Man saß um die Lampe herum um 6 Uhr morgens Und aß dicke Grütze. Edlef
Holgers kam zuletzt, denn er hatte schon überall nach dem Rechten
gesehen. Trotzdem greinte seine Mutter unwirsch.
»Abends spät und morgens spät,« rief sie. »Und wenn’s schon so ist,
konntest du nicht gestern noch zu mir hereinkommen, anstatt dich mit
Tanten Frauke zu besprechen?«
Ein lustiger Schein flog über Holgers Gesicht. »Mutter, du tust, als
hing mir noch das Hemd aus der Büx. -- Aber ich steh dir gerne Red und
Antwort. Nur laß die Insten erst an die Arbeit und die Lütten in die
Schul.«
»Zu was gehör ich denn, Bruder?« fragte Melenke. »Zu die Insten oder zu
die Lütten?«
»Sprich erst mal richtig deutsch«, verwies der Bruder.
»Oha. Wi sün em ni mehr god nog«, lachte Melenke. »Aber so gutes
Deutsch wie deine dicke Akke sprech ich noch allemal.«
Edlef sah sie zornig an. »Mit dir rede ich noch ein Wort allein,
Melenke. Du hast dir eine Art angewöhnt, die paßt nicht auf den
Mutterhof.«
»So laßt mich wieder nach Hamburg, da paßt sie hin.«
»Nach Hamburg gehst du _nicht_«, rief die Ahne. Weiter kein Wort.
Sie strickte hastig an dem groben, grauen Strumpf und wartete, bis
Knecht und Magd sich schwerfällig erhoben und die Stube verlassen
hatten. Ihnen folgten die beiden Jüngsten. Nicht ohne sich vorher bei
Edlef »gemeldet« zu haben. So hatte er’s eingerichtet nach seiner
militärischen Dienstzeit und es hatte sich bewährt. Die Kinder vom
Mutterhof galten auf der Hallig als ganz besonders gut erzogen. Als
Edlef »linksum kehrt« kommandieren wollte, fragte Onnen, der stramm vor
dem großen Bruder stand: »Soll ich Herrn Lehrer Wögens grüßen? Er fragt
immer, ob du einen Gruß geschickt hättest.«
»Freilich sollst du das.«
Die achtjährige Karen rief noch: »Bruder Edlef, ich grüß die Fräulein
Maren, die ist jetzt da und weiß bannig viel schöne Geschichten.«
Dann liefen die Kinder fort.
Die Ahne ließ den Strickstrumpf sinken und zeigte ein bekümmertes
Gesicht. »Du hast recht, Enkel Edlef,« klagte sie, »es ist ein
garstiger Ton bei uns eingekehrt. Den hat man nicht gekannt im
Mutterhof, solang er steht. Melenke, ich sag’ dir, meine Augen sind
noch scharf, wie meine Ohren. Ich sehe, daß du ein Gesicht ziehst, als
wärst du der Klügsten eine, und für die Ahne wär’s Zeit, der klugen
Welt Valet zu geben. Da bist du aber irrig. Ich bin noch imstande,
diesen neuen schlechten Geist mit eisernem Besen auszufegen. Hast du
mich verstanden, Enkelin Melenke?«
»Da fang die Ahne nur mit Edlefs Schatz an«, sagte Melenke schnippisch.
»Was die alles sagt, da werden dem Bruder nochmal die Augen übergehn.
Aber die darf sich alles herausnehmen und unsereins muß tun, als
verstände es die Schnäcke nicht ...«
»Schweig!« rief die Ahne wieder, und war so zornig, daß sie nach Worten
rang und sie doch nicht fand.
Aber Edlef streichelte beruhigend ihre Runzelhand. Dann richtete er
sich hoch auf und sagte entschlossen: »Melenke hat recht. Akke Luersen
hat nie in den Mutterhof gepaßt. Das ist meine Schuld, daß ich sie
herbrachte. Aber die mach ich wieder gut. Ahne, du hast der Akke und
mir deine Zustimmung gegeben, aber noch hattest du uns nicht mit dem
alten Holstenspruch zusammengetan: ›Up ewig ungedeelt!‹ Gott Lob und
Dank sage ich jetzt. -- Den Spruch bewahr mir auf, Ahne, hörst du?«
»Ich versteh die Welt nicht mehr, mein Enkel Edlef«, murmelte die Ahne.
Und sie saß wie steuerlos in ihrem Ohrenstuhl. »Früher, da war ein
Verspruch heilig wie die Ehe selbst, und jetzt ...«
»Jetzt lernt man sich durch den Verspruch kennen«, ergänzte Edlef.
»Ich bitte die Ahne, daß sie mir vertraut und daß sie mir ihren Segen
aufhebt.«
»Für wen?« fragte Melenke. »Hätt’ nicht gedacht, daß sich der
moralische Herr Bruder so auswächst ...«
Da zeigte Edlef nach der Tür, und sie ging widerwillig hinaus. Ganz
still wurde es zwischen der Ahne und dem Jungen. Edlef wartete längere
Zeit auf ein gutes Wort. Als es nicht kam, verließ auch er langsam die
Stube. --
Draußen in der Küche schluchzte die Mutter: »Ich bin der Garniemand.
Ist’s wahr, was mir die Melenke schnackt? Du sagst der Akke auf? Und
ich erfuhr es nicht von dir? Ist’s nicht auch _mein_ Haus?«
»Mutter, das Haus gehört dir und uns allen, aber meine Ehr und meine
Zukunft gehört mir allein. Das Zusammenkuppeln war eine Sünde. Nun mach
ein gutes Gesicht, Mutter, -- denn eine gute Zeit fängt an.«
»Wüßt nicht, wo sie herkommen sollt«, murrte die Mutter.
»Von der Schulwarf. -- Aber anders, als du es wolltest.« Edlef nahm
bittend ihre Hand. »Ich möcht’ wieder Sonne auf dem Mutterhof haben.
Wehr doch nicht ab, Mutter. Und ich will’s gleich dazu sagen, von heute
ab kommt Tanten Frauke wieder auf den Ehrenplatz. Neben dir und der
Ahne soll sie sitzen.«
»Beißt du den Herrn heraus?« grollte die Frau. »Willst du, daß sich die
toten Holgers im Grab herumdrehen? Was soll die Unfruchtbare auf dem
Ehrenplatz? Gott hat sie gezeichnet. Vergiß das nicht, Edlef.«
»Frau Mutter, daß ich nicht den Respekt vergesse!« Edlef zwang seinen
Unmut. »Unsere Hallig ist ödes Eiland, aber unsere Zeit ist nicht das
Mittelalter. Und ich will Tanten Frauke Sonne geben, ich will’s.«
»So hab ich zu schweigen.«
»Nicht _so_, Mutter. Nicht _so_.« Er hielt noch immer ihre Hand, aber
sie sah ihn feindlich an. Da stürmte er fort.
* * * * *
Sonntag auf der Hallig. Auf der Kirchwarf zogen Knaben den
Glockenstrang. Es waren keine hallenden Domglocken, es war ein
klägliches Rufen: »Kommt! Kommt!« Aber die ganze Gemeinde gehorchte. --
Im schwarzen Gottestischkleid zogen sie daher, und bei den Frauen lag
das mit Klöppelspitzen umsäumte Taschentuch quer auf dem Gesangbuch.
Von einer Warf zur anderen schlossen sich Männer, Frauen und Kinder an.
Sie sprangen an langen Stangen über breite Wasserrinnen und schritten
auf hohen, schmalen Stegen über die Priele. Die Sonne lachte an diesem
Novembersonntag. Und die Friesengesichter sahen hell aus. Denn die
Hallig verwöhnt ihre Kinder nicht, sondern ist herb zu ihnen und hält
sie knapp. Da werden sie zur Dankbarkeit erzogen für jeden Sonnenblick.
Vor der uralten, turmlosen Kirche standen sie in Gruppen, und der
Pastor schritt grüßend hindurch, und die Pastorin hatte eine liebe Art
zu grüßen und zu nicken und im Vorbeigehen rasche Fragen zu stellen.
Alles war Leben an ihr und warme Anteilnahme.
»Ein’ feste Burg ist unser Gott!« klang das schlichte Harmonium, Lehrer
Manne Wögens legte seine Seele hinein. Und aus den hellen Stimmen
der Schulkinder, die zur Liturgie sangen, spürte man die Wärme, die
ihr Lehrer für sie hatte. Auch in Pastor Lichts Predigt war warme
Güte. Er kam als Fremder aus Thüringen und tastete noch etwas an dem
Herzensschloß seiner Halliggemeinde, auf daß er den Riegel fände. Aber
die noch fest versicherte Pforte machte ihn nicht ungeduldig. Weil nach
Gottes Wort die Liebe für ihn die »größeste unter den dreien« war, und
er ihrer ausschließenden Macht vertraute. --
Auf dem Gottesacker der Kirchwarf stand Edlef Holgers und betrachtete
ein schlichtes Grab, das mit Muscheln belegt und mit einem Kranz
Bonnestave geschmückt war. Vor einigen Tagen hatte man einen Namenlosen
hineingebettet, den die See an den Strand geworfen.
»Mensch, komm von dem Grab fort«, rief halblaut Peder Claußen, der
sich, wie immer, verspätet hatte. »Ich kann nur an _Leben_ denken.
Mensch, Edlef, sie will mich! Was kostet die ganze Hallig? Hab auch
schon mit der Mutter gesprochen.« Peder lachte in sich hinein. »Die
sagte: ›Nimm sie um Gottes willen, damit ich meine Ruh kriege.‹ Heut
sag ich’s dem Pfarrer. Akke ist daheim geblieben -- beim kleinen
Bruder. Edlef, -- ich bin wie duhn vor Glück, wenn ich dran denk, daß
sie sich im Kinderwiegen übt.«
»Komm,« sagte Edlef Holgers, »ich möcht noch hören, was Pastor Licht
weiß.«
Und Peder Claußen dachte, daß Edlef ihm trotz aller Freundschaft sein
Glück neide.
Pastor Licht sprach ernst und eindringlich und recht wie ein Bruder
zu seiner kleinen Gemeinde. Ein paar Leute schliefen. Nicht gerade
die Ältesten waren es, aber die, die am Sonnabend vorher über Gebühr
geschafft hatten. Denn der Sturm war des Nachmittags plötzlich
aufgestanden und hatte sich wie ein Riese über die Hallighäuser
geworfen. Da war manches zerdrückt worden, was dem Menschensinn fest
genug gedünkt hatte. -- Nun tat die gute, ruhige Stimme des Predigers
den ermüdeten Halligbauern eine große Wohltat an. -- Auch Edlef Holgers
kämpfte mit dem Schlaf. Der Hüne hatte bis in die Nacht hinein noch
den ärger bedrängten Nachbarn beigestanden und dann kaum zwei Stunden
geruht.
Aber das Anliegen, das er an den Herrgott hatte, war ihm wichtiger als
Schlaf und Müdigkeit. Er hielt die Mütze zwischen den gefalteten Händen
und murmelte eindringlich: »Gib mir die Maren, -- gib sie mir!«
Das feine Mädchen saß nicht weit von ihm auf der anderen Seite. Aber so
tief hielt sie den Kopf gesenkt, daß nur ein paar eigensinnige Löckchen
zu sehen waren, die sich nicht unter die Friesenhaube hatten zwingen
lassen.
Zum Schlusse klang die Stimme des Halligpastors noch einmal recht
eindringlich! »Nicht locker lassen! Anhalten am Gebet, wie unser Luther
es uns lehrt, dessen Geburtstag wir heute feiern. Amen.« Da sagte
auch Edlef ganz laut Amen, so daß ein paar Halligmädchen anfingen zu
kichern, und die alten Leute bei sich feststellten, daß der Älteste
vom Mutterhof ein fester, aufrechter Mensch sei und einen guten
Hausvater abgeben werde. Vielleicht gar einmal einen vorbildlichen
Gemeindevorsteher, wenn der alte Ketel Boon abdanke. Denn Edlef
Holger’s Gesicht war ernst und gut und trug dabei ein zuversichtliches
Gepräge. Und ernst, gut und zuversichtlich muß die Obrigkeit sein auf
der Hallig.
Edlef erinnerte sich plötzlich einer Konfirmationsstunde, da hatte er
die Worte gelernt: »Amen, das heißt: ›Ja ja, es soll also geschehen.‹«
Das sagte er nun heimlich vor sich hin, als Herrgotts Antwort auf sein
Gebet: »Ja, ja, es soll also geschehen!«
Dann ging er ganz fröhlich von der Kirchwarf zur Schulwarf und grüßte
vorher den Pastor, der gerade mit Peder Claußen ins Pastorat treten
wollte. Edlef schwenkte beim Gruß ordentlich ein wenig den Hut, und
Peder freute sich darüber, daß der Freund ihm wohl nicht mehr gram sei,
sondern einsah, daß die schöne Akke Luersen nun endgültig dem Peder
gehöre. --
Lehrer Manne Wögens und seine Schwester waren Edlef ein Stück
vorausgekommen, trotzdem der Organist noch das Harmonium verschlossen
und die Noten fortgepackt hatte. Aber Edlef hatte immer gar viel zu
schauen auf seiner Hallig und Kreuz- und Quersprünge zu machen. Fand
auch noch eine tote Mantelmöwe, und grub ihr mit einem angeschwemmten
Stück Holz ein Grab.
Inzwischen plauderten die Geschwister eindringlich miteinander. »Wie
die heilige Cäcilie selbst hast du heute gespielt«, sagte Maren
bewundernd zum Bruder. »Nur ein besseres Harmonium müßte man dir
schaffen.«
»Wer denn?« fragte Manne trocken.
»Nun die Gemeinde oder die Regierung.«
»Ja, die lauern nur drauf.«
Inzwischen hatte Edlef die beiden eingeholt.
Maren hielt die feinen Lippen zusammengepreßt, und Manne Wögens
schüttelte dann und wann den Kopf. Denn Edlef Holgers sah ganz und
gar nicht wie ein Unglücklicher aus, als der er ihn doch vor ein paar
Tagen verlassen hatte, und nun gesellte er sich stumm und doch wie
selbstverständlich zu ihnen.
Ging neben ihnen her, eine halbe Stunde und mehr mit versonnenem
Gesicht, ohne ein Wort zu reden. -- An Luersens Haus gingen sie rasch
vorbei, und dann standen sie vorm Schulhaus.
Edlef schob den Lehrer kraftvoll durch das Zauntor. »Nun sieh du erst
mal eine ganze Weile nach dem Vieh, Manne«, befahl er kühnlich.
Manne Wögens lachte. Aber er gehorchte und ging in den Stall.
Befangen schritt Maren durch die Hausdiele in die Wohnstube.
Edlef Holgers folgte ihr.
Sie bot ihm einen Stuhl an, aber er setzte sich nicht. Er sah mit
starkem Herzklopfen auf die zarte, schlanke Gestalt herunter und legte
seine Hand auf ihren Kopf und bog ihn etwas zurück. So mußte sie ihm in
die Augen sehen. --
Da wurde er ganz ruhig und sagte zuversichtlich: »Ja, du hast mich
lieb. Gott sei ewig Lob und Dank!«
Dann küßte er sie.
»Ich bin ein rechter Bauer«, meinte er. »Ich frage dich nicht und sage
nichts, sondern ich nehme dich gleich. Wenn du meine Frau bist, will
ich sehr ehrerbietig sein, Jungfrau Maren, aber jetzt ...«
Sie lag still an seiner Brust.
»Ich muß dich wohl erst aufwecken?« fragte er. Und küßte sie heiß und
lange. »Sag doch etwas«, bat er. »Ich hab mich doch nicht getäuscht?«
Sie schüttelte den Kopf.
»Gefürchtet hab ich mich vor dir«, gestand sie. »Weil du so riesengroß
bist.«
»Klein Bangbüx«, lachte er zärtlich. »Fürchtest du dich denn nun nicht
mehr?«
»Ein klein büschen«, sagte sie leise. »Aber vielleicht mußt du dich
_auch_ fürchten, denn ich hab dich so schrecklich lieb. Und ich werde
immer hinter dir herlaufen, damit du mir nicht abhanden kommst. Wird es
dir auch nicht unbequem sein?«
Er lachte glücklich auf. »Ach, du Lütten! Du bist wie aus einer anderen
Welt! Wie hast du dich so fein und rein halten können in der staubigen
Großstadt?«
»Weil ich an den Edlef Holgers dachte. Allstunds. Ich weiß, daß du
nichts Staubiges magst.«
Er ließ sie plötzlich aus seinen Armen. »Lüttje Deern, paß auf«, sagte
er ernst. »So wahr mir Gott helfe, ich mag nichts Staubiges. Aber so
rein wie du bin ich nicht. Hab noch vor wenig Wochen eine andere wild
geküßt. Willst du mich aus diesem Irrtum herausnehmen?«
Um einen Schein blasser war sie geworden, und in rührender
Hilflosigkeit sah sie ihn an. Dann schlang sie beide Arme um seinen
Nacken und küßte ihn heiß und innig.