Und die vier Tänzer hatten sich kreuzweise ihre Hände gereicht und sich
immer auf demselben Fleck gedreht und geschwungen, und über der Ahne
altes Gesicht war ein helles Leuchten gegangen. -- Maren dachte mit
hoher Freude an dieses Leuchten und daß sie in ein Haus voll alter,
schöner Bräuche kam. --
Jetzt hörte Maren, wie drüben der Bruder aufstand, und sie warf rasch
ihr schlichtes Hauskleid über und breitete den Hochzeitsstaat auf
ihrem Bette aus. Liebevoll strich sie über das schwarze Atlasgewand.
Sie hätte sich wohl auch gern in schneeiges Weiß gehüllt, aber der
vor ihr liegende schöne Stoff stammte vom Brautkleid ihrer Thüringer
Mutter. Das hätte Maren nun und nimmer verschmäht. Die Mutter war aus
einer alten Organisten- und Lehrerfamilie hervorgegangen, und über
Marens geblümtem Zitzsofa hing die lange, stattliche Ahnenreihe in
Schattenrissen und Wasserfarbenbildern. Das eine Bild trug sogar ein
Lorbeerkränzlein. Das war der Magister Krischan Haage aus Eisenach, der
sogar dem Johann Sebastian Bach einmal -- die Bälge getreten hatte.
Draußen ging die Haustür, man hörte einen Freudenausruf der Magd, und
nun trat Maren ans Fenster, öffnete es und schaute hinaus. Da ragten zu
beiden Seiten des Schulhauses zwei hohe Mastbäume mit wehenden Fahnen,
umkränzt von dunklem Tannengrün. Maren wurden die Augen feucht und
ihre Hände falteten sich. Gestern abend hatten die Bäume noch nicht
gestanden, -- welche Heinzelmännchen waren da tätig gewesen? Und wie
hatte sie jedes Geräusch so verschlafen können? Das machte wohl die
innere Ruhe, die ihr das sichere Glück von Edlefs Besitz gab. Edlef
Holgers! Wie sie ihn liebte! Ganz Friesin wollte sie werden, ganz
Halligfrau. Ahne und Mutter wollte sie betreuen, und der Mutterhof
sollte wachsen unter ihrer fleißigen Hand.
Wieder ging die Haustür, und Schritte kamen die Treppe herauf an ihre
Kammer. Dann sah sie in ein gütiges Frauenantlitz. »Tanten Frauke!«
rief Maren erfreut.
»So scheine ich ja das Rechte getroffen zu haben«, sagte diese und
schüttelte Marens Hand. »Ich wollte nicht, daß die Magd dich ankleiden
sollte, und im Mutterhof hat man doch alle Hände voll zu tun. Nimm die
Alte einstweilen als Brautführerin, willst du?«
»Niemals könnt ich mir eine Liebere wünschen.« Sehr herzlich klang
Marens Stimme. »Eine Mutter hab’ ich nicht mehr, und Mutter Holgers
stellt sich noch fremd zu mir ...«
Tanten Frauke begann Maren die Hochzeitsstrümpfe und festen
Schnallenschuhe anzulegen.
»Weil deine Mutter Ausländerin war«, begütigte sie. »Das begreift
und verzeiht so rasch kein Halligeingeborener. Ich hab’s am eigenen
Leib erfahren. Und doch kommt’s der Hallig zugute, wenn wir fremdes
Blut hereinbekommen ... Aber ist das auch ein Gespräch am heiligen,
frohen Hochtidmorgen? Vor allen Dingen wollt ich dich nicht allein
lassen, mein Deern, wenn der Bräutigam dich suchen kommt. Es wird ein
tüchtig Ringen abgeben, die Burschen von der Schulwarf halten bannig
Widerstand. Sogar die großen Schüler von deinem Bruder haben sich zu
den ›Junggastern‹ gesellt.«
»Der arme Edlef! Wie muß er mich sauer verdienen!«
»Das schadet nichts«, lachte Tanten Frauke, und Maren sah erstaunt,
wie das verhärmte Gesicht der Einsamen sich in der Freude lieblich
verklärte. »Kind, Kind, was hatten in früherer Zeit die Mannsen auf
unserer Hallig auszustehen, ehe ihnen die Braut zugesprochen wurde. Das
war so schlimm, daß einmal ein Brüjam noch vor der Kirchtür umgekehrt
ist. Zerrungen und verprügelt kam er dort an und sollte nun noch über
ein hochgespanntes Seil springen. ›Ne, dat is se mi nich wert‹, hat er
gesagt, und ist heimgegangen. Freilich mußte er auch gleich sein Bündel
schnüren und auswandern, sonst hätte man ihn gefemt.«
»Und die arme Braut?« fragte Maren teilnahmevoll.
»Kind, die nahm einen andern. Am selben Tag, ja zur selb’ Stund’
war ein Ersatz da. Ich bitt’ dich, Kind, -- man will doch das
Hochzeitsessen nicht umsonst gekocht haben.«
Maren wußte nicht, ob das Ernst oder Scherz oder Bitterkeit war.
Tanten Frauke hatte den Kopf zur Erde geneigt und nähte am Saum des
Hochzeitskleides ein paar Stiche. --
»Und sind sie glücklich geworden?« fragte Maren beklommen.
»Glücklich? Kind, Kind, nimm keine überspönigen Stadtbegriffe hier
auf die Hallig mit. Sie haben _ehrbar_ miteinander gelebt, das ist
Glück. Sie haben viele Kinder geboren, so viele, daß die Eltern über
dem Jüngsten den Ältesten aus den Augen verloren. Aber sie nennen es
›Glück‹. Was aber du und dein Edlef Glück nennt ...«
Tanten Frauke schwieg, und ihre Lippen waren weiß, so fest schlossen
sie sich aufeinander.
Nun hob sie den Brautkranz aus künstlichen Myrthen hoch, daran der
zarte Schleier befestigt war. Schon etwas gelblich angehaucht schien
das duftige Gebilde, denn von der Hochzeit der Mutter her lag es in
wohlverwahrter Truhe. Aber die breite Kante ringsherum war feinste
Nadelarbeit, und Tanten Frauke prüfte sie in ehrlicher Bewunderung. Ein
helles Rot der Freude schoß in Marens zartes Gesicht. »Ich bringe ja
dem Edlef so gar nichts mit,« gestand sie zagend, »aber dieser Schleier
ist mit fünftausend Mark eingeschätzt worden, es ist mein Stolz ...«
»Du Närrlein! Dein Thüringer Herz ist ebenso viele Millionen wert.
Aber für die Ahne und besonders für Edlefs Mutter schadet es nichts,
wenn ich die Tatsache im Mutterhof ein wenig verbreite.« Tanten Frauke
stellte sich prüfend vor die Braut hin. »Schön bist du, Maren Wögens«,
sagte sie laut und ehrlich. »Dein Edlef wird dich mit Jubel umfangen.«
Und in tiefem Ernst setzte sie leise und dringlich hinzu: »Aber bete,
Maren! Bete unablässig, daß Gott deinen Leib segnen möge. Der Mutterhof
birgt zwei Dinge. Ein Himmelsdach für die alte geschnitzte Wiege in der
Abseite eures Schlafpesels und -- die Hölle für die Unfruchtbaren.«
Wie eine finstere Norne stand die Sprecherin da, ihre Augen sahen
unheilvoll und vergrämt zugleich aus, und hatten doch eben noch mit
bewundernder Liebe auf der Braut geruht. Maren faßte bebend ihre Hand.
»Edlef und ich haben uns unsäglich lieb«, sagte sie, als sei mit diesem
Geständnis der ganze Zukunftshimmel wolkenlos geworden. Bitter lachte
Tanten Frauke auf. Dann raunte sie, dicht an Marens Ohr geneigt:
»Niemand konnt sich so über alles Verstehen lieb haben wie Tedje
Holgers und ich. Lachend gingen wir zu Bett, und singend vor Tau
und Tag an das Tagewerk. So viel Sonne hat noch nie auf die Hallig
geschienen als in jenen Jahren. Und konnt mich doch verlassen, konnte
die Hand gegen mich aufheben im zwölften Jahre unserer Ehe, als er
sah, die Wiege würde für immer leer bleiben in unserer Kammer. Kind,
Kind, -- möcht’ es dir erspart bleiben, daß dein Herze ruft und schreit
und hungert und dürstet nach Liebe und keine Antwort bekommt. Hölle!
Hölle!« Tanten Frauke schwieg erschöpft. Dann hub sie wieder an: »Nicht
daß er sich zu einer anderen gewendet hätte, o behüte Gott, das tut
kein Holgers. Er wär’ auch sonst dem ›Rügenopfer‹ verfallen. Denn kein
Land wahrt so streng das sechste Gebot wie die Hallig. Aber Herz und
Leib hat er mir verfemt ... Einmal, da schien’s, als kehrt er zu mir
zurück, -- aber da war’s der Ahne zu viel mit dem ›verliebten Getu‹,
und sie holte ihn von mir fort, schickte ihn zur Nacht zur salzen See.
Die nahm ihn und behielt mein Glück ...«
Maren faßte erschüttert beide Hände der Erzählerin, die wie zerbrochen
im Stuhl lehnte.
»Wie seltsam und grausam wird mir mein heiliger Tag bereitet«, dachte
Maren. »Wenn doch mein Edlef käme, oder Bruder Manne!«
Da tönte verworren Geschrei von draußen herein, und gleichzeitig
zeigte sich Manne Wögens’ ernst-frohes Gesicht im Stübchen. »Edlef
kommt!« rief er. »Er hat uns überrumpelt, der Hochzeiter, -- flink,
Maren, flink auf den Oberboden. Ei der Tausend, wie bist du schön,
Schwesterlein. Nimm fein den Schleier zusammen, daß er dir nicht
zerreißt.«
Er schob Maren liebevoll drängend zur Tür hinaus und gewahrte in seiner
geschäftigen Eile gar nicht die tiefe Erregung der Frau, die in der
Stube saß und die sich jetzt erst zu fassen schien. Er begrüßte sie
eilig, und zugleich schob sich hinter ihm eine wunderliche Gestalt
herein. Ein alter, kümmerlicher und krummer Knecht war es, der hie und
da Botengänge für den Schulmeister tat, wichtige Schriftstücke zum
Pfarrer oder Gemeindevorsteher trug, im übrigen so um Gottes willen von
Manne Wögens erhalten wurde. -- In gewöhnlichen Zeitläuften ein über
die Achseln angesehenes Häuflein Elend, gehörte er heute mit zu den
Hauptpersonen, denn er mußte den ungeduldigen Bräutigam »aufhalten«,
mußte ihm als »falsche Braut« verkleidet mit närrischen Worten
bedeuten, daß er, der Knecht, die Auserwählte sei, und daß er gern
bereit wäre zur Kirche und in die Kammer mit ihm zu wandern. --
Draußen auf der Warf flogen lustige und auch wilde Worte hin und
her. Die ganze Freude, aber auch die ganze Derbheit der Friesen kam
zum Ausdrucke in dem Jubel, daß endlich einmal wieder eine rechte
Hallighochzeit zugange war.
Aber Edlefs Kraft und Gewandtheit kürzte sieghaft die ihm zugedachte
Wartezeit ab, und vor dem Draufgängertum der »Haltjunkengänger«, die
sich Edlef von den andern Warfen mitgebracht hatte, mußten die von der
Schulwarf sich ergeben. -- Lachend und erhitzt, leicht verlegen stand
Edlef Holgers im Wohnpesel des Schulhauses. Er wehrte die »falsche
Braut« mit heiterem Abscheu von sich fort, warf ihr ein Goldstück zu
und lief mit Sturmschritten nach dem Oberboden.
Dort richtete sich die bräutliche Maren hinter der Urvätertruhe auf
und stand recht wie ein liebliches Heiligenbild in all dem bunten
Gerümpel ringsumher. Edlef Holgers zog seinen geschmückten Brauthut
tief zur Erde.
»Du!« stammelte er. Und nach einer Weile: »Willst du mit mir gehen,
Jungfrau Maren?«
»Bis in den Tod!«
Da hob er sie über die Truhe empor und hielt sie an sich gepreßt.
»Haben sie dir weh getan?« fragte sie nach einer Weile zärtlich.
»Die Raufbolde! Ich hörte den Lärm bis hier oben und fürchtete mich
entsetzlich. Du bekommst keine tapfere Frau, mein Edlef. Oh, oh,«
unterbrach sie sich und haschte nach seiner linken Hand, -- »was ist
das?«
»Nichts, nichts, eine Schramme«, wehrte er ab. »Der Bruder von Akke
Luersen hat sie mir versetzt. Sieh, mein Feines, das ist mir wie eine
Buße ...«
Maren hielt die verletzte Hand sorglich in der ihren. Mit einem
mütterlichen Ausdruck beugte sie sich darüber und küßte die Wunde.
»Du Engel!« stammelte Edlef. »Herrgott, ich will dich hüten! Wirst du
auch nicht zu fein für mich sein, mein Lieb? Ich bin ein Bauer, -- --
Maren, Maren! --« Selbstvergessen hingen sie Mund an Mund.
Da begannen die Kirchenglocken zum erstenmal zu läuten.
In süßer Scham stand die Braut vor dem Liebsten.
»Komm, Jungfrau Maren«, sagte Edlef zärtlich.
Er geleitete sie die Stiege hinunter, und drunten empfing sie Manne
Wögens und küßte sie auf die Stirn.
»Geh mit Gott«, sagte er bewegt. Und zu Edlef wandte er sich und faßte
seine Rechte: »Ich gebe dir den Schatz des alten Lehrerhauses, meine
junge Schwester. Halte sie hoch!« Ernst sahen seine Augen in die des
Haussohnes vom Mutterhof. Freimütig gab Edlef den Blick zurück.
Auf der Vordiele stand Ohm Rickert im langen Festrock, den schwarzen
Hut mit buntem Band und Strauß geschmückt.
»Ich soll die Jungfrau Braut aus der Hand des Vater Wögens oder dessen
Stellvertreters empfangen und soll ihr sagen: ›Du bist willkommen,
Jungfrau, auf dem ehrbaren Mutterhof.‹«
Da führte der Lehrer seine Schwester ihm zu und sprach: »Die Ehre des
Lehrerhauses lege ich in die Hände und Wände des Mutterhofes.«
Ohm Rickert empfing Marens Hand und führte die Braut wieder zu Edlef
Holgers zurück. -- An dessen linker Seite harrte Nomine Holgers, die
Brautführerin. Sie hatte die alte Friesentracht angelegt und stand
seltsam hoch und schön auf der Diele des Lehrerhauses. Manne Wögens’
Blick ruhte eindringlich auf ihr. Da senkte sie tief den Kopf und
raunte: »Edlef, laß uns gehen.«
Der Brautzug schritt nach der Rechtswarf. Dort wohnte der
Gemeindevorsteher, der sie standesamtlich verbinden sollte. Ketel
Boon empfing sie mit viel Feierlichkeit und Würde. Sein Bewußtsein
»von Rechts wegen« Hauptperson zu sein und mindestens neben dem
Pfarrer, wenn nicht gar über ihm zu stehen, leuchtete aus seinem
würdigen Gesicht. Auch er war schon im Festgewand, denn er und seine
Frau gehörten zu den Eingeladenen, die das Hochzeitsmahl teilen
sollten. Gleich nach der Namensunterschrift erschien die »Frau
Gemeindevorsteher«, und der Zug ordnete sich wieder und schritt zur
Kirchwarf. Hell riefen die Glocken über die Fennen, und eine klare,
leuchtende Wintersonne sandte ihre Strahlen in den Brautkranz von Maren
Holgers, geborenen Wögens.
* * * * *
Pastor Ephraim Licht wartete an der Friedhofspforte und streckte dem
jungen Paar beide Hände entgegen.
Und als Edlef und Maren die ihren hineinlegten, waren sie wie in einem
behaglichen Nest, denn die Pastorin legte ihre Hände mit obenauf.
Und machte ein so fröhliches Gesicht dazu, als wäre sie ein Kind und
wollte gleich anfangen zu spielen: Fru Nachbarn, borgen Se mi ehren
Höhnerkorb! Dabei rief sie immer »Gottes Segen! Gottes Segen!« und
schaute die beiden in strahlender Mütterlichkeit an. Dann schritten
sie in die Kirche, wobei Brautjungfer Nomine diesmal zur Linken der
Braut gehen mußte, um später an der Hochzeitstafel den Platz wieder
zur Linken des Bräutigams einzunehmen. Maren setzte sich still in das
Gestühl hinein, während Edlef bei den Seinen stehen blieb, bis Pastor
Licht ihm winkte.
Da ging er festen Schrittes an das Gestühl heran. Und als er in all
seiner Kraft und männlichen Schönheit harrte, den feurigen Blick auf
seine schmucke Deern gerichtet, da vergaß Maren völlig die guten Lehren
ihres Bruders Manne. Und sie sprang rasch auf und folgte dem Bräutigam
eiligst.
Als es ihr hinterher zum Bewußtsein kam, wollte sie freilich schämig
zurückweichen, aber da hatte er schon ihre Hand gefaßt und ließ sie
nicht mehr los.
Pastor Licht war auch voll Freude. Denn da die Ahne eine Hochzeit mit
alten Gebräuchen verlangt hatte, so deckte es sich diesmal mit der oft
und gern geübten Thüringer Sitte, beim Segen die Ringe zu wechseln.
»_Freuet euch! Und abermals sage ich euch: Freuet euch!_«
Manne Wögens zog alle Register seines Harmoniums. Es war ein
Jubilieren, daß den Hochzeitsgästen das Herz groß und weit wurde. Dann
schwieg die Orgel, und Manne Wögens ertappte sich nun beim Lauschen der
herzerfrischenden Traurede auf dem Gedanken, ob der ernste, würdige
Pastor Licht nicht am Ende sein fröhliches, rundes Luischen zur Arbeit
dieser Festpredigt mit herangezogen habe. --
Beim Heraustreten aus der Kirche begrüßte die Braut ein Ehrenschuß,
dann setzte sich der Zug nach der Großwarf in Bewegung, und nach einer
Viertelstunde empfing sie die Ahne an der Schwelle des Mutterhofes.
Hei, wie die Fahnen auf den bekränzten Mastbäumen grüßten und winkten!
Beinahe wollte Alle die Rührung übermannen, als die
Fünfundachtzigjährige die junge Frau feierlich einholte und ihren
Spruch sagte. Aber Ohm Rickert drängte sich an die Braut und fragte:
»Sollen wir dich nachher aus der Ecke tanzen?«
Da wich sie erschrocken zurück, und die Ahne mußte schelten über die
Störung.
»Was wollt Ihr, Ahne,« murrte er, »der Eckentanz ist echter
Halligbrauch!«
»Jawohl, aber ein garstiger. Und ich will, daß nur die guten Bräuche
nicht vergessen werden. --«
»Ein Tanz mit ›gezuckertem Köhm‹ ist allstunds was _Gutes_«, bemerkte
Ohm Rickert grimmig. »Wenn Ihr aber nicht wollt ..., so begeben wir uns
jetzt zu Tische. --« Irgend etwas Unbotmäßiges brummelte er dann noch
hinter der Ahne drein.
Die Hochzeitstafel war mit Tannengrün und reichlichen Wachskerzen
weihnachtlich geschmückt. Ganz am Ende des Tisches war, alter Sitte
gemäß, für das Hochzeitspaar gedeckt. An der Brautseite saßen in langer
Reihe die eingeladenen Frauen. Ihnen genau gegenüber die Männer.
Pastor und Pastorin dicht neben den Neuvermählten. Viel gesprochen
wurde nicht. Ein paar karge Worte fielen über das Wetter und über die
Möglichkeit, daß das Umspringen des Windes eine Sturmflut bringen könne.
Melenke meinte, selbst Sturmflut sei besser als die Halliglangeweile.
Da traf sie ein Zornblick der Ahne. Mutter Holgers aber war heut in
rechter Feiertagsstimmung. Sie sah immer ihren Edlef an, der so schmuck
in seines verstorbenen Vaters Hochzeitsrock auf dem Ehrenplatz saß.
In ihren Augen lag noch immer der fröhliche Schein, den sie trugen,
als der große Sohn sie vor einigen Tagen zum erstenmal an sein Herz
genommen. Das vergaß sich nicht so leicht. -- Als die Saftsuppe
gegessen war, erschien ein altes Ehepaar aus der Nachbarwarf und sang
dem jungen Paar ein wunderliches Lied.
Tief senkte Maren ihr erglühendes Gesicht, während Edlef mit
leichtgerunzelter Stirn geradeaus schaute:
»God dün ju Börne, wo du hew wünschked,
Dat iirst Ihr en jongen Prinz,
Dat öbre Ihr en Apel rund,
Dat treet Ihr en jong Dochter in de Skud,
En denn von Ihr to Ihr sö long dat 25 sen.
All 25 an een Disch,
Denn wiit de Wüf, wat Hussholn is.«[3]
[3] Gott gebe euch Kinder, wie ihr habt gewünscht,
Im ersten Jahr einen jungen Prinz,
Im andren Jahr einen Apfel rot,
Das dritte Jahr eine Tochter in den Schoß,
Und dann von Jahr zu Jahr, bis es 25 sind.
Alle 25 zusammen an einen Tisch,
Dann weiß die Hausfrau, was Haushalten ist.