hochfahrende gewaltsame Mann, der in dem römischen Priester seinen
gefährlichsten Gegner haßte, ist leicht zu begreifen. Daß er die
bittere Nothwendigkeit dieses Schrittes lange im empörten Gemüth
herumgewälzt hatte und nicht ohne grimmige Hintergedanken das Büßerhemd
anzog, ist vorauszusetzen. Aber er kam ebensowenig als ein listiger
Staatsmann, der mit kalter Berechnung sich demüthigt, weil er einen
falschen Schritt des Gegners erkennt und aus dieser Niederlage die
Früchte eines künftigen Sieges herauswachsen sieht. Denn Heinrich
war ein mittelalterlicher Christ; wie tief er den Gregor haßte, der
Fluch der Kirche hatte für ihn zuverlässig etwas Unheimliches und
Furchtbares, zu seinem Gott und dem Christenhimmel gab es damals keinen
anderen Weg als durch die Kirche. Gregor saß an der Himmelsbrücke, und
wenn er es verbot, geleiteten die Engel, die neuen Schlachtjungfrauen
der Christen, den toten Krieger nicht vor den Thron Allvaters, sondern
sie stießen ihn in den Abgrund zu dem alten Drachen. Der Papst
schreibt, daß der Kaiser viel geweint und sein Erbarmen angefleht
habe, und daß auch die Umgebung Gregor's schluchzend und weinend diese
Buße des Kaisers ansah. Der Büßende war also doch wohl im Glauben, daß
der Papst ein Recht habe ihn so zu plagen? Diese Einwirkungen des
kirchlichen Gewissens auf weltliche Zwecke, die abenteuerliche und
unsichere Mischung von Gegensätzen, bald Stolz, hoher Sinn, dauerhafte,
unzerstörbare Kraft, die wir fast für übermenschlich halten, und
wieder eine klägliche Leerheit und Schwäche, die uns verächtlich
dünkt: das bietet dem Dichter keine leicht zu bewältigende Aufgabe.
Allerdings, er ist Herr seines Stoffes, er vermag den geschichtlichen
Charakter frei nach seinem Bedarf umzuformen. Es ist möglich, daß der
wirkliche Heinrich vor Canossa stand wie ein ungebändigter ruchloser
Bube, der eine schwere Züchtigung auszuhalten hat. Was kümmert das
den Dichter? Aber ebenso zwingend ist seine Verpflichtung, vorher das
wirkliche Wesen des Kaisers bis in die tiefsten Falten zu ergründen.
Sowohl der reuige Büßer als der kalte Staatsmann werden bei dieser
Sachlage Unwahrheiten, der Dichter hat den Charakter des Fürsten aus
Bestandtheilen zu mischen, für welche er vielleicht in seiner eigenen
Seele nicht die entsprechenden Anschauungen findet und die er sich erst
durch Nachdenken in Anschauung und warme Empfindung umzusetzen hat.
Es gibt wenige Fürsten des Mittelalters, welche nicht in wesentlichen
Begebenheiten ihres Lebens, nach dem Maßstab unserer Bildung und
Sittlichkeit gemessen, entweder als kurzsichtige Tröpfe oder als
gewissenlose Bösewichter -- nicht selten als beides -- erscheinen. Der
Geschichtschreiber wird mit solchen schwierigen Aufgaben in seiner
anspruchslosen Weise fertig, er sucht sie im Zusammenhange ihrer Zeit
zu verstehen und sagt ehrlich, wo sein Verständniß aufhört; der Dichter
zieht diese Abenteuerlichen gebieterisch an das helle Licht unserer
Tage, er füllt ihr Inneres mit warmem Leben, mit moderner Sprache,
mit einem guten Antheil an Vernunft und Bildung unserer Tage, und er
vergißt, daß die Handlung, in welcher er sie bewegt, aus der alten Zeit
genommen ist und nicht ebenso umgeformt werden konnte, und daß sie
auffallend schlecht stimmt zu dem höheren menschlichen Inhalt, den er
ihren Charakteren gegeben.
Die geschichtlichen Stoffe aus grauer Vergangenheit und wenig
bekannten Zeitabschnitten unseres Volksthums verlocken unsere jungen
Dichter, wie einst den Euripides die epischen Stoffe, sie verleiten
zu Schaustellungen, wie jene alten zu Declamationen. Nun sollen ihre
Gestalten darum nicht als unbrauchbar bei Seite gelegt werden; aber der
Dichter wird sich fragen, ob die Umbildungen, die er mit einem jeden
Charakter der Vorzeit vorzunehmen verpflichtet ist, nicht vielleicht so
groß werden, daß jede Aehnlichkeit seines Bildes mit der historischen
Gestalt schwindet, und ob die unvertilgbaren Voraussetzungen der
Handlung nicht mit seiner freien Gestaltung unverträglich geworden
sind. Das wird allerdings zuweilen der Fall sein.
Nicht weniger beachtenswerth ist der Kampf, welchen der Dramatiker in
seinen Rollen gegen das führen muß, was er als Natur zu idealisiren
hat. Seine Aufgabe ist, großer Leidenschaft auch großen Ausdruck
zu geben. Er hat dabei zum Gehilfen den Darsteller, also die
leidenschaftlichen Accente der Stimme, Gestalt, Mimik und Geberde.
Trotz dieser reichen Mittel vermag er fast niemals, und gerade in
den Augenblicken höherer Leidenschaft nicht, die entsprechenden
Erscheinungen des wirklichen Lebens ohne große Veränderungen zu
verwenden, wie stark und schön und wirksam sich dort bei starken
Naturen auch die Leidenschaft ausspreche, und wie großen Eindruck sie
dem zufälligen Beobachter mache. Auf der Bühne soll die Erscheinung
in die Entfernung wirken. Selbst beim kleinen Theater ist ein
verhältnißmäßig großer Zuschauerraum mit dem Ausdrucke der Leidenschaft
zu füllen, gerade die feinsten Accente aber des wirklichen Gefühls
in Stimme, Blick, selbst in der Haltung werden dem Publicum schon
der Entfernung wegen durchaus nicht so deutlich und fesselnd, als
sie im Leben sind. Und ferner, es ist die Aufgabe des Dramas, ein
solches Arbeiten der Leidenschaft in allen Momenten verständlich
und eindringlich zu machen; denn es ist nicht die Leidenschaft
selbst, welche wirkt, sondern die dramatische Schilderung derselben
durch Rede und Mimik; immer sind die Charaktere der Bühne bestrebt,
ihr Inneres dem Hörer zuzukehren. Der Dichter muß deshalb für die
Wirkung auswählen. Die flüchtigen Gedanken, welche in der Seele
des Leidenschaftlichen durcheinander zucken, Schlüsse, welche mit
der Schnelligkeit des Blitzes gemacht werden, die in großer Zahl
wechselnden Seelenbewegungen, welche bald undeutlicher, bald lebendiger
zu Tage kommen, sie alle in ihrer ungeordneten Fülle, ihrem schnellen
Verlauf, oft unvollkommenen Ausdruck, vermag die Kunst so nicht zu
häufen. Sie braucht für jede Vorstellung, jede starke Empfindung eine
gewisse Zahl bedeutsamer Worte und Geberden, die Verbindung derselben
durch Uebergänge oder scharfe Gegensätze erfordert ebenfalls ein
zweckvolles Spiel, jedes einzelne Moment stellt sich breiter dar, eine
sorgfältige Steigerung muß stattfinden, damit eine höchste Wirkung
erreicht werde. So muß die dramatische Dichtkunst zwar die Natur
beständig belauschen, aber sie darf durchaus nicht copiren, ja sie
muß zu den Einzelzügen, welche die Natur ihr angibt, noch ein anderes
mischen, was die Natur nicht bietet. Und zwar sowohl in den Reden
als in der Schauspielkunst. Für die Dichtung ist eins der nächsten
Hilfsmittel der Witz des Vergleiches, die Farbe des Bildes; dieser
älteste Schmuck der Rede tritt mit Naturnothwendigkeit überall in die
Sprache des Menschen, wo die Seele in gehobener Stimmung frei ihre
Flügel regt. Dem begeisterten Redner wie dem Dichter, jedem Volke,
jeder Bildung sind Vergleich und Bild die unmittelbarsten Aeußerungen
eines gesteigerten Wesens, des kräftigen geistigen Schaffens. Nun aber
ist die Aufgabe des Dichters, mit der größten Freiheit und Gehobenheit
seines Wesens die größte Befangenheit seiner Personen in ihren
Leidenschaften darzustellen. Es wird also unvermeidlich sein, daß seine
Charaktere auch in den Momenten hoher Leidenschaft weit mehr von dieser
inneren schöpferischen Kraft der Rede, von der unumschränkten Macht
und Herrschaft über Sprache, Ausdruck und Geberdenspiel verrathen,
als sie in der Natur jemals zeigen. Ja diese innere Freiheit ist ihnen
nothwendig und der Zuschauer fordert sie. Und doch liegt hier die
große Gefahr für den Schaffenden, daß seine Redekunst der Leidenschaft
zu künstlich erscheine. Unsere größten Dichter haben die Kunstmittel
der Poesie oft in einer Reichlichkeit zu leidenschaftlichen Momenten
benutzt, welche verletzt. Es ist bekannt, daß schon Shakespeare bei
pathetischem Ausdruck der Neigung seiner Zeit zu mythologischen
Vergleichen und prächtigen Bildern zu sehr nachgibt; dadurch kommt
häufig ein Schwulst in die Sprache seiner Charaktere, den wir nur über
der Menge von schönen bedeutsamen Zügen, die dem Leben abgelauscht
sind, vergessen. Näher stehen die großen Dichter der Deutschen unserer
Bildung, aber auch bei ihnen, vor anderen bei Schiller, drängt sich
in das Pathos nicht selten eine Schönrednerei, welche unbefangener
Empfindung schon jetzt unbequem wird.
Wenn der Gegensatz zwischen Kunst und Natur bei jedem
leidenschaftlichen Ausdruck erkennbar ist, so gilt dies am meisten von
den innigsten und herzlichsten Empfindungen. Und so wird hier noch
einmal an die sogenannten Liebesscenen erinnert. In der Wirklichkeit
ist der Ausdruck der holden Leidenschaft, welcher aus einer Seele in
die andere dringt, so zart, wortarm und discret, daß er die Kunst in
Verzweiflung bringt. Ein schneller Strahl des Auges, ein weicher Ton
der Stimme vermag dem Geliebten mehr auszudrücken als jede Rede; gerade
die unmittelbarste Aeußerung des süßen Gefühls bedarf der Worte nur
wie nebenbei; auch die Augenblicke der sogenannten Liebeserklärung
werden häufig wortarm, dem Fernstehenden kaum sichtbar verlaufen. Dem
Zuschauer kann auch die höchste Kraft des Dichters und Darstellers
das beredte Schweigen und die schönen geheimen Schwingungen der
Leidenschaft nur durch eine größere Anzahl von Hilfsmitteln ersetzen.
Ja, Dichter und Darsteller müssen gerade hier eine Reichlichkeit
von Wort und Mimik anwenden, die in der Natur unwahrscheinlich ist.
Allerdings vermag der Schauspieler die Worte des Dichters durch Ton und
Geberde zu steigern und zu ergänzen; aber damit er diese erhöhenden
Wirkungen übe, muß die Sprache des Dichters ihn leiten und höchst
planvoll und zweckmäßig die Wirkungen der Schauspielkunst motiviren,
und deshalb verlangt auch der Schauspieler eine schöpferische
Thätigkeit des Dichters, welche nicht eine Nachbildung der
Wirklichkeit, sondern etwas ganz Anderes gibt: das Kunstvolle.
Darf man gegenüber solchen Schwierigkeiten, welche der Ausdruck
hoher Leidenschaft im Drama darbietet, dem Dichter rathen, so wird
ihm das Beste sein, so genau und lebenswahr, als seine Begabung
erlaubt, die einzelnen Momente zu starker Steigerung zusammen zu
schließen und so wenig als möglich die schmückenden Betrachtungen,
Vergleiche, Bilder ins Breite auszuführen. Denn während sie der Sprache
Fülle geben, verdecken sie nur zu gern Flüchtigkeit und Armuth der
poetischen Erfindung. Wenn überall dem dramatischen Dichter genaues,
immerwährendes Beobachten der Natur unentbehrlich ist, so gilt das am
meisten bei Darstellung heftiger Leidenschaften; wohl aber soll er sich
bewußt sein, daß er gerade hier am wenigsten die Natur nachahmen darf.
Eine andere Schwierigkeit entsteht dem Dichter durch den inneren
Gegensatz, in welchen seine Art des Schaffens zu der seines
Verbündeten, des Schauspielers, tritt. Der Dichter empfindet die
Bewegungen seiner Charaktere, ihr Gegenspiel und Zusammenwirken
nicht so, wie der Leser die Worte des Dramas, nicht so, wie der
Schauspieler seine Rolle. Gewaltig und zum Schaffen reizend gehen
ihm der Charakter, die Scene, jedes Moment auf, in der Art, daß ihm
zugleich ihre Bedeutung für das Ganze klar vor Augen steht, während
ihm alles Vorhergehende und alles Nachfolgende wie in leisen Accorden
durch das Gemüth zittert. Die Lebensäußerungen seiner Charaktere,
das Fesselnde der Handlung, die Wirkung der Scenen empfindet er als
lockend und gewaltig vielleicht lange bevor sie in Worten Ausdruck
gefunden haben. Ja, der Ausdruck, welchen er ihnen schafft, gibt
seiner eigenen Empfindung oft sehr unvollständig die Schönheit und
Macht wieder, womit sie in seiner Seele geschmückt waren. Während er
so das Seelenhafte seiner Personen von innen heraus durch die Schrift
festzuhalten bemüht ist, wird ihm die Wirkung der Worte, welche er
niederschreibt, nur unvollkommen klar, erst nach und nach gewöhnt er
sich an ihren Klang; auch den geschlossenen Raum der Bühne, das äußere
Erscheinen seiner Gestalten, die Wirkung einer Geberde, eines Redetons
fühlt er nur nebenbei, bald mehr bald weniger deutlich. Im Ganzen steht
er, der durch die Sprache schafft, den Bedürfnissen des Lesers oder
Hörers noch näher als denen des Schauspielers, zumal wenn er nicht
selbst darstellender Künstler ist. Die Wirkungen, welche er findet,
entsprechen deshalb bald mehr den Bedürfnissen des Lesenden, bald mehr
denen des Darstellers.
Nun aber muß der Dichter großer Empfindung auch einen vollen und
starken Ausdruck durch die Sprache geben. Und die Wirkungen, welche
eine Seele auf andere ausübt, werden dadurch hervorgebracht, daß ihr
Inneres in einer Anzahl von Redewellen herausbricht, welche sich immer
stärker und mächtiger erheben und an das empfangende Gemüth schlagen.
Das bedarf einer gewissen Zeit und auch bei kurzer und höchst kräftiger
Behandlung einer gewissen Breite der Ausführung. Der Schauspieler
dagegen mit seiner Kunst bedarf des Stroms der überzeugenden,
verführenden Rede, ja er bedarf des starken Ausdrucks der Leidenschaft
durch die Sprache nicht immer. Sein Augenmerk ist darauf gerichtet,
noch durch andere Mittel zu schaffen, deren Wirksamkeit der Dichter
nicht ebenso lebendig empfindet. Durch eine Geberde des Schreckens,
des Hasses, der Verachtung vermag er zuweilen weit mehr auszudrücken,
als der Dichter durch die besten Worte. Ungeduldig wird er immer in
Versuchung sein, von den höchsten Mitteln _seiner_ Kunst Gebrauch
zu machen. So werden die Gesetze der Bühnenwirkung für ihn und die
Zuschauer zuweilen andere, als sie in der Seele des schaffenden
Dichters lagen. Dem Darsteller wird oft in dem Kampf der Leidenschaft
ein Wort, ein Augenblick besonders geeignet sein, die stärksten
mimischen Wirkungen daran zu knüpfen; alle folgenden Seelenvorgänge in
seiner Rede, wie poetisch wahr sie an sich sein mögen, werden ihm und
den Zuschauern als Längen erscheinen. Dadurch wird bei der Darstellung
Manches unnöthig, was beim Schreiben und beim Lesen die höchste
Berechtigung hat.
Daß der Schauspieler seinerseits die Aufgabe hat, dem Dichter
mit Sorgfalt zu folgen und sich soviel als irgend möglich den
beabsichtigten Wirkungen desselben anzuschließen, selbst mit
einiger Resignation, das versteht sich von selbst. Nicht selten
aber wird sein Recht besser, als das der Sprache; schon deshalb,
weil seine Kunstmittel: Stimme, Erfindungskraft, Technik, selbst
seine Nerven ihm Beschränkungen auferlegen, die der Dichter nicht
als zwingende empfindet. Der Dichter aber wird bei solchem Recht,
das der Schauspieler gegenüber seiner Arbeit hat, um so mehr mit
Schwierigkeiten kämpfen, je ferner er selbst der Bühne steht, und je
weniger deutlich ihm in den einzelnen Momenten seiner schöpferischen
Thätigkeit das Bühnenbild der Charaktere ist. Er wird also sich durch
Nachdenken und Beobachtung klar machen müssen, wie er seine Charaktere
dem Schauspieler für die Bühnenwirkung bequem zurecht zu legen habe. Er
wird aber der Schauspielkunst auch nicht immer nachgeben dürfen. Und
da er schon beim Schreibtisch die Aufgabe hat, so sehr als möglich der
wohlwollende Vormund des darstellenden Künstlers zu sein, so wird er
die Lebensgesetze der Schauspielkunst ernsthaft studiren müssen.
3.
Kleine Regeln.
Dieselben Gesetze, welche für die Handlung aufgezählt wurden, gelten
auch für die Charaktere der Bühne. Auch diese müssen dramatische
Einheiten sein -- Wahrscheinlichkeit, Wichtigkeit und Größe haben -- zu
starkem und gesteigertem Ausdruck des dramatischen Lebens befähigt sein.
Die Charaktere des Dramas _dürfen nur diejenigen Seiten der
menschlichen Natur zeigen, durch welche die Handlung fortgeführt und
motivirt wird_. -- Kein Geiziger, kein Heuchler, ist immer geizig,
immer falsch, kein Bösewicht verräth seine niederträchtige Seele
bei jeder That, welche er begeht; Niemand handelt immer consequent,
unendlich vielfach sind die Gedanken, welche in der Menschenseele
gegen einander kämpfen, die verschiedenen Richtungen, in welchen sich
Geist, Gemüth, Willenskraft ausdrücken. Das Drama aber, wie jedes
Kunstgebilde, hat nicht das Recht, aus der Summe der Lebensäußerungen
eines Menschen mit Freiheit auszuwählen und zusammenzustellen; nur
was der Idee und Handlung dient, gehört der Kunst. Der Handlung
aber werden nur solche gewählte Momente in den Charakteren dienen,
welche als zusammengehörig leicht verständlich sind. Richard ~III.~
von England war ein blutiger und rücksichtsloser Gewaltherrscher, er
war es aber durchaus nicht immer, nicht gegen Jeden; er war außerdem
ein staatskluger Fürst, und es ist möglich, daß seine Regierung dem
Geschichtschreiber nach einigen Richtungen als ein Segen für England
erscheint. Wenn ein Dichter sich die Aufgabe stellt, die blutige Härte
und Falschheit einer hochüberlegenen, menschenverachtenden Heldennatur
in diesem Charakter verkörpert zu zeigen, so versteht sich von selbst,
daß er Züge von Mäßigung, vielleicht von Wohlwollen, welche sich etwa
im Leben dieses Fürsten finden, in seinem Drama entweder gar nicht,
oder nur so weit aufnehmen darf, als sie den Grundzug des Charakters,
wie er ihn für diese Idee nöthig hat, unterstützen. Und da die Zahl
der charakterisirenden Momente, welche er überhaupt aufführen kann, im
Verhältniß zur Wirklichkeit unendlich klein ist, so tritt schon deshalb
jeder Zug in ein ganz anderes Verhältniß zum Gesammtbilde, als in der
Wirklichkeit. Was aber bei den Hauptfiguren nöthig ist, gilt vollends
von den Nebengestalten; es versteht sich, daß das Gewebe ihrer Seele um
so leichter verständlich sein muß, je weniger Raum der Dichter für sie
übrig hat. Schwerlich wird ein dramatischer Dichter darin große Fehler
begehen. Auch dem ungeübten Talente pflegt die eine Seite sehr deutlich
zu sein, von welcher es seine Figuren zu beleuchten hat.
Das erste Gesetz, das der Einheit, läßt sich noch anders auf die
Charaktere anwenden: _das Drama soll nur einen Haupthelden haben_, um
welchen sich alle Personen, wie groß ihre Zahl sei, in Abstufungen
ordnen. Das Drama hat eine durchaus monarchische Einrichtung, die
Einheit seiner Handlung ist wesentlich davon abhängig, daß die Handlung
sich an einer maßgebenden Person vollzieht. Aber auch für eine sichere
Wirkung ist die erste Bedingung, daß die Antheilnahme des Zuhörers
zumeist auf _eine_ Person gerichtet werde, und daß er möglichst
schnell erfahre, wer ihn vor anderen beschäftigen soll. Da überhaupt
nur an wenigen Personen die höchsten dramatischen Vorgänge in großer
Ausführung zu Tage kommen, so ist schon dadurch Beschränkung auf wenige
große Rollen geboten. Und es ist alte Erfahrung, daß dem Hörer nichts
peinlicher wird als Unsicherheit über den Antheil, welchen er jeder
dieser Hauptpersonen zuzuwenden hat. Es ist also auch ein praktischer
Vortheil des Stückes, seine Wirkungen auf _einen_ Mittelpunkt zu
beziehen.
Wer von diesem Grundsatz abweicht, soll das in der lebhaften Empfindung
thun, daß er einen großen Vortheil aufgibt, und wenn ein Stoff dies
Aufgeben nothwendig macht, sich zweifelnd fragen, ob die dadurch
entstehende Unsicherheit in den Wirkungen des Stückes durch andere
dramatische Vorzüge desselben ersetzt werde.
Eine Ausnahme allerdings hat unser Drama seit langer Zeit aufgenommen.
Wo die Beziehungen zweier Liebenden die Hauptsache der Handlung bilden,
werden diese innig verbundenen Personen gern als gleichberechtigte
angesehen, ihr Leben und Schicksal als eine Einheit aufgefaßt. So in
Romeo und Julia, Kabale und Liebe, den Piccolomini, sogar in Troilus
und Kressida. Aber auch in diesem Falle wird der Dichter wohlthun,
einem von beiden den Haupttheil der Handlung zu geben, wo das nicht
möglich ist, die innere Entwickelung beider durch entsprechende Motive
nach beiden Seiten zu stützen. Bei Shakespeare führt in der ersten
Hälfte des Stückes Romeo, in der zweiten Julia, in Antonius und
Kleopatra ist Antonius bis zu seinem Tode der Held.
Während aber bei Shakespeare, Lessing, Goethe sonst der Hauptheld immer
unzweifelhaft ist, hat Schiller nicht zum Vortheil für den Bau seiner
Stücke eine eigenthümliche Neigung zu Doppelhelden, die schon in den
Räubern hervortritt und in späteren Jahren, seit seiner Bekanntschaft
mit der antiken Tragödie, noch auffallender wird. Carlos und Posa,
Maria und Elisabeth, die feindlichen Brüder, Max und Wallenstein,
Tell, die Schweizer und Rudenz. Diese Neigung läßt sich wohl erklären.
Der pathetische Zug in Schiller war seit der Bekanntschaft mit den
Griechen noch verstärkt worden, er kommt in seinen Dramen nicht selten
in Widerspruch mit einer größeren Dichtereigenschaft, der dramatischen
Energie. So zerlegten sich ihm zwei Richtungen seines Wesens unter der
Hand in getrennte Personen, von denen die eine den pathetischen, die
andere den Haupttheil der Handlung erhält, die zweite freilich noch
zuweilen ihren Antheil an Pathos. Wie diese Theilung den ersten Helden,
der für ihn der pathetische war, herabdrückte, ist bereits gesagt.
Einen anderen Fehler vermeidet der Dichter schwerer. Der Antheil,
welchen die Charaktere am Forttreiben der Handlung haben, muß so
eingerichtet sein, _daß ihr erfolgreiches Thun immer auf dem leicht
verständlichen Grundzuge ihres Wesens beruht_ und nicht auf einer
Spitzfindigkeit ihres Urtheils oder auf einer Besonderheit, welche als
zufällig erscheint. Vor allem darf ein entscheidender Fortschritt der
Handlung nicht aus Wunderlichkeiten eines Charakters, welche nicht
motivirt sind, oder aus solchen Schwächen desselben hervorgehen,
welche unserem schauenden Publicum den fesselnden Eindruck desselben
verringern. So ist die Katastrophe in Emilia Galotti für unsere Zeit
bereits nicht mehr im höchsten Sinne tragisch, weil wir von Emilia und
ihrem Vater männlicheren Muth fordern. Daß die Tochter sich fürchtet
verführt zu werden, und der Vater darum verzweifelt, weil doch der
Ruf der Tochter durch die Entführung geschädigt ist, statt mit dem
Dolch in der Hand sich und seinem Kinde den Ausweg aus dem Schlosse zu
suchen, das verletzt uns die Empfindung, wie schön auch der Charakter
Odoardo's gerade für diese Katastrophe gebildet ist. Zu Lessing's
Zeit waren die Vorstellungen des Publicums von der Macht und Willkür
fürstlicher Herrscher so lebendig, daß die Situation ganz anders wirkte
als jetzt. Und doch hätte Lessing auch bei solcher Voraussetzung den
Mord der Tochter stärker motiviren können. Der Zuschauer muß durchaus
überzeugt sein, daß den Galotti ein Ausweg aus dem Schlosse unmöglich
ist. Der Vater muß ihn mit letzter Steigerung der Kraft versuchen,
der Prinz durch Gewalt verhindern. Dann bleibt freilich immer noch
der größere Uebelstand, daß dem Odoardo in der That weit näher lag,
den schurkischen Prinzen als seine unschuldige Tochter zu töten. Das
wäre viel gewöhnlicher gewesen, aber menschlich wahrer. Natürlich
konnte dieses Trauerspiel solchen Schluß nicht brauchen. Und dies ist
ein Beweis, daß das Bedenkliche des Stückes tiefer liegt als in der
Katastrophe. Noch machte die deutsche Luft, in welcher der starke Geist
Lessing's rang, das Schaffen großer tragischer Wirkungen schwierig. Die
Besten empfanden wie edle Römer zur Kaiserzeit: der Tod macht frei![22]
Wo aber unvermeidlich ist, den Helden in einer wesentlichen Richtung
als kurzsichtig und beschränkt gegenüber seiner Umgebung darzustellen,
muß das herabdrückende Gewicht aufgewogen sein durch eine ergänzende
Seite seiner Persönlichkeit, welche ihm erhöhten Grad von Achtung und
Antheil zuwendet. Das ist gelungen im Götz und Wallenstein, es ist
versucht aber nicht gelungen im Egmont.
Wenn der griechische Verfasser der Poetik vorschreibt, daß die
Charaktere der Helden, um Theilnahme zu erwecken, _aus böse und
gut_ gemischt sein müssen, so gilt dieser Satz, auf die veränderten
Verhältnisse unserer Bühne angewandt, noch heut. Die Stoffbilder, aus
denen die Bühne der Germanen vorzugsweise ihre poetischen Charaktere
heraushebt, sind selbst Menschen. Auch wo der Dichter einmal Gestalten
der Sage verwerthet, versucht er mehr oder weniger glücklich,
dieselben mit der freieren Menschlichkeit und dem reicheren Leben
zu füllen, welches an geschichtlichen Charakteren oder an Personen
der Gegenwart zum Idealisiren einladet. Und der Dichter wird jeden
Charakter für sein Drama benutzen dürfen, welcher die Darstellung
starker dramatischer Vorgänge möglich macht. Die unbedingte und
bewegungslose Güte und Schlechtigkeit sind für Hauptrollen schon
dadurch ausgeschlossen. Die Kunst an sich legt ihm eine weitere
Beschränkung nicht auf. Denn ein Charakter, in welchem die höchsten
dramatischen Vorgänge sich reichlich darstellen lassen, wird ein
Kunstgebilde, wie auch sein Verhältniß zu dem sittlichen Inhalt oder
den gesellschaftlichen Ansichten der Hörer sein möge.
Wohl aber wird dem Dichter die Wahl begrenzt, zunächst durch seinen
eigenen männlichen Charakter, Geschmack, Moral, Sitte, dann aber auch
durch die Rücksicht auf seinen idealen Hörer, das Publicum. Es muß
ihm sehr daran liegen, dasselbe für seinen Helden zu erwärmen und zum
nachschaffenden Mitspieler in den Wandlungen und Gemüthsvorgängen
zu machen, welche er vorführt. Um dies Mitgefühl zu bewahren, ist
er genöthigt Persönlichkeiten zu wählen, welche nicht nur durch die
Wichtigkeit, Größe und Kraft ihres Wesens fesseln, sondern welche auch
Empfindung und Geschmack der Hörer für sich zu gewinnen wissen.
Der Dichter muß also das Geheimniß verstehen, das Furchtbare,
Entsetzliche, das Schlechte und Abstoßende in einem Charakter durch
die Beimischung, welche er ihm gibt, für seine Zeitgenossen zu adeln
und zu verschönen. Der Bühne der Germanen ist die Frage, wie viel der
Dichter darin wagen dürfe, seit Shakespeare kaum mehr zweifelhaft.
Der Zauber seiner schöpferischen Kraft wirkt vielleicht auf Jeden,
der selbst zu bilden versucht, am gewaltigsten durch die Ausführung,
welche er seinen Bösewichtern gegönnt hat. Sowohl Richard ~III.~ als
Jago sind Musterbilder, wie der Dichter auch die Bösen und Schlechten
schön zu bilden habe. Die starke Lebenskraft und die ironische
Freiheit, in welcher sie mit dem Leben spielen, verbindet ihnen ein
höchst bedeutsames Element, welches ihnen widerwillige Bewunderung
erzwingt. Beide sind Schurken ohne jeden Beisatz einer mildernden
Eigenschaft. Aber in dem Selbstgefühl überlegener Naturen beherrschen
sie ihre Umgebung mit einer fast übermenschlichen Kraft und Sicherheit.
Sieht man näher zu, so sind beide sehr verschieden geformt. Richard
ist der wilde Sohn einer Zeit voll Blut und Gräuel, wo die Pflicht
nichts galt und die Selbstsucht Alles wagte. Das Mißverhältniß zwischen
einem ehernen Geist und einem gebrechlichen Körper ist ihm Grundlage
eines kalten Menschenhasses geworden. Er ist ein praktischer Mann
und ein Fürst, der das Böse nur thut, wo es ihm nützt, dann freilich
erbarmungslos, mit einer wilden Laune. Jago dagegen ist weit mehr
Teufel. Ihm macht es Freude, nichtswürdig zu handeln, er thut das Böse
mit innerstem Behagen. Er motivirt sich und Anderen wiederholt in dem
Stück, warum er den Mohren verderbe, er soll ihm einen anderen Offizier
vorgezogen haben, er soll mit seiner Frau geliebelt haben. Das ist
alles nicht wahr, und sofern es wahr ist, nicht der letzte Grund seiner
Tücke. Der Hauptantrieb ist bei ihm der Drang einer schöpferischen
Kraft Anschläge zu machen und Ränke zu spinnen, allerdings zu seinem
eigenen Nutz und Vortheil. Er war deshalb für das Drama schwerer zu
verwerthen als der Fürst, der Feldherr, dem schon die Umgebung und die
großen Zwecke Wichtigkeit und eine gewisse Größe gaben; und deshalb hat
Shakespeare ihn auch noch stärker mit Humor gefüllt, der verschönernden
Stimmung der Seele, welche den einzigen Vorzug hat, auch dem Häßlichen
und Gemeinen eine reizvolle Beleuchtung zu geben.
Grundlage des Humors ist die unbeschränkte Freiheit eines reichen
Gemüthes, welches seine überlegene Kraft an den Gestalten seiner
Umgebung mit spielender Laune erweist. Der epische Dichter, welcher
Neigung und Anlage für diese Wirkungen in sich trägt, vermag sie in
doppelter Weise an den Gestalten seiner Kunst zu erweisen, er kann
diese selbst zu Humoristen machen, oder er kann seinen Humor an ihnen
üben. Der tragische Dichter, welcher nur durch seine Helden spricht,
vermag selbstverständlich nur das erstere, indem er ihnen von seinem
Humor mittheilt. Diese moderne Gemüthsrichtung übt auf den Hörer
stets eine mächtige, zugleich fesselnde und befreiende Wirkung. Für
das ernste Drama jedoch hat ihre Verwerthung eine Schwierigkeit. Die
Voraussetzung des Humors ist innere Freiheit, Ruhe, Ueberlegenheit,
das Wesen des dramatischen Helden ist Befangenheit, Sturm, starke
Erregtheit. Das sichere und behagliche Spielen mit den Ereignissen
ist dem Forteilen einer bewegten Handlung ungünstig, es dehnt fast
unvermeidlich die Scene, in welche es dringt, zu einem Situationsbilde
aus. Wo deshalb der Humor mit einer Hauptperson in das Drama eintritt,
muß der Charakter, der dadurch über die Anderen gehoben wird, andere
Eigenschaften haben, welche verhindern, daß er ruhig beharre: in sich
eine stark treibende Kraft, und darüber eine kräftige fortrückende
Handlung.
Nun ist allerdings möglich, den Humor des Dramas so zu leiten, daß er
heftige Bewegungen der Seele nicht ausschließt, und daß ein freies
Beschauen eigener und fremder Schicksale gesteigert wird durch eine
entsprechende Fähigkeit des Charakters, großer Leidenschaft Ausdruck zu
geben. Aber zu lehren ist das nicht.
Und die Verbindung eines tiefen Gemüths mit dem Vollgefühl sicherer
Kraft und mit überlegener Laune ist ein Geschenk, welches dem Dichter
ernster Dramen in Deutschland noch kaum zu Theil geworden ist. Wem
solche Gabe verliehen wird, der verwendet sie als reicher Mann sorglos,
mühelos, sicher, er schafft sich selbst Gesetz und Regel und zwingt
seine Zeitgenossen ihm bewundernd zu folgen; wer sie nicht hat, der
ringt vergebens darnach, etwas von dem schmückenden Glanz, den sie
überall ausgießt, in seine Scenen hinein zu malen.
Es ist früher gesagt, wie bei unserem Drama die Charaktere den
Fortschritt der Handlung zu motiviren haben, und wie das Schicksal,
welches sie beherrscht, im letzten Grund nichts Anderes sein darf, als
der durch ihre Persönlichkeit hervorgebrachte Lauf der Ereignisse,
welcher in jedem Augenblick von dem Hörer als vernünftig und
wahrscheinlich begriffen werden muß, wie sehr auch einzelne Momente ihm
überraschend kommen. Gerade dann erweist der Dichter seine Kraft, wenn
er seine Charaktere tief und groß zu bilden und den Lauf der Handlung
mit hohem Sinne zu leiten weiß, und wenn er nicht als schöne Erfindung
darbietet, was auf der Heerstraße des gewöhnlichen Menschenverstandes
liegt und was auch seichtem Urtheil das nächste ist. Und mit Absicht
ist wiederholt betont worden, daß jedes Drama ein fest geordnetes
Gefüge sein müsse, bei welchem der Zusammenhang zwischen Ursache und
Wirkung die ehernen Klammern bildet, und daß das Vernunftwidrige als
solches in dem modernen Drama überhaupt keine irgend wichtige Stelle
haben dürfe.
Jetzt aber darf an ein Nebenmotiv für Forttreiben der Handlung
erinnert werden, welches in dem früheren Abschnitt nicht erwähnt
wurde. In einzelnen Fällen dürfen die Charaktere einen Schatten zum
Mitspieler erhalten, der auf unserer Bühne ungern geduldet werden
soll, den Zufall. Wenn nämlich das Werdende in der Hauptsache durch
die treibenden Persönlichkeiten begründet ist, dann darf in seinem
Verlauf allerdings begreiflich werden, daß der einzelne Mensch nicht
mit Sicherheit den Zusammenhang der Ereignisse zu leiten vermag.
Wenn im König Lear der Bösewicht Edmund, wenn in der Antigone der
Gewaltherrscher Kreon den Todesbefehl, welchen sie ausgesprochen
haben, widerrufen, so erscheint allerdings als Zufall, daß derselbe
Befehl so schnell oder in unerwarteter Weise bereits ausgeführt worden
ist. Wenn im Wallenstein der Held den Vertrag, welchen er mit Wrangel
geschlossen hat, zurücknehmen will, so wird allerdings stark betont,
wie unbegreiflich schnell der Schwede verschwunden sei. Wenn in Romeo
und Julia die Nachricht von Julia's Tode eher zu Romeo kommt als die
Botschaft des Pater Lorenzo, so erscheint der Zufall hier sogar von
entscheidender Wichtigkeit für den Verlauf des Stückes. Aber dieses
Eindringen eines nicht berechneten Umstandes, wie sehr es auffallen
mag, ist im Grunde kein von außen hereinbrechendes Motiv, sondern es
ist nur Folge eines charakteristischen Thuns der Helden.
Die Charaktere haben nämlich eine verhängnißvolle Entscheidung abhängig
gemacht von einem Lauf der Thatsachen, den sie nicht mehr regieren
können. Der Fall war eingetreten, den Edmund für den Tod der Cordelia
festgesetzt hatte; Kreon hatte die Antigone in das Grabgewölbe
schließen lassen, ob die Trotzige den Hungertod erwartete oder sich
selbst einen Tod wählte, darüber hatte er die Herrschaft verloren.
Wallenstein hat sein Schicksal in die Hand eines Feindes gegeben; daß
Wrangel guten Grund hatte, den Entschluß des Zögernden unwiderruflich
zu machen, lag auf der Hand. Romeo und Julie sind in die Lage gekommen,
daß die Möglichkeit ihres Lebens von einer fürchterlichen, frevelhaften
und höchst abenteuerlichen Maßregel abhängt, welche der Pater in seiner
Angst ausgedacht hat. In diesen und ähnlichen Fällen tritt der Zufall
nur deshalb ein, weil die Charaktere unter übermächtigem Zwange die
Wahl bereits verloren haben. Er ist für den Dichter und sein Stück
nicht mehr Zufall, d. h. nicht ein Fremdes, welches das Gefüge der
Handlung zerreißt, sondern er ist ein aus den Eigenthümlichkeiten der
Charaktere hervorgegangenes Motiv wie jedes andere, im letzten Grunde
nur eine nothwendige Folge vorausgegangener Ereignisse. -- Dies nicht
unwirksame Mittel ist aber vorsichtig zu gebrauchen und genau durch das
Wesen der Charaktere und die thatsächliche Lage zu motiviren.
Auch für Leitung der Charaktere durch die einzelnen Akte sind, wie
bereits früher gesagt wurde, einige technische Vorschriften zu
beachten; sie werden hier noch einmal kurz hervorgehoben.
Jeder Charakter des Dramas soll die Grundzüge seines Wesens so schnell
als möglich deutlich und anziehend zeigen; auch wo eine Kunstwirkung
in verdecktem Spiele einzelner Rollen liegt, muß der Zuschauer bis
zu einem gewissen Grade Vertrauter des Dichters werden. -- Je später
im Verlauf der Handlung ein neuer Charakterzug zu Tage kommt, desto
sorgfältiger muß er schon im Anfange motivirt werden, damit der
Zuschauer das überraschende Neue mit dem vollen Behagen genieße, daß es
der Anlage des Charakters doch vollständig entspricht.
Im Anfang des Stückes, wo die Hauptcharaktere sich darzustellen
haben, sind kurze Striche Regel; es versteht sich von selbst, daß die
bedeutsamen Einzelzüge nicht anekdotenhaft, sondern mit der Handlung
verwebt zu Tage kommen müssen, ausnahmsweise sind hier kleine Episoden,
eine bescheidene Situationsmalerei erlaubt. -- Die Scenen des Anfangs,
welche die Farbe des Stückes angeben, die Stimmung vorbereiten, sollen
zugleich das Grundgewebe der Helden darlegen. Mit ganz ausgezeichneter
Kunst verfährt dabei Shakespeare. Er läßt gern seine Helden, bevor
sie in die Befangenheit der tragischen Handlung hineingeführt werden,
in der Einleitungsscene den Zug ihres Wesens noch unbefangen und doch
höchst bezeichnend aussprechen: Hamlet, Romeo, Brutus, Othello, Richard
~III.~
Es ist kein Zufall, daß Goethe's Helden, Faust (beide Theile),
Iphigenie, sogar Götz sich durch einen Monolog einführen, oder in
ruhigem Gespräch, wie Tasso, Clavigo; Egmont tritt erst im zweiten
Akt auf. -- Lessing folgt noch der alten Gewohnheit seiner Bühne, die
Helden durch ihre Vertrauten einzuführen; aber Schiller legt wieder
größeres Gewicht auf charakteristische Darlegung der unbefangenen
Helden. In der Trilogie des Wallenstein wird das Wesen des Helden durch
das Lager und den ersten Akt der Piccolomini zuerst in zahlreichen
Abspiegelungen glänzend dargestellt, Wallenstein selbst aber erscheint
durch den Astrologen kurz eingeleitet, im Kreise seiner Familie und
der Vertrauten, aus dem er während des ganzen Stückes nur selten
heraustritt.
Daß neue Rollen in der zweiten Hälfte des Dramas, der Umkehr, eine
besondere Behandlung verlangen, ist bereits gesagt. Der Zuschauer ist
geneigt, die Führung der Handlung durch neue Personen mit Mißtrauen zu
betrachten, der Dichter muß sich hüten zu zerstreuen oder ungeduldig
zu machen. Deshalb bedürfen die Charaktere der Umkehr eine reichere
Ausstattung, fesselnde Einführung, wirksamste Einzelschilderung in
knapper Behandlung. Bekannte Beispiele vortrefflicher Ausführung sind,
außer den früher genannten, Deveroux und Macdonald im Wallenstein,
während Buttler in demselben Stück wieder als Muster gelten kann,
wie ein Charakter, dessen thätiges Eingreifen für den letzten Theil
des Stückes aufgespart ist, als Theilnehmer der Handlung durch die
ersten Theile nicht geschleppt, sondern mit seinen inneren Wandlungen
verflochten wird.
Zuletzt wird sich der ungeübte Bühnendichter hüten, wenn er Andere über
seinen Helden sprechen lassen muß, großen Werth auf solche Erläuterung
des Charakters zu legen, er wird auch den Helden selbst nur wo es
durchaus zweckdienlich ist, ein Urtheil über sich selbst abgeben
lassen; denn Alles, was Andere von einer Person sagen, ja auch was sie
selbst von sich sagt, hat im Drama geringes Gewicht gegen das, was man
in ihr _werden_ sieht, im Gegenspiele gegen Andere, im Zusammenhange
der Handlung. Ja, es mag tötlich wirken, wenn der eifrige Dichter seine
Helden als erhaben, als lustig, als klug empfiehlt, während ihnen in
dem Stücke selbst trotz dem Wunsche des Dichters nicht vergönnt wird
sich so zu erweisen.
Die Führung der Charaktere durch die Scenen muß mit steter Rücksicht
auf das Bühnenbild und die Bedürfnisse der scenischen Darstellung
geschehen. Denn auch in der Scenenführung macht der Schauspieler
gegenüber dem Dichter seine Forderungen geltend und der Dichter thut
wohl, dieselben mit Achtung anzuhören. Er steht zu seinem Darsteller in
einem zarten Verhältnisse, welches beiden Theilen Rücksichten auflegt;
in der Hauptsache ist das Ziel Beider gemeinsam, Beide bethätigen an
demselben Stoff ihre schöpferische Kraft, der Dichter als der stille
Leiter, der Darsteller als ausführende Gewalt. Und der Dichter wird
erfahren, daß der deutsche Darsteller im Ganzen mit schneller Wärme und
Eifer auf die Wirkungen des Dichters eingeht und ihn nur selten mit
Ansprüchen belästigt, durch welche er seine Kunst zum Nachtheil der
Poesie in den Vordergrund zu stellen gedenkt. Da freilich der einzelne
Darsteller die Wirkungen _seiner_ Rolle im Auge hat, der Dichter die
Gesammtwirkung, so wird bei dem Einüben des Stückes allerdings in
vielen Fällen ein Zwiespalt der Interessen hervortreten. Nicht immer
wird der Dichter seinem Verbündeten das bessere Recht zugestehen, wenn
ihm einmal nothwendig wird eine Wirkung abzudämpfen, einen Charakter in
einzelnen Momenten der Handlung zurückzudrängen. Die Erfahrung lehrt,
daß der Darsteller sich bei solchem Widerspruch der beiderseitigen
Auffassung bereitwillig fügt, sobald er die Empfindung erhält, daß der
Dichter die eigene Kunst versteht. Denn der Künstler ist gewöhnt, als
Theilnehmer an einem größeren Ganzen zu arbeiten, und erkennt, wenn er
aufmerksam sein will, recht gut die höchsten Bedürfnisse des Stückes.
Die Forderungen, welche er mit Recht stellt: gute Spielrollen, starke
Wirkungen, Schonung seiner Kraft, bequeme Zurichtung der Scenen, müssen
im Grunde dem Dichter ebenso sehr am Herzen liegen, als ihm.
Diese Forderungen lassen sich aber in der Hauptsache auf zwei große
Grundsätze zurückführen, auf den Satz, welcher hier aufgeführt wurde:
dem schaffenden Dichter soll die Bühnenwirkung deutlich sein, und auf
den kurzen, aber allerdings das Höchste heischenden Satz: der Dichter
soll seinen Charakteren große dramatische Wirkungen zu schaffen
wissen. Zunächst also soll der Dichter in jeder einzelnen Scene, zumal
in Scenen des Zusammenspiels, die Uebersicht über das Bühnenbild
fest in der Seele halten; er soll die Stellungen der Personen und
ihre Bewegungen zu und von einander, wie sie nach und nach auf der
Bühne geschehen, mit einiger Deutlichkeit empfinden. Wenn er den
Schauspieler zwingt, häufiger, als der Charakter und die Würde seiner
Rolle erlauben, sich nach einer und der anderen Person zu richten,
um vielleicht Nebenrollen ihre Wirkung zu erleichtern oder zurecht
zu machen; wenn er versäumt, die Uebergänge aus einer Aufstellung in
die andere, von einer Seite der Bühne auf die andere, welche er bei
einem späteren Moment der Scene voraussetzt, zu motiviren; wenn er
den Schauspieler in eine Lage zwängt, welche ihm nicht verstattet,
ungezwungen und wirksam seine Aktion auszuführen oder mit einem
Mitspieler in die gebotene Verbindung zu treten; wenn er nicht
darauf achtet, welche seiner Rollen jedesmal das Spiel zu bringen
und welche es aufzunehmen hat; ferner, wenn er Hauptrollen längere
Zeit auf der Bühne unbeschäftigt läßt oder der Kraft des Darstellers
zu viel zumuthet, so ist der letzte Grund dieser und ähnlicher
Uebelstände immer eine zu schwache und lückenhafte Vorstellung von
dem Bühnenverlauf der dramatischen Bewegung, welche der Dichter in
ihrem Laufe durch die Seelen vielleicht sehr gut und wirksam empfunden
hat. In allen solchen Fällen haben die Forderungen des Schauspielers
das Recht berücksichtigt zu werden. Und der Schaffende wird auch aus
diesem Grunde dem Bedürfnisse und dem Brauch der Bühne besondere
Aufmerksamkeit zuwenden. Es gibt dafür kein besseres Mittel, als daß
er mit dem Schauspieler einige neu einzuübende Rollen durchgeht --
um zu lernen --, und daß er fleißig den Proben beiwohnt, welche ein
sorgfältiger Regisseur abhält.
Die alte Forderung, der Dichter solle seine Charaktere den Fächern
der Darsteller anpassen, scheint unbehilflicher, als sie in Wahrheit
ist. Zwar sind auf unserer Bühne gerade für die Hauptrollen die festen
Ueberlieferungen aufgegeben, welche den Künstler einst im Bannkreis
seines Faches erhielten, dem „Intriganten” unmöglich machten eine
Rolle aus dem „ersten Fach” zu spielen, und den „Bonvivant” durch eine
schwer zu übersteigende Kluft von dem „jugendlichen Helden” trennten.
Indeß besteht noch soviel von dem Brauch, als für die Darsteller
und den Leiter der Bühne nützlich ist, um das einzelne Talent nach
seiner besonderen Anlage zu ziehen und die Besetzung neuer Rollen zu
erleichtern. Jeder Darsteller erfreut sich demnach eines gewissen
Vorraths von dramatischen Mitteln, welche er innerhalb seines Faches
ausgebildet hat: Tonlage seiner Stimme, Accente der Rede, Haltung
der Glieder, Stellungen, Zwang der Gesichtsmuskeln. Innerhalb seiner
gewohnten Grenzen bewegt er sich verhältnißmäßig sicher, außerhalb
derselben wird er unsicher. Wenn nun der Dichter in derselben Rolle
die gewandte Fertigkeit verschiedener Fächer beansprucht, so wird die
Besetzung schwer, der Erfolg vielleicht zweifelhaft. Es sei z. B. ein
italienischer Parteiführer des fünfzehnten Jahrhunderts nach außen
hin scharf, schlau, verhüllt, rücksichtsloser Bösewicht, in seiner
Familie von warmem Gefühl, würdig, verehrt und verehrungswerth --
keine unwahrscheinliche Mischung --, so würde sein Bild auf der Bühne
sehr verschieden ausfallen, ob der Charakterspieler oder ob der ältere
Held und würdige Vater ihn darstellen, wahrscheinlich würde bei jeder
Besetzung die eine Seite seines Wesens zu kurz kommen. Und dies ist
kein seltener Fall. Die Vortheile richtiger Besetzung nach Fächern, die
Gefahren einer verfehlten kann man bei jedem neuen Stück beobachten.
Der Dichter wird sich zwar durch solche kluge Rücksicht auf die größere
Sicherheit seiner Erfolge nirgend bestimmen lassen, wo ihm das Formen
eines ungewöhnlichen Bühnencharakters von Wichtigkeit wird. Er soll nur
wissen, was für ihn und seine Darsteller am bequemsten ist.
Und wenn zuletzt von dem Dichter gefordert wird, daß er seine
Charaktere wirksam für den Darsteller bilde, so enthält dieser Wunsch
die höchste Forderung, welche überhaupt dem dramatischen Dichter
gestellt werden kann. Denn für den Darsteller wirksam schaffen, heißt
in Wahrheit nichts anderes, als im besten Sinne des Wortes dramatisch
schaffen. Seele und Leib der Schauspieler sind bereit, sich in höchst
bewußte, schöpferische Thätigkeit zu versetzen, um das geheimste
Empfinden, Gefühl und Gedanken, Willen und That zu verbildlichen. Der
Dichter sehe zu, daß er diesen gewaltigen Vorrath von Hilfskräften
für seine Kunstwirkungen vollständig und würdig zu benutzen wisse.
Und sein Kunstgeheimniß -- das erste, welches in diesen Blättern
dargestellt wurde, und das letzte -- ist nur das eine: er schildere bis
ins Einzelne genau und wahr, wie starke Empfindung aus dem geheimen
Leben als Begehren und That herausbricht und wie starke Eindrücke von
außen in das Innere des Helden hineinschlagen. Das beschreibe er mit
poetischer Fülle aus einer Seele, welche genau, scharf, reichlich jeden
einzelnen Augenblick dieses Vorganges anschaut und besondere Freude
findet, ihn mit schönen Einzelzügen abzubilden. So arbeite er, und er
wird seinen Darstellern die größten Aufgaben stellen, und wird ihre
Kraft würdig und völlig verwerthen.
Und wieder muß gesagt werden: keine Technik belehrt, wie man es
anfangen müsse, um so zu schreiben.
Fünftes Kapitel.
Vers und Farbe.
Das Jahrhundert, in welchem der Roman die herrschende Gattung der
Poesie geworden ist, wird den Vers nicht mehr für ein unentbehrliches
Element des dichterischen Schaffens halten. Auch sind mehre Dramen
hohen Stils, beliebte Repertoirestücke unserer Bühnen, in ungebundener
Rede gedichtet. Wenigstens bei dramatischen Stoffen aus neuerer Zeit
ist, so sollte man meinen, die Prosa das angemessenste Material für
Ausdruck solcher Gedanken und Empfindungen, welche aus einem uns wohl
bekannten wirklichen Leben auf die Bühne versetzt werden. Aber das
ernste Drama wird sich doch nur schwer entschließen, die Vortheile,
welche der Vers gewährt, aufzugeben, um die der Prosa zu gewinnen.
Es ist wahr, die ungebundene Rede läuft flüchtiger, müheloser, ja
in mancher Hinsicht dramatischer dahin. Es ist leichter, in ihr
die verschiedenen Charaktere zu unterscheiden, sie bietet von der
Satzbildung bis zu den mundartlichen Klängen hinab den größten
Reichthum an Farben und Schattirungen, alles ist zwangloser, sie
schmiegt sich behend jeder Stimmung an, sie vermag sogar leichtem
Geplauder und humoristischem Behagen eine Anmuth zu geben, welche
dem Verse sehr schwer wird; sie erlaubt größere Unruhe, stärkere
Gegensätze, heftigere Bewegung. Aber diese Vortheile werden reichlich
aufgewogen durch die gehobene Stimmung des Hörers, welche der Vers
hervorbringt und erhält. Während die Prosa leicht in Gefahr kommt, die
Bilder der Kunst zu Abbildern gewöhnlicher Wirklichkeit herabzuziehen,
steigert die Sprache des Verses das Wesen der Charaktere in das Edle.
In jedem Augenblick wird in dem Hörer die Empfindung rege erhalten,
daß er Kunstwirkungen gegenüber steht, welche ihn der Wirklichkeit
entrücken und in eine andere Welt versetzen, deren Verhältnisse der
menschliche Geist mit Freiheit geordnet hat. Auch die Beschränkung,
welche der Dialektik und zuweilen der Kürze und Schärfe des Ausdrucks
auferlegt wird, ist kein sehr fühlbarer Verlust; der dichterischen
Darstellung ist die Schärfe und Feinheit der Beweisführung nicht
ganz so wichtig, als die Einwirkung auf das Gemüth und als der Glanz
des bildlichen Ausdrucks, des Vergleichs und Gegensatzes, welche der
Vers begünstigt. In dem rhythmischen Klange des Verses schweben, der
Wirklichkeit enthoben, Empfindung und Anschauung wie verklärt in
die Seelen der Hörer; und es muß gesagt werden, daß diese Vortheile
gerade bei Stoffen aus der Neuzeit sehr wohlthätig sein können,
denn bei ihnen ist die Enthebung aus den Stimmungen des Tages am
nöthigsten. Wie dergleichen gemacht werden kann, zeigt nicht nur der
„Prinz von Homburg”, auch die Behandlung, welche Goethe einem an sich
undramatischen Stoff in der „Natürlichen Tochter” gegönnt hat, obgleich
die Verse dieses Dramas für die Schauspieler nicht bequem geschrieben
sind.
Der fünffüßige Jambus ist bei uns als dramatischer Vers seit Goethe und
Schiller durchgesetzt. Ein vorwiegend trochäischer Fall der deutschen
Wörter macht diesen Vers besonders bequem. Er ist allerdings im
Vergleich zu den kleinen logischen Einheiten des Sprachsatzes, deren
Verkoppelung zu zweien das Wesen jeder Verszeile ausmacht, ein wenig
kurz; wir vermögen in seinen zehn oder elf Silben nicht die Fülle
des Inhalts zusammenzudrängen, welche er z. B. in der gedrungenern
englischen Sprache hat, und der Dichter kommt daher bei einer Neigung
zu reichlichem, tönendem Ausdruck leicht dazu, einen Satztheil für
anderthalb oder zwei Verszeilen auszuweiten, welcher besser in einer
untergebracht wäre, und dadurch seinen Redefluß übermäßig zu dehnen.
Aber der Fünffuß hat den Vortheil der möglichst größten Flüssigkeit und
Beweglichkeit, er vermag sich mehr als ein anderer Vers den wechselnden
Stimmungen anzupassen, jeder Veränderung in Tempo und Bewegung der
Seele zu folgen.
Die übrigen Versmaße, welche für das Drama bisher verwerthet sind,
leiden an dem Uebelstand, daß sie eine zu starke eigenthümliche
Klangfarbe haben und das Charakterisiren durch die Rede, wie sie dem
Drama nöthig ist, mehr als billig beschränken.
Der deutsche trochäische Tetrameter, den z. B. Immermann in der
Katastrophe seines „Alexis” unter vielen anderen Maßen wirkungsvoll
verwendet hat, läuft wie alle trochäischen Verse zu gleichmäßig mit
dem Tonfall unserer Sprache. Die scharfen Taktschritte, welche seine
Füße in der Rede hervorbringen, und der lange schwungvolle Lauf geben
ihm in der deutschen Sprache -- abweichend von der griechischen --
etwas Unruhiges, Aufwühlendes, eine dunkle Klangfarbe, welche nur für
hohe tragische Stimmungen zu verwerthen wäre. Der jambische Sechsfuß,
dessen Cäsur in der Mitte des dritten Fußes steht, das tragische Maß
der Griechen, ist in Deutschland bis jetzt wenig verwendet worden.
Durch die Uebersetzungen aus dem Griechischen kam er in den Ruf einer
Steife und Starrheit, die ihm nicht wesentlich anhängen, er ist sehr
wohl lebhafter Bewegung und zahlreicher Abwechslungen fähig. Sein
Klang ist majestätisch und voll, für reichlichen Ausdruck, welcher
langathmig dahinzieht, vortrefflich geeignet. Nur den Uebelstand
hat er, daß sein Haupteinschnitt, welcher auch im Drama nach der
fünften Silbe festgehalten werden muß, den beiden Hälften des Verses
sehr ungleiches Maß gibt. Gegen fünf Silben stehen sieben, oder bei
weiblicher Endung gar acht; leicht drückt sich daher in der zweiten
Hälfte eine zweite Cäsur so stark ein, daß sie den Vers in drei Theile
spaltet. Dies Nachklingen der längeren Hälfte macht ferner einen
männlichen Abschluß des Verses wünschenswerth, und das Vortönen der
männlichen Endungen trägt allerdings dazu bei, ihm Wucht, zuweilen
Härte zu geben. -- Der Alexandriner, ein jambischer Sechsfuß, dessen
Einschnitt nach der dritten Hebung liegt und den Vers in zwei gleiche
Theile fällt, zerschneidet im deutschen Drama die Rede zu auffallend.
Im Französischen ist seine Wirkung eine andere, weil bei dieser
Sprache der Versaccent weit mehr gedeckt und auf das mannigfaltigste
unterbrochen wird. Nicht nur durch den launischen und unruhigen
Wortaccent, sondern auch durch freie rhythmische Schwingungen der
gesprochenen Rede, durch ein Zusammenwerfen und Dehnen der Worte,
welches wir nicht nachahmen dürfen, und das auf einem stärkeren
Heraustreten des Klangelementes der Sprache beruht, mit welcher die
schöpferische Kraft des Redenden in origineller Weise zu spielen weiß.
Endlich ist im Deutschen noch ein jambischer Vers für lebhafte Bewegung
vorzüglich geeignet, ebenfalls noch wenig benutzt, der Sechsfuß der
Nibelungen, in der neueren Sprache ein jambischer Sechsfuß, dessen
vierter Fuß nicht nur ein Jambus, auch ein Anapäst sein kann, und
stets hinter der (ersten) Senkung den Haupteinschnitt des Verses
enthält. Das Eigenthümliche und deutscher Rede Angemessene ist bei ihm
das späte Eintreten des Einschnittes, welcher, abweichend von allen
antiken Maßen, die in der Regel stärkere Silbenzahl der ersten Hälfte
des Verses anweist. Wenn die Verszeilen dieses Maßes nicht strophisch
verbunden, sondern mit kleinen Abwechslungen im Bau als fortlaufende
Langverse verwendet werden, mit häufigem Ueberschlagen der Redesätze
aus einem Vers in den anderen, so wird dieses Maß ausgezeichnet wirksam
für den Ausdruck auch des leidenschaftlichsten Fortschritts. Und es
ist möglich, daß sein Wesen, welches den rhythmischen Verhältnissen
der deutschen Sprache vielleicht am besten entspricht, für bewegte
Erzählung, ja sogar einmal für eine Gattung des Lustspiels Bedeutung
gewinnt. Dem hohen Drama wird der Reim, welchen bei diesem Maß je
zwei Langverse als verbindendes Element nicht entbehren können, wohl
immer zu klangvoll und spielend sein, wie sehr man ihn auch durch das
Hinüberziehen der Rede aus einem Vers in den anderen zu dämpfen vermag.
Für das moderne Drama ist ferner Gleichheit der Klangfarbe, also
Einheit des Versmaßes unentbehrlich. Unsere Sprache und die
Fassungskraft der Hörer sind, was Klangverhältnisse betrifft, wenig
entwickelt. Die Verschiedenheiten im Versklange werden mehr als
störende Unterbrechungen denn als fördernde Helfer aufgefaßt. Ferner
aber ist der Antheil an dem geistigen Inhalt der Rede und an der
dramatischen Bewegung der Personen so sehr in den Vordergrund getreten,
daß auch darum jedes Versmaß, welches in seinem Abstich von dem
Vorhergehenden die Aufmerksamkeit auf sich lenkt, als eine Zerstreuung
empfunden wird.
Dies ist auch der Grund, welcher billig die Prosa zwischen Versen von
unseren Dramen ausschließen sollte. Denn noch stärker wird durch sie
der Gegensatz in der Färbung. Eingefügte Prosa gibt ihren Scenen immer
etwas derb der Wirklichkeit Nachgeahmtes, und dieser Uebelstand wird
dadurch erhöht, daß sie dem Dichter als Mittel dient, um Stimmungen
auszudrücken, für welche der würdige Klang des Verses zu vornehm
scheint.
Der jambische Fünffuß fließt dem deutschen Dichter, dessen Seele sich
erst gewöhnt hat in den Schwingungen desselben zu empfinden, meistens
leicht auf das Papier. Aber seine Durchbildung zum dramatischen Verse
pflegt dem Deutschen doch schwer zu werden, und die Dichter sind nicht
zahlreich, denen dies völlig gelang. Und so deutlich drückt dieser Vers
die Eigenschaft des Dichters aus, welche hier die dramatische genannt
wurde, daß der Leser eines neuen Stückes schon aus wenigen Versreihen
des bewegten Dialogs zu erkennen vermag, ob diese dramatische Kraft
in dem Dichter herausgebildet sei. Allerdings ist den Deutschen immer
noch leichter möglich dramatisch zu empfinden, als dies innere Leben in
entsprechender Weise im Vers auszudrücken.
Bevor der jambische Vers für die Bühne brauchbar wird, muß der Dichter
im Stande sein, ihn richtig, wohllautend und ohne übergroße Anstrengung
zu schaffen, Haupteinschnitt und Hilfscäsuren, Hebungen und Senkungen,
männliche und weibliche Endungen müssen nach bekannten Gesetzen
regelrecht und in gefälligem Wechsel heraustreten.
Hat der Dichter diese Technik des Versbaues erworben, und gelingt ihm,
klingende Verse mit gefälligem Fluß und kernigem Inhalt zu schreiben,
so ist sein Vers sicher noch recht undramatisch. Und die schwierigere
Arbeit beginnt. Jetzt muß der Dichter eine andere Art von rhythmischer
Empfindung gewinnen, welche ihn veranlaßt, an Stelle der Regelmäßigkeit
scheinbare Unregelmäßigkeit zu setzen, den gleichartigen Fluß in der
mannigfaltigsten Weise zu stören, das heißt, mit stark bewegtem Leben
zu erfüllen.
Vorhin war gesagt, daß der Alexandriner bei den Franzosen durch das
Eintreten unregelmäßiger Klangschwingungen in der Rede variirt und
belebt werde. Die dramatische Sprache der Deutschen gestattet dem
Schauspieler nicht, gleich der französischen, das unbeschränkte Spiel
mit den Worten durch schnell wechselndes Zeitmaß, scharfe Accente,
durch ein Verlangsamen und Dahinwerfen des Klanges, welches fast
unabhängig von der Bedeutung, welche die einzelnen Worte im Satze
haben, vor sich geht. Dagegen ist dem Deutschen in ausgezeichneter
Weise die Fähigkeit verliehen, die Bewegung seines Innern im Bau seiner
Rede, durch Verbinden und Trennen der Sätze, durch Herausheben und
Verstellen einzelner Wörter auszudrücken. Die Rhythmik der aufgeregten
Seele prägt sich bei den Deutschen in der logischen Fügung und Trennung
der Satztheile noch kräftiger aus, als bei den Romanen in den tönenden
Schwingungen ihrer Recitation.
In dem Jambus des Dramas tritt dieses Leben dadurch ein, daß es den
gleichmäßigen Bau des Verses unterbricht, aufhält und zerhackt, in
unendlich verschiedenen Abschattirungen, welche durch die innere
Bewegung der Charaktere hervorgebracht werden. Jeder Stimmung
der Seele hat der Vers sich gehorsam zu bequemen, jeder soll er
sowohl durch seinen Rhythmus als durch die logische Verbindung der
Satzeinheiten, welche er zusammenschließt, zu entsprechen suchen.
Für ruhige Empfindung und feine Bewegung, welche getragen und würdig
oder in heiterer Lebendigkeit dahinzieht, hat er seine reinste Form,
den schönsten Wohlklang, einen gleichmäßigen Fluß zu verwenden.
In solcher ruhiger Schönheit gleitet gern der dramatische Jambus
bei Goethe dahin. Hebt sich aber die Empfindung höher, fließt die
gesteigerte Stimmung in schmuckvoller, langathmiger Rede heraus, dann
soll der Vers in langen Wellen dahinrauschen, bald in überwiegenden
weiblichen Endungen ausklingend, bald durch häufigeren männlichen
Ausgang kräftig abschließend. Das ist in der Regel der Vers Schiller's.
Die Erregung wird stärker, einzelne Redewellen reichen über den Vers
hinüber und füllen noch Theile des nächsten, dazwischen drängen kurze
Stöße der Leidenschaft und zerbrechen den Bau einzelner Verse; aber
noch überzieht diese aufsteigenden Wirbel die rhythmische Strömung
einer längeren Rede. So bei Lessing. Aber stürmischer, wilder wird
der Ausdruck der Erregung, der rhythmische Lauf des Verses scheint
vollständig gestört, immer wieder klingt ein Redesatz aus dem Ende
eines Verses in den Anfang des andern, bald hier, bald dort wird ein
Stück des Verses theils zum Vorhergehenden, theils zum Folgenden
gerissen, Rede und Gegenrede zerhacken das Gefüge; das erste Wort
des Verses und das letzte -- zwei bedeutungsvolle Stellen --
springen los und treten als besondere Glieder in die Rede, der Vers
bleibt unvollendet, statt dem ruhigen Wechsel weicherer und härterer
Endungen folgen längere Versreihen mit dem männlichen Abfall, die
Verscäsur ist kaum noch zu erkennen, auch in diejenigen Senkungen,
über welche beim regelmäßigen Lauf der Rhythmus schnell dahinschweben
muß, dringen mächtig schwere Wörter, wie chaotisch bewegen sich die
Theile des Verses durcheinander. Das ist der dramatische Vers, wie
er in den besten Stellen Kleist's, trotz aller Manier in der Sprache
des Dichters, die mächtigste Wirkung ausübt, wie er noch größer
und durchgebildeter in den leidenschaftlichen Scenen Shakespeare's
dahinwirbelt.
Erst wenn der Dichter in solcher Weise seinen Vers gebrauchen lernt,
hat er ihn mit dramatischer Seele erfüllt. Immer aber muß er ein
Gesetz festhalten: der dramatische Vers soll nicht gelesen, nicht
ruhig recitirt, sondern im Charakter gesprochen werden. Für diesen
Zweck ist nöthig, daß die logische Verknüpfung seiner Redesätze durch
Binde- und Fürwörter leicht verständlich sei. Ferner, daß der Ausdruck
der Empfindungen dem Charakter des Redenden entspreche und nicht in
unverständlicher Kürze abbreche, nicht schleppend dahinfahre; endlich
daß harte und übelklingende Lautverbindungen und schwerverständliche
Wörter sorgfältig gemieden werden. Der gesprochenen Rede wird es sowohl
leichter als schwerer, den Sinn der Worte wiederzugeben. Zunächst
verletzt und zerstreut jeder Mißklang, den der Leser wahrscheinlich
gar nicht bemerkt. Jede Unklarheit in der Satzverbindung macht den
Darsteller und den Zuschauer unsicher und verleitet zu falscher
Auffassung. Aber auch vor genauem Ausdruck in feiner und geistvoller
Auseinandersetzung ist der Leser scharfsinniger und empfänglicher, als
der leicht zerstreute und lebhafter beschäftigte Hörer. Dagegen vermag
der Darsteller auch Vieles zu erklären. Der Leser in verhältnißmäßig
ruhiger Stimmung folgt den kurzen Sätzen einer gebrochenen Rede,
deren innerer Zusammenhang ihm nicht durch die gewöhnlichen Partikeln
logischer Satzverbindung nahe gelegt wird, mit Anstrengung, welche
leicht zur Ermüdung wird; dem Darsteller dagegen sind gerade solche
Stellen die willkommenste Grundlage für sein Schaffen. Durch einen
Accent, einen Blick, eine Geberde versteht er den letzten Zusammenhang,
die vom Dichter ausgelassenen Zwischenvorstellungen rasch dem Hörer
verständlich zu machen, und die Seele, welche er selbst in die Worte
legt, die Leidenschaft, welche aus ihm herausströmt, wird ein Leiter,
welcher den Inhalt der gedrungenen und zerrissenen Rede dem Hörer
vielleicht zu einer gewaltigen Einheit herausbildet. Es geschieht,
daß beim Lesen lange Versreihen den Eindruck des Gekünstelten,
Gesuchten machen, welche auf der Bühne sich in ein Gemälde der höchsten
Leidenschaft verwandeln. Nun ist möglich, daß der Schauspieler einmal
das Beste dabei gethan hat, denn seine Kunst ist besonders da mächtig,
wo der Dichter wohl einen Gedankenstrich anbringt. Aber ebenso oft
hat schon die Dichtkunst das beste Recht, und an dem Leser liegt die
Schuld, weil seine nachschaffende Kraft nicht so thätig ist, als sie
sein sollte. Leicht ist in den Versen Lessing's diese Besonderheit
des Stils zu erkennen. Das häufige Unterbrechen der Rede, die kurzen
Sätze, die Fragen und Einwürfe, die bewegten dialektischen Prozesse,
welche seine Personen durchmachen, erscheinen beim Lesen als eine
gekünstelte Unruhe. Aber sie sind mit wenigen Ausnahmen so genau, wahr
und tief empfunden, daß dieser Dichter gerade deshalb ein Liebling der
Darsteller wird. Noch auffallender ist dieselbe Eigenschaft bei Kleist,
aber in ihm nicht immer gesund und nicht immer wahr. In dem Unruhigen,
Fieberhaften, Aufgeregten seiner Sprache findet das innere Leben seiner
Charaktere, welches gewaltig und zuweilen unbehilflich nach Ausdruck
ringt, das entsprechende Abbild. Aber auch unnützes Unterbrechen
der Rede ist nicht selten, eine unnöthige gemachte Lebendigkeit,
zweckloses Fragen, ein Mißverstehen, das nicht fördert. Meist hat er
gerade dabei einen praktischen Zweck, er will einzelne Vorstellungen,
die ihm wichtig scheinen, kräftig hervorheben. Aber ihm dünkt zuweilen
wichtig, was in der That keine Bedeutung beansprucht, und das häufige
Wiederkehren der kleinen Sprünge, welche von der gebotenen Linie
abführen, stört nicht nur den Leser, auch den Hörer.
Die Wirkung des Verses kann auch im deutschen Drama verstärkt werden
durch Parallelismus der Verse, sowohl einzelner als ganzer Versbündel.
Zumal in den Dialogscenen, wo Satz und Gegensatz scharf zusammentreten,
sind solche Schlagverse ein wirksames Mittel, den Abstich zu bezeichnen.
Freilich die Ausdehnung, welche dies rhythmische Schweben im
griechischen Drama hatte, vermögen wir Deutsche nicht nachzuahmen. Wir
sind bei unserer Sprechweise im Stande, noch je vier Verse auf der
Bühne als Einheiten gegen einander so herauszuheben, daß dem Hörer
Gleichfall und Gegensatz vernehmlich wird. Bei einer Recitation, welche
weniger die logische Seite und mehr die Klangschönheit hervorhebt,
welche der Stimme stärkere Abwechslung erlaubt, könnte man wohl noch
längere Versreihen einander wirksam gegenüberstellen. Und wenn die
Griechen durch ihre Art der Recitation sogar zehn Trimeter zu einer
Einheit zusammenkoppelten und in der Gegenrede denselben Tonfall
wiederholten, so liegt darin für uns nichts Unbegreifliches. Es ist
möglich, daß es in der ältern Zeit der griechischen Tragödie eine
Anzahl von Recitationsmelodien oder Weisen gab, welche für ein Stück
neu erfunden wurden oder den Hörern bereits bekannt waren, und welche,
ohne den Klang der Rede bis zum tönenden Gesange zu steigern, eine
längere Versgruppe zu einer Einheit verbanden.
Für uns ist diese Vortragsweise nicht zu verwenden. Ja auch in
Anwendung der gewöhnlichen Schlagverse, welche zu je einem, je zwei,
je vier kämpfen, ist Maß geboten. Denn unsere Art des dramatischen
Schaffens sträubt sich gegen jede Künstelei, durch welche die Bewegung
der Charaktere und ihrer Empfindungen beschränkt wird. Das Behagen an
dem Stilvollen solcher Gegenreden ist geringer als die Sorge, daß die
Wahrheit der Darstellung durch eine künstliche Beschränkung verringert
werden könnte. Der Dichter wird deshalb gut thun, diese kleine Wirkung
abzudämpfen und ihr die Strenge und den Schein der Künstlichkeit
dadurch zu nehmen, daß er parallele Verssätze durch unregelmäßig
gestellte Verse unterbricht.
In der Seele des Dichters leuchtet zugleich mit der Grundlage der
Charaktere und den Anfängen der Handlung die Farbe des Dramas auf.
Diese eigenthümliche Zugabe jedes Stoffes wird in uns Modernen
kräftiger entwickelt als in früherer Zeit, denn die geschichtliche
Bildung hat uns Sinn und Interesse für das von unserem Leben
Abweichende sehr geschärft. Charakter und Handlung werden von dem
Dichter lebhaft in der Besonderheit empfunden, welche Zeit, Ort,
Bildungsverhältnisse des wirklichen Helden, seine Art zu sprechen und
zu handeln, die Tracht und die Formen des Umgangs im Gegensatz zu
unserem Leben haben. Dies Originelle, welches an dem Stoffe hängt,
trägt der Dichter auch auf sein Kunstwerk über, auf die Sprache seiner
Helden, auf ihre Umgebung bis hinab zu Tracht, Decoration, Geräth. Auch
dies Besondere und Eigenartige idealisirt der Dichter. Er empfindet es
als bestimmt durch die Idee seines Stückes. Eine gute Farbe ist eine
wichtige Sache; sie wirkt im Beginn des Stückes sogleich anregend und
fesselnd auf den Zuschauer, sie bleibt bis zum Ende ein reizvoller
Bestandtheil, welcher zuweilen Schwächen der Handlung zu überdecken
vermag.
Nicht in jedem Dichter entwickeln sich diese schmückenden Farben
gleich lebhaft, sie treten auch nicht bei jedem Stoff mit derselben
Energie an das Licht. Aber ganz fehlen sie nirgend, wo Charaktere und
menschliche Zustände geschildert werden. Sie sind dem Epos, dem Roman
unentbehrlich, wie dem Drama.
Am wichtigsten wird die Farbe bei geschichtlichen Stoffen, hier hilft
sie wesentlich die Helden zu charakterisiren. Der dramatische Charakter
selbst muß in seinem Empfinden und Wollen einen Inhalt haben, welcher
ihn einem gebildeten Manne der Gegenwart weit näher stellt, als sein
Stoffbild in der Wirklichkeit unserer Empfindungsweise entspricht. Die
Farbe aber ist es, welche den inneren Gegensatz zwischen dem Manne der
Geschichte und dem Helden des Dramas dem Hörer anmuthig verdeckt, sie
umkleidet den Helden und seine Handlung mit dem schönen Schein eines
fremdartigen, die Einbildungskraft anlockenden Wesens.
Die neuere Bühne bemüht sich daher mit Recht, schon in der Tracht,
welche sie den Darstellern gibt, die Zeit, in welcher das Stück spielt,
die gesellschaftliche Stellung und manche Eigenthümlichkeiten der
vorgeführten Charaktere auszudrücken. Wir sind erst etwa hundert Jahre
von der Zeit geschieden, wo auf dem deutschen Theater Cäsar noch in
Perrücke und Degen auftrat, und Semiramis ihren Reifrock durch einige
fremde Flittern und ihren Haaraufputz mit einer auffälligen Garnitur
umgab, um sich als fremdartig auszuweisen. Jetzt ist man auf einzelnen
großen Bühnen in Nachahmung der historischen Tracht sehr weit gegangen,
auf der Mehrzahl hinter den Anforderungen, welche das Publikum im
mittleren Durchschnitt der geschichtlichen Kenntnisse an die scenische
Ausstattung zu machen berechtigt ist, zurückgeblieben. Es ist klar,
daß die Bühne nicht die Aufgabe hat, antiquarische Seltenheiten
nachzubilden, es ist aber ebenso deutlich, daß sie vermeiden muß,
einer größeren Anzahl ihrer Zuschauer dadurch Anstoß zu geben, daß sie
die Helden in eine Kleidung zwängt, welche vielleicht niemalen und
nirgend, sicher nicht in dem Jahrhundert derselben möglich war. Wenn
der Dichter einmal alterthümelnde Liebhabereien Uebereifriger von der
Kleidung seiner Helden abhalten muß, weil das Seltsame und Ungewohnte
der Zuthat sein Stück nicht fördert sondern stört, so wird er noch
öfter Veranlassung haben, bei einem Hohenstaufendrama das spanische
Mäntelchen und über einem Sachsenkaiser schimmernde Blechrüstung zu
verbitten, welche seine Otto und Heinriche in Goldkäfer verwandelt
und durch unerträglichen Glanz erweist, daß sie nie von einem
Schwertstreich getroffen worden ist.
Aehnlich steht es mit der Malerei und dem Geräth des Theaters. Ein
Roccocotisch, in eine Scene des fünfzehnten Jahrhunderts gesetzt, oder
griechische Säulenhallen, unter denen König Romulus wandelt, sind
bereits dem Zuschauer peinlich. Um solche Nachlässigkeiten einzelner
Regisseure und Schauspieler zu erschweren, wird der Dichter gut thun,
bei Stücken aus entfernter Zeit sowohl die scenische Ausstattung als
auch die Kleidertracht genau vorzuschreiben, und zwar auf besonderem
Blatt.
Für ihn aber ist das wichtigste Material, durch welches er seinem
Stück Farbe gibt, die Sprache. Es ist wahr, der Jambus hat selbst
eine gewisse Klangfarbe und dämpft den charakteristischen Ausdruck
mehr als die Prosa. Aber auch er gestattet noch großen Reichthum an
Schattirungen, sogar den Wörtern noch leise Färbung in den Dialekt.
Bei Stoffen aus älterer Zeit muß der Sprache eine dieser Zeit
entsprechende Farbe erfunden werden. Das ist eine hübsche,
herzerfreuende Arbeit, die der Schaffende recht liebevoll vornehmen
soll. Am meisten wird sie gefördert durch sorgfältiges Lesen der
erhaltenen Schriftdenkmäler aus der Zeit der Helden. Auch die fremde
Sprache derselben wirkt durch eigenthümlichen Tonfall, durch den
Satzbau, die volksthümliche Art zu reden anregend auf das Gemüth des
Dichters. Und mit der Feder in der Hand wird sich der Schaffende,
was ihm an kräftigem Ausdruck, treffendem Bild, schlagendem
Vergleich, sprichwörtlicher Redensart brauchbar erscheint, zurecht
legen. Bei jedem fremden Volke, dessen Literatur irgend zugänglich
ist, wird solche Arbeit förderlich, am meisten freilich gegenüber
der heimischen Vorzeit. Unsere Sprache in früher Zeit hat, wie
noch jetzt die slavische, eine weit größere, die Einbildungskraft
anregende Bildlichkeit. Der Sinn der Worte ist nicht durch eine
lange wissenschaftliche Arbeit vergeistigt, überall haftet an ihnen
etwas von dem ersten sinnlichen Eindruck in die Volksseele, dem sie
ihre Entstehung verdankten. Groß ist die Zahl der Sprichwörter, der
gedrungenen Formeln und bildlichen Redensarten, welche die Reflexionen
unserer Zeit ersetzen. Solche Bestandtheile möge der Schaffende in dem
Gedächtniß festhalten, nach ihrer Melodie bildet seine Begabung bald
selbstthätig Grundton und Stimmung für die Sprache des Dramas heraus.
Und bei solcher Durchsicht der Werke aus alter Zeit bleiben dem Dichter
noch andere, kleine Züge hängen, Anekdoten, vieles Besondere, was ihm
seine Bilder ergänzt und beleuchtet.
Was er so gefunden hat, darf er allerdings nicht pedantisch verwerthen
oder wie Arabesken in seine Rede hineinsetzen; jedes Einzelne darf ihm
wenig bedeuten, aber die Anregung, die er dadurch erhält, ist für ihn
von höchstem Werth.
Und diese Stimmung, die er seiner Seele gegeben hat, verläßt ihn nicht,
auch während er seine Helden durch die Scenen führt, sie wird ihm nicht
nur die Sprache richten, auch das Zusammenwirken der Personen, die Art,
wie sie sich gegen einander benehmen, Formen des Umgangs, Sitte und
Brauch der Zeit.
Sogar die Charaktere und ihre Bewegung in den Scenen. Denn an jede
Stelle des Dramas, an jede Empfindung, jedes Thun hängt sich um das
menschlich Gehobene der idealisirten Gestalten wie schmückende Zuthat
das Besondere, welches uns an den Stoffbildern als ihr Eigenthümliches
auffiel. Selten ist nöthig den Dichter zu warnen, daß er in solchem
Färben der scenischen Wirkungen nicht zu viel thue; denn die
wichtigste Aufgabe ist ihm allerdings, seine Helden unsere Sprache der
Leidenschaft reden zu lassen und das Besondere an ihnen durch solche
Lebensäußerungen zu erweisen, welche jeder Zeit verständlich werden,
weil sie in jeder Zeit möglich und denkbar sind.
So wird die Farbe des Stückes in der Ausstattung der Sprache, an
Charakteren und Einzelheiten der Handlung sichtbar. Was der Dichter
durch die Farbe in sein Drama hineinträgt, ist so wenig eine
Nachahmung der Wirklichkeit, als die Personen seiner Helden sind,
es ist freie Schöpfung. Aber diese Zuthat hilft um so mehr, in der
Phantasie der Hörer ein Bild hervorzuzaubern, welches den schönen
Schein der geschichtlichen Treue hat, je ernster der Dichter sich um
die wirklichen Zustände jener alten Zeit gekümmert hat. Freilich nur,
wenn ihm die Kraft nicht fehlt auch darzustellen, was er als lockend
empfand.
Sechstes Kapitel.
Der Dichter und sein Werk.
Gewaltig ist die Masse des Schönen aus der Poesie vergangener Völker
und Zeiten, zuletzt aus dem Jahrhundert unserer großen Dichter, welche
dem Schaffenden das Urtheil bildet und die Einbildungskraft aufregt.
Dieser fast unübersehbare Reichthum an Kunstgebilden wird vielleicht
der größte Segen für eine Zukunft, in welcher die Volkskraft besonders
kräftig arbeitet, das Verwandte aufnehmend, das Widerstrebende
wegwerfend. Aber während einer Zeit schwacher Ruhe des Volksthums war
er ein Nachtheil für die schöpferische Thätigkeit der Dichter, weil
er die Stillosigkeit begünstigte. Es war noch vor wenig Jahren in
Deutschland fast zufällig, ob ein Athener oder Römer, Calderon oder
Shakespeare, ob Goethe oder Schiller, Scribe oder Dumas die Seele des
jungen Dichters in den Bannkreis ihres Stils und ihrer Formen zogen.
Der Dichter der Gegenwart beginnt ferner als ein Genießender, der
die schöne Kunst Anderer reichlich aufnimmt und dadurch zu eigenem
Schaffen angeregt wird. Er hat gewöhnlich keinen Lebensberuf, welcher
ihn einem bestimmten Gebiete der Poesie verpflichtet, es ist wieder
fast zufällig, welche Gattung der poetischen Darstellung ihn gerade
anzieht; er mag als Lyriker seine Empfindungen ausklingen lassen,
er mag einen Roman schreiben, zuletzt lockt auch das Theater: Glanz
des Bühnenabends, Beifall der Versammlung, Gewalt der erhaltenen
tragischen Eindrücke. Wenig deutsche Dichter, die nicht mit einem Band
lyrischer Gedichte sich zuerst dem Publikum empfahlen, dann ihr Heil
auf der Bühne versuchten, sich endlich mit den ruhigeren Erfolgen eines
Romans befriedigten. Ohne Zweifel erwies ihre Dichterbegabung nach
einer dieser Richtungen die größere Fähigkeit. Aber da die äußeren
Verhältnisse ihnen keine Beschränkung auflegten und bald das eine, bald
das andere Gebiet stärker anzog, so gelangte auch der Kreis, in welchem
ihre Kraft sich am freiesten regte, nicht zu vollkommener Durchbildung.
Das große Geheimniß einer reichen schöpferischen Thätigkeit ist
Beschränkung auf einen einzelnen Zweig der schönen Kunst. Das wußten
die Hellenen sehr wohl. Wer Tragödien schrieb, blieb der Komödie fern,
wer im Hexameter schuf, mied den Jambus.
Aber auch der Dichter, welchem dramatisches Gestalten ein Bedürfniß
ist, lebt, wenn er nicht selbst als Schauspieler oder Gebieter unter
dem Schnürboden der Bühne dahinschreitet, seitab von dem Theater.
Er mag schreiben oder nicht. Der äußere Zwang, ein mächtiger Hebel
das Talent zu bewegen, fehlt ihm fast ganz. Das Theater ist ein
Tagesvergnügen des ruhigen Bürgers geworden, welches nicht die
schlechteste, aber auch nicht die anspruchsvollste Gesellschaft
versammelt; es hat bei dieser reichen Ausdehnung etwas von der Würde
und Hoheit eingebüßt, welche der Dichter für das Drama ernsten Stils
wünschen muß. Auf der Scene drängen sich Posse, Oper, Komödie, Formen,
Weltanschauung verschiedener Jahrhunderte. Alles müht sich zu gefallen,
das Neueste und Seltsamste, und wieder was der großen Menge am
behaglichsten ist, stößt Anderes bei Seite.
Auch das Gebiet der Stoffe ist dem Dichter fast unübersehbar geworden.
Die griechische und römische Welt, das gesammte Mittelalter, heilige
Bücher und Dichtungen der Juden und Christen, sogar die Völker
des Orients, Geschichte, Sage und Gegenwart öffnen dem Suchenden
ihre Schätze. Aber gerade dies ist ein Uebelstand, daß bei solcher
unendlicher Fülle des Stoffes die Wahl schwer und meist zufällig wird,
daß keines dieser Stoffgebiete den Deutschen ausschließlich oder
vorzugsweise anzuziehen im Stande ist.
Endlich ist für den Deutschen, wie es scheint, noch nicht die Zeit
gekommen, wo das dramatische Leben im Volke selbst reichlich und
unbefangen heraufquillt. Gern möchten wir in Erscheinungen der neuesten
Gegenwart die Anfänge einer neuen Entwickelung des Volkscharakters
sehen, Anfänge, welche freilich der Kunst noch nicht zu Gute kommen.
Daß dem dramatischen Dichter der Deutschen noch so schwer wird,
sich aus der epischen und lyrischen Auffassung der Charaktere und
Situationen zu erheben, ist kein Zufall.
Der Dichter aber soll für die Bühne arbeiten; nur in Verbindung mit
der Schauspielkunst bringt er die höchsten Wirkungen hervor, welche
seiner Poesie möglich sind. Das Bücherdrama ist im letzten Grunde nur
Nothbehelf einer Zeit, in welcher die volle Gewalt des dramatischen
Schaffens dem Volke noch nicht gekommen oder wieder geschwunden ist.
Es ist eine alte Gattung. Schon bei den Griechen wurden Stücke für die
Recitation geschrieben, mehre der römischen Declamationsstücke sind
uns erhalten. Auch in Deutschland hat das Bücherdrama von den Komödien
der Hroswith über die stilistischen Versuche der ersten Humanisten
bis zu dem größten Gedicht der Deutschen eine lange Geschichte.
Unendlich verschieden ist der dichterische Werth dieser Werke. Aber
die Benutzung der dramatischen Form zu poetischen Wirkungen, welche
darauf verzichten, die höchsten ihrer Gattung zu sein, ist im Ganzen
betrachtet eine Einschränkung, gegen welche sich die Kunst selbst, ja
auch der genießende Leser auflehnt.
Auf den Blättern dieses Buches wurde der Beweis versucht, daß die
technische Arbeit des Schaffenden beim Drama nicht ganz leicht und
mühelos sei. Diese Gattung der Poesie fordert mehr vom Dichter als
irgend eine andere. Eine eigenthümliche, nicht häufige Befähigung, die
seelischen Vorgänge bedeutender thatkräftiger Menschen darzustellen;
mit Leidenschaft und Klarheit wohl temperirte Natur; ausgebildete und
sichere dichterische Begabung, dazu Menschenkenntniß und was man im
wirklichen Leben Charakter nennt; außerdem genaue Bekanntschaft mit
der Bühne und ihren Bedürfnissen. Und doch ist auffallend, daß von
den Vielen, welche Anläufe in diesem Gebiete des Schaffens machen,
die meisten nur dilettirende Freunde des Schönen sind; gerade sie
wählen die mühevollste Thätigkeit, und eine solche, welche ihnen am
allerwenigsten einen Erfolg verspricht. Es ist wohl auch ernste Arbeit,
einen Roman zu schreiben, der den Namen eines Kunstwerks verdient;
aber bei einiger Gestaltungskraft und Menschenkenntniß vermag doch
jeder Gebildete, der sich sonst nicht als Dichter versucht hat, etwas
Lesbares zu bieten, worin einzelne bedeutende Eindrücke des eigenen
Lebens, Geschautes und Durchgefühltes gemüthvoll verflochten sind.
Weshalb lockt gebildete, sehr tüchtige Männer gerade die eigensinnigste
aller Musen, die so schwer zugänglich und so unartig gegen Jeden ist,
der ihr nicht ganz angehört? Welcher Feind ihres Lebens lenkt gerade
solche warmherzige Freunde, welche in den Mußestunden ihres thätigen
Lebens ein wenig Poesie treiben, auf ein dichterisches Gebiet, in
welchem die engste Verbindung einer immerhin seltenen Gestaltungskraft
mit einer ungewöhnlich festen Beherrschung künstlerischer Formen die
Voraussetzung jedes dauerhaften Erfolges ist? Verführt vielleicht die
geheime Sehnsucht des Menschen nach dem, was ihm am meisten fehlt? und
sucht der Dilettant gerade deshalb das Drama in sich herauszubilden,
weil ihm bei lebhaften dichterischen Anschauungen doch versagt ist,
seine unruhig flatternden Empfindungen in dem Körper einer Kunstform
schöpferisch zu beleben? Zuverlässig ist bei Solchen der Versuch, für
die Bühne zu arbeiten, vergeblich und hoffnungslos.
Dem Dichter aber, der für sein Leben mit dramatischer Kraft ausgerüstet
wurde, wünschen wir vor anderen Gütern ein festes und geduldiges Herz.
Noch anderes Fördernde muß er für sein Handwerk mitbringen. Er soll
schnell und freudig das Reizende eines Stoffes empfinden und doch die
Dauer haben, denselben in sich zur Reife zu tragen. Er soll sich,
bevor er selbst als Schaffender auf die Bühne steigt, längere Zeit
mit einigen Hauptgesetzen des Schaffens vertraut machen, denn er muß
zu prüfen verstehen, ob ein Stoff in der Hauptsache brauchbar sei.
Auch darin muß das Urtheil sein warmes Herz überwachen von dem ersten
Augenblick, wo der Anreiz zum Schaffen in ihm entsteht. Ein Bühnenwerk,
welches mißlungen ist, bezeichnet ihm durchschnittlich ein verlorenes
Jahr seines Lebens.
Nicht mit gleicher Schnelligkeit heftet sich die Einbildungskraft der
einzelnen Dichter an den Stoff; dem Anfänger flattert die suchende
Seele leicht auf einen Gipfelpunkt, welcher sich darbietet, und unter
dem ersten grünenden Zweig wird das Nest gebaut. Wer durch Erfahrungen
gewarnt ist, wird wählerisch und prüft wohl zu lange. Häufig ist
nicht Zufall, was einen Stoff der Seele nahe legt, sondern Stimmung
und Eindruck des eigenen Lebens, welcher die Phantasie nach einer
bestimmten Richtung zieht. Dann arbeitet die Seele schon heimlich über
dem Stück, bevor sie einen Helden und seine Hauptscenen gefunden hat,
und was sie von dem Stoffe fordert, ist, daß er ihr die Möglichkeit
gewisser scenischer Wirkungen darbiete.
Die Schwierigkeiten, welche die einzelnen Stoffkreise bereiten, sind
genügend hervorgehoben. Wer aber von schwerem Entschluß ist, möge auch
bedenken, daß es bei den meisten Begebenheiten von der Kraft seiner
Begabung abhängt, ob dieselben in eine brauchbare Handlung verwandelt
werden. Eine sichere Dichterkraft bedarf nur weniger Momente aus
Sage, Geschichte, Erzählung, nur _eines_ starken und folgenschweren
Gegensatzes, um eine Handlung daraus zu bilden.
Wenn der dramatische Dichter des Alterthums diese Züge in seinen Sagen
kurz vor dem Untergange der großen Helden des Epos fand, so darf doch
gefragt werden, ob es bei historischen Dramen ebenfalls nothwendig ist,
die Haupthelden der Geschichte derart zum Mittelpunkt der Handlung zu
machen, daß diese sich um ihr Schicksal und ihren Untergang bewegt.
Wie schwer und mißlich es ist, ein bedeutendes geschichtliches Leben
künstlerisch zu verwerthen, ist bereits ausgeführt. Und man wende auch
nicht ein, daß der größere historische Antheil, welchen die Haupthelden
der Geschichte einflößen, und daß die vaterländische Begeisterung,
welche der Dichter wie der Zuschauer ihnen entgegenbringt, sie
vorzugsweise zu Helden des Dramas geeignet machen. Zunächst bietet
die ältere deutsche Geschichte verhältnißmäßig wenig Heldengestalten,
deren Andenken durch ein großes Interesse der Gegenwart theuer ist.
Was sind unserem Volke die Kaiser des sächsischen, fränkischen,
staufischen, habsburgischen Hauses? Die Ziele, für welche sie siegten
und untergingen, werden vielleicht durch die Ueberzeugungen der
Gegenwart verurtheilt, die Kämpfe ihres Lebens sind für uns ohne leicht
verständliche Ergebnisse geblieben, sie sind für das Volk tot und
eingesargt. Ferner aber wird der gewissenhafte Dichter vor den nicht
sehr zahlreichen geschichtlichen Helden, welche noch in der Erinnerung
des Volkes fortleben, besondere und neue Hemmnisse erkennen, welche ihm
die Frische seines Schaffens einengen. Gerade der patriotische Antheil,
welchen er selbst mitbringt und bei dem Hörer erwartet, vermindern
ihm die überlegene Freiheit, mit der er als Dichter über jedem seiner
Charaktere schweben muß, und verleiten ihn zu tendenziöser Darstellung
oder zu porträtmäßiger Zeichnung. Ist einmal einem deutschen Dichter
das dramatische Bild des großen Kurfürsten gelungen, so sind Luther,
Maria Theresia, der alte Fritz um so öfter verunglückt.
Aber es ist durchaus nicht nöthig, die Könige und Heerführer der
Geschichte zu Haupthelden eines historischen Dramas zu machen,
welches sich mit Vortheil doch nur auf einem kleinen Theilstück ihres
geschichtlichen Lebens aufzubauen vermag. Als weit bequemer und
lohnender wird sich erweisen, die Rückwirkungen, welche aus ihrer
Persönlichkeit in das Leben Anderer fallen, zu verwerthen. Wie gut
hat das Schiller schon im Carlos, dann in der Maria Stuart gethan!
Der Philipp des ersten Stückes ist glänzendes Beispiel, wie ein
geschichtlicher Charakter als Mitspieler für das Drama zu gebrauchen
ist.
Denn mit dem Leben bekannter historischer Helden sind eine Menge
Gestalten verbunden, von denen einzelne eigenartige Züge berichtet
werden, welche die freie Erfindung gedeihlich anregen. Solche
Nebengestalten der Geschichte, über deren Leben und Ausgang der Dichter
freier verfügen kann, sind ihm vorzüglich bequem. _Ein_ Verrath und
seine Strafe, _eine_ leidenschaftliche That des Hasses und ihre Folgen,
_eine_ Scene aus großem Familienzwist, _ein_ trotziger Kampf oder ein
schlaues Spiel gegen überlegene Gewalt geben ihm einen massenhaften
Stoff. Und solche Züge finden sich auf jedem Blatt unserer Geschichte
wie bei anderen gebildeten Völkern.
Wer Selbstgefühl hat, wählt zuverlässig seine Bilder lieber aus dem für
die Kunst noch nicht zugerichteten Stoff, welcher in dem wirklichen
Leben der Vergangenheit und neuer Zeit zu finden ist, als aus solchen
Vorlagen, welche ihm durch andere Gattungen der Kunstpoesie geboten
werden. Für das ernste Drama sind Stoffe, welche aus Romanen und
modernen Novellen gehoben werden, wenig dankbar. Wenn Shakespeare
Novellenstoffe benutzte, so waren seine Quellen in unserem Sinne
nichts als kurze Anekdoten, in denen allerdings ein künstlerischer
Zusammenhang und ein kräftiger Abschluß bereits erfunden war. Bei
den ausgeführten epischen Erzählungen der Gegenwart jedoch erweist
die Phantasie eines Dichters ihre Kraft häufig gerade in Wirkungen,
welche den dramatischen innerlich feindlich sind, und die geschmückte
und behagliche Ausführung der Menschen und Situationen im Roman mag
dem Dramendichter die Einbildungskraft eher abstumpfen als reizen.
Unrecht aber gegen fremdes Eigenthum wird er schwerlich verüben, wenn
er seinen Stoff auch aus diesem Kreise der Erfindung holt. Denn ist er
ein Künstler, so geht doch nur sehr wenig von der Schöpfung Anderer auf
sein Drama über.
Der tragische Dichter vermag sich allerdings seine Handlung auch
ohne jede Benutzung eines bereits vorhandenen Stoffes zu erfinden.
Gleichwohl geschieht das seltener und schwerfälliger, als man wohl
meint. Unter den großen Dramen unserer Bühne gibt es, gerade wie einst
im Alterthum, sehr wenige, welche nicht auf einem vorhandenen Stoff
ausgebaut sind. Denn es ist eine Eigenheit der Einbildungskraft,
daß sie die Bewegung im Leben eines Menschen lebendiger und genauer
empfindet, wenn sie sich an eine gegebene Gestalt und deren Schicksal
anspinnen kann. Nicht leicht wird ihr das selbstgefundene Bild so fest
und gewaltig, daß sie eine kräftige Arbeit daran zu knüpfen geneigt ist.
Und noch eine Überzeugung mag der Dichter in stiller Seele bewahren:
daß kein Stoff völlig gut und wenige ganz unbrauchbar sind. Es gibt
auch nach dieser Seite kein vollkommenes Kunstwerk. Jeder Stoff
hat innere Uebelstände, welche die Kunst des Dichters so weit zu
bewältigen vermag, daß das Ganze den Eindruck der Schönheit und Größe
macht. Zu erkennen sind diese Schwächen aber immer für den geübten
Blick, und jedes Kunstwerk ohne Ausnahme gibt nach dieser Seite der
Kritik Veranlassung zu Ausstellungen. Der Beurtheilende hat dafür zu
sorgen, daß auch er gegenüber diesen Mängeln des Stoffes verstehe,
ob der Dichter seine Pflicht gethan, d. h. alle Mittel seiner Kunst
angewendet habe sie zu bewältigen und zu verdecken.
In der fröhlichen Stimmung, daß er ein wackeres Werk beginne, wird
der Dichter sich das Liebgewordene streng prüfend gegenüberstellen,
sobald seine Seele anfängt die Stoffmasse verschönernd zu umziehen. Er
wird sich die Idee deutlich zu machen, alles Zufällige, was aus der
Wirklichkeit daran hängt, abzustreifen haben.
Zu dem ersten Reizvollen, welches in seiner Seele lebendig wird,
gehören charakteristische Lebensäußerungen des Helden in einzelnen
Augenblicken innerer Bewegung oder kräftiger That. Um diese Bilder zu
vermehren und um die Charaktere zu vertiefen, wird er ernsthaft das
wirkliche Leben seines Helden und dessen Umgebung zu verstehen suchen.
Er wird deshalb vor einem historischen Drama gute Studien machen,
und diese Arbeit wird ihm reichlich belohnt, denn aus ihr geht ihm
eine große Zahl von Anschauungen und Bildern auf, welche ihm schnell
durch die Phantasie in das entstehende Werk eingefügt werden. Die
anerkennende Seele des Deutschen hat gerade für solche bezeichnende
Einzelheiten sehr lebhafte Empfindung, und der Dichter wird sich
deshalb auch wohl einmal hüten müssen, daß das historische Kostüm,
Wunderliches und Besonderes einer Zeit, ihm nicht zu wichtig werde.
Hat er in solcher Weise die Welt seiner künstlerischen Anschauungen
so viel als möglich erweitert, dann werfe er seine Bücher bei Seite
und ringe wieder nach der Freiheit, welche ihm nöthig ist, um über
den vorhandenen Stoff frei spielend zu walten. Vier Regeln aber halte
er als Beschränkungen seiner treibenden Kraft fest in der Seele: der
Handlung ein kurzer Verlauf, wenig Personen, wenig Verwandlungen, schon
bei dem ersten Entwurf starkes Herausheben der wichtigen Theile der
Handlung.
Er mag sich Pläne niederschreiben oder nicht. Im Ganzen ist darauf
nicht viel zu geben. Breite schriftliche Auseinandersetzungen haben
das Gute, daß sie die einzelnen Absichten durch Nachdenken deutlich
machen, aber den Uebelstand, daß sie leicht die Einbildungskraft
lähmen und außerdem das fortwährend nöthige Umbilden und Ausscheiden
erschweren. Ein Blatt kann für den Entwurf vollständig genügen.
Bevor der Dichter an die Ausführung geht, sollen ihm die Charaktere
seiner Helden, ihre Stellung zu einander in allen Hauptsachen
feststehen, und ebenso die Ergebnisse jeder einzelnen Scene; dann
gestalten sich leicht die Bilder der Scenen und ihr dramatischer
Verlauf während der Arbeit.
Allerdings schließt die kräftigste Arbeit vor Beginn des Schreibens
spätere kleine Abänderungen in den Charakteren nicht aus, denn die
schaffende Kraft des Dichters steht nicht still. Er meint seine
Gestalten zu treiben, und er wird heimlich von ihnen getrieben. Es
ist ein freudvoller Vorgang, den er in der Arbeit an sich selbst
beobachtet, wie durch seine schöpferische Kraft und unter dem logischen
Zwang der Begebenheiten die empfundenen Gestalten in den Scenen
lebendig werden. An die einzelne Erfindung hängt sich eine neue,
plötzlich blitzt eine schöne und große Wirkung auf. Und während dem
klaren Geiste Ziele und Ruhepunkte des Weges feststehen, arbeitet die
wogende Empfindung über den Wirkungen, den Dichter selbst aufregend und
erhebend. Es ist eine starke innere Bewegung, den günstig beanlagten
Dichter beglückend und kräftigend, denn über der heftigsten Spannung
durch die treibende Phantasie, welche ihm in leidenschaftlichen Stellen
seiner Handlung die Nerven bis zum Zucken spannt und die Wangen röthet,
schwebt in heiterer Klarheit, beherrschend, frei wählend und ordnend
der Geist.
Verschieden ist die Arbeit desselben Dichters an den einzelnen
Momenten. Manche derselben gehen glänzend auf, ihre voraus empfundenen
Wirkungen bewegen das Gemüth lebhaft, das Niedergeschriebene erscheint
nur als schwacher Abdruck eines leuchtenden inneren Bildes, dessen
Farbenzauber geschwunden ist; andere Momente entwickeln sich
vielleicht langsam, nicht ohne Mühe, die Phantasie ist träge, die
Nervenspannung nicht stark genug, zuweilen ist, als sträube sich die
schöpferische Kraft gegen die Situation. Nicht immer werden solche
Scenen die schlechtesten.
Sehr verschieden ist auch die Stärke der Schaffenskraft. Der Eine ist
schnell in der Arbeit des Niederschreibens, dem Andern gestaltet sich
das Empfundene langsam, schwerflüssig auf dem Papier. Nicht immer sind
die Schnelleren im Vortheil. Ihre Gefahr ist, daß sie zu frühe, bevor
die Arbeit der Phantasie die nöthige Reife erlangt hat, die Bilder
feststellen. Denn oft ist es dem Dichter möglich, sich selbst zu
sagen, daß die innere unbewußte Arbeit fertig sei, und den Augenblick
zu erkennen, wo die Einzelheiten der Wirkungen richtig ausgebildet
sind. Das Reifenlassen der Bilder aber ist eine wichtige Sache, und
es ist eine Eigenthümlichkeit der schöpferischen Kraft, daß sie, wie
wir annehmen möchten, auch in Stunden thätig ist, in denen der Dichter
nicht über seiner Arbeit weilt.
Nicht unwichtig ist die Reihenfolge, in welcher der Dichter sein Stück
niederschreibt. Dem Einen arbeitet die wohlgezogene Einbildungskraft
Scenen und Akte in der Aufeinanderfolge aus, Andern heftet sie sich
bald hier bald da an eine größere Wirkung. Das Geschriebene aber
gewinnt eine Gewalt über das Ungeschriebene. Sobald Anschauung und
Empfindung in Worte gefaßt sind, treten sie dem Dichter wie ein fremdes
Bestimmendes gegenüber; sie regen von Neuem an, und ihre Farbe und ihre
Wirkungen ändern die späteren ab. Wer in der gesetzlichen Reihenfolge
arbeitet, wird den Vortheil haben, daß sich ihm Stimmung aus Stimmung,
Situation aus Situation im regelmäßigen Laufe entwickelt; er wird nicht
immer vermeiden, daß ihm leise und allmählich unter seinen Händen
der Weg, den er seine Gestalten führen wollte, ein wenig abweicht.
Es scheint, daß Schiller so gearbeitet hat. Wer dagegen sich zuerst
das gegenüberstellt, was ihm gerade die spielende Phantasie lebhaft
beleuchtet hat, der wird den Gesammteindruck und Gang seines Kunstwerks
vielleicht sicherer übersehen, er wird während der Arbeit aber bald
hier und da Veränderungen in Motiven und in Einzelzügen einzusetzen
haben. Dies war wenigstens in einzelnen Fällen die Arbeit Goethe's.
Ist das Stück bis über die Katastrophe vollendet und das Herz von
Freude über das fertige Werk erhoben, dann beginnt die Gegenwirkung,
welche die Welt im Großen und Kleinen gegen eine hochgesteigerte
Stimmung des Menschen geltend macht. Noch ist die Seele des Dichters
sehr warm, die Gesammtheit des Schönen, das er im Schaffen empfunden
hat, das innere Bild, welches er von den Wirkungen hat, trägt er noch
unbefangen auf das geschriebene Werk über. Es erscheint ihm nach der
Stimmung der Stunde verfehlt oder höchlich gelungen, im Ganzen wird
er bei gesunder Geistesanlage geneigt sein, der Kraft, die er dabei
bewährt hat, zu vertrauen.
Aber sein Werk wird, wenigstens wenn er ein Deutscher ist, meist
noch nicht vollendet sein. Wenn auch der Dichter für die Aufführung
schreibt, empfindet er doch nicht, wie bereits gesagt wurde, in jedem
Augenblick die Eindrücke, welche die Momente seines Stückes auf der
Bühne hervorbringen. Ungleich arbeitet die dramatische Kraft auch nach
dieser Richtung, und es ist anziehend ihre Schwankungen an sich selbst
zu beobachten. Man vermag sie auch an den Werken großer Dichter zu
erkennen. Bald ist eine Scene durch lebhafte Empfindung der scenischen
Handlung ausgezeichnet, die Rede gebrochen, die Wirkungen genauer
durch Uebergänge vermittelt; ein andermal fließt sie für die Leser
bequemer als für die Schauspieler dahin. Und wie richtig der Dichter
auch das Ganze der Scenenwirkung empfunden haben mag, im Einzelnen
hat ihn doch der Sinn der Worte mehr gekümmert und die Wirkung,
welche sie vom Schreibtische auf die empfangende Seele ausüben, als
der Klang derselben und die Vermittelung mit dem Zuschauer durch die
darstellenden Helfer. Aber nicht nur die Schauspielkunst macht ihre
Rechte gegen sein Stück geltend, und verlangt hier ein stärkeres
Hervortreiben einer Wirkung, dort ein Abdämpfen; auch das Publicum
ist dem Dichter gegenüber eine ideale Körperschaft, welche eine
bestimmte Art der Behandlung fordert. Wie zur Zeit Shakespeare's die
Einbildungskraft der Hörenden reger war, der Genuß an den gesprochenen
Worten größer, aber das Verständniß des Zusammenhanges langsamer,
so hat auch jetzt die Zuhörerschaft eine Seele mit bestimmten
Eigenschaften. Sie hat bereits Vieles aufgenommen, ihr Verständniß des
Zusammenhanges ist schnell, ihre Ansprüche an kräftigen Fortschritt
groß, die Vorliebe für bestimmte Arten von Situationen übermäßig
entwickelt.
Der Dichter wird deshalb genöthigt sein, sein Werk der Schauspielkunst
und dem Publicum anzupassen. Dieses Geschäft, dessen Regiebezeichnung
_aptiren_ ist, vermag der Dichter allerdings nur in seltenen Fällen
allein vollständig durchzusetzen.
Die Striche sind mit großem Unrecht im Lande der dramatischen Poesie
übel berüchtigt, sie sind vielmehr, da zur Zeit das Schaffen des
deutschen Dichters mit schwacher Entwickelung des Formensinnes zu
beginnen pflegt, häufig die größte Wohlthat, welche seinem Stück
erwiesen werden kann, unentbehrliche Vorbedingungen für die Aufführung,
das einzige Mittel Erfolg zu sichern. Sie sind ferner ein Recht,
welches zuweilen die Schauspielkunst gegen den Dichter geltend machen
muß, sie sind auch die unsichtbaren Helfer, welche das Bedürfniß der
Zuschauer und die Ansprüche des Schaffenden ausgleichen. Wer an seinem
Arbeitstisch mit stillem Behagen die dichterische Schönheit eines
Werkes durchempfindet, der denkt ungern daran, wie sehr in dem Lichte
der Bühne die Wirkungen sich ändern. Auch würdige Schriftsteller,
welche den verdienstlichen Beruf gewählt haben, die Schönheiten großer
Dichter den Zeitgenossen zu erklären, sehen gern mit Verachtung auf
einen Handwerksgebrauch der Bühnen herab, der die schönste Poesie
unbarmherzig verstümmelt. Wer so empfindet, kennt zu wenig Gesetz
und Recht der lebendigen Darstellung durch Menschen. Erst durch den
Stift eines sorgfältigen Regisseurs treten die schönen Formen in den
Kunstwerken Shakespeare's und Schiller's für unsere Bühne in das
richtige Verhältniß. Allerdings erfreut sich nicht jede Bühne einer
technischen Leitung, welche mit Feingefühl und Verständniß für das
Bühnengemäße diese Arbeit verrichtet. Und sehr widerwärtig ist die
rohe Faust, welche in das dramatisch Schöne hineinschneidet, weil es
einmal unbequem wird oder dem Geschmack eines verwöhnten Publicums
zuwiderläuft. Aber die schlechte Anwendung eines unentbehrlichen
Kunstmittels sollte dasselbe nicht in Verruf bringen, und wenn man die
Klagen der Dichter über Mißhandlung ihrer Werke nach ihrer Berechtigung
abschätzen wollte, so würde man in der Mehrzahl der Fälle ihnen Unrecht
geben müssen.
Nun ist bei diesem Aptiren des Stückes Vieles persönliche Ansicht,
die Berechtigung des einzelnen Striches zuweilen zweifelhaft. Und
die Regie eines Theaters, welche selbstverständlich die Wirkung auf
einer bestimmten Bühne im Auge hat, wird auch die Persönlichkeiten
ihrer Schauspieler dabei mehr berücksichtigen, als dem Dichter vor
der Aufführung willkommen ist. Sie wird einem tüchtigen Schauspieler,
welcher den Hörern besonders werth ist, auch einmal Entbehrliches
stehen lassen, wenn sie eine Wirkung davon erwartet, sie wird wieder
einer Rolle, deren Besetzung mangelhaft sein mußte, gern eine
achtbare Nebenwirkung nehmen, wenn sie die Ueberzeugung hat, daß der
Schauspieler dieselbe nicht herauszubringen vermag.
Der Verfasser des Stückes darf deshalb das Verkürzen seines Werkes
nicht ganz Fremden überlassen; er vermag es, wenn ihm nicht längere
Bühnenerfahrung zur Seite steht, schwerlich ohne fremde Hilfe zu
Ende zu bringen. Er wird also sich zwar selbst das letzte Urtheil
vorbehalten müssen, und er wird einer Bühne gewöhnlich nicht gestatten,
Kürzungen ohne seine Einwilligung vorzunehmen; aber er wird, auch
die Ansicht von Männern, welche bessere Erfahrung haben, mit
Selbstverleugnung anhören und geneigt sein ihnen nachzugeben, wo nicht
sein künstlerisches Gewissen ihm Zugeständnisse unmöglich macht. Da
aber sein Urtheil noch nicht unbefangen ist, so wird er bei dem ersten
Eindringen einer wohlwollenden Kritik in seine Seele durch Unsicherheit
und innere Kämpfe sich hindurchwinden müssen. Zu großem Nutzen für
sein Urtheil. Die erste Störung in dem behaglichen Frieden eines
Dichtergemüthes, welches sich gerade der Vollendung eines Werkes freut,
ist für eine weiche Seele vielleicht schmerzlich, aber sie ist heilsam
wie ein frischer Luftzug in lauer Sommerzeit. Der Dichter soll sein
Werk hochachten und lieben, solange er es als Ideal in sich trägt und
daran arbeitet; das fertige Werk muß auch für ihn abgethan sein. Es muß
ihm fremd werden, damit seine Seele die Unbefangenheit für neue Arbeit
gewinne.
Zunächst freilich soll der Dichter noch in seiner Arbeitsstube das
erste Anpassen versuchen. Es ist eine unfreundliche Thätigkeit, aber
sie ist sehr nöthig. Vielleicht hat er schon beim Schreiben Einzelnes
als entbehrlich empfunden, er hat manche Stimmung, die ihm besonders
lieb war, breiter ausgeführt, als eine leise Mahnung seines Gewissens
gestatten wollte. Ja, es ist möglich, daß sein Werk nach Vollendung
der Arbeit in dem Augenblicke, wo er es für fertig hält, noch eine
ziemlich chaotische Masse von richtigen und kunstvollen Wirkungen und
von episodischer Zuthat oder schädlicher ungleichmäßiger Ausführung ist.
Jetzt ist die Zeit gekommen, wo er nachholen mag, was er bei der Arbeit
versäumt. Scene um Scene durchmustere er prüfend, in jeder untersuche
er den Lauf der einzelnen Rollen, die Aufstellung, die gebotenen
Bewegungen der Personen, er versuche in jedem Moment der Scene ihr
Bild auf der Bühne sich lebendig zu machen, treffe genaue Bestimmungen
über die Ein- und Ausgänge, durch welche seine Personen auftreten und
abgehen, überlege auch die Decorationen und das Geräth, ob sie nicht
hindern, wie sie am besten fördern.
Und nicht weniger genau untersuche er die dramatische Strömung der
Scene selbst. Wahrscheinlich wird er dabei Längen entdecken, denn dem
Schreibenden erscheint leicht ein Nebenzug zu wichtig, oder die Rolle
eines Lieblings ist störend für die Gesammtwirkung in den Vordergrund
getreten, oder die Ausführungen der Reden und Gegenreden sind zu
zahlreich. Und unerbittlich tilge er wieder, was dem Bau der Scenen
nicht zum Heile gereicht, wenn es an sich auch noch so schön ist.
Und er gehe weiter und prüfe die Verbindung der Scenen eines Aktes,
dann die Gesammtwirkung desselben. Er strenge seine ganze Kunst an,
um Binnenwechsel der Decorationen wegzuschaffen, vollends da, wo ein
Akt ihm zweimal durch solche Einschnitte gebrochen wird. Beim ersten
Anblick erscheint ihm das wahrscheinlich unmöglich, aber es _muß_
möglich sein.
Und hält er die Akte für geschlossen, ihre Scenengliederung für
befriedigend, dann vergleiche er die Steigerung der Wirkungen durch
die einzelnen Akte, ob die Kraft des zweiten Theils auch der des
ersten entspricht. Er steigere den Höhenpunkt durch Aufgebot seiner
besten poetischen Kraft und habe ein scharfes Auge auf seinen Akt der
Umkehr. Denn wenn die Hörer mit seiner Katastrophe nicht zufrieden sein
sollten, liegt häufig der Fehler in dem vorhergegangenen Akte.
Dem Dichter wird durch die Gewöhnung seiner Mitlebenden die Länge der
Zeit bestimmt, innerhalb welcher sich die Handlung vollenden muß.
Mit Erstaunen lesen wir von der Fähigkeit der Athener, fast einen
ganzen Tag die größten und angreifendsten tragischen Wirkungen zu
ertragen. Noch Shakespeare's Stücke sind nicht unbedeutend länger,
als unserem Publicum bequem wäre, sie würden unverkürzt auch in einem
kleinen Hause, wo schnelleres Sprechen möglich ist, in der Mehrzahl
fast vier Stunden in Anspruch nehmen. Der deutsche Zuhörer verträgt im
geschlossenen Theater nur schwer eine Darstellung, welche drei Stunden
überdauert. Das ist ein keineswegs gering zu achtender Umstand; denn in
der Zeit, welche darüber hinausreicht, sind, wie spannend die Handlung
auch sein möge, Störungen durch einzelne abgehende Zuhörer und eine
gewisse Unruhe der Bleibenden kaum zu verhindern. Diese Beschränkung
ist aber auch deshalb ein Uebelstand, weil gegenüber großem Stoff und
reicher Ausführung die Zeit von drei Stunden eine enggemessene ist,
zumal auf unseren Bühnen dem fünfaktigen Stück durch vier Zwischenakte
noch fast eine halbe Stunde verloren geht. Von den deutschen Dichtern
ist es Schiller bekanntlich am schwersten geworden, sich mit der
Bühnenzeit abzufinden, und obgleich seine Verse schnell dahin schweben,
würden seine Stücke unverkürzt doch fast sämmtlich längere Zeit in
Anspruch nehmen, als die Hörer vertragen.
Ein fünfaktiges Stück, welches nach der Zurichtung für die Bühne im
Akte durchschnittlich fünfhundert Verse enthält, übersteigt schon
die gegebene Zeit. Im Ganzen darf man 2000 Verse als die regelmäßige
Länge eines Bühnenstückes betrachten, ein Umfang, dessen Zeitdauer
freilich durch den Charakter des Stückes, das mittlere Tempo der
Reden, Gedrungenheit oder leichteren Fluß der Verse bedingt wird, auch
dadurch, ob die Handlung des Stückes selbst viele Einschnitte, Pausen,
Massenbewegungen und mimische Thätigkeit der Schauspieler verlangt.
Zuletzt durch die Bühne, worauf gespielt wird, denn die Größe und gute
oder schlechte Schallfähigkeit des Hauses und die Gewohnheit des Ortes
üben wesentlichen Einfluß.
Allerdings sind die meisten Bühnenwerke unserer großen Dichter
bedeutend länger,[23] aber der Dichter würde sich vergebens auf ihr
Vorbild berufen. Denn ihre Werke stammen sämmtlich aus einer Zeit,
in welcher der gegenwärtige Bühnenbrauch entweder noch gar nicht
vorhanden oder weniger zwingend war. Und zuletzt nehmen sie auf unseren
Bühnen die Freiheiten vornehmer Hausfreunde in Anspruch, sich die
Zeit ihres Abschiedes zu wählen und die Bequemlichkeit Anderer nicht
zu berücksichtigen. Wer jetzt auf der Bühne heimisch werden will, muß
sich einem Brauch, der nicht sofort abzustellen ist, fügen. Der Dichter
wird also sein Werk zuletzt auch nach der Verszahl schätzen, und wenn
dasselbe, wie zu befürchten, über die Bühnenzeit hinausgeht, so wird er
noch einmal mustern, was irgend entbehrlich ist.
Hat er diese herbe Arbeit der Selbstprüfung, so weit er vermochte,
beendet, dann möge er daran denken, das Stück für die Oeffentlichkeit
vorzubereiten.
Zu dieser Arbeit ist dem jungen deutschen Dichter ein erfahrener
Bühnenfreund unentbehrlich. Er wird ihn in dem Leiter oder Regisseur
einer größern Bühne zu erwerben suchen. Er wird diesem sein Werk in
Handschrift einsenden.
Nun beginnt neues Erwägen, Verhandeln, Kürzen, bis der Wortlaut
des Stückes für die Aufführung festgestellt ist. Hat der Dichter
die zweckmäßigen Aenderungen vorgenommen, so wird sein Werk bei
dem Theater, mit dem er sich vertrauensvoll in Verbindung gesetzt
hat, gewöhnlich rasch aufgeführt. Ist ihm möglich dieser Aufführung
beizuwohnen, so wird das ihm sehr nützlich sein, weniger deshalb, weil
er selbst sofort die Uebelstände und Mängel seiner Arbeit erkennt,
denn bei jungen Schriftstellern kommt die Selbsterkenntniß selten so
schnell, sondern weil auch dem erfahrenen Leiter einer Bühne manche
Schwächen und Längen des Stückes erst durch die Aufführung deutlich
werden.
Es ist wahr, die erste Verbindung des Dichters mit der Bühne ist
für ihn nicht frei von Mißbehagen. Die Sorge um die Aufnahme des
Stückes legt sich beengend auch um ein muthiges Herz, immer noch thun
die Kürzungen weh, und das Beschreiten der halbdunklen Bühne wird
peinlich durch die innere Unsicherheit und durch Bedenken gegen die
unfertigen Leistungen der Darsteller. Aber diese Verbindung hat auch
viel Herzerfreuendes und Lehrreiches: die Proben, das Aufnehmen des
wirklichen Bühnenbildes, die Bekanntschaft mit Brauch und Ordnung des
Theaters. Und bei erträglichem Erfolge des Dramas bleibt vielleicht die
Erinnerung daran dem Dichter ein werther Besitz des späteren Lebens.
Hier eine Warnung. Der junge Dichter soll einigemal sich am Einüben
und an den Aufführungen der Bühnen betheiligen. Er soll genau, bis
ins Kleinste, die Einrichtung der Bühne, die Verwaltung des großen
Organismus, die Wünsche der Darsteller kennen lernen. Aber er soll
nicht auf seine Stücke reisen. Er soll nicht so warm in ihnen beharren,
er soll nicht so eifrig den Beifall neuer Menschen suchen. Und ferner,
er soll nicht den Regisseur spielen, und soll sich während der
Spielproben nur einmischen, wo das dringend geboten ist. Er ist kein
Schauspieler und vermag in dem Eifer der forteilenden Proben schwerlich
ein Verfehltes dem Darsteller durch Bessermachen zu ändern. Er merke
sich an, was ihm auffällt, und bespreche dies später mit den Künstlern.
Die Stelle des Dichters ist in der Leseprobe. Diese richte er so
ein, daß zuerst er selbst -- wenn ihm Stimme und Uebung ward -- sein
Drama vorlese, und daß, wo möglich, in einer zweiten Probe wieder die
Künstler ihre Rollen lesen. Die gute Einwirkung, welche er auszuüben
vermag, wird sich hier am besten bewähren.
Die größere Selbständigkeit der einzelnen Landschaften hat in
Deutschland verhindert, daß die Erfolge eines Theaterstückes an der
großen Bühne einer Hauptstadt maßgebend werden für die Erfolge auf
den übrigen Theatern des Landes. Ein deutsches Drama muß das Glück
haben, bei acht bis zehn größeren Theatern in den verschiedenen Theilen
Deutschlands Erfolge zu erlangen, bevor sein Lauf über die übrigen als
gesichert betrachtet werden kann. Während der Ruf eines Theaterstückes,
welches von der Wiener Burg ausgeht, so ziemlich die übrigen Theater
des Kaiserstaates bestimmt, hat schon das Berliner Hoftheater einen
viel kleineren Kreis, in dem es den Ton angibt; was in Dresden gefällt,
mißfällt vielleicht in Leipzig, und ein Erfolg in Hannover sichert
noch keineswegs ähnlichen in Braunschweig. Indeß so weit reicht doch
der Zusammenhang der deutschen Bühnen, daß der gute Erfolg eines
Bühnenwerkes auf einem oder zwei angesehenen Theatern die übrigen
darauf aufmerksam macht. Ueberhaupt ist Mangel an Aufmerksamkeit auf
das irgendwo dargestellte Brauchbare im Allgemeinen nicht der größte
Vorwurf, welcher gegenwärtig den deutschen Theatern zu machen ist.
Hat ein Theaterstück die Probe einer ersten Aufführung durchgemacht,
so gab es bisher zwei Wege dasselbe an den Bühnen zu verbreiten. Der
eine war, das Stück drucken zu lassen und an die einzelnen Theater zu
versenden, der andere die Handschrift einem Agenten zum Vertrieb zu
übergeben.
Jetzt vertritt die Genossenschaft dramatischer Autoren und Componisten
zu Leipzig durch ihren Vorstand die Rechtsansprüche ihrer Mitglieder
an deutsche Bühnen, sie besorgt den Vertrieb der dramatischen Werke zu
Aufführungen, die Ueberwachung der Aufführungen, die Einziehung der
Honorare und Tantièmen. Wer jetzt als junger Verfasser mit dem Theater
zu thun hat, kann die Unterstützung durch die Genossenschaft gar nicht
mehr entbehren, und es liegt deshalb in seinem Interesse, ein Mitglied
derselben zu werden.
Aber außerdem ist einem jungen Schriftsteller auch wünschenswerth, zu
den Theatern selbst, ihren Vorständen, ausgezeichneten Mitgliedern
u. s. w. in unmittelbare Beziehung zu treten. Er lernt dadurch das
Theaterleben, seine Forderungen und seine Bedürfnisse kennen. Deshalb
schlägt er _bei seinen ersten_ Stücken am besten einen Mittelweg ein.
Ist sein Stück als Manuscript gedruckt (er wählt nicht zu kleine
Lettern, damit die Augen der Souffleure nicht über ihn weinen), so
übergibt er dasselbe für die große Mehrzahl der Bühnen der Direction
seiner Genossenschaft, behält aber die Versendung und den Verkehr
mit einigen Bühnen, von denen er besondere Förderung erwarten darf.
Außerdem ist vortheilhaft, daß er einzelnen bedeutenden Darstellern der
betreffenden Theater einen Abdruck seines Werkes sendet. Er bedarf der
warmen Hingebung und des liebevollen Antheils der Schauspieler, es ist
freundlich, daß auch er ihnen das Studium ihrer Rollen erleichtert.
Die so eingeleitete Verbindung mit achtungswerthen Talenten der Bühne
wird dem Schriftsteller nicht nur nützlich sein, sie kann ihm auch
bedeutende Menschen, warme Bewunderer des Schönen, vielleicht fördernde
und treue Freunde gewinnen. Dem deutschen Dramatiker thut der frische,
anregende Umgang mit gebildeten Darstellern mehr noth als irgend etwas
Anderes, denn am leichtesten erwirbt er durch ihn, was ihm gewöhnlich
fehlt, genaue Kenntniß des Wirksamen auf der Bühne. Schon Lessing hat
das erfahren.
Hat der Dichter dies alles gethan, so wird er bei günstigem Erfolge
seines Stückes bald durch einen ziemlich umfangreichen Briefwechsel in
die Geheimnisse des Theaterlebens eingeweiht werden.
Und zuletzt, wenn der junge Bühnendichter in solcher Art das Kind
seiner Träume in die Welt geschickt hat, wird er hinreichend
Gelegenheit haben, noch etwas Anderes an sich herauszubilden als
Bühnenkenntniß. Es wird seine Pflicht sein, glänzende Erfolge zu
ertragen, ohne übermüthig und eingebildet zu werden, und betrübende
Niederlagen, ohne den Muth zu verlieren. Er wird viele Gelegenheit
haben, sein Selbstgefühl zu prüfen und zu bilden, und wird auch
in dem luftigen Reich der Bühne, gegenüber den Darstellern, den
Tagesschriftstellern und den Zuschauern, noch etwas aus sich machen
können, was mehr werth ist als ein gewandter und technisch gebildeter
Dichter: einen festen Mann, der das Edle nicht nur in seinen Träumen
empfindet, sondern auch durch sein eigenes Leben darzustellen redlich
und unablässig bemüht sein soll.
Druck von _J. B. Hirschfeld_ in Leipzig.