den Dramen Schiller's und Goethe's werden sie von dem heranwachsenden
Geschlecht gern vorgetragen. Lessing hätte, auch wenn er mehr als den
Nathan in unsern Jamben geschrieben hätte, schwerlich diese Art von
dramatischen Wirkungen gesucht.
Am nächsten den Monologen stehen die Botenberichte unserer Bühne; wie
jene das lyrische, so vertreten sie das epische Element. Von ihnen ist
bereits früher gesprochen. Da sie die Aufgabe haben, eine zu Gunsten
ihrer Aufnahme bereits erregte Spannung zu lösen, so muß die Wirkung,
welche sie in den Gegenspielern des Vortragenden oder vielleicht gar
in ihm selbst hervorbringen, sehr sichtbar werden; einen längeren
Vortrag muß gesteigertes Gegenspiel begleiten und unterbrechen,
allerdings ohne ihn zu überwachsen. Schiller, der Botenberichte sehr
liebt, gibt Beispiele in Menge, sowohl zur Lehre als zur Warnung.
Der Wallenstein allein enthält eine ganze Auswahl derselben. In den
schönen Musterstücken: „Es gibt im Menschenleben” und „Wir standen
keines Ueberfalls gewärtig” hat der Dichter zugleich die höchste
dramatische Spannung an die epischen Stellen geknüpft. Das Inspirirte
und Seherhafte Wallenstein's kommt an keiner Stelle so mächtig zu Tage
als in seiner Erzählung. Im Botenberichte des Schweden aber steht das
stumme Spiel der todwunden Thekla in dem stärksten Gegensatz zu Haltung
und Vortrag des theilnehmenden Fremdlings. Daneben hat dies Drama aber
andere Beschreibungen, z. B. den böhmischen Becher, das Zimmer des
Sterndeuters, deren starke Kürzung oder Entfernung bei der Aufführung
wohlthut.
Der wichtigste Theil der dramatischen Handlung verläuft in den
Dialogscenen, zunächst im Zwiegespräch. Der Inhalt dieser Scenen: Satz
und Gegensatz, Empfindung gegen Empfindung, Wille gegen Wille, hat bei
uns, abweichend von der einförmigen, antiken Weise, die mannigfaltigste
Ausbildung gefunden. Der Zweck aller Dialogscenen ist wieder, aus dem
Satz und Gegensatz ein Ergebniß herauszuheben, welches die Handlung
weiter treibt. Während das antike Zwiegespräch ein Streit war, der
gewöhnlich keine unmittelbare Einwirkung auf die Seelen der Handelnden
ausübte, versteht der moderne Dialog zu bereden, zu beweisen, hinüber
zu führen. Die Argumente des Helden und Gegenspielers sind nicht, wie
häufig in der griechischen Tragödie, rhetorische Wortgefechte, sondern
sie sind aus Charakter und Gemüth der Personen hergeleitet, und genau
wird der Hörer unterrichtet, wie weit dieselben wahrhafte Empfindung
und Ueberzeugung aussprechen oder täuschen sollen.
Der Angreifende wird also seine Gründe genau nach der Persönlichkeit
des Gegenspielers einrichten oder tief und wahr aus seinem eigenen
Wesen heraus schöpfen müssen. Damit aber das Zweckvolle oder Wahre
derselben von dem Hörer auch vollständig erfaßt wird, ist auf der
Bühne eine bestimmte Richtung von Rede und Antwort nothwendig,
nicht mit so gewohnheitsmäßigem Verlauf, wie auf der antiken oder
altspanischen Bühne, aber doch wesentlich von dem Wege verschieden,
welchen wir im wirklichen Leben einschlagen, um Jemand zu überzeugen.
Dem Charakter auf der Bühne ist die Zeit beschränkt, er hat seine
Argumente in einer fortlaufenden Steigerung der Wirkungen vorzutragen,
er hat das für seine Stellung Wirksamste auch dem Hörer eindringlich
auseinanderzusetzen. In Wirklichkeit mag ein solcher Kampf der
Ansichten vielgetheilt, mit zahlreichen Gründen und Gegengründen
ausgemacht werden, lange mag der Sieg schwanken, vielleicht ein
unbedeutender Nebengrund mag zuletzt den Ausschlag geben; dies ist auf
der Bühne in der Regel nicht möglich, weil es nicht wirksam wäre.
Deshalb ist Aufgabe des Dichters, die Gegensätze in wenigen Aeußerungen
zusammenzufassen, diese mit fortgesetzter Steigerung ihrer inneren
Bedeutung auszudrücken. In unseren Dramen schlagen die Gründe des
Einen gleich Wellen gegen die Seele des Andern, zuerst durch den
Widerstand gebrochen, dann höher, bis sie vielleicht am Ende über
die Widerstandskraft reichen. Es geschieht nach einem uralten
Compositionsgesetz, daß häufig der dritte solcher Wellenschläge die
Entscheidung gibt; dann ist zweimal Satz und Gegensatz vorausgegangen,
durch die beiden Stufen ist der Hörer genügend auf die Entscheidung
vorbereitet, er hat eine kräftige Einwirkung erhalten, und hat mit
Behagen das Gewicht der Gründe mit dem Inhalt des Charakters, auf den
sie wirken sollen, vergleichen können. Solche Gesprächsscenen sind
auf unserer Bühne seit Lessing mit besonderer Liebe und Schönheit
ausgebildet worden. Sie entsprechen sehr der Freude der Deutschen an
gründlicher Erörterung einer Angelegenheit. Berühmte Rollen unserer
Bühne verdanken ihnen allein ihren Erfolg: Marinelli, Carlos im
Clavigo, Wrangel im Wallenstein.
Da der Dichter die Dialogscene so zu arbeiten hat, daß dem Hörer der
Fortschritt, den dieselbe für die Handlung bewirkt, eindringlich wird,
muß auch die Technik dieser Scenen, je nach der Stellung, in welcher
sie die Betheiligten finden und verlassen, verschieden sein.
Am einfachsten wird die Sache, wenn der Eindringende den Angegriffenen
überwindet; dann findet ein- oder zweimalige Annäherung und Trennung
statt bis zum Siege des Einen, oder, wenn der Angegriffene biegsamer
ist, ein allmähliches Herüberziehen.
Eine Scene solcher Beredung von einfachem Bau ist der Dialog im Anfang
des Brutus und Cassius. Cassius drängt, Brutus gibt seiner Forderung
nach; der Dialog hat eine kurze Einleitung, drei Theile und Schluß,
der mittlere Theil ist von besonderer Schönheit und großer Ausführung.
Einleitung, _Cassius_: Ihr seid unfreundlich gegen mich. _Brutus_:
Nicht aus Kälte. Die Theile, _Cassius_: 1. Man hofft auf euch (lebendig
unterbrochen durch die Versicherung, daß Brutus ihm trauen könne, und
durch Rufe von außen, welche die Aufmerksamkeit auf Cäsar leiten). --
2. Was ist Cäsar mehr als wir? -- 3. Unser Wille kann uns befreien. --
Schluß, _Brutus_: Ich will's überlegen.
Wenn aber die Sprechenden von einander scheiden, ohne sich zu
vereinigen, so darf doch die Stellung derselben zu einander während
der Scene nicht unverändert bleiben. Es ist den Zuhörern unerträglich,
solchen Mangel an Fortschritt in der Handlung zu empfinden. Auch
in solchem Fall muß die Richtung des Einen oder Beider gebogen
werden, etwa so, daß sie an einer Stelle der Verhandlung scheinbar
übereinkommen und nach diesem Punkte der Annäherung sich wieder
energisch von einander abwenden. Die inneren Bewegungen, durch welche
diese Veränderung der Stellung bewirkt wird, müssen allerdings sowohl
wahr als für das Folgende zweckmäßig sein, nicht unnütze Querzüge,
welche einer scenischen Wirkung zu Liebe, ohne Nutzen für Handlung und
Charaktere, eingerichtet werden.
Bei ungebundener Rede ist es möglich, zahlreichere Gründe und
Gegengründe in das Feld zu führen, die Linien schärfer zu wenden;
im Ganzen bleibt der Bau, wie er oben mit einer brandenden Welle
verglichen wurde: ein allmähliches Hinauftreiben auf den Höhenpunkt,
Ergebniß, kurzer Abschluß. So ist die große Streitscene zwischen Egmont
und Oranien -- wohl der am besten gearbeitete Theil des Dramas -- aus
vier Theilen zusammengesetzt, vor denen eine Einleitung, nach denen der
Schluß steht. Einleitung: Oranien: Die Regentin geht ab. Egmont: Sie
geht nicht. Theil 1: Or. Und wenn ein Anderer kommt? Eg. So treibt
er's wie der Vorige. 2. Or. Er wird diesmal unsere Häupter fassen.
Eg. Das ist unmöglich. 3. Or. Alba ist unterwegs. Gehen wir in unsere
Provinz. Eg. Dann sind wir Rebellen. Hier der Umschwung, von jetzt
wird Egmont der Angreifende. 4. Eg. Du handelst unverantwortlich. Or.
Nur vorsichtig. Schluß: Or. Ich gehe und betraure dich als verloren.
Die letzte Vereinigung der Streitenden in einer gemüthlichen Stimmung
bildet einen guten Gegensatz zu der vorausgegangenen Heftigkeit
Egmont's.
Besondere Bedeutung haben in dem neueren Drama die Scenen zwischen
zwei Menschen erhalten, in denen die Charaktere sehr entschieden
_einer_ Meinung zu sein pflegen, die Liebesscenen. Sie sind nicht
durch Tagesgeschmack oder vorübergehende Weichlichkeit der Dichter und
Hörer entstanden, sondern durch einen uralten Gemüthszug der Germanen.
Seit frühester Zeit ist der deutschen Dichtung die Liebeswerbung,
die Annäherung des jungen Helden an die Jungfrau, besonders reizvoll
gewesen. Es war die herrschende poetische Neigung des Volkes, die
Beziehungen der Liebenden vor der Vermählung mit einer Würde und
einem Adel zu umgeben, von welchen die antike Welt nichts wußte. Nach
keiner Richtung hat sich der Gegensatz der Deutschen zu den Völkern
des Alterthums schärfer ausgeprägt, durch die gesammte Kunst des
Mittelalters bis zur Gegenwart geht dieser bedeutsame Zug. Auch in
dem ernsten Drama macht er sich mit hoher Berechtigung geltend. Das
holdeste und lieblichste Verhältniß der Erde wird mit dem Finstern und
Schrecklichen in Verbindung gebracht, als ergänzender Gegensatz, zur
höchsten Steigerung der tragischen Wirkungen.
Für den arbeitenden Dichter freilich sind diese Scenen nicht der
bequemste Theil seines Schaffens, und nicht jedem will es damit
gelingen. Es ist nicht ohne Nutzen, die größten Liebesscenen, welche
wir haben, mit einander zu vergleichen, die drei Scenen des Romeo auf
dem Maskenfeste und beim Balkon vor und nach der Brautnacht, und die
Scene Gretchens im Garten. In der ersten Romeoscene hat der Dichter
der Kunst des Darstellers die höchste Aufgabe gestellt, in ihr ist
die Sprache der beginnenden Leidenschaft wundervoll abgebrochen und
kurz, hinter dem artigen Redespiel, das zu Shakespeare's Zeit der
guten Gesellschaft geläufig war, scheint das aufglühende Gefühl nur
wie in Blitzen durch. Wohl empfand der Dichter, wie sehr darauf ein
vollerer Ausdruck noth thue. Die erste Balkonscene ist immer für ein
Meisterstück der Dichtkunst gehalten worden, aber wenn man die hohen
Schönheiten ihrer Verse zergliedert, wird man vielleicht überrascht
sein, wie wortreich und unumschränkt genießend die Seelen der Liebenden
schon mit ihrem leidenschaftlichen Gefühl zu spielen wissen. Schöne
Worte, zierliche Vergleiche sind so gehäuft, daß wir zuweilen die Kunst
als künstlich empfinden. Für die dritte, die Morgenscene, ist die Idee
alter Minne- und Volkslieder -- „der Wächterlieder” -- in reizender
Weise verwerthet.
Auch Goethe hat in seiner schönsten Liebesscene volksthümliche
Erinnerungen poetisch verwerthet: er hat die Liebeserklärung in seiner
Weise aus kleinen epischen und lyrischen Momenten zusammengefaßt,
die er -- doch nicht ganz günstig für eine große Wirkung -- durch
den schneidenden Gegensatz Martha und Mephisto unterbricht. Auch der
Umstand erinnert an den großen lyrischen Dichter, daß Faust darin
zurücktritt und die Scenen nicht viel Anderes sind als Selbstgespräche
Gretchens. Aber jedes der drei kleinen Stücke, aus denen sich das Bild
zusammensetzt, ist von wunderbarer Schönheit.
Dem schwungvollen Schiller wollte es dagegen in seiner Jambenzeit mit
diesen Scenen nicht mehr recht gelingen. Am besten noch in der Braut
von Messina. Aber im Tell ist die Scene zwischen Rudenz und Bertha
ohne Leben, und selbst im Wallenstein, wo sie durchaus nothwendig
war, hat er ihr durch die Anwesenheit der Gräfin Terzky einen Dämpfer
aufgesetzt, Thekla muß den Geliebten vom Heerlager und von dem
Astrologenzimmer unterhalten, bis sie endlich in kurzem Alleinsein die
bedeutsame Warnung aussprechen kann.
Die glänzenden Beispiele Shakespeare's und Goethe's zeigen auch die
Gefahr dieser Scenen, es wird noch davon gesprochen. Da das Austönen
lyrischer Empfindungen auf der Bühne trotz aller Dichterkunst bei
längerer Ausdehnung den Hörer zuverlässig ermüdet, so wird die lohnende
Aufgabe des dramatischen Dichters, ein kleines Ereigniß zu erfinden,
in welchem das heiße Gefühl des liebenden Paares sich bei gemeinsamer
Theilnahme an einem Moment der Handlung ausdrücken kann, er erhält
dadurch die dramatische Schnur, an welcher er seine Perlen aufreiht.
Das süße Liebesgeplauder, welches sich Selbstzweck ist, wird er mit
Recht scheuen, und wo es unvermeidlich wird, durch Schönheit der Poesie
ersetzen, was er solchen Scenen als gewissenhafter Mann an Ausdehnung
nehmen muß.
Der Eintritt einer dritten Person in den Dialog gibt demselben einen
anderen Charakter. Wie das Bühnenbild durch den dritten Mann einen
Mittelpunkt und eine Gruppenaufstellung bekommt, so wird auch für
den Inhalt der Dritte oft der Vermittler oder Richter, welchem zwei
Parteien ihre Gründe an das Herz legen. Die Gründe beider Parteien
werden in solchem Falle zugleich für ihn nach seinem Wesen eingerichtet
und erhalten schon dadurch etwas Bewußtes, weniger Unmittelbares. Der
Lauf der Scene wird langsamer, zwischen Rede und Gegenrede tritt ein
Urtheil ein, welches sich ebenfalls dem Hörer bedeutsam darstellen muß.
Oder der dritte Schauspieler ist selbst Partei und Bundesgenosse
einer Seite. In diesem Fall werden die Aeußerungen der einen Partei
schneller, bewegter herausbrechen müssen, weil dem aufnehmenden Hörer
größere Anspannung der Aufmerksamkeit zugemuthet wird, indem er Wesen
und Inhalt zweier Persönlichkeiten in die eine Wagschale zu stellen
hat.
Der dritte, seltnere Fall endlich ist, daß jeder der drei Charaktere
seinen Willen gegen den der beiden andern stellen will. Solche Scenen
werden als ein Ausklingen einer gelösten Spannung zuweilen verwendbar,
sie haben nur ein kurzes Resultat zu ziehen, denn die drei Sprechenden
halten dann in der That Monologe. So die Scenen mit Margaretha in
Richard ~III.~, wo der eine Charakter die Melodie, die beiden andern
Parteien in Contrasten die Begleitung geben. Scenen solches Dreispiels
werden aber in größerer Ausführung fast nur dann Bedeutung gewinnen,
wenn wenigstens der Eine in verstelltem Spiel auf den Standpunkt eines
Anderen übergeht.
Scenen, welche mehr als drei Personen zu thätiger Theilnahme an
der Handlung versammeln, die sogenannten Ensemblescenen, sind ein
unentbehrlicher Bestandtheil unseres Dramas geworden. Sie waren der
alten Tragödie unbekannt, ein Theil ihrer Leistungen wurde durch die
Verbindung der Solospieler mit dem Chor ersetzt. Sie umschließen in dem
Drama der Neuzeit nicht vorzugsweise die höchsten tragischen Wirkungen,
obgleich ein großer Theil der lebendigsten Aktionen in ihnen ausgeführt
wird. Denn es ist eine nicht genug beachtete Wahrheit, _daß weniger
spannt und fesselt, was aus Vielen entsteht, als was aus der Seele der
Hauptgestalten lebendig wird_. Die Theilnahme an dem dramatischen Leben
der Nebenpersonen ist geringer und das Verweilen mehrer Betheiligten
auf der Bühne mag leicht das Auge zerstreuen, die Schaulust mehr als
nützlich erregen. Im Ganzen ist das Wesen dieser Scenen, daß sie bei
guter Führung durch den Dichter lebhaft beschäftigen und eine durch die
Haupthelden erregte Spannung lösen, oder daß sie helfen eine solche
Spannung in der Seele der Hauptgestalten hervorzurufen. Sie haben
deshalb vorzugsweise den Charakter vorbereitender oder abschließender
Scenen.
Es bedarf kaum der Erwähnung, daß ihre Eigenthümlichkeit nicht
jederzeit hervortritt, wenn mehr als drei Spieler auf der Bühne sind.
Denn auch, wo wenige Hauptrollen allein oder fast ausschließlich
die Handlung darstellen, mögen Nebenfiguren in ziemlicher Anzahl
wünschenswerth sein. Leicht mag eine Rathsversammlung, eine Prunkscene
viele Schauspieler auf der Bühne versammeln, ohne daß diese sich bis zu
thätigem Antheil erheben.
Die erste Vorschrift für den Bau der Ensemblescenen ist: sämmtliche
Personen charakteristisch und förderlich für die Handlung zu
beschäftigen. Sie sind wie eine geladene Gesellschaft, für deren
geistige Thätigkeit der Dichter als unsichtbarer Wirth unablässig
besorgt sein muß. Er muß beim Fortführen der Handlung genau die Wirkung
empfinden, welche die einzelnen Vorgänge, Reden und Gegenreden auf
jeden der Betheiligten ausüben.
Es ist klar, daß eine Person in Gegenwart Anderer auf der Bühne nicht
aussprechen darf, was diese nicht hören sollen, die herkömmliche
Aushilfe des Beiseitesprechens darf nur in dringenden Fällen und für
wenige Worte benutzt werden. Aber eine größere Schwierigkeit liegt
darin, daß auch nicht leicht eine Rolle etwas aussprechen darf, worauf
eine andere der anwesenden Personen eine Antwort geben müßte, welche
ihrem Charakter nach nothwendig, für die Handlung aber unnütz und
verzögernd wäre. Es gehört eine unumschränkte Herrschaft des Dichters
über seine Helden dazu und lebhafte Anschauung des Bühnenbildes, um
allen Mitspielern einer menschenreichen Scene gerecht zu werden. Denn
jede einzelne Rolle wirkt auf Stimmung und Haltung der übrigen und
trägt ihrerseits dazu bei, das unbefangene Aussprechen der Anderen
zu beschränken. Es wird daher in solchen Scenen sich die Kunst des
Dichters vorzugsweise darin zeigen, durch scharfe, kleine Striche die
Charaktere von einander abzuheben. Und es ist wohl zu beachten, daß
die angemessene Beschäftigung der versammelten Personen durch die
Beschaffenheit unserer Bühne erschwert wird, welche in ihren Coulissen
die Darsteller wie in einem Saale zusammenschließt und, wenn der
Dichter nicht, was zuweilen unmöglich ist, bestimmte Vorkehrungen
trifft, die Abtrennung Einzelner schwierig macht.
Ferner aber: Je zahlreicher die Mitspieler in die Scene geladen
sind, desto weniger Raum wird gewöhnlich der Einzelne behalten, sich
in seiner Eigenart zu äußern. Der Dichter wird also zu vermeiden
haben, daß der betreffende Theil der Handlung nicht durch die größere
Anzahl der Theilnehmer zerstückt wird und in kurzen Wellen eintönig
dahinläuft; und wie er die Personen in Gruppen ordnet, wird er auch die
Handlung der Scene so einrichten, daß die Bewegung der Nebenspieler
nicht die Bewegung der Hauptpersonen übermäßig beengt. Deshalb gilt der
Grundsatz: je größer die Zahl der Theilnehmer an einer Scene, desto
kräftiger gegliedert muß der Bau derselben sein. Die Haupttheile müssen
dann um so mächtiger hervortreten, bald die einzelnen führenden Stimmen
sich von der Mehrzahl abheben, bald das Zusammenwirken der Gesammtheit
im Vordergrund stehen.
Da bei größerer Anzahl von Spielenden der Einzelne leicht gedeckt wird,
so sind diejenigen Stellen der Ensemblescenen besonders schwierig, in
denen die Wirkung dargestellt wird, welche das Verhandelte auf die
einzelnen Betheiligten hat. Wo in diesem Fall ein kurzes hingeworfenes
Wort nicht genügt, die Zuhörer zu unterrichten, ist eine Erfindung
nöthig, welche den Einzelnen zwanglos von der Gruppe löst und in den
Vordergrund stellt. Es ist ganz unthunlich, in solchem Falle die
dramatische Bewegung der Mehrzahl plötzlich zu unterbrechen und die
Uebrigen zu stummen und thatlosen Zuschauern der geheimen Offenbarungen
Einzelner zu machen.
Je rascher die Handlung im Zusammenspiel fortläuft, desto schwerer wird
solches Isoliren der Einzelnen. Hat die Handlung aber eine gewisse
Wucht und Höhe erreicht, so wird es der größten Kunst nicht immer
möglich, einem Hauptschauspieler Raum zu wünschenswerther Darlegung
seiner innersten Stimmung zu geben. Und deshalb gilt für diese Scenen
das dritte Gesetz. Der Dichter wird seine Personen nicht Alles sagen
lassen, was für sie bezeichnend und für ihre Rolle an sich nöthig
wäre. Denn hier besteht ein innerer Gegensatz zwischen dem Erforderniß
der einzelnen Rolle und dem Vortheil des Ganzen. Jede Person auf der
Bühne fordert für sich Betheiligung am Fortgange der Handlung, soweit
dies ihre gesellschaftliche Stellung zu den anderen Charakteren der
Scene erlaubt. Der Dichter aber kommt in die Lage, ihr diesen Antheil
beschränken zu müssen. Auch Haupthelden müssen häufig mit stummem Spiel
begleiten, wo ihnen im wirklichen Leben das Dreinsprechen geboten sein
würde. Dem Schauspieler dagegen ist langes Schweigen peinlich, der
Nebenspieler ermattet und sinkt zum Statisten herab, der Hauptspieler
fühlt lebhaft das Unrecht, welches seiner Rolle geschieht, weit weniger
die höhere Nothwendigkeit. Es genügt für die richtige Gesammtwirkung
nicht immer, daß der Dichter auf die Bewegung der nicht gerade im
Vordergrund stehenden Rollen achtet und durch wenige Worte oder durch
eine nicht ruhmlose Beschäftigung dem Darsteller Richtung für sein
stummes Spiel und Uebergänge zu den Stellen, wo er wieder eingreifen
darf, gewährt. Es gibt äußerste Fälle, wo auf der Scene dasselbe gilt,
was bei großen Gemälden gestattet wird, welche zahlreiche Gestalten in
starker Bewegung und Verschlingung zeigen. Wie dort der Schwung der
Hauptlinien so wichtig ist, daß ihm einmal die richtige Verkürzung
eines Armes und Fußes geopfert werden muß, so wird auch in der starken
Strömung einer menschenreichen Scene die für den einzelnen Charakter
nöthige Darstellung aufgegeben werden müssen, aus Rücksicht auf Verlauf
und Gesammtwirkung der Scene. Damit der Dichter dergleichen gebotene
Fehler aber schön verüben könne, wird ihm die Empfindung lebhaft sein
müssen, daß es an sich Fehler sind.
Es gereicht dem Stücke thatsächlich zum Nutzen, die Zahl der
Mitspieler so viel als irgend möglich zu beschränken. Jede Rolle
mehr erschwert die Besetzung, macht bei Krankheit oder Abgang eines
Schauspielers die Wiederholung des Stückes unbequem. Schon diese
äußere Rücksicht wird den Dichter bestimmen, bei Ensemblescenen wohl
zu überlegen, welche Gestalten ihm unumgänglich nothwendig seien. Dazu
kommt ein innerer Grund: je größer die Zahl der thätigen Nebenpersonen
in einer Scene ist, desto mehr Zeit nimmt sie in Anspruch.
Die Ensemblescenen sind allerdings eine wesentliche Hilfe, dem Stück
Farbe und Glanz zu geben. Sie werden ungern bei einem geschichtlichen
Stoffe entbehrt werden. Aber sie werden auch in solchem Stück mit
Maß verwendet werden müssen, weil sie mehr als andere den Erfolg von
dem Geschick des Regisseurs abhängig machen, und weil in ihnen die
ausgeführte Darstellung des innern Lebens der Hauptfiguren, eine genaue
Schilderung der Seelenvorgänge, welche den höchsten dramatischen
Antheil beanspruchen, weit schwieriger ist. Die zweite Hälfte des
Stückes wird sie am lebhaftesten heischen, weil in ihr die Thätigkeit
der Gegenspieler mächtiger hervortritt, aber nur dann ohne Schaden
vertragen, wenn in diesem Abschnitt der Handlung die warme Theilnahme
des Zuschauers an den Hauptcharakteren bereits unerschütterlich
festgestellt war. Auch hier wird der Dichter sich hüten, das innere
Leben der Haupthelden für längere Zeit zu decken.
Eine der schönsten Ensemblescenen Shakespeare's ist die Banketscene auf
der Galeere des Pompejus in Antonius und Kleopatra; sie enthält keinen
Haupttheil der Handlung und ist, was bei Shakespeare in den tragischen
Theilen seiner Handlung nicht häufig ist, wesentlich Situationsscene.
Sie hat aber eine gewisse Bedeutung, weil sie am Schluß des zweiten
Aktes, also an einer Stelle steht, welche eine Auszeichnung fordert,
zumal in diesem Stück, in welchem die vorhergehenden politischen
Auseinandersetzungen ein buntes und belebtes Bild sehr wünschenswerth
machten. Die Fülle der kleinen charakterisirenden Züge, welche in
dieser Scene vereinigt sind, das knappe Zusammenfassen derselben, vor
allem aber die technische Anordnung sind bewunderungswürdig. Die Scene
wird eingeleitet durch eine kurze Unterredung der Diener, wie sie bei
Shakespeare nicht selten ist, um das Aufstellen der Tische und Geräthe
auf seiner Bühne zu vermitteln. Die Scene selbst ist dreitheilig. Der
erste Theil stellt das übermüthige Geplauder der versöhnten Triumvirn
und die Pedanterie des trunkenen Schwachkopfes Lepidus dar, auf den
schon die Diener hingewiesen haben; der zweite in furchtbarem Gegensatz
die heimliche Unterredung des Pompejus und Mänas; der dritte, durch
das Hinaustragen des trunkenen Lepidus eingeleitet, die Steigerung des
wüsten Bacchanals und die überhandnehmende Trunkenheit. Die Verbindung
der drei Theile, wie Mänas den Pompejus zur Seite zieht, wie Pompejus
wieder an der Person des Lepidus anknüpfend das Gelage fortsetzt, ist
sehr beachtenswerth. Kein Wort in der ganzen Scene ist unnütz und
bedeutungslos, der Dichter empfindet in jedem Augenblick die Lage der
einzelnen Gestalten, auch der Nebenfiguren, jede greift fördernd in
den Verlauf ein, für den Regisseur wie für die Rollen ist das Ganze
meisterhaft zurecht gemacht. Von dem ersten Bericht des Antonius über
den Nil, durch welchen das Bild der Kleopatra auch in diese Scene
hineingetragen wird, und dem einfältigen Dreinreden des Lepidus: --
„Ihr habt seltsame Schlangen dort” -- durch welches ein Eindruck in
die Seelen der Zuhörer geworfen wird, welcher auf den Schlangentod
der Kleopatra vorbereitet, bis zu den letzten Worten des Antonius:
„Gut, gebt die Hand, Herr,” in denen der Berauschte unwillkürlich die
Ueberlegenheit des Cäsar Augustus anerkennt, und bis zu den folgenden
trunkenen Reden des Pompejus und Enobarbus gleicht Alles feinciselirter
Arbeit an fest zusammengefügten Metallgliedern.
Belehrend ist der Vergleich dieser Scene mit dem Schluß des
Banketaktes in den Piccolomini. Die innere Aehnlichkeit ist so groß,
daß man die Meinung erhalten muß, Schiller habe die Shakespeare'sche
Ausführung vor Augen gehabt. Auch hier ist eine Dichterkraft zu
bewundern, welche eine große Anzahl von Gestalten mit unumschränkter
Sicherheit zu leiten weiß, auch hier ein großer Reichthum von
bedeutenden Momenten und kräftige Steigerung im Bau. Aber was für
Schiller bezeichnend ist, diese Momente sind zum Theil episodischer
Natur, das Ganze breiter und größer angelegt. Dies letzte freilich mit
Berechtigung. Denn die Scene steht nicht am Ende des zweiten, sondern
am Ende des vierten Aktes, und sie enthält einen wesentlichen Theil der
Handlung, die Erlangung der verhängnißvollen Unterschrift, sie würde
also, auch wenn das Banket nicht den gesammten vierten Akt füllte,
eine größere Anlage gehabt haben. Ihre Anordnung ist genau wie bei
Shakespeare.[21] Zuerst eine einleitende Unterredung der Diener, welche
aber zu unverhältnißmäßiger Breite ausgesponnen ist; die Beschreibung
des Pokals hat kein Recht uns zu beschäftigen, weil der Becher
selbst mit dem Stück weiter nichts zu thun hat und die zahlreichen
Seitenlichter, welche aus dieser Beschreibung auf die Gesammtlage
fallen, nicht mehr stark genug sind. Dann eine ebenfalls dreitheilige
Handlung, erstens: Bemühung Terzky's, von Nebenfiguren die Unterschrift
zu erhalten, zweitens: im scharfen Gegensatz dazu das kurze Gespräch
der Piccolomini, drittens: die Entscheidung als Streit des trunkenen
Illo mit Max. Auch hier ist der Verband der einzelnen Scenentheile
sorgfältig. Octavio führt durch das vorsichtige Ausforschen Buttler's
leise die Aufmerksamkeit aus der bewegten Gruppe der Generäle heraus
auf seinen Sohn, durch das Suchen des fehlenden Namens wird die
volle Aufmerksamkeit auf Max geleitet; worauf der trunkene Illo sich
wieder zuerst sehr bedeutsam an Octavio wendet, bevor er mit Max
zusammenstößt. Die Verbindung und Lösung der einzelnen Gruppen, das
Herausheben der Piccolomini, die Handlung des Höhenpunktes, das bewegte
Zwischenspiel der Nebenfiguren bis zu dem kräftigen kurzen Schluß sind
sehr schön.
Wir besitzen außerdem noch zwei mächtige Massenscenen von Schiller,
die größten aus der großen Zeit unserer Dichtkunst: die Rütliscene
und den ersten Akt des Demetrius. Beide sind Muster, welche der
angehende Dramatiker nicht nachahmen, aber in ihrer hohen Schönheit
sorgfältig beachten soll. Was man auch gegen den dramatischen Bau
des Tell sagen muß, auf einzelnen Scenen ruht ein Zauber, der immer
auf's Neue zur Bewunderung hinreißt. Auch in der Rütliscene ist die
dramatische Bewegung eine verhältnißmäßig gehaltene, die Ausführung
breit, prächtig, voll schöner Lokalfarbe. Zuerst gibt eine Einleitung
die Stimmung. Sie besteht aus drei Theilen: Ankunft der Unterwaldner,
Unterredung Melchthal's und Stauffacher's, Begrüßung der Schwyzer.
Man beachte wohl, daß der Dichter vermieden hat, durch dreimalige
Betonung des Eintritts der drei Cantone zu ermüden. Zwei Hauptgestalten
heben sich hier kräftig von den Nebenfiguren ab und bilden für die
Einleitung einen kleinen Höhenpunkt, die Zerrissenheit durch mehre
gleichschwebende Momente wird verhindert. Mit dem Eintritt der Urner,
welcher durch ihr Horn, das Herabsteigen vom Berge und die Reden der
Anwesenden hinreichend betont ist, beginnt sogleich die Handlung.
Diese Handlung läuft fünfgetheilt fort. Erstens Einrichtung
der Tagsatzung mit kurzen Reden und kräftiger Betheiligung der
Nebenspieler. Darauf Stauffacher's großartige Darstellung vom Wesen und
Zweck des Bündnisses. Nach diesem mächtigen Hervortreten des Einzelnen
drittens bewegter Streit der Ansichten und Parteien über die Stellung
des Bundes zum Kaiser, viertens hohe Steigerung der Gegensätze bis zum
ausbrechenden Streit über die Mittel, sich von der Gewaltherrschaft der
Vögte zu lösen, und Abstimmung über die Beschlüsse. Endlich fünftens
der feierliche Schwur. Und nach solchem Abschluß der Handlung ein
Ausklingen der Stimmung, welches seine Klangfarbe von der umgebenden
Natur und der aufgehenden Sonne erhält. Bei dieser reichen Gliederung
ist die Schönheit in den Verhältnissen der einzelnen Theile besonders
anziehend. Der Mittelpunkt dieser ganzen Gruppe von dramatischen
Momenten, Stauffacher's Vortrag, tritt als Höhenpunkt heraus. Darauf
als Abstich die unruhige Bewegung in den Massen, die eintretende
Befriedigung und der hohe Aufschwung! Nicht weniger schön ist die
Behandlung der zahlreichen Nebenfiguren, das selbständige Eingreifen
der einzelnen kleinen Rollen, welche in ihrer Bedeutung für die Scene
mit einer gewissen republikanischen Gleichberechtigung neben einander
stehen.
Das größte Muster für Staatsaktionen ist die prachtvolle
Eröffnungsscene des Demetrius, der polnische Reichstag. Der Stoff
dieses Dramas machte die Mittheilung vieler Voraussetzungen nöthig,
die seltsamen Schicksale des Knaben Demetrius erforderten außerdem
eine starke Anwendung besonderer Farben, um die fremdartige Welt
poetisch nahe zu bringen. Schiller machte mit der ihm eigenen
kühnen Hoheit die epische Erzählung zum Mittelpunkt einer reich
ausgestatteten Schauscene und umgab den langen Bericht des Einzelnen
mit leidenschaftlicher Bewegung der Massen. Auf eine kurze Einleitung
folgt mit dem Eintritt des Demetrius die viertheilige Scene: 1) die
Erzählung des Demetrius; 2) die kurz zusammenfassende Wiederholung
derselben durch den Erzbischof und die ersten Wellen, welche dadurch
in der Versammlung aufgeregt werden; 3) die Bitte des Demetrius um
Unterstützung und die Steigerung der Bewegung; 4) die Gegensprache und
der Einspruch des Sapieha. Die Scene endigt mit Tumult und plötzlichem
Abbruch. Durch ein kleines dramatisches Moment wird sie mit dem darauf
folgenden Zwiegespräch zwischen dem König und Demetrius verbunden. Die
Bewegungen der Nebenpersonen sind kurz und heftig, der Stimmführer
wenige, außer Demetrius ist nur der eine Widerspruch Erhebende kräftig
von der Masse abgehoben. Man empfindet und erfährt, daß die Masse
schon vorher gestimmt ist, die Erzählung des Demetrius bildet in ihrer
schmuckvollen Ausführung den Haupttheil der Scene, wie dem ersten Akt
geziemte.
Goethe hat uns, wenn man von den kurzen Scenen im Götz absieht,
keine Massenscenen von großer dramatischer Wirkung hinterlassen.
Den Volksscenen im Egmont fehlt zu sehr kräftige Bewegung, der
schöne Spaziergang im Faust ist aus kleinen dramatischen Bildern
zusammengefügt, die Studentenscene in Auerbachs Keller beabsichtigt
keine tragische Wirkung und hat für den Darsteller des Faust den
Uebelstand, daß sie ihn müßig und unbeschäftigt auf der Bühne läßt.
Besondere Unterstützung durch den Regisseur fordern die Aktionsscenen,
in denen größere Massen wirken. Wenn auch unsere Bühnen in dem
Chorpersonal der Oper eine ziemliche Anzahl von Mitspielern bereit
haben und diese Helfer noch durch Statisten zu verstärken gewöhnt sind,
so ist doch die Zahl der Personen, welche auf der Bühne versammelt
werden können, oft verschwindend klein gegen die Menschenmenge, welche
im wirklichen Leben an einer Volksscene, an einem Gefecht, an einem
großen Aufruhr Theil nehmen. Leicht empfindet deshalb der Zuschauer vor
den eingeführten Haufen die Leere und Dürftigkeit. Auch hier stört, daß
das moderne Theater wenig geeignet zur Aufstellung größerer Massen ist.
Nun ist allerdings die äußerliche Anordnung solcher Scenen zum großen
Theil in den Händen des Regisseurs; aber der Dichter hat die Aufgabe
ihm leicht zu machen, daß er durch seine Kunst den Schein belebter
Menschenmenge hervorbringe.
Schon Einzug und Abgang einer größern Anzahl von Personen nimmt Zeit
in Anspruch und zerstreut die Aufmerksamkeit, diese muß also durch
spannende kleine Erfindungen und durch die Vertheilung der Masse in
Gruppen zusammengehalten werden.
Der Bühnenraum muß so eingerichtet sein, daß die verhältnißmäßig
geringe Zahl der wirklich vorhandenen Spieler nicht übersehen werden
kann, durch Versatzstücke, gute Perspectiven, ein Aufstellen an den
Seiten, welches die Phantasie auf größere unsichtbare Mengen hinleitet,
die sich durch Zeichen und Rufe hinter der Scene bemerkbar machen,
u. s. w.
Glänzende Schauaufzüge, wie Iffland der Jungfrau von Orleans
einrichtete, wird sich der Dichter eines Trauerspiels mit Fug
verbitten, die Gelegenheit dazu soviel als möglich vermeiden.
Dagegen sind solche Massenwirkungen, wobei die Menge in lebhafter
Bewegung sich tummelt, Volksscenen, große Rathsversammlungen,
Lagerbilder, Gefechte, zuweilen wünschenswerth.
Für Volksscenen ist die schöne Behandlung Shakespeare's zum oft
nachgeahmten Vorbild geworden: kurze schlagende Reden einzelner
Volksfiguren, fast immer in Prosa, unterbrechende und belebende Rufe
einer Menge, welche von einzelnen Führern ihre Anregung erhält. Es
lassen sich aber durch eine Volksscene auf der Bühne noch andere
Wirkungen hervorbringen, nicht die höchsten dramatischen, aber doch
bedeutende, welche zur Zeit noch wenig von unseren Dichtern verwerthet
worden sind.
Da wir auch bei Volksscenen den Vers nicht aufgeben sollen, wird
schon durch diesen eine andere Behandlung des Haufens geboten, als
Shakespeare liebte. Nun ist die Einführung des alten Chors allerdings
unmöglich; die Neubelebung, welche Schiller einmal versucht hat, dürfte
trotz der Fülle von poetischer Schönheit, welche in den Chören der
Braut von Messina entzückt, keine Nachahmung finden; aber zwischen
den Hauptspielern und einer größern Anzahl von Nebenfiguren ist noch
ein anderes dramatisch bewegtes Zusammenspiel denkbar, welches die
Führer sowohl der Menge verbindet als gegenüberstellt. Nicht nur
kurze Rufe, auch Reden, welche mehre Verse umfassen, erhalten durch
das Zusammensprechen Mehrer mit eingeübtem Tonfall und Zeitmaß eine
gesteigerte Kraft. Der Dichter wird bei derartiger Einführung der
Menge in Stand gesetzt, ihr einen würdigeren Antheil an der Handlung
zu geben, er wird in dem Wechsel zwischen einzelnen Stimmen, dem
Drei- oder Vierklang und der Gesammtheit, zwischen helltönendem
Tenor und kräftigem Baß zahlreiche Nüancen, Steigerung und Färbung
hervorzubringen vermögen. Bei solchem Zusammensprechen größerer
Massen hat er darauf zu achten, daß der Sinn der Sätze auch der Wucht
und Energie des Ausdrucks wohl entspreche, daß die Worte leicht
verständlich und ohne Mißlaut seien, daß sich die einzelnen Satztheile
gut von einander abheben.
Es ist nicht wahr, daß diese Behandlung an Stelle einer mannigfaltigen
und naturwahren Bewegung auf der Bühne eine gekünstelte setzt, denn
auch die herkömmliche Art und Weise, Volksscenen einzurichten, ist
eine überkommene, künstliche, welche den Verlauf nach einem Schema
umbildet. Die hier vorgeschlagene Weise ist nur wirkungsvoller. Der
Dichter mag bei ihrer Anwendung seine Kunst verstecken und durch
Abwechselung im Gebrauch der mehrstimmigen Rede und Gegenrede
Mannigfaltigkeit hervorbringen. Das klangvolle Zusammensprechen
eignet sich nicht nur für lebhaftes Wortgefecht und Erörterungen, es
ist für jede Stimmung, welche in einer versammelten Menge aufbraust,
zu gebrauchen. Auf unseren Bühnen wird bis jetzt das Einüben des
Zusammensprechens unverantwortlich vernachlässigt, es ist oft nichts
als schwer verständliches Geschrei. Der Dichter wird deshalb wohlthun,
in seinen Textbüchern für die Bühne genau die Stimmengruppen zu
unterscheiden. Für solche Bezeichnung muß er selbst die Wirkungen
deutlich vorausgefühlt haben.
Die Gefechte sind auf der deutschen Bühne übel berüchtigt und werden
von dem vorsichtigen Dichter vermieden. Ursache ist wieder, daß unsere
Theater dergleichen schlecht machen. Shakespeare hatte eine unleugbare
Vorliebe für kriegerische Bewegungen der Massen, er hat sie auch in
seinen späteren Stücken durchaus nicht beschränkt. Und obgleich er
selbst gelegentlich mit geringer Achtung von den Mitteln spricht,
durch welche Gefechte auf seinem Theater dargestellt wurden, so ist
man doch berechtigt anzunehmen, daß er sie sorgfältiger fern gehalten
hätte, wenn sie nicht seinen Zuschauern sehr angenehm gewesen wären.
Solcher Eindruck war aber bei einem waffenfreudigen Volke, welches
alle kriegerischen Leibesübungen noch mit Leidenschaft trieb, nur
möglich, wenn bei diesen Scenen eine gewisse Kunst und Technik zu Tage
kam, und wenn das unvermeidliche Conventionelle der Bühne nicht den
Eindruck des Kläglichen machte. Scenen, wie das Gefecht des Coriolanus
und Aufidius, des Macbeth und Macduff, die Kampfscenen in Richard
~III.~ und Julius Cäsar sind so wichtig und bedeutsam, daß man sieht,
wie sicher Shakespeare ihren Wirkungen vertraute. In neuer Zeit hat
man auf der englischen Bühne diese kriegerischen Effekte wieder mit
einem Aufwand von Hilfsmitteln zu erhöhter Wirkung herausgeputzt und
die Zuschauer nur zuviel damit beschäftigt. Wenn in Deutschland immer
noch zu wenig dafür geschieht, so darf diese Nachlässigkeit für den
Dichter kein Grund werden, sich ängstlich davon fern zu halten. Es sind
Hilfswirkungen, die ihm wohl einmal gute Dienste leisten können. Er
soll sich selbst ein wenig kümmern, wie dergleichen gut eingerichtet
werden kann, und darauf achten, daß die Bühnen ihre Schuldigkeit thun.
Viertes Kapitel.
Die Charaktere.
1.
Die Völker und Dichter.
Die Bildung der dramatischen Charaktere bei den Germanen zeigt
deutlicher, als der Bau ihrer Handlung, den großen Fortschritt, welchen
das Menschengeschlecht seit dem Erscheinen der dramatischen Kunst bei
den Griechen gemacht hat. Sowohl die natürliche Anlage unseres Volkes
als seine Stellung über den Jahrtausenden einer verschütteten Welt und
die dadurch gebotene Ausbildung des geschichtlichen Sinnes erklären
diese Verschiedenheit. Seit dem neueren Drama die Aufgabe wurde, durch
Poesie und Schauspielkunst auf der Bühne den Schein eines individuellen
Lebens bis zur Täuschung genau darzustellen, hat die Schilderung der
Charaktere eine Bedeutung für die Kunst gewonnen, welche sie in der
alten Welt nicht hatte.
Die poetische Kraft des dramatischen Dichters erweist sich am
unmittelbarsten in Erfindung der Charaktere. Beim Aufbau der Handlung,
bei der Einrichtung für die Bühne helfen ihm andere Eigenschaften;
eine sichere Bildung, ein männlicher Zug in dem eigenen Wesen, gute
Schule und Erfahrung; wo aber die Fähigkeit zu scharfer Zeichnung
der Charaktere gering ist, wird vielleicht ein bühnengerechtes, nie
ein bedeutendes Werk geschaffen werden. Macht dagegen eigenthümliche
Erfindung die einzelnen Rollen anziehend, da darf man gute Hoffnung
hegen, wenn auch das Zusammenwirken der Gestalten zum Gesammtbilde
noch sehr mangelhaft ist. Deshalb ist gerade bei diesem Theile des
künstlerischen Schaffens durch Lehre weniger zu helfen, als bei jedem
andern. Die Poetik des griechischen Denkers, wie sie uns erhalten ist,
enthält über die Charaktere nur wenige Zeilen. Auch in unserer Zeit
vermag die Technik nichts als dürftige Vorschriften aufzustellen, die
den Schaffenden nicht einmal wesentlich fördern. Was diese Regeln für
die Arbeit geben können, trägt der Dichter im Ganzen sicher in sich,
und was er nicht hat, vermögen sie nicht zu geben.
Das Charakterisiren des Dichters beruht auf der alten Eigenschaft
des Menschen, jedes Lebendige als geschlossene Persönlichkeit zu
empfinden, in welcher eine Seele, gleich der des Beobachters, als
Bewegendes vorausgesetzt und darüber das Besondere, Eigenartige des
fremden Daseins als reizvoll genossen wird. In diesem Drange bildet der
Mensch, lange bevor ihm sein poetisches Schaffen zu einer gelehrten
Kunst wird, Alles, was ihn umgibt, in Persönlichkeiten um, denen er
mit geschäftiger Einbildungskraft viel von dem eigenen menschlichen
Wesen verleiht. Aus Donner und Blitz wird ihm eine Göttergestalt,
welche auf dem Streitwagen über dem hohlen Himmelsboden daher fährt,
den feurigen Speer schleudernd; die Wolken wandeln sich in Himmelskühe
und Schafe, aus welchen eine göttliche Gestalt die Himmelsmilch auf
die Erde schüttet. Auch die Geschöpfe, welche neben dem Menschen die
Erde bewohnen, empfindet er als menschenähnliche Persönlichkeiten,
so den Bären, Wolf, Fuchs. Ebenso legt noch jeder von uns dem Hund,
der Katze Vorstellungen und Empfindungen unter, welche uns geläufig
sind, und nur weil uns solches Auffassen des Fremdartigen durchaus
Bedürfniß und Vergnügen ist, werden uns die Thiere so heimisch.
Unablässig äußert sich derselbe Personen bildende Trieb. Auch im
Verkehr mit Menschen, alltäglich, bei jeder ersten Bekanntschaft eines
Fremden, formen wir aus den wenigen Lebensäußerungen, die uns von ihm
zugehen, aus einzelnen Worten, dem Ton seiner Stimme, dem Ausdruck
seines Gesichtes das Bild einer geschlossenen Persönlichkeit, zunächst
dadurch, daß wir die unvollständigen Eindrücke blitzschnell aus dem
Vorrath der Phantasie, nach der Aehnlichkeit mit früher Beobachtetem
ergänzen. Spätere Beobachtungen derselben Person mögen das Bild,
welches uns in die Seele gefallen ist, umformen, reicher und tiefer
ausbilden; aber schon bei dem ersten Eindruck, wie gering die Zahl der
eigenartigen Züge sei, empfinden wir diese als ein folgerichtiges,
streng geschlossenes Ganze, in welchem wir das Eigenthümliche auf der
Grundlage des gemeinsamen Menschlichen erkennen. Dieses Gestalten ist
allen Menschen, allen Zeiten gemein, es wirkt in jedem von uns mit der
Nothwendigkeit und Schnelle einer ureigenen Kraft, es ist jedem eine
stärkere oder schwächere Fähigkeit, jedem ein reizvolles Bedürfniß.
Auf dieser Thatsache beruht die Wirkung des dramatischen
Charakterisirens. Die erfindende Kraft des Dichters bringt den
kunstvollen Schein eines reichen individuellen Lebens hervor, weil
er einige -- verhältnißmäßig wenige -- Lebensäußerungen einer Person
so zusammenstellt, daß die von ihm _als Einheit verstandene und
empfundene_ Person auch dem Schauspieler und dem Zuhörer als ein
eigenartiges Wesen verständlich wird. Selbst bei den Haupthelden
eines Dramas ist die Zahl ihrer Lebensäußerungen, welche der Dichter
in der Beschränkung durch Zeit und Raum zu geben vermag, ist die
Gesammtzahl der charakterisirenden Züge doch nur gering; vollends bei
den Nebenfiguren müssen vielleicht zwei, drei Andeutungen, wenige
Worte den Schein eines selbständigen höchst eigenthümlichen Lebens
hervorbringen. Wie ist das möglich? Deshalb, weil der Dichter das
Geheimniß versteht, durch seine Arbeit den nachschaffenden Sinn der
Hörer anzuregen. Denn auch das Verstehen und Genießen eines Charakters
wird nur dadurch erreicht, daß die Selbstthätigkeit des empfangenden
Zuschauers dem Schaffenden hilfreich und kräftig entgegenkommt. -- Also
was Dichter und Schauspieler in der That geben, sind an sich einzelne
Striche, aber durch sie vermag ein scheinbar reich ausgestattetes
Bild, in welchem wir eine Fülle von eigenthümlichem Leben ahnen und
voraussetzen, hervorzuwachsen, weil Dichter und Schauspieler die
erregte Einbildungskraft des Hörers zwingen, selbstschöpferisch
mitzuarbeiten.
Die Art und Weise der dramatischen Charakterbildung durch die Dichter
zeigt die größte Mannigfaltigkeit. Sie ist zunächst nach Zeiten und
Völkern verschieden. Sehr verschieden bei Romanen und Germanen. Das
Behagen an charakterisirenden Einzelheiten ist von je bei den Germanen
größer gewesen, bei den Romanen größer die Freude an der zweckvollen
Gebundenheit der dargestellten Menschen durch eine kunstvoll
verschlungene Handlung. Tiefer faßt der Deutsche seine Kunstgebilde,
ein reicheres inneres Leben sucht er an ihnen zur Darstellung zu
bringen, das Eigenthümliche, ja Absonderliche hat für ihn großen
Reiz. Der Romane aber empfindet das Beschränkte des Einzelnen
vorzugsweise vom Standpunkt der Convenienz und Zweckmäßigkeit, er
macht die Gesellschaft, nicht wie der Deutsche das innere Leben des
Helden, zum Mittelpunkt, ihn freut es, fertige Personen, oft nur
mit flüchtigem Umriß der Charaktere, einander gegenüber zu stellen;
ihre verschiedenen Tendenzen sind es, wodurch sie im Gegenspiel zu
einander anziehend werden. Auch da, wo genaue Darstellung eines
Charakters, wie bei Molière, die besondere Aufgabe ist, und wo die
Einzelheiten der Charakteristik hohe Bewunderung abnöthigen, sind
diese Charaktere, der Geizige, der Heuchler, meist innerlich fertig,
sie stellen sich mit einer zuletzt ermüdenden Eintönigkeit in
verschiedenen gesellschaftlichen Beziehungen vor, sie werden trotz der
Vortrefflichkeit der Zeichnung unserer Bühne immer fremder werden,
weil ihnen das höchste dramatische Leben fehlt, das _Werden_ des
Charakters. Wir wollen auf der Bühne lieber erkennen, wie einer geizig
wird, als wie er es ist.
Was also dem Germanen die Seele füllt, einen Stoff werth macht und
zu schöpferischer Thätigkeit reizt, ist vorzugsweise die eigenartige
Charakterbewegung der Hauptfiguren, ihm gehen in schaffender Seele
leicht zuerst die Charaktere auf, zu diesen erfindet er die Handlung,
aus ihnen strahlt Farbe, Licht und Wärme auf die Nebenfiguren;
den Romanen lockt stärker die fesselnde Verbindung der Handlung,
die Unterordnung des Einzelwesens unter den Zwang des Ganzen, die
Spannung, die Intrigue. Dieser Gegensatz ist alt, er dauert noch in
der Gegenwart. Dem Deutschen wird es schwerer, zu den tief empfundenen
Charakteren die Handlung aufzubauen, dem Romanen verschlingen sich
leicht und anmuthig die Fäden derselben zu einem kunstvollen Gewebe.
Diese Eigenthümlichkeit bedingt auch einen Unterschied in der
Fruchtbarkeit und in dem Werthe der Dramen. Die Literatur der Romanen
hat wenig, was sie den höchsten Leistungen des germanischen Geistes
an die Seite setzen kann; aber den schwächeren Talenten unseres
Volkes gedeiht bei ihrer Anlage häufig kein brauchbares Theaterstück.
Einzelne Scenen, einzelne Personen erwärmen und fesseln, dem Ganzen
fehlt die saubere, spannende Ausführung. Den Fremden gelingt das
Mittelgut besser; auch da, wo weder die dichterische Idee noch die
Charaktere Anspruch auf dichterischen Werth haben, unterhält noch die
kluge Erfindung der Intrigue, die kunstvolle Verbindung der Personen
zu bewegtem Leben. Während bei den Germanen jenes höchste Dramatische:
das Durcharbeiten der Empfindung in der Seele bis zur That, seltener,
aber dann wohl einmal mit unwiderstehlicher Kraft und Schönheit in der
Kunst zu Tage kommt, findet sich bei den Romanen weit häufiger und
fruchtbarer die zweite Eigenschaft des dramatischen Schaffens: die
Erfindung des Gegenspiels, die wirkungsvolle Darstellung des Kampfes,
welchen die Umgebung des Helden gegen die Beschränktheiten desselben
führt.
Ferner aber ist bei jedem einzelnen Dichter die Art des
Charakterisirens eine verschiedene, sehr verschieden der Reichthum an
Gestalten, ebenso die Sorgfalt und Deutlichkeit, womit ihr Wesen dem
Zuhörer dargelegt wird. Auch hier ist Shakespeare der reichste und
tiefste der Schaffenden, nicht ohne eine Eigenthümlichkeit, welche
uns zuweilen in Verwunderung setzt. Wir sind geneigt anzunehmen und
wissen aus vielen Nachrichten, daß sein Publikum nicht vorzugsweise
aus den Scharfsinnigen und Gebildeten Altenglands bestand, wir sind
also berechtigt vorauszusetzen, daß er seinen Charakteren ein einfaches
Gewebe geben und ihre Stellung zu der Idee des Dramas nach allen Seiten
hin genau darlegen werde. Das geschieht nicht immer. Zwar bleibt der
Hörer bei den Haupthelden Shakespeare's nie über wichtige Motive ihres
Handelns in Ungewißheit, ja die volle Kraft seiner Dichtergröße kommt
gerade dadurch zur Erscheinung, daß er in den Hauptcharakteren die
Vorgänge der Seele von der ersten aufsteigenden Empfindung bis zum
Höhenpunkte der Leidenschaft mit gewaltig packender Kraft und Wahrheit
auszudrücken weiß, wie kein anderer. Auch die vorwärts treibenden
Gegenspieler seiner Dramen, z. B. Jago, Shylock, verfehlen nicht, den
Zuschauer zum Vertrauten ihres Wollens zu machen. Und wohl darf man
sagen, daß die Charaktere Shakespeare's, deren Leidenschaft doch die
höchsten Wellen schlägt, zugleich mehr als das Gebilde irgend eines
anderen Dichters gestatten, tief hinab in ihr Inneres zu blicken.
Aber diese Tiefe ist für die Augen des darstellenden Künstlers wie
für den Hörer zuweilen unergründlich, und seine Charaktere sind in
ihrem letzten Grunde durchaus nicht immer so durchsichtig und einfach,
wie sie flüchtigen Augen erscheinen, ja mehre von ihnen haben etwas
besonders Räthselhaftes und schwer Verständliches, welches ewig zur
Deutung lockt und doch niemals ganz erfaßt werden kann.
Nicht nur solche, wie Hamlet, Richard ~III.~, Jago, in denen besonderer
Tiefsinn oder ein nicht leicht verständlicher Grundzug des Wesens und
einzelne wirkliche oder scheinbare Widersprüche auffallen, sondern
auch solche Charaktere, welche bei oberflächlicher Betrachtung die
geradlinige Straße bühnengemäß dahinschreiten.
Man prüfe die Urtheile, welche in Deutschland seit etwa hundert
Jahren über die Charaktere im Julius Cäsar abgegeben worden sind,
und die freudige Beistimmung, mit welcher unsere Zeitgenossen die
edlen Wirkungen dieses Stückes aufnehmen. Der warmherzigen Jugend ist
Brutus der edle, das Vaterland liebende Held; ein ehrlicher Erklärer
aus dem Gelehrtenzimmer sieht in Cäsar den großen, festen, Allen
überlegenen Charakter; ein Politiker von Fach freut sich der ironischen
rücksichtslosen Strenge, womit der Dichter von der Einleitung an
seinen Brutus und Cassius als unpraktische Thoren, ihre Verschwörung
als ein kopfloses Wagniß unfähiger Aristokraten behandelt hat. Der
Schauspieler von Urtheil endlich findet in demselben Cäsar, den ihm
sein Erklärer beredt als Musterbild eines Machthabers geschildert hat,
einen innerlich bis zum Tode erkrankten Helden, eine Seele, in welcher
bereits der Größenwahn das kräftige Gefüge zerfressen hat. Wer hat
Recht? Jeder von ihnen. Und doch hat Jeder auch die Empfindung, daß
die Charaktere durchaus nicht aus ungehörigen Bestandtheilen gemischt,
künstlich zusammengesetzt, oder irgendwie unwahr sind. Jeder von ihnen
fühlt deutlich, daß sie vortrefflich geschaffen, auf der Bühne höchst
wirksam leben, am meisten der Schauspieler selbst, wenn ihm auch das
Geheimniß der Dichterkraft Shakespeare's nicht ganz verständlich würde.
Wenn er aber dies Geheimniß erkennt, so wird er mit einer Ehrfurcht
darauf blicken, die ebenso groß sein mag, als jene Pietät der Griechen,
welche dem Genius des Sophokles einen Altar stiftete.
Denn Shakespeare's Art der Charakterbildung stellt in ungewöhnlicher
Größe und Vollkommenheit dar, was dem Schaffen der Germanen überhaupt
eigen ist gegenüber der alten Welt und gegenüber den Kulturvölkern,
welche nicht mit deutschem Leben durchsetzt sind. Dies Germanische
aber ist die Fülle und liebevolle Wärme, welche jede einzelne Gestalt
zwar genau nach den Bedürfnissen des einzelnen Kunstwerks formt,
aber auch das ganze außerhalb des Stückes liegende Leben derselben
überdenkt und in seiner Besonderheit zu erfassen sucht. Während der
Deutsche behaglich die Bilder der Wirklichkeit mit den bunten Fäden
der spinnenden Phantasie überzieht, empfindet er die wirklichen
Grundlagen seiner Charaktere, das thatsächliche Gegenbild mit
menschenfreundlicher Achtung und mit dem möglichst genauen Verständniß
seines gesammten Inhalts. Dieser Tiefsinn, die liebevolle Hingabe an
das Individuelle und wieder die hohe Freiheit, welche mit dem Bilde wie
mit einem werthen Freunde zweckvoll verkehrt, haben seit alter Zeit
den gelungenen Gestalten der deutschen Kunst einen besonders reichen
Inhalt gegeben, darum ist in ihnen ein Reichthum von Einzelzügen,
ein gemüthlicher Reiz und eine Vielseitigkeit, durch welche die
Geschlossenheit, wie sie dramatischen Charakteren nothwendig ist, nicht
aufgehoben, sondern in ihren Wirkungen höchlich gesteigert wird.
Der Brutus des Shakespeare ist ein hochsinniger Mann, aber er ist als
Aristokrat in Genuß erzogen, er ist gewöhnt, zu lesen und zu denken, er
hat die Begeisterung, Großes zu wagen, nicht die Umsicht und Klugheit,
es durchzuführen. Cäsar ist ein majestätischer Held, der ein siegvolles
großes Leben durchgesetzt und seinen eigenen Werth in einer Zeit
des Eigennutzes und anspruchsvoller Schwäche erprobt hat; aber mit
der hohen Stellung, die er sich über den Köpfen seiner Zeitgenossen
gegeben hat, ist die Großmannssucht in ihn gekommen, Schauspielerei
und heimliche Furcht; der feste Mann, der sein Leben hundertmal
gewagt hat und nichts mehr fürchtet als den Schein der Furcht, ist
insgeheim abergläubisch, bestimmbar, der Einwirkung schwacher Menschen
ausgesetzt. Der Dichter verbirgt das nicht, er läßt die Charaktere an
jeder Stelle genau das sagen, was ihnen bei solcher Beschaffenheit
zukommt; aber er behandelt ihr Wesen als selbstverständlich und erklärt
es nicht, weil es ihm nicht durch kühle Berechnung deutlich geworden
ist, sondern mit Naturgewalt aus allen Voraussetzungen aufgestiegen.
Dem Bewunderer Shakespeare's macht diese Größe der dichterischen
Anschauung bald hier bald da Schwierigkeiten. Im ersten Theil des
Cäsar z. B. tritt Casca kräftig in den Vordergrund; in der sinkenden
Handlung des Stückes erfährt man kein Wort über ihn; er und die anderen
Mitverschwornen sind dem Dichter offenbar gleichgiltiger, als dem
Hörer. Wer näher zusieht, findet wohl den Grund und begreift, daß der
Dichter diese Gestalt, welche er zuerst so wohlwollend hervorhebt,
gleich darauf ohne Umstände bei Seite wirft; ja der Dichter deutet
das in dem Urtheil an, welches ausnahmsweise diesmal Brutus und
Cassius über den Casca fällen. Ihm und dem Stück ist der Mann nur ein
unbedeutendes Werkzeug.
In vielen Nebenrollen steht der große Dichter auffallend schweigsam,
mit einfachen Strichen bewegt er sie in ihrer Befangenheit vorwärts;
das Verständniß ihres Wesens, das wir angelegentlich suchen, bleibt
zuletzt nicht zweifelhaft, es wird aber nur klar aus Streiflichtern,
welche von außen auf sie fallen. So sind z. B. die Gemüthswandlungen
der Anna (aus Richard ~III.~) während der berühmten Sterbescene an
der Bahre in einer Weise gedeckt, welche kein anderer Dichter wagen
dürfte, und die ohnedies knappe Rolle wird dadurch eine der schwersten.
Aehnliches gilt von vielen Gestalten, welche, aus Böse und Gut
gemischt, als Helfer einer Handlung auftreten. Bei solchen Nebenrollen
überläßt er dem Schauspieler Vieles; durch die Aufführung vermag der
Künstler manche scheinbare und wirkliche Härten in neue Schönheiten
zu verwandeln. Ja manchmal hat man die Empfindung, daß er deshalb
erklärendes Beiwerk einzelner Rollen unterließ, weil er für bestimmte
Schauspieler schrieb, deren Persönlichkeit vorzugsweise gemacht
war, die Rolle zu ergänzen. In anderen Fällen sieht man deutlich
einen Mann, der mehr als andere dramatische Schriftsteller, als
Schauspieler und Zuschauer gewöhnt ist, die Menschen in der vornehmen
Gesellschaft zu betrachten, und der hinter den Formen guter Sitte die
charakteristischen Beschränktheiten zu verdecken und durchzulassen
versteht; so ist der größte Theil seiner Hofleute gebildet. Durch
solche Schweigsamkeit, durch schroffe Uebergänge, scheinbare Lücken
muthet er dem Schauspieler mehr zu als jeder Andere; zuweilen sind
seine Worte nur wie der punktirte Grund einer Stickerei, wenig ist
herausgebildet, aber alles liegt darin, genau angedeutet und zweckmäßig
für die höchsten Wirkungen der Bühne empfunden; dann erblickt der
Zuschauer überrascht bei guter Darstellung ein reiches rundes Leben,
wo er beim Lesen über eine Fläche hinwegsah. -- Selten begegnet dem
Dichter, daß er in der That zu wenig für einen Charakter thut; so tritt
die kleine Rolle der Cordelia auch bei guter Darstellung nicht in das
richtige Verhältniß, welches sie im Stück haben sollte. Manches in den
Charakteren erscheint uns allerdings fremdartig und einer Erläuterung
bedürftig, was den Zeitgenossen durchsichtig und schnell verständlich
war, als ein Abbild ihres Lebens und ihrer Bildung.
Das Größte dieses Dichters aber ist, wie bereits früher gesagt wurde,
die ungeheure treibende Kraft, welche in seinen Hauptcharakteren
arbeitet. Unwiderstehlich ist die Gewalt, mit welcher sie ihrem
Schicksal entgegen, bis zu dem Höhenpunkt des Dramas aufwärts
stürmen, fast in allen ein markiges Leben und starke Energie der
Leidenschaft. Und sind sie auf der Höhe angelangt, von welcher ab die
Befangenen durch übermächtige Gewalten abwärts gezogen werden, hat
die Spannung sich in einem verhängnißvollen Thun für den Augenblick
gelöst, dann kommen in mehren Stücken ausgeführte Situationen und
Einzelschilderungen, das Höchste, was die neuere Poesie des Dramas
hervorgebracht hat. Die Dolch- und Banketscene im Macbeth, die
Brautnacht in Romeo und Julia, das Hüttengericht im Lear, der Besuch
bei der Mutter im Hamlet, Coriolanus am Altar des Aufidius sind
Beispiele. Zuweilen scheint, wie gesagt wurde, von diesem Momente ab
die Antheilnahme des Dichters an den Charakteren geringer zu werden,
selbst im Hamlet, in welchem die Kirchhofscene -- wie berühmt ihre
tiefsinnigen Betrachtungen auch sind -- und der Schluß gegen die
Spannung der ersten Hälfte abfallen. Beim Coriolanus freilich liegen
die beiden schönsten Scenen in der zweiten Hälfte des Stückes, ebenso
im Othello die gewaltigsten; das letztere Stück hat aber andere
technische Besonderheiten.
Wenn Shakespeare's Art zu charakterisiren schon für die Schauspieler
seiner Zeit zuweilen dunkel und schwer war, so ist natürlich, daß wir
seine Eigenthümlichkeiten sehr lebhaft empfinden. Denn kein größerer
Gegensatz ist denkbar, als die Behandlung der Charaktere bei ihm und
bei den tragischen Dichtern der Deutschen: Lessing, Goethe, Schiller.
Während wir bei Shakespeare durch die Verschlossenheit mancher
Nebencharaktere daran erinnert werden, daß er der epischen Zeit des
Mittelalters noch nahe stand, haben unsere dramatischen Charaktere bis
zum Ueberfluß die Eigenschaften einer lyrischen Bildungsperiode, eine
fortlaufende, breite und behagliche Darstellung innerer Zustände, über
welche die Helden mit einer zuweilen unheimlichen Selbstbeobachtung
nachdenken, dazu Sentenzen, welche den jedesmaligen Standpunkt des
Charakters zu der sittlichen Ordnung zweifellos deutlich machen.
Bei den Deutschen ist nichts Dunkles und, Kleist ausgenommen, wenig
Gewaltsames.
Von den großen Dichtern der Deutschen hat Lessing am besten verstanden,
seine Charaktere in dem Wellenschlage heftiger dramatischer Bewegung
darzustellen. Unter den Kunstgenossen wird die poetische Kraft des
Einzelnen wohl zumeist nach seinen Charakteren geschätzt, und gerade
im Charakterisiren ist Lessing groß und bewundernswerth; der Reichthum
an Einzelheiten, die Wirkung schlagender Lebensäußerungen, welche
sowohl durch Schönheit als Wahrheit überraschen, ist bei ihm in dem
beschränkten Kreise seiner tragischen Figuren größer als bei Goethe,
gehäufter als bei Schiller. Die Zahl seiner dramatischen Grundformen
ist nicht groß; um das zärtliche, edle, entschlossene Mädchen, Sara,
Emilia, Minna, Recha, und ihren schwankenden Liebhaber, Melfort, Prinz,
Tellheim, Templer, stellen sich die dienenden Vertrauten, der würdige
Vater, die Buhlerin, der Intrigant, alle nach den Fächern der damaligen
Schauspielertruppen geschrieben. Und doch gerade in diesen Typen ist
die Mannigfaltigkeit der Abwandelungen bewunderungswürdig. Er ist ein
Meister in der Darstellung solcher Leidenschaften, wie sie sich in
einem bürgerlichen Leben äußerten, wo das heiße Ringen nach Schönheit
und Adel der Seele so wunderlich neben rohem Begehren stand. Und wie
bequem ist Alles auch für den Schauspieler empfunden, keiner hat ihm so
aus der Seele gearbeitet, ja Einzelnes, was beim Lesen zu unruhig und
zu theatralisch aufgeregt scheint, tritt erst durch die Darstellung in
ein gutes Verhältniß.
Nur in einzelnen Momenten macht seine feine Dialektik der Leidenschaft
nicht den Eindruck der Wahrheit, weil er sie zu fein zuspitzt und
einem Behagen an haarspaltendem Wortspiel nachgibt; an wenigen Stellen
breitet sich auch bei ihm die Nachdenklichkeit da, wo sie nicht
hingehört, und zuweilen ist mitten in der tief poetischen Erfindung ein
erkünstelter Zug, welcher erkältet, statt den Eindruck zu verstärken.
Lehrreich ist dafür, außer Mehrem im Nathan, in Sara Sampson Akt ~III~,
Scene 3, die Stelle, in welcher Sara sich leidenschaftlich darüber
ergeht, ob sie den Brief ihres Vaters annehmen soll. Der Zug ist
höchstens als kurze Einzelheit der Charakteristik zu benutzen, auch
dafür nur andeutend zu behandeln, in der breiten Ausführung wird er
peinlich.
Noch lange werden Lessing's Stücke eine hohe Schule des deutschen
Darstellers sein, und die liebevolle Achtung der Künstler wird sie auch
dann noch auf unserem Theater bewahren, wenn einst eine männlichere
Bildung die Zuschauer empfindlicher machen wird gegen die Schwäche
der Umkehr und Katastrophe in Minna von Barnhelm und Emilia Galotti.
Denn darin irrte noch der kräftige Mann, daß heftige Leidenschaft
hinreiche, den poetischen Charakter zum dramatischen zu machen, während
es viel mehr auf das Verhältniß ankommt, in welchem die Leidenschaft
zur Willenskraft steht. Seine Leidenschaft schafft Leiden und erregt
im Zuschauer zuweilen ein abweisendes Mitleid. Noch schwanken seine
Hauptpersonen -- und dies ist nicht sein Kennzeichen, sondern das der
Zeit, -- durch stürmische Bewegung hin und hergetrieben, und wo sie
zu verhängnißvoller That kommen, fehlt dieser zuweilen die höchste
Berechtigung. Die tragische Entwickelung in Miß Sara Sampson beruht
darauf, daß Melfort die Nichtswürdigkeit begeht, seiner frühern
Geliebten ein Stelldichein mit Miß Sara zu vermitteln, in Emilia
Galotti wird die Jungfrau vom Vater aus Vorsicht erstochen.
Denn die Freiheit und der Adel, mit welchen die Personen bei den
Dichtern des vorigen Jahrhunderts ihre Seelenstimmungen ausdrücken,
ist nicht begleitet von einer entsprechenden Meisterschaft im Handeln;
nur zu häufig empfindet man eine Zeit, in welcher der Charakter auch
der Besten nicht fest gezogen und zu Metall gehärtet war durch eine
starke öffentliche Meinung, durch den sicheren Inhalt, welchen das
politische Leben im Staate dem Manne gibt. Willkür in den sittlichen
Gesichtspunkten und empfindsame Unsicherheit stören auch genialer
Kraft die höchsten Kunstwirkungen. Das ist den Dramen Goethe's oft
vorgeworfen worden, hier sei nur der Fortschritt angedeutet, welcher
durch ihn und Schiller in den dramatischen Wirkungen eingeführt wurde.
Goethe ist in den charakterisirenden Einzelheiten seiner Rollen nicht
reichlicher als Lessing, -- Weislingen, Clavigo, Egmont sind sogar
dramatisch dürftiger als Melfort, Prinz, Tellheim -- seine Figuren
haben nichts von dem heftig pulsirenden Leben, dem Unruhigen, ja
Fieberhaften, welches in den Bewegungen der Charaktere Lessing's
zittert, nichts Gekünsteltes beunruhigt, die unverwüstliche Anmuth
seines Geistes adelt auch noch das Verfehlte. Erst Goethe und
Schiller haben den Deutschen das geschichtliche Drama aufgeschlossen,
den höheren Stil in Behandlung der Charaktere, welcher für große
tragische Wirkungen unentbehrlich ist, wenn auch Goethe diese Wirkung
nicht vorzugsweise durch Gewalt der Charaktere, noch durch die
Handlung erreichte, sondern durch die unübertreffliche Schönheit
und Erhabenheit, mit welcher er das Gemüth seiner Helden in Worten
ausklingen läßt. Da besonders, wo aus seinen dramatischen Personen die
herzliche Innigkeit lyrischer Empfindung durchtönen durfte, zeigt sich
gerade in kleinen Zügen ein Zauber der Poesie, den kein Deutscher sonst
auch nur annähernd erreicht hat. So wirkt die Rolle des Gretchen.
Es ist nicht zufällig, daß solche höchste Schönheit in Goethe's
Frauencharakteren wirksam wird; die Männer treiben zum großen Theil
nicht vorwärts, sie werden getrieben, ja sie beanspruchen zuweilen eine
Theilnahme, die sie sich auf der Bühne nicht verdienen, und erscheinen
fast wie werthe Freunde des Dichters selbst, deren gute Eigenschaften
nur ihm bekannt sind, während sie in der Gesellschaft, zu welcher er
sie geladen hat, nicht ihre starke Seite hervorkehren. Auch was den
Faust zu unserem größten Dichterwerk macht, ist nicht die Fülle des
dramatischen Lebens, am wenigsten in der Rolle des Faust selbst. Wenn
aber die treibende Kraft der Goethe'schen Helden nicht stark genug ist,
um erhabene Wirkungen, gewaltige Kämpfe möglich zu machen, so ist die
dramatische Bewegung derselben in einzelnen Scenen doch knapp, weise
und höchst bühnengerecht, namentlich ist die Fügung seiner Dialoge
bewundernswerth. Denn es sind die Scenen, welche zwischen zwei Personen
verlaufen, das Schönste in den Dramen Goethe's; Lessing weiß auch drei
Charaktere in leidenschaftlichem Gegenspiel mit höchster Wirkung zu
beschäftigen; Schiller aber beherrscht mit überlegener Sicherheit eine
große Zahl auf der Bühne.
Die Art und Weise der Charakterschilderung ist bei Schiller in der
Jugend sehr anders, als in den Jahren seiner Reife. Es ist ein
großer Fortschritt, aber er ist auch nicht ganz ohne Einbuße. Von
der Empfindungsweise schöner Seelen, welche er in den Räubern ins
Ungeheuerliche, später ins Heldenhafte erhob, bis zu einer dem
Shakespeare ähnlichen festen Geschlossenheit der Charaktere im
Demetrius, welche Umwandlung!
Durch mehr als ein halbes Jahrhundert hat Pracht und Adel der
Charaktere Schiller's die deutsche Bühne beherrscht, und lange haben
die schwachen Nachahmer seines Stils nicht verstanden, daß die Fülle
seiner Diction nur deshalb so große Wirkungen hervorbrachte, weil unter
ihr ein Reichthum von dramatischem Leben wie unter einer Vergoldung
bedeckt liegt. Dies kräftige Leben der Personen ist bereits in seinen
ersten Stücken sehr auffallend, ja es hat in Kabale und Liebe so
bedeutenden Ausdruck gewonnen, daß nach dieser Richtung in den späteren
Werken nicht immer ein Fortschritt sichtbar wird. Dem Verse und höheren
Stil hat er wenigstens die markige Kürze, den bühnengemäßen Ausdruck
der Leidenschaft, manche Rücksicht auf die Darsteller nachgesetzt.
Immer voller und beredter wurde ihm der Ausdruck der Empfindungen durch
die Sprache.
Auch seine Charaktere -- am meisten die reichlich ausgeführten -- haben
jene besondere Eigenschaft seiner Zeit, ihr Denken und Empfinden dem
Hörer in vielen Momenten der Handlung eindringlich zu berichten. Und
sie thun es in der Weise hochgebildeter und beschaulicher Menschen,
denn an die leidenschaftlichste Empfindung hängt sich ihnen sofort
ein schönes, oft ausgeführtes Bild, und der Stimmung, welche so aus
ihrem Innern heraustönt, folgt eine Betrachtung -- wie wir alle wissen,
oft von hoher Schönheit --, durch welche die sittlichen Grundlagen
des aufgeregten Gefühls klar gemacht werden, und die Befangenheit der
Situation durch eine Erhebung auf höheren Standpunkt wenigstens für
Augenblicke aufgehoben erscheint. Es ist offenbar, daß solche Methode
des dramatischen Schaffens der Darstellung starker Leidenschaften im
Allgemeinen nicht günstig ist, und sie wird sicher in irgend einer
Zukunft unseren Nachkommen seltsam erscheinen; aber ebenso sicher
ist, daß sie die Art zu empfinden, welche den gebildeten Deutschen
am Ende des vorigen Jahrhunderts eigenthümlich war, so vollständig
wiedergibt, wie keine andere Dichtweise, und daß gerade darauf ein
Theil der großen Wirkung beruht, welche Schiller's Dramen noch jetzt
auf das Volk ausüben. Allerdings nur ein Theil, denn die Größe des
Dichters liegt gerade darin, daß er, welcher seinen Charakteren auch
in bewegten Momenten so viele Ruhepunkte zumuthet, dieselben doch
in höchster Spannung zu erhalten weiß; fast alle haben ein starkes,
begeistertes inneres Leben, einen Inhalt, mit welchem sie der Außenwelt
sicher gegenüber stehen. In dieser Befangenheit machen sie zuweilen
den Eindruck von Nachtwandlern, denen die Störung durch die Außenwelt
Verhängniß wird, so die Jungfrau, Wallenstein, Max, Thekla, oder die
wenigstens eines mächtigen Anstoßes an ihr inneres Leben bedürfen, um
zu einer That zu kommen, so Tell, selbst Cäsar und Manuel. Deshalb ist
auch die leidenschaftliche Bewegung der Hauptcharaktere Schiller's im
letzten Grunde nicht immer dramatisch, aber diese Unvollkommenheit wird
oft verdeckt durch das reiche Detail und die schöne Charakteristik,
mit welcher gerade er die helfenden Nebenfiguren ausstattet. Endlich
ist der größte Fortschritt, welchen die deutsche Kunst durch ihn
gemacht, daß er in gewaltigen tragischen Stoffen seine Personen zu
Theilnehmern einer Handlung macht, welche nicht mehr die Beziehungen
des Privatlebens, sondern die höchsten Interessen der Menschen, Staat,
Glauben, zum Hintergrunde hat. Für junge Dichter und Darsteller
freilich wird seine Schönheit und Kraft immer gefährlich sein, weil das
innere Leben seiner Charaktere überreichlich in der Rede ausströmt; er
thut darin so viel, daß dem Schauspieler manchmal wenig zu schaffen
übrig bleibt, seine Dramen bedürfen weniger der Bühne als die eines
anderen Dichters.
2.
Die Charaktere im Stoff und auf der Bühne.
Rechte und Pflichten des dramatischen Dichters zwingen ihn während
der Arbeit zu einem unablässigen Kampf gegen die Bilder, welche ihm
Geschichte, Epos, sein eigenes Leben darbieten.
Unleugbar wird dem deutschen Dichter Wärme und Anreiz zum Schaffen
häufig zuerst durch die Charaktere gegeben. Solche Art des Schaffens
scheint unvereinbar mit dem alten Grundgesetz für Bildung der
Handlungen, daß die Handlung das Erste sein müsse, die Charaktere erst
das Zweite. Wenn die Freude an dem eigenthümlichen Wesen eines Helden
den Dichter veranlassen kann, die Handlung dafür erst zusammenzusetzen,
so steht doch die Handlung unter der Herrschaft des Charakters und
wird durch ihn gebildet, zu ihm erfunden. Der Widerspruch ist nur
scheinbar. Denn der schaffenden Seele geht Wesen und Charakter eines
Helden nicht so auf wie dem Geschichtschreiber, welcher am Ende seines
Werkes die Ergebnisse eines Lebens zieht, oder wie dem Leser eines
Geschichtswerkes, der aus den Eindrücken verschiedener Schicksale
und Thaten das Bild eines Mannes allmählich in sich ausmalt. Die
schöpferische Kraft tritt vielmehr dem Dichter derart in das erwärmte
Gemüth, daß sie den Charakter eines Helden _in einzelnen Momenten_
seines Verhältnisses zu andern Menschen lebendig und reizvoll
heraustreibt. Diese Momente, in denen der Charakter lebendig wird, sind
bei dem Epiker Situationen, bei dem dramatischen Dichter Aktionen,
worin der Held in Bewegung schreitet; sie sind die Grundlage der noch
nicht lebensvoll angeordneten Handlung, in ihnen liegt bereits die Idee
des Stückes, wahrscheinlich noch nicht geklärt und abgeschlossen. Immer
aber ist Voraussetzung dieser ersten Anfänge dichterischer Arbeit,
daß der _Charakter unter dem Zwange_ eines Theilstücks der Handlung
lebendig wird. Nur unter solcher Voraussetzung ist eine poetische
Erfassung desselben möglich.
Der Idealisirungsprozeß aber beginnt dadurch, daß sich die Umrisse
des geschichtlichen oder sonsther werth gewordenen Charakters nach
dem Bedürfniß der in der Seele aufgegangenen Situation umbilden. Der
Zug des Charakters, welcher den empfundenen Momenten der Handlung
nützlich ist, wird zu einem Grundzuge des Wesens, welchem sich alle
übrigen Charaktereigenthümlichkeiten als ergänzendes Nebenwerk
unterordnen. Gesetzt, den Dichter feßle der Charakter Kaiser Karl's
~V.~, poetisch vermag er ihn nur zu empfinden, wenn er ihn durch
eine bestimmte Aktion durchtreibt. Der Kaiser auf dem Reichstage von
Worms, oder wie er dem gefangenen König Franz gegenübersteht, oder in
der Scene, in welcher der Landgraf von Hessen zu Halle den Fußfall
thut, oder in dem Augenblick wo er die Nachricht von dem drohenden
Ueberfall des Kurfürsten Moritz erhält, wird unter dem Zwange der
Situation jedesmal ein weit anderer; er behält vielleicht noch alle
Züge der geschichtlichen Ueberlieferung, aber der Ausdruck wird ein
eigenthümlicher und beherrscht so sehr das ganze Bild, daß es bereits
jetzt nicht mehr für ein historisches Porträt gelten könnte. Doch die
Umbildung geht rasch weiter. An die erste dichterische Anschauung
knüpfen sich andere, das erste Theilstück der Handlung schließt andere
an sich, es ringt danach ein Ganzes zu werden, es erhält Anfang und
Ende. Und jedes neue Glied der Handlung, welches sich ausbildet, zwingt
dem Charakter etwas von der Farbe und den Motiven auf, welche zu
seiner Erklärung nothwendig sind. Ist in solcher Weise die Handlung
gerichtet, so ist dem Dichter unter der Hand der wirkliche Charakter
nach den Bedürfnissen seiner Idee völlig umgeformt. Allerdings trägt
der Schaffende während dieser ganzen Arbeit die Züge der wirklichen
Gestalt wie ein Neben- oder Gegenbild in seiner Seele, er nimmt aus
diesem, was er von Einzelheiten brauchen kann; aber was er daraus
schafft, ist frei nach den Bedürfnissen seiner Handlung herausgehoben
und mit eigener Zuthat zu neuer Masse verschmolzen.
Ein auffallendes Beispiel ist der Charakter Wallenstein's in Schiller's
Doppeldrama. Es ist kein Zufall, daß die Gestalt des Dichters so sehr
verschieden von dem geschichtlichen Bild des kaiserlichen Feldherrn
geformt wurde. Die Forderungen der Handlung haben ihm sein Aussehen
gegeben. Der Dichter erwärmt sich für den historischen Wallenstein,
gerade seit dem Tode Gustav Adolf's wird dieser fesselnd. Er hat hohe
Pläne, ist ein großartiger Egoist, hat unbefangene Auffassung der
politischen Lage u. s. w. Nun hatte ein Drama, das seinen Ausgang
schildert, die Aufgabe, auf möglichst geringen Voraussetzungen
darzustellen, wie sein Held allmählich zum Verräther _wird_, durch
seine eigene Schuld und unter dem Zwange der Verhältnisse. Schiller
sah in sich die Gestalt Wallenstein's, wie er aus Vorbedeutungen sein
Geschick zu erkennen sucht (wahrscheinlich die erste Anschauung), dann
wie er dem Questenberg, dem Wrangel gegenübertritt, dann wie sich treue
Männer von ihm lösen. Das waren die ersten Aktionsmomente. Nun wurde
aber bedenklich, daß ein so frevelhaftes Beginnen, wenn es mißglückt,
den Helden thatsächlich schwächer, kurzsichtiger, kleiner zeigt als die
gegenwirkenden Gewalten. Deshalb mußte, um ihm Größe und Antheil zu
bewahren, für seinen Charakter ein leitender Grundzug gefunden werden,
welcher ihn steigerte und den Verlockungen zum Verrath gegenüber
als selbstthätig und frei erwies, und der auch erklärte, wie ein
bedeutender und überlegener Mann kurzsichtiger werden konnte als seine
Umgebung. In dem wirklichen Wallenstein war etwas der Art zu finden:
daß er abergläubisch war und auf Astrologie hielt, -- nicht gerade
mehr als andere seiner Zeitgenossen. Dieser Zug konnte dichterisch
verwerthet werden. Aber als kleines Motiv, als eine Wunderlichkeit
seines Wesens hätte er wenig genützt. Er mußte geadelt und vergeistigt
werden. So entstand das Bild eines tiefsinnigen, inspirirten, gehobenen
Mannes, welcher in blutiger Zeit über Menschenleben und Recht dahin
schreitet, den Blick unverwandt nach der Höhe gerichtet, wo er die
stillen Lenker seines Schicksals zu sehen glaubt. Und dasselbe düstere,
träumerische Spielen mit unbegreiflichen Größen konnte ihn auch dem
Zwang äußerer Verhältnisse gegenüber heben; denn derselbe Grundzug
seines Wesens, eine gewisse Neigung zu doppeldeutigem und verstecktem
Handeln, das grübelnde Versuchen und Tasten mochte ihn, den scheinbar
Freien, allmählich in die Netze des Verraths verstricken. So war eine
sehr eigenartige dramatische Bewegung für sein Inneres gewonnen. --
Aber dieser Grundzug seines Wesens war im letzten Grunde doch ein
vernunftwidriges Moment, es fesselte vielleicht, es stellte ihn uns
nicht menschlich nahe, es blieb eine große Seltsamkeit. Um tragisch
zu wirken, mußte dieselbe Besonderheit in Beziehung zu den besten und
liebenswerthesten Empfindungen seines Herzens gebracht werden. Daß der
Glaube an Offenbarungen unbegreiflicher Mächte dem Helden auch das
Freundesverhältniß zu den Piccolomini weiht, daß derselbe Glaube nicht
hervorgerufen, aber verhängnißvoll gesteigert wird durch ein geheimes
Bedürfniß zu ehren und zu vertrauen, und daß gerade dies Vertrauen auf
Menschen, die Wallenstein sich durch seinen Glauben zutraulich verklärt
hat, ihn verderben muß, das führt die fremdartige Gestalt unserem
Herzen nahe, gibt der Handlung innere Einheit, dem Charakter die
Vertiefung. In solcher Weise haben die ersten gefundenen Situationen
und das Bedürfniß, diese Situationen in einen festen Zusammenhang von
Ursachen und Wirkungen zu bringen und zu einer dramatisch wirksamen
Handlung abzurunden, den geschichtlichen Charakter Zug um Zug
umgeformt. Ebenso ist sein Gegenspieler Octavio durch den Trieb, ihm
einen innerlichen Zusammenhang mit Wallenstein zu geben, allerdings
auch in Abhängigkeit von dem Charakter desselben, geformt worden. Ein
kalter Intrigant, der über einem Vertrauenden das Netz zusammenzieht,
hätte nicht genügt, auch er mußte gehoben und dem Haupthelden
gemüthlich nahe gestellt werden, und wenn er als Freund des Getäuschten
aufgefaßt wurde, der -- gleichviel aus welchem Pflichtgefühl -- den
Freund aufgibt, so war es zweckmäßig, auch in seinem Leben einen Zug
zu erfinden, der ihn mit dem Schicksal Wallenstein's verflocht. Da
nun dem finsteren Stoff ohnedies ein wärmeres Leben, hellere Farben,
eine Reihe von sanften und rührenden Gefühlen sehr noth thaten, fand
der Dichter den Max. Das reine arglose Kind des Lagers wurde das
Gegenbild zugleich seines Vaters und seines Feldherrn. Es kümmerte den
Dichter bei dieser Gestalt vielleicht zu wenig, daß eine so frische,
harmlose, unbefleckte Natur in einem Widerspruch zu ihren eigenen
Voraussetzungen, zu dem zügellosen Soldatenleben stand, in dem sie
aufgewachsen war, wie denn Schiller überhaupt bei dem, was ihm diente,
im Motiviren nicht gerade sorgfältig war. Ihm genügte, daß dieses
Wesen durch Charakter und Geschick in einen edlen und dabei scharf
schneidenden Gegensatz zum Helden und Gegenspieler treten konnte. Und
er hat ihn und die entsprechende Gestalt seiner Geliebten mit einer
Vorliebe heraufgeführt, welche sogar den Bau des Dramas bestimmte.
So war es, im Ganzen betrachtet, nicht Laune und nicht ein zufälliger
Fund des Dichters, welcher die Charaktere des Wallenstein und seiner
Gegenspieler geformt hat. Allerdings aber sind diese Gestalten, wie
jedes Dichterbild, zugleich gefärbt durch die Persönlichkeit des
Dichters. Und es ist Schillern eigen, allen seinen Helden besonders
sichtbar die Gedanken zu geben, mit denen sein eigenes Innere erfüllt
ist. Diese geistvollen Betrachtungen, sowie die in großen einfachen
Linien geschwungenen Umrisse empfinden wir bereits jetzt als seine
Eigenthümlichkeit. Anderes aber als Besonderheit seiner Zeit. Die
Meisterschaft im Grübeln und Wägen ist bei Wallenstein nicht durch
entschiedene Kraft des Willens ins Gleichgewicht gebracht. Daß er auf
die Sprache der Sterne, die zuletzt die seines eigenen Herzens ist,
lauscht, wäre in der Ordnung. Aber er ist auch in Abhängigkeit von
seiner Umgebung dargestellt. Die Gräfin Terzky bestimmt ihn, Max stimmt
ihn um, und der Zufall, daß Wrangel verschwunden, verhindert vielleicht
einen Umschlag der Ereignisse. Sicher war Absicht des Dichters, die
Unschlüssigkeit Wallenstein's stark hervorzuheben; aber Schwanken ist
auch bei uns ein Uebelstand, für jeden Dramenhelden nur zu gebrauchen
als scharfer Gegensatz zu bereits bewährter Thatkraft.
Wenn dieser Vorgang des Ableitens der Charaktere aus der inneren
Nothwendigkeit der Handlung hier als ein Ergebniß verständiger
Ueberlegung erschien, so ist wohl kaum nöthig zu bekennen, daß er
sich so in der warmen Seele des Dichters nicht vollzieht. Zwar tritt
auch dort in vielen Stunden ein kühles Erwägen als Ueberwachung und
Ergänzung des schöpferischen Heraustreibens ein, aber das Schaffen
geschieht doch in der Hauptsache mit einer Naturkraft, in welcher dem
Dichter unbewußt derselbe Gedanke thätig ist, den wir vor dem fertigen
Kunstwerk durch Nachdenken als innewohnendes Gesetz des geistigen
Schaffens erkennen.
Namentlich vor geschichtlichen Charakteren zeigt sich die Umbildung
derselben nach den Bedürfnissen der Handlung nicht nur bei den
einzelnen Dichtern verschieden, auch derselbe Dichtergeist steht nicht
allen seinen Helden gleich frei und unbefangen gegenüber. Es ist
möglich, daß auch eine starke Dichterkraft einmal die geschichtlichen
Einzelzüge eines Heldenlebens aus irgend einem Grunde besonders
sorgfältig darzustellen sucht. Dann erkennt man in dem fertigen
Kunstwerk diese Sorgfalt noch aus einem besonderen Reichthum
eigenartiger Züge, welche für die Charakteristik verwerthet sind. So
zeigt Heinrich ~VIII.~ von Shakespeare mehr Porträtzüge als irgend eine
Heldengestalt seiner Dramen. Allerdings ist auch diese Gestalt in der
Hauptsache ganz nach den Bedürfnissen der Handlung umgeformt und von
dem historischen Heinrich ~VIII.~ durch eine weite Kluft getrennt; aber
das Porträtmäßige der Zeichnung, sowie die zahlreichen Rücksichten, die
der Dichter beim Bau der Handlung auf die wirkliche Geschichte nahm,
geben doch dem Drama einen fremdartigen Farbenton. Wie zahlreich die
kleinen Züge in diesem reich ausgestatteten Charakter sind, er wird
selten einem Darsteller als die lohnendste Aufgabe erscheinen.
Aus ähnlichen Gründen ist das Einführen historischer Helden, deren
Porträt besonders volksthümlich geworden ist, wie etwa von Luther und
Friedrich dem Großen, besonders schwer. Die Versuchung liegt so nahe,
auch solche wohlbekannte Züge der geschichtlichen Figur, welche für
die Handlung des Dramas unwesentlich sind und deshalb als zufällig
erscheinen, herauszutreiben. Diese aus der Wirklichkeit entnommene
Zuthat zu einer einzelnen Gestalt gibt derselben mitten unter den frei
erfundenen Personen ein peinlich anspruchsvolles, absonderliches, wohl
gar abstoßendes Aussehen. Der Wunsch, ein möglichst genaues Abbild
des wirklichen Daseins hervorzubringen, wird auch in dem Schauspieler
übermächtig und verlockt diesen zu kleinlicher Malerei; selbst der
Zuschauer fordert ein genaues Porträt und ist vielleicht überrascht,
wenn die übrigen Charaktere und die Handlung deshalb weniger wirksam
werden, weil er so lebhaft an einen werthen Freund aus der Geschichte
erinnert wurde.
Leicht ist die Vorschrift gegeben, daß der dramatische Charakter wahr
sein müsse, daß nämlich die einzelnen Lebensmomente desselben mit
einander im Einklang stehen und als zusammengehörig empfunden werden,
und daß der Charakter dem Ganzen der Handlung auch in Beziehung auf
Farbe und seelischen Inhalt genau entspreche. Aber solche Regel wird,
so allgemein ausgedrückt, dem neueren Dichter in vielen Fällen keinen
Nutzen gewähren, wo ihm der Zwiespalt zwischen den letzten Bedürfnissen
seiner Kunst und der geschichtlichen, selbst mancher dichterischen
Wahrheit geheime Schwierigkeiten bereitet.
Es versteht sich, daß der Dichter die Ueberlieferungen der Geschichte
treu bewahren wird, wo sie ihm nützen und wo sie ihn nicht stören. Denn
unsere Zeit, so fortgeschritten in geschichtlicher Bildung und in der
Kenntniß früherer Kulturverhältnisse, überwacht auch die historische
Bildung ihrer Dramatiker. Der Dichter soll sich hüten, zunächst, daß
er seinen Helden nicht zu wenig von dem Inhalte ihrer Zeit gebe, und
daß ein modernes Empfinden der Charaktere dem gebildeten Zuschauer
nicht im Gegensatz erscheine zu den ihm wohl bekannten Befangenheiten
und Eigenthümlichkeiten des Seelenlebens der alten Zeit. Die jungen
Dichter verleihen ihren Helden leicht ein Verständniß der eigenen
Zeit, eine Gewandtheit, über die höchsten Angelegenheiten derselben
zu philosophiren und für ihre Thaten solche Gesichtspunkte zu finden,
wie sie aus geschichtlichen Werken der Neuzeit geläufig sind. Es ist
unbequem, einen alten Kaiser des fränkischen oder hohenstaufischen
Hauses so bewußt, zweckvoll und verständig die Tendenzen seiner Zeit
ausdrücken zu hören, wie etwa Stenzel und Raumer diese dargestellt
haben. Nicht weniger gefährlich aber ist die entgegengesetzte
Versuchung, in welche der Dichter durch das Bestreben kommt, die
Eigenthümlichkeiten der Vergangenheit lebendig zu erfassen; leicht
erscheint ihm dann das Besondere, von unserem Wesen Abweichende der
alten Zeit als das Charakteristische und deshalb für seine Kunst
Wirksame. Dann ist er in Gefahr, den unmittelbaren Antheil, welchen
wir an dem schnell Verständlichen, allgemein Menschlichen nehmen,
zu verdecken, und in der noch größeren Gefahr, den Verlauf seiner
Handlung aufzubauen auf Absonderlichkeiten jener Vergangenheit, auf
Vergängliches, welches in der Kunst den Eindruck des Zufälligen und
Willkürlichen macht.
Und doch bleibt in einem geschichtlichen Stück oft ein unvermeidlicher
Gegensatz zwischen den dramatisch zugerichteten Charakteren und der
dramatisch zugerichteten Handlung. Es lohnt bei diesem gefährlichen
Punkte zu verweilen. Da der moderne Dichter vor geschichtlichen Stoffen
allerdings die Verpflichtung hat, sorgfältig auf das zu achten, was
wir Farbe und Kostüm der Zeit nennen, und da nicht nur die Charaktere,
sondern auch die Handlung aus entfernter Zeit genommen sind, so
wird sicher auch in der Idee des Stückes und der Handlung, in den
Motiven, den Situationen Vieles sein, was nicht allgemein menschlich
und Jedem verständlich ist, sondern erst durch das Besondere und
Charakteristische jener Zeit erklärt wird. Wo z. B. Königsmord durch
ehrgeizige Helden verübt wird, wie im Macbeth oder Richard, wo der
Intrigant seine Gegner mit Gift und Dolch angreift, wo die Gattin
eines Fürsten ins Wasser gestürzt wird, weil sie ein Bürgerkind ist,
in diesen und unzähligen anderen Fällen wird die Befangenheit und das
Schicksal der Helden zunächst aus der dargestellten Begebenheit, aus
den Sitten und Besonderheiten ihrer Zeit hergeleitet werden müssen.
Gehören nun aber die Gestalten einer Zeit an, welche hier die epische
genannt wurde, wo in der Wirklichkeit die innere Freiheit der Menschen
noch wenig entwickelt, die Abhängigkeit der Einzelnen von dem Beispiele
Anderer, von Sitte und Brauch sehr viel größer ist, wo das Innere
des Menschen nicht ärmer an starken Gefühlen, aber viel ärmer an der
Fähigkeit ist, dieselben durch die Sprache auszudrücken, so werden die
_Charaktere_ des Dramas eine solche Befangenheit in der Hauptsache
gar nicht darstellen _dürfen_. Denn da auf der Bühne nicht die Thaten
wirken und nicht die schönen Reden, sondern die Darstellung der
Gemüthsvorgänge, durch welche das Empfinden sich zum Wollen und zur
That verdichtet, so müssen die dramatischen Hauptcharaktere einen Grad
von innerer Freiheit, eine Bildung und eine Dialektik der Leidenschaft
zeigen, welche in innerlichstem Gegensatze steht zu der thatsächlichen
Befangenheit und Naivetät ihrer alten Vorbilder in der Wirklichkeit.
Nun würde dem Künstler allerdings leicht verziehen, daß er seine
Gestalten mit einem stärkeren und reicheren Leben anfüllt, als sie in
Wirklichkeit hatten. Wenn nur nicht dieser reichere Inhalt deshalb
den Eindruck der Unwahrheit machte, weil einzelne Voraussetzungen der
dargestellten Handlung ein so gebildetes Wesen der Hauptcharaktere gar
nicht vertragen. Denn die Handlung, welche doch aus der Geschichte
oder Sage entnommen ist und überall den sittlichen Inhalt, den Grad
der Bildung, die Eigenthümlichkeit ihrer Zeit verräth, vermag der
Dichter nicht immer ebenso gut mit tieferem Inhalt zu füllen, als
den einzelnen Charakter. Der Dichter kann z. B. einem Orientalen die
feinsten Gedanken und zartesten Empfindungen süßer Leidenschaft in
den Mund legen, und doch den Charakter so färben, daß er den schönen
Schein der Kunstwahrheit erhält; nun aber macht die Handlung vielleicht
nothwendig, daß derselbe Charakter die Frauen seines Harems säcken
lasse oder ein Kopfabschneiden befehle. Unvermeidlich bricht dann der
innere Widerspruch zwischen Handlung und Charakter auf. Das ist in der
That eine Schwierigkeit des dramatischen Schaffens, welche zuweilen
auch von der größten Begabung nicht ganz überwunden werden mag; dann
bedarf es aller Kunst, um bei so spröden Stoffen dem Hörer den stillen
Widerspruch zwischen Stoff und Lebensbedürfniß des Dramas zu verdecken.
-- Darum sind alle Liebesscenen in historischen Stücken von besonderer
Schwierigkeit. Hier, wo wir die unmittelbarsten Klänge einer holden
Leidenschaft fordern, ist eine harte Aufgabe, zu gleicher Zeit die
Zeitfarbe zu geben. Am besten gedeiht es dem Dichter noch dann, wenn
er, wie Goethe bei Gretchen, in solcher Situation Besonderheiten des
Charakters mit starker Farbe malen und bis an die Grenzen des Genre
hinabgehen darf.
Der stille Kampf des Dichters mit Voraussetzungen seines Stoffes,
welche undramatisch und doch nicht wegzuschaffen sind, findet aber fast
vor jeder Handlung statt, welche aus der Heldensage oder der älteren
Geschichte genommen ist.
In den epischen Stoffen, welche die Heldensage der großen Kulturvölker
darbietet, ist die Handlung bereits künstlerisch zugerichtet, wenn
auch nach anderen als dramatischen Bedürfnissen. Leben und Schicksale
der Helden erscheinen abgeschlossen, durch verhängnißvolle Thaten
bestimmt, gewöhnlich bildet die Reihenfolge der Begebenheiten, in
denen sie handelnd und leidend erscheinen, eine längere Kette, aber
es ist wohl möglich, einzelne Glieder derselben für den Gebrauch des
Dramas abzulösen. Die Gestalten selbst schweben in großen Umrissen,
einzelne charakteristische Eigenthümlichkeiten derselben sind mächtig
entwickelt. Sie stehen auf den Höhen ihres Volksthums, zeigen Kraft
und Größe, so erhaben und eigenartig entwickelt, als die schöpferische
Phantasie des Volkes nur zu erfinden vermochte, die verhängnißvollen
Ereignisse ihres Lebens sind häufig gerade solche, wie der dramatische
Dichter sie sucht, Liebe und Haß, eigensüchtiges Begehren, Kampf und
Untergang.
Solche Stoffe sind ferner geweiht durch die theuersten Erinnerungen
eines Volkes, sie waren einst Stolz, Freude, Unterhaltung von
Millionen. Sie sind nach einer Umbildung durch die schöpferische
Volkskraft, welche Jahrhunderte währte, immer noch biegsam genug, um
der Erfindung des dramatischen Dichters Vertiefung der Charaktere,
sogar Veränderung im Zusammenhange der Handlung zu gestatten. Mehre von
ihnen sind uns in der Ausarbeitung erhalten, welche ihnen im großen
Epos zu Theil wurde, die meisten sind wenigstens ihrem Hauptinhalt nach
auch unserer Bildung nicht ganz fremd. Dies Gesagte gilt mehr oder
weniger von den großen Sagenkreisen der Griechen, von den sagenhaften
Ueberlieferungen, welche in die älteste Geschichte der Römer verwebt
sind, von den Heldensagen des deutschen und romanischen Mittelalters.
Freilich unterscheiden sich die Charaktere der epischen Sage bei
näherer Betrachtung sehr von den Personen, wie sie dem Drama nöthig
werden. Es ist wahr, die Helden des Homer wie der Nibelungen sind
sehr bestimmte Persönlichkeiten. Auch der Blick in das Innere der
Menschenseele, in die wogenden Gefühle ist den epischen Dichtern
durchaus nicht verwehrt, schon sie leiten aus dem Charakter des
Helden nicht selten sein Schicksal her, aus seinen Leidenschaften
die verhängnißvollen Thaten; schon in den Dichtungen frühester
Zeit ist Kenntniß des Menschenherzens und zuweilen der gerechte
Sinn zu bewundern, welcher das Schicksal des Menschen aus seinen
Tugenden, Fehlern und Leidenschaften erklären möchte. Nicht ebenso
ausgebildet ist die Fähigkeit, die Einzelheiten der inneren Vorgänge
darzustellen. Das Leben der Persönlichkeiten äußert sich in einzelnen
anekdotenhaften Zügen, die oft mit überraschender Feinheit empfunden
sind; was vorher liegt, die stille Arbeit im Innern, und was auf
solche That folgt, die stille Wirkung auf die Seele, wird übergangen
oder kurz abgefertigt. Wie sich der Mensch unter Fremden behauptet,
durchschlägt oder untergeht im Kampfe mit stärkeren Gewalten, welche
gegen ihn stehen, das zu erzählen ist der Hauptreiz, also Beschreibung
hoher Feste, Zweikampf, Schlacht, Reiseabenteuer. Am lebhaftesten
ist der Ausdruck des Gefühls noch da, wo der Mann als ein Leidender
sich gegen das Unerträgliche empört; auch hier starrt der Ausdruck
verhältnißmäßig unlebendig in häufig wiederkehrenden Formeln, als
Klage, als Gebet zu den Göttern, vielleicht so, daß der Sprechende
seinem Geschick ein anderes gegenüber hält, oder in einem ausgeführten
Bilde seine Lage bespiegelt. Fast immer ist die Rede der Helden
einfach, arm, eintönig, mit denselben wiederkehrenden Klängen der
Empfindung. So die Selbstgespräche des Odysseus und der Penelope in
dem Gedicht, in welchem das eigenartige Leben noch am reichlichsten
und mit den besten Einzelzügen dargestellt ist. Auch wo der innere
Zusammenhang der Begebenheiten auf den geheimen Anschlägen und der
eigenthümlichen Leidenschaft einer einzelnen Person ruht, da also, wo
sich aus dem Innern eines Charakters eine verhängnißvolle Handlung
entwickelt, ist die Analyse der Leidenschaft noch kaum vorhanden.
Kriemhild's Plan, Rache zu nehmen für den Mord, der an ihrem Gatten
verübt wurde, die sämmtlichen Seelenbewegungen dieses fesselnden
Charakters, der dem Dichter so gewaltig in der Seele lebt, wie kurz und
gedeckt sind sie in der Erzählung! Es ist bezeichnend, daß bei diesem
deutschen Gedichte das lyrische Beiwerk, Selbstgespräche, Klagen,
gemüthliche Betrachtungen, viel ärmer ist als in der Odyssee, dagegen
besonders lebhaft und schön ausgeführt jede Eigenthümlichkeit der
Hauptcharaktere, welche deren Freundschaft oder Feindschaft zu Anderen
bestimmt.
Aber sobald man die gewaltigen schattenhaften Gestalten der Sage sich
auf der Bühne menschlich nahe und von Menschen dargestellt denkt,
verlieren sie die Würde und Größe ihrer Umrisse, womit die geschäftige
Phantasie ihr Bild umkleidet hat; ihre Reden, die innerhalb der
epischen Erzählung die kräftigste Wirkung ausüben, werden, in die
Jamben der Bühne umgeschrieben, matt, alltäglich. Ihr Handeln dünkt uns
roh, barbarisch, wüst, ja ganz unmöglich, sie scheinen zuweilen, wie
jene Nixe und Kobolde des alten Volksglaubens, ohne eine menschliche
und vernünftige Seele. Die erste Arbeit des Dichters muß also eine
Umbildung und eine Vertiefung der Charaktere sein, wodurch uns
dieselben menschlich verständlich werden. Wir wissen, wie lockend den
Griechen solche Dichterarbeit erschien.
Und sie standen besonders günstig zu ihrem alten Sagenstoff. Er war
durch tausend Fäden mit dem Leben ihrer Gegenwart verbunden, durch
örtliche Ueberlieferungen, Götterdienst und bildende Kunst. Die
freiere Bildung ihrer Zeit erlaubte bereits wichtige Aenderungen
vorzunehmen, mit innerer Unbefangenheit das Ueberlieferte als rohen
Stoff zu behandeln. Und doch! Die Geschichte der attischen Tragödie ist
in der That eine Geschichte des inneren Kampfes, den große Dichter mit
einem Gebiet von Stoffen führten, welches sich einigen Hauptgesetzen
des dramatischen Schaffens um so heftiger widersetzt, je mehr die Kunst
des Schauspielers ausgebildet, die Ansprüche der Zuschauer an einen
reichen Inhalt der Charaktere gesteigert wurden.
Euripides ist für uns das lehrreiche Beispiel, wie die griechische
Tragödie durch den inneren Gegensatz zwischen ihrem Stoffgebiet und den
größeren Anforderungen, welche die Kunst der Darstellung allmählich
machte, aufgelöst wurde. Keiner seiner großen Vorgänger versteht besser
als er die Gebilde der epischen Sage mit flammender, markzerfressender
Leidenschaft zu füllen; keiner hat gewagt, so realistisch die
dramatischen Charaktere der Empfindungsweise und dem Verständniß seiner
Zuschauer nahe zu rücken, keiner hat der Kunst der Schauspieler so viel
zu Liebe gethan. Ueberall in seinen Stücken erkennt man deutlich, daß
die Darsteller und die Bedürfnisse der Bühne größere Bedeutung gewonnen
haben. Aber die schauspielerisch wirksame Behandlung seiner Rollen,
an sich ein Fortschritt, das gute Recht des Bühnendramas, trug doch
dazu bei, seine Stücke zu verschlechtern; das Wilde und Barbarische
der Handlung mußte als widerwärtig auffallen, wenn die Personen wie
Athener aus der Umgebung des Dichters dachten und fühlten und dabei
wie unbändige Skythen handelten. Seine Elektra ist eine gedrückte
Frau aus einem edlen Hause, die in der Noth einen armen, aber braven
Bauer geheiratet hat und mit Verwunderung wahrnimmt, daß unter seinem
schlechten Kittel doch ein wackeres Herz schlägt; aber nur schwer
glauben wir ihrer Versicherung, daß sie eine Tochter des entleibten
Agamemnon sei. Wenn in der Iphigenia in Aulis Mutter und Tochter Hilfe
flehend die Hand an das Kinn des Achilles und Agamemnon legen und diese
dadurch nach Volkssitte beschwörend zu erweichen suchen, und wenn
Achilles der grüßenden Klytämnestra die Hand versagt, so war solche
mimische Erfindung ein an sich vortreffliches schauspielerisches Motiv;
aber es stand in auffallendem Gegensatz zu der herkömmlichen Bewegung
der maskirten und drapirten Personen, und während dieser Fortschritt
der Schauspielkunst die Scenenwirkung in den Augen der Zuschauer
wahrscheinlich kräftig steigerte, machte er zugleich die Iphigenia zu
einer bedrängten Athenerin und das beabsichtigte Abschlachten derselben
fremdartiger und unwahrer. In vielen anderen Fällen gibt der Dichter
dem Begehren seines Pathosspielers nach großen Gesangwirkungen so
weit nach, daß er den verständlichen und gemüthlichen Verlauf seiner
Handlung plötzlich und unmotivirt durch Ausmalen der alten Sagenzüge
unterbricht, durch Raserei, Kindermord u. a. m. Der ursächliche
Zusammenhang der Ereignisse wird bei diesem Eindringen opernhafter
und schauspielerischer Effekte Nebensache, die tragische Wucht geht
verloren, die Personen werden Gefäße für mehrerlei Gefühle, spielend
und sophistisch lösen sie sich von dem Zwange ihrer Vergangenheit. Fast
in jedem Stück wird fühlbar, daß dem Dichter der alte Sagenstoff durch
die wohlberechtigte Steigerung der Bühnenwirkungen wie ein morsches
Gewebe zerfährt und zur Herstellung einer einheitlichen dramatischen
Handlung unbrauchbar wird. Wären uns Stücke anderer Zeitgenossen
überliefert, wir würden wahrscheinlich erkennen, wie auch andere
vergeblich um die Versöhnung zwischen den gegebenen Stoffen und den
Lebensbedingungen ihrer Kunst gerungen haben. Denn das muß wiederholt
werden: was die Dichtergröße des Euripides mindert, ist nicht zumeist
der ihm eigenthümliche Mangel an Ethos, sondern es ist die naturgemäße
und unaufhaltsame Auflösung, welche in Dramenstoffe kommen mußte, die
wesentlich undramatisch waren. Allerdings trug auch die wiederholte
Benutzung desselben Stoffes dazu bei, den Uebelstand an den Tag zu
bringen; denn die späteren Dichter, welche bereits große dramatische
Behandlung fast aller Sagen vorfanden, hatten dringende Veranlassung
durch etwas Neues, Reizendes ihre Zuhörer zu gewinnen, und sie fanden
dies darin, daß sie der Kunst ihrer Schauspieler neue und höhere
Aufgaben stellten. Und dieser sachgemäße Fortschritt beschleunigte den
Verderb der Handlung und dadurch auch der Rollen.
Wir Deutsche aber stehen zur epischen Sage weit ungünstiger. Sie
ist für uns eine verschüttete Welt. Auch wo unsere Wissenschaft in
weiten Kreisen Kunde davon verbreitet hat, wie von Homer und den
Nibelungen, ist die Kenntniß und die Freude daran ein Vorrecht der
Gebildeten. Unsere Bühne aber ist sehr viel realistischer geworden als
jene griechische, und fordert von den Charakteren weit reichlichere
Einzelzüge, einen unser Empfinden nicht peinlich verletzenden Inhalt.
Wenn bei uns auf der Bühne Tristan eine Frau heiratete, um sein
Verhältniß zur Frau eines Andern zu verdecken, so würde sein Darsteller
in Gefahr sein, von einer erbitterten Gallerie als gemeines Scheusal
mit Aepfeln geworfen zu werden, und die Brautnacht der Brunhild,
so wirksam in dem Epos geschildert, wird auf der Bühne immer eine
gefährliche Stimmung der Schauenden erwecken.
Uns Deutschen ist als Quell dramatischer Stoffe die Geschichte
wichtiger geworden als die Sage. Für eine Mehrzahl der jüngeren Dichter
ist die Geschichte des Mittelalters der Zauberbrunnen, aus welchem sie
ihre Dramen heraufholen. Und doch liegt im Leben und Charakter unserer
deutschen Vorfahren etwas schwer Verständliches, was uns die Helden des
Mittelalters, -- freilich noch mehr die Zustände des Volkes, -- wie mit
einem Nebel verdeckt und die Seele eines Fürstensohnes aus der Zeit
Otto's des Großen undurchsichtiger macht, als die eines Römers aus der
Zeit des zweiten punischen Krieges. Die Unselbständigkeit des Mannes
ist weit größer, jeder Einzelne ist stärker durch die Anschauungen
und Gewohnheiten seines Kreises beeinflußt. Die Eindrücke, welche von
außen in die Seele fallen, werden von behender Einbildungskraft schnell
umsponnen, verzogen, gefärbt; zwar ist die Thätigkeit der Sinne scharf
und energisch, aber das Leben der Natur, das eigene Leben und das
Treiben Anderer werden weit weniger nach dem verständigen Zusammenhange
der Erscheinungen aufgefaßt, als vielmehr nach den Bedürfnissen des
Gemüths gedeutet. Leicht bäumt die Selbstsucht des Einzelnen auf und
stellt sich zum Kampfe, ebenso behende ist das Fügen unter übermächtige
Gewalt. Die urwüchsige Einfalt eines Kindes mag in demselben Mann mit
durchtriebener List und mit Lastern verbunden sein, welche wir als
Auswuchs einer verderbten Civilisation zu betrachten gewöhnt sind. Und
diese Unfreiheit sowie die Vereinigung der -- scheinbar -- stärksten
Gegensätze in Empfindung und Art des Handelns finden sich bei den
Führern der Völker ebenso sehr als bei kleinen Leuten. Es ist offenbar,
daß schon dadurch das Urtheil über Charaktere, Werth oder Unwerth ihrer
einzelnen Handlungen, über Stimmungen und Beweggründe erschwert wird.
Wir sollen den Mann nach Bildung und sittlichem Gefühl seiner Zeit,
und seine Zeit nach Bildung und Moral der unseren beurtheilen. Man
versuche nun in irgend einem der früheren Jahrhunderte des Mittelalters
sich eine Art Bild von dem mittleren Durchschnitt der Sittlichkeit
im Volke zu machen, und man wird mit Erstaunen sehen, wie schwer
das ist. Dürfen wir nach den Strafen schließen, welche die ältesten
Volksrechte auf alle möglichen scheußlichen Missethaten setzten, oder
nach den Greuelthaten im Hofhalt der Merowinger? Es gab damals noch
kaum etwas von dem, was wir öffentliche Meinung nennen, und wir dürfen
höchstens sagen, daß die Geschichtschreiber uns den Eindruck von
Männern machen, welche Vertrauen verdienen. Wenn ein Fürstensohn sich
in wiederholten Empörungen gegen seinen Vater erhob, wie weit wurde er
durch die Auffassung seiner Zeit, durch seine innersten Beweggründe
gerechtfertigt oder entschuldigt? Selbst bei Ereignissen, welche sehr
klar scheinen und uns in greller Beleuchtung erhalten sind, empfinden
wir einen Mangel in unserem Verständniß. Nicht nur, weil wir zu wenig
von jener Zeit wissen, sondern auch, weil wir, was uns überliefert
wird, nicht immer verstehen, wie der dramatische Dichter es verstehen
muß, in seinem ursächlichen Zusammenhange und in seiner Entstehung aus
dem Kern eines Menschenlebens.
Wer freilich die wirklichen Verhältnisse und den geschichtlichen
Charakter seines Helden nicht näher untersuchen wollte und den
Namen desselben nur benutzte, um einige Ereignisse jener Zeit
nach Anweisung eines bequemen Geschichtswerkes auf der Bühne mit
tapferen Betrachtungen zu versehen, der würde jeder Schwierigkeit
aus dem Wege gehen. Aber er würde auch schwerlich einen in Wahrheit
dramatischen Stoff finden. Denn die edle Masse der Dramenstoffe lagert
in den Steinmassen der Geschichte fast immer nur da, wo das geheime
vertrauliche Leben der Heldencharaktere beginnt, man muß danach zu
suchen wissen.
Gibt man sich nun ernstlich Mühe, die Helden aus entfernter
Vergangenheit so viel als möglich kennen zu lernen, so entdeckt man
in ihrem Wesen etwas sehr Undramatisches. Denn wie jenen epischen
Gedichten ist auch dem geschichtlichen Leben alter Zeit eigen, daß
der innere Kampf des Menschen, seine Empfindungen, Gedanken, das
Werden seines Wollens bei den Helden selbst noch keinen Ausdruck
gefunden haben. Auch in keinem Beobachter. Das Volk, seine Dichter
und Geschichtschreiber sehen den Mann scharf und gut im Augenblicke
der That, sie empfinden -- wenigstens bei den Deutschen -- das
Charakteristische seiner Lebensäußerungen sehr innig, mit Rührung,
Erhebung, Laune, Abneigung. Aber nur die Augenblicke, in denen sein
Leben sich nach außen kehrt, sind jener Zeit anziehend, fesselnd,
verständlich. Sogar die Sprache hat für die inneren Vorgänge bis zum
Thun nur dürftigen Ausdruck, auch die leidenschaftliche Bewegung wird
vorzugsweise in der Wirkung genossen, welche sie auf Andere ausübt,
und in der Beleuchtung, welche sie der Umgebung mittheilt. Für die
Gemüthszustände, sowie für die Rückwirkungen, welche das Geschehene
auf Empfindungen und Charakter des Mannes ausübt, fehlt jede Technik
der Darstellung, fehlt die Theilnahme. Sogar die Schilderung offen
liegender Charaktereigenthümlichkeiten sowie eine reiche Ausführung des
Geschehenen sind bei dem Erzähler nicht häufig, eine verhältnißmäßig
trockene Zusammenreihung der Begebenheiten wird mehr oder weniger oft
durch Anekdoten unterbrochen, in denen eine einzelne den Zeitgenossen
wichtige Lebensäußerung des Helden hervorbricht, hier ein treffendes
Wort, dort eine kräftige That. Vorzugsweise auf solchen Sagen
beruht die Erinnerung, welche das Volk von seinem Führer und dessen
Thaten bewahrt. Wir wissen, daß bis über die Reformation, ja bis
über die Mitte des vorigen Jahrhunderts hinaus dieselbe Auffassung
bei Gebildeten häufig war, daß sie noch jetzt unserem Volke nicht
geschwunden ist.
Diese Armuth des dramatischen Lebens erschwert dem Dichter das
Verständniß und die Darstellung eines jeden Helden. Aber in der Anlage
unserer Urahnen war noch etwas Besonderes, was ihr Wesen zuweilen ganz
geheimnißvoll macht. Schon in ihrer ältesten epischen Zeit zeigen
sie in Charakteren, in Sprache, Poesie und Sitte die Neigung, ein
eigenartiges inneres Grübeln und Deuten zur Geltung zu bringen. Nicht
die Dinge an sich, sondern was sie bedeuten, ist schon den Ahnen
des Denkervolkes die Hauptsache. Sehr reichlich dringen die Bilder
der Außenwelt in die Seele der alten Germanen, welche vielseitiger,
anerkennender, mit stärkerer Kraft der Aufnahme versehen sind als
jedes andere Volk der Erde. Aber nicht in der schönen, klaren, ruhigen
Weise der Griechen, oder mit der sichern, beschränkten, praktischen
Einseitigkeit der Römer spiegelt sich das Empfangene bei ihnen in Rede
und Thun wider, sie verarbeiten langsam und innig, und was aus ihnen
herausquillt, hat eine starke subjektive Färbung und eine Zugabe
aus ihrem Gemüth erhalten, die wir schon in frühester Zeit lyrisch
nennen dürfen. Darum steht auch die älteste Poesie der Deutschen in
auffälligem Gegensatz zu dem Epos der Griechen: nicht das volle und
reichliche Erzählen der Handlung ist ihr die Hauptsache, sondern ein
scharfes Herausheben einzelner, glänzender Züge, die Verknüpfung
des Moments mit einem ausgeführten Bilde, ein Darstellen in kurzen,
abgebrochenen Wellen, auf denen man das aufgeregte Gemüth des Erzählers
erkennt. Ganz ebenso ist bei den Charakteren die trotzige Selbstsucht
mit einer Hingabe an ideale Empfindungen verbunden, die den Deutschen
seit der Urzeit ein auffallendes Gepräge gab und sie mehr als ihre
Körperkraft und kriegerische Wucht den Römern furchtbar machte. Keine
Volkssitte hat so keusch und edel das Wesen der Frau gefaßt, kein
Heidenglaube hat wie der deutsche die Schrecken des Todes überwunden,
denn auf dem Schlachtfelde sterben ist die höchste Ehre und Freude des
Helden. Durch dieses Vordringen des Gemüths und idealer Empfindungen
erhalten die Charaktere der deutschen Helden im Leben wie im Epos schon
sehr früh ein weniger einfaches Gefüge, ein originelles, zuweilen
wunderliches Gepräge, welches ihnen bald besondere Größe und Tiefe,
bald ein abenteuerliches und unvernünftiges Aussehen verleiht. Man
vergleiche nicht den poetischen Werth der Schilderung, aber die
Charakteranlage griechischer Helden in Ilias und Odyssee mit den
Helden der Nibelungen. Dem tapfersten Griechen bleibt der Tod etwas
Furchtbares, die Gefahr des Kampfes etwas Lästiges, es ist ihm nicht
in unserem Sinne unehrenhaft, einen schlafenden oder waffenlosen Feind
zu töten, es ist nicht der kleinste Heldenruhm, klug die Gefahr des
Zusammentreffens zu vermeiden und aus dem Hinterhalt einen Ahnungslosen
zu treffen. Der deutsche Held dagegen, derselbe, welcher aus Treue
gegen seinen Herrn die verruchteste That eines Deutschen begangen
und einen wehrlosen Mann listig von hinten getroffen hat, gerade
er kann für sich, seinen Herrn und seinen Stamm Tod und Untergang
vermeiden, wenn er zu rechter Zeit ausspricht, daß Gefahr vorhanden
sei. Die Ueberirdischen haben ihm sein und der Freunde Verderben
prophezeit, wenn die verhängnißvolle Reise fortgesetzt wird, und doch
stößt er die Fähre, welche die Rückkehr möglich macht, in den Strom;
-- noch an dem Königshofe, wo ihm der Tod droht, vermag ein Wort zu
dem wohlwollenden König, ehrliche Antwort auf eine herzliche Frage
das Aergste abzuwenden, er aber schweigt. Ja noch mehr, er und die
Seinen höhnen und reizen die erbitterten Feinde, und mit der sicheren
Aussicht auf Untergang regen sie selbst herausfordernd im Spiele den
blutigen Streit auf. Dem Griechen, jedem andern Volke des Alterthums,
vielleicht die Gallier ausgenommen, wäre solche Art Heldenthum durchaus
unheimlich und unvernünftig erschienen. Es war aber echt deutsch, der
wilde und finstere Ausdruck eines Volkswesens, in welchem dem Einzelnen
seine Ehre und sein Stolz weit mehr galten als das Leben. -- Nicht
anders ist dies Verhältniß bei den Helden der Geschichte. Die idealen
Empfindungen, welche ihr Leben regieren, wie unvernünftig sie zuweilen
schon lange vor Ausbildung des Ritterthums waren, die Pflichten der
Ehre und Treue, das Gefühl des Männerstolzes und der eigenen Würde,
Todesverachtung und Liebe zu einzelnen Menschen hatten oft eine
Stärke und Gewalt, welche wir schwer zu schätzen, nicht immer als
beherrschendes Motiv zu erkennen vermögen.
So schwebte die Seele des Germanen schon in ältester Zeit in Banden,
welche für uns oft nicht mehr erkennbar sind; fromme Hingabe und
Sehnsucht, Aberglaube und Pflichtgefühl, ein geheimer Zauberspruch
oder ein geheimes Gelübde zogen seinen Entschluß zu Thaten, welche wir
vergeblich durch verständige Gründe, die unserer Bildung entnommen
sind, zu erklären suchen.
Und zu solcher Anlage kam im Mittelalter endlich der große Kreis von
Stimmungen, Gesetzen und phantastischen Träumereien, welcher mit dem
Christenthum eindrang. Während einerseits der schneidende Gegensatz,
in welchem der milde Glaube der Entsagung zu den rauhen Neigungen
eines erobernden Kriegervolkes stand, den Deutschen die Widersprüche
zwischen Pflicht und Neigung, zwischen äußerem und innerem Leben
höchlich vermehrte, entsprach er andererseits in auffallender Weise dem
Bedürfniß der Hingebung, welche der Deutsche für einige große Ideen
schon längst besaß. Wenn an die Stelle Wuotan's und des getöteten
Asengottes der Vater der Christen und sein eingeborner Sohn, und an
die Stelle der Schlachtjungfrauen die Schaaren der Heiligen traten,
so erhielt dadurch auch das Leben nach dem Tode eine neue Weihe und
herzlichere Bedeutung. Und zu den alten Gewalten, welche den Entschluß
des Mannes in der Stille bestimmt hatten, zu dem bedeutungsvollen Wort,
einem anlaufenden Thiere, zu dem Trinkgelage und dem Würfelspiele, zu
den Mahnungen der Heidenpriester und den Weissagungen kluger Frauen
kamen jetzt die Forderungen der neuen Kirche, ihr Segen und ihr
Fluch, Gelübde und Beichte, die Priester und die Mönche; dicht an den
rohen, rücksichtslosen Genuß traten leidenschaftliche Bußübungen und
strengste Askese, und neben den Häusern der hübschen Frauen erhoben
sich die Nonnenklöster. Wie seit der Herrschaft des Christenglaubens
die Charaktere in den schärfsten Grundsätzen gezogen, wie Empfindung
und Beweggründe des Handelns mannigfaltiger, tiefer und künstlicher
gemacht werden, das zeigen z. B. zahlreiche Gestalten aus der Zeit der
Sachsenkaiser, wo fromme Schwärmerei gerade unter den Vornehmen üblich
wird und Männer und Frauen bald durch das Bestreben, die Welt für sich
zu gewinnen, bald durch den reuigen Wunsch, den Himmel mit sich zu
versöhnen, hin und her getrieben werden.
Wer je die Schwierigkeit empfunden hat, Menschen des Mittelalters,
welche durch die tiefsinnige Natur der Germanen und durch die alte
Kirche geformt wurden, zu verstehen, der wird diese kurzen Andeutungen
nach jeder Richtung ergänzen.
Und deshalb wird hier ein früheres Beispiel von anderem Gesichtspunkt
wiederholt. Was arbeitete in der Seele Heinrich's ~IV.~, als er im
Büßerhemd an die Schloßmauer von Canossa trat? Damit der Dichter diese
Frage durch eine edle Kunstwirkung beantworten könne, wird er sich doch
vom Geschichtschreiber erst sagen lassen, was dieser weiß. Und er wird
mit Erstaunen sehen, wie verschieden die Auffassung der Situation, wie
unsicher und spärlich die erhaltene Nachricht, und wie unbequem und
schwer ergründlich das Herz dieses mittelalterlichen Helden ist.