Da war’s Edlef Holgers, als stünden alle Himmel offen.
»Muß ich dir noch etwas sagen«, meinte sie wie bedrückt. »Es ist wohl
nicht recht, daß uns all das erst nach dem Küssen einfällt. Aber du
überfielst mich ja wie der Halligsturm ...«
»Ja, so bin ich. Und mein Lütten war ganz verbast, und hat das Küssen
erst lernen müssen ...«
»Still, still!« wehrte sie ihm. »Ich will dir ja etwas sagen. Erstens
hätte ich dich fragen müssen, warum du neulich von uns wegliefst? Aber
ich hab so seltsam gutes Vertrauen zu dir. Du erzählst es mir schon
später einmal, ja? Aber nun kommt etwas ganz Wichtiges. Sieh, du hast
sicher gar nicht über nachgedacht, daß ich ganz arm bin. Nein, ich will
nun ausreden. Du bist der reiche Mutterhofsbesitzer. Und ich? -- Bin
noch gar nicht lange angestellt in Kiel und konnte nicht viel sparen
... Da muß ich noch viele Jahre Lehrerin spielen, bis ich dir eine
Aussteuer zubringen kann. Wirst du auf mich warten wollen?«
»Nun muß ich dich wieder küssen, damit du nicht reden kannst, mein
klein Schulmeister«, sagte Edlef. »Wenn ich auch nur ein Bauer bin,
so furchtbar dumm darfst du nicht schwatzen. Denn ich versteh auch
gescheite Sachen. Eine sehr gescheite Sache ist zum Beispiel, daß du
ganz _bald_ meine Frau wirst.«
»Oh, oh! Ich bin gerade fünf Minuten deine Braut.«
»So langsam vergeht dir die Zeit? -- -- --«
»Edlef, mein Edlef, was werden deine Leute sagen? Ein armes Mädel auf
dem Mutterhof. Und stolz noch dazu. Jawohl, übermäßig stolz, mein
Edlef«, bestätigte sie ernsthaft.
»Sag noch einmal ›_mein_ Edlef!‹ Es klingt wie Weihnachten.«
»Mein Edlef, was werden deine Leute sagen???«
»_Ich bin der Herr vom Mutterhof._«
»Aber zuerst bist du der _Sohn_ vom Mutterhof. Und dann ist da die
Ahne, die hat wieder deinen Vater geboren ... Denk daran, Edlef! Du
sollst Vater und Mutter ehren!«
Marens feines Gesicht war blaß und ernsthaft. Sie sah ihn fast
mütterlich mahnend an.
»O du Feines!« rief er zärtlich. »Du ganz Liebes! So wie du jetzt
aussiehst, bist du wie ein Bild, so ein schönes, ernsthaftes Bildchen
vom vierten Gebot. --«
»Mein Edlef, ich möchte so gern eine klare Antwort haben.«
»So gebe ich sie dir«, sagte er ernst. »Du bist willkommen auf dem
Mutterhof! Genügt dir mein Wort?«
»Oh!« rief Maren selig, und nun reichte sie ihm selbst den roten,
reinen Mund. »Ach, du, wie ist das schön, was du da sagst. Wie freu
ich mich auf den Mutterhof! Wie hab ich eine Mutter entbehrt! Das ist
kein Vorwurf für Bruder Manne. Aber ein Mädchen braucht Schwester oder
Mutter ... Wie will ich deine Mutter ehren! Edlef, ich hab sie jetzt
schon lieb, ganz lieb. --«
Manne Wögens klinkte sacht die Tür auf. »Es ist unrecht, mich beim
unvernünftigen Vieh zu lassen, während ihr Menschlein hier euch
freut ...«
Nun schmiegte sich Maren in seinen Arm.
Dann sahen die Geschwister sich in die Augen. Für Sekundendauer vergaß
das Mädchen den Verlobten und ihr Glück. Denn des Bruders Augen waren
feucht. Und sein Scherz war weh.
»Maren, mein Sonnenschein ...«
»Bruder Manne, segne uns!«
* * * * *
All die blonden Friesenköpfe saßen wieder um den runden Tisch.
Die Lampe brannte still, und die Ahne erzählte. Onnen und Klein-Karen
saßen vor ihr auf niederen Stühlchen und sahen aufmerksam in das
lebendige, alte Gesicht.
»Weiter, Großmudder, weiter!« bettelte Onnen. Und Karen wühlte ihr
Köpfchen mit den bangen Augen in den derben Friesenrock der alten Frau.
Zwanzigmal hatten sie die Geschichte wohl schon in ihrem jungen Leben
gehört, aber sie wirkte immer wieder aufs neue durchrüttelnd, daß sie
in arger Bangnis schier vergingen.
»Ja, so war’s. Am heiligen Karfreitag spielten sie mit den Karten auf
Heyens Lei. Und sie lachten und spotteten der Ahnen und Alten, die
ihnen wehren wollten.«
»Hast du sie auch gewarnt, Ahne?« fragte Klein-Karen und zog den Kopf
aus dem Versteck.
»Ach, dumm Tüg. Ich war damals ein Kind wie du. Ahnen gibt’s auf jeder
Hallig. Wirst selbst mit Gottes Beistand eine werden.«
Da strahlte Klein-Karen. »Du, ich werd’ ’ne Ahne«, versicherte sie erst
einmal jedem einzelnen Zuhörer. Und ihr süßes Kindergesicht über der
breiten weißen Halskrause lachte selig in die Zukunft hinein, und das
Antlitz der erzählenden Großmutter dünkte dem Kinde wunderschön, also
daß es keine Angst hatte, einmal ebenso auszusehen. --
»Hatten sie denn den ganzen Tag nicht gebetet am Karfreitag?« fragte
Onnen.
»Doch, doch. Da war der gottesfürchtige Pastor und seine Frau, die
hatten selbst die Glocken geläutet, weil das Wetter so schlimm war,
daß kein Mensch zur Kirche gelangen konnte. Da sollte wenigstens das
Glockengeläut nicht fehlen, meinte der Pastor, und die Heyensleier
könnten dazu für sich beten, jeder in seinem Hause. Und er selbst und
sein Weib riefen bei jedem Glockenschwung: ›Christ Kyrie, komm zu uns
auf der See.‹ Aber die Heyensleier spielten und tranken Köhm oder
Kaffeepunsch.«
»Kaffeepunsch schmeckt gut«, sagte Klein-Karen.
»Ohm Rickert hat mich kosten lassen. Wenn ich mal Ahne bin, trink ich
jeden Abend welchen.«
»Ohm Rickert hätt’ besser nach Heyens Lei gepaßt als nach unserer
Hallig«, rief scharf die Ahne. »Und zu dir, Karen, muß ich mit der Rute
kommen, wenn du um Kaffeepunsch betteln gehst ...«
»Weiter, weiter,« drängte Onnen. »Großmutter, der Schullehrer sagt, es
sollte kein Mensch sprechen dürfen, solange du erzählst. Und das meine
ich auch.«
Da flog wieder ein froher Schein über der Ahne Gesicht.
»Manne Wögens und ich sind Freunde«, sprach sie bedächtig. »Gott
erhalte uns diesen Lehrer! Den hat man in die Stadt haben wollen.
Da könnt er längst hausen und im Gold wühlen, aber er kennt keine
Landflucht und bleibt der Hallig treu.«
»Wühlen alle Stadtlehrer im Golde?« fragte Karen.
»Ach, laß sie doch wühlen«, murrte Onnen. »Großmudder, erzähl weiter!«
»Ja, denkt, Kinder! Die Flut kam, und der Sturm heulte so gräßlich, wie
man es nie gehört hatte.
Ein Segelschiff fuhr über die See und in der großen Dunkelheit über
Heyens Lei hinweg. Da sahen die Seeleute ein Licht neben sich und sahen
die Kartenspieler um den Tisch. Und schlugen ein Kreuz und beteten,
denn sie meinten, der Gottseibeiuns wolle sie äffen und ihnen etwas
Unheiliges am heiligen Karfreitag zeigen, so mitten in dem wilden
Aufruhr der Natur. Die Nordsee aber hob sich wie die Brust von einem
Riesen, die Wellenberge schossen heran und es brüllten die Sturzseen ...