Frühlingsfestes vor der Bühne saßen, so waren auch die Hauptdarsteller
in eine Festtracht gekleidet. Die Tracht der einzelnen Rollen war
herkömmlich nach dem Festbrauch genau vorgeschrieben, die Schauspieler
trugen die Maske mit Schallloch am Munde, den hohen Kothurn am Fuß,
den Leib gepolstert und durch lange Gewänder staffirt. Ebenso waren
die beiden Seiten der Bühne und die drei Thüren des Hintergrundes,
aus denen die Schauspieler auftraten und durch welche sie abgingen,
bedeutsam für die Geltung derselben im Stück.
Der Dichter kämpfte aber an seinem Theatertage durch vier Dramen mit
denselben Schauspielern, welche Preiskämpfer hießen. Die älteren
attischen Oratorien hatten nur einen Schauspieler, der in verschiedenen
Rollen mit wechselnder Tracht auftrat, Aeschylos hatte den zweiten,
Sophokles den dritten zugefügt. Ueber die Dreizahl der Solospieler
kam das attische Theater in seiner Blüthezeit nicht hinaus. Diese
Beschränkung in der Zahl der Darsteller hat mehr als irgend ein anderer
Umstand die Technik der griechischen Tragödien bestimmt. Es war aber
keine Beschränkung, welche entschlossener Wille hätte beseitigen
können. Nicht nur äußere Gründe hinderten ein Weitergehen: alte
Ueberlieferung, der Antheil, welchen der Staat bei den Aufführungen
beanspruchte, sondern vielleicht nicht weniger der Umstand, daß
der ungeheure offene Raum des Theaters an der Akropolis, welcher
dreißigtausend Menschen faßte, ein Metall der Stimme und eine Zucht der
Sprache forderte, welche sicher sehr selten waren. Dazu kam noch, daß
wenigstens zwei der Schauspieler, der erste und zweite, auch fertige
Sänger sein mußten, und zwar vor einem feinohrigen und verwöhnten
Publikum.
Der erste Schauspieler des Sophokles hatte dann in etwa zehnstündiger
Anspannung an 1600 Verse auszugeben, darunter wenigstens sechs größere
und kleinere Gesangstücke.[12]
Diese Aufgabe wäre groß, aber sie ist uns nicht unbegreiflich. Eine
der stärksten Rollen unserer Bühne ist Richard ~III.~; diese umfaßt
im gedruckten Text an 1128 Verse, von denen freilich mehr als 200
gestrichen werden. Unsere Verse sind etwas kürzer, kein Gesang, die
Kleidung weit bequemer, die Anstrengung der Stimme von anderer Art, im
Vergleich beträchtlich geringer; die Anspannung durch das Geberdenspiel
dagegen unvergleichlich größer, im Ganzen die schöpferische Arbeit
des Augenblicks bedeutender, es ist eine sehr verschiedene Art der
Nervenspannung. Unseren Schauspielern würde nicht der Umfang der
antiken Aufgabe als unbesiegbar erscheinen, sondern gerade das, was
sich dem Unkundigen als eine Erleichterung darstellt, das Hinziehen der
Arbeit durch zehn Stunden. Und wenn sie gegenüber der Schauspielkunst
des Alterthums mit Recht geltend machen dürfen, daß ihre heutige
Aufgabe eine höhere ist, weil sie nicht nur mit der Stimme, auch
mit Antlitz und Geberde frei zu schaffen haben, so mögen sie auch
nicht vergessen, daß die Dürftigkeit der griechischen Mimik, welche
durch Masken und herkömmliche Bewegungen und Stellungen beschränkt
blieb, wieder Ergänzung fand in einer merkwürdig feinen Ausbildung
der dramatischen Sprechweise. Alte Zeugnisse belehren uns, daß _ein_
falscher Ton, _ein_ unrichtiger Accent, _ein_ Hiatus im Verse dem
Schauspieler allgemeinen Unwillen der Hörer aufregen und den Sieg
entreißen konnte, daß der große Schauspieler leidenschaftlich bewundert
wurde, und daß die Athener über seiner Kunst wohl einmal Politik und
Kriegführung vernachlässigten. Man darf also die selbständige Arbeit
des hellenischen Künstlers durchaus nicht niedrig anschlagen, wenn wir
auch nicht wissen, wie seine Seele in dem herkömmlichen Tonfall der
dramatischen Rede schöpferisch arbeitete.
Unter diese drei Schauspieler wurden sämmtliche Rollen der drei
Tragödien und des Satyrspiels vertheilt. In jedem Stück hatte der
Schauspieler, außer seiner Hauptrolle, in der er -- der Regel nach --
das Festkleid trug, noch die Nebenpartien, welche seinem Charakter
entsprachen oder für die er gerade entbehrt werden konnte. Aber auch
nicht einmal dabei war dem Dichter jede Freiheit gelassen.
Die Persönlichkeit des Schauspielers wurde auf der Bühne von den
Zuschauern nicht so sehr über seinen Rollen vergessen, als bei uns
der Fall ist. Er blieb in der Empfindung der Athener trotz seinen
verschiedenen Masken und Anzügen immer mehr der gemüthvoll Vortragende,
als der Spieler, welcher sein Wesen in dem Charakter seiner Rollen
völlig zu bergen sucht. Und nach dieser Richtung stand die antike
Aufführung auch zur Zeit des Sophokles einem Oratorium oder der
Vorlesung eines Stückes mit vertheilten Rollen fast näher, als unseren
Aufführungen. Das ist ein wichtiger Umstand. Die Wirkungen der
Tragödien wurden dadurch nicht beeinträchtigt, aber doch anders gefärbt.
Der erste Schauspieler wurde deshalb auch auf der Bühne bedeutsam
hervorgehoben, ihm gehörte für Eintritt und Abgang die Mittelthür
des Hintergrundes, die „königliche”. Er spielte die vornehmsten
Personen und die stärksten Charaktere; es wäre gegen die Würde seines
Rollenfachs gewesen, Jemanden auf der Bühne darzustellen, der sich
von einer anderen Person des Stückes -- die Götter ausgenommen --
beeinflussen und leiten ließ; er vorzugsweise war der Pathosspieler,
der Sänger und Held, natürlich für Männer- und Frauenrollen, nur seine
Rolle gab dem Stück den Namen, im Fall sie die Handlung beherrschte,
sonst wurde der Name des Stückes von Tracht und Charakter des Chors
geholt. Neben ihn trat der „zweite Kämpfer” als sein Begleiter und
Genosse, ihm gegenüber stand der dritte, weniger geachtete Schauspieler
als Charakterspieler, Intrigant, Vertreter des Gegenspiels.
Diese Stellung der drei Darsteller wurde bei Verfertigung und
Vertheilung der Rollen von Sophokles festgehalten. Sie waren für
seine Stücke der Hauptheld, der Genosse, der Gegenspieler. Aber auch
die Nebenrollen, welche jeder von ihnen neben der seiner Stellung
entsprechenden Hauptrolle im Stück übernehmen mußte, wurden, so weit
das irgend möglich war, nach den Beziehungen vertheilt, die sie zu der
Rolle des Haupthelden hatten. Die Vertreter und Gesinnungsgenossen
des ersten Helden erhielt er selbst, die Freunde, Zugehörigen
soviel möglich der zweite Schauspieler, die fremden, feindlichen,
widerstrebenden Partien der Gegenspieler, außerdem freilich mit dem
zweiten zuweilen Aushilfsrollen.
Daraus ergab sich eine merkwürdige Art von Bühnenwirkungen, welche
wir unkünstlerisch nennen möchten, die aber für den Dichter der
attischen Bühne nicht geringe Bedeutung hatten. Die nächste Aufgabe
der Schauspieler war nämlich allerdings, jede ihrer Rollen in
demselben Stück durch verschiedene Masken zu bezeichnen und durch
veränderte Stimmlage, durch Verschiedenheit in Vortrag und Geberden
auszuzeichnen. Und wir erkennen, daß auch hier viel Gewohnheitsmäßiges
und Festgesetztes war, z. B. im Aufzug und Vortrag der Boten, in
Schritt, Haltung, Geberde der jungen und älteren Frauen. Aber eine
zweite Eigenthümlichkeit dieser feststehenden Rollenvertheilung war,
daß die Stetigkeit des Darstellers bei seinen einzelnen Partien
durchschien und als etwas Gehöriges und Wirksames auch vom Hörer
empfunden ward. Der Darsteller wurde auf der attischen Bühne zu einer
idealen Einheit, welche ihre Rollen zusammenhielt; über der Täuschung,
daß verschiedene Menschen sprächen, blieb dem Hörer die Empfindung,
daß sie im Grunde ein und derselbe waren. Und diesen Umstand benutzte
der Dichter zu besondern dramatischen Wirkungen. Wenn die Antigone
zum Tode abgeführt war, klang aus den Drohworten des Teiresias an
Kreon hinter der veränderten Tonlage dieselbe bewegte Menschenseele
heraus, und derselbe Klang, dasselbe geistige Wesen rührte in den
Worten des Exangelos, welcher das traurige Ende der Antigone und des
Hämon berichtete, wieder das Gemüth der Hörer. Antigone kehrte, auch
als sie zum Tode abgegangen war, immer wieder auf die Bühne zurück.
Dadurch entstand bei der Aufführung zuweilen eine Steigerung der
tragischen Wirkungen, wo wir beim Lesen einen Abfall bemerken. Wenn
in der Elektra derselbe Schauspieler den Orest und die Klytämnestra,
Sohn und Mutter, den Mörder und die zu Mordende darstellte, so
mahnte der Gleichklang der Stimme den Hörer an das gemeinsame Blut,
dieselbe kalte Entschlossenheit und schneidende Schärfe des Tons (es
waren Rollen des dritten Schauspielers) an die innere Verwandtschaft
der beiden Naturen; aber diese Einheit mäßigte vielleicht auch den
Schauder, den die furchtbare Handlung hervorbrachte. Wenn im Aias
der Held des Stückes sich schon auf dem Höhenpunkt tötete, so war
das unzweifelhaft auch in den Augen der Griechen eine Gefahr des
Stoffes, weil dieser Umstand ihnen in diesem Fall nicht die Einheit der
Handlung verringerte, wohl aber das Gewicht zu sehr nach dem Anfang
verlegte. Wenn nun aber unmittelbar darauf aus der Maske des Teukros
dasselbe ehrliche, treuherzige Wesen heraustönte, nur jugendlicher,
frischer, ungebrochen, so fühlte der Athener nicht nur mit Behagen
die Blutsverwandtschaft heraus, auch die Seele des Aias nahm lebendig
Theil an dem fortgesetzten Kampf um sein Grab. Besonders liebenswürdig
ist die Weise, wie Sophokles -- allerdings nicht er allein -- diese
Wirkung benutzt, um den Untergang einer Hauptperson, welcher nur
berichtet werden kann, in der Katastrophe ergreifend darzustellen. In
jedem der vier Stücke, welche die sehr ausgezeichnete Rolle eines Boten
der Katastrophe (in den Trachinierinnen die Amme) enthalten, ist der
Darsteller desjenigen Helden, dessen Untergang berichtet wird, selbst
wieder der Bote, welcher die rührenden Umstände des Todes erzählt,
zuweilen in wundervoll belebter Rede; dem Athener tönte in solchem Fall
die Stimme des Geschiedenen noch aus dem Hades herauf in die Seele;
so die Stimme der Iokaste, des Oedipus auf Kolonos, der Antigone, der
Deianeira. Am eigenthümlichsten aber ist im Philoktetes die Wiederkehr
desselben Schauspielers in verschiedenen Rollen für die dramatische
Wirkung verwerthet, es wird später davon die Rede sein.[13]
Solche Verstärkung des Effekts durch eine Verminderung der scenischen
Täuschung ist uns fremdartig, aber nicht unerhört. An dem Darstellen
der Frauenrollen durch Männer -- welches Goethe in Rom sah -- hängt
eine ähnliche Wirkung.
Diese Eigenthümlichkeit der attischen Bühne gab dem Dichter einige
Rechte im Aufbau der Handlung, die wir nicht mehr gestatten. Der
erste Held konnte in seiner Hauptrolle für längere Theile des Stückes
entbehrt werden, wie Antigone und Aias. Wenn in den Trachinierinnen der
Hauptheld Herakles gar erst in der letzten Scene auftritt, so ist er
doch in seinen Vertretern von Anfang an wirksam gewesen. Die Dienerin
des Prologs, welche auf den abwesenden Herakles hinweist, sein Herold
Lichas, der von ihm erzählt, sprechen mit der gedämpften Stimme des
Helden.
Und dieses Zurücktreten des Haupthelden war den alten Dichtern häufig
als kluge Aushilfe nöthig, um die Schonung zu verdecken, welche
vor andern der erste Schauspieler für sich fordern mußte. Die fast
übermenschliche Anstrengung einer dramatischen Tagesleistung konnte
nur dann ertragen werden, wenn nicht derselbe Darsteller in jeder der
drei Tagestragödien die längste und angreifendste Rollengruppe hatte.
Hauptrolle blieb den Griechen zwar immer die des Protagonisten, der die
Würde und das Pathos hatte, auch wenn vielleicht dieser anstrengenden
Partie nur eine Scene gegeben war. Aber der Dichter war gezwungen, das,
was _wir_ Hauptrolle nennen, die umfangreichste Partie, in einzelnen
Stücken des Festtages dem zweiten oder dritten Schauspieler zu
geben[14]; denn er mußte bedacht sein, die Verszahl der drei Tragödien
möglichst gleichmäßig unter seine drei Kämpfer zu vertheilen.
Die erhaltenen Tragödien des Sophokles unterscheiden sich aber durch
die Beschaffenheit ihrer Handlung noch mehr als durch ihren Bau von
dem Drama der Germanen. Das Theilstück der Sage, welches Sophokles für
seine Handlung verwendet, hat eigenthümliche Voraussetzungen. Sein
Drama stellt, im Ganzen betrachtet, die Wiederherstellung einer bereits
gestörten Ordnung dar, Rache, Sühne, Ausgleichung; die Voraussetzung
desselben ist also die ärgste Störung, Verwirrung, Missethat. Das
Drama der Germanen hat zu seiner Voraussetzung, im Ganzen betrachtet,
eine gewisse, wenn auch ungenügende Ordnung und Ruhe, gegen welche
sich die Person des Helden erhebt, Störung, Verwirrung, Missethat
hervorbringend, bis er durch die gegenstrebenden Gewalten gebändigt
und eine neue Ordnung hergestellt wird. Die Handlung des Sophokles
beginnt also etwa nach dem Höhenpunkte unserer Stücke. Einer hat in
Unwissenheit den Vater erschlagen, die Mutter geheiratet, das ist
Voraussetzung; wie dies vorausgegangene Unheil an ihm zu Tage kommt,
ist das Stück. Eine hofft auf den jungen Bruder in der Fremde, daß
er den getöteten Vater an der bösen Mutter räche; wie sie trauert
und hofft, durch falsche Nachricht von seinem Tode erschreckt, durch
seine Ankunft beglückt wird und die That der Rache empfindet, das
ist das Stück. Alles, was von Unglück, Frevel, Schuld der ungeheuren
Rache vorausging, ja die Rachethat selbst wird dargestellt durch die
Reflexe, welche in die Seele einer Frau fallen, der Schwester des
Rächers, Tochter des Gemordeten und der Mörderin. Ein unglücklicher
Fürst, aus seiner Heimat vertrieben, theilt der gastfreien Stadt,
welche ihn aufnimmt, dankbar den geheimnißvollen Segen zu, welcher nach
Götterspruch an seiner Grabstätte hängt. Eine Jungfrau beerdigt gegen
den Befehl des Fürsten den Bruder, der im Felde erschlagen liegt, sie
wird deshalb zum Tode verurtheilt und zieht Sohn und Gattin des harten
Richters mit sich in den Tod. Einem umherschweifenden Helden wird
von der Gattin, welche von seiner Treulosigkeit hört und seine Liebe
wiedergewinnen will, ein Zaubergewand in die Fremde gesendet, das ihm
den Leib verbrennt. Aus Schmerz darüber tötet sich die Frau, er läßt
sich durch Feuer verzehren.[15] Ein Held, der im Wahnsinn erbeutete
Heerden statt der gehaßten Fürsten seines Volkes erschlagen hat, tötet
sich aus Scham, seine Genossen setzen ihm ein ehrliches Begräbniß
durch. Ein Held, der wegen widerwärtiger Krankheit von seinem Heere auf
eine menschenleere Insel ausgesetzt ist, wird, weil ein Götterspruch
zum Heil des Heeres seine Rückkehr fordert, durch die Verhaßten, welche
ihn aussetzten, zurückgeholt. -- Immer ist, was dem Stücke vorausgeht,
ein großer Theil dessen, was wir in die Handlung einschließen
müßten.[16]
Aber wenn uns von sieben erhaltenen Stücken des Sophokles auf mehr
als hundert verlorene ein vorsichtiges Urtheil erlaubt ist, scheint
diese Behandlung der Mythen auch bei den Griechen nicht allgemein,
sondern für Sophokles bezeichnend zu sein. Daß Aeschylos in seinen
Trilogien größere Theilstücke der Sage: Unrecht, Verwicklung, Lösung,
verwerthete, erkennen wir deutlich. Bei Euripides wenigstens, daß er
zuweilen über die abschließenden Endstücke der Sage hinausging oder
das Vorausgegangene mit mehr Behagen als Kunst in epischem Prologe
berichtete. In seinen beiden besten Stücken, dem Hippolytos und der
Medea, ist die Handlung auf Voraussetzungen gebaut, die auch bei
neueren Stücken möglich wären.
Diese Anordnung der Handlung bei Sophokles gestattete nicht nur
die größte Aufregung leidenschaftlicher Empfindung, auch eine
feste Charakterfügung; aber sie schloß dennoch zahlreiche innere
Wandlungen aus, welche unseren Stücken unentbehrlich sind. Wie die
ungeheuren Voraussetzungen auf die Helden wirken, das vermochte er
mit unerreichter Meisterschaft darzustellen, aber es waren gegebene,
höchst ungewöhnliche Zustände, durch welche die Helden beeinflußt
wurden. Die geheimen und reizvollen Kämpfe des Innern, welche von einer
verhältnißmäßigen Ruhe bis zur Leidenschaft und zu einem Thun treiben,
Zweifel und Regungen des Gewissens, und wieder die Umänderungen,
welche in Empfindung und Charakter durch ein ungeheures Thun an dem
Helden selbst hervorgebracht werden, erlaubt die Bühne des Sophokles
nicht darzustellen. Wie Jemand nach und nach etwas Fürchterliches
erfuhr, wie er sich benahm, nachdem er einen verhängnißvollen Entschluß
gefaßt hatte, das lockte zur Schilderung; wie er aber um den Entschluß
kämpfte, wie das ungeheure Schicksal, das auf ihn eindrang, durch sein
eigenes Thun bereitet wurde, das war, so scheint es, für die Bühne
des Sophokles nicht dramatisch. Euripides ist darin beweglicher und
uns ähnlicher, aber in den Augen seiner Zeitgenossen war das kein
unbedingter Vorzug. -- Einer der entschlossensten Charaktere unserer
Bühne ist Macbeth; aber man kann wohl sagen, er wäre den Athenern vor
der Scene durchaus unerträglich, schwächlich, unheldenhaft gewesen.
Was uns als das Menschlichste in ihm erscheint, und was wir als die
größte Kunst des Dichters bewundern, sein gewaltiges Ringen um die
That, der Zweifel, die Gewissensbisse, das war dem tragischen Helden
der Griechen gar nicht gestattet. Die Griechen waren sehr empfindlich
gegen Schwankungen des Willens; die Größe ihrer Helden bestand vor
allem in Festigkeit. Der erste Schauspieler hätte schwerlich einen
Charakter dargestellt, der sich durch andere Personen des Stückes in
irgend einer Hauptsache leiten läßt. Jedes Umstimmen der Hauptpersonen
auch in Nebensachen mußte vorsichtig motivirt und entschuldigt werden.
Oedipus weigert sich seinen Sohn zu sehen, Theseus macht ihm vergebens
ernste Vorstellungen über seine Hartnäckigkeit, Antigone muß erst den
Zuschauern erklären: Anhören ist ja nicht Nachgeben. Wäre Philoktetes
dem verständigen Zureden des zweiten Schauspielers gewichen, er wäre
gänzlich in der Achtung der Hörer gesunken, er wäre nicht mehr der
starke Held gewesen; Neoptolemos ändert allerdings seine Stellung zum
Philoktetes, und das Publikum war höchlich dafür erwärmt worden, daß er
es doch that, aber das war nur Rückkehr zu seinem eigentlichen Wesen
und er war auch nur zweiter Schauspieler. Wir sind geneigt, den Kreon
der Antigone als eine dankbare Rolle zu betrachten, den Griechen war er
nur eine Rolle dritten Ranges; dem Charakter fehlt die Berechtigung
zum Pathos. Gerade der Zug, welcher ihn unserer Empfindung nahe stellt,
daß er durch den Teiresias gründlich erschüttert und umgestimmt wird,
-- jenes Kunstmittel des Dichters, eine neue Spannung in die Handlung
zu bringen, -- das verminderte den Griechen die Theilnahme an dem
Charakter. Und daß derselbe Zug in der Familie und dem Stücke noch
einmal vorkommt, daß auch Hämon nach dem Berichte des Boten zuerst den
Vater töten will, dann aber sich selbst ermordet -- für uns ebenfalls
ein sehr bezeichnender und menschlicher Zug --, das scheint der
attischen Kritik sogar einen Vorwurf gegen den Dichter begründet zu
haben, der so unwürdiges Schwanken zweimal in der Tragödie vorführte.
-- Wo einmal eine Ueberführung des einen Charakters zu der Ansicht des
andern durchgesetzt wird, da geht sie -- außer in der Katastrophe des
Aias -- kaum während der Scene selbst vor sich, in welcher die Parteien
gegen einander mit langen und kurzen Versreihen fechten, sondern die
Umwandlung wird gern hinter die Scene verlegt, der Beeinflußte tritt
dann umgestimmt in die neue Situation.
Der Kampf des griechischen Helden war ein egoistischer, seine Zwecke
mit seinem Leben beendigt. Dem Helden der Germanen ist die Stellung zum
Schicksal auch deshalb eine andere, weil ihm der Zweck seines Daseins,
der sittliche Inhalt, sein ideales Empfinden weit über das Leben selbst
hinausreicht: Liebe, Ehre, Patriotismus. Der Zuhörer bei den Germanen
bringt die Vorstellung mit, daß die Helden der Bühne nicht nur um
ihrer selbst willen da sind, ja nicht einmal vorzugsweise, sondern
daß gerade sie mit ihrer freien Selbstbestimmung höheren Zwecken zu
dienen haben, mag man dies Höhere, über ihnen Stehende als Vorsehung
und Weltordnung, als bürgerliche Gesellschaft, als Staat auffassen.
Die Vernichtung ihres Lebens ist nicht mehr in der Weise Untergang,
wie in der alten Tragödie. Im Oedipus auf Kolonos ergriff die Athener
die Größe des Inhalts mächtig; sie empfanden hier einmal lebhaft die
Humanität eines Lebens, welches über das Dasein hinaus, und zwar durch
seinen Tod dem Gemeinwesen einen hohen Dienst erwies. Eben daher stammt
die große Schlußwirkung der Eumeniden. Auch hier wurde Schicksal und
Leiden des Einzelnen zum Segen für das Allgemeine gewendet. Daß die
größten Unglücklichen der Sage, Oedipus und Orestes, für ihre Unthat
eine so hohe Sühne geben, das erschien den Griechen als eine neue und
höchst edle Verwerthung des Menschen auf der Bühne, die nicht ihrem
Leben, aber ihrer Kunst fremd war. Uns Moderne läßt die undramatische
Steigerung des Mitgefühls durch praktische, dem Vaterland nutzbringende
Schlußergebnisse kalt. Aber es ist immerhin lehrreich, daß die beiden
größten dramatischen Dichter der Hellenen einmal das Leben ihrer Helden
in die Weltanschauung erhoben, in welcher wir selbst zu athmen und die
Helden unserer Bühne zu sehen gewohnt sind.
Wie Sophokles seine Charaktere und Situationen unter solchem Zwange
bildete, ist sehr merkwürdig. Sein Gefühl für die Contraste wirkte mit
der Stärke einer Naturkraft, welcher er selbst fast nicht Widerstand
leisten konnte. Man betrachte noch einmal die harte schadenfrohe
Athene im Aias. Sie ist durch den Gegensatz zu dem menschlichen
Odysseus hervorgerufen und zeigt die geforderte Gegenfarbe mit einer
rücksichtslosen Schärfe, bei welcher die Göttin allerdings zu kurz
kommt, weil sie die dem Menelaos ähnliche Schattirung ihres Wesens
mit ihrer Göttlichkeit verständig erklären will. Dasselbe Stück gibt
in jeder Scene guten Einblick in die Art und Weise seines Schaffens,
welche so naturwüchsig und dabei doch so aller Wirkungen mächtig und
so mühelos souverän ist, daß wir wohl begreifen, wenn die Griechen
etwas Göttliches darin empfanden. Eine Stimmung fordert hier überall
die andere, ein Charakter den andern, genau, rein, sicher treibt jede
Farbe, jede Melodie die entsprechende andere hervor. Mittelpunkt
des Stückes ist die Stimmung des Aias nach dem Erwachen. Wie edel
und menschlich empfindet der Dichter das Wesen des Mannes unter den
abenteuerlichen Voraussetzungen des Stückes! Der warmherzige, ehrliche,
heißköpfige Held, der veredelte Berlichingen des Hellenenheers, ist
einigemal knorrig gegen die Götter gewesen, da ist das Unglück über
ihn gekommen. Die erschütternde Verzweiflung einer großartigen Natur,
welche durch Schmach und Scham gebrochen wird, die rührende Verhüllung
seines Entschlusses zu sterben und das gehaltene Pathos eines Kriegers,
der aus freiem Entschluß seine letzte That thut, das waren die drei
Bewegungen im Charakter des ersten Helden, die dem Dichter die drei
großen Scenen und die Forderungen für das ganze Stück gaben. Zuerst
als Gegensatz im Prolog das Bild des Aias selbst. Hier ist er noch
Unmensch unter den getöteten Thieren, starr wie im Halbschlaf. Es ist
der gegebene Gegensatz zu dem erwachten Helden, zugleich die höchste
Klugheit. Die Situation war auf der Bühne ebenso lächerlich als
unheimlich, der Dichter hütete sich wohl, etwas Anderes aus ihr machen
zu wollen. Beide Gegenspieler mußten sich ihrem herabziehenden Zwange
fügen. Odysseus erhielt einen leisen Anflug von diesem Lächerlichen,
und Athene die kalte höhnende Härte. Es ist genau die richtige Farbe,
welche das Dargestellte forderte, ein Gegensatz mit der rücksichtslosen
Strenge ausgebildet, die nicht durch kalte Berechnung, nicht durch
unbewußtes Gefühl, sondern geschaffen war, wie ein großer Dichter
schafft, mit einer gewissen Naturnothwendigkeit und doch mit freiem
Bewußtsein.
In derselben Abhängigkeit vom Haupthelden sind die sämmtlichen Rollen
des Stückes gebildet, nach den Bedingungen, unter denen der Grieche
für die drei Schauspieler schuf: als Mitspieler, Nebenspieler,
Gegenspieler. Zunächst das andere Ich des Aias, der treue, pflichtvolle
Bruder Teukros, dann die zweiten Rollen, sein Weib, die Beute seines
Speeres, Tekmessa, liebend, besorgt, die aber wohl versteht, dem
Helden entgegen zu treten, und sein freundlicher Gegner Odysseus;
endlich die Feinde, wieder drei Abstufungen des Hasses: die Göttin,
der feindliche Parteimann und der klügere Bruder desselben, dem der
Haß durch Rücksichten der Staatsklugheit gebändigt wird. Wenn in der
letzten Scene der Gegenspieler und der feindliche Freund des Helden
sich über das Grab vertrugen, so erkannte der Athener aus dem Vertrag,
den sie schlossen, sehr bestimmt den Gegensatz zu der Eröffnungsscene,
wo dieselben Stimmen gegen den Wahnsinnigen Partei genommen hatten.
Auch innerhalb der einzelnen Charaktere des Sophokles ist die
ungewöhnliche Reinheit und Kraft seines Harmoniegefühls, und dieselbe
Art des Schaffens in Gegensätzen bewundernswerth. Er empfand hier
wieder sicher und ohne fehlzugreifen, was an ihnen wirksam sein
konnte, und was ihm nicht gestattet war. Die Helden des Epos und
der Sage sträuben sich heftig gegen die Verwandlung in dramatische
Charaktere, sie vertragen nur ein gewisses Maß von innerem Leben und
menschlicher Freiheit; wer ihnen mehr verleihen will, dem zerreißen
sie das lockere Gewebe ihrer -- auf der Bühne barbarischen -- Mythe
in unbrauchbare Fetzen. Der weise Dichter der Athener erkennt sehr
wohl die innere Härte und Unbildsamkeit der Gestalten, welche er in
Charaktere umzuformen hat. Deshalb nimmt er so wenig als möglich von
der Sage selbst in sein Drama auf. Er findet aber einen sehr einfachen
und sehr verständlichen Grundzug ihres Wesens, wie ihn seine Handlung
braucht, und läßt sie diese eine Charaktereigenschaft mit einer
ausgezeichneten Strenge und Folgerichtigkeit immer wieder geltend
machen. Dieser bestimmende Zug ist stets ein zum Thun treibender:
Stolz, Haß, Gattenliebe, Pflichtgefühl, Amtseifer. Und der Dichter
führt seine Charaktere keineswegs als ein milder Gebieter, er muthet
ihnen nach ihrer Richtung das Kühnste und Aeußerste zu, ja er ist so
schneidend hart und erbarmungslos, daß uns weicheren Menschen über
die furchtbare Einseitigkeit, in welcher er sie dahinschreiten läßt,
vielleicht einmal Entsetzen ankommt, und daß auch die Athener solche
Wirkungen mit dem Anpacken des Molosserhundes verglichen. Die trotzige
Geschwisterliebe der Antigone, der tötlich gekränkte Stolz des Aias,
die Verbitterung des gequälten Philoktetes, der Haß der Elektra werden
in herber und gesteigerter Größe herausgetrieben und in den tötlichen
Kampf gestellt.
Aber gegenüber dieser Grundlage der Charaktere empfindet er wieder
mit wundervoller Schönheit und Sicherheit gerade die entsprechende
milde und freundliche Eigenschaft, welche seinen Charakteren bei
ihrer besonderen Härte möglich ist. Wieder tritt dieser Gegensatz
mit der Kraft einer geforderten Gegenfarbe in den Helden heraus, und
diese zweite und entgegengesetzte Eigenschaft seiner Personen, --
fast immer die weiche, herzliche, rührende Seite ihres Wesens: Liebe
neben Haß, Freundestreue neben Feindseligkeit, ehrliche Biederkeit
neben jähem Zornmuth -- ist mit der höchsten Poesie und dem schönsten
Farbenglanz geschmückt. Aias, der seine Feinde mit wahnsinnigem Hasse
schlachten wollte, zeigt eine ungewöhnliche Stärke des Familiengefühls,
treuherzige, tief innige Liebe zu seinen Genossen, dem entfernten
Bruder, dem Kinde, der Gattin; Elektra, welche fast nur von dem Haß
gegen ihre Mutter lebt, hängt sich mit den weichsten Lauten der
Zärtlichkeit an den Hals des ersehnten Bruders; der gequälte, in
gräulichem Schmerz schreiende Philoktetes, der das Schwert verlangt
sich selbst die Knochen zu zerhauen, blickt so hilflos, dankbar und
ergeben zu dem menschenfreundlichen Jüngling auf, der das widerwärtige
Leiden ansehen kann, ohne sein Grauen zu offenbaren. -- Nur die
Hauptcharaktere zeigen diese Entfaltung ihrer kräftig empfundenen
Einheit in zwei entgegengesetzten Richtungen, die Nebenpersonen weisen
in der Regel nur die geforderte Ergänzungsfarbe auf: Kreon dreimal,
Odysseus zweimal, beide in jedem ihrer Stücke anders abgeschattet,
Ismene, Theseus, Orestes.
Solche Vereinigung zweier Contrastfarben in einem Hauptcharakter war
dem Griechen nur möglich, weil er ein großer Dichter und Menschenkenner
war, das heißt, weil seine schaffende Seele deutlich die tiefsten
Wurzeln eines menschlichen Daseins empfand, aus welchen die beiden
gegenüberstehenden Blätter seiner Charaktere herauswuchsen. Und
diese sichere Anschauung von dem Kern jedes Menschenlebens, die
höchste Dichtereigenschaft ist es, welche bewirkt, daß das einfache
Heraustreiben zweier entgegengesetzter Farben in dem Charakter den
schönen Schein des Reichthums, der Fülle und Rundung hervorbringt. Es
ist eine bezaubernde Täuschung, in welcher er seine Zuhörer zu erhalten
weiß, sie gibt seinen Bildern genau die Art von Leben, welche in seinen
Stoffen auf der Bühne möglich war. Bei uns zeigen die Charaktere großer
Dichter weit kunstvollere Bildung als jene antiken, welche so einfach
Blatt gegen Blatt aus der Wurzel heraufgeschossen sind; Romeo, Hamlet,
Faust und Wallenstein können nicht auf so einfache Urform zurückgeführt
werden. Und sie sind allerdings die Erzeugnisse einer höheren
Entwicklungsstufe der Menschheit. Aber deshalb sind die Gestalten des
Sophokles durchaus nicht weniger bewundernswerth und fesselnd. Denn er
weiß ihre einfache Anlage mit einem Adel der Gesinnung und in einer
Schönheit und Größe der Umrisse zu bilden, die schon im Alterthum
Staunen erregten. Nirgend fehlt an Hauptcharakteren und Nebenfiguren
Hoheit und Gewalt, überall empfindet man aus ihrer Haltung die Einsicht
und unumschränkte Herrschermacht einer großen Dichternatur.
Aeschylos setzte in die Charaktere der Bühne _einen_ charakteristischen
Zug, der ihre Eigenart verständlich macht, in Prometheus, Klytämnestra,
Agamemnon; Sophokles vertiefte seine großen Rollen, indem er ihnen
zwei scheinbar entgegengesetzte, in Wahrheit einander fordernde und
ergänzende Eigenschaften zutheilte; als Euripides weiter ging und die
Wirklichkeit nachahmend Bilder schuf, welche lebenden Menschen glichen,
zerfuhr und verkrauste sich ihm die Faser des alten Stoffes, wie im
Sonnenlicht das gefärbte Zeug der Deianeira.
Dieselbe Freudigkeit und das sichere Empfinden der Gegensätze läßt den
Dichter Sophokles auch die Schwierigkeit überwinden, welche gerade
seine Auswahl der Mythen bereitete. Die zahlreichen und ungeheuren
Voraussetzungen, welche seine Handlung hat, scheinen einer kräftigen
Aktion, die von dem Helden selbst ausgeht, besonders ungünstig. In den
letzten Stunden ihres Schicksals sind, so scheint es, die Helden fast
immer leidende, nicht frei waltende. Aber je größeren Druck von außen
ihnen der Dichter auflegt, desto höher wird die Kraft, mit welcher
er sie dagegen stemmt. Auch wo bereits in der ersten aufsteigenden
Hälfte des Stückes Schicksal oder fremde Gewalt an dem Helden handelt,
steht dieser nicht aufnehmend, sondern stößt mit größtem Nachdruck
sein Wesen dagegen; er wird im Grunde allerdings getrieben, aber er
scheint in ausgezeichneter Weise der Treibende, so König Oedipus,
Elektra, selbst Philoktetes, sämmtlich thatkräftige Naturen, welche
zürnen, drängen, steigern. Wenn Jemand in einer dem Drama gefährlichen
Vertheidigungsstellung stand, so war es der arme König Oedipus. Man
sehe zu, wie Sophokles ihn bis zum Höhenpunkt in wachsender Aufregung
als gegenkämpfend darstellt; je unheimlicher dem König selbst seine
Sache wird, desto heftiger schlägt er auf seine Umgebung.
Dies sind einige der Bedingungen, unter denen der Dichter seine
Handlung schuf. Wenn auch die Stücke des Sophokles mit den Chören
ungefähr dieselbe Zeit in Anspruch nahmen, welche in mittlerem
Durchschnitt unsere Dramen fordern, so ist doch die Handlung weit
kürzer als die unsere. Denn ganz abgesehen von dem Chor, von den
lyrischen und epischen Einsätzen, ist die ganze Anlage der Scenen
größer und im Ganzen breiter; die Handlung würde nach unserer Art zu
arbeiten kaum die Hälfte eines Theaterabends füllen. Die Uebergänge
zur folgenden Scene sind kurz, aber genau motivirt, Abgehen und
Auftreten neuer Rollen wird erklärt, kleine Verbindungsglieder zwischen
ausgeführten Scenen sind selten. Die Zahl der Einschnitte stand nicht
fest, erst in der spätern Zeit der antiken Tragödie wurde die Fünfzahl
der Akte festgehalten. Die einzelnen Glieder der Handlung waren durch
Chorgesänge geschieden, jeder solche Theil, der in der Regel einer
unserer ausgeführten Scenen entspricht, setzte sich in seinem Inhalt
von dem Vorhergehenden ab, nicht so scharf als unsere Akte. Es scheint
fast, daß die einzelnen Stücke des Tages -- nicht die Theile eines
Stückes -- durch einen heraufgezogenen Vorhang bereits getrennt wurden.
Zwar läßt sich das Situationsbild im Anfang des König Oedipus auch
anders erklären, aber da die Decoration des Sophokles bereits im Stück
mitspielt, -- und er liebt es eben so sehr darauf hinzuweisen, wie
Aeschylos auf seine Wagen und Flugmaschinen, -- so muß ihre Befestigung
vor Beginn eines neuen Stückes doch den Augen der Zuschauer entzogen
worden sein.
Eine andere Eigenthümlichkeit des Sophokles, soweit sie für uns
erkennbar ist, liegt in dem schönen ebenmäßigen Bau seiner Stücke.
Stärker als bei uns geschieht, waren Einleitung und Schluß des alten
Dramas von dem übrigen Bau abgesetzt. Die Einleitung hieß Prologus,
umfaßte einen oder mehre Auftritte von Solospielern vor dem ersten
Einzug des Chors, enthielt alle Hauptsachen der Exposition und wurde
durch Chorgesang von der aufsteigenden Handlung getrennt. Der Schluß,
Exodus, in gleicher Weise durch Chorgesang von der sinkenden Handlung
geschieden, war aus einer sorgfältig gearbeiteten Scenengruppe
zusammengesetzt und umschloß den Theil der dramatischen Handlung,
welchen wir Neuern Katastrophe nennen. Der Prolog des Sophokles ist
in allen erhaltenen Stücken eine kunstvoll aufgebaute Dialogscene mit
nicht unbedeutender Bewegung, in welcher zwei, zuweilen sämmtliche drei
Schauspieler auftreten und ihre Parteistellung zu einander darlegen.
Er enthält aber zweierlei, erstens: die allgemeinen Voraussetzungen des
Stückes; zweitens: was dem Sophokles eigenthümlich zu sein scheint,
eine besonders eindrucksvolle Vorführung des erregenden Momentes, das
nach dem Chorgesange die Handlung bewegen soll.
Auf den Prolog folgt der erste Chorgesang, nach diesem die Handlung
mit dem Eintreten der ersten Erregung; von da steigert sich die
Handlung in zwei oder mehr Absätzen bis zum Höhenpunkt. Es sind bei
Sophokles zuweilen sehr feine, an sich unbedeutende Motive, welche
diese Steigerung verursachen. Mächtig aber erhebt sich die Spitze
der Handlung, allen Farbenglanz, die höchste Poesie verwendet er zum
Heraustreiben dieses Momentes. Und wo die Handlung einen starken
Umschwung gestattet, folgt die Scene des Umschwungs, Peripetie
oder Erkennung, nicht plötzlich und unerwartet, sondern mit feinem
Uebergange, immer in kunstvoller Ausführung. Von da stürzt die
Handlung rasch zum Ende, nur zuweilen ist noch vor dem Exodus eine
Stufe eingefügt. Die Katastrophe selbst aber ist wie eine besondere
Handlung gebildet, sie besteht nicht aus einer Scene, sondern aus einem
Bündel derselben, der glänzende Botenbericht, die dramatische Aktion
und zuweilen lyrische Pathosscene liegen darin durch kurze Uebergänge
verbunden. Nicht in allen Stücken ist die Katastrophe gleich kräftig
und mit hochgesteigerten Wirkungen behandelt. Es mag auch die Stellung
des Stückes zu den andern desselben Tages die Arbeit des Schlusses
bestimmt haben.
Die Tragödie „_Antigone_” enthält -- außer Prolog und Katastrophe --
fünf Theile, von denen die drei ersten die Steigerung, der vierte den
Höhenpunkt, der fünfte die Umkehr bilden. Jeder dieser Theile, durch
einen Chorgesang von den übrigen getrennt, umfaßt eine zweitheilige
Scene. Die Idee des Stückes ist: Eine Jungfrau, die wider den Befehl
des Königs ihren im Kampfe gegen die Vaterstadt gefallenen Bruder
beerdigt, wird von dem Könige zum Tode verurtheilt; dem Könige
gehn deshalb Sohn und Gattin durch Selbstmord verloren. Der Prolog
bringt in einer Dialogscene, welche den Gegensatz der Heldin zu ihren
befreundeten Helfern ausspricht, die Grundlage der Handlung und die
Erklärung des aufregenden Momentes: den Entschluß der Antigone, ihren
Bruder zu bestatten. Die erste Stufe der Steigerung ist nach Einführung
des Königs Kreon der Botenbericht, daß Polyneikes heimlich beerdigt
sei, Zorn des Kreon und sein Befehl an die Wächter, den Thäter zu
finden. Die zweite Stufe ist die Einführung der ergriffenen Antigone,
das Aussprechen ihres Gegensatzes zu Kreon und das Eindringen der
Ismene, welche sich für eine Mitschuldige der Schwester erklärt und mit
ihr sterben will. Die dritte Stufe der Steigerung: das Flehen Hämon's
und, da Kreon unerbittlich bleibt, die Verzweiflung des Liebenden.
Auf die Botenscene waren bis dahin immer größere bewegte Dialogscenen
gefolgt. Den Höhenpunkt bildet die Pathosscene der Antigone, Gesang
und Recitation; an diese schließt sich der Befehl des Kreon, sie zum
Tode abzuführen. Von da sinkt die Handlung schnell hinab. Der Seher
Teiresias verkündet dem Kreon Unheil und straft seinen Trotz; Kreon
wird erweicht und gibt Befehl, die Antigone aus dem Grabgewölbe, in dem
sie eingeschlossen ist, zu befreien. Und jetzt beginnt die Katastrophe
in einer großen Scenengruppe: Botenbericht über den Tod der Antigone
und des Hämon und verzweifelter Abgang der Eurydike, Klagescene des
Kreon und neuer Botenbericht über den Tod der Eurydike, Schlußklage des
Kreon. Die Fortsetzung der Antigone selbst ist der Seher Teiresias und
der Exangelos der Katastrophe, der befreundete Nebenspieler ist Ismene
und Hämon, Gegenspieler mit geringerer Kraft und ohne Pathos ist Kreon.
Eurydike ist nur Aushilfsrolle.
Das kunstvollste Stück des Sophokles ist „_König Oedipus_”, es besitzt
alle feinen Erfindungen der attischen Bühne, außer den Variationen in
Gesängen und Chor, Peripetie-, Erkennungs-, Pathosscenen, geschmückten
Bericht des Endboten. Die Handlung wird durch das Gegenspiel
beherrscht, hat kurzes Steigen, verhältnißmäßig schwachen Höhenpunkt
und längeres Sinken der Handlung. Der Prolog führt sämmtliche drei
Schauspieler auf und berichtet außer den Voraussetzungen: Theben unter
Oedipus in Pestzeit, auch das aufregende Moment, den Orakelspruch:
der Mord des Laios solle bestraft werden, damit die Stadt Befreiung
von der Seuche finde. Von da steigt die Handlung in zwei Stufen.
Erste: Teiresias, von Oedipus gerufen, weigert sich den Orakelspruch
zu deuten; hart von dem heftigen Oedipus verdächtigt, weist er in
doppeldeutigem Räthselwort auf den geheimnißvollen Mörder und scheidet
im Zorne. Zweite Stufe: Streit des Oedipus mit Kreon durch Iokaste
geschieden. Darauf Höhenpunkt: Unterredung des Oedipus und der Iokaste;
die Erzählung der Iokaste von dem Tod des Laios und die Worte des
Oedipus: „O Weib, wie faßt es plötzlich mich bei deinem Wort” sind die
höchste Stelle der Handlung. Bis dahin hat Oedipus den eindringenden
Vermuthungen heftigen Widerstand entgegengestellt, ob ihm auch
allmählich bange geworden, jetzt fällt die Empfindung einer unendlichen
Gefahr in die Seele. Seine Rolle ist der Kampf zwischen trotzigem
Selbstgefühl und bodenloser Selbstverachtung, in dieser Stelle endet
das erste, beginnt die zweite. Von da geht die Handlung wieder in zwei
Stufen mit prachtvoller Ausführung abwärts, die Spannung wird durch das
Gegenspiel der Iokaste vermehrt, denn was ihr die furchtbare Gewißheit
gibt, täuscht noch einmal den Oedipus, die Effekte der Erkennungen
sind hier meisterhaft behandelt. -- Die Katastrophe ist dreigliedrig:
Botenscene, Pathosscene, Schluß mit einem weichen und versöhnenden
Accord.
Einfach dagegen ist der Bau der „_Elektra_”. Er besteht außer Prolog
und Katastrophe aus zwei Stufen der Steigerung und zwei Stufen des
Falles, von denen aber die beiden dem Höhenpunkt zunächst stehenden
mit diesem zu einer großen Scenengruppe verbunden sind, welche in
dieser Tragödie den Mittelpunkt mächtig heraushebt. Das Stück enthält
nicht nur die stärkste dramatische Wirkung, welche uns von Sophokles
erhalten ist, es ist auch nach anderer Rücksicht sehr lehrreich, weil
wir im Vergleich mit den Choephoren des Aeschylos und der Elektra des
Euripides, welche denselben Stoff behandeln, deutlich erkennen, wie die
Dichter sich einer nach dem andern die berühmte Sage zurichteten. Bei
Sophokles ist Orestes, der Mittelpunkt zweier Stücke der Aeschyleischen
Trilogie, durchaus als Nebenfigur behandelt, er verübt die ungeheure
That der Rache auf Befehl und als Werkzeug Apollo's, überlegt, gefaßt,
ohne jede Spur von Zweifel und Schwanken, wie ein Krieger, der auf
eine gefährliche Unternehmung ausgezogen ist, und nur die Katastrophe
stellt diesen Haupttheil des alten Stoffes dramatisch dar. Der Inhalt
des Stückes sind die Gemüthsbewegungen eines höchst energischen und
großartigen Frauencharakters, aber in ausgezeichneter Weise durch
Wandlungen des Gefühls, durch Willen und That für die Bedürfnisse der
Bühne geformt. Auf den Prolog, in welchem Orestes und sein Pfleger
die Einleitung und die Darlegung des aufregenden Momentes geben:
Ankunft der Rächer, welches in der Handlung aber zuerst als Traum und
Vorahnung Klytämnestra's wirkt, -- folgt die erste Stufe der steigenden
Handlung: Elektra erhält von Chrysothemis die Nachricht, daß sie,
die endlos Klagende, ins Gefängniß gesetzt werden solle; sie beredet
Chrysothemis, den sühnenden Weiheguß, welchen die Mutter dem Grabe des
gemordeten Vaters sendet, nicht darüber zu schütten. Zweite Stufe:
Kampf der Elektra und Klytämnestra, dann Höhenpunkt: der Pfleger bringt
die täuschende Nachricht vom Tode des Orestes. Verschiedene Wirkung
der Nachricht auf die beiden Frauen. Pathosscene der Elektra. Daran
geschlossen die erste Stufe der Umkehr: Chrysothemis kehrt freudig vom
Grabe des Vaters zurück, verkündet, daß sie eine fremde Haarlocke als
fromme Weihe darauf gefunden, ein Freund sei nahe; Elektra glaubt
der guten Botschaft nicht mehr, fordert die Schwester auf, mit ihr
vereint den Aegisthos zu töten, zürnt der widerstehenden Chrysothemis,
Entschluß, allein die That zu thun. Zweite Stufe: Orestes als Fremder,
mit dem Aschenkruge des Orestes. Trauer Elektra's und Erkennungsscene,
von hinreißender Schönheit. Der Exodus enthält die Darstellung der
Rachethat zuerst in den fürchterlichen Gemüthsbewegungen der Elektra,
dann Auftreten und Tötung des Aegisthos.
Der Inhalt des „_Oedipus auf Kolonos_” sieht, wenn man die Idee des
Stückes betrachtet, höchst ungünstig für dramatische Behandlung aus.
Daß ein umherirrender Greis den Segen, welcher nach Götterspruch an
seinem Grabe hängen soll, nicht der undankbaren Vaterstadt, sondern
gastfreien Fremdlingen zuwendet, ein solcher Stoff scheint nur
zufälliger patriotischer Empfindung der Hörer leidlich. Und doch hat
Sophokles auch hier Spannung, Steigerung, leidenschaftlichen Kampf von
Haß und Liebe einzusetzen gewußt. Das Stück hat aber eine Besonderheit
im Aufbau. Der Prolog ist zu einem größeren Ganzen erweitert, welches
auch im äußern Umfange der Katastrophe entspricht; er besteht aus
zwei Theilen, jeder aus drei kleinen Scenen, zusammengefügt durch ein
pathetisches Moment: Wechselgesang zwischen den Solospielern und dem
bereits hier auftretenden Chor. Der erste Theil des Prologs enthält die
Exposition, der zweite das aufregende Moment, die Nachricht, welche
Ismene dem greisen Oedipus bringt, daß er von seiner Vaterstadt Theben
verfolgt werde. Von da steigert sich die Handlung in einem einzigen
Absatz: Theseus, Herr des Landes, erscheint, verspricht seinen Schutz,
-- bis zum Höhenpunkte, einer großen Streitscene mit kräftiger Aktion:
Kreon tritt auf, die Töchter mit Gewalt fortreißend, den Oedipus selbst
mit Zwang bedrohend, damit er heimkehre, aber Theseus bewährt seine
schützende Gewalt und entfernt den Kreon. Darauf folgt die Umkehr in
zwei Stufen, die Töchter werden dem Greise durch Theseus gerettet
zurückgebracht; Polyneikes erfleht in eigennützigem Sinne Versöhnung
mit dem Vater und Rückkehr desselben. Unversöhnt entsendet ihn Oedipus,
nur Antigone spricht mit rührenden Worten die Treue der Schwester aus.
Darauf die Katastrophe: die geheimnißvolle Entrückung des Oedipus,
kurze Redescene und Chor, dann große Botenscene und Schlußgesang.
Das Stück wird durch die Erweiterung des Prologs und der Katastrophe
um etwa dreihundert Verse länger, als die übrigen erhaltenen Dramen
des Sophokles. Die freiere Behandlung der feststehenden Scenenform
läßt ebenso wie der Inhalt erkennen, was wir auch aus alten Berichten
wissen, daß die Tragödie eines der letzten Werke des greisen Dichters
war.
Vielleicht das früheste der erhaltenen Dramen ist „_Die
Trachinierinnen_”. Auch hier ist einiges Auffällige im Bau: der Prolog
enthält nur die Einleitung, Sorge der Gattin Deianeira um den in
der Ferne weilenden Herakles und Entsendung des Sohnes Hyllos, den
Vater aufzusuchen. Das aufregende Moment liegt im Stücke selbst und
bildet die erste Hälfte der zweitheiligen Steigerung: Nachricht von
der Ankunft des Herakles. Zweite Stufe: Deianeira erfährt, daß die
gefangene Sklavin, welche der Gatte vorausgesendet hat, seine Geliebte
ist. Höhenpunkt: im ehrlichen Herzen faßt Deianeira den Entschluß,
dem geliebten Manne einen Liebeszauber zu senden, den ihr ein von ihm
erschlagener Feind hinterlassen. Sie übergibt das Zaubergewand dem
Herold. Die fallende Handlung in einer Stufe berichtet ihre Sorge und
Reue über die Sendung, sie hat durch eine Probe erkannt, daß etwas
Unheimliches in dem Zauber sei. Der rückkehrende Sohn verkündet ihr
mit harten Worten, daß dem Gemahl das Geschenk tötliche Krankheit
bereitet habe. Darauf die zweitheilige Katastrophe, zuerst Botenscene,
welche den Tod der Deianeira verkündet, dann wird Herakles selbst, der
Hauptheld des Stückes, in der Pein tötlicher Schmerzen vorgeführt, wie
er nach großer Pathosscene von seinem Sohne die Verbrennung auf dem
Berge Oeta fordert.
Die Tragödie „_Aias_” enthält nach dem dreitheiligen Prolog eine
Steigerung in drei Stufen, zuerst Klage und Familiengefühl des Aias
und seinen Entschluß zu sterben; dann das Verhüllen seines Planes
aus Rücksicht auf die Trauer der Befreundeten; endlich (ohne daß ein
Scenenwechsel anzunehmen ist) einen Botenbericht, daß Aias sich an
diesem Tage nicht aus dem Zelt entfernen solle, und den Abgang der
Gattin und des Chors, den Entfernten zu suchen. Darauf den Höhenpunkt,
die Pathosscene des Aias und seinen Selbstmord, besonders dadurch
ausgezeichnet, daß der Chor vorher aus der Orchestra abgetreten ist,
die Scene erhält dadurch den Charakter eines Monologs. Darauf folgt
die Umkehr in zwei Theilen, zuerst das Auffinden des Toten, Klage
der Tekmessa und des eintretenden Bruders Teukros; dann der Streit
zwischen Teukros und Menelaos, welcher die Beerdigung verbieten will.
Die Katastrophe endlich, eine Steigerung dieses Streites in einer
Dialogscene zwischen Teukros und Agamemnon, die Vermittelung durch
Odysseus und die Versöhnung.
„_Philoktetes_” ist durch besonders regelmäßigen Bau ausgezeichnet;
die Handlung steigt und fällt in schönem Ebenmaße. Nachdem im Prolog
eine Dialogscene zwischen Odysseus und Neoptolemos die Voraussetzungen
und das erregende Moment erklärt hat, folgt der erste Theil, die
Steigerung, in einer Gruppe von drei verbundenen Scenen, darauf der
Höhenpunkt und das tragische Moment in zwei Scenen, von denen die
erste eine prachtvoll ausgeführte zweitheilige Pathosscene ist, dann
der dritte Theil, die Umkehr, genau dem ersten entsprechend, wieder
in einer Gruppe von drei verbundenen Scenen. Ebenso genau entsprechen
einander die Chöre. Der erste Gesang ist Wechselgesang des zweiten
Schauspielers mit dem Chor, der dritte ebenso ein Wechselgesang des
ersten Schauspielers mit dem Chor. Nur in der Mitte steht ein voller
Chorgesang. Die Auflösung des eintretenden Chors in ein dramatisch
bewegteres Zusammenspiel -- sowohl im Philoktetes als im Oedipus
auf Kolonos -- ist wohl nicht zufällig. Man möchte aus der sicheren
Beherrschung der Formen und aus der meisterhaften Scenenführung
schließen, daß dies Drama der späteren Zeit des Sophokles angehört.[17]
Auch hier hat der erste Schauspieler Philoktetes die pathetische Rolle;
die heftigen Bewegungen desselben, mit wunderbarer Schönheit und
reichen Einzelzügen dargestellt, gehen durch einen großen Kreis von
Stimmungen und erheben sich in dem Höhenpunkt, der großen Pathosscene
des Stückes, mit markerschütternder Gewalt; nie ist wohl kühner und
großartiger der für das Drama so bedenkliche Zustand entsetzlicher
Körperschmerzen und gleich darauf der nagenden Seelenleiden geschildert
worden. Aber der ehrliche, verbitterte, hartnäckige Mann gab für
die Handlung selbst nicht Gelegenheit zu dramatischem Fortschritt.
So ist dieser in die Seele des zweiten Schauspielers gelegt und
Neoptolemos Träger der Handlung. Nachdem er sich im Prolog den schlauen
Rathschlägen des Odysseus nicht ohne Widerwillen gefügt hat, versucht
er im ersten Theil der Handlung den Philoktetes durch Täuschung
fortzuführen, Philoktetes stützt sich vertrauend auf ihn, als den
Helfer, der ihn in die Heimat zu bringen verheißt, und übergibt ihm
den heiligen Bogen. Aber der Anblick der schweren Leiden des Kranken,
der rührende Dank des Philoktetes für die Menschlichkeit, welche ihm
bewiesen wird, erregen dem Sohne Achill's das edle Herz, und im innern
Kampfe gesteht er dem Kranken seine Absicht, ihn mit seinem Bogen zum
Griechenheer zu bringen. Die Vorwürfe des enttäuschten Philoktetes
vermehren seine Gewissensbisse; daß der herbeieilende Odysseus den
Kranken mit Gewalt festhalten läßt, steigert dem Neoptolemos die
Aufregung. Beim Beginn der Katastrophe stellt sich des Neoptolemos
Ehrlichkeit gegen Odysseus selbst zum Streit, er gibt dem Philoktetes
den tötenden Bogen zurück, fordert ihn noch einmal auf, zum Heere zu
folgen, und als dieser sich weigert, verspricht er ihm hochgesinnt,
das Wort, das er im ersten Theil der Handlung trügerisch gab, jetzt
wahr zu machen, dem Haß des ganzen Griechenheeres zu trotzen und den
armen Leidenden mit seinem Schiff in die Heimat zu führen. So ist durch
die Charakterbewegung des treibenden Helden die Handlung dramatisch
geschlossen, aber allerdings in geradem Gegensatz zu der überlieferten
Sage, und Sophokles hat, um das Unveränderliche des Stoffes mit dem
dramatischen Leben seines Stückes in Einklang zu bringen, zu einem
Aushilfsmittel gegriffen, das in keinem anderen seiner erhaltenen
Stücke benutzt wird: er läßt in der Schlußscene das Bild des Herakles
erscheinen und den Entschluß des Philoktetes umstimmen.
Dieser Schluß, für unsere Empfindung unorganisch, ist doch nach
doppelter Richtung belehrend, er zeigt, wie schon Sophokles durch die
epische Härte des überlieferten Mythos eingeengt wurde und wie seine
hohe Begabung gegen Gefahren kämpfte, an denen kurz nach ihm die alte
Tragödie untergehen sollte. Ferner aber belehrt er über das Mittel,
wodurch der weise Dichter den Uebelstand einer umstimmenden Erscheinung
zwar nicht für unser Gefühl, aber für die Empfindung seiner Zuschauer
zu bewältigen wußte. Zunächst beruhigte er sein künstlerisches Gewissen
dadurch, daß er die innere dramatische Bewegung vorher vollständig
abschloß. Das Stück, soweit es zwischen Neoptolemos und Philoktetes
spielt, ist zu Ende. Nach stürmischem Kampfe haben sich beide
Helden in ein edles Einvernehmen gestellt. Aber sie sind auf einem
Standpunkte angelangt, gegen welchen Götterspruch und der Vortheil
des Hellenenheeres Widerspruch einlegen. Dieses höchste Interesse
nun vertritt der dritte Schauspieler, der listenfrohe rücksichtslose
Staatsmann Odysseus. Mit der Vorliebe, welche Sophokles auch sonst
noch für seinen dritten Mann zeigt, hat er hier die Persönlichkeit
desselben besonders fein verwerthet. Nachdem der Gegenspieler im Prolog
den wohlbekannten Charakter des Odysseus behaglich ausgesprochen hat,
erscheint er gleich darauf in einer Verkleidung, bei welcher der
Zuhörer nicht nur im Voraus weiß, daß die fremde Gestalt eine listige
Erfindung des Odysseus ist, sondern auch die Stimme des Odysseus und
sein schlaues Gebahren erkennt. Und noch dreimal tritt er als Odysseus
in die Handlung, um auf den Vortheil des Ganzen, die Nothwendigkeit
des Zugreifens hinzuweisen, immer höher und nachdrücklicher wird sein
Widerspruch. Zuletzt in der Katastrophe, kurz bevor der göttliche
Heros in der Höhe sichtbar wird, tönt die Stimme und erscheint die
Gestalt des warnenden Odysseus, wahrscheinlich im Schutz des Felsens,
um nochmals Widerspruch zu erheben, und diesmal ist sein drohender
Zuruf streng und siegbewußt. Wenn nun kurze Zeit darauf vielleicht
über derselben Stelle, wo sich Odysseus auf Augenblicke gezeigt, die
verklärte Gestalt des Herakles sichtbar wird und wieder mit der Stimme
des dritten Schauspielers dasselbe fordert, mild und versöhnend,
so erschien dem Zuschauer Herakles selbst wie eine Steigerung des
Odysseus, und bei dieser letzten Wiederholung desselben Befehls
empfand er nicht nur ein von außen hereintretendes Neues, sondern noch
lebhafter die unwiderstehliche Kraft des klugen Menschenverstandes,
der durch das ganze Stück gegen die leidenschaftliche Befangenheit
der andern Darsteller gekämpft hatte. Das Kluge und Absichtliche
dieser Steigerung, die geistige Einheit der drei Rollen des dritten
Schauspielers wurde von den Hörern zuverlässig als eine Schönheit des
Stückes empfunden.
4.
Das Drama der Germanen.
Daß die Freude am Schauen, die Abbildung ungewöhnlicher Ereignisse
durch menschliches Spiel dem Drama der Germanen die Anfänge beherrscht
hat, erkennt man noch heut an den Werken hoher Kunst wie an den
Neigungen des Publikums, vor Allem an den Erstlingsversuchen unserer
Dichter.
Shakespeare füllte die alten Gewohnheiten eines schaulustigen Volkes
mit dramatischem Leben, er schuf aus locker zusammengewebter Erzählung
ein kunstvolles Drama. Aber bis auf ihn und seine romantischen
Zeitgenossen reichten über fast zwei Jahrtausende hinüber einige
Glanzstrahlen aus der großen Zeit des attischen Theaters.
Auch ihm war die Einrichtung der Stücke abhängig von dem Bau
seiner Bühne. Sein Bühnenraum hatte, selbst in der letzten Zeit,
schwerlich Seitencoulissen, und eine einfache stehende Architektur
des Hintergrundes. Dieser enthielt eine erhöhte kleinere Bühne,
zur Seite Pfeiler, darüber einen Balkon, von welchem Treppen zur
Vorderbühne herabführten. Der vordere Spielraum hatte keinen Vorhang,
die Einschnitte im Stück konnten nur durch Pausen bezeichnet werden
und trennten deshalb weit weniger, als bei uns. Es war deshalb nicht
ebenso wie auf unserem Theater möglich, in die Mitte einer Situation
einzuführen oder dieselbe unvollendet zu lassen; in Shakespeare's
Dramen mußten alle Personen auftreten, bevor sie zu dem Publikum
sprechen konnten, und alle vor den Augen der Zuschauer abgehen, sogar
die Toten mußten in angemessener Weise hinausgetragen werden. Nur die
innere Bühne war durch einen Behang verdeckt, welcher im Stück ohne
Mühe auf- und zugezogen wurde und einen bequemen Wechsel der Scene
bezeichnete. Erst war der Vorderraum Straße, auf welchem Romeo und
seine Begleiter in Maske auftraten; waren sie abgezogen, dann öffnete
sich der Vorhang, man war in den Gastzimmern des Capulet, welche durch
aufwartende Diener angedeutet wurden. Capulet trat aus dem Hintergrund
der Mitte hervor und begrüßte die Fremden, seine Gesellschaft quoll
auf die Bühne und vertheilte sich im Vordergrund; hatten sich die
Gäste entfernt, so schloß sich der Mittelvorhang hinter Julia und der
Amme; dann war die Bühne wieder Straße, von welcher Romeo hinter den
Vorhang schlüpfte, um den lustigen Gefährten, welche nach ihm riefen,
unsichtbar zu werden; waren diese abgegangen, so erschien Julia auf
dem Balkon, die Bühne war Garten, Romeo trat hervor u. s. w.[18] Alles
beweglicher und leichter, wechselnde Gruppen, ein rascheres Kommen und
Gehen, behenderes Spiel, engerer Zusammenschluß des Gesammteindrucks.
An diese oft besprochene Einrichtung der Bühne wird deshalb erinnert,
weil die Entbehrlichkeit des Scenenwechsels und die alte Gewöhnung
der Zuschauer, mit rüstiger Phantasie jeden Sprung durch Ort und Zeit
zu machen, auch auf die Eintheilungen Shakespeare's entscheidenden
Einfluß übte. Die Zahl der kleinen Einschnitte konnte größer sein als
bei uns, weil sie weniger störten, zumal kleine Scenen waren mühelos
einzuschieben; was uns Zersplitterung der Handlung erscheint, wurde
durch die technische Einrichtung weniger empfindlich.
Dazu kam, daß das Publikum Shakespeare's, gewöhnt zu schauen, seit
alter Zeit Vorliebe für Handlungen hatte, welche zahlreiche Menschen
in heftiger Bewegung zeigten. Aufzüge, Gefechte, figurenreiche Scenen
wurden gern gesehen und gehörten trotz der ärmlichen Ausstattung,
welche im Ganzen das Schauspiel jener Zeit hatte, doch zu den beliebten
Zuthaten eines Stückes. Wie die Engländer jener Zeit, sind auch die
Helden Shakespeare's gesellige Menschen. Gern erscheinen sie mit einem
Gefolge von Genossen, vertraulich sprechen sie sich über wichtige
Beziehungen ihres Lebens auf dem Markt, der Straße, in zwangloser
Unterhaltung aus.
Noch mußte zu Shakespeare's Zeit der Schauspieler mehre Rollen
übernehmen, aber seine Aufgabe war bereits, das eigene Ich ganz zu
verhüllen und die schöne Wahrheit mit dem Schein der Wirklichkeit zu
umkleiden. Nur die Frauenrollen, welche noch von Männern gespielt
wurden, bewahrten etwas von der antiken Weise des Bühnenspiels, welche
den Zuschauer zum Vertrauten der hervorzubringenden Täuschung machte.
Auf solcher Bühne trat die dramatische Kunst der Germanen in ihre
erste und schönste Blüthe. Die Technik Shakespeare's ist in vielen
Hauptsachen dieselbe, welche noch wir zu erwerben suchen. Und er
hat, im Ganzen betrachtet, die Form und den Bau auch unserer Stücke
festgestellt. Auch in den folgenden Blättern muß immer wieder von ihm
die Rede sein, deshalb werden hier nur einige Besonderheiten seiner
Zeit und seines Wesens erwähnt, welche wir nicht mehr nachahmen dürfen.
Zunächst ist für unsere Bühne der Wechsel seiner Scenen zu häufig,
vor Allem sind die kleinen Zwischenscenen störend. Wo er ein Bündel
von Scenen zusammenschnürt, werden wir den entsprechenden Theil der
Handlung in eine einzige umbilden müssen. Wenn z. B. im Coriolanus die
dunkle Gestalt des Aufidius oder ein anderer Volsker vom ersten Akt
an in kleinen Scenen auftreten, um das Gegenspiel anzudeuten, bis zur
zweiten Hälfte des Stückes, wo dasselbe kräftig hervordringt, so sind
wir gänzlich außer Stande, diese flüchtigen Momente -- mit Ausnahme
der Kampfscene im Anfang der Steigerung -- auf unserer Bühne wirksam
zu machen. Wir werden aber auch den Haupthelden selbst ihre Scenen
straffer zusammenfassen und ihre Bewegungen in einer geringeren Zahl
von Situationen und deshalb in runderer Ausführung darstellen müssen.
Wir bewundern an Shakespeare die mächtige Kraft, mit welcher er seinen
Helden nach kurzer Einleitung die Aufregung in den Weg wirft und sie
in schneller Steigerung bis zur verhängnißvollen Höhe hinauftreibt.
Wie er Handlung und die Charaktere in der ersten Hälfte des Dramas
bis über den Höhenpunkt hinaus leitet, ist auch uns mustergiltig. Und
in der zweiten Hälfte seiner Dramen ist die Katastrophe selbst mit
einer genialen Sicherheit und Größe angelegt, ohne jedes Streben nach
überraschendem Eindruck, scheinbar sorglos, in gedrungener Ausführung,
eine selbstverständliche Folge des Stückes. Aber nicht immer gelingen
dem großen Dichter die Momente der sinkenden Handlung zwischen
Höhenpunkt und Katastrophe, der Theil, welcher etwa den vierten Akt
unserer Stücke füllt. An diesem verhängnißvollen Theil scheint er noch
zu sehr eingeengt durch die Gewohnheiten seiner Bühne. In mehren der
größten Dramen aus seiner kunstvollen Zeit zersplittert an diesem Theil
die Handlung in kleine Scenen, welche episodischen Charakter haben
und nur eingesetzt sind, den Zusammenhang zu erklären. Die inneren
Zustände des Helden sind verdeckt, die Erhöhung der Wirkungen und die
hier so nothwendige Zusammenfassung fehlen. So ist es im Lear, im
Macbeth, im Hamlet, ähnlich in Antonius und Kleopatra. Selbst im Julius
Cäsar enthält zwar die Umkehr jene prachtvolle Scene des Streites und
der Versöhnung zwischen Brutus und Cassius und die Erscheinung des
Geistes, aber was darauf folgt, ist wieder vielgetheilt und zerrissen.
In Richard ~III.~ ist die sinkende Handlung zwar in mehre große Momente
zusammengezogen, aber diese entsprechen in ihrer Bühnenwirkung doch
nicht vollständig der ungeheuren Macht des ersten Theils.
Wir erklären diese Eigenthümlichkeit Shakespeare's aus einem Ueberrest
der alten Gewohnheit, auf der Bühne durch Rede und Gegenrede die
Geschichte zu erzählen. Wie in Hamlet der finstere Verdacht gegen den
König arbeitet, wie Macbeth mit dem Mordgedanken kämpft, wie Lear
immer tiefer in das Elend hinabgestoßen wird, wie Richard von einem
Verbrechen zum andern fortschreitet, das soll in der ersten Hälfte
dieser Dramen dargestellt werden. Das Ich des Helden, welches sich
durchzusetzen ringt, vereinigt hier fast die ganze Theilnahme in sich.
Aber von dem Punkte ab, wo das Wollen That geworden ist, oder wo die
leidenschaftliche Befangenheit des Helden ihre höchste Stufe erreicht
hat, wo die Folgen des Geschehenen wirken und die Siege des Gegenspiels
beginnen, wird selbstverständlich die Bedeutung der Gegner größer.
Sobald Macbeth König und Banquo ermordet ist, muß der Dichter an neuen
Menschen und Ereignissen den würgenden Gewaltherrscher erweisen,
müssen andere Gegenspieler den Kampf gegen ihn zum Ende führen. Wenn
Coriolan aus Rom verbannt ist, muß er in neuen Verhältnissen und mit
neuen Zielpunkten vorgeführt werden; wenn Lear als wahnsinniger Bettler
umherhüpft, muß das Stück entweder schließen, was doch nicht ohne
weiteres möglich ist, oder die übrigen Personen müssen neue Wendungen
seines Schicksals herbeiführen.
Es ist also natürlich, daß vom Höhenpunkt ab eine größere Zahl von
neuen Motiven, vielleicht von neuen Personen in das Stück hineingezogen
wird; es ist ferner natürlich, daß dieses Spiel der Gegenpartei
vorzugsweise die Einwirkungen zu schildern hat, welche von außen her
auf den Helden ausgeübt werden, und deshalb mehr äußerliche Handlung
und eine breitere Vorführung der fesselnden Momente nöthig macht. Und
es ist also gar nicht auffallend, daß Shakespeare gerade hier der
Schaulust und der sehr bequemen Scenenfügung seiner Zeit mehr nachgab,
als unserer Bühne erlaubt ist.
Aber das allein ist es nicht. Zuweilen vermag man die Empfindung nicht
abzuwehren, daß die Wärme des Dichters für seine Helden in der zweiten
Hälfte geringer geworden ist. Durchaus nicht in Romeo und Julia. Hier
ist in der Umkehr zwar Romeo gedeckt, aber des Dichters Liebling Julia
um so mächtiger herausgebildet. Auch nicht im Coriolan, wo die beiden
schönsten Scenen des Stückes, die im Hause des Aufidius und die große
Scene mit der Mutter, in der Umkehr liegen.
Auffällig aber im Lear. Was auf die Hüttenscene folgt, ist fast
nur Episode oder in Rede und Gegenrede vertheilte Erzählung von
ungenügender Wirkung, auch die zweite Wahnsinnscene Lear's ist keine
Steigerung der ersten. Aehnlich im Macbeth. Nach der furchtbaren
Banketscene ist der Dichter mit dem innern Leben seines Helden fertig.
Die ausgeführte Hexenscene, die Prophezeiung, die herbe Episode in
dem Hause Macduff's, wenig anziehende Figuren des Gegenspieles füllen
diesen Theil, in einer scenischen Anordnung, die wir nicht nachahmen
dürfen, und nur zuweilen blitzt die große Kraft des Dichters auf, wie
in der Katastrophe der Lady Macbeth.
Offenbar ist ihm die größte Freude, aus den geheimsten Tiefen der
Menschennatur ein Wollen und Thun herauszubilden; darin ist er
unerschöpflich reich, tief und gewaltig, wie kein anderer Dichter. Hat
er an seinen Helden diese große Aufgabe gelöst, sind die seelischen
Vorgänge bis zu einer verhängnißvollen That dargestellt, dann erfüllt
ihn die Gegenwirkung der Welt, das spätere Schicksal des Helden nicht
immer mit demselben Antheil.
Sogar im Hamlet ist eine Schwäche der Umkehr zu merken. Das Trauerspiel
ist wahrscheinlich mehremale von dem Dichter überarbeitet, es war
zuverlässig für ihn ein Lieblingsstoff; die tiefsinnigste Poesie
hat er hineingeheimnißt; aber diese Ueberarbeitungen in längeren
Zwischenräumen haben dem Drama auch das schöne Ebenmaß genommen,
welches bei gleichzeitigem Guß aller Theile möglich ist. Hamlet ist
allerdings kein Niederschlag poetischer Stimmungen aus einem halben
Menschenleben, wie der Faust, aber Risse, Lücken, kleine Widersprüche
in Ton und Sprache, zwischen Charakteren und Handlung blieben dem
Dichter unvertilgbar. Daß Shakespeare den Charakter Hamlet's bis über
den Höhenpunkt so liebevoll durchgearbeitet und vertieft hat, machte
den Gegensatz zur zweiten Hälfte um so größer; ja der Charakter selbst
erhielt etwas Schillerndes und Vieldeutiges dadurch, daß tiefere und
geistvollere Motive in das Gefüge der aufsteigenden Handlung eingesetzt
wurden. Etwas von der alten Art und Weise, Geschichte auf die Bühne zu
bringen, blieb auch in der letzten Bearbeitung des Dichters hängen,
einige Stellen in Ophelia's Ausgang und die Totengräberscene scheinen
neugeschliffene Edelsteine zu sein, die der Dichter, den früheren
Zusammenhang überarbeitend, eingesetzt hat.
Demungeachtet ist es lehrreich, sich die kunstvolle Zusammenfügung
des Dramas aus den früher besprochenen Bestandtheilen in einem Schema
deutlich zu machen. Das Planmäßige und Zweckvolle des Baues ist von dem
Dichter nicht ganz durch dieselbe verständige Ueberlegung gefunden,
welche beim Aufstellen des Ueberblickes dem Leser nöthig wird. Vieles
ist offenbar ohne lange Erwägung, wie mit Naturnothwendigkeit durch
die schöpferische Kraft geworden, an anderen Stellen wird der Dichter
bedächtig erwogen, geschwankt und sich entschieden haben. Aber die
Gesetze für sein Schaffen, mögen sie nun geheim und ihm selbst unbewußt
seine Erfindung gerichtet, oder mögen sie ihm als erkannte Regeln die
schöpferische Kraft für gewisse Wirkungen angeregt haben, sie sind
für uns Leser an dem fertigen Werke überall deutlich erkennbar. Diese
gesetzmäßig sich entwickelnde Gliederung des Dramas wird hier ohne
Rücksicht auf die herkömmliche Theilung in Akte kurz dargestellt.
_Einleitung._ 1. Der stimmende Accord: Auf der Terrasse erscheint
der Geist; die Wachen und Horatio. 2. Die Exposition selbst: Hamlet
im Staatszimmer, vor dem Eintritt des aufregenden Momentes. 3.
Verbindungsscene zum Folgenden: Horatio und die Wachen unterrichten den
Hamlet vom Erscheinen des Geistes.
Eingeschobene Expositionsscene der Nebenhandlung. Die Familie Polonius
bei der Abreise des Laertes.
_Das aufregende Moment._ 1. Einleitender Accord: Erwartung des Geistes.
2. Der Geist erscheint Hamlet. 3. Haupttheil: Er offenbart ihm den
Mord. 4. Uebergang zum Folgenden: Hamlet und die Vertrauten.
Durch die beiden Geisterscenen, zwischen denen die Einführung der
Hauptpersonen stattfindet, werden die Scenen der Einleitung und ersten
Aufregung zu einer Gruppe zusammengeschlossen, deren Gipfelpunkt nahe
am Ende liegt.
_Steigerung_ in vier Stufen. _Erste Stufe_: Die Gegenspieler. Polonius
macht geltend, daß Hamlet aus Liebe zu Ophelia wahnsinnig geworden.
Zwei kleine Scenen: Polonius in seinem Hause und vor dem König.
Uebergang zum Folgenden.
_Zweite Stufe_: Hamlet beschließt, den König durch ein Schauspiel auf
die Probe zu stellen. Eine große Scene mit episodischen Ausführungen:
Hamlet gegen Polonius, die Hofleute, die Schauspieler. Das
Selbstgespräch Hamlet's leitet zu dem Folgenden über.
_Dritte Stufe_: Prüfung Hamlet's durch die Gegenspieler. 1. Der König
und die Intriganten. 2. Hamlet's berühmter Monolog. 3. Hamlet warnt
Ophelia. 4. Schluß: Der König schöpft Verdacht.
Diese drei Stufen der Steigerung sind jede mit Rücksicht auf die
Wirkung der beiden andern gearbeitet: die erste Stufe wird zur
Einleitung, die breite und behagliche Ausführung der zweiten bildet den
steigernden Haupttheil, die dritte, durch die Fortsetzung des Monologs
schön mit der zweiten verbunden, den Gipfelpunkt dieser Gruppe mit
schnellem Abfall.
_Vierte Stufe_, welche zum Höhenpunkt hinüber leitet: Das Schauspiel.
Bestätigung des Verdachtes. 1. Einleitung: Hamlet, die Schauspieler und
Hofleute. 2. Haupttheil: Die Aufführung und der König. 3. Uebergang:
Hamlet, Horatio und die Hofleute.
_Höhenpunkt._ Eine Scene mit Vorscene: der König betend, Hamlet
zaudernd. Eng daran schließt sich.
_Das tragische Moment._ Eine Scene: Hamlet ersticht in der Unterredung
mit seiner Mutter den Polonius. Zwei kleine Scenen als Uebergang zum
Folgenden: Der König beschließt den Hamlet zu versenden.
Auch diese drei Scenengruppen sind zu einem Ganzen verbunden, in dessen
Mitte der Höhenpunkt steht. Zu beiden Seiten in großer Ausführung die
letzte Stufe der Steigerung und das tragische Moment.
_Die Umkehr._ Einleitende Zwischenscene. Fortinbras und Hamlet auf dem
Wege.
_Erste Stufe._ Eine Scene: Ophelia's Wahnsinn und der Rache fordernde
Laertes.
Zwischenscene: Brief Hamlet's an Horatio.
_Zweite Stufe._ Eine Scene: Laertes und der König bereden den Tod
Hamlet's. Schluß und Uebergang zum Folgenden bildet der Bericht der
Königin über den Tod der Ophelia.
_Dritte Stufe._ Begräbniß der Ophelia. Die Einleitungsscene mit großer
episodischer Ausführung: Hamlet und die Totengräber. Die kurz gehaltene
Hauptscene: scheinbare Versöhnung des Hamlet mit Laertes.
_Katastrophe._ Einleitende Scene: Hamlet und Horatio, Haß gegen den
König; als Uebergang zum Folgenden: die Meldung Osrick's, darauf
Hauptscene: die Entscheidung. Schluß: Ankunft des Fortinbras.
Die drei Stufen der sinkenden Handlung sind weniger regelmäßig gebildet
als die der ersten Hälfte; die kleinen Zwischenscenen ohne Handlung,
durch welche Hamlet's Reise und Rückkehr berichtet wird, sowie die
Episode mit dem Totengräber zerstückeln das scenische Gefüge. Die
Arbeit des dramatischen Ausgangs ist von alterthümlicher Kürze und
Strenge.
5.
Die fünf Akte.
Das Drama der Hellenen war in regelmäßiger Gliederung so aufgebaut,
daß zwischen einer abgeschlossenen Einleitung und Katastrophe der
Höhenpunkt stark hervortrat, durch wenige Scenen der Steigerung und des
Falles mit Anfang und Ende verbunden, darin eine kurze Handlung mit
heftiger Leidenschaft gefüllt, in breiter Ausführung. Das Drama des
Shakespeare führte eine umfangreiche Handlung in einer bunten Reihe
dramatischer Momente, in häufigem Wechsel von ausgeführten Scenen
und Nebenscenen zu steiler Höhe empor und vom Gipfel in ähnlicher
Stufenfolge abwärts; das Ganze zog geräuschvoll, heftig bewegt,
figurenreich, mit starkem Herausheben der hohen Wirkungen vorüber. Die
deutsche Bühne, auf welcher seit Lessing unsere Kunst erblühte, faßte
die scenischen Wirkungen in größere Gruppen zusammen, welche durch
stärkere Einschnitte von einander getrennt waren. Bedächtig werden
die Effekte vorbereitet, langsam ist die Steigerung, der Aufschwung,
welcher erreicht wird, längere Zeit von mäßiger Höhe, allmählich, wie
sie gestiegen, senkt sich die Handlung zum Schluß.
Der Vorhang unserer Bühne hat einen wesentlichen Einfluß auf den Bau
unserer Dramen gehabt. Die Theile des Dramas, welche oben angeführt
wurden, mußten jetzt in fünf getrennten Abschnitten untergebracht
werden; sie erhielten, weil sie weiter auseinander gezogen wurden,
größere Selbständigkeit. Dieser Uebergang der alten getheilten
Handlung in unsere fünf Akte war allerdings seit sehr langer Zeit
vorbereitet. Die werthvolle Verbindung der Stimmungen, welche der
antike Chor zwischen den einzelnen Theilen der Handlung dargestellt
hatte, fehlte schon bei Shakespeare, aber die offene Bühne und die
zuverlässig kürzeren Pausen machten, wie wir häufig aus seinen Dramen
erkennen, nicht jedesmal so tiefe Schnitte in den Zusammenhang, als bei
uns der Verschluß durch die Gardine und die Zwischenakte mit und ohne
Musik. Mit dem Vorhange aber kam auch das Bestreben, die Umgebung der
auftretenden Personen nicht nur anzudeuten, sondern in anspruchsvoller
Ausführung durch Malerei und Geräth darzustellen. Dadurch wurde die
Wirkung des Spiels wesentlich gefärbt, nur zuweilen unterstützt. Auch
dadurch wurden die einzelnen Theile der Handlung mehr von einander
getrennt, als noch zu Shakespeare's Zeit der Fall war. Denn durch den
Wechsel der -- oft glänzenden -- Decorationen werden nicht nur die
Akte, auch kleinere Theile der Handlung zu besonderen Bildern, welche
sich in Farbe und Stimmung von einander abheben. Jeder solche Wechsel
zerstreut, jeder macht eine neue Spannung und Steigerung nöthig.
Dadurch wurden kleine, aber wichtige Aenderungen im Bau der Stücke
hervorgebracht. Jeder Akt erhielt den Charakter einer geschlossenen
Handlung. Für jeden wurde ein kleiner Stimmung gebender Vorschlag, eine
kurze Einleitung, ein stärker hervortretender Höhenpunkt, ein wirksamer
Abschluß wünschenswerth. Die reiche Ausstattung der scenischen
Umgebung zwang dazu, den Wechsel des Orts, der zu Shakespeare's Zeit
so leicht gewesen war, mehr zu beschränken, erläuternde Zwischenscenen
wegzulassen, längere Theile der Handlung in denselben Raum und auf
unmittelbar einander folgende Zeitabschnitte zu verlegen. So wurde die
Zahl der Scenen geringer, der dramatische Fluß des Ganzen ruhiger, die
Zusammenfügung großer und kleiner Momente kunstvoller.
Doch _einen_ großen Vortheil bot der Verschluß der Bühne. Es wurde
jetzt möglich, mitten in eine Situation einzuführen und mitten in
einer Situation zu schließen. Der Zuschauer konnte schneller in die
Handlung eingeweiht, schneller daraus entlassen werden, ohne die
Vorbereitung und die Auflösung dessen, was ihn fesselte, mit in den
Kauf zu nehmen. Und das war kein geringer Gewinn, der fünfmal im Stück
für Beginn und Ende der Wirkungen möglich wurde. Aber dieser Vortheil
bereitete auch eine Gefahr. Die Situationsschilderung, das Vorführen
von Zuständen mit geringer dramatischer Bewegung wurde jetzt leichter,
das längere Zusammenhalten der Charaktere in demselben geschlossenen
Raum begünstigte zumal den ruhigen Deutschen diese Malerei.
Auf so veränderter Bühne führten die deutschen Dichter des vorigen
Jahrhunderts ihre Akte auf, bis auf Schiller vorsichtig begründend,
sorgfältig einleitend; in einem getragenen Tempo der Scenen und
Wirkungen, welches der gemessenen und umständlichen Geselligkeit ihrer
Zeit entsprach.
In dem modernen Drama umschließt, im Ganzen betrachtet, jeder Akt
einen der fünf Theile des Dramas, der erste enthält die Einleitung,
der zweite die Steigerung, der dritte den Höhenpunkt, der vierte die
Umkehr, der fünfte die Katastrophe. Aber die Nothwendigkeit, die großen
Theile des Stückes auch in dem äußern Umfange einander gleichartig
zu bilden, bewirkte, daß die einzelnen Akte nicht ganz den fünf
Haupttheilen der Handlung entsprechen konnten. Von der steigenden
Handlung wurde gewöhnlich die erste Stufe noch in den ersten Akt, die
letzte zuweilen in den dritten, von der sinkenden Handlung ebenso
Beginn und Ende bisweilen in den dritten und fünften Akt genommen und
mit den übrigen Bestandtheilen dieser Akte zu einem Ganzen gegliedert.
-- Allerdings hat bereits Shakespeare seine Abtheilungen in der Regel
so gebildet.
Die Fünfzahl der Akte ist also kein Zufall. Schon die römische
Bühne hielt auf sie. Aber erst seit Ausbildung der neueren Bühne bei
Franzosen und Deutschen ist ihr gegenwärtiger Bau festgestellt.
Nur nebenbei sei bemerkt, daß die fünf Theile der Handlung bei
kleineren Stoffen und kurzer Behandlung sehr wohl ein Zusammenziehen in
eine geringere Zahl von Akten vertragen. Immer müssen die drei Momente:
Beginn des Kampfes, Höhenpunkt und Katastrophe, sich stark von einander
abheben, die Handlung läßt sich dann in drei Akten zusammenfassen. Auch
bei der kleinsten Handlung, welche in einem Akte verlaufen kann, sind
innerhalb desselben die fünf oder drei Theile erkennbar.
Wie aber jeder Akt seine besondere Bedeutung für das Drama hat,
so hat er auch Eigenthümlichkeiten im Bau. Sehr groß ist die Zahl
der Abänderungen, welche hier möglich sind. Jeder Stoff, jede
Dichterpersönlichkeit fordert ihr eigenes Recht. Dennoch lassen
sich aus der Mehrzahl der vorhandenen Kunstwerke einige häufig
wiederkehrende Gesetze erkennen.
_Der Akt der Einleitung_ erhält in der Regel noch den Anfang der
Steigerung, also im Ganzen folgende Momente: den einleitenden Accord,
die Scene der _Exposition_, das aufregende Moment, die erste _Scene_
der Steigerung. Er wird deshalb gern zweitheilig werden und seine
Wirkungen auf zwei kleine Höhenpunkte sammeln, von denen der letztere
der stärker hervorgehobene sein mag. -- So ist in Emilia Galotti die
Scene des Prinzen am Arbeitstisch der stimmende Accord, die Unterredung
des Prinzen mit dem Maler Exposition; in der Scene mit Marinelli
liegt das erregende Moment: die bevorstehende Vermählung der Emilia.
Die erste Steigerung aber liegt in der folgenden kleinen Scene des
Prinzen, in seinem Entschluß, Emilia bei den Dominikanern zu treffen.
-- Im Tasso gibt das Bekränzen der Hermen durch die beiden Frauen die
andeutende Stimmung des Stückes, ihre folgende Unterhaltung und das
Gespräch mit Alphons die Exposition. Darauf ist das Bekränzen Tasso's
durch die Prinzessin das erregende Moment, der Eintritt des Antonio
und seine kühle Nichtachtung Tasso's die erste Stufe der Steigerung.
-- Ebenso folgen in Maria Stuart das Erbrechen der Schränke, die
Bekenntnisse gegen die Kennedy, der Eintritt Mortimer's und die große
Scene Maria's mit den Commissarien aufeinander. -- Im Tell, wo die drei
Handlungen verflochten sind, steht nach der stimmenden Situation des
Anfangs und kurzer einleitender Unterredung der Landleute das erste
aufregende Moment für die Handlung Tell's: Baumgarten's Flucht und
Rettung. Dann folgt als Einleitung für die Handlung des Schweizerbundes
die Scene vor Stauffacher's Haus. Darauf die erste Steigerung für Tell:
die Unterredung mit Stauffacher vor dem Hut auf der Stange. Endlich für
die zweite Handlung das aufregende Moment in der Unterredung Walther
Fürst's und Melchthal's: die Blendung von Melchthal's Vater; und als
Finale die erste Steigerung: Beschluß der drei Schweizer, auf dem Rütli
zu tagen.
_Der Akt der Steigerung_ hat in unseren Dramen die Aufgabe, die
Handlung mit vermehrter Spannung herauf zu führen, dabei die Personen
des Gegenspiels, welche im ersten Akt keinen Raum gefunden haben,
vorzustellen. Ob er nun eine oder mehre Stufen der fortschreitenden
Bewegung enthalte, der Hörer hat bereits eine Anzahl Eindrücke
aufgenommen, deshalb müssen hierin die Kämpfe größer werden, eine
Sammlung derselben in ausgeführter Scene, ein guter Aktschluß wird
nützlich. In Emilia Galotti z. B. beginnt der Akt, wie fast jeder Akt
bei Lessing, wieder mit einer einleitenden Scene, in welcher kurz die
Familie Galotti vorgeführt wird, dann die Intriganten des Marinelli
ihren Plan darlegen. Dann folgt in zwei Absätzen die Handlung, von
denen der erste die Aufregung Emilia's nach der Begegnung mit dem
Prinzen, der zweite den Besuch Marinelli's und seinen Antrag an Appiani
enthält. Beide große Scenen sind durch eine kleinere Situationsscene,
welche den Appiani in seinem Verhältniß zu Emilia darstellt, verbunden.
Der schön gearbeiteten Scene Marinelli's folgt als guter Schluß die
empörte Stimmung der Familie. -- Der regelmäßige Bau des Tasso zeigt
im zweiten Akt ebenfalls zwei Stufen der Steigerung: die Annäherung
des Tasso an die Prinzessin, und im scharfen Gegensatz dazu seinen
Streit mit Antonio. -- Der zweite Akt von Maria Stuart führt in einer
Einleitung Elisabeth und die übrigen Gegenspieler vor, er enthält die
steigende Handlung: Annäherung Elisabeth's an Maria in drei Stufen.
Zuerst den Kampf der Höflinge für und gegen Maria und die Wirkung des
Briefes von Maria auf Elisabeth, ferner die Unterredung des Mortimer
mit Leicester, eingeleitet durch das Gespräch der Königin mit Mortimer,
endlich die Verlockung Elisabeth's durch Leicester, Maria zu sehen.
-- Tell endlich umfaßt in diesem Akt die Exposition seiner dritten
Handlung, der Familie Attinghausen, dann für den Schweizerbund einen in
großer Scene ausgeführten Höhenpunkt: das Rütli.
_Der Akt des Höhenpunktes_ hat das Bestreben, seine Momente um eine
stark hervortretende Mittelscene zusammenzufassen. Diese wichtigste
Scene desselben wird aber, wenn das tragische Moment dazu tritt,
mit einer zweiten großen Scene verbunden; in diesem Falle rückt die
Gipfelscene wohl in den Anfang des dritten Aktes. In Emilia Galotti
ist nach einer einleitenden Scene, in welcher der Prinz die gespannte
Situation erklärt, und nach dem erläuternden Bericht über den Ueberfall
der Eintritt Emilia's Beginn der Gipfelscene; der Fußfall Emilia's
und die Erklärung des Prinzen sind der höchste Punkt des Stückes.
Daran schließt sich der ausbrechende Zorn der Claudia gegen Marinelli
als Uebergang zu der sinkenden Handlung. -- Im Tasso beginnt der Akt
mit dem Höhenpunkt, dem Bekenntniß, welches die Prinzessin gegen
Leonore von ihrer Neigung zu Tasso ablegt; darauf folgt als erste
Stufe der absteigenden Handlung die Unterredung zwischen Leonore und
Antonio, worin dieser dem Tasso genähert wird und beschließt, den
Dichter am Hofe festzuhalten. -- In Maria Stuart liegen Höhenpunkt
und tragisches Moment in der großen zweitheiligen Gartenscene. Auf
sie folgt, durch kleine Zwischenscenen verbunden, der Ausbruch von
Mortimer's Leidenschaft zu Maria als Beginn der fallenden Handlung,
das Uebergangsglied zu dem folgenden Akt bildet die Zerstreuung der
Verschworenen. -- Der _dritte_ Akt des Tell besteht aus drei Scenen,
von denen die erste eine kurze vorbereitende Situationsscene in Tell's
Hause: Aufbruch Tell's, ist, die zweite den Höhenpunkt zwischen
Rudenz und Bertha, die dritte, groß ausgeführte den Höhenpunkt der
Tellhandlung, den Apfelschuß, enthält.
_Der Akt der Umkehr_ ist von den großen deutschen Dichtern seit
Lessing mit besonderer Sorgfalt behandelt worden, und die Wirkungen
desselben sind fast immer regelmäßig und in bedeutender Scene
zusammengeschlossen. Dagegen ist bei uns Deutschen die Einführung von
neuen Rollen im vierten Akt häufiger als bei Shakespeare, welcher den
löblichen Brauch hat, seine Gegenspieler schon vorher der Handlung
zu verflechten. Ist dies unthunlich, so möge man sich doch hüten,
durch eine Situationsscene, die das Stück an dieser Stelle schwer
erträgt, die Aufmerksamkeit zu zerstreuen. Die Gäste des vierten Aktes
müssen rasch und stark in die Handlung eingreifen und durch kräftige
Wirksamkeit ihr Erscheinen rechtfertigen. -- Der vierte Akt in Emilia
Galotti ist zweitheilig. Auf die vorbereitende Unterredung zwischen
Marinelli und dem Prinzen tritt der neue Charakter der Orsina als
Gehilfin in das Gegenspiel ein. Den Uebelstand der neuen Rolle weiß
Lessing sehr gut dadurch zu überwinden, daß er der leidenschaftlichen
Bewegung dieses bedeutsamen Charakters die Leitung in den folgenden
Scenen bis zum Schluß des Aktes übergibt. Auf ihre große Scene mit
Marinelli folgt als zweite Stufe des Aktes der Eintritt Odoardo's: die
hohe Spannung, welche die Handlung dadurch erhält, schließt den Akt
wirksam ab. -- Im Tasso läuft die Umkehr ebenfalls in zwei Scenen,
Tasso mit Leonore und Tasso mit Antonio, beide durch Monologe Tasso's
geschlossen.
Von dem regelmäßigen vierten Akt der Maria Stuart wird später die
Rede sein. -- Im Tell enthält der Akt für Tell selbst zwei Stufen der
sinkenden Handlung, seine Rettung aus dem Schiff und den Tod Geßler's;
dazwischen steht die Scene der Umkehr für die Familie Attinghausen,
welche an dieser Stelle mit der Handlung des Schweizerbundes
verflochten ist.
_Der Akt der Katastrophe_ enthält fast immer noch außer der
Schlußhandlung die letzte Stufe der sinkenden Handlung. In Emilia
Galotti beginnt wieder ein einleitendes Duett zwischen dem Prinzen
und Marinelli die letzte Stufe der sinkenden Handlung, jene große
Unterredung zwischen dem Prinzen, Odoardo und Marinelli: Weigerung,
dem Vater die Tochter zurückzugeben, dann die Katastrophe: Ermordung
der Emilia. -- Ebenso im Tasso. Nach der einleitenden Unterredung des
Alphons mit Antonio als Hauptscene: die Bitte Tasso's, ihm sein Gedicht
zurückzugeben, dann die Katastrophe: Tasso und die Prinzessin. --
Maria Stuart, sonst in den einzelnen Akten von musterhaftem Bau, zeigt
in diesem Akt die Folgen eines Stoffes, welcher die Heldin seit der
Mitte in den Hintergrund stellte und die Gegenspielerin Elisabeth zur
Hauptperson machte. Die erste Scenengruppe: Maria's Erhebung und Tod
enthält ihre Katastrophe mit einem episodischen Situationsbild, ihrer
Beichte, welches dem Dichter nothwendig schien, um für Maria noch eine
kleine Steigerung zu gewinnen. An ihre Katastrophe schließt sich die
Katastrophe Leicester's als Verbindungsglied zu der Hauptkatastrophe
des Stückes, der Vergeltung an Elisabeth. -- Der letzte zweitheilige
Akt Tell's ist nur Situationsbild mit der Episode des Parricida.
Von allen deutschen Dramen hat die Doppeltragödie Wallenstein den
verschlungensten Bau. Dieser ist trotz seiner Verflechtung im
Ganzen regelmäßig und schließt sowohl in den „Piccolomini” als in
„Wallenstein's Tod” die Handlung fest zusammen. Wäre die Idee des
Stückes vom Dichter so empfunden worden, wie sie der geschichtliche
Stoff entgegentrug: Ein ehrgeiziger Feldherr sucht das Heer zum Abfall
von seinem Kriegsherrn zu verleiten, wird aber von der Mehrzahl seiner
Offiziere und Soldaten verlassen und getötet, so hätte solche Idee
allerdings ein regelmäßiges Drama gegeben für auf- und niedersteigende
Handlung, nicht unbedeutende Bewegung, die Möglichkeit getreuer
Nachbildung des historischen Helden.
Aber bei dieser Fassung der Idee fehlte der Handlung das Beste.
Denn ein geplanter Verrath, welcher dem Helden vom Anfang innerlich
feststand, schloß die höchste dramatische Aufgabe aus: das
Herausarbeiten des Entschlusses aus der leidenschaftlich bewegten
Seele des Helden. Wallenstein mußte dargestellt werden, wie er zum
Verräther _wird_, allmählich, durch sein eigenes Wesen und den Zwang
der Verhältnisse. So wurde eine andere Fassung der Idee und Erweiterung
der Handlung nöthig. Ein Feldherr wird durch übergroße Macht, Ränke
der Gegner und sein eigenes stolzes Herz bis zum Verrath an seinem
Kriegsherrn gebracht, er versucht das Heer zum Abfall zu verleiten,
wird aber von der Mehrzahl seiner Offiziere und Soldaten verlassen und
getötet.
Bei dieser Fassung der Idee mußte die aufsteigende Hälfte der Handlung
eine fortschreitende Bethörung des Helden bis zum Höhenpunkt: dem
Entschluß des Verrathes, zeigen, dann kam ein Theil: die Verleitung
des Heeres zum Abfall, wo die Handlung fast auf derselben Höhe
dahinschwebte; endlich in wuchtigem Absturz: Mißglücken und Untergang.
Der Kampf des Feldherrn mit seinem Heer war zweiter Theil des
Dramas geworden. Die Vertheilung dieser Handlung in die fünf Akte
eines Trauerspiels würde etwa folgende sein. 1. Akt. Einleitung:
die Sammlung des Wallensteinischen Heeres bei Pilsen. Erregendes
Moment: Abfertigung des kaiserlichen Gesandten Questenberg. 2. Akt.
Steigerung: Wallenstein sucht sich für alle Fälle die Mitwirkung des
Heeres durch die Unterschriften der Generäle zu sichern, Banketscene.
3. Akt. Wallenstein wird durch böse Einflüsterungen, empörten Stolz
und Herrschergelüst bis zu Verhandlungen mit den Schweden getrieben.
Höhenpunkt: Scene mit Wrangel, an welche sich sogleich als tragisches
Moment der erste Sieg des Gegenspielers Octavio schließt: Gewinn des
Generals Buttler für den Kaiser. 4. Akt. Umkehr, Abfall der Generäle
und der Mehrzahl des Heeres. Aktschluß, Kürassierscene. 5. Akt.
Wallenstein in Eger und sein Tod. Bei der breiten und großen Ausführung
aber, welche Schiller sich nicht versagt, wurde ihm unmöglich, den an
Gestalten und bedeutenden Momenten so reichen Stoff in den Rahmen von
fünf Akten einzuzwängen.
Außerdem war ihm sehr bald aus zwingenden Gründen der Charakter des Max
wichtig geworden. Ihn schuf das Bedürfniß einer hellen Gestalt in den
düsteren Gruppen und der Wunsch, das Verhältniß zwischen Wallenstein
und dessen Gegenspieler Octavio bedeutsamer zu machen.
Mit Max eng verbunden erwuchs die Tochter Friedland's. Und diese
Liebenden, eigenthümliche Gebilde Schiller's, gewannen in der
schaffenden Seele schnell Bedeutung, welche über das Episodische
hinausging. Max, zwischen Octavio und Wallenstein gestellt, bildete
dem Dichter einen wirkungsvollen Gegensatz zu beiden, er trat als ein
zweiter erster Held in das Drama ein, die episodischen Liebesscenen
und der Kampf zwischen Vater und Sohn, zwischen dem jungen Helden und
Wallenstein erweiterten sich zu einer besonderen Handlung.
Die Idee dieser zweiten Handlung wurde: Ein hochgesinnter, argloser
Jüngling, der die Tochter seines Feldherrn liebt, erkennt, daß sein
Vater die politische Intrigue gegen seinen Feldherrn leitet, und trennt
sich von ihm; er erkennt, daß sein Feldherr zum Verräther geworden ist,
und trennt sich von ihm, zu seinem und der Geliebten Untergang. Diese
Handlung stellt in ihrem aufsteigenden Theile die Befangenheit der
Liebenden und ihre leidenschaftliche Annäherung bis zu dem Höhenpunkte
dar, welcher durch die Worte Thekla's eingeleitet wird: „Trau' ihnen
nicht, sie meinen's falsch.” Das Verhältniß der Liebenden zu einander
wird bis zur Scene des Höhenpunktes nur dargestellt durch die gehobene
Stimmung, mit welcher im ersten Akte Max, im zweiten Thekla sich von
ihrer Umgebung abheben. Nach dem Höhenpunkte folgt die Umkehr in zwei
großen Stufen, jede von zwei Scenen, Trennung des Max von seinem Vater
und Trennung des Max von Wallenstein, darauf die Katastrophe: Thekla
empfängt die Botschaft vom Tode des Geliebten, wieder in zwei Scenen.
-- Bei solchem Aufleuchten zweier dramatischer Ideen entschloß sich
der Dichter, die beiden Handlungen in zwei Dramen zu verschlingen, die
zusammen eine dramatische Einheit von zehn Akten und einem Vorspiel
bildeten.
In den „Piccolomini” ist das erregende Moment des ersten Aktes ein
doppeltes, die Zusammenkunft der Generäle mit Questenberg und die
Ankunft der Liebenden im Lager. Hauptpersonen des Stückes sind Max und
Thekla, der Höhenpunkt des Dramas liegt in der Unterredung Beider,
durch welche die Trennung des arglosen Max von seiner Umgebung
eingeleitet wird; Katastrophe ist die vollständige Lösung des Max
von seinem Vater. Die aus der Handlung von „Wallenstein's Tod”
hineingetragenen Stücke sind die Scenen mit Questenberg, Unterredung
Wallenstein's mit den Getreuen und die Banketscene, also der größte
Theil des ersten Aktes, der zweite und der vierte Akt.
In „Wallenstein's Tod” ist das erregende Moment, die nur berichtete
Gefangennahme Sesina's, eng mit der großen Unterredung zwischen
Wallenstein und Wrangel verbunden, Höhenpunkt ist der Abfall der
Truppen -- Abschied der Kürassiere -- von Wallenstein. Die Katastrophe
aber ist eine doppelte, Bericht über den Tod des Max nebst Flucht
Thekla's, und die Ermordung Wallenstein's. Die aus der Handlung der
„Piccolomini” eingeflochtenen Scenen sind die Unterredungen des Max mit
Wallenstein und mit Octavio, Thekla gegenüber ihren Verwandten und
die Trennung des Max von Wallenstein, die Botenscene des schwedischen
Hauptmanns und der Fluchtentschluß Thekla's, also eine Scene und Schluß
des zweiten Aktes, der Höhenpunkt des dritten, der Schluß des vierten
Aktes.
Nun aber wäre eine solche Verflechtung zweier Handlungen und zweier
Stücke in einander schwer zu rechtfertigen, wenn nicht die dadurch
hervorgebrachte Verbindung, das Doppeldrama, selbst wieder eine
dramatische Einheit bildete. Dies ist in ausgezeichneter Weise der
Fall, die verflochtene Handlung der ganzen Tragödie steigt und
fällt in einer gewissen majestätischen Größe. Deshalb sind in den
„Piccolomini” zwei aufregende Momente eng verkoppelt, das erste gehört
der Gesammthandlung an, das zweite den „Piccolomini”. Ebenso hat das
Doppeldrama zwei dicht bei einander liegende Höhenpunkte, von denen der
eine die Katastrophe der „Piccolomini” und der andere die Eröffnung von
„Wallenstein's Tod” ist. Und wieder am Schluß des letzten Dramas zwei
Katastrophen, eine für die Liebenden, die zweite für Wallenstein und
das Doppeldrama.
Es ist bekannt, daß Schiller während der Ausarbeitung die Grenze
zwischen den „Piccolomini” und „Wallenstein's Tod” verlegt hat. Die
„Piccolomini” umfaßten ursprünglich noch die beiden ersten Akte von
„Wallenstein's Tod”, also auch noch die innere Lösung des Max von
Wallenstein. Und dies war allerdings für die Handlung des Max ein
Vortheil. Aber bei dieser Einrichtung fiel auch die Scene mit Wrangel,
d. h. die verhängnißvolle That Wallenstein's, und außerdem der Abfall
Buttler's zu Octavio, -- d. h. die erste Steigerung zu „Wallenstein's
Tod” und die erste Stufe der Umkehr für das Gesammtdrama -- in das
erste der beiden Stücke, und dies wäre ein bedenklicher Uebelstand
gewesen, denn das zweite Drama hätte bei solcher Einrichtung nur
den letzten Theil der Umkehr und die Katastrophe für beide Helden,
Wallenstein und Max, enthalten, und trotz der großartigsten Ausführung
hätte diesem zweiten Stück die Spannung zu sehr gefehlt. Schiller
entschloß sich daher mit Recht, die Theilung weiter nach vorn zu
verlegen und das erste Stück mit der großen Kampfscene zwischen
Vater und Sohn zu enden. Die „Piccolomini” verloren dadurch an
Geschlossenheit, aber „Wallenstein's Tod” gewann die unentbehrliche
Ordnung im Bau. Man beachte wohl, daß Schiller diese Aenderung erst
in der letzten Stunde machte, und daß ihn wahrscheinlich weniger die
Rücksicht auf den Bau der Theile als auf den ungleichen Zeitraum,
welchen nach der ursprünglichen Eintheilung die Aufführung der
beiden Stücke gefordert hätte, bestimmte. In der Seele des Dichters
formte sich die große Handlung nicht ebenso, wie wir uns dieselbe
ihm nachsinnend aus dem fertigen Stück bilden. Er empfand mit
überlegener Sicherheit den Verlauf und die poetische Wirkung des
Ganzen, die einzelnen Theile des kunstvollen Baues ordneten sich
ihm in der Hauptsache mit einer gewissen Naturnothwendigkeit; das
Gesetzmäßige der Gliederung machte er sich keineswegs überall durch
verständige Ueberlegung so deutlich, wie wir vor dem fertigen Kunstwerk
nachschaffend zu thun genöthigt sind. Demungeachtet haben wir ein
gutes Recht, dies Gesetzmäßige nachzuweisen, auch da, wo er es nicht,
nachdenkend wie wir, in einer Formel erfaßt hat. Denn das gesammte
Drama Wallenstein ist in der Eintheilung, welche der Dichter zum Theil
als selbstverständlich bei dem ersten Entwurf und wieder für einzelne
Stücke erst spät, vielleicht aus äußerer Veranlassung gefunden hat, ein
fest geschlossenes und regelmäßiges Kunstwerk.[19]
Es ist sehr zu bedauern, daß unsere Theaterverhältnisse unmöglich
machen, das ganze Kunstwerk in _einer_ Aufführung darzustellen; erst
dadurch würde man die schöne und große Wirkung erhalten, welche in
der kunstvollen Anordnung liegt. Wie die Stücke jetzt gegeben werden,
bleibt für das erstere immer der Uebelstand, daß seiner Handlung der
völlige Abschluß fehlt; für das zweite, daß seine Voraussetzungen
zahlreich sind und daß die Katastrophe einen übergroßen Raum (zwei
Akte) beansprucht. Das würde bei einer zusammenhängenden Darstellung
in das richtige Verhältniß treten. Der prachtvolle Prolog „das Lager”,
dessen schöne Bilder man nur durch einheitliche Handlung kräftiger
zusammengefaßt wünscht, wäre als Einleitung nicht zu entbehren. Es
ist denkbar, daß eine Zeit kommt, wo dem Deutschen die Freude wird,
sein größtes Drama im Zusammenhange zu genießen. Unthunlich ist es
nicht, wie groß die Forderung an die Darsteller sei. Denn keine
der Rollen muthet, auch wenn beide Stücke hinter einander gegeben
werden, einer starken Menschenkraft Unüberwindliches zu. Auch die
Zuschauer der Gegenwart sind in ihrer großen Mehrzahl keineswegs
unfähig, in besonderen Fällen eine längere Reihe von dramatischen
Wirkungen aufzunehmen, als ein Theaterabend unserer Bühnen bietet.
Aber freilich wäre eine solche Aufführung nur ausnahmsweise, etwa als
große Festvorstellung, möglich, und nur in einem anderen Raume als dem
unserer Abendtheater. Denn was in den anspruchsvollen Prachtbauten
die Körperkraft der Darsteller und Zuschauer in weniger als drei
Stunden erschöpft, ist das unheimlich grelle Gaslicht, die dadurch
hervorgebrachte übergroße Anstrengung der Augen und der trotz aller
Ventilationsversuche schnell eintretende Verderb der Lebensluft.
Drittes Kapitel.
Bau der Scenen.
1.
Gliederung.
Die Akte -- das kürzere Fremdwort hat die deutschen Benennungen:
Aufzug, Abtheilung, Handlung u. s. w. in den Hintergrund gedrängt --
werden für den Gebrauch der Bühne in Auftritte abgetheilt. Der Ab-
und Zugang einer Person, Diener und ähnliche unwesentliche Rollen
ausgenommen, beginnt und endet den Auftritt. Der Regie ist solche
Theilung der Akte nöthig, um das Eingreifen jeder einzelnen Rolle
leicht zu übersehen, und für die Aufführung stellen die Auftritte die
kleinen Einheiten dar, durch deren Zusammensetzung die Akte gebildet
werden. Aber die dramatischen Theilstücke, aus denen der Dichter seine
Handlung zusammenfügt, umfassen zuweilen mehr als einen Auftritt oder
werden in größerer Zahl durch denselben Auftritt zusammengebunden. Das
Theilstück des Dichters, das einzelne dramatische Moment, wird durch
die Absätze gebildet, in denen seine schöpferische Kraft arbeitet.
Denn wie an einer Kette schließen sich während der Arbeit die nahe
verwandten Anschauungen und Vorstellungen zusammen, in logischem Zwange
eine die andere fordernd. In solchen einzelnen kleinen Theilen ordnen
sich die Einzelzüge der Handlung, deren große Umrisse der Dichter in
der Seele trägt. Wie verschieden die Arbeit der schöpferischen Kraft
in den verschiedenen Geistern sei, diese logischen und poetischen
Einheiten bilden sich in jeder Dichterarbeit mit Nothwendigkeit, und
wer recht genau zusieht, vermag sie aus dem fertigen Gedicht sehr wohl
herauszuerkennen und an einzelnen derselben die größere oder geringere
Kraft, Wärme, dichterische Fülle und sichere, saubere Arbeitsweise zu
ersehen.
Ein solches Theilstück schließt soviel von einem Monologe, von Rede und
Gegenrede, von ab- und zugehenden Personen zusammen, als nöthig ist, um
eine engverbundene Reihe von poetischen Vorstellungen und Anschauungen
darzulegen, welche sich von dem Vorhergehenden und Nachfolgenden
stärker absetzt. Diese Theilstücke der Handlung sind an Länge sehr
ungleich, sie mögen aus wenigen Sätzen bestehen, sie mögen mehre Seiten
eines Textbuches umfassen, sie mögen allein eine kurze Scene bilden,
sie mögen nebeneinander gestellt und mit einleitenden Worten und mit
einem auf das Folgende hinüber leitenden Schluß versehen größere
Einheiten innerhalb des Aktes formen. Sie sind für den Dichter die
Glieder, aus denen er die lange Kette der Handlung schmiedet, er ist
sich ihrer Eigenart und Besonderheit auch da bewußt, wo er in kräftigem
Schaffen mehre unmittelbar hintereinander zusammenarbeitet.
Aus den dramatischen Momenten fügt er die _Scenen_ zusammen. Dieses
Fremdwort wird bei uns in verschiedener Bedeutung gebraucht. Es
bezeichnet dem Regisseur zuerst den Bühnenraum selbst, dann den Theil
der Handlung, welcher durch dieselbe Decoration umschlossen wird. Dem
Dichter aber heißt Scene die Verbindung mehrer dramatischer Momente,
welche einen, durch dieselben Hauptpersonen getragenen, Theil der
Handlung bildet, vielleicht einmal eine ganze Scene des Regisseurs,
jedenfalls ein ansehnliches Stück derselben. Da nicht immer bei dem
Abgange der Hauptpersonen ein Wechsel der Decorationen nöthig und
wünschenswerth ist, so fällt die Scene des Dichters durchaus nicht
immer mit der Scene des Regisseurs zusammen.[20] Es sei erlaubt, hier
ein Beispiel anzuführen. Der vierte Akt von Maria Stuart ist vom
Dichter in zwölf Auftritte getheilt, durch _einen_ Coulissenwechsel
innerhalb des Aktes in zwei Regiescenen getrennt. Er besteht aber aus
zwei kleineren und einer großen, also drei dramatischen Scenen. Die
erste Scene, die Intriganten des Hofes, ist aus zwei dramatischen
Momenten zusammensetzt, 1) nach einem kurzen Accord, welcher die
Tonart des Aktes angibt, die Verweisung Aubespine's, 2) der Streit
zwischen Leicester und Burleigh. Die zweite Scene, Mortimer's Ende,
mit der vorhergehenden durch die Person Leicester's, welche auf der
Bühne bleibt, eng verkoppelt, umfaßt drei dramatische Momente, 1) den
verbindenden Monolog Leicester's, 2) Unterredung zwischen Leicester
und Mortimer, 3) Mortimer's Tod. Die dritte große Scene, der Kampf um
das Todesurtheil ist künstlicher gebildet. Es ist eine, ähnlich wie
die erste und zweite, nur enger verbundene, Doppelscene und besteht
aus zehn Momenten, von denen die ersten vier: der Streit Elisabeth's
mit Leicester, zu einer Gruppe verbunden, den sechs letzten: die
Unterschrift des Urtheils, gegenüberstehen. Die sechs Momente der
zweiten Scenenhälfte entsprechen den sechs letzten Auftritten des
Textes, das letzte derselben: Davison und Burleigh, ist der Abschluß
dieser bewegten Scene und die Hinüberleitung zum fünften Akt.
Es ist nicht immer bequem, aus einem fertigen Drama diese logischen
Einheiten des schaffenden Geistes zu erkennen. Und es wird hier und
da das schätzende Urtheil unsicher sein. Aber sie verdienen größere
Aufmerksamkeit, als man ihnen wohl bis jetzt gegönnt hat.
Im letzten Abschnitt wurde gesagt, daß jeder Akt ein gegliederter
Bau sein muß, welcher seinen Theil der Handlung in zweckmäßiger und
wirksamer Anordnung zusammenfaßt. Auch in ihm muß die Theilnahme des
Zuschauers mit sicherer Hand geführt und gesteigert werden, auch er
muß seinen Höhenpunkt haben, eine große, kräftige, ausgeführte Scene.
Enthält er mehre solche ausgeführte Höhenpunkte, so werden dieselben
durch kleinere Scenen, wie durch Verbindungsglieder verbunden sein,
in der Art, daß die stärkere Antheilnahme immer auf der späteren
ausgeführten Scene ruht.
Wie der Akt muß auch jede einzelne Scene, sowohl Uebergangsscene
als ausgeführte, eine Anordnung haben, welche geeignet ist, ihren
Inhalt in höchster Wirkung auszudrücken. Ein spannendes Moment muß
die ausgeführte Scene einleiten, die Seelenvorgänge in ihr müssen mit
einiger Reichlichkeit in wirksamer Steigerung dargestellt werden, das
Ergebniß derselben in treffenden Schlägen angedeutet sein; von ihrem
Höhenpunkte aus, auf welchem sie reichlich ausgeführt schwebt, muß
schnell und kurz der Schluß folgen; denn ist einmal ihr Zweck erreicht,
die Spannung gelöst, dann wird jedes unnütze Wort zu viel. Und wie sie
mit einer gewissen Aufregung der Erwartung einzuleiten ist, so braucht
auch ihr Ende eine kleine Erhebung, besonders kräftigen Ausdruck der
wichtigen Persönlichkeiten dann, wenn diese die Bühne verlassen. Die
sogenannten Abgänge sind kein unbegründetes Begehren der Darsteller,
wie sehr sie von roher Effektsucherei gemißbraucht werden. Der tiefe
Einschnitt am Ende der Scene und die Nothwendigkeit, die Spannung auf
das Folgende herüberzutragen, machen sie vielmehr zu einem berechtigten
Kunstmittel, zumeist am Schluß der Akte, natürlich nur bei maßvoller
Anwendung.
Der Dichter hat häufig Ursache, während der Aufführungen unserer Bühne
den langen Zwischenakten zu zürnen, welche sowohl durch die scenischen
Veränderungen als durch den zuweilen unnützen Kleiderwechsel der
Darsteller veranlaßt werden. Es muß dem Dichter daran liegen, den
Schauspielern die Gelegenheit zu solchem Wechsel so viel als möglich zu
beschränken, und wo das Umkleiden nothwendig ist, schon beim Einrichten
der Handlung darauf Rücksicht zu nehmen. Ein längerer Zwischenakt --
der niemals fünf Minuten überdauern soll -- wird nach Beschaffenheit
des Stückes dem zweiten oder dritten Akt folgen können. Die Akte,
welche in näherem Zusammenhange stehen, dürfen nicht durch ihn
auseinander gerissen werden; was ihm folgt, muß noch im Stande sein,
von neuem zu sammeln und zu spannen. Deshalb sind Pausen zwischen dem
vierten und fünften Akt am allernachtheiligsten. Diese beiden letzten
Theile der Handlung sollten selten durch größern Einschnitt getrennt
sein, als zwischen den einzelnen Scenen eines Aktes geduldet wird. Der
Dichter hat sich zu hüten, daß er nicht in diesem Theile des Stückes
selbst Schlußeffekte erfinde, welche durch schwer herzustellende
Scenerie und Einführung neuer Massen die Zögerung verschulden.
Aber auch ein Wechsel der Decorationen innerhalb des Aktes ist keine
gleichgiltige Sache. Denn jede Verwandlung der Bühne während des
Aktes macht einen neuen starken Einschnitt, und die Zerstreuung der
Zuschauer wird noch vermehrt, seit in der Neuzeit der schlechte Brauch
aufgekommen ist, die Vornahme des Scenenwechsels durch Herablassen
einer Gardine den Augen des Zuschauers zu entziehen. Denn seitdem ist
fast nur aus der Farbe des Vorhangs zu entnehmen, ob eine Regiescene
oder ein Akt beendet sei. Gegenüber solchem Unfug muß das eifrige
Bemühen des Dichters sein, jeden Decorationswechsel im Akte entbehrlich
zu finden; und es wird gut sein, wenn er während der Arbeit sich
auch nach dieser Richtung die Kraft zutraut, Alles zu vermögen; denn
häufig erscheint seiner befangenen Seele ein Wechsel der Scenerie
als ganz unvermeidlich, während er doch in den meisten Fällen durch
geringe Aenderungen an der Handlung beseitigt werden kann. Ist aber
Coulissenwechsel während der Akte nicht ganz zu vermeiden, so hüte
man sich wenigstens, ihn in den Akten eintreten zu lassen, welche
die größte Ausführung verlangen, namentlich im vierten, wo ohnehin
die volle Kraft des Dichters nöthig ist, zu steigern. Am leichtesten
überwindet man solche störende Einschnitte in der ersten Hälfte.
In dem Wechsel zwischen ausgeführten und verbindenden Scenen liegt
eine große Wirkung. Durch ihn wird jeder Theil des Ganzen von seiner
Umgebung kunstvoll abgehoben, die Hauptsache in stärkeres Licht
gesetzt, in dem Nebeneinander von Licht und Schatten der innere
Zusammenhang der Handlung verständlich. Der Dichter muß deshalb
sein warmes Empfinden wohl überwachen und bedächtig prüfen, welche
dramatischen Momente für seine Handlung Hauptsache, welche Beiwerk
sind. Er wird seine Neigung zu Ausführung bestimmter Arten von
Charakteren oder Situationen beschränken, falls diese für das Ganze
nicht von Gewicht sind; wenn er aber dem Reiz nicht widerstehen kann,
von diesem Gesetze abzuweichen und einem unwesentlichen Moment breitere
Ausführung zu gönnen, so wird er es mit der Empfindung thun, daß er die
Störung des Baues durch besondere Schönheit der Ausführung zu sühnen
habe.
Die Nebenscenen aber, mögen sie die Nachklänge einer Hauptscene oder
die Vorbereitung zu einer neuen oder ein selbständiges verbindendes
Zwischenglied sein, werden dem Dichter immer noch Gelegenheit geben,
bei der größten Kürze seine Begabung an den Rollen zu erweisen; hier
ist der Raum für knappe, andeutende Zeichnung, welche mit wenigen
Worten einen erfreuenden Einblick in das innerste Leben der Figuren des
Hintergrundes zu gewähren weiß.
2.
Die Scenen nach der Personenzahl.
Die freie Scenenbildung unserer Bühne und die größere Zahl der
Darsteller machen es dem Dichter scheinbar so bequem, seine Handlung
durch eine Scene zu führen, daß man bei neueren Dramen nicht selten
die gewöhnlichen Folgen übergroßer Zwanglosigkeit zu bedauern hat. Die
Scene wird ein Durcheinander von Reden und Gegenreden ohne genügende
Ordnung, sie hat ermüdende Längen, nachgleitende Sätze, weder Höhe noch
Contraste kräftig entwickelt. Zwar fehlt das scenische Gefüge auch
der unbehilflichsten Arbeit des Anfängers nicht ganz. Denn die Formen
sind so sehr Ausdruck des Wesens, daß auch ungeschulte dramatische
Empfindung in vielen Hauptsachen Richtiges zu treffen pflegt. Aber
nicht immer und nicht jedes. Möge deshalb der Dichter während seiner
Arbeit einige bekannte Regeln prüfend anlegen.
Da die Scene ein von anderen Scenen abgesetzter Theil des Dramas ist,
welcher auf seinen Inhalt vorbereiten, spannen, ein Schlußergebniß
ins Licht stellen und dann zum Folgenden überführen soll, so hat jede
Scene, genau betrachtet, fünf Theile, welche den Theilen des Dramas
entsprechen. Und bei ausgeführten Scenen sind diese Theile auch
sämmtlich wirksam. Denn dann ist es unthunlich, die Handlung in gerader
Linie zum Schlußergebniß zu führen. ~A~ fühlt, will, fordert etwas,
~B~ tritt ihm entgegen, mitwollend, anderswollend, widerstehend; in
jedem Fall wird die Richtung des einen durch den andern aufgehalten
und wenigstens für einige Zeit abgelenkt. Bei solchen Scenen, mögen
sie eine That oder ein Wortgefecht oder eine Darlegung der Gefühle
enthalten, ist wünschenswerth, daß nicht der Höhenpunkt in einer
geraden Linie liegt, welche von den Voraussetzungen der Scene zu den
Schlußergebnissen führt, sondern den letzten Punkt einer abweichenden
Richtung bezeichne, von welchem ab die Umkehr zu der geraden Linie
stattfindet. Aufgabe einer Scene sei, ~B~ durch ~A~ unschädlich zu
machen, ihr gebotenes Ergebniß sei das Versprechen des ~B~, unschädlich
zu werden. Beginn der Scene: ~A~ ersucht den ~B~, ferner nicht mehr
Störenfried zu sein; wenn ~B~ sofort bereit ist, diesen Wunsch zu
erfüllen, wird keine längere Scene nöthig; wenn er die Gründe des ~A~
leidend aufnimmt, läuft die Scene in gerader Linie fort, aber sie ist
in größter Gefahr zu ermüden; wenn ~B~ sich aber zur Wehr setzt und
sich entweder auf seinen Störenfried steift oder ihn leugnet, so läuft
der Dialog zu einem Punkte, an welchem ~B~ so weit als möglich von
den Wünschen des ~A~ entfernt ist. Von da findet eine Annäherung der
Ansichten statt, die Gründe des ~A~ erweisen sich als stärker, bis ~B~
sich ergibt.
Da aber jede Scene eine Richtung auf das Folgende hat, wird dieser
pyramidale Bau häufig in den Durchschnitt einer anschlagenden Welle
umgeändert, mit lang aufsteigender Linie und schnellem Absturz: Beginn,
Steigerung, Schlußergebniß.
Je nach der Zahl der auftretenden Personen erhalten die Scenen
verschiedene Bestimmung und verschiedene Einrichtung.
Die Monologe geben dem Helden der modernen Bühne Gelegenheit, in
vollkommener Unabhängigkeit von einem beobachtenden Chor sein geheimes
Empfinden und Wollen dem Publikum bekannt zu machen. Man sollte meinen,
daß solche Vertrautenstellung dem Hörer sehr willkommen sein müßte,
und doch ist dies oft nicht der Fall. So sehr ist der Kampf und die
Einwirkung des einen Menschen auf den andern Zweck des Dramas, daß jede
Isolirung des Einzelnen einer gewissen Entschuldigung bedarf. Nur wo
ein reiches inneres Leben im Zusammenspiel längere Zeit gedeckt war,
erträgt der Hörer die geheimen Offenbarungen desselben. Aber schon da,
wo kunstvolles Intriguenspiel das Publikum zum Vertrauten machen will,
liegt diesem wenig an dem stillen Aussprechen eines Einzelnen, es holt
sich lieber selbst den Zusammenhang und die Gegensätze der Charaktere
aus einem Dialoge heraus. Die Monologe haben Aehnlichkeit mit den
antiken Pathosscenen, sind aber bei den zahlreichen Gelegenheiten,
welche unsere Bühne den Charakteren darbietet ihr Inneres darzulegen,
und bei der veränderten Ausgabe dramatischer Wirkungen durch die
Schauspielkunst keine nothwendige Zugabe neuerer Dramen.
Da die Monologe einen Ruhepunkt in der laufenden Handlung darstellen
und den Sprechenden in bedeutsamer Weise dem Hörer gegenüber
stellen, so bedürfen sie vor sich eine bereits erregte Spannung,
einen Einschnitt der Handlung auf einer oder beiden Seiten. Aber ob
sie einen Akt eröffnen oder schließen, oder zwischen zwei bewegte
Scenen gestellt sind, immer müssen sie dramatischen Bau haben. Satz,
Gegensatz, Ergebniß; und zwar ein Schlußergebniß, das für die Handlung
selbst Bedeutung gewinnt. Man vergleiche die beiden Monologe Hamlet's
in der steigenden Handlung. Der zweite berühmte Monolog „Sein oder
Nichtsein” ist eine tiefsinnige Offenbarung der Seele Hamlet's, aber
für die Handlung selbst insofern keine Förderung, als er kein neues
Wollen des Helden einleitet, sondern durch Darlegung der innern Kämpfe
eine Erklärung des Zauderns gibt. Der vorhergehende Monolog dagegen,
ein Meisterstück von dramatischer Bewegung, auch er der Ausklang einer
Scene, hat zur Grundlage einen einfachen Beschluß. Hamlet sagt: 1. Der
Schauspieler beweist so großen Ernst bei bloßem Spiel. 2. Ich aber
schleiche thatlos bei dem furchtbarsten Ernst. 3. An's Werk! auch
ich will ein Spiel veranstalten, um für ernste That Entscheidung zu
gewinnen. -- In diesem letzten Satze ist zugleich das Ergebniß der
ganzen vorhergehenden Scene zusammengefaßt, die Folgen, welche die
Unterhaltung mit den Schauspielern auf den Charakter des Helden und den
Verlauf des Stückes ausübt.