Gleich hing sie an seinem Halse. »Wie du so reden kannst ...«

Er führte sie lachend wieder zum Bräutigam. »_Da_ ist dein Platz. Ruh’

dich nur aus, Kleines. Denn in den nächsten Tagen hast du nicht viel zu

sagen, trotzdem du die Hauptperson bist. Nichts als dein _Ja_. Sprich

es hübsch deutlich, sonst sagen die Bauern, du seist gezwungen worden.

Sprich’s aber auch nicht zu laut, und steh’ nicht zu rasch aus dem

Gestühl auf, wenn Edlef seine Verneigung macht, denn sonst sagt man dir

nach, du könntest die Zeit nicht erwarten.« -- Er lachte behaglich.

»Ach, die lieben, alten Bräuche! Ich bin der Ahne dankbar, daß sie sie

aufleben läßt. Das ist was für mein altes Schulmeisterherz.«

»Nun für meins nicht«, warf Nomine Holgers hart dazwischen. »Ich finde

alles barbarisch. Ganz böse bin ich mit Edlef-Bruder, daß er der Ahne

nachgab und seinen Schatz so quälen läßt.«

Edlef sah die Schwester betroffen an, und Maren wehrte ihr ängstlich.

»Nennst du das Quälerei?« fragte Edlef. »Ich hab’ es mehr als lustige

Komödie aufgefaßt, die mir eigentlich nicht recht zu passen schien auf

meines Herzens Feiertag. Aber, wenn Ahne und Mutter nicht zu alt sind

zu diesem Mummenschanz, warum sollen wir Jungen uns sträuben? Ich tue

Ahne und Mutter einen Liebesdienst und bin Maren dankbar, daß sie mir

dabei hilft.«

»Kaum einer tut’s noch auf der Hallig«, sagte Nomine. »Aber

ausgerechnet der Mutterhof muß immer was Besonderes haben. Wer soll

damit aufräumen, wenn wir’s nicht tun. Und wann wird’s endlich

geschehen?«

»Wenn Sie einmal Ihren Stadtprofessor heiraten, Fräulein Nomine«,

entgegnete Manne Wögens ernst. »An dem Tage bringt der Postschiffer

eine gedruckte Karte nach der Hallig, die meldet uns, daß Sie in Kiel

oder sonst in einer Großstadt auf dem _Standesamt_ waren. Im modischen

Kleid und Hütchen. Ohne ›Geschmeide‹, ohne ›Koost‹ am Vorabend, ohne

›Kuckuck- oder Schustertanz‹. Kurz, ohne jede ›Barbarei‹.«

»Wie Sie gut Bescheid wissen, Manne Wögens.«

»Dafür bin ich Schulmeister. Immer wohl vorbereitet, wie sich’s

gehört.« Nur Nomine hörte die Bitterkeit aus den Worten, dem Brautpaar

schien alles Scherz zu sein.

»Also, Edlef, ich verstecke dir morgen die Braut nach allen Regeln der

Kunst.« So der Lehrer. »Kannst von Glück sagen, wenn du sie überhaupt

findest.«

»Auf dem Oberboden, hinter der großen Truhe hocke ich«, flüsterte Maren

dem Schatz errötend zu. »Komm nur rasch hinauf, es gibt Mäuse zum

Bangewerden viel da oben.«

»Du Herzlieb«, raunte Edlef zurück. »Alle Stufen nehm ich auf einmal.

Ach, daß du so gar nicht der Ahne zürnst ob all der Narretei.«

»Nenn’s doch nicht so«, bat sie herzlich. »Du bist doch ein

Halligbursch. Ich rechne alles zu dem ›Weg‹, der zum Glücke führt.

Nicht das Ziel allein, der Weg ist auch so schön.« Er sah sie selig an.

»Wenn ihr wieder auf Mutter Erde seid, wollen wir gehen«, weckte Nomine

sie auf. »Komm pünktlich morgen abend zur ›Koost‹. Und bringt einen

Halligmagen mit. Pudding und Saftsuppe, Schinken und Weißbrot gibt es.

Auch darin will die Ahne der Neuzeit keine Zugeständnisse machen.«

»Nein,« lachte Manne Wögens, »dann wäre sie nicht die Ahne. Sie hält

die Halligkost für sinniger und schöner als einen Stadtpolterabend, und

ich weiß, sie wird eigenhändig für ihren Edlef dem Festschinken die

Schwarte abziehen und in das weiße Fett den Namenszug des Brautpaares

mit Pfefferkörnern drücken. Und ich wette, das rote Seidenband liegt

bereit, um den hervorstehenden Schinkenknochen mit einer Schleife

zu zieren. -- Und meine Schwester Maren wird den schönsten Mastbaum

vor dem Hochzeitshause finden und alle Ehren werden ihr von der Ahne

widerfahren.« --

Nomine sah den Sprecher erstaunt an. »Sie sagen das alles, als wären’s

besondere Taten. Warum kann ich mich für all dies Abgestandene nicht

begeistern?«

»Weil Sie angekränkelt von der Stadt sind«, antwortete Manne.

»Sie haben Ihre schöne Halligruhe verloren. Alles was aufhält und

nicht vorwärts hastet, macht Sie nervös. Die alten Bräuche fordern

Besinnlichkeit. Die haben Sie über Bord geworfen, als Sie Prinzessin

wurden.«

»Sie sind ja nett drin im Dozieren, Schulmeister Wögens,« lachte Nomine

gezwungen auf. »Wissen Sie auch, daß Sie bar jeder kleinen Höflichkeit

gegen mich sind?«

Dem Lehrer schlug eine Lohe übers Gesicht.

»Und darf ich Sie, Nomine Holgers, daran erinnern, daß Sie mir vor

Jahren einmal sagten: Wenn du jemals höflich zu mir wirst, Manne

Wögens, dann werf’ ich dich zur Flutzeit in den Priel?«

Sie schwieg betreten.

»Was Sie für ein Gedächtnis haben«, sagte sie ablenkend. »Und immer für

alles Dumme, was ich je gesagt.«

»Ohhh! Sie haben doch nach Ihrer Meinung auch viel Gescheites gesagt.

Auch _das_ habe ich nicht vergessen, -- und werd’s nie tun. Hören Sie?

_Nie_!« Er sah sie fest an.

»Dafür hab ich’s ja auch einstmals gesagt«, gab sie rasch und

feindselig zurück.

Nun standen alle auf. Maren sehr bestürzt, daß die zwei lieben Menschen

so erregt die Klingen kreuzten. Sie legte begütigend ihre Hand auf den

Arm des Bruders. Da lachte er.

»Ohne Sorge, Lütten! Fräulein Nomine und ich sind immer Kampfhähne

gewesen. Die tun nicht gut zusammen im kleinen Halligpesel ...«

Einen Augenblick nur legte Nomine ihre Hand in die Rechte des Lehrers.

Auch Edlef verabschiedete sich rasch, denn er merkte, da wollte nichts

Friedliches mehr aufkommen. Fest umschloß er Marens Hand und sagte, sie

zärtlich anschauend: »Morgen abend zur Koost!«

* * * * *

Zwei Tage darauf blaute ein klarer Himmel, so recht der siebente

Himmel, auf die Hallig nieder. Maren war schon früh aufgestanden und

rieb sich die Augen. War noch ein wenig müde von dem vorhergegangenen

Abend. Hin- und Rückweg waren beschwerlich gewesen bei dem Frost.

Aber hell hatte der Mond geschienen und im Mutterhof war groß Freuen

gewesen. Von den Nachbarwarfen hatte niemand gefehlt, ja selbst Vadder

Luersen war von der Schulwarf gekommen, hatte aber nur still und

bedrückt hinter seinem Glase Wein gesessen, mit Ohm Rickert zusammen.

Und dieser hatte mit Kreuz- und Querfragen aus ihm herausgeholt, daß

Akke eine »staatsche« Hamburger Agentenfrau sei, deren ältlicher Mann

sie in Samt und Seide wickle. Akkes Mutter sei augenblicklich auch in

Hamburg, um das unerhörte Glück der Tochter zu beaugenscheinigen, und

deshalb habe er sich zur »Koost« freigemacht, um endlich einmal aus

»all dem Lüttkinner- und Weegenkram« herauszukommen.

»Dat’s recht, Nahwer Luersen.« Und die ganze »Koostversammlung« hatte

mit dem stillen Manne angestoßen. -- Maren wußte längst, daß die

erste Braut ihres Edlef Akke Luersen gewesen war. Aber sie sah mit so

klaren Augen in die Welt, daß auch nicht der Schatten eines Mißtrauens

ihr Herz beschwerte. Dem geliebten Manne all das Unbehagen des ersten

Verspruches vergessen zu machen, war ihr einziger Wunsch. --

An diesem Frühmorgen ihres Hochzeitstages, da der Bruder drüben noch

schlief, überdachte sie noch einmal den gestrigen Abend, dachte an den

alten Tanz, den zwei Halligburschen und zwei Halligmädchen der Ahne

zulieb und ihr selbst zu Ehren ausgeführt hatten. Der Vorsänger hatte

dazu das »Kuckuckslied« angestimmt:

»De Kuckuck över Thore steiht, de floggt to de Goolsmaats Hus,

Herr Goolsmaats, no mag mi um en Kroonzelein.

Mags du mi en smukken Kroonzelein,

So kommst du mit to Koost.«[2]

[2] Der Kuckuck auf dem Turme steht, der fliegt zum

Goldschmieds Haus.

Herr Goldschmied, machst du mir um ein Kränzelein.

Machst du mir ein schönes Kränzelein,

So kommst du mit zur »Koost«.

Der Mutterhof: Ein Halligroman · 第 17 / 46 题