Dafür stellte sich aber der Gemeindevorsteher sehr entschlossen an den
Sarg: »De Paster hett recht.«
Noch ein paar folgten mürrisch oder verlegen den beiden Männern, die
auf ihre Warfen zurückkehrten, aber es waren genug Träger aus den
Reihen der angesehensten Halligbauern vorhanden, auch zum Abwechseln
bei dem langen Weg und der schweren Last. --
Mutter Claußen schritt zu jedem einzelnen.
»Gott lohn’s in der Ewigkeit!« schluchzte sie. »Gott lohn’s!«
Und viele meinten bei sich, sie hätten schon schlechtere Leute getragen
als diesen Sohn einer solchen Mutter.
»In Gottes Namen«, rief laut Manne Wögens. Da hoben sie den Sarg und
trugen ihn langsam und schwer den Deich entlang und schritten mühselig
über den Priel zur Kirchwarf.
Und wenn auch die Glocken schwiegen, so donnerte doch die Nordsee gegen
den Deich, und der Sturm sang sein ernstes Lied wie einen brausenden
Choral.
Pastor Licht empfing den Zug am alten Glockenstuhl, der unterhalb der
Kirche aufragt. Und er schritt dem Sarg voran und sprach kurze, markige
Worte über der offenen Gruft. Ein Leuchten lag auf seinem Gesicht, weil
er sich der Ehre freute, ein Hallighirte zu sein. --
* * * * *
Der Mutterhof rüstete sich zum Weihnachtsfest.
Nun stritten in ihm die verschiedensten Gerüche um die Oberhand.
Ohm Rickert ging mit krummem Kreuz ducknackig umher und schaute scheu
um sich, als käme aus irgendeiner Ecke ein voller Scheuereimer gegen
ihn geflogen, um ihn zu verjagen.
Er meinte, es röche überhaupt nur nach »Kernseep« und »gräune
Smeerseep«.
»Wozu die viele Reinlichkeit bei das büschen Hochzeitmachen?« fragte er
unwirsch.
»Es ist nicht nur büschen Hochzeit, -- es ist auch Heiligweihnacht«,
meinte Klein-Karen ernsthaft. Und die Kinder fanden, daß es nur nach
Wachslichtchen, nach Tannenbaum und Klaben dufte.
Die Ahne sah mit ihren hellen, scharfen Augen schief nach Ohm Rickert
hin und bemerkte anzüglich, daß es wohl nach alten, vertrockneten
Junggesellen röche, und die sollten sich »man bei klein’« aus dem
Staube machen und sich hinterm Deich auslüften, da, wo der Sturm am
ärgsten bliese.
Darauf Ohm Rickert wieder gemütlich krähend: »Weet de Düwel, ick bün
gor ni vertrocknet. Ik schese noch den irsten Danz mit de Brud. Ne
feine Polka. Un sing dortau:
Bonnestabe, Bonnestabe
Blüht auf Junggesellengrabe,
Aber wo Jungfräulein ruht,
Blüht ’ne Rose, rot wie Blut.«
»Ja, deine Choräle kennt man schon«, brummte die Ahne, und dann jagte
sie Onnen und Karen hinaus, sie sollten einen Schneemann bauen, anstatt
immer »vor den Füßen zu laufen«.
Es war »hilde Zeit«. Weihnachten und Hochzeit. Man hatte alle Hände
voll zu tun und alle Köpfe voll Wichtigkeiten. -- Und mit Edlef war
nicht mehr zu »rechnen«. Dem schlug die Liebe über Kopf und Kragen.
Die Ahne seufzte tief auf. Aber dann verklärte sich ihr Gesicht wie
von einem innern Leuchten. Es war ja wohl gut, daß einmal die »Liebe«
wieder über die Schwelle des Mutterhofes schritt. »Rechtschaffenheit
und ehrbar Wesen« freilich, die hatten immer Hüsung gehabt in dem
stattlichen Bau. Aber Liebe? Die paßte nach Meinung der Ahne besser in
die Stadt, wo die Leute »nichts anderes zu tun haben«. Sie selbst,
Gesine, geb. Christiansen, hatte eine Vernunftehe mit dem raschen,
arbeitswütigen, jähzornigen Holgers geschlossen, der ihr eigenes,
durch Krankheit der Eltern heruntergekommenes Gewese sachgemäß
bewirtschaftete und mit dem Mutterhof vereinigte. Damals war noch nicht
allgemeiner Wohlstand auf der Hallig, damals war der Halligspruch
bittere Wahrheit, der über manch einer Tür stand:
»Nadel und Schere sind es nicht,
Pfriemen und Hobel kennt man nicht,
Pflug und Egge braucht man nicht,
Manna fällt vom Himmel nicht.
Wären die lieben Schafe nicht,
Man hätt’ fürwahr das Leben nicht.«
Wenn man ums tägliche Brot ringt, dann begnügt sich die Liebe mit
einem bescheidenen, knappen Plätzchen. Aber Vertrauen und Fleiß und
Frömmigkeit hatten daneben gesessen, so war das Haus gesegnet worden
und gewachsen.
Fünfzehn Kinder hatte die Ahne geboren, sieben davon »kleinweis«
hergeben müssen, da waren ihr auch sieben Schwerter durch das Herz
gegangen, wie man’s von der Gottesmutter erzählt.
Aber die acht anderen, sieben Jungs und eine Deern, waren alle fixe
Kerle geworden. --
»Geliebt« hatte auf dem Mutterhof wohl nur die »Tanten Frauke«. War
ein schönes Mädchen gewesen, und der Ahne dritter Sohn Tetje hatte sie
auf den Mutterhof gebracht. Der war von klein auf ein Träumer. --
So des Abends auf der grünen Hausbank vor der Tür zu sitzen und ins
verglimmende Abendrot zu schauen, das war ihm das Liebste. Jeden Stern
kannte er am Himmel, und lehrte es auch die Frauke. Von der hildesten
Arbeit konnte er sie wegholen, und dann saßen die beiden Hand in Hand
»rein wie verbast«. Fleißig war ja die Frauke und flink und hatte einen
ordentlichen »Batzen« auf den Mutterhof mitgebracht, also daß zwei
Scheunen hatten erneuert werden können. Aber so eine richtige Kraft war
sie nicht, und -- sie blieb ohne Kinder. Das war unerhört im Mutterhof.
Was hatte sie, die Ahne, für bittere Zähren vergossen, daß sie selbst
es nur auf fünfzehn gebracht. Hielt es ihr die Schwieger nicht täglich
vor, die ihrem Manne selbst einundzwanzig gebar?
In alle Welt waren die Holgers zerstreut, und ein stolzes Wort ging
um: »Aufrecht und brav wie ein Holgers.« Die meisten von ihnen ruhten
freilich auf dem Meeresgrunde. Fischer- und Seemannslos. Auch Fraukes
Mann, der Träumer und Sterngucker, war nicht wiedergekommen. Und die
Ahne erinnerte sich nicht gern daran, daß sie selbst ihn fortgescheucht
hatte von seiner Frau, mit der er damals fünfzehn Jahre verheiratet
war. Es hätte vielleicht nicht Not getan, daß Tetje Holgers an dem
Abend zum Fischfang auszog ...
Aber die Ahne hatte das »verliebte Getue« nicht leiden können, und
hart gespottet, wie sich der Tetje gar nicht trennen konnte und
immer wieder die Frauke küßte und strakte. Und wie hatte sie mit
der Schwiegertochter gescholten, daß diese dem Gatten plötzlich
nachgelaufen war und dicht vor dem Priel ihn eingeholt und auf der
Fenne vor allen Leuten gehalst hatte.
In derselben Nacht stand der grause Sturm auf und ... machte Frauke
Holgers zur Witwe. Es kehrte niemand von den Bootsleuten zurück.
Seitdem war Frauke das herbe, stille Weib, das einsam im Altenteil
hauste. Ohne Kinder, ohne Enkel, ohne Freude. Es wurde der Ahne, die
doch so fest an das »Gotteszeichen« glaubte, immer unbehaglich zu Sinn,
wenn sie an das liebeleere Leben der Einsamen dachte, die doch so still
und ohne Vorwürfe gegen andere ihren Leidensweg ging. Die Ahne mußte
sich oft selbst bezwingen, daß sie nicht zu viel Hochachtung empfand
vor der »Unfruchtbaren«. Und daß sie nicht ungerecht wurde gegen die
Frau ihres Erstgeborenen, die doch zwölf Kinder hatte, von denen Edlef
der Älteste war. Warum konnte nur die Ahne zu dieser Schwiegertochter
so gar nicht in Fühlung kommen? Die doch die Überlieferung des
Mutterhofes wahrhaft hochgehalten hatte. --
Wie oft hatte die Ahne schon im Herzensgrund gemeint, die Behaglichkeit
und der Gottesfriede wohne allein im Altenteil bei Frauke Holgers,
-- doch sie hatte diese aufrührerischen Gedanken immer gewaltsam
verscheucht. --
Aber gut war es trotzdem, daß die leuchtende Liebe wieder allen
sichtbar über Mutterhofs Schwelle schritt. Der Enkel Edlef und die
feine, schöne Maren mit den strahlenden Blauaugen. Das war wohl so
recht ein Paar nach Gottes Herzen. Da sah eins nur das andere, und
die Hallig hätte untergehen können, die beiden wären’s nicht gewahr
worden. Da konnte man wohl beten, daß dieses Glück blieb. Daß zu dem
vielen Licht nicht viel Schatten kam. Enkel Edlef artete nach dem Ahn.
Und der war gut und nachsichtig gegen andere gewesen und mochte auch
nur frohe Gesichter leiden. Aber für sich selbst wollt er doch immer
ein Extragericht, und Gott sollte sich nach seinem Willen richten.
-- So hatte er scheinbar mit eigenem eisernen Willen sein Schicksal
gemeistert. Und Edlef? Der setzte aus sorglos gutem Herzen die verfemte
Verwandte in die alten Ehren ein, wie würde er aber wohl handeln, wenn
ihm selbst Nachkommen versagt blieben??? Die Ahne mocht’ kaum dran
denken. Holgersart konnte grausam sein.
Am dritten Feiertag des Weihnachtsfestes sollte die Hochzeit sein, und
im Jungteil des Mutterhofes hatte man dem jungen Paar das Nest gebaut.
Denn wenn auch Edlef Holgers nun Herr des Mutterhofes wurde, blieb doch
nach alter Überlieferung seine Mutter die Herrin neben ihm so lange,
bis auch Karen, das jüngste Kind, achtzehn Jahre wurde. Dann siedelten
sie alle ins Altenteil, und Edlef würde fortan im Mutterhof wohnen.
Bis dahin hatte es aber noch gute Wege.
Die Ahne schaute mit hellen Augen auf das stolze Gewese. Der stattliche
Mutterhof nahm die Mitte des Hofes ein. Daran schloß sich das große
Altenteil, das sie selbst bewohnte. Links vom Mutterhof lag das kleine
Altenteil, das von Frauke Holgers’ eigenem Gelde erbaut worden war
und das innen und außen ein rechtes Schmuckkästchen darstellte. Dem
gegenüber lag das »Jungteil«, das jetzt ganz neu für Edlef und Maren
hergerichtet war.
»Mit Gott«, sprach die Ahne und ließ die Augen über die Reihe der
blitzenden, kleinen Fenster gleiten, hinter denen die Brautkammer lag
mit den blühweißen, hoch aufgeschichteten Betten. Die Ahne selbst hatte
die schneeigen Spreidecken darüber gebreitet, und die »heilige Kammer«
verschlossen, wie sie auf dem Mutterhof hieß. Erst um die sechste
Nachmittagsstunde des Hochzeitstages, wenn die Kirchenglocke zur Vesper
läutete, würde die Ahne mit großer Feierlichkeit dem jungen Hochzeiter
den Schlüssel übergeben. --
Mit Gott!
In all ihren freudig-wehmütigen Gedanken sah sie jetzt den Herrn
Pfarrer über die Fennen herankommen. Er nahm die Richtung nach dem
Mutterhof. Die Stirn der Ahne umwölkte sich.
Sie verstand die Welt nicht mehr. Wenigstens das Neumodische nicht, das
nicht einmal Halt vor der Kirche machte, sondern sogar Selbstmörder in
geweihte Gräber legte unter Orgelspiel und Glockenklang. Und dazu gab
sich Pastor Licht her, den sie bis jetzt immer als echten und rechten
Hirten geachtet hatte. Aber freilich, es war ein Ausländer. So ein
Thüringer mit solch wunderlicher Sprache mußte ja auch wunderliche
Ansichten haben, die ganz und gar nicht auf die Hallig paßten. Die Ahne
hatte auch dem Enkel noch nicht wieder die Hand gegeben, seit Edlefs
Hände den Sarg des Selbstmörders aufgehoben hatten.
Und ihr Freund, der junge Schulmeister Manne Wögens? Nein, die Ahne
verstand die Welt nicht mehr, und es war wohl »hohe Tid«, daß der
Herrgott sie abrief. Aber erst einmal sollte »Hochtid« sein.
Pastor Licht schritt die Steinstufen zum Mutterhof heran. Schon von
weitem hatte er einen Riesenschneemann leuchten sehen, und jetzt mußte
er über den ungefügen Kerl lachen, der mit schwarzen Kohlenaugen und
roten Ziegellippen grimmig dreinschaute und gar drohend einen festen
Knüppel schwang. Einladend sah das Ganze nicht aus.
An der Steinmauer, die das Gewese einfriedigte, hörte er Kinderstimmen.
Pastor Licht trat ein wenig zurück, denn nun sah er, daß Onnen und
Karen etwas Wichtiges vorhatten.
Die Kinder drehten dem Besucher den Rücken, die kleine Karen hatte
die hohe Friesenhaube der Mutter aufgesetzt und Onnen legte sich eine
große, schwarze Schürze wie einen Talar um. Zwei Schneegruben hatten
die Kinder gegraben, der große Spaten lag noch im Weg.
Die eine Grube war dicht an der Mauer, die andere unter dem prächtigen,
weitverzweigten Birnbaum, der eine Zierde der obstarmen Hallig war.
Karen stand vor dem Bruder. Auf ihren Armen ruhte eine längliche
Schachtel und in dieser eine alte, sehr häßliche Puppe, die vielfach
gekittet und geflickt, Spuren unheilbaren Leidens an sich trug. »Liebe
Gemeinde«, predigte Onnen. »Ich sehe es dir ja an, daß du diesen
elenden Selbstmörder unter dem schönen Birnbaum begraben willst. Aber
das kann rein nicht angehen. Wer will wohl so’n Kerl zum Nachbar haben?
Und der liebe Gott wird euch furchtbar böse werden. -- Unterm Birnbaum
da liegt ja Peter Witt, den sie immer den ›Dieb‹ nannten und Pieter
Martje, der seine Frau prügelte, aber sie bedanken sich schönstens, --
neben ’n Selbstmörder wollen sie auch nicht liegen. Also fort mit ihm
ans Mäuerchen. Amen.«
Damit packte Onnen die Puppe und warf sie in das Mauergrab.
Kläglich schrie Karen auf.
»Fix, Karen, spring nach«, gebot Onnen. »Jetzt kommt doch erst das
Schönste. Du bist doch die Mutter. Du wirst doch nicht leiden, daß
sie dir dein Kind an die Mauer legen. Man zu, -- jetzt begraben wir’s
unterm Birnbaum ...«
Karen hatte ihr Kind aus der Grube herausgerettet, aber nun schrie sie
Zetermordio und weigerte sich, es einem neuen Begräbnis auszuliefern.
»Nein, nein, Onnen, ich trag mein Kind in die warme Stube, dann wird’s
wieder lebendig. Dann brauch ich’s gar nicht herzugeben.«
Onnen war sehr mißmutig dieser schlagenden Logik gegenüber. »Du hast
gar keine Phantasie«, rief er voll Zorn der Enteilenden nach. Da legte
sich eine Hand auf seine Schulter und er sah dem Pastor ins ernste
Antlitz. Verlegen riß er sich den »Talar« herunter.
»Mein lieber Junge,« sagte Pastor Licht, »Mutterliebe ist besser als
Phantasie. Und deine Karen scheint mir eine rechte, echte Puppenmutter
zu sein. Aus denen werden dann die guten Menschenmütter«, setzte
er mehr für sich hinzu. »Nun zeig mir den Weg zur Ahne, mein Sohn,
ich muß mich ein wenig aufwärmen bei euch. Warm wird man nicht bei
Begräbnissen, ob man nun unter dem Birnbaum bettet oder am Mäuerchen
einscharrt.«
Onnen sah scheu nach dem Pfarrer hin. Die letzten Worte hatten gar
eigentümlich geklungen, und das Gesicht des Sprechenden sah finster aus.
Drinnen im Wohnpesel wartete die Ahne. Sie hatte sich rasch ihr
Gottestischkleid angezogen, um den Pfarrer würdig zu empfangen, aber
sie machte nur einen tiefen, altmodischen Knix, und ihre Hände, die
sich sonst immer so rasch dem Eintretenden entgegengestreckt hatten,
blieben krampfhaft verschlungen.
»Ich muß den Herrn Pastoren allein empfangen,« meinte sie förmlich,
»all meine Leute sind hilde zugange wegen der Hochzeit ...«
»Mir würde die liebe Ahne auch ganz allein genügen«, meinte Pastor
Licht. »Aber ich bin an ihr helle, freundliche Augen gewohnt, die immer
eine Lampe im Wohnpesel überflüssig machten. Wo sind die beiden guten
Lichtchen? Und darf ich meine zwei Hände nicht in Großmudder ihre
hineinlegen?«
Die alte Frau pflückte mit ihren Fingern und sah an dem Seelsorger
vorbei.
»Ich kenn mich nicht mehr aus, Herr Pastor«, sagte sie finster.
»Dann wollen wir beide recht ein Weilchen zusammenbleiben, Ahne.« Der
Pfarrer setzte sich geruhig auf die Ofenbank. »Ich denk, wir sind’s
beide wert, daß wir uns noch einmal wieder kennen lernen. Es wär doch
schade, wenn unsere schöne Freundschaft in die Brüche ginge.«
Die Ahne hatte sich in ihren Ohrenstuhl gesetzt. Das Spinnrad holte
sie, stellte es vor sich hin, netzte den Faden, und trug es ebenso
rasch wieder beiseite. Das grobe Strickzeug wickelte sie aus dem
Handarbeitskorb heraus, aber es lag dann müßig in ihrem Schoß. Da legte
sie es in seinen Behälter zurück.
»Ja, ja, Ahne«, sagte der Pfarrer ernst. »Ich kenne das. Wenn man
ärgerlich oder gekränkt ist, dann wollen die Finger zu keiner geruhigen
Arbeit taugen. In solchen Zeiten steck ich mir die Pfeife an. Aber der
Ahne fehlt solch Trostmittel ...«
»Weshalb um tausend Gotteswillen haben Sie so etwas getan, Herr
Pastor?« brach die Ahne los. »Wenn die Kirche erst mal nicht mehr
feststeht ...«
»Ach, die steht noch ganz fest, Ahne.« Fast leise sprach der Pfarrer.
Er wollte wohl nicht, daß irgend jemand der übrigen Bewohner etwas von
ihrem Gespräch vernehmen sollte. »Aber selbst wenn sie einstürzte,
liebe Ahne, würde unser Herrgott nicht um eine Wohnung verlegen sein.
Da ist z. B. das Herz Ihres Enkels Edlef, -- das gäbe ein gutes
Herrgottsstübchen ab ...«
»Ich verstehe das alles nicht, was der Herr Pastor da spricht ...«
»So will ich deutlicher werden, Ahne. -- Wir alle, und ich leider
Gottes an der Spitze, hatten neulich den lieben Gott verleugnet, --
jawohl, Sie auch, Ahne, -- ich kann nur ganz wenige ausnehmen, darunter
mein Luischen und Mutter Claußen, aber die war ja Partei ... Also da
hat sich der Herrgott nach einem Obdach umgesehen, und fand Ihren
Edlef. Aus dem heraus hat er mich dann bearbeitet, hat mir in einer
bitterernsten, schlaflosen Nacht gezeigt, daß ich tönendes Erz und
klingende Schelle sei, wenn ich nicht ganz rasch die Liebe und nur die
Liebe walten ließe. Ahne, ich wünsche jene Kampfnacht nicht meinem
ärgsten Feinde, wohl aber den Erkenntnismorgen, der darauf folgte,
jedem meiner Freunde. Ihr Enkel Edlef, liebe Ahne, sprach mir von
seinem toten Schulkameraden, und jedes Wort war Liebe, -- er zeigte mir
die unglückliche Mutter Claußen, und jedes Wort war Liebe. -- Ahne, ich
sag’s nicht als Entschuldigung, daß ich im Grunde des Herzens genau so
dachte wie der Edlef. Aber ich tat’s aus Gründen der Aufklärung, nicht
aus Liebe. Ich wollte der Gemeinde kein Ärgernis geben. ›Wehe dem,
durch den Ärgernis kommt.‹ Ach, die Bibel hat soviel Sprüche bereit,
und das Menschliche in uns holt diese sich gern zur Entlastung. Die
größte Sünde ist aber oft die Bequemlichkeit. Doch ich weiß genau,
liebe Ahne, Gott wird am Jüngsten Tage jeden Sünder, und wir sind’s
allzumal, fragen: ›Wo war deine Liebe?‹ Und dem, der viel liebte, wird
viel vergeben werden. Wer aber bei Guttat oder Sünde ganz ohne Liebe
war, -- -- über den wird der Herrgott sein ›Wehe‹ rufen.« --
»Das hört sich gut und christlich an, Herr Pastor. Aber wozu sind
Eltern und Großeltern da? Hätte Mutter Claußen nicht wie in einen
goldenen Kelch in ihren Peder geschaut, und die Rute nicht nur zum Spaß
hinter dem Spiegel gehabt, -- dann wär die Todsünde nicht geschehen.«
»Ihr Frauen, ach, ihr Frauen!« Pastor Licht wiegte den Kopf hin und
her und fuhr sich dann unmutig durch sein volles, graues Haar. »Ihr
könnt inwendig die Güte selbst sein, könnt anderer Leid heben und
tragen in völliger Selbstüberwindung. Und dann wieder seid ihr so
hart. Ruft ›Todsünde‹ aus, wo ihr leicht ebensogut ›Schwachheit‹ sagen
könntet.«
»Selbstmord ist Todsünde«, beharrte die Ahne. »Und der Herr Pastor
tut nicht gut, an diesem alten Friesenglauben zu rütteln. Wir auf dem
Mutterhof bleiben bei der alten Lehre. Ich hab dem Enkel Edlef noch
nicht die Tagszeit geboten seit jenem Unheilstag, und geh auch nicht zu
Mutter Claußen zur Kondolenz.«
Traurig und zornig sah Pastor Licht die Ahne an. »Hätt’s nicht
geglaubt«, sagte er nach langer Pause. »Hab’ noch neulich bei einer
Visitation erzählt, daß die Ahne nicht nur die älteste Frau auf unserer
Hallig, sondern auch die gescheiteste und -- die frömmste sei. Ich
weiß, daß Sie ein paarmal die Bibel durchgelesen haben, weiß, daß
Sie mehr als einmal das Kapitel vom Zöllner und Sünder durch- und
durchdachten. Und nun sitzt die Ahne doch da und schlägt sich an die
Brust ...«
»Weiß schon, was Sie sagen wollen, Herr Pastor, und bedank mich schön
für den ›Pharisäer‹. Aber in diesem Punkt kommen wir nicht auf gleich.
Das ist vielleicht in Ihrem Thüringen anders ...«
»Ach nein, liebe Ahne, -- so arg dürfen Sie sich nicht überheben,« fiel
der Pfarrer mit gutem Humor ein. »So bockbeinig wie Sie sind meine
lieben Thüringer noch allemal. Da haben Sie auch nicht das geringste
voraus.«
Die Ahne sah ihn unsicher an.
Pastor Licht stand auf. »Ich gehe jetzt, Ahne. Es war ein Metzgergang
und sollte doch ein schöner Friedensgang werden. Nein, nein, -- laßt
Eure Hände ruhig im Schoße liegen und quält Euch nicht damit, mir sie
widerwillig zu reichen. Ich möchte sie jetzt gar nicht nehmen. Erst
wenn Ihr recht davon überzeugt seid, daß auch der Mutterhof irren kann,
und Ihr Euch noch einmal recht von Herzen wünscht, neben Peder Claußen
auf dem Friedhof gebettet zu werden, -- dann Ahne ...«
Die alte Frau fuhr in fast jugendlichem Ungestüm auf.
Dann legte sie ihre Hände doppelt fest ineinander. »So darf sich unser
Herr Pastor nur das Warten nicht verdrießen lassen«, sagte sie steif. --
Da ging der Pfarrer mit wuchtigen Schritten hinaus.
Auf dem Deich begegnete ihm Edlef Holgers. Er hatte alle Kerzen der
Welt in seinen blauen Augen und wohl noch die ganze Süßigkeit auf den
Lippen, die ihm Maren Wögens auf den Weg mitgegeben hatte.
»Guten Tag, Herr Pastor, immer gut zu Wege?« rief er dem Seelsorger
strahlend zu.
»Der Weg ist nicht so arg gut«, gab dieser grimmig zurück. »Bin rascher
vom Mutterhof weggekommen, als ich hinkam bei dem beschwerlichen
Schneewetter. Aber die Ahne ...«
Die Lichter in Edlefs Bräutigamsaugen waren mit einemmal ausgeblasen.
»Die Ahne ist ein Dickkopf«, brach er los. »Gott verzeih mir das Wort.
Sie hat mich heut aus dem Haus vertrieben, wo ich so notwendig war. Die
Hand gibt sie mir nicht, das Wort gönnt sie mir nicht ...«
»Dickköpfe seid ihr Holgers all«, brummte der Pastor. »Seid allen
Halligbauern darin über. Denn mit denen bin ich schon wieder auf
gleich, nur mit Mutter und Ahne noch nicht. Und werd’ es auch nicht.
Das sitzt zu verbohrt. -- Wird eine nette Hochzeit werden, Edlef, wenn
wir alle so vergritzt sind. Nun, ich geb’ euch zusammen und bleib dann
still in meiner Studierstube ...«
»Das tut uns der Herr Pastor Licht nicht an«, sagte Edlef dringend.
»Eine Hochzeit auf dem Mutterhof ohne den Seelsorger auf dem
Ehrenplatz, das gibt es doch nicht.«
»So leuchte ein bißchen in die verstaubten Ecken hinein, hast ja
Liebe genug in dir, gelle?« rief Pastor Licht und kam stark in seine
Thüringer Mundart hinein, wie immer, wenn er erregt war.
»Die Liebe hab’ ich, Herr Pastor, die hab’ ich«, rief Edlef. »Ach, die
Maren, meine Maren, -- sie macht einen ja völlig zum guten Menschen.«
»Da hat sie freilich bei Edlef Holgers schwere Arbeit«, neckte der
Pfarrer. »Sorg nur, daß dein junges Weib geehrt wird, Edlef. Sie
springt so ahnungslos in eure Traditionen hinein, -- laß sie drin
schwimmen, aber nicht ertrinken, Edlef.«
»Da sei Gott vor, Herr Pastor, ich weiß schon, was Sie meinen. Aber sie
kommt auch aus einem Hause mit schönen Überlieferungen und wird gut
in den Mutterhof passen. Sie sagte mir heut etwas von ihrer seligen
Mutter, -- das Wort hat mich froh gemacht für den ganzen Tag.«
»So gib mir von deiner Freude ab, Edlef, ich kann sie für den Heimweg
brauchen.«
Edlef lachte glücklich.
»Die Maren sagte mir, -- in der Freude wollt sie mein _Weib_ sein, im
Leid meine _Mutter_.«
Da drückte ihm Pastor Licht die Hand. »Ihr geht einen guten Weg, Edlef
und Maren«, sagte er gütig. »Das ist ein prächtiges Wort und ein
prächtiger Schlag, in dem solch Wort geboren wird. Glück auf, Edlef
Holgers! --«
Er verabschiedete sich grüßend, und Edlef sah ihm eine gute Weile nach.
Dann ging er mit ausholenden Schritten zur Großwarf in den Mutterhof.
Onnen und Karen liefen ihm entgegen und hingen sich an den großen
Bruder.
»Der Herr Pastor war da«, berichtete Onnen.
»Und wir haben Selbstmörder gespielt«, setzte Klein-Karen hinzu.
»Wer?« fragte Edlef. »Ihr und der Pastor? Was für ein närrisches Spiel!«
»Nein,« seufzte Onnen, »nur ich und Karen. Aber sie hat keine
Phantasie.«
»Und, und, und da hat der Herr Pastor gesagt,« fiel Karen stürmisch
ein, »Mutters brauchten nicht so’n Zeug, die hätten _Liebe_.«
Da hob der große Edlefbruder die kleine Karenschwester hoch in die Luft
und rief: »Hurra, unser Pastor!«
Die Kinder riefen es ihm nach, auch der überstimmte Onnen, und
ihre hohe Fröhlichkeit hätte wohl noch lange angehalten, wenn die
Mutter nicht mit ihrem grämlichsten Sorgengesicht auf der Bildfläche
erschienen wäre.
»Ich versteh dich gar nicht mehr, mein Edlef«, klagte sie. »Da ist hier
hildeste Arbeit und du läufst fort wie der Marder vom Taubenschlag. Und
wenn man die Kinder glücklich vor den Füßen weg hat, dann bringst du
sie wieder herein und machst Kakeleia mit ihnen. Und wenn man seinen
Ärger mit dem Herrn Pastor knüppeldick gehabt hat, dann rufst du Hurra
auf ihn.«
»Ach, Mutter, geht’s schon wieder los?« fragte Edlef seufzend und
setzte sich still in eine dunkle Ecke an den Ofen.
»Wärst du dagewesen, Edlef, hätten wir den Trauspruch besprechen können
mit dem Pastoren. So hat er nur mit der Ahne geklöhnt, und mich haben
sie ganz außen vor gelassen.«
»Unsern Trauspruch weiß der Pastor schon, Mutter. Den haben Maren und
ich uns ausgesucht und ihm hingebracht.«
»Da bin ich aber doch begierig ...« Mutter Holgers sah sehr mißmutig
darein. »Denn da gibt’s gar nichts auszusuchen. Der Spruch selbst steht
vom Ururgroßvater her schon fest für den Mutterhof. Er heißt: ›Seid
fruchtbar und mehret euch.‹«
Edlef stand auf und klopfte ihr begütigend auf die Schulter. »So wird’s
hohe Zeit, daß einmal ein anderer schöner Spruch Geltung bekommt. Die
Holgers sind doch keine Juden? Denen hat der Spruch einst gegolten.
Mein feines Mädchen soll ihn nicht hören am heiligen Altar.«
»Meinst, was für deine ganze Sippe heilig war, ist für die
Schulmeisterdeern nicht gut genug?«
Beinahe hätte Edlef herausgerufen: »Ja, das mein ich.« Aber die
jauchzende Liebe zu seiner Maren erstickte im voraus jedes Ungute in
ihm. So schluckte er den Groll hinunter und lenkte ab. »Mutter, unser
Spruch heißt: ›Freuet euch! Und abermals sage ich euch: Freuet euch!‹«
»Arg heilig dünkt mich der Spruch nicht. Steht er wohl auch in der
Bibel?« fragte die Mutter kopfschüttelnd. »Und schrickt dich nicht die
Unterlassungssünd’? Frauke Holgers hat auch den uralten Spruch nicht
haben wollen, -- nun du weißt, wie es ihr erging.« --
»Mutter, meinst du, daß sich der Herrgott nach Mutterhofes Sprüchen
richtet?« fragte Edlef unmutig.
»Ja, das mein’ ich just,« rief Mutter Holgers hell und hart. »Und ich
hab’ manches erlebt auf unserm Gewese. Jetzt stehst du da, als ob dir
nichts mangeln könnt, aber wie wird’s sein, wenn Maren unfruchtbar sein
sollte? Du bist ein selbstgerechter Holgers, ich kenne die Art. Und
deshalb sage ich: _Der alte Spruch muß her._ --«
So viel hatte die Mutter seit Gedenken nicht gesprochen, und sie
wendete sich jetzt auch fast erschrocken über sich selbst ab. Edlef sah
sie erstaunt an.
»Warum ihr nur alle so unkt«, lachte er voll Zuversicht. »Mir hat mein
Lebtag kein Faden wehgetan, und die Maren ist jung und gesund.«
»Die Maren ist gottsunmöglich zart«, eiferte die Mutter. »Ein
Stadtmadämchen, kein deftiges Halligkind. -- Der mag wohl der
neumodische Spruch recht sein. ›Freuet euch, freuet euch!‹ Und auf
solchen Juchhei wollt ihr einen heiligen, ernsthaften Ehestand
aufbauen? Was gibt es denn zu freuen auf dieser Jammerwelt? Ich möcht’s
wissen ...«
Da legte der Haussohn seinen Arm um die Mutter und führte sie ans
Fenster, das er weit öffnete. Da lag die Hallig im vollen Abendglanz
der untergehenden Sonne. In Glut stand der Himmel über der salzen
See. Golden waren die Wolken umrandet, und die Mondsichel trat
schwachsilbern heraus. Wie rote Lohe lag’s auf der Schneelandschaft,
die Priele glänzten, und fern donnerte der blanke Hans gegen das
Gestade.
»Weil unsere Heimat so schön ist, Mutter«, sagte Edlef Holgers. »Weil
ich _dich_ gesund bei mir habe und die Ahne. Weil Vater mir den
›Mutterhof‹ so stattlich hinterließ, all darum freu ich mich. Und weil
ich einen treuen Freund habe und ein treues Mädchen, darum ist’s schön
auf dieser Erde.«
Und als ihr verdrossenes Gesicht sich kaum veränderte, zog er die
Mutter in einer scheuen Zärtlichkeit zu sich heran: »Könnt ich dir doch
Freude geben! Das blüht alles in mir und ist voll Sonne. Du sollst
nicht im Schatten stehen, Mutter.«
Da blieb Mutter Holgers eine ganze Weile still an ihn gelehnt. Und es
war ihm, als schmiege sich ihr Kopf mit dem glatten Braunscheitel,
in den sich schon weiße Haare mischten, freiwillig fester an seine
Brust. Wie Ruhe suchend nach des Tages Mühsal und Einerlei. Aber das
ging rasch vorüber. Verwirrt sagte die Mutter: »Jung, du büß wull rein
dörchdreit.«
Aber es klang nicht böse, nicht einmal unwirsch. Und ein Etwas
schwang mit in diesem Ausruf, das Edlef noch nie an seiner herben,
unzufriedenen Mutter wahrgenommen. Da rief er noch einmal Hurra durch
das offne Fenster, all sein Ernst war verflogen, er war nur der
überglückliche Sohn und Hochzeiter.
»Du spielst wohl ›Unklug‹?« fragte die hereintretende Ahne. »Was soll
das sperrangelweite Fenster?«
»Den Staub jag ich heraus«, rief Edlef. Und er faßte die Ahne um und
reigte langsam mit ihr und sang mit schallender Stimme: »Wer die Heimat
nicht liebt und die Heimat nicht ehrt, ist ein ›Llllump‹ und des Glücks
seiner Heimat nicht wert.«
»Halt auf, Edlef,« rief die Ahne, »ik war jo ganz beswiemelt.«
Und sie sah auf die lachenden Kinder und in lachende
Dienstbotengesichter, die zur offenen Tür hereinschauten, um die
fünfundachtzigjährige »Frau Mutter« tanzen zu sehen. Da wollte sie
schelten, aber sie konnte es nicht. Denn der Edlef sah so strahlend
aus, und auf dem sonst ewig grämlichen Gesicht der Mutter Holgers lag
ein letzter Sonnenschimmer und verklärte es. --
»Geht an die Arbeit«, gebot die Ahne. Und sie drohte Edlef mit dem
Finger und ging mit seiner Mutter aus der Stube. Die sah den Sohn gar
nicht an.
Er aber lachte hell hinter ihnen drein.
* * * * *
Noch am Abend desselben Tages kamen Ahne und Mutter in Edlefs Stübchen.
Drin saß der Enkel und las in seinem Lieblingsbuch »Friedrich der
Große«. Die Ahne streifte es scheu mit einem Blick. Ihr hätte die Bibel
passender für einen Hochzeiter gedünkt.
Er sah erstaunt auf ob des ungewohnten Besuches, der mit einer gewissen
Feierlichkeit eingetreten war. --
»Mein Edlef,« sagte die Ahne mit nicht ganz fester Stimme, »Mutter und
ich wollen dich fragen, ob du ein echter Halligbauer bist?«
»Der bin ich, Ahne und Frau Mutter, zweifelt ihr daran?«
Ein erleichtertes Aufatmen hob die Brust der Ahne.
»Mein Edlef,« begann sie wieder, »es ist unsere Pflicht und unser
Wunsch, daß deine Hochzeit auf alte Halligart gefeiert wird ...«
Ein wenig runzelte Edlef die Stirn und um ein weniges verfärbte er sich.
»Ich weiß,« sagte die Ahne, »daß dem Jungvolk der alte Zopf nicht mehr
genehm ist. Vielleicht rümpft auch die Braut die Nase und sieht scheel
auf alte Gebräuche. Sie ist kein reines Halligblut ...«
»Der kennt meine Maren nicht, der meint, sie achte nicht
Überlieferungen«, sagte Edlef rasch. »Aber da ist manches, was gar
nicht mehr in unsere Zeit hereinpaßt ...«
»So meint _ihr_. Aber der Mutterhof hat seine Ansicht für sich.«
Die Stimme der Ahne zitterte. »Für mich würd’ es Schmach bedeuten,
brächtest du dein junges Weib auf neumodsche Art unter dein Dach. Als
hätt’ euch der Kuckuck getraut ...«
Sie legte einen Augenblick, wie in Schwäche, die Hand über die Augen.
Dann wandte sie sich zum Gehen. »Willst du Bedenkzeit, Edlef? Du
hast nur wenige Stunden dazu. Morgen mit dem frühsten müssen die
Hochzeitsbitter fort. Ohm Rickert wird dir in allem zur Seite stehen
als nächster männlicher Verwandter. Soll ich ihn dir schicken?
Oder ...« Sie sah ihn unsicher an.