Klein-Karen weinte. »De armen Pasterlüd«, schluchzte sie. »Sie haben
doch gebetet und die Glocken geläutet. Warum mußten sie untergehen?«
»Dat’s ’n kloken Frag’«, krähte Ohm Rickert. »Un ik würd seggen, de
Herrgott hett nich uppaßt. Äwer wat seggt de Ahn dortau?«
Er freute sich beinahe, die alte Frau in Wirrnis zu bringen. Die Ahne
nahm Karens Köpfchen in ihre Hände.
»Süh so, mein klein Deern. Das kommt nicht drauf an, _wann_ man stirbt,
sondern _wie_ man stirbt. Die Pastersleut nahm unser Herrgott bei der
Hand und führte sie vom Glockenstuhl hinweg in sein himmlisches Reich.
Da waren sie in der Seligkeit und brauchten keine bange Sturmflut mehr
zu erleben.«
Es war ganz still im Wohnpesel. Die Lampe knisterte fein. Der Wind
draußen sang ein ruhiges Lied, -- er hatte sich am Tage und in der
Nacht vorher ausgetobt.
In die Stille hinein trat Edlef, der Älteste vom Mutterhof. An seiner
Hand hielt er Tanten Frauke, die Einsame aus dem Altenteil.
Unfrohe, erstaunte Gesichter sahen sie an. Verhärmt und blaß stand sie
unter den anderen Holgers. Ihre Hand legte sie auf Karens Köpfchen,
aber das Kind zog sich scheu vor ihr zurück. Da nahm Onnen die kleine
Schwester und ging stillschweigend mit ihr hinaus in den Schlafpesel.
Edlef Holgers Stirn war tief gefurcht.
Er bedeutete herrisch seine Schwester Melenke, daß sie ihren Stuhl
hergeben solle, und sie tat es unwillig. Den Stuhl setzte Edlef
zwischen die Sitze von Ahne und Mutter und führte Tanten Frauke hin.
»So!« sagte er tief aufatmend. »Ihr sollt alle wissen, daß dies vom
heutigen Abend an so gelten soll.«
Zuerst herrschte bedrückendes Schweigen.
Dann wandte sich Ohm Rickert, große Rauchwolken paffend, zu Edlef:
»Du tust da ’n gewaltiges Werk, mien Jung. Du setzest neben der Frauke
Holgers auch mich alten Einspänner in alle Ehren ein. Bin ja _auch_
ohne Leibeserben und der Ahne ein Dorn im Auge und der Hallig ein Pfahl
im Fleisch.«
Die Ahne schaute finster.
»Ich erzählte vorhin nicht ganz zu Ende«, grollte sie. »Der Sage nach
erbte unsere Hallig Likamp von der untergegangenen Hallig Heyens Lei
eine Verpflichtung: Fruchtbar zu sein und sich zu mehren. Unter diesem
Gottesgebot haben wir alle gestanden und uns ihm gebeugt. Denn wir
leben nicht für _uns_, sondern für die _Halligheimat_. Gib fein Obacht,
Enkel Edlef, daß sie dich nicht straft, wenn du ihre Gesetze umstößst.«
»Tu ich das, Ahne? Ich glaube nicht. Aber ich meine, Tanten Frauke ist
alt und hat genug gelitten. Die ganzen Jungjahre hat sie in der Fehm
gesessen, -- ihr Lebensabend soll licht sein.«
»Du bist der Jungherr und ich gebe dir dein Recht«, nickte die Ahne
ernst. »Möcht nur nicht, daß dein heutiger Schritt ein Freibrief
sein soll für dich und andere, etwa garstiges Wesen und unheilige
Stadtsitten bei uns einzuführen. Dann würde die Hallig sterben.«
Edlef reckte sich. »Da sei die Ahne unbesorgt«, lachte er. »An Urenkeln
soll’s nicht fehlen auf Likamp und dem Mutterhof. Und jetzt seid
allesamt fröhlich! Richtet unser Haus fein her! Fegt und wascht und
stäubt die Zimmer. Und schmückt alles, wie schön ihr nur könnt. Ich
will meine Braut hineinführen.«
»Ist es all so weit?« fragte die Ahne ernst.
»Es ist mein fester Wille. Ich bitte dich, Ahne, und dich, liebe
Mutter, heißet Maren Wögens mit Liebe willkommen.«
Die Ahne starrte vor sich hin, Tanten Frauke drückte seine Hand. Und
die Mutter sagte mit finsterem Gesicht: »Die Liebe schenkt man nicht im
Mutterhof, die muß verdient werden.«
»Das weiß Gott«, seufzte Edlef. Aber er bezwang den aufsteigenden
Groll. »Mutter, -- mein Maren _wird_ sich Eure Liebe verdienen, da hast
du mein Wort.«
Ohm Rickert lachte. -- »_Meine_ Liebe schenk ich ihr. S’ ist ’ne
feine Deern. Nicht so rund und ansehnlich wie die Akke Luersen, --
Donnerkiel! Aber die hat ja nun der Hamburger weggekapert. Der Alte
könnt ihr Vater sein, und die Schönheit drückt ihn auf keiner Stelle.
Hat aber Moses und Propheten ...«
»Gehört der Schnack in diese ernste Stunde?« fragte die Ahne unwillig.
Aber Edlef trat hastig dem Ohm näher. »Was redest du da? Die Akke geht
mit nach Hamburg? Seit wann? Weißt du’s genau?«
Ohm Rickert zündete erst umständlich eine neue Pfeife an. »Dafür daß
du eben deine neue Braut aufgetakelt hast, mein Edlef, bist du bannig
neugierig«, paffte er. »Verintressieren dich _zwei_ Brautens?«
»Red’ nicht unsauber«, verwies ihn Edlef. Dann zog er den Alten vom
Stuhl hoch und nahm ihn beiseite. »Was weißt von der Deern? Mich dünkt,
sie sei Peder Claßen sin Brud.«
»Dann is sie sehr talentvoll«, meinte trocken Ohm Rickert. »Denn ich
sah sie heute mit dem alten Dicken absegeln. Soll ’ne rasche Hochzeit
werden, sobald die Mutter Luersen aus den Wochen ist. Ne fröhliche,
alerte Familie ist das, ni wohr!«
Edlef schüttelte sich. »So will ich noch nach der Königswarf zu Peder
Claußen. Gute Nacht miteinander!«
»Dann begleit ich dich«, erbot sich Ohm Rickert.
»Ich will auch ’n Büschen die Füße verpedden un noch ’n lütten Schnak
machen. Wenn alle Lüd von Hochtid reden, dann müntert das höllisch auf,
un ick mag dann nich achtern Aben sitten.« --
So wurde der Mutterhof heute beizeiten dunkel. Seine strohgedeckten
Häuser schliefen ein und träumten einer neuen Zeit entgegen.
* * * * *
»Du mußt nicht so rennen, Edlef«, pustete Ohm Rickert. »Wir kommen noch
leicht hin nach der Königswarf.«
»Ohm Rickert, ich bin kein Bangbüx, aber vor dem Wiedersehen mit Peder
Claußen hab ich büschen Angst ...«
»Warum, mien Jung?«
»Paß auf, Ohm Rickert, -- den finden wir ganz durchgedreht ...«
»Vielleicht kommt er dann zum erstenmal in die richtige Fassong.«
»Du machst immer dummen Schnack mit ernsten Dingen, Ohm. Der Peder hat
mir selbst gesagt, er könnt ohne die Deern nicht leben ... sie hatte
sich ihm zweimal versprochen ...«
»Wenn man einen Bessenstiel und einen Feuerbrand zusammenbindet«, sagte
Ohm Rickert bedächtig, »dann ist’s nach der Natur, daß der Bessenstiel
aufgebrannt wird. Peder Claußen ist aufgebrannt. Der dicke Hamburger
wird nicht aufbrennen, der ist zu feucht ... Du wärst auch heidi
gegangen, Edlef.«
»Nein, Ohm Rickert, ich hätte den Feuerbrand schon ausgegossen.«
»Dazu reicht die ganze Nordsee nicht.«
»Du mußt es ja wissen, Ohm Rickert,« spöttelte Edlef.
»Ja, ich weiß es auch. Mir waren immer die tollsten Deerns die
liebsten. Mensch, ich war ihnen allen gewachsen. In Hamburg un Kiel un
in Triest, in Memel und in Yokohama, ich kenn’ sie alle. Aber von allen
wilden Deerns scheint mich die Akke Luersen die wildeste. Trotzdem ich
sie nur von Sehen und Hörensagen kenne, -- leider.«
»Schande wert, Ohm Rickert. Hast es gewußt, wie sie war und daß man uns
kuppeln wollt, und sagtest mir nichts?«
Der Alte schlug sich kichernd auf die Schenkel: »Hattest ja dein Maul
zum Neinsagen, Edlef. Schieb mich jetzt nicht vor die Bresche, mien
Jung. Du wolltest sie haben, weil du ’n Koller kriegtest.«
»Nun ja, will’s zugeben, ich war verhext. Aber ihr Alten seid zum
Warnen da.«
»Sind wir??? Nun dann frag dich mal as’n ehrlichen Kerl, was du
angegeben hättest damals, wenn ich mich in deine Liebessachen gemengt
hätte ... Da laß ich meine Hände von. Du hast deine Erfahrung gemacht,
-- das zweite Mal fällt’s besser aus.«
»Und wenn ich sie geheiratet hätte?«
»Dazu wär’s nicht gekommen. Ich hätt dann ausgesprengt, du wärst gar
nicht der _reiche_ Edlef, -- dann wäre die Akke sofort abgestanden. Ni
wohr, da krümmt sik dien Eitelkeit? Is aber doch so.«