Fußnoten

[1] Schon Aristoteles hat diesen ersten Fund des Dichters, das

Herausbilden der poetischen Idee tiefsinnig erfaßt. Wenn er die Poesie

der Geschichte als philosophischer und bedeutender gegenüberstellt,

weil die Poesie das allen Menschen Gemeinsame darstelle, die Geschichte

aber das Zufällige und Einzelne berichte, und weil die Geschichte

vorführe, was geschehen ist, die Poesie, wie es hätte geschehen

können, so werden wir Modernen, die wir von der Wucht und Größe der

geschichtlichen Ideen durchdrungen sind, zwar die vergleichende

Schätzung zweier grundverschiedenen Gebiete des Schaffens ablehnen,

aber wir werden die Feinheit seiner Begriffsbestimmung zugeben.

Gleich darauf deutet er den Vorgang des Idealisirens in einem oft

mißverstandenen Satze an. Er sagt (Cap. 9, 4): „Jenes menschlich

Gemeinsame der Poesie wird dadurch hervorgebracht, daß Reden und

Handlungen der Charaktere als wahrscheinlich und nothwendig erscheinen,

und dies gemein Menschliche arbeitet die Poesie aus dem rohen Stoff

heraus, und _sie_ (die Poesie) setzt den Personen die zweckmäßigen

Namen auf,” -- ὁυ στοχαζεται ἡ ποιησις ονοματα επιτιθεμενη -- mag sie

nun die in dem Stoff vorhandenen benutzen oder neue erfinden. Schon

Aristoteles war nämlich der Ansicht, daß der Dichter beim Beginn seiner

Arbeit wohl thue, sich zuvörderst den Stoff, der ihn angezogen hat,

auch in einer von allen Zufälligkeiten entkleideten Formel gegenüber

zu stellen, und er führt dies an einer andern Stelle (Cap. 17, 6. 7)

weiter aus. „Die Iphigeneia und der Orestes des Dramas sind durchaus

nicht mehr dieselben, wie in dem überlieferten Stoff. Es ist für

den schaffenden Dichter zunächst fast zufällig, daß sie diese Namen

behalten. Erst wenn der Dichter seine Handlungen und Charaktere aus

dem Zufälligen, Wirklichen, einmal Geschehenen herausgehoben und an

dessen Stelle einen gemeingiltigen Inhalt gesetzt hat, der uns als

wahrscheinlich und nothwendig erscheint, erst dann soll er wieder

Farbe und Ton, Namen und Nebenumstände aus dem rohen Stoff verwenden.”

(Cap. 18, 7.) Deshalb ist auch möglich, daß Dramen, welche aus sehr

verschiedenen Stoffkreisen genommen sind, im letzten Grunde denselben

Inhalt -- oder wie wir das ausdrücken, dieselbe poetische Idee --

darstellen. Das ist der Sinn der angezogenen Stellen.

[2] Die wenigen technischen Ausdrücke verlangen vom Leser eine

unbefangene Aufnahme. Mehre derselben haben auch im Tagesgebrauch seit

den letzten hundert Jahren einige feinere Wandelungen der Bedeutung

durchgemacht. Was hier Handlung heißt: der für das Drama bereits

zugerichtete Stoff (bei Aristoteles Mythos, bei den Römern Fabula),

das heißt bei Lessing noch zuweilen Fabel, während er den rohen Stoff,

Praxis oder Pragma des Aristoteles, durch Handlung übersetzt. Aber auch

Lessing gebraucht schon zuweilen das Wort Handlung besser, so wie es

hier verwendet wird.

[3] Bekanntlich wird von Aristoteles die Einheit des Ortes gar nicht

gefordert, über den ununterbrochenen Zusammenhang der Zeit nur gesagt,

daß die Tragödie soviel als möglich versuche, ihre Handlung in einem

Sonnenumlauf zusammenzufassen. -- Es war bei den Griechen, wie sich

schließen läßt, gerade die Genossenschaft des Sophokles, welche in

der Ausübung ihrer Kunst das festhielt, was wir Einheit des Ortes und

der Zeit nennen. Und mit gutem Grunde. Die gedrungene Handlung des

Sophokles mit höchst regelmäßigem Aufbau bedarf überhaupt ein sehr

kurzes Theilstück der Sage, so daß die zu Grunde liegende Begebenheit

häufig in demselben kurzen Zeitraum weniger Stunden geschehen sein

könnte, welchen die Darstellung in Anspruch nimmt. Wenn Sophokles

vermied, die Scene zu wechseln, wie z. B. Aeschylos in den Eumeniden

that, so hatte er noch eine besondere Ursache. Wir wissen, daß er auf

Theatermalerei hielt, er hatte eine kunstvollere Ausschmückung des

Hintergrundes eingeführt, und er bedurfte an seinem Theatertage für

die vier Stücke zuverlässig vier große Decorationen, welche bei den

riesenhaften Verhältnissen der Scene an der Akropolis ohnedies eine

bedeutende Ausgabe veranlaßten. Ein Wechseln des ganzen Hintergrundes

während der Aufführung war nicht statthaft, und das bloße Umstellen

der Periakte -- wenn diese überhaupt schon zur Zeit des Sophokles

eingerichtet waren -- blieb für das Herz eines antiken Regisseurs

ebenso unvollkommene Einrichtung, wie bei uns ein Wechsel der

Seitencoulissen ohne Veränderung des Hintergrundes wäre. -- Weniger

bekannt dürfte sein, daß gerade Shakespeare, der mit Ort und Zeit so

frei umgeht, weil die feste Architektur seiner Bühne ihm ersparte oder

leicht machte, den Wechsel scenisch anzudeuten, doch seine Stücke

auf einem Theater darstellte, welches der schmucklose Nachkomme des

attischen Prosceniums war. Dies Proscenium hatte sich allmählich

durch kleine Aenderungen in das römische Theater, den Mysterienbau

des Mittelalters und das Gerüst des Hans Sachs umgeformt. Dagegen hat

dieselbe classische Periode des französischen Theaters, welche so steif

und ängstlich die griechischen Ueberlieferungen wieder zu beleben

versuchte, uns den tiefen Guckkastenbau unserer Bühne, der aus den

Bedürfnissen des Ballets und der Oper entstanden war, hinterlassen.

[4] Die Einzelheiten der alten Novelle und was Shakespeare daran

änderte, können hier übergangen werden.

[5] Es ist ein schlechtes Hilfsmittel unserer Regisseure, die

schwächste dieser Gruppen, die Familie Attinghausen, dadurch

unschädlich zu machen, daß man so viel als möglich in ihren Rollen

streicht, und diese durch schwache Schauspieler noch mehr herabdrückt.

Der Schaden wird dadurch nur auffälliger. Entweder führe man das

Stück Schillers so auf, daß man die von ihm beabsichtigten Wirkungen

möglichst vollständig zur Geltung bringt; in diesem Fall besetze man

gerade die drei öden Rollen, Freiherr, Rudenz, Bertha, mit guten

Kräften. Unsere Schauspieler können dem Dichter, der so viel für sie

gethan hat, auch einmal ihren Dank zeigen. Oder man behandle den Tell,

wie er am leichtesten auf unserer Bühne wirkt, dann streiche man die

drei Rollen ganz, was mit sehr geringen Aenderungen möglich ist.

[6] Schon bei den Griechen hat das Wort Epeisodion eine kleine

Geschichte. Es bezeichnete in der frühesten Zeit des Dramas die

Ueberführung aus einem Chorgesang in den folgenden, also seit

Einführung der Schauspieler zuerst die kurzen Reden, Botenscenen,

Dialoge u. s. w., welche die Uebergänge und Motive für die neuen

Stimmungen des Chors enthielten. Auch nach Erweiterung dieser

recitirenden Theile blieb dem ausgebildeten Drama das Wort als alte

Regiebezeichnung für jeden Theil des Dramas, der zwischen zwei

Chorgesängen stand, es entspricht in dieser Bedeutung etwa unserem

Akte, genauer unserer ausgeführten Scene. -- In der Werkstatt der

griechischen Dichter wurde es aber Bezeichnung derjenigen Theile der

Handlung, welche der Dichter zur reicheren Gliederung, zur Belebung

seines alten Mythenstoffes in freier Erfindung einfügte, z. B. in der

Antigone jene Scene zwischen Antigone, Ismene und Kreon, in welcher

die unschuldige Ismene sich für eine Mitschuldige der Schwester

erklärt. Auch in dieser Bedeutung mochte das Epeisodion vielleicht den

ganzen Raum zwischen zwei Chorgesängen füllen, in der Regel war es

kürzer. Seine Stellen waren zumeist in der Steigerung, nur zuweilen

in der Umkehr der Handlung, unserem zweiten und vierten Akt. -- Da es

in dieser Bedeutung kleine Stücke der Handlung bezeichnete, welche

zwar aus den höchsten Lebensbedürfnissen des Dramas hervorgegangen

sein konnten, aber für den Zusammenhang der Begebenheiten nicht

unentbehrlich waren, und da seit Euripides die Dichter immer

häufiger auf Effectscenen ausgingen, welche mit Idee und Handlung in

lockerer Verbindung standen, so hing sich an das Wort allmählich die

Nebenbedeutung einer unmotivirten und willkürlichen Einschaltung. In

der Poetik ist das Wort in jeder der drei Bedeutungen gebraucht, z. B.

Cap. ~XII~, 5 ist es der Terminus des Regisseurs, Cap. ~XVII~, 8-10

technischer Ausdruck des Dichters, Cap. ~X~, 3 (der Ausgabe von G.

Hermann) schielt es in der Nebenbedeutung.

[7] Durch diese Unregelmäßigkeit in Anordnung der Handlung, die

zugleich wie ein Rückfall in die alten Gewohnheiten des englischen

Volkstheaters aussieht, wird der Bau des Dramas gestört. Die durch

Stoff und Idee gebotene Handlung war folgende: Erster Akt: Antonius

bei Kleopatra und Trennung von ihr. Zweiter Akt: Versöhnung mit Cäsar

und Wiederherstellung der Herrschermacht. Dritter Akt: Der Rückfall

zur Aegypterin mit Höhenpunkt. Vierter Akt: Innerer Verderb, Flucht

und letztes Ringen. Fünfter Akt: Katastrophe des Antonius und der

Kleopatra. Aber die Abweichung Shakespeare's von dem regelmäßigen Bau

hat einen tieferen Grund. Das innere Leben des verwüsteten Antonius

hatte keinen großen Reichthum und bot dem Dichter in den Augenblicken

der neuen Bethörung wenig Anziehendes. Seine Lieblingsgestalt in

dem Drama aber, Kleopatra, in deren Ausführung er seine höchste

Meisterschaft bewährt hatte, war kein Charakter, der zu _großen_

dramatischen Bewegungen geeignet war, die verschiedenen Scenen dieser

Frau voll Leidenschaftlichkeit ohne Leidenschaft gleichen glänzenden

Variationen desselben Themas. Sie ist in ihrem Verhältniß zu Antonius

gerade oft genug von den verschiedensten Seiten geschildert, um das

reiche Bild einer dämonischen Kokette zu bieten. Die Rückkehr des

Antonius gab dem Dichter auch in Beziehung auf sie keine neue Aufgabe.

Dagegen war die Erhebung dieses Charakters in verzweifelter Lage, unter

den Schrecken des Todes für ihn ein fesselnder Vorwurf, und insofern

mit Recht, weil gerade darin eine höchst eigenartige Steigerung

desselben gegeben werden konnte. So opferte Shakespeare diesen Scenen

einen Theil der Handlung. Er warf die Momente des Höhenpunktes und

der Umkehr zusammen, indem er sie in kleinen Scenen andeutete, und

räumte der Katastrophe zwei Akte ein. Für die Gesammtwirkung des

Stückes bleibt das ein Uebelstand. Wir verdanken ihm freilich die

Todesscene Kleopatra's im Grabmale, von dem vielen Außerordentlichen,

was Shakespeare geschaffen hat, vielleicht das Erstaunlichste. -- Daß

die Nebenfiguren Oktavian und seine Schwester gerade auf der Spitze

der Handlung dem Dichter wichtiger wurden als seine Hauptperson, rührt

wohl daher, daß dem bejahrten Dichter überhaupt der einzelne Mensch,

sein Glück und Leiden klein geworden war vor einer ahnenden und

ehrfurchtsvollen Betrachtung des geschichtlichen Weltgefüges.

[8] Die Scene ist aber durchaus nicht ganz wegzulassen, wie wohl

geschieht. Auch die Kürzung muß den Gegensatz zu der ersteren, die

befehlende Härte des Tyrannen, die lauernde Feindschaft der Mutter und

die Täuschung Richards durch eine von ihm verachtete Frau hervorheben.

Wollen unsere Regisseure nicht mehr dulden, so mögen sie etwa folgende

Kürzung ertragen. Wenn man die Verse der Schlegel-Tieck'schen Ausgabe

von den Worten Richards: „Bleibt, gnädige Frau, ich muß ein Wort Euch

sagen,” bis zum Ende der Scene, den Worten Richards: „bringt meinen

Liebeskuß, lebt wohl” mit fortlaufenden Ziffern von 1-238 bezeichnet,

so bleiben folgende Verse stehen: 1-3, 7-9, 54, 59, 60, 97-101, 103,

104, 113, 114, 123-128, 131, 133, 143-160, 210-221, 223, 225-227,

236-238.

[9] Beide Fachausdrücke werden noch jetzt nicht immer richtig

verstanden. _Peripetie_ bezeichnet durchaus nicht den letzten Theil der

Handlung vom Höhenpunkte abwärts, welcher bei Aristoteles Katabasis

heißt, sondern es ist nur, was hier tragisches Moment genannt wird,

eine einzelne Scenenwirkung, zuweilen nur Theil einer Scene. --

Das Kapitel über die _Anagnorisis_ aber, eins der lehrreichsten in

der Poetik, weil es Einblick in die handwerksmäßige Methode der

Dichterarbeit gewährt, schien gar einmal den Herausgebern unecht.

[10] Daß die Chöre in der Regel nicht flüchtig dahinrauschten und ein

gutes Theil Zeit in Anspruch nahmen, können wir daraus schließen, daß

bei Sophokles einigemal ein kurzer Chor die Zeit ausfüllt, welche der

Schauspieler bedurfte, sich hinter der Scene umzukleiden und den Weg

von seiner Thür bis zu dem Seiteneingang zu durchmessen, aus welchem er

in der neuen Rolle auftreten mußte. Dreizehn Zeilen und zwei Strophen

eines kleinen Chors genügen, um den Deuteragonisten, der als Iokaste

durch seine Hinterthür abgegangen ist, umzukleiden und als Hirten von

der Feldseite wieder auf die Bühne zu senden. Es war auf dem Theater

der Akropolis kein kurzer Weg.

[11] Daß eine beliebte Reihenfolge der Uebergang aus dem Düsteren,

Schrecklichen ins Hellere gewesen sei, möchten wir schon aus dem

Umstand schließen, daß Antigone und Elektra erste Stücke des Tages

waren. Bei der Antigone geht das nicht nur aus dem ersten Chorgesang

hervor, dessen erste schöne Strophe ein Morgenlied ist, sondern auch

aus der Beschaffenheit der Handlung, welche der großen Rolle des

Pathosspielers nur die erste Hälfte des Stückes gibt und dadurch den

Schwerpunkt des Dramas nach vorn legt. Es wäre bei dem schönsten

Gedicht unrathsam gewesen, dem wenig geachteten dritten Schauspieler,

der übrigens von Sophokles einigemal besonders bevorzugt wird, die

für das Urtheil der Richter so wichtigen Schlußwirkungen des letzten

Stückes zu überlassen. In der Elektra wird im Prolog ebenfalls

die aufgehende Sonne und das bacchische Festkleid erwähnt. Ebenso

scheint die schöne breit ausgeführte Situation im Prolog des Königs

Oedipus und der Bau des Aias, dessen Schwerpunkt in der ersten Hälfte

liegt und der deutlich die Morgenfrühe verräth, auf erste Stücke zu

deuten. Die Trachinierinnen kämpften wahrscheinlich als Mittelstück,

Oedipus auf Kolonos mit seinem großartigen Schluß und Philoktetes mit

ausgezeichneter Pathosrolle und versöhnendem Ende als letzte. Die

Vermuthungen, welche aus der technischen Beschaffenheit der Stücke

hergeleitet werden, haben wenigstens mehr Wahrscheinlichkeit, als

solche, welche aus einer Zusammenstellung der vorhandenen Dramen mit

nicht erhaltenen hervorgehen.

[12] Sechs Stücke des Sophokles enthalten, wenn man die Reden und

Gesänge des Chors abzieht, im Durchschnitt jedes ungefähr 1118 Verse.

Nur Oedipus auf Kolonos ist länger. Rechnet man die Verszahl eines

jeden der drei Schauspieler wieder im Durchschnitt als gleich groß,

so geben die Tragödien des Tages mit Zurechnung eines Satyrspiels

von der Länge des Kyklops (etwa 500 Verse für drei Solospieler) dem

einzelnen Schauspieler die Gesammtzahl von 1300 Versen. Aber die

Aufgabe des ersten Schauspielers wurde schon durch die angreifenden

Pathosscenen und durch die Gesänge ungleich größer. Außerdem mußte ihm

wohl auch mehr zugemuthet werden. Wenn man in den drei Stücken des

Sophokles, in welchen der Held an einer von den Göttern auferlegten

Krankheit leidet (Aias, Trachinierinnen, Philoktetes), die Partien des

ersten Schauspielers zusammenzählt (Aias, Teukros; Lichas, Herakles;

Philoktetes), so ergeben sich etwa 1440 Verse, also mit der Rolle

eines Satyrspiels mehr als 1600 Verse, und zwar eine Anspannung

durch etwa sechs verschiedene Rollen und durch etwa sechs Gesänge.

-- Daß Sophokles bei Zusammensetzung seiner Tetralogien auf die

Erholungspausen seiner drei Schauspieler Rücksicht nehmen mußte,

ist unzweifelhaft. Jede letzte Tragödie erforderte die stärkste

Wirkung, sie wird also in der Regel dem ersten Schauspieler am meisten

zugemuthet haben. Daß die Trachinierinnen kein drittes Stück waren,

möchte man auch deshalb annehmen, weil darin der zweite Schauspieler

die Hauptrolle hat.

[13] Die Rollenvertheilung unter die Schauspieler ist in den erhaltenen

Stücken des Sophokles folgende, Protagonist, Deuteragonist, Tritagonist

mit 1. 2. 3. bezeichnet:

$König Oedipus.$ 1. _Oedipus_. 2. Priester. _Iokaste._ Hirte. _Bote der

Katastrophe._ 3. _Kreon._ Teiresias. Bote.

$Oedipus auf Kolonos.$ 1. _Oedipus._ _Bote der Katastrophe._ 2.

_Antigone._ *Theseus (die Scene des Höhenpunktes). 3. Koloner. Ismene.

Theseus (die übrigen Scenen). Kreon. Polyneikes.

$Antigone.$ 1. _Antigone._ Teiresias. _Bote der Katastrophe._ 2.

_Ismene._ Wächter. Hämon. *Eurydike. Diener. 3. _Kreon._

$Trachinierinnen.$ 1. *Dienerin. Lichas. _Herakles._ 2. _Deianeira._

Amme (als _Bote der Katastrophe_). Greis. 3. _Hyllos._ Bote.

$Aias.$ 1. _Aias._ Teukros. 2. _Odysseus._ Tekmessa. 3. _Athene._ Bote.

Menelaos. Agamemnon.

$Philoktetes.$ 1. _Philoktetes._ 2. _Neoptolemos._ 3. _Odysseus._

Kaufmann. Herakles.

$Elektra.$ 1. _Elektra._ 2. Pfleger. _Chrysothemis._ Aegisthos. 3.

_Orestes._ Klytämnestra.

Die mit * bezeichneten Rollen sind unsicher. Außer den drei

Schauspielern hatte die attische Bühne allerdings mehre Nebenspieler

für stumme Rollen, so in der Elektra den Pylades, in den

Trachinierinnen die besonders ausgezeichnete Rolle der Iole, in der

vielleicht Sophokles einen jungen Schauspieler, der ihm werth war, dem

Volke vorführen wollte. Es ist wahrscheinlich, daß diese Nebenspieler

zuweilen den Schauspielern kleine Nebenrollen abgenommen haben, z. B.

die Eurydike in der Antigone, welche sehr kurz behandelt ist, die

Dienerin des Prologs in den Trachinierinnen; wie hätten sie sonst ihre

Stimme und Kraft versuchen können? Solche Aushilfe, die vielleicht

doch einmal der Zuhörerschaft durch die Maske verdeckt blieb, wurde

nicht als Mitspielen gerechnet. -- Die Nebenspieler waren auch als

Vertreter der drei Schauspieler auf der Bühne nöthig, wenn in einer

Scene die Gegenwart einer Maske wünschenswerth war, der Schauspieler

derselben aber zu derselben Zeit in einer andern Rolle auftreten

mußte; dann figurirten die Nebenspieler in gleicher Kleidung und der

betreffenden Maske, in der Regel ohne zu sprechen; zuweilen freilich

mußten ihnen auch einzelne Zeilen gegeben werden; so wird die Ismene

in der zweiten Hälfte des Oedipus auf Kolonos von einem Nebenspieler

dargestellt, während der Schauspieler selbst den Theseus und Polyneikes

spielt. Dieses Stück hat die Eigenthümlichkeit, daß wenigstens auf dem

Höhenpunkt eine Scene des Theseus von dem Schauspieler der Antigone,

dem zweiten, gegeben wird, während der dritte die übrigen Scenen dieser

Partie besorgt; für eine einzelne Scene war diese Stellvertretung, wenn

der Schauspieler Stimme u. s. w. dazu eingeübt hatte, ohne besondere

Schwierigkeit. Es ist aber möglich, daß der Darsteller der Antigone

auch die erste Theseusscene gab. Antigone ist nämlich in das Gebüsch

des Hintergrundes gegangen, um den Vater zu bewachen, sie kann sehr

wohl als Theseus wieder auftreten, während ein Statist in ihrer Maske

ab und zu sichtbar wird. Wenn gerade in diesem Stück ein vierter

Schauspieler durch namhafte Rolle eingegriffen hätte, würde uns doch

wohl eine Nachricht von der damals noch auffallenden Neuerung geblieben

sein.

[14] Auf unserer Bühne hat zwar jedes Stück einen ersten Helden, aber

mehre Hauptrollen. Nicht häufig ist eine derselben umfangreicher als

die des ersten Helden, z. B. die des Falstaff in Heinrich ~IV.~

[15] Die Voraussetzungen der Trachinierinnen sind allerdings, was

Deianeira selbst betrifft, ziemlich einfach, aber Herakles ist der

erste Held und seine Vorbereitung zur Aufnahme unter die Götter war die

große Schlagwirkung des Stückes.

[16] Es ist gerade bei Sophokles unmöglich, aus den erhaltenen Namen

und Versen verlorener Stücke einen Schluß auf den Inhalt zu machen. Was

man sich nach der Sage als Inhalt des Dramas denken möchte, mag oft nur

Inhalt des Prologs sein.

[17]

Prolog: Neoptolemos, Odysseus.

Chor und Neoptolemos im Wechselgesang.

Steigerung { 1. Botenscene mit Erkennung Philoktetes, Neoptolemos.

der { 2. Botenscene Vorige, Kaufmann.

Handlung { 3. Erkennungsscene (des Philoktetes, Neoptolemos.

{ Bogens)

Chorgesang.

Höhenpunkt, 1. Doppelpathosscene Philoktetes, Neoptolemos.

das tragische 2. Dialogscene Vorige, Odysseus.

Moment

Chor und Philoktetes im Wechselgesang.

sinkende { 1. Dialogscene. Neoptolemos, Odysseus.

Handlung { 2. Dialogscene. Philoktetes, Neoptolemos,

und { dazu Odysseus.

Katastrophe { 3. Verkündigung und Schluß. Philoktetes, Neoptolemos,

Herakles.

[18] Die Balkonscene gehört für unsere Bühne an das Ende des ersten

Aktes, nicht in den zweiten, aber der erste Akt wird dadurch

unverhältnißmäßig lang. Es ist ein Uebelstand, daß unsere Eintheilung

der Stücke die Handlung Shakespeare's zuweilen da zerschneidet, wo ein

rascher Fortgang oder eine sehr kurze Unterbrechung geboten sind.

[19] Es sei erlaubt, diesen Bau durch Linien anzudeuten.

1. Ein Drama, wie es nicht in Schiller's Plan lag. Idee: Ein treuloser

Feldherr sucht das Heer zum Abfall von seinem Kriegsherrn zu verleiten,

wird aber von seinen Soldaten verlassen und getötet.

~a~ Erregendes Moment: Verlockung zum Verrath. ~b~ Steigerung: etwa

Verhandlung mit den Feinden. ~c~ Höhenpunkt: scheinbarer Erfolg, etwa

die listig erlangte Unterschrift der Generäle. ~d~ Umkehr: etwa das

Gewissen des Heeres empört sich. ~e~ Katastrophe: Tod des Feldherrn.

[Illustration]

2. _Schiller's Wallenstein_ ohne die Piccolomini. Idee: ein Feldherr

wird durch übergroße Macht, Intriguen der Gegner und sein eigenes

stolzes Herz bis zum Verrath gegen seinen Kriegsherrn verleitet, er

sucht das Heer u. s. w.

Darin ~a b c~ steigende Handlung bis zum Höhenpunkt: die inneren Kämpfe

und Versuchungen, ~a~ Questenberg im Lager und Trennung vom Kaiser. ~b~

Prüfung der Generäle, Banketscene. ~c~ Höhenpunkt: die erste That des

Verraths, z. B. die Verhandlungen mit Wrangel. ~c d~ Versuche, das Heer

zu verführen. ~d~ Umkehr: das Gewissen der Soldaten empört sich. ~e~

Katastrophe: Tod Wallenstein's.

[Illustration]

3. _Das Doppeldrama._ ~A~ die Piccolomini (durch Punkte bezeichnet).

~B~ Wallenstein's Tod (durch Linien bezeichnet).

[Illustration]

~a a~ die beiden erregenden Momente: ~a^1~ die Generäle und Questenberg

für das Gesammtstück, ~a^2~ Max' und Thekla's Ankunft für die

Piccolomini.

~c c~ die beiden Höhenpunkte: ~c^1~ Lösung des Max von Octavio,

zugleich Katastrophe der Piccolomini. ~c^2~ Wallenstein und Wrangel,

zugleich Ausführung des erregenden Momentes von Wallenstein's Tod.

~e e~ die beiden Schlußkatastrophen, ~e^1~ der Liebenden und ~e^2~

Wallenstein's. Ferner ist ~b~, Liebesscene zwischen Max und Thekla,

der Höhenpunkt der Piccolomini. ~f~ und ~g~ sind die aus Wallenstein's

Tod eingeflochtenen Scenen: Audienz Questenberg's und Banket, der

2te und 4te Akt der Piccolomini. ~h~, ~d~ und ~e^1~ sind die aus

den Piccolomini in Wallenstein's Tod geflochtenen Scenen: Octavio's

Ränkespiel, Aufbruch des Max, Bericht seines Todes nebst Thekla's

Flucht: der 2te, 3te und 4te Akt, ~d~, die Kürassierscene, zugleich

Höhenpunkt des zweiten Dramas.

[20] Bei dem Druck unserer Dramen werden jetzt häufig innerhalb der

Akte nur diejenigen Scenen stark abgesetzt und mit Zahlen bezeichnet,

bei denen ein Wechsel der Decorationen nöthig wird. Das Richtige aber

wäre, die _dramatischen_ Scenen innerhalb des Aktes der Reihe nach zu

zählen und zu bezeichnen, und da, wo ein Wechsel der Decorationen zu

bemerken ist, der laufenden Scenennummer das Wort „Verwandlung” und die

Beschreibung der neuen Bühnenausstattung beizufügen.

[21] Der Akt ist zweitheilig. Der erste vorbereitende Theil enthält

drei kurze dramatische Bestandtheile: den Eintritt des Max, die

Vorlegung der gefälschten Urkunde durch die Intriganten, den Anschluß

Buttler's an sie. Von da beginnt, ebenfalls durch Unterredung der

Diener eingeleitet, der große Schluß. Die zechenden Generäle darf man

nicht den ganzen Akt in dem Mittel- und Hintergrund der Bühne sehen,

die Bühne zeigt besser ein Vorzimmer des Banketsaals durch Pfeiler

und Hinterwand von diesem getrennt, so daß man die Gesellschaft bis

zu ihrem Eintritt am Schluß nur undeutlich erblickt, und nur einzelne

bequeme Rufe und Bewegungen der Gruppen aufnimmt. Schiller war im

Wallenstein noch ein sorgloser Regisseur, von da ab that er mehr für

die scenische Anordnung. Zu den Besonderheiten der scharfen Zeichnung

in dieser schönen Scene gehört die theilnahmlose Versunkenheit des Max,

-- sie ist von Kleist im Prinz von Homburg wunderlicher wiederholt

worden. Nicht durch Schweigen kennzeichnet Shakespeare die Träumenden,

sondern durch zerstreute und tiefsinnige Reden.

[22] Es versteht sich, daß auch Emilia Galotti in der Tracht ihres

Jahres (1772) aufgeführt werden muß. -- Das Stück fordert noch eine

Rücksicht bei der Darstellung. Vom dritten Akt darf der Vorhang in

den Zwischenakten nicht mehr heruntergelassen werden, dieselben sind

außerdem sehr kurz zu halten.

[23] Zwanzig unserer großen Bühnenstücke in Versen haben folgende Länge:

Carlos 5471 Verse,

Maria Stuart 3927 „

Wallenstein's Tod 3865 „

Nathan 3847 „

Hamlet 3715 „

Richard ~III.~ 3603 „

Torquato Tasso 3453 „

Jungfrau v. Orleans 3394 „

Wilhelm Tell 3286 „

König Lear 3255 „

Othello 3133 „

Coriolan 3124 „

Romeo und Julia 2979 „

Braut von Messina 2845 „

Die Piccolomini 2669 „

Kaufmann v. Venedig 2600 „

Julius Cäsar 2590 „

Iphigenie 2174 „

Macbeth 2116 „

Prinz von Homburg 1854 „

Die Zahlen machen nicht den Anspruch unbedingter Genauigkeit, da die

unvollendeten Verse abzuschätzen waren -- sie sind durchschnittlich

mitgezählt --, und da die Stellen in Prosa, welche bei Shakespeare

bekanntlich umfangreich sind, nur eine ungefähre Schätzung erlauben.

Die Dramen in Prosa: Emilia Galotti, Clavigo, Egmont, Kabale und Liebe,

entsprechen unserer Bühnenzeit besser. Von den aufgezählten Dramen in

Versen sind nur die drei letzten ohne jede Verkürzung aufzuführen, die

ihnen aus anderen Gründen doch nicht ganz erlassen wird. Carlos, der

über alles Maß hinausgeht, würde unverkürzt sechs Stunden in Anspruch

nehmen.

Da „Wallenstein's Lager” -- mit den Liederzeilen -- 1105 schnell

dahinschwebende Verse hat, so würden die drei Stücke des dramatischen

Gedichtes Wallenstein zusammen 7639 Verse zählen und bei Aufführung

an _einem_ Tage ungefähr so viel Zeit fordern als das Oberammergauer

Passionsspiel. Keine einzige der Hauptrollen ist so umfangreich, daß

ihre Bewältigung an einem Tage dem Schauspieler Uebermäßiges zumuthet.

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| Anmerkungen zur Transkription |

| |

| Inkonsistenzen wurden beibehalten, wenn beide Schreibweisen |

| gebräuchlich waren, wie: |

| |

| Abwechselung -- Abwechslung |

| Accordes -- Accords |

| älteren -- ältern |

| Anderem -- Anderm |

| anderer -- andrer |

| Anfanges -- Anfangs |

| äußeren -- äußern |

| besonderem -- besonderm |

| besseren -- bessern |

| Conflicte -- Conflikte |

| danach -- darnach |

| dunkeln -- dunklen |

| düsteren -- düstern |

| Effecte -- Effekte |

| Entwickelung -- Entwicklung |

| früheren -- frühern |

| Gegenspieles -- Gegenspiels |

| gehen -- gehn |

| Geschickes -- Geschicks |

| Geschlechtes -- Geschlechts |

| gewohnt -- gewöhnt |

| Goethe's -- Goethes |

| Gräuel -- Greuel |

| größeren -- größern |

| heiteren -- heitern |

| Hellenenheeres -- Hellenenheers |

| hinüber leiten -- hinüberleiten |

| Iphigeneia -- Iphigenia -- Iphigenie |

| Julia -- Julie |

| Menschengeschlechtes -- Menschengeschlechts |

| Momentes -- Moments |

| neueren -- neuern |

| Perspectiven -- perspektivisch |

| Publicum -- Publikum |

| Richard's -- Richards |

| Schiller's -- Schillers |

| sicheren -- sichern |

| späteren -- spätern |

| Stückes -- Stücks |

| tieferen -- tiefern |

| unseren -- unsern |

| Vergleiches -- Vergleichs |

| Verkoppelung -- Verkopplung |

| Verrathes -- Verraths |

| Verwickelung -- Verwicklung |

| Wallenstein's -- Wallensteins |

| Wandelungen -- Wandlungen |

| |

| Folgende Änderungen wurden vorgenommen: |

| |

| Vorwort „anworten” in „antworten” geändert. |

| S. 1 „anschießt” in „anschließt” geändert. |

| S. 26 „angegeordnete” in „angeordnete” geändert. |

| S. 55 „bewunderswerther” in „bewundernswerther” geändert. |

| S. 70 „Butler” in „Buttler” geändert. |

| S. 74 „Roderigo” in „Rodrigo” geändert. |

| S. 78 „Rethorik” in „Rhetorik” geändert. |

| S. 92 „Gesprächscene” in „Gesprächsscene” geändert. |

| S. 99 „Allcestis” in „Alkestis” geändert. |

| S. 105 „Dunkan's” in „Duncan's” geändert. |

| S. 119 „anspruchloses” in „anspruchsloses” geändert. |

| S. 176 Punkt am Satzende eingefügt. |

| S. 178 „eine” eingefügt. |

| S. 187 „drie” in „drei” geändert. |

| S. 230 „Cesar” in „Cäsar” geändert. |

| S. 238 „anspruchvolles” in „anspruchsvolles” geändert. |

| S. 250 „wieder” in „wider” geändert. |

| S. 251 „Aussehn” in „Aussehen” geändert. |

| S. 271 „verausgegangener” in „vorausgegangener” geändert. |

| S. 278 „Alles” in „alles” geändert. |

| S. 294 „anspruchvollste” in „anspruchsvollste” geändert. |

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Die Technik des Dramas · 第 13 / 14 题