

Onnen und Karen bei sich behalten könnten, die Kinder passen heut nicht

nach Haus ...«

»Es ist etwas sehr Ernstes geschehen, Fräulein Nomine?«

»Ja, -- Melenke ist heimlich fort. Gestern abend schon muß sie sich den

Auswärtigen nach Pellworm angeschlossen haben, aber nicht einmal der

Postschiffer hat sie erkannt ... Wir fanden einen Brief von ihr. Einen

häßlichen, unguten ... Herrgott, Manne Wögens, die Ahne! Sie hat alle

Läden im Hause geschlossen, als ob Melenke tot sei.«

Manne Wögens nickte schwer. »Das kann ich mir denken. Die Ahne kennt

nur entweder -- oder.«

Nomine kämpfte mit den Tränen, aber sie schluckte sie herunter.

»Die arme Maren!« sagte sie. »Edlef ist gleich heute früh mit dem

Schiffer Erichsen nach Pellworm und weiter nach Hamburg, will überall

nachforschen. -- Es ist doch unsere Schwester! Hätte sie doch nur

Vertrauen zu mir gehabt.«

Nomine konnte nicht weiter sprechen, die Kinder standen alle in der

Schultür und warteten auf die Erlaubnis des Lehrers, fortzustürmen.

Da reichte er ihr die Hand. »Keine Sorge! Ich will Onnen und Karen

betreuen wie mein Eigentum. Gehen Sie ruhig heim. Morgen frage ich

nach, wie es im Mutterhof steht. --«

»Dank!« sagte sie nur und ging davon, -- etwas weniger

hochaufgerichtet, als die stolze Nomine sonst zu schreiten pflegte. --

»Was ist?« fragte Onnen Holgers dringlich und sah den Lehrer forschend

an. Da hob dieser laut seine Stimme, daß es alle wohl hören konnten.

»Deine Schwester Melenke ist krank geworden und vom Mutterhof fort.«

Und als die andern Kinder mit dieser Neuigkeit fortgestürmt waren,

setzte er gütig hinzu: »Darüber betrübt sich deine Sippe natürlich

sehr, Onnen, mein Junge. Nun bleibt ihr heute erst einmal bei mir.«

»Oh,« -- sagte Karen mit tiefem Aufjauchzen, »das ist bannig gut.« Und

sie faßte vertrauensvoll seine Hand. Onnen sah versonnen aus.

»Mich dünkt, Melenke war schon lange krank«, meinte er altklug. »Ich

sagte es ihr auch gestern, wie sie so wild dahertanzte. Da wurde sie

böse. -- Ich sei ein dummer Junge. -- Aber man ist nicht immer dumm,

wenn man jung ist.«

»Ganz gewiß nicht, du altes Haupt auf jungen Schultern«, lachte Manne

Wögens. Und doch war ihm nicht nach Lachen zu Sinne.

»Sie meinen gewiß auch, ich hätte nach der Großwarf gehen müssen,« fuhr

Onnen dringlich fort, »Sie sehen ganz so aus.«

»Du mußt nicht Gedanken lesen wollen, ich finde es sehr richtig, daß du

hier bleibst.«

»Und ich auch«, bestätigte Klein-Karen.

»Aber ich hätte Ahne und Mutter helfen können«, beharrte Onnen. »Nomine

ist so unpraktisch. Und ich hatte mich so schrecklich auf die neue

Schwester Maren gefreut, -- sie ist süß.«

»Ja, siehst du, da kannst du dir nun gut vorstellen, wie einsam _ich_

ohne ›diese Süße‹ bin. Alles hat mir der Mutterhof weggenommen,«

scherzte Manne, »und du willst mich nun auch noch verlassen?«

Gleich nahm Onnen seine Hand. »Daran hatte ich kein einmal gedacht,«

rief er erschrocken, »so bleibe ich gern bei Ihnen, Herr Lehrer.«

Dann aßen sie zusammen Mittag. Und es schmeckte natürlich das einfache

Essen im fremden Hause tausendmal besser als die Reste des schönen

Hochzeitsmahles daheim. Die Magd schmunzelte über das ganze Gesicht,

so sehr freuten sie die jungen Kostgänger. Und der alte, krumme Knecht

meinte: »Herr Lehrer, so wat Kinnerkram hürt hieher up de Schulwarf un

int Schulhus, laten Se mi noch dat erlewen!«

Am Nachmittage wurden Schularbeiten gemacht. Karen malte mit vor Eifer

glühenden Bäckchen ihre Sätze auf die Tafel. Aber der Fleiß war größer

als die Begabung, die Worte standen höchst windschief auf den Linien,

ja einzelne Buchstaben purzelten darüber hinweg. Der Lehrer war nicht

zufrieden, und Karen zog »’ne Snut«.

»Immer noch besser als wenn Nomine schreibt«, rief Onnen mit

sachverständigem Blick auf die Tafel. »Oha, wat schriwwt de für ’ne

Klau’!«

»Du bist ja heut so kriegerisch gegen deine älteste Schwester«, meinte

Manne Wögens. »Weil sie dich hiergelassen hat? Das bestimmte wohl

die Ahne und deine Mutter. Und ihr war’t doch sonst so gute Freunde.

Nomine hat mir selbst vertraut, daß sie sich am allermeisten auf _dich_

gefreut hat.«

Onnen sah ihn unsicher an und seine Augen verdunkelten sich. »Ich

mich auch auf sie«, gestand er mit zuckenden Lippen. Und dann warf er

plötzlich die Arme auf den Tisch, legte den Kopf darauf und weinte heiß

und jammervoll.

»Ist _das_ Häuflein Elend mein Spartanerjunge?« fragte der Lehrer

betroffen.

Da hörte das Schluchzen auf. Und als Manne Wögens ihn gütig anblickte

und über seinen lockigen Blondscheitel strich, rief der Junge mit

fliegendem Atem: »Sie will mich weghaben von der Hallig. Ja, die

Nomine. Ich soll aufs Gymnasium nach Husum und soll später studieren.

Dasselbe studieren wie Nomine. Aber ich kann nicht fort von der Hallig,

nein, ich _kann_ es nicht.« Ganz schwarz standen Onnens Augen in dem

erregten Gesicht. --

Manne Wögens atmete schwer.

»So? Sie will dich forthaben?« wiederholte er leise, wie zu sich

selbst. »_So_ sehr ist sie der Stadt und den Büchern verfallen?«

Mit müder Handbewegung strich er sich über die Stirn. »Und warum kannst

du nicht von der Hallig fort, Onnen, mein Junge? Denke doch, die

Schwester will dich etwas lernen lassen und du lernst doch so gern.

Will dich viel mehr lernen lassen als ich selbst dir zu geben vermag.

Und du wirst ein großer Herr werden, Onnen, -- denn Wissen ist Macht.

Und die arme, kleine Hallig wirst du vergessen ...«

»Sie ist nicht arm und klein«, schluchzte Onnen wild. »Und Sie dürfen

nicht so sprechen, Herr Lehrer, -- es ist ja doch Ihre Heimat ... ach,

lassen Sie mich hier, ach, lassen Sie mich hier!«

Da nahm ihn Manne Wögens an sein Herz. Und die kleine Karen hob er auf

den Schoß und beruhigte sie, denn ihre Tränen flossen reichlich, weil

sie den Bruder weinen sah. »Ja, du sollst hierbleiben, Onnen, mein

Junge. Ich werde um dich kämpfen. Die Hallig braucht ihre Söhne, und

die _besten_ Söhne sind gerade gut genug für sie.«

Der Knabe sah ihn voll Liebe an.

»Lernen will ich wohl tüchtig,« bekannte er, »will auch nach Husum auf

ein paar Jahr, wenn es durchaus sein muß, aber ich muß zurückkommen

dürfen. Da ist die ›Lüttwarf‹ frei geworden, -- die möcht ich wohl

haben, wenn’s die Sippe erlaubt. Und die Deichwirtschaft möcht ich

gründlich studieren. Möchte hier mal was zu sagen haben.«

»Du denkst schon voraus, Onnen, aber es gefällt mir von dir. Gern will

ich mit dir alles durchgehen, will dir Schifften, Allmende, Mähden-

und Weideland auf den Karten und ~in natura~ zeigen. Will dir auch

alte Fennbriefe und Gerechtsame vorlesen, damit du so ›bei klein einen

Begriff von unserer Verwaltung bekommst‹.«

»Hei! Denn schall Nomine man kamen«, frohlockte Onnen. »Dann sünd wi

twee Mannslüd gegen die eine Deern.«

Lehrer Wögens zog die Brauen dicht zusammen.

»Das wird einen harten Strauß mit dem Hochmütchen geben,« sagte er

ernst. »Aber du willst es doch wert sein, daß ich um dich kämpfe,

Onnen, mein Junge?«

Als abends der Mond voll und groß über der Hallig stand, schaute

er auch in Marens verlassenes Mädchenstübchen und schien auf die

friedlich schlafenden Kinder, denen auf Bett und Sofa schöne

Ruheplätzchen geschaffen waren. Die beiden Alten, der krumme Knecht

und die alte Magd, konnten sich nicht satt sehen an den rotbackigen

Holgersfrüchtchen. In seiner Stube aber wanderte Manne Wögens hin und

her, und Kopf und Herz waren in wilder Unruhe.

Die nächsten Tage brachten keine Änderung.

Es regnete und stürmte draußen, und er behielt deshalb die Kinder zu

ihrem Ergötzen bei sich im Schulhause. Er selbst kämpfte sich mit Mühe

am zweiten Tage bis zur Großwarf und fand den Mutterhof immer noch

dunkel und ablehnend gegen die Umwelt, als wenn der Tod dort eingekehrt

sei. --

Ohm Rickert kam ihm entgegen, offenbar froh, jemand »zum Schnacken« zu

finden. Die Ahne sei krank und alle Frauen seien bei ihr.

»Ja, nu is de lütt Kessel in de Luft gahn«, meinte er. »Die Ahne hat

niemalen Heizer studeert, und mich olen Mariner hat sie nich zum

Ratslag haben wollen. De ganze Tid öwer heww ik all spinteseert:

›Melenke! Melenke! Wie kann man ein Dochter Melenke nennen! Heißt Maria

Magdalena. Dat is ne böse Vorbedeutung.‹«

»Name ist Schall und Rauch«, wehrte Wögens, und dann fragte er

bekümmert: »Ist noch keine Nachricht von Edlef da?«

»Nichts. -- Er hat es uns gleich gesagt. Wenn ich die Deern nicht

finde, halte ich mich nicht mit Schreiben oder Telegraphieren auf. Hab’

ich sie aber gefunden, dann gebe ich Nachricht. Na schön. Ist kein

guter Anfang für ihn und sein junges Weib. Wir hätten eben die Braut

›aus der Ecke tanzen sollen‹. Dann wär’ alles gut gewesen. Ist alter

Halligbrauch. Nun muß sie drin bleiben in der Ecke, das junge Blut.«

»Was Ihr redet, Ohm Rickert!« Manne Wögens gab ihm abschiednehmend die

Hand und kämpfte sich den sturmgepeitschten Weg zurück. Ein einziger

Mensch begegnete ihm unterwegs, der Pastor Ephraim Licht: »Sieh da,

Freund Wögens. Sie kommen, scheint’s, von der Stelle, da ich eben

hinwollte. Frauke Holgers hatte mich an der Hochzeit um meinen Rat

gebeten in Erbschaftsangelegenheiten. Eine herbe, seltsame Frau, aber

mir und unserer alten Halligkirche eine treue Freundin. Wie geht’s dem

jungen Paar? Das gibt ein paar Stammeltern, wie sie sich unser Herrgott

nicht schöner aussuchen konnte, -- Manne Wögens, über diese beiden

freue ich mich.«

So plauderte munter der alte Herr.

»Da gibt’s jetzt nicht viel zu freuen auf dem Mutterhof, Herr Pastor.«

Und der Lehrer berichtete kurz die Tatsachen.

Pastor Licht tat einen langen Pfiff. Als ginge ihm plötzlich sein

eigener Name sehr hell auf. Aber seine Gedanken hatten nichts mit der

heimatflüchtigen Melenke zu tun. Er drehte gleich auf der Stelle um,

hing sich dem Lehrer in den Arm und marschierte mühsam wieder der

Kirchwarf zu. »Sieh so, sieh so,« sagte er bedächtig, »der liebe Gott

will selber die Ahne ~mores~ lehren, da braucht _er_ freilich keinen

Pastor dazu.«

Das war das einzige, was auf dem Sturmweg gesprochen wurde. Am

Kreuzpunkt trennten sich die Männer, und Manne Wögens zog den Hut,

während Pastor Licht sein schützendes Käppchen aufbehielt und nur

herzlich mit der Hand winkte.

Der Nachmittag führte wieder alle Halligkinder auf der Schulwarf

zusammen. Und weil der Sturm so arg um das Eckhaus blies und das Feuer

im Ofen auslöschte, versammelte Manne Wögens all seine Trabanten im

Wohnpesel um sich. Das war etwas Neues und Schönes, und zu allem

erzählte der Lehrer auch noch Geschichten. Zuerst die furchtbar

traurige aus dem Lesebuch »Vom verlorenen Sohn«, und dann eine sehr

lustige von der Feldmaus, die eine Stadtmaus werden wollte, und deshalb

auswanderte. Aber es war doch sehr merkwürdig, daß der Herr Lehrer die

traurige Bibelgeschichte ganz fröhlich erzählte und bei der Feldmaus

ein gar ernstes Gesicht machte. --

Am Spätnachmittag holte Nachbar Luersen die beiden Holgerskinder

auf ein Vesperstündchen in sein Haus. »Damit der Herr Lehrer mal

Luft holen könne vom Kindsmagdspielen«, begründete er die Sache. Ein

ohrbetäubender Lärm empfing Onnen und Karen, und jeder wurde von den

ungestümen Gastgebern nach einer anderen Seite gezerrt. Vier sehr

ungebärdige Luersensprößlinge tobten in der kleinen Stube umher, und

das fünfte schrie bis zum Wegbleiben in der morschen Wiege.

»Du büst wohl rein unklug?« tadelte Mutter Luersen ihren eigenmächtigen

Mann. »Schleppst noch mehr Kinnerwark her? Kannst wohl gar nich genug

kriegen?«

»Von die Luersens hab’ ich freilich schon genug,« entgegnete der

geplagte Hausvater trocken, »aber die Holgersart ist bedächtig und

ruhig, die wirft nix um und zerreißt nix und steckt einem auch nicht

das Haus überm Kopfe an.«

»So?« eiferte zornig die Hausmutter. »Mich dünkt, die Holgersart

macht’s nur umgekehrt. Oder hat der Edlef nicht etwa bei uns’ Akke den

Brand angefacht? Und dann den Verschwur zerrissen und alles umgeworfen?«

»Du schnackst sehr klug, Olsch, aber was du sagst, ist doch ein

Dummheit. Wir wollen lieber ganz still sein, welche Seite den Verschwur

zerrissen hat.«

Die Frau weinte. »Hätte der Edlef die Akke behalten, kriegte sie jetzt

keine Prügel von dem gräsigen Hamburger.«

»Steht die Sache so?« fragte Vadder Luersen bedächtig. »Es ist man gut,

daß ich so bei klein von deiner Hamburger Fahrt etwas höre. Prügel

kriegt mein klein Akke? Das ist gut, das ist _sehr_ gut.«

»Schande wert!« rief Mudder Luersen. »Bist du auch ein Vater? Erst

tat der städtische Herr Schwiegersohn, als wär’ ihm just so’n

Draufgängerdeern das liebste. Und jeden Witz hat er belacht, daß

ihn beinahe der Schlag rührte, und in Samt und Seide hat er sie

eingewickelt, und in eine Wohnung hat er sie reingetan wie in ein

Schloß. Aber nun ist sie seine Frau und nun soll sie klein beigeben.

_Dies_ soll sie nicht sagen und jenes soll sie nicht tun. Weil seine

Stadtfreunde und Verwandten sonst ›scheniert‹ sind. Aber die Akke ist

ein freies Friesenmädchen, und das läßt sie sich nicht bieten.«

»Mudder, du warst doch immer so ’n kloke Deern. Was du aber jetzt daher

tühnst, das geht nich int größte Waddickfaß. Unser Stadtschwiegersohn

hat den Grundsatz: ›Mannshand baben!‹ Da bin ich ihm nich gram drum.

Wir beide haben das bei Klein-Akke versäumt, weil du immer neue Kinder

fischen mußtest. Weißt ja, Mudder, auf dem Meeresgrund bei Ekke

Nekkepenns Weib. Über all der Sorg und Mühe mit den vielen Gören haben

wir die Rute vergessen. Wenn der Schwieger das jetzt nachholt, kann aus

Akke noch ein Gutes werden.«

»Aber sie ist sehr unglücklich«, klagte die Frau.

»Alle Deerns sind unglücklich, wenn sie vom Liebsten Prügel kriegen«,

meinte der Vater ungerührt. »Das Gute zeigt sich dann später.« --

Derweile stand im Schulhause Edlef Holgers vor dem Freunde.

»Du kommst doch immer wie ~Deus ex machina~,« versuchte Manne zu

scherzen. Und gleich darauf ernst und besorgt: »Mein armer Edlef, das

hat dich hart mitgenommen. Nun setz’ dich erst einmal zu mir und ruhe

dich aus.«

Edlef ließ sich schwer in den Sorgenstuhl fallen. »Schande im Mutterhof

ist etwas Ungewohntes«, grollte er. »Und das muß ausgerechnet _uns_

treffen. Der Mutterhof hat weithin geleuchtet.«

»Vielleicht ist euch das allen zu sehr zu Kopf gestiegen«, meinte der

Lehrer bedächtig. »Die Selbstgerechtigkeit steht nicht unter den sieben

Todsünden, aber unser Herrgott scheint sie am schwersten zu ahnden.«

»Und gerade jetzt!« murrte Edlef. »Da ich deine Maren in mein Gewese

führte ...«

»Um ihr zu zeigen,« sprach Manne Wögens bedeutungsvoll, »wie

überwältigend die Ehre für die Schulmeisterdeern sein muß, -- ist’s

nicht so?«

Edlef sah ihn unsicher an. »Selbstverständlich ist’s _nicht_ so,« sagte

er hastig. »Ich war nur sehr stolz ...«

Manne Wögens klopfte ihm auf die Schulter. »Das sollst du auch bleiben.

Und Maren, -- die wird alles Leid mit dir tragen. Die wäre dir selbst

in _verschuldetes_ Unglück gefolgt. Und was jetzt auf euch gekommen

ist, darf euch nicht zerbrechen.«

»Die Ahne _ist_ uns zerbrochen, Manne Wögens. Die _Ehre_ des

Mutterhofes war ihr Rückgrat.«

»Und alles um so ’ne verrückte, junge, wilde Deern!« zürnte Manne. »Ich

bitte dich, Edlef, es werden noch viele Kinder aus dem Elternhause

laufen, weil ihnen die Zucht zu streng war. Desto fester muß das Haus

bleiben, damit es Obdach bietet, wenn die Abtrünnigen mit wundem

Herzen und wehen Füßen zurückkehren. Kein Elternhaus kann so streng

sein wie das liebe, holde Leben, die schöne Welt da draußen ...«

»Das sagte mir Maren auch. Aber Trostgründe kann ich noch nicht

gebrauchen. Ich schau nach den Menschen aus. Nach Spott und

Nichtachtung. Was werden sie alle sagen! Die Augen wag ich kaum

aufzuheben. Das ist meine unglückselige Holgersart.«

»Verrenn dich da nicht hinein, Edlef. Sieh lieber um dich, wieviel

rechtschaffene Halliggesinnung das Böse mit euch tragen will.«

»Du sollst recht haben, Manne Wögens. Ich bin wohl recht ein bißchen

aus den Fugen. Bedenk, daß ich aus der Brautkammer ins Segelschiff

stieg ... da ist mir das Gleichgewicht über Bord gegangen.«

»So birg es dir wieder. Du hast Schwester Maren als Rettungsring im

Hause ...«

Da wurde Edlef Holgers ganz froh. »Ja, ich will heim, will die

Geschwister gleich mitnehmen. Hab Dank, du Guter, daß du mir das

Kroppzeug aufgehoben hast.«

»Da ist nichts Gutes weiter dabei, Edlef. Die beiden Jüngsten vom

Mutterhof sind echt. Die tragen viel Freude ins Haus. Dein junger Onnen

wird noch einmal was Besonderes für die Hallig, -- ich hab’s gesagt.«

»Wenn du nur Frohes prophezeien kannst! Ganz hell geht’s von dir

aus, ich wollte, ich könnte dich mitnehmen in die Dunkelheit unseres

Gehöftes, Manne Wögens.«

»_Da kommt_ das Licht vom Mutterhof«, rief der Lehrer. »Da!« Und er

öffnete weit die Tür und ließ die beiden lachenden Kinder herein.

Das gab ein Erzählen! So viel Neues hatten sie unter der großen

Luersenschar entdeckt, und nur schwer konnten sie dazu gebracht werden,

ruhig ihre Siebensachen zu packen.

Der große Bruder strich ihnen über die Blondköpfe. »Macht fix zu«,

sagte er aufmunternd. »Die Nomine-Schwester möchte euch beide noch

sehen.« Er wandte sich zu Edlef. »Sie will heute abend noch in Pellworm

sein, und morgen früh zurück nach Kiel. Sie meint, es ist am besten,

wenn Ahne und Mutter und wir alle hier in die alte Ruhe kommen.«

»In die alte Ruhe ...« wiederholte Manne Wögens langsam. Ganz erloschen

sahen seine Augen den Freund an. »So rasch, so rasch?« fragte er wie

hilflos.

Edlef mißverstand ihn. »Ja, freilich, wir müssen schnell heim. Vergeßt

nicht das Danken, Kinder. Fahr wohl, Manne Wögens!«

»Ich danke auch noch vielmals«, rief Onnen herzlich. »Will’s der Nomine

ordentlich sagen, daß ich auf der Hallig bleibe.«

»Ja, -- sag’ es ihr ordentlich.« Schwer lösten sich die Worte von Manne

Wögens’ Lippen.

Dann war er allein. Eine Zeitlang stand er noch auf der Vordiele

in der Haustür und winkte den Dreien. Denn immer wieder hoben sich

zurückgrüßend die Kinderhände. Am Horizont stand der glutrote Ball und

warf seine letzten Strahlen über die salzen See und die Heimat ringsum.

Dann sank die Sonne ins Meer. -- Wie kalt es mit einemmale wurde! Müde

tastete sich Manne Wögens in seine einsame Stube. Er fror bis ins Mark

hinein. -- --

* * * * *

Pastor Ephraim Licht hatte an seine stille Hallig eine schöne Sitte

bringen wollen, die er im tannenwaldumstandenen Dorfe seiner Thüringer

Gemeinde sooft und gern geübt. Die »Spinnstube« sollte droben im Norden

aufleben. Mit Spinnrad und Strickstrumpf sollten die Frauen kommen,

mit einem guten Buch oder einer fesselnden und lehrreichen Geschichte

die Männer. -- Halligsagen und -märchen sollten neu erstehen, damit

man sie für die Nachkommen sammle und festhalte. Fragen, welche

die Halliggemeinde ungelöst mit sich herumtrüge, sollten daheim

aufgeschrieben und dann öffentlich verhandelt werden. Oder auch nur

von Mund zu Mund in der stillen Studierstube des Seelsorgers. Wie

Kinder auf Weihnachten, hatte sich das Ehepaar auf diese »Lichtkarze«

gefreut, die auf der großen Diele des Pfarrhauses tagen sollten. Zur

festgesetzten Stunde kamen sie auch alle gegangen. Es fehlten wohl nur

die ganz Bresthaften, die nicht mehr über die schmalen Prielstege zu

klettern und auch nicht über die kleinen Wasserrinnsale zu springen

vermochten.

Ein langer, schweigender, wunderlicher Zug war’s.

»Sieh nur, Luischen, sie kommen wie zu einer Beerdigung«, sagte Pastor

Licht. Und das Ehepaar beobachtete mit leiser Bangnis die ernsten,

verschlossenen Gesichter der langsam und schwer Heransteigenden.

Oben in der Diele wurden die Spinnräder aufgestellt und die

Strickstrümpfe und Klöppelkissen hervorgeholt, und bald war die

eifrigste Arbeit im Gange. Die Fragen, welche Pastor Licht und Frau

Luischen an ihre Gäste stellten, waren bald beantwortet, dann herrschte

tiefes Schweigen. Nur unterbrochen vom Surren der Rädchen und dem

Klappern der Klöppel und Stricknadeln.

Auf die Bitte nach einer schönen, seltsamen Halliggeschichte schauten

sie den Seelsorger groß und fragend an, und Boy Boysen meinte geruhig:

»Dortau is de Paster da.«

Lächelnd willfahrte ihnen Pastor Licht und erzählte von diesem und

jenem aus seiner reichen früheren Tätigkeit und dem Schatz seiner

Erfahrungen. Aber als er geendet, hoben die Frauen wieder ihre

Spinnräder hoch und schritten mit einem ernsten: »Fahre weel« über die

gastliche Schwelle. Die Männer zündeten sehr erleichtert ihre Pfeifen

mit dem scharfen Holländer Knaster wieder an, und verstiegen sich in

ihrer Heimkehrfröhlichkeit sogar zu einem: »Dank ok veelmals, Paster.«

Ein paar alte Weiblein blieben noch sitzen. Als sie aber sahen, daß da

»nix nachkam«, setzten auch sie einen Knix hin und siffelten heimwärts.

Das nächste Mal kamen die Frauen allein und von diesen nur acht. Und

zuletzt hatte nur die alte Stinameller dagesessen, die fast blind und

recht kümmerlich war, und sie erzählte vertraulich, sie sei nur des

weichen Lehnstuhls halber gekommen, darin sie viel besser schlafen

könne als daheim im Bett.

Pastor Ephraim Licht stand arg verdutzt über das Scheitern seiner

Pläne, und Frau Luischen war ganz verzagt.

Sie holten sich Rat vom Schullehrer Manne Wögens.

Der lachte fröhlich und verstehend. »Herr Pastor, Sie sind Thüringer.

Ihre leichtblütige, freundliche und liebenswürdig-zutunliche Gemeinde

von ehedem, so recht aus dem Herzen Deutschlands heraus, wollen Sie den

Halligleuten zum Muster geben. Das ist gefehlt. Weiß es ja von meiner

Thüringer Mutter her, wie sie mitteilsam war, wie sie plaudern konnte.

›Schnutteln‹ nannte es der Großvater aus Rudolstadt. Da gab es keine

Geheimnisse, da war keine lichtlose, unbesonnte Stelle in dem reinen,

fröhlichen Frauenherzen. Die Halligleute aber nehmen all ihr Erleben

und das der Voreltern zehnfach hinter Schloß und Riegel. Der einzige

Freund, in den sie restlos alles niederlegen, das ist ihr ›Zeitbuch‹.

Dem schenken sie äußerlich mehr Vertrauen noch als dem Herrgott.

Könnten Sie in den alten Truhen nachschauen, Herr Pastor, da würden

Sie Schätze finden. -- -- Liegt auch vielleicht nicht in jeder Truhe

ein ganzes Buch, so doch mindestens ein paar beschriebene Blätter, zum

Teil in die Urväterbibel hineingeklebt, darauf die einschneidendsten

Erlebnisse verzeichnet sind.«

»So braucht die Hallig eigentlich keinen ›Seelsorger‹, sondern nur

jemand für die äußerlichen, kirchlichen Handlungen,« meinte Pastor

Licht mutlos.

Der Lehrer wiegte den Kopf. »Vielleicht! Die Halligleute holten sich an

das Wort: ›Wenn du beten willst, gehe in dein Kämmerlein und schließe

die Tür hinter dir zu.‹ Ich glaube nicht, daß viel in der _Kirche_

gebetet wird. Aber sie hören Ihnen gern zu, Herr Pastor. Die volle

Kirche muß Ihnen der Beweis sein. _Lieber_ Herr Pastor Licht, Sie sind

hier schon der rechte Mann am rechten Ort.«

Der Pfarrer lächelte. »Nun schlägt die liebenswürdige Thüringer Mutter

auch bei Ihnen durch, Herr Lehrer, und Sie sagen mir schöne Sachen ...«

»Es ist die Wahrheit«, sprach Manne Wögens warm. »Ich wollte Ihnen

schon lange Ihren Nebenbuhler zeigen, Herr Pastor, ... das ›Zeitbuch‹

des Halligmenschen. Da möchte ich wahrhaftig ein wenig Erbschleicher

werden. Würden alle Halliger mir ihre ›Zeitbücher‹ vermachen, Herr

Pastor, ich wäre plötzlich reich an wertvollstem Stoff für Halligkunde.«

»So hoch schätzen Sie das ein? Und Sie selbst, Manne Wögens? Führen

Sie auch solch ein Zeitbuch, was wir bei uns den halbflüggen Dirnlein

überlassen?«

Der Lehrer lachte freimütig. »Ich bin ein Halligmensch mit Leib und

Seel trotz des Thüringer Einschlags. Und ich hab mein ›Zeitbuch‹ wie

jeder hier. Hein Hasseldiek, der große Bösewicht, der zu Lübeck auf dem

Rade starb, ist unbußfertig und leugnend dahingefahren, aber in seinem

›Zeitbuch‹ hat er alles eingestanden.«

»Huh«, lachte der Pfarrer. »Wollen Sie mich vorbereiten?« Und er wandte

sich neckend zu Frau Luischen: »Du hast gestern noch gemeint, unser

lieber Schulmeister sei wie ein aufgeschlagenes, schönes Liederbuch.

Ja, so poetisch hat sie sich ausgedrückt, -- du brauchst dich nicht

schämig fortzuwenden, Luischen. Aber du mußt umlernen. Wehe, welch

schwarze Geheimnisse Wögens’ Zeitbuch vielleicht enthält!«

»Da ist mir nicht bange drum«, sagte die Pastorin geruhig und schaute

vertrauend zu dem Hünen auf.

Der schüttelte ihnen die Hände und schritt dann rasch ausholend seiner

einsamen Klause zu.

Er wußte zutiefst, daß nichts verloren geht im Weltall, und daß er

heute dem treuen Seelsorger ein neuer Wegweiser geworden war zu den

wunderlich verschlossenen Herzen seiner Halliggemeinde. --

* * * * *

_Aufzeichnungen des Halligschulmeisters Manne Wögens._

Ist es möglich, daß wir schon wieder den September haben? So gibt es

beinahe einen Jahresbericht in dieses Buch. -- Die Sommerfrischler und

Badegäste, die von Föhr hie und da für Stunden auf die Hallig kommen

und sich die beste Mühe geben uns lahmzuschwatzen und totzufragen,

versagen sich niemals den Ausruf: »O wie muß es im Winter hier

langweilig sein!« Sie wissen nicht, daß dies Wort nicht in unserem

Wörterbuch steht. Diese lästigen Eintagsfliegen! Könnte man die Tür

seines Königreichs vor ihnen geschlossen halten! Welchen Reichtum an

Arbeit bargen die Monate, die seit Edlefs Hochzeit und Melenkes Flucht

vorüber sind. Arbeit! Segensreiche Himmelstochter! Du gehst mit deiner

Schwester Ordnung kräftespendend Hand in Hand.

Der Frühling kam auf die Hallig und nahm mit seinem Sturm allen

Winterstaub (wahrhaftig er lag in hoher Schicht) aus meiner Seele. Es

ist hart, wenn ein aufrechter Friese am Verzagen ist ... Was sage ich?

Hart? Noch heute trage ich einen eklen Geschmack auf der Zunge, denk

ich an jene kranke Zeit. Da habe ich mir eigene Arznei gebraut, habe

ein wissenschaftliches Buch zu schreiben begonnen. Ein Buch von der

Hallig. Diese Arznei hat mein Gebrechen geheilt. --

In meines Vaters »Zeitenbuch«, wie er es nannte, darinnen er die

Erinnerungen an Großvater, Großmutter und seine eigene Jugendzeit barg,

steht ein Wort: »Ein Wögens liebt nur _einmal_.«

Dies Erbteil meiner Väter verweist mich in die Einsamkeit. Sie war mir

ja immer Treugeselle. -- Doch ich war nie allein in der Einsamkeit, war

nie einsam im Alleinsein. Der Hallighimmel, die Halligluft, die weiten

Fennen und die salzen See schickten abertausend gute Geister zu mir.

Und doch hat es Tage und Nächte gegeben seit der letzten Weihnacht, in

denen ich gerungen habe, gebetet und geschrien. Und die Schreie, die

man in sein Innerstes schickt, tun am wehesten.

Gut ist’s, daß der krumme Knecht ganz taub und meine Magd des Abends so

müde ist, daß sie nichts von der Umwelt vernimmt, denn ich selbst bin

aufgewacht von meinen eigenen Rufen: »Nomine! Nomine!«

Was soll der Name in diesen Blättern?

Er soll stehenbleiben.

Eines aufrechten Friesen hochheilige Liebe ehrt jedes Mädchen. Auch

jenes Mädchen, das nach den Sternen greift und sie auch vielleicht zu

sich herunterholt. Aber sie tritt dabei die schlichte Bonnestave unter

ihren Fuß.

Doch ist die blaue Halligblume kein Veilchen auf der Wiese, das da

singt: Und sterb ich denn, so sterb ich doch durch sie, zu ihren Füßen

noch.

Nein, sie richtet sich wieder auf, denn sie ist eine Friesin.

Und so hast auch du dich wieder aufgerichtet, Manne Wögens, und willst

den harten Arbeitsweg gehen ohne ein liebes Weib an deiner Seite. Du

hast dein Buch. Das ist dein Eigen, es ist dein Kind, das dein Herzblut

trank. Einmal wird es in die Welt hinausgehen und die Menschen in den

Bann der Hallig zwingen. Daß nicht stumpfe Neugierde sie fürder zu uns

treibe, sondern _Liebe_.

Fahr wohl, Nomine! Ich habe dir vor Jahren gesagt, daß ich dir sehr gut

sei. Hab dir mein heißes, treues Herz dargeboten und meinen ehrlichen

Namen. Du aber hast gelacht. Wolltest lernen und die Welt sehen, und

hast der armen, öden Hallig gespottet und ihr Valet gegeben.

So sei’s denn, Nomine.

Denn wenn ich dich auch mehr liebe als mein Leben, so muß ich meine

Hallig doch noch mehr lieben als dich. Meine verachtete Hallig, die

ihren Sohn braucht.

Fahre weel, Nomine Holgers!

* * * * *

Machtvoll brauste draußen der Frühlingssturm.

Wir vermaßen unser Land für dieses Jahr und teilten es wieder ein

in Mehdeland und Weidefenne. Diesmal gab’s Widerstreit unter den

Warfbohlsgenossen. Auch der Bohlskurator war machtlos. Wer nicht ganz

und gar in unsere verwickelte Halligwirtschaft eingeweiht ist, nicht

mit Kopf und Kragen drin steckt in den schwierigen Berechnungen der

Mehde- oder Mählandsverteilung, der muß seine Finger davon lassen. Kein

kniffliger Jurist des Festlandes, den man heute herriefe, wäre dazu

imstande. Aber unser »Dreimännerschiedsgericht« hat entschieden, und

wir haben uns dem Spruche gebeugt. Jeder bekam seine »Schifften«, die

nach Größe und Lage jährlich wechselnden Parzellen, zugewiesen.

Ich lese gern die »Fennbriefe« und das Mehdebuch. Uns Halligleuten

ist darin alles verständlich, aber Festlandsratten möchten wohl

kopfschütteln und wunnerwarken über das närrische Zeug, das sich

Halliglandverteilung nennt.

Wir hatten einen nicht zu regennassen und leidlich warmen Frühling,

und so stand am Johannistag das Gras einen Fuß hoch. Wir reinigten

es sorgfältig von allen Muscheln und andern Einflüssen der See, und

dann begann das Mähen. So reich war der Segen, daß wir fremde Arbeiter

mieten mußten, die mit ihrem Vormähder rasche Arbeit taten. -- Wie

wonnevoll waren Juni und Juli! Die liebe Hallig in ihrem Festkleid!

Köstliche Blumen, unzählbar wie die Sterne des Firmamentes waren

darin eingewirkt. Alles atmete würzigen Duft, und die Bienen sogen

den köstlichen Hallighonig heraus, unvergleichlich in seiner herben

Süße. -- Dazwischen weidete das stattliche Vieh. Breitgestirnte Rinder

und wollige Schafe. Die Möwen lachten in blauer Luft oder ließen sich

nieder mit klingendem Klageruf. Den Lerchen lauschte ich und konnte

mich nicht satt sehen am flugsicheren Austernfischer. Der Rotschenkel

rief mit abwärts gestelltem Flügel »Gülü, gülü«, und warb sein

Weibchen. Und als die Jungen ausflogen, jauchzte er »Tjü, tjü«! Ach,

wer »vogelsprachekund und weisheitsfroh wie Salomo« wäre!

Unser Fischgarten im abfließenden Priel bot andere Arbeit. Wir

verbanden Holzsticken mit Bindfaden zu einem langen Leitwerk. Die

Spitze ließen wir in einen Hamen ausmünden. Nun tummelten sich während

der Flut die Fische in den Watten, doch mit der Ebbe flüchteten sie

sich in den großen Winkel des Priels. Da konnten sie nicht durch, und

die Fischer hatten reichen Fang. Ich stand dann gern neben meinem

alten Nachbar und Bohlsgenossen Momme Mommsen, der vor jedem Fischzug

die Hände faltet: »Du bist der Herre Jesu Christ, dem Wind und

Meer gehorsam ist. Drum halt in Gnaden deine Hand auch über unsern

Fischerstand.«

Saß ich aber oben auf der grünen Bank neben dem Schulhause und schaute

von meiner Höhe hin über die Fennen, denen die bereits gemähten

Streifen einen eigenartigen Farbenreiz gaben, oder schaute ich auf

die Nordsee, die zur Flutzeit die ganze Hallig so innig in ihren

umschlingenden Armen hielt und unzählige Gräben mit Wasser füllte, daß

sie wie Silberfischlein die Wiese durchglänzten, dann wurde mir das

Herz groß und weit und der Herrgott zog ein.

Der Mutterhof: Ein Halligroman · 第 19 / 46 题