»Na, dann bleib man bei --. Der Glaube macht selig und der Hering macht
Durscht«, zitierte Ohm Rickert kühn.
»Akke Luersen mag schlecht sein, aber klein ist sie nicht.«
»Das ist mir zu hoch. Und nun wollen wir vom Peder reden.«
»Wenn ich ihn nur erst zu fassen hätte, Ohm Rickert. Paß auf, der
macht noch ’n dummen Streich, wenn er die Wahrheit erfährt.«
»Kein Streich ist so dumm wie der, die Akke an den eigenen Herd zu
binden. Davor hat ihn der dicke Hamburger bewahrt. Du sollst _auch_ dem
Manne dankbar sein, Edlef, anstatt ’n Gesicht zu machen wie’n Floh, der
in der Nordsee schwimmt und in keinen Rettungsring reinpaßt. Wenn aber
die Akke dem Hamburger mal utrischt, und das tut sie bald, dann ...«
»Red’ anständig, Ohm Rickert. Und daß du’s weißt, mein Sorg geht auch
um Melenke. Du hast ihr Vorschub geleistet, Ohm, bei ihrer Wildheit.
Das muß aufhören.«
»Tühnkram, Edlef. Vierzig Jahr bin ich welterfahrener als du. Siehst
denn nicht, daß die Deern erstickt in Eurer Langweile? Und Melenke
fügt sich nicht in so’n Zwang. Ersticken will sie partu nich. Da atmet
sie sich eben rechts und links büschen Lebensluft zusammen. Ich war
Heizer bei der Marine, Edlef. Da weiß ich, daß ’n Dampfkessel ’n Ventil
braucht. So’n Ventil sollte meine Aufmünterung bei Melenke sein. Aber
auf die Dauer genügt der Siebzigjährige ihr nicht. Nimm du meinen Rat,
Edlef: Schick die Melenke fort! In einen fixen Dienst! Arbeiten muß
sie, daß ihr die Schwarte knackt. Sonst reißt sie auch aus und -- geht
vor die Hunde.«
»Ohm Rickert«, rief Edlef entsetzt. »Wie kannst du so was
Schauderhaftes sagen? ›Vor die Hunde gehen!‹ Ein Mädchen aus dem
Mutterhof vor die Hunde gehen!!!«
»Mein Edlef, das ist eure Selbstgerechtigkeit. Die kann noch bös
ausgehen. Die Melenke ist aus anderm Schlag als du und deine Schwester
Nomine und deine Braut Maren, auch anders als die Ahne und deine
Mutter ... Überleg dir das Wort des alten Heizers mit dem Ventil. --
Die Melenke wär nicht der erste Dampfkessel, der in die Luft geht. Was
ich noch sagen wollt: wie geht’s der Nomine? Man hört und sieht nichts
von ihr. Ist sie immer noch nicht gescheit genug? Der Postschiffer
sagte neulich, sie ging jetzt in Kiel auf die Universität.«
»Sagt das der Postschiffer? Ja, Ohm Rickert, es ist wahr. Sie studiert.
Ich bin sehr stolz auf meine Schwester. Dabei solltest du sie sehen,
wie fix sie in praktischen Dingen ist. Wie sie ihren Kram fein
zusammenhält in Kiel, wie sie kocht und wirtschaftet. --«
»Warum genügt’s ihr denn nicht, Lehrerin zu sein wie deine Maren?«
»Nomine war immer hungrig, hat sie mir gesagt. Und da haben wir beide,
sie und ich, uns das für sie ausgedacht. Der Mutterhof verträgt’s.« --
»Hungrig ist die Deern? Hm. Hungrig nach die Wissenschaften? Gott
schall mi bewohrn. -- Nun, die Melenke ist auch hungrig. Hungrig nach
das Leben. Denk dran, Edlef. --«
Nun waren sie auf der Königswarf angekommen.
Die Fenster des Königshauses, darinnen einst nach der letzten Sturmflut
der König von Dänemark gewohnt, brannten in mildem Licht, Edlef konnte
sich kaum genügen lassen im Anschauen des schmucken Baues. Aber er
ging doch vorbei und bog den kleinen Seitenpfad ein, wo Peder Claußens
Gehöft stand. Zaghaft klopfte er ans Fenster.
»Nur immer herein.«
Peder Claußen lag im dicken Federbett in der Döntje.
»Endlich!« rief er mit heiserer Stimme. »Ich kannt’ ja deinen Schritt,
Edlef. Und wen bringst du da mit? Ohm Rickert setzt Euch.«
»Hast du mich denn erwartet, Peder?« fragte Edlef.
»Freilich hab ich. Natürlich ohne Grund. Bin von Mutter ins Bett
gepackt worden, weil ich Lungenstechen und Halsschmerzen hab auf die
schwere Not. -- Und morgen soll der Verlobungsschmaus bei Luersens
sein. Edlef, ich hoffe, du gibst uns die Ehr ...«
Ohm Rickert schneuzte sich laut und heftig.
»Werd man erst ganz gesund«, mahnte Edlef mit guter Stimme und
traurigen Augen.
»Was machst du für’n Gesicht!« rief Peder Claußen. »Als ob ich auf
dem Schragen läge ... Ach so!« rief er plötzlich verständnisvoll und
lachte laut, was ihm augenscheinlich große Schmerzen bereitete. »Ihr
habt natürlich auch von dem Unsinn gehört ... von meiner Akke ... wenn
ich nur den Hund hätte, der meinen Schatz verunglimpft. Mensch, Edlef,
sieh. -- Da steckt ihr Ring, und da auf der Brust liegt ihr feiner
Brief: ›Ich bin deine Braut Akke‹. -- Morgen um zwei Uhr! Da fangen wir
mit Kaffeepunsch an. Ohm Rickert kommt mit!
Ich laß es der alten Stine Diedrichsen sagen, vielleicht kommt’s
noch zu einem Verspruch zwischen euch beiden.« Peder Claußen lachte
ausgiebig trotz der Schmerzen.
»Sorg du, Peder, daß es zu _deinem_ kommt«, knurrte der Alte.
»Ich weiß nicht, was ich sagen soll«, meinte Edlef zögernd und hielt
die heiße Hand des Kranken fest, -- »ich hab’s für gewiß gehört,
daß ...«
»Und ich hab sie mit dem Hamburger abziehen sehen«, rief Ohm Rickert
barsch.
»Der gute, dicke Hamburger!« lachte Peder Claußen.
»Ja, er ist abgereist. Die Akke konnt die Zeit nicht erwarten, bis er
weg war. Er hatte es hellschen hilde mit meinem Schatz. Wenn ich dran
denk, muß ich mich totlachen ... Au!«
»Lach nich, mein Peder«, sagte seine Mutter, die mit Umschlägen und
heißem Tee hereinkam. »Und wenn du morgen noch die Hitze hast, laß ich
dein Akke herkommen. In dem Wind gehst mir nicht zur Schulwarf.«
»Mutter, warst du mal jung?« scherzte Peder. »Ich bin gesund, wenn ich
mein Akke wiederseh.«
»Denn is ja allens in Ordnung«, krähte Ohm Rickert.
»Dann schwitz du dich man zurecht. Aber schwitz dich nicht deinen
Verstand weg. Den kannst du morgen brauchen ...«
Edlef zog ihn rasch mit hinaus und sie hörten noch das frohe, heisere
Lachen des Kranken hinter sich her.
»Siehst du, Edlef«, sagte draußen der Alte. »Da heißt’s immer auf der
Hallig: ›Inbillung is döller as Pestilenz‹, aber ich mein, für den
Peder, das arme Suppenhuhn, is sie wohltätig.«
»Ja, bis morgen«, knirschte Edlef. »Aber dann?«
Und nun sprachen sie gar nichts mehr. Durch den Sturm kämpfte das
ungleiche Paar sich schweigsam heim, bis der dunkle Mutterhof sie
wieder mit seiner großen Ruhe umfing.
* * * * *
Es war wenige Tage vor Weihnachten.
An der Postfähre auf der Okkenswarf stand Lehrer Manne Wögens und
wartete auf ein Paket, das ihm wichtige Bücher bringen sollte. Die
wollte er sich selbst abholen und dabei gleich dem Postagenten die
Tagszeit bieten. Das Segelboot des Postschiffers, das schon lange mit
hohem Seegang kämpfend vor der Anlegestelle gekreuzt hatte, lag nun am
Steg.
Der Halligbriefträger half die Postsachen ordnen, und ein junges,
hochgewachsenes Mädchen in städtischer Kleidung dirigierte halb
lachend, halb scheltend ein paar Knaben, die immer ein Bündel fallen
ließen, wenn sie das andere aufhoben.
»Klüger seid ihr auch nicht geworden seit meinem letzten Hiersein«,
hörte Manne Wögens sie sagen. »Rasch, rasch, nehmt endlich die Sachen
ordentlich zusammen und dann ›auf nach Valencia!‹«
»So weit kann ich Ihnen allerdings nicht folgen, Fräulein Nomine
Holgers«, lachte Manne Wögens und zog die Mütze. »Aber bis zum
Mutterhof helfe ich Ihnen tragen. Wenn ich leider auch nicht klüger
geworden bin seit Ihrem letzten Hiersein.«
Sie gab ihm die Hand und nickte ihm zu.
»Herr Wögens, guten Tag! Und guten Abend und guten Morgen! Sehen Sie
nur, wie unsagbar dumm mich die Jungs angucken. Es sind hoffentlich
nicht die Begabtesten in Ihrer Schule.«
»Wo denken Sie hin,« wehrte der Lehrer. »Mensch, Fite Groth, du stehst
wohl hier als Reklameschild für die Dämlichkeit? Warum guckst du das
Fräulein so an?«
»Weil -- weil,« stotterte der Junge, »weil sie Onnen Holgers Swester
is. De seggt immer: Oha, wenn doch einmal mien Schwester käm.«
»Jung, nun mußt du ’n Groschen haben«, rief Nomine Holgers und zog die
Börse. »Das war ein schöner Willkommsspruch. Ach, Manne Wögens, am
meisten von allen Menschen freu ich mich auf meinen lütten Onnen.«
Lehrer Wögens sah sie fragend an.
»Nun freilich,« lachte sie, »ich freu mich auch auf Edlef, auf die
Ahne, auf Mutter, auf alle im Mutterhof, -- ach, und auf die Nordsee!
Auf das Segeln! Auf die Bonnestave, auf Schafe und Kühe ...«
»Igittigitt, Fräulein Nomine, wann komme endlich _ich_ dran? Damit
ich sagen kann: ›Nennt man die besten Namen, so wird der meine auch
genannt‹. Also -- komme ich vor oder nach den Kühen und Schafen?«
»_Gar nicht_ kommen Sie«, rief Nomine, -- streckte ihm noch einmal die
Hand hin und schüttelte sie herzhaft.
»Sehn Sie, das längliche Paket dort, das der andere Junge wie ein
Gewehr schultert, das ist ein Tannenbaum. Tannenbaum und Heimat! Riecht
das nicht gleich wie Wachslichtchen und Klaben? Mensch, Fite, Mensch,
Fite«, unterbrach sie sich laut rufend. »Vorsicht, Vorsicht! Der Bengel
trägt meine Bücher und Notizen und tänzelt auf dem Steg über den
Priel, als wollt er mein Heiligtum im nächsten Augenblick ersäufen.«
»Ihr Heiligtum?« fragte ernst Manne Wögens. »Ich dachte, das sei die
Heimat. Sind’s also doch die Bücher?«
Nomine biß sich auf die Lippen. »Keine Wortklauberei, Herr Wögens.
Eins braucht ja das andere nicht auszuschließen. Um mal auf ganz etwas
anderes zu kommen: Werde ich Sie Weihnachten im Mutterhof sehen? Wie
früher, als Sie mit Edlef unzertrennlich waren und mich, so oft Sie
konnten, verprügelten?«
»Weil Sie mit Geschick und vollendeter Tücke mir und Ihren Geschwistern
das Süße aufaßen. -- Den bunten Teller. Und es nie leugneten. Sondern
sich mit Geschrei selbst anklagten. Aber doch nie eher, als bis Sie
Leibweh hatten. Gott, was waren Sie für ein greuliches Mädchen!«
»Ich danke, Manne Wögens. Das genügt für’n Schaltjahr. Sie haben mir
aber noch nicht geantwortet. Reisen Sie fort? Etwa zu Maren? Oder
kommen Sie Weihnachten zu uns?«
»Es geht doch nichts über schreibfaule Leute«, meinte der Lehrer. »Sie
wissen also gar nichts über die gewaltigen Ereignisse im Mutterhof und
-- im Schulhaus?«
»Und die wären?«
»Meine Schwester Maren ist Edlefs Braut ...«
Nomine lachte glücklich. »Aber das ist ja eine Freude, eine
Riesenfreude! Die feine, süße Maren! Und mein stattlicher Edlefbruder!
Der hat mich sicher überraschen wollen unterm Tannenbaum. Nun, ich
bin auch tüchtig überrascht. Ich dummes Ding meinte immer, die Akke
Luersen ...«
»St!« Er wehrte mit der Hand. »Gar nicht _denken_ soll Nomine Holgers
an diese Frau und den Namen nicht aussprechen. Bruder Edlef ist auf
Umwegen zu dem Kleinen und Feinen gekommen, -- aber ein Umweg ist auch
ein Weg.«
»Ich frage gar nicht, ob sie glücklich sind«, sagte Nomine, -- »mit
Maren _muß_ man es sein.«
»Warum sagen Sie nicht ›mit Edlef‹?«
Sie runzelte die Stirn. »Weil er ein Holgers ist. Die Holgers sind alle
ungebärdig und hoffärtig.«
»Ja, das sind sie«, bestätigte Manne Wögens und sah sie so eindringlich
an, daß sie errötete. --
Nun gingen sie stumm eine ganze Weile.
»Ach,« seufzte Nomine plötzlich auf, »so ganz richtig ist die Heimat
heut doch nicht.«
»Und was fehlt?«
»Manne Wögens erzählt keine Märchen mehr, wenn er mit mir über die
Hallig wandert.«
»Nein, das tut er nicht.«
»Und warum nicht?«
»Weil Nomine Holgers kein Kind mehr ist.«
»Sie ist doch aber ein Kind ihrer Heimat ... und sie hungert nach
Märchen. Draußen in der Fremde ist alles Wirklichkeit. Und die ist so
kalt ...«
»Wirklichkeit? Da draußen heiratet also jede Gänsemagd ihren Königsohn?
Oder besser, jeder Schweinehirt seine Prinzessin?«
»In diesen Kreisen hab ich keinen Zutritt«, lächelte sie. »Item, -- ich
hungere nach Märchen ...«
»Eigentlich müßt ich als Lehrer sagen: ›Nomine Holgers, du bist
eigensinnig, stell dich in die Ecke.‹«
»Ich will aber nicht. Ich will mein Märchen.«
»So ein Unart! -- Also, dann man to. Passen Sie gut auf. -- Es waren
einmal drei Kinder. Zwei große Jungen und ein kleines, süßes, feines
Mädchen ...«
»Ein eigensinniger Unart!«
»Ja, manchmal.«
»Nein, immer.«
»Nicht unterbrechen, Fräulein Nomine. Oder wollen _Sie_ die Geschichte
erzählen?«
»Nein, -- -- dann würde sie ganz anders enden, als bei Manne Wögens.«
»Wie die Märchen wirklich enden, das weiß kein Mensch. In Büchern
steht: ›Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie heute noch.‹
Aber _ob_ sie gestorben sind oder _wie_ sie weiter leben, das erfährt
man nicht.«
»Weiter, Manne Wögens, philosophieren wollen wir ein andermal, wenn ich
nicht so froh bin, wie heute.« --
»Ja, also diese drei glücklichen Menschenkinder liefen auf der Hallig
herum, die ihnen ganz zu eigen gehörte. So voll Phantasie waren sie. --
Und sie hießen ...«
»Ach -- Name ist Schall und Rauch, lassen wir sie doch namenlos.«
»Mitnichten. Als Lehrer bin ich für Gründlichkeit. Sie hießen also
Nomine, Edlef und Manne.«
»Ja. Und die freundlich Zuerstgenannte war die Unterdrückte. Sie mußte
immer das tun, was die anderen wollten.«
»Das ist nun wirklich ein Märchen und höchst unglaubwürdig. Da lach ik
öwer. Sagen wir lieber, sie fügte sich _manchmal_, wenn zufällig die
Vernunft in ihren Kram paßte.«
»Manne Wögens, Sie erzählen sehr harte Märchen ...«
»Ich bin ja auch keine Mutter, Fräulein Nomine. ›Ein Vater lernt
die Märchen aus einem Buch, einer Mutter erzählt sie der liebe Gott
selbst.‹«
Nomine Holgers ging sinnend. »Ach ja,« seufzte sie dann, »wie konnte
Mutter Wögens Märchen erzählen! Da lag die ganze Süße der Heimat drin.
Aber der Sohn ...«
»Dem haben Sie die Süßigkeiten aufgegessen ...«, sagte der Lehrer
schroff.
Nomine sah ihn zornig an.
»Ich wußte nicht, daß ›bunte Teller‹ unersetzlich sind.«
»Ja, sie sind unersetzlich. -- Aber nun weiter mit dem Märchen. Die
drei Kinder hatten sich trotz vieler Unstimmigkeiten und Reibereien
lieb. Wohlgemerkt: die _Kinder_. Aber leider wurden aus ihnen Leute.«
»Da irren Sie, Wögens, ich meine: Aus ihnen wurden _Menschen_.«
»Wenn Sie _dies_ Hochmütchen sticht, Fräulein Nomine, ich bin’s
zufrieden. Also Menschen! Der Bruder Edlef und der Freund Manne wurden
beide Schweinehirten ... Oder stört Sie das? Kann ja auch Schaf- oder
Kuhhirten sagen.«
»Das tut nichts zur Sache. Mir ist Schweinehirt die höchste Poesie
durch Krischan Andersen.«
»Das ist schön. Mir auch. Aber nun kommt die Tragik. Das kleine, holde
Mädchen hätte auch Schweinehirtin sein können, aber sie zog es vor --
Prinzessin zu werden.«
»Wo liegt da die Tragik, Manne Wögens?«
»Darin, daß die Prinzessin nicht weiß, was sie dadurch verloren hat.
Die Heimat schlechthin.«
»Das ist ein Irrtum. -- Wohl hält mich die Universität mit stärksten
Banden, aber ich trinke meine Heimat mit vollen Zügen, wenn ich einmal
hier bin.«
»_Wenn_ ...! Lassen wir’s gut sein. Das Märchen ist aus. Hie
Schweinehirt, hie Prinzessin! Die salzen See dazwischen und eine Welt
von Vorurteilen ... Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie
heute noch. --«
Sie gingen schweigend. Die Knaben mit dem Gepäck sprangen über die
Wiesen, sie suchten sich den nächsten Pfad. Nomine und ihr Begleiter
waren allein mit sich und ihren Gedanken.
Das Mädchen brach das Schweigen zuerst. »Nach dem, wie wir so
wundervoll stumm nebeneinander hergehen können, sind wir die besten
Freunde.«
»Nein, das sind wir nicht.«
Sie sah ihn finster an. »Der Schweinehirt kann sehr grob werden«, rief
sie gereizt.
»Der Schweinehirt ist gar nicht mehr da. Er ist in sein Königreich
gegangen und hat die Tür hinter sich zugemacht.«
»Da konnt die Prinzessin singen: Ach, du lieber Augustin, alles ist
hin. Meinen Sie, Manne Wögens?«
»So sagt der Dichter Andersen. Ich aber sage: Das Märchen ist aus. --«
»Nun, so erzählen Sie mir Tatsachen. Wie geht es zu Hause? Was treiben
die Nachbarn? Die erste, die ich aufsuchen will, ist -- Tanten Frauke.
Lachen Sie mich nicht aus. Ich möchte allen Ernstes diesen alten Baum
noch verpflanzen. Indem ich Tanten Frauke bitte, mit mir nach Kiel
überzusiedeln. Dort soll sie wieder leben lernen, nachdem sie so lange
vegetiert hat. --«
Er sah sie tiefernst an. »Dies Vegetieren hat schon Ihr Bruder Edlef
aufgehoben. Er hat Tanten Frauke einen Ehrenplatz im Mutterhof gegeben
... Ihr gerühmtes Studium hat Ihnen den Gedanken an eine seelisch
schwer Leidende ausgelöscht. -- Vier Jahre früher hätten Sie den Baum
verpflanzen sollen, aber Sie dachten nur an sich. --«
Sie warf den Kopf zurück. »Hätte ich nicht so großen Respekt vor Ihnen,
Manne Wögens, würde ich sagen: ›Sie sind ein ganz unausstehlicher
Schulmeister.‹«
Er verbeugte sich. -- »Sieh, sieh! Also doch Respekt! Vor meinem
_Alter_?«
Freimütig sah sie ihn an. »Ach nein, das lohnt wohl nicht. Aber vor
Ihrer Bodenständigkeit. Freiwillig auf der Hallig zu bleiben, bei Ihren
Kenntnissen, -- bei Ihrem Hunger und Durst ... Ich kann mir nicht
denken, daß Sie genügsam geworden sind.«
»Bitte, darüber wollen _wir_ beide nicht sprechen ... Wen wollten Sie
sonst noch besuchen?«
»Peder Claußen und seine Mutter. Er hat mich immer so schön verteidigt
mit Nägeln und Zähnen, wenn Sie mich peinigten. --«
»Über Peder Claußen ist fressendes Leid gekommen«, sagte Manne ernst.
»Wie über manchen andern ... Aber Peder Claußen kann’s nicht umwerten
in Segen. Er stirbt daran.«
»An einer Liebe?« fragte Nomine lebhaft.
»Ja, -- er ist grenzenlos altmodisch, arm Peder! ›Das Suppenhuhn‹ nennt
ihn Ohm Rickert, der oft den Nagel auf den Kopf trifft. Suppenhühner
sind altmodisch. Gebratene Hähnchen sind modern.«
»Was Sie für Unsinn schwatzen, Manne Wögens.«
Er antwortete nicht, er rannte plötzlich ohne Umsehen, ohne Aufhalten
den Deich hinunter an den Strand.
Was hat er nur? Was tut er da? fragte sich Nomine. Ihre etwas
kurzsichtigen Augen konnten nichts erkennen, und so schritt das Mädchen
tüchtig aus. In tiefen Gedanken war sie. Heimat! Heimat! Wunderliche
Heimat!
Da keuchte es hinter ihr her.
Und der Wind trug ihr ihren Namen zu: Nomine! Nomine!
Sie sah bang und verständnislos in Manne Wögens furchtbar verstörtes
Gesicht.
Er nahm ihre Hände und atmete schwer. »Sie wollten doch zu Peder
Claußen? Fragen, wie es ihm ginge? Gut geht es ihm, Nomine Holgers.
Sehr gut! Drunten liegt er. Die See hat ihn angespült. Sehen Sie das
Bündel? Das ist übriggeblieben von einem frischen, frohen, tüchtigen
Kerl. Herrgott, Herrgott!«
Sie stand erschüttert. »Wie ist das möglich?« stammelte sie. »Er war
solch großer, festgefügter Friese.«
Manne Wögens reckte seine eigene hohe Gestalt und lachte bitter.
»Ja, Nomine, -- so etwas bringt die Stärksten herunter.«
Dann wandte er sich und lief denselben Weg zurück und ließ das Mädchen
stehen. Und Nomine hob das Gepäck auf, das er ihr bis hierher getragen.
-- Sie stand und schaute angestrengt, und sah nach einer ganzen Weile,
wie er mit einer schweren Last auf Armen und Schultern wuchtig und
langsam der Königswarf zustrebte. Da senkte sie den Kopf tief auf die
Brust und sah nichts mehr von der grünen Heimat.
Der Tod war ihr begegnet und hatte sie ernst gegrüßt. Erschüttert und
müde schritt sie nach dem Mutterhof.
* * * * *
Pastor Ephraim Licht saß in seiner Studierstube. In seinen guten,
hellen, blauen Augen spiegelte sich die ganze Predigt wider, die er am
Sonntag seinen Leuten zu halten gedachte. Seine runde, springlebendige
Frau quirlte um ihn herum. Sie wischte den Staub vom »Kannrückchen«,
das aus der gewohnten Thüringer Waldeinsamkeit noch sehr fremd auf
die brausende Nordsee hinaus schaute. Und sie beugte sich im nächsten
Augenblick über eine alte »Erfurter Lade«.
Und als der geistliche Eheherr den sinnenden Blick nicht vom Deich
draußen fortwandte, seufzte sie auf. Wurde ordentlich kribbelig und
wischte immer rascher an den Möbeln herum und stäubte schließlich den
ganzen Pastor mit dem Wedel ab.
»Ei, ei, Luischen, -- das ist mir doch zu arg«, wehrte er gutmütig.
»Ist denn das nötig bei mir?«
Sie bedachte sich einen Augenblick, wobei der Humor in all ihren
Grübchen spielte. Dann wurde sie kriegerisch.
»Jawohl, das ist nötig, Ephraim«, trumpfte sie auf. »Über und über bist
du verstaubt.«
»Luischen! -- ich werde dich wohl hinauswerfen müssen, mein Liebes, du
weißt, meine Predigt ...«
»Ephraim, der liebe Gott schreit einem auch die Wahrheit in die Ohren,
und kümmert sich den Kuckuck drum, ob grad jemand seine Predigt
macht ...«
»Luischen, Luischen, geh nicht mit dir selber durch. Diese Ausdrücke!
Du bist doch eine Pfarrfrau! Und dieser Hochmut, Luischen! Willst du
dich mit dem lieben Herrgott vergleichen?«
»Ephraim, jetzt kommst du mir vom Thema ab. Ich sag, du bist verstaubt.
Und ein verstaubter Pfarrer ist wie ein Ofen, der nicht brennt, oder
wie eine Mutter, die lieblos ist, oder auch wie ein blinder Spiegel.
Ephraim, du heißest Licht und leuchtest nicht ...«
»Potztausend, Luischen, du gehst ins Geschirr. Laß mir nur meinen
ehrlichen Namen in Ruhe, der auch der deine ist. Hier kommt’s nicht auf
die ›lieblose Mutter‹ oder den ›blinden Spiegel‹ oder den ›kalten Ofen‹
an. Wenn auch deine Vergleiche ganz nett sind, Luischen ... du hast
Phantasie, Luischen ...«
»Siehst du, wie du dich verhedderst, Ephraim? Ach, ich möchte mit
Menschen- und Engelszungen reden ...«
»Das tust du ja, Luischen. Und hast noch die ›Liebe‹ dazu. Das ist
selten beisammen. Aber hier in diesem Einzelfalle handelt es sich nicht
um schöne Reden, sondern um das strenge Respektieren einer Tradition,
die den Halligleuten heilig ist.«
»Sprich doch deutsch, Ephraim. Immer, wenn du nicht ganz fest im Sattel
sitzst, gebrauchst du Fremdwörter. Und heilig? Wie kann Unheiliges
heilig sein?«
»Luischen, nun muß ich gleich böse werden. Ich bitte dich um tausend
Gotteswillen, geh hinaus.«
Da setzte sich die kleine Frau Pastorin ganz fest in den Lehnstuhl am
Fenster und fing an bitterlich zu weinen.
»Da sind doch noch andere Leute auf der Hallig,« klagte sie, »gebildete
Leute, Leute mit Herz und Gemüt. Ach, sie werden sagen: Dies Thüringer
Land muß noch ganz dunkel sein, sonst könnte von dorther nicht so’n
verbohrter Pfarrer kommen ...«
Nun stand Pastor Licht ruhig auf, zog seine Gattin sanft aus dem Stuhl
hoch und führte die Weinende fort. »Siehst du, Luischen, nun muß ich
dich doch an die Luft setzen. So geht es jedesmal. Wann wirst du
aufhören, mich in meiner Amtsstube zu beleidigen?«
Er schaute noch ein Weilchen schalkhaft hinter ihr drein und setzte
sich dann mit wehmütigem Lächeln wieder an seinen Arbeitstisch. »So, --
also da geht’s schon los«, meinte er mit grimmigem Humor, als draußen
energisch geklopft wurde.
»Herein!!!«
»Herr Pastor,« sagte da Edlef Holgers, »ich weiß, es ist nicht recht,
daß ich so eindringe ...«
»Menschenskinder,« rief Pastor Licht, »wenn ihr doch wißt, daß es nicht
recht ist, warum tut ihr’s denn nur? Na nun kommen Sie man. Närrische
Kerle seid ihr alle ...«
»Herr Pastor, -- mein alter Freund Peder Claußen soll morgen beerdigt
werden, und nun sagt man ...«
»Daß ich ihn außerhalb des Mäuerchens betten will, weil er ein
Selbstmörder ist. Ja, Holgers, da sagt man ganz recht.«
»Herr Pastor ...!!!«
»Mein lieber Freund, ich bin nicht nur für euch junge Heißsporne hier,
sondern in erster Linie für die alten Leute. Ihr Jungen holt euch mal
hier, mal dort euern Trost und Halt. In die Kirche kommt ihr selten.
Der Pastor ist für euch ’n notwendiges Übel oder mal ’ne ganz nette
Dekoration. Ja, ja, ich weiß schon, was Sie sagen wollen. -- Ich meine
ja auch nicht gerade euch vom ›Mutterhof‹. Das ist ja ein rechtes und
echtes Friesenhaus und Vorbild. Und ich brauche wohl kaum zu fragen:
Wie stehn Ahne und Mutter zu der Sache? Und Tanten Frauke? Und Ohm
Rickert? Doch sicher auf meiner Seite?«
»Ja. Alle! Ich bin ganz irre an der Ahne geworden. An allen.«
»Nicht doch! Nicht doch! Überlieferungen sind stärker als eigene
Gedanken. Man löckt nicht ungestraft wider den Stachel. Und wenn ein
Halligpfarrer nicht als Felsen dasteht, wie soll er eine Sturmflut
überdauern???«
»Herr Pastor -- -- ich meine, wenn der liebe Gott will, so stürzt er
auch den Felsen ...«
Pfarrer Licht fuhr auf. »Was hat denn der liebe Gott mit der ganzen
Sache zu tun?« rief er ärgerlich. Aber er schlug sich gleich darauf
selbst auf den Mund. Wenn Luischen das gehört hätte!
»Mein lieber Holgers, -- der Herrgott fragt nicht nach ›Mäuerchen‹
und dem ›ehrlichen‹ oder ›unehrlichen‹ Grab. Er sammelt sie alle am
Jüngsten Tag. Und vielleicht sagt er zum Selbstmörder: ›Ei du frommer
und getreuer Knecht‹ und zum Pastoren: ›Hebe dich weg von mir‹. Aber
Freund Holgers, -- es ist ein _Ärgernis_. Ein Pastor soll kein Ärgernis
geben. Sonst winkt ihm der Mühlstein. Wenn ich Peder Claußen _nicht_
als Selbstmörder einsenke, so gehen vier junge Leute vielleicht
befriedigt vom Kirchhof, und einhundertsechsundzwanzig Seelen wenden
sich von mir ab. Und hadern und bleiben ohne Trost. Und wenn ich
abgesägt werde? Wen kriegt ihr her? Ich hab mich freiwillig hierher
gemeldet. Weil ich euch _lieb_ habe.«
»Und die Mutter? Herr Pastor, die Mutter von Peder Claußen?« fragte
Edlef ganz leise und dringlich. »Die hatte nichts als den einen Jungen.
Nicht eine einzige ungute Stunde hat sie von ihm gehabt. Er war der
bravste Sohn auf unserer Insel. Das faßt ja ihr Herz gar nicht, daß der
gefemt werden soll.«
Der Pfarrer rückte unruhig auf seinem Stuhl hin und her.
»Jetzt kommen Sie mit grobem Geschütz, Holgers, -- die Mutter, ja
-- -- -- sie soll ja den Sohn noch über den Herrgott gestellt haben, --
sie wird nun wohl sehr leiden. Mich hat sie gar nicht beachtet, da ich
als verordneter Diener unserer Kirche sie besuchte. -- Sie hat mir auf
alle Fragen nicht geantwortet ...«
»Herr Pastor, sie ist aus den Fugen«, sagte Edlef schwer.
»Und Sie meinen, Holgers, ein sogenanntes ehrliches Begräbnis würde sie
wieder zusammenkitten?«
»Ja, Herr Pastor, das ist meine Meinung.«
Pastor Licht schaute wieder mit dem sinnenden Blick nach der See: »Und
Christus sprach: ›Weib, siehe dies ist dein Sohn, Sohn siehe, dies ist
deine Mutter ...‹ Lieber Holgers -- -- ich möchte allein sein ...«
Edlef ging rasch hinaus und Pastor Licht riegelte die Tür hinter ihm
ab. --
In der offenen Küche stand die Pastorin. Ihr rundes, liebes Gesicht
trug noch die Tränenspuren.
»Hat er Sie auch herausgeworfen, Herr Holgers?« fragte sie dringlich.
Und auf Edlefs energisches Kopfschütteln: »Ach, Sie dürfens gern
sagen. So ein Mann, so ein Mann ist _mein_ Mann! Die helle, lichte
Güte selbst, Herr Holgers, niemand kennt ihn ja wie ich. Keiner Fliege
tut er was zuleid, -- ach, was sag ich, -- zu_lieb_ würde er ihr was
tun. Aber schroff, schroff ist er, Herr Holgers, und obsternatsch
und eigensinnig und verbohrt in seine dämlichen Ansichten ... Ei der
Tausend, was sag ich da wieder ... Kommen Sie in die Küche, Herr
Holgers. Das Leben ist wahrlich schwer. Essen Sie ein paar braune
Kuchen. Hier, sie sind noch knackenhart. Und ›Jungbursch hat Jungzahn‹
heißt’s im Sprichwort.«
Und so nötigte ihn die Frau Pastorin an den Küchentisch und
präsentierte ihm das leckere Weihnachtsgebäck.
Und Edlef nahm und aß und erzählte von der Mutter Claußen. Und das
mitleidige, warme Herz der Pastorin wollte schier aus der Brust
heraushüpfen und weiter über die Schwelle des Pfarrhauses nach der
Königswarf hin zur armen Mutter. Daneben aber reichte sie ihrem Gast
einen braunen Kuchen nach dem andern, auch wenn er noch so sehr wehrte.
Und schusselte in der blitzblanken, großen Küche herum und schalt und
liebkoste abwechselnd ihren Eheherrn ganz laut, aber ohne daß es ihm
zu Ohren kam. Die beiden Taschen voll brauner Kuchen zog Edlef schier
verlegen ab. Und immer wieder steckte sie ihm noch etwas ein, und die
tränenblanken Augen sahen ihn gütig und mütterlich an.
Der Sturm draußen warf Edlef Holgers beinahe gegen den großen Grabstein
von Anno 1517, der an der Kirche lehnte. Tief drückte er seine
Mütze ins Gesicht. Dann sprang er mit großen Sätzen über ein paar
eingefallene Gräber nach dem Zaun hin.
»Mudder Claußen, wat makt ji hier?«
Die Frau hatte sich tief zur Erde gebeugt. Ein Schluchzen schüttelte
ihre hagere Gestalt.
»Hier wüllt se em henleggen,« stöhnte sie, »-- hier. Un sin Vadder,
de liggt in Husum unnern groten, witten Steen, mitten unner de
Honneratschoren, un hedd sik doch sin Lebdag ni um Wiw und Kind
kümmert. So is de Welt. So richt de Welt! O du min arm Peder! Min
goden Jung!«
Beide Hände legte sie auf den kalten Boden, als wolle sie das verfemte
Fleckchen Erde wärmen und segnen.
Grimmes Mitleid schüttelte Edlef Holgers. »Kommt, Mutter Claußen«,
sagte er. »Up dit Flag verküllt Ji jug blot.« Er half ihr in die Höhe
und nahm die Widerstrebende mit sich fort. Gute Worte sprach er zu ihr
und erzählte von Peder Claußens Kinderjahren und Dummjungsstreichen
und wurde beredt, wie er es niemals gewesen war. So ward der Weg zur
Königswarf ganz kurz und zuletzt schier fröhlich. Denn immer neue,
schöne Züge und gute Besonderheiten entdeckte Edlef an dem toten
Schulkameraden, also daß seine Mutter die ätzenden Tränen trocknete und
voll Trost in das öde Heim zurückkehrte. --
Am andern Morgen waren sie schon um acht Uhr bei Mutter Claußen
versammelt. Keiner der Halligleute wußte recht, wie der Nachbar
hingekommen war. Nur daß er selbst einer dringenden Botschaft folgte,
war ihm klar. --
Die Frauen waren diesmal daheim geblieben, denn Neugierde ist keine
Untugend der Halligbewohner. Nur Maren Wögens und Nomine Holgers
standen Mutter Claußen zur Seite.
Die alte Frau weinte nicht. Sie hielt die zitternden Hände gefaltet und
schaute geradeaus. -- Nicht auf den Sarg, den man schon geschlossen
hatte. Es war, als höre sie nicht auf das, was die Nachbarn an
Trostworten ihr zuraunten, sie horchte auf irgend etwas, das von
draußen kommen sollte, und in ihren bangen Augen standen Fragen, die
einer herben Antwort gewärtig waren. -- Die alte Kastenuhr tat nun
schrille Schläge, und der Totengräber Hinrichsen ermunterte ein paar
große starke Schuljungen, den Sarg mit ihm anzufassen. Da kam ein
Ächzen aus Mutter Claußens Brust.
Und Maren Holgers legte ihren Arm schützend um sie. Aber gleich darauf
stand die Wankende wieder aufrecht. Ihr Kopf wandte sich zur Tür, die
gefalteten Hände lösten sich und streckten sich aus. Pastor Licht
erschien in der Tür. An ihm vorbei drängte sich seine gute, kleine,
geschäftige Frau. Sie tründelte zur trauernden Mutter hinüber und
umfaßte sie, und grüßte rechts und links mit den hellen, gütigen Augen.
Es war fast, als käme sie zu einem frohen Fest, und das war diese
Stunde auch beinahe für sie.
Die Halligmänner sahen sich an. Wollte dieser Thüringer Pastor
Neuerungen einführen? Und wollte er sie heute überrumpeln? Dafür waren
sie nicht zu haben. Aber in der behenden Geschäftigkeit der Pastorin
ging das Murren und Murmeln unter, das schon drohend aufgestanden war.
»Liebe Männer von unserer Hallig,« hub der Pastor an, und seine Stimme
klang mild und fest zugleich, -- »hier wartet ein Mitchrist, daß wir
ihn zur ewigen Ruhe tragen. Viele von euch haben erwartet, daß ich in
meiner Stube bleiben würde. Ich hätte es auch getan, denn ich wollte
eine althergebrachte Sitte nicht umstoßen. Aber da wurde ich von
jemand daran erinnert, daß außer dem Toten, der die Strafe ja nicht
mehr fühlt, noch ein lebendiges Mutterherz neben dem Sarg sich quält.
Das möchte wohl so stark sein, daß es den lieben Sohn ganz allein
nach dem Friedhof trage, und so fromm ist es auch, daß es wohl den
Segen tausendmal sprechen könnte. Aber das Mutterherz hat diese ganze
Angelegenheit in eure Hände gelegt, ihr lieben Gemeindeglieder. Und
so sage ich euch: ›Der Gottesacker dadraußen heißt Friedhof und nicht
Striedhof.‹ Und zweitens: ›Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet
werdet.‹ Und drittens: ›Wer sich rein fühlt von Schuld, der werfe den
ersten Stein auf den Toten.‹ Ich werde jetzt hinausgehen und mich mit
meinem Gott bereden und zurückgehen zur Kirchwarf. Beredet auch ihr
euch untereinander und laßt Gott mit darein reden. Und schaut mir
fleißig die Mutter an. Das soll mir ein Zeichen sein: Wenn ehrenfeste
Halligleute mir den Toten getragen bringen, so will ich sie empfangen
und Peder Claußen soll unter euern verstorbenen Lieben auf dem Friedhof
ruhen. Hebt ihr ihn aber drunten auf den schmalen, kleinen Wagen und
laßt ihn einzig vom Totengräber und seinen Gehilfen geleiten, so
will ich der Überlieferung Rechnung tragen und still im Kämmerlein
bleiben. Gott aber wird am Jüngsten Tage unsere Herzen wiegen und auch
Peder Claußens Herz, der ein gehorsamer Sohn, ein guter Nachbar, ein
fleißiger Halligbauer und ein treuer Freund war. Wehe uns dann, wenn
unsere Herzen leichter befunden werden als das seine. -- Gehabt euch
wohl!«
Pastor Licht stellte sich noch einen Augenblick zu Mutter Claußen,
die den Kopf tief geneigt hatte und strich ihr sacht über den grauen
Scheitel.
Dann nahm er das weinende Frau Luischen bei der Hand und verließ die
Stube. --
Da schritt Edlef Holgers zum Sarg und ergriff eine Handhabe. Sein Auge
grüßte den Halligschulmeister Manne Wögens, der denselben Schritt getan
und nun neben ihm stand.
Nomine Holgers und Maren Wögens stellten sich in raschem Entschluß
neben ihre Brüder.
»Dat is nich Deernssach’«, wehrte ihnen Tede Luersen, der Vater von
Akke. Und er trat an die Stelle der beiden, wischte sich den Schweiß
vom Gesicht und murmelte: »Ik heww wat god to maken.«
Zwei Bauern verließen die Stube. Der eine rückte den Hut und sagte:
»Nix för ungut, -- ik kann dat nich min Öllern wegen.«