Theils der Handlung hinter die Bühne hat aber für das Drama besondere
Bedeutung in den Augenblicken, wo Furchtbares, Schreckliches,
Entsetzliches dargestellt werden soll. Wenn freilich von dem Dichter
der Gegenwart verlangt wird, daß er dem Beispiel der Griechen folge,
den entscheidenden Augenblick einer furchtbaren That so viel als
möglich züchtig hinter die Scene verlege und nur durch die Eindrücke
sichtbar werden lasse, welche solche Augenblicke in die Seelen der
Betheiligten werfen, so muß gegen diese Beschränkung zu Gunsten
neuerer Kunst Widerspruch erhoben werden. Denn eine imponirende
Aktion ist zuweilen auf unserer Bühne von größter Wirkung und für die
Handlung unentbehrlich. Erstens, wenn die dramatisch darstellbaren
Einzelheiten der That Bedeutung für das Folgende gewinnen, ferner,
wenn wir in solcher That die plötzlich eintretende Spitze eines zur
Vollendung gekommenen inneren Vorganges erkennen, drittens, wenn nur
durch das Anschauen der Handlung selbst die vollständige Ueberzeugung
von dem Sachverhältniß beigebracht werden kann. Ueberfall, Totschlag,
Mord, Gefechte, gewaltthätiges Zusammenschlagen der Gestalten, an
sich durchaus nicht die höchsten Wirkungen des Dramas, haben wir auf
der Bühne nicht zu fürchten. Während die griechische Bühne aus der
lyrischen Darstellung leidenschaftlicher Empfindungen sich entwickelte,
ist die germanische aus der epischen Schilderung der Begebenheiten
heraufgekommen. Beide haben einige Ueberlieferungen ihrer ältesten
Zustände bewahrt, die griechische blieb ebenso geneigt, die Augenblicke
der That in den Hintergrund zu drücken, als die deutsche fröhlich war,
Balgerei und Gewaltthat abzubilden.
Wenn aber die Griechen heftigen Körperbewegungen, dem Schlagen,
Anfassen, Ringen, Niederwerfen aus dem Wege gingen, so war vielleicht
nicht die Vorsicht des Dichters, sondern das Bedürfniß des
Schauspielers der letzte Grund. Die griechische Theatertracht war für
gewaltsame Beugung des Körpers sehr unbequem, das Hinsinken eines
Sterbenden im Kothurn mußte sorgfältig und allmählich geschehen, wenn
es nicht lächerlich werden sollte. Und die Maske nahm jede Möglichkeit,
die in den Augenblicken der höchsten Spannung unentbehrlichen
Bewegungen im Antlitz darzustellen. Aeschylos scheint auch nach dieser
Richtung Einiges unternommen zu haben, der kluge Sophokles ging gerade
so weit, als er durfte. Er wagte noch die Antigone aus dem Hain von
Kolonos durch einen bewaffneten Haufen fortreißen zu lassen, aber er
wagte nicht mehr in der Elektra den Aegisthos auf der Bühne zu töten,
Orestes und Pylades müssen ihn mit gezogenem Schwert hinter die Scene
verfolgen. Vielleicht empfand an dieser Stelle Sophokles so gut als
wir, daß dies ein Uebelstand war, eine Beschränkung, die durch Leder
und Watte seiner Schauspieler, dann wohl auch durch ein religiöses
Grauen, welches der Grieche vor dem Augenblick des Sterbens fühlte,
auferlegt wurde. Denn dies ist eine der dramatischen Stellen, wo der
Zuschauer _sehen_ muß, daß sich die Handlung vollendet. Aegisthos
könnte, wenn auch von zwei Männern verfolgt, sich doch ihrer erwehren
oder entfliehen u. s. w.
Wir sind durch die größere Leichtigkeit und Energie unserer Mimik von
solchen Rücksichten befreit, und zahlreich sind in unseren Stücken
große und kleine Wirkungen, welche auf den höchsten Aktionsmomenten
beruhen. Die Scene, in welcher Coriolan den Aufidius am Hausaltar
des Volskers umarmt, erhält ihre volle Bedeutung erst durch die
Schlachtscene des ersten Aktes, in welcher man die Gegner erbittert
auf einander los schlagen sieht. Nothwendig ist der Kampf zwischen
Percy und Prinz Heinrich. Und wieder wie unentbehrlich ist nach den
Voraussetzungen in Kabale und Liebe der Tod der beiden Liebenden auf
der Bühne; in Romeo wie unentbehrlich der Tod des Tybalt, des Paris
und der beiden Liebenden vor den Augen der Zuschauer! Könnten wir
es glauben, wenn Emilia Galotti hinter der Scene vom Vater erdolcht
würde? Und wäre es möglich, die große Scene zu missen, in welcher Cäsar
ermordet wird?
Dagegen gibt es wieder eine ganze Reihe von großen Wirkungen,
welche hervorgebracht werden, wenn nicht die That selbst das Auge
beschäftigt, sondern so verhüllt wird, daß die begleitenden Umstände
die Einbildungskraft spannen und das Furchtbare durch jene Eindrücke
empfinden lassen, welche in die Seele der Helden fallen. Ueberall wo
Raum ist, die vorbereitenden Momente einer That eindringlich zu machen
und wo die That nicht in plötzlicher Erregung des Helden eintritt,
endlich überall, wo es nützlicher ist, Grauen aufzuregen und zu spannen
als aufgeregte Spannung kräftig zu lösen, wird der Dichter wohlthun,
die That selbst hinter die Scene zu verlegen. Einige der stärksten
dramatischen Wirkungen, welche es überhaupt gibt, verdanken wir solchen
Verhüllungen. Wenn im Agamemnon des Aeschylos die gefangene Kassandra
die einzelnen Umstände des Mordes, der im Hause geschieht, verkündet;
wenn Elektra, während die Todeslaute der Klytämnestra auf die Bühne
dringen, dem Bruder in die Scene zuruft: „Triff noch einmal!” so ist
die furchtbare Gewalt dieser Wirkungen allerdings niemals übertroffen
worden. Nicht weniger großartig ist die Ermordung des Königs Duncan im
Macbeth, die Schilderung der Gemüthszustände des Mörders vor und nach
der That.
Für die Bühne der Germanen sind die Spannung, die unbestimmten
Schauer, das Unheimliche und Aufregende, welche durch diese Verhüllung
verhängnißvoller Thaten bei geschickter Behandlung hervorgebracht
werden, vorzugsweise in aufsteigender Handlung zu verwerthen. In dem
rascheren Laufe und der heftigeren Erregung des zweiten Theils werden
sie nicht ebenso leicht anwendbar sein. Beim letzten Ausgang der Helden
nur in solchen Fällen, wo der Augenblick des Todes selbst auf der Bühne
nicht darstellbar ist, wie Hinrichtung durch Schaffot und militärische
Strafvollstreckung eines Urtheils, und wo die Unmöglichkeit einer
andern Lösung durch die unzweifelhaft stärkere Gewalt der tötenden
Gegner selbstverständlich ist. Ein interessantes Beispiel dafür ist der
letzte Akt des Wallenstein. Die finstere Gestalt Buttler's, das Werben
der Mörder, das Zusammenziehen des Netzes um den Ahnungslosen ist in
einer lange und stark anregenden Steigerung dem Zuschauer in die Seele
gedrückt, nach solcher Vorbereitung wäre die Vorführung des Mordes
selbst keine Verstärkung mehr; man sieht die Mörder in das Schlafzimmer
eindringen, das Krachen der letzten Thür, das Waffengerassel und die
darauf eintretende plötzliche Stille erhalten die Einbildungskraft
in derselben unheimlichen Spannung, welche den ganzen Akt färbt. Und
das langsame Aufregen der Phantasie, die bangsame Erwartung und das
letzte Verhüllen der That selbst passen wieder vortrefflich zu dem
Träumerischen und Geheimnißvollen des inspirirten Helden, wie ihn
Schiller gefaßt hat.
Der Dichter hat aber nicht nur darzustellen, auch zu verschweigen;
zunächst gewisse unlogische Bestandtheile des Stoffes, welche die
größte Kunst nicht immer zu bewältigen vermag, -- es wird bei
Besprechung der dramatischen Stoffe davon die Rede sein. Dann
Widerwärtiges, Ekelhaftes, Gräßliches, das Schamgefühl Verletzendes,
das vielleicht an dem rohen, sonst brauchbaren Stoffe hängt. Was nach
dieser Richtung der Kunst widerwärtig sei, muß der Schaffende selbst
empfinden, es kann nicht gelehrt werden.
Ferner aber hat der Dichter die Pflicht, seine Wirkungen vom Anfang
bis zum Ende des Dramas zu steigern. Der Hörer ist nicht in jedem
Theil des Stückes derselbe, er nimmt im Anfange mit Bereitwilligkeit
und in der Regel mit geringen Ansprüchen das Gebotene hin, und sobald
der Dichter ihm durch irgend eine ansehnliche Wirkung seine Kraft,
und durch Sprache und sichere Art der Charakterführung ein männliches
Urtheil gezeigt hat, ist er geneigt, sich vertrauend seiner Leitung
hinzugeben. Solche Stimmung hält etwa bis zum Höhenpunkt des Stückes
vor. Aber im weiteren Verlauf wird der Empfangende anspruchsvoller
und seine Fähigkeit Neues aufzunehmen wird geringer, die genossenen
Wirkungen haben stärker erregt, nach mancher Rücksicht gesättigt;
mit der steigenden Spannung kommt die Ungeduld, mit der größern Zahl
empfangener Eindrücke leichter die Ermattung. Darnach hat der Dichter
jeden Theil seiner Handlung einzurichten. Zwar was den Inhalt selbst
betrifft, so darf er bei richtiger Anordnung und erträglichem Stoff
nicht um die wachsende Theilnahme besorgt sein. Wohl aber hat er dafür
zu sorgen, daß die Ausführung allmählich größer und eindrucksvoller
werde. Während die ersten Theile im Allgemeinen leichte und kürzere
Behandlung möglich machen und dem Dichter hier sogar die schwere
Zumuthung gemacht werden muß, vielleicht einmal eine große Wirkung
abzudämpfen, fordern die letzten Akte vom Höhenpunkt an ein Aufgebot
aller seiner Mittel. Es ist gar nicht gleichgiltig, wo eine Scene
steht, ob ein Bote im ersten oder im vierten Akte seine Erzählung
vorträgt, ob ein Effect den zweiten oder vierten Akt schließt. Mit
weiser Vorsicht ist z. B. die Verschwörungsscene in Cäsar so kurz
gehalten, um den Höhenpunkt des Stückes und die große Zeltscene des
vierten Aktes nicht zu beeinträchtigen.
Ein anderes Mittel, die Wirkungen zu steigern, liegt in der
Mannigfaltigkeit der Stimmungen, welche aufgeregt werden, sowie der
Charaktere, welche die Handlung fortbewegen. Jedes Stück hat, wie
gesagt wurde, eine Grundstimmung, welche sich einem Accord oder einer
Farbe vergleichen läßt. Von dieser maßgebenden Farbe aus aber ist ein
Reichthum an Abschattungen sowohl als an Gegensätzen nothwendig.
In vielen Fällen hat der Dichter allerdings nicht nöthig, durch kühles
Ueberlegen sich diese Nothwendigkeit deutlich zu machen, denn es ist
ein geheimnisvolles Gesetz alles künstlerischen Schaffens, daß ein
Gefundenes seinen Gegensatz hervorruft, der Hauptcharakter seinen
Gegenspieler, eine Scenenwirkung die abstechende andere. Zumal den
Germanen ist es Bedürfniß, in Alles, was sie schaffen, eine gewisse
Gesammtheit ihres Empfindens liebevoll und sorgfältig hineinzutragen.
Dennoch wird während der Arbeit die prüfende Beurtheilung der Gebilde,
welche mit Naturnothwendigkeit einander gefordert haben, wichtige
Lücken ergänzen. Denn bei unsern figurenreichen Dramen ist leicht
möglich, durch eine Nebenfigur einen Farbenton einzufügen, welcher
dem Ganzen sehr wohlthut. Schon bei Sophokles ist die Sicherheit und
Zartheit, mit welcher er die Einseitigkeiten seiner Charaktere durch
die geforderten Gegensätze ergänzt, in jeder Tragödie zu bewundern;
dem Euripides ist dies Harmoniegefühl wieder sehr schwach. Alle großen
Dichter der Germanen von Shakespeare bis Schiller schaffen nach
dieser Richtung, im Ganzen betrachtet, mit schöner Festigkeit, und wir
begegnen bei ihnen nur selten einer Figur, welche nicht durch ihre
Gegenspieler gefordert, sondern durch kalte Ueberlegung eingefügt ist,
wie Parricida im Tell. Es ist eine von den Besonderheiten Kleist's, daß
die Ergänzungsbilder ihm undeutlich kommen; hie und da verletzt in den
Grundlinien und Farben seiner Gestalten die Willkür.
Aus dem innerlichen Drange scenischer Gegensätze in der Handlung
sind den Germanen die Liebesscenen der Tragödie entstanden, der
lichtvolle und warme Theil, welcher in der Regel die rührenden Momente
im Gegensatz zu den erschütternden der Haupthandlung umschließt. Die
scenischen Contraste werden aber nicht nur durch den verschiedenartigen
Inhalt, auch durch den Wechsel von aufgeführten und verbindenden, von
Scenen zweier und vieler Personen hervorgebracht. Bei den Griechen,
deren Scenen sich nach Form und Inhalt in weit engerem Kreise bewegten,
wird die Abwechslung auch dadurch bewirkt, daß die Scenen je nach ihrem
Inhalt einen verschiedenen regelmäßig wiederkehrenden Bau erhalten,
Dialogscenen und Botenscenen werden durch Pathosscenen unterbrochen,
für jede dieser Arten bestand eine in der Hauptsache feste Form.
Und nicht nur der scharfe Contrast, auch die Wiederholung desselben
scenischen Motivs vermag eine erhöhte Wirkung hervorzubringen, sowohl
durch den Parallelismus als durch die feinen Gegensätze zwischen
Aehnlichem. Der Dichter hat in diesem Fall mit besonderm Fleiß darauf
zu achten, daß er in das wiederkehrende Motiv besondern Reiz lege
und vor der Wiederholung die Spannung und Freude daran aufrege. Und
er wird dabei ein Gesetz nicht vernachlässigen dürfen, daß auf der
Bühne in dem spätern Theil der Handlung auch besonders feine Arbeit
nicht leicht ausreicht, eine gesteigerte Wirkung durch Wiederholung
bereits gebrauchter Effecte hervorzubringen, falls dieselben eine
breitere Ausführung erhalten. Zumal dann ist Gefahr, wenn es
besonderer Kunst der Darsteller bedarf, das wiederholte Motiv von
einem vorausgegangenen kräftig abzuheben. Shakespeare liebt die
Wiederholung desselben Motivs zur Verstärkung der Wirkungen. Ein gutes
Beispiel ist die Schlaftrunkenheit des Lucius im Julius Cäsar, welche
in der Verschwörungsscene den Gegensatz in den Stimmungen des Herrn
und Dieners und den milden Sinn des Brutus zeigt, und in der großen
Zeltscene fast wörtlich wiederholt wird. Der zweite Anschlag desselben
Accords hat hier die Erscheinung einzuleiten, sein weicher Mollklang
erinnert den Hörer sehr schön an jene Unglücksnacht und die Schuld des
Brutus. Aehnlich wirkt in Romeo und Julie sowohl durch Gleichklang
als durch abstechende Behandlung die Wiederholung des Zweikampfes mit
tötlichem Ausgang. Ferner im Othello die wiederkehrenden prächtigen
Variationen desselben Themas in den kleinen Scenen zwischen Jago
und Rodrigo. Aber nicht immer ist es dem großen Dichter mit diesen
Wirkungen geglückt. Schon die Wiederholung des Hexenmotivs in der
zweiten Hälfte des Macbeth ist keine Verstärkung der Wirkung. Das
Gespenstige widerstand wohl der breitern Ausführung an der zweiten
Stelle. Ein sehr berühmtes Beispiel solcher Wiederholung ist die
zweimalige Brautwerbung Richard's ~III.~, die Scene an der Bahre und
die Unterredung mit Elisabeth Rivers.[8] Daß die Wiederholung hier
als bedeutsamer Zug für Richard steht, und daß eine starke Wirkung
bezweckt ist, wird schon aus der großen Kunst und breiten Ausführung
beider Scenen deutlich. Auch ist die zweite Scene mit größter Liebe
behandelt, der Dichter hat darin eine für ihn neue und feine Technik
angewandt, er hat sie nach antikem Vorbild, Reden und Gegenreden gleich
lang Vers gegen Vers gesetzt, gehalten. Und unsere Kritik pflegt
wohl eine besondere Schönheit des großen Dramas aus dieser Scene
zu erklären. In der That ist sie auf der Bühne ein Uebelstand. Die
ungeheure Handlung drängt bereits mit einer Gewalt zum Ende, welche dem
Zuschauer die volle Empfänglichkeit für das ausgedehnte und kunstvolle
Wortgefecht dieser Unterredung nimmt. -- Ein ähnlicher Uebelstand ist
im Kaufmann von Venedig für unsere Zuhörer die dreimalige Wiederholung
der Wahlscene am Kästchen; die dramatische Bewegung der beiden ersten
Scenen ist gering und die Zierlichkeit in den Reden der Wählenden
nicht reizvoll genug. Shakespeare durfte sich dergleichen rhetorische
Feinheiten gern erlauben, weil sein dauerhafteres Publikum an
gebildeter höfischer Rede besonderes Behagen fand.
7.
Was ist tragisch?
Es ist bekannt, wie emsig seit Lessing der deutsche Dichter bemüht
war, jene geheimnißvolle Eigenschaft des Dramas zu ergründen, welche
man das Tragische nannte. Es sollte der Niederschlag sein, welchen
die sittliche Weltanschauung des Dichters in dem Stücke absetzt, und
der Dichter sollte auch durch sittliche Wirkungen ein Bildner seiner
Zeit werden; es sollte eine ethische Kraft sein, womit der Dichter
Handlung und Charaktere zu füllen hat, und man war in diesem Fall
nur verschiedener Meinung über das Wesen des dramatischen Ethos. Die
Ausdrücke tragische Schuld, innere Reinigung, poetische Gerechtigkeit
sind bequeme Schlagwörter der Kritik geworden, bei denen man so
Verschiedenes denkt. Darin aber war man einig, daß die tragische
Wirkung des Dramas von der Art und Weise abhänge, wie der Dichter seine
Charaktere durch die Handlung führt, ihnen das Schicksal zutheilt, den
Kampf ihres einseitigen Begehrens gegen die widerstrebenden Kräfte
leitet und endigt.
Da der Dichter seine Handlung frei zur Einheit fügt und diese Einheit
dadurch hervorbringt, daß er die Einzelheiten der dargestellten
Begebenheiten in vernünftigen innern Zusammenhang setzt, so ist
allerdings klar, daß sich auch die Vorstellungen des Dichters von
menschlicher Freiheit und Abhängigkeit, sein Verständniß des großen
Weltzusammenhanges, seine Ansicht über Vorsehung und Schicksal in
einer poetischen Erfindung ausdrücken müssen, welche Thun und Leiden
eines bedeutenden Menschen in großen Verhältnissen aus dem Innern
desselben herleitet. Es ist ferner deutlich, daß dem Dichter obliegt,
diesen Kampf zu einem Schluß zu führen, welcher die Humanität und
Vernunft der Hörer nicht verletzt, sondern befriedigt. Und daß es für
die gute Wirkung seines Dramas durchaus nicht gleichgiltig ist, ob
er sich bei Herleitung der Schuld aus dem Innern des Helden und bei
Herleitung der Vergeltung aus dem Zwange der Handlung als ein Mann von
gutem Urtheil und richtiger Empfindung bewährt. Aber ebenso deutlich
ist, daß Empfindung und Urtheil der Dichter in den verschiedenen
Jahrhunderten ungleich, und in den einzelnen Dichtern nicht in gleicher
Weise abgestuft sein werden. Offenbar wird derjenige nach der Ansicht
seiner Zeitgenossen am besten das Schicksal seiner Helden leiten, der
in seinem eigenen Leben hohe Bildung, umfassende Menschenkenntniß und
einen männlichen Charakter entwickelt hat. Denn was aus dem Drama
herausleuchtet, ist nur der Abglanz seiner eigenen Auffassung der
größten Weltverhältnisse. Es läßt sich nicht lehren, es läßt sich nicht
in das einzelne Drama hineinfügen, wie eine Rolle oder Scene.
Deshalb wird hier als Antwort auf die Frage, wie ein Dichter seine
Handlung zusammenfügen müsse, damit sie in diesem Sinne tragisch werde,
der ernst gemeinte Rath gegeben, daß er darum wenig zu sorgen habe. Er
soll sich selbst zu einem tüchtigen Mann machen, dann mit fröhlichem
Herzen an einen Stoff gehen, welcher kräftige Charaktere in großem
Kampf darbietet, und soll die wohltönenden Worte Schuld und Reinigung,
Läuterung und Erhebung, Andern überlassen. Es ist zuweilen unklarer
Most, in ehrwürdige Schläuche gefüllt. Was in Wahrheit dramatisch ist,
das wirkt in ernster starkbewegter Handlung tragisch, wenn der ein Mann
war, der es schrieb; wo nicht, zuverlässig nicht.
Der eigene Charakter des Dichters bestimmt im Drama hohen Stils weit
mehr die höchsten Wirkungen, als bei irgend einer andern Kunstgattung.
Aber der Irrthum früherer Kunstanschauungen war, daß sie nur aus Moral
oder Ethos des Dramas die eigenthümliche Gesammtwirkung desselben zu
erklären suchten, an welcher Wortklang, Geberde, Tracht und noch vieles
Andere Antheil haben.
Vom Dichter wird das Wort tragisch in zwei verschiedenen Bedeutungen
gebraucht; es bezeichnet zuerst die eigenthümliche Gesammtwirkung,
welche ein gelungenes Drama großen Stils auf die Seelen der Hörer
ausübt, und zweitens eine bestimmte Art von dramatischen Wirkungen,
welche an gewissen Stellen des Dramas entweder nützlich oder
unentbehrlich sind. Die erstere ist die physiologische Bedeutung des
Ausdrucks, die zweite eine technische Bezeichnung.
Schon den Griechen war ein Eigenthümliches in der Gesammtwirkung des
Dramas sehr wohl bekannt. Aristoteles hat die besonderen Einflüsse der
dramatischen Wirkungen auf das Leben der Zuschauer scharf beobachtet
und so gut als eine charakteristische Eigenschaft des Dramas begriffen,
daß er sie in seine berühmte Begriffsbestimmung der Tragödie aufnahm.
Diese Erklärung: „die Tragödie ist die künstlerische Umbildung einer
würdigen und einheitlich abgeschlossenen Begebenheit, welche Größe hat”
u. s. w., schließt mit den Worten: „und sie bewirkt durch Erregung
von Mitleid und Furcht die Katharsis solcher Gemüthsbewegungen.”
Ausführlich erklärt er an anderer Stelle (Rhetorik ~II~, 8), was
Mitleid sei und wodurch dasselbe erregt werde. Mitleid erregend ist
ihm das ganze Gebiet menschlicher Leiden, Zustände und Handlungen,
deren Beobachtung das hervorbringt, was wir Rührung und Erschütterung
nennen. Das Wort Katharsis aber, welches als ein Ausdruck der alten
Heilkunde die Ableitung von Krankheitsstoffen, als Ausdruck des
Götterdienstes die durch Sühnung hervorgebrachte Befreiung des Menschen
von Befleckendem bezeichnete, ist ein offenbar von ihm geschaffener
Kunstausdruck für die eigenartige Wirkung der Tragödie auf die Hörer.
Diese besonderen Wirkungen, welche der scharfsinnige Beobachter an
seinen Zeitgenossen wahrnahm, sind nicht mehr ganz dieselben, welche
die Aufführung eines großen dramatischen Kunstwerks auf unsere
Zuschauer ausübt, aber sie sind ihnen nahe verwandt, und es lohnt, den
Unterschied zu beachten.
Wer je an sich selbst die Wirkungen einer Tragödie beobachtet hat, der
muß mit Erstaunen bemerken, wie die Rührung und Erschütterung, welche
durch die Bewegung der Charaktere verursacht wird, verbunden mit der
mächtigen Spannung, welche der Zusammenhang der Handlung hervorbringt,
das Nervenleben ergreifen. Weit leichter als im wirklichen Leben rollt
die Thräne, zuckt der Mund; dieser Schmerz ist aber zugleich mit
kräftigem Wohlbehagen verbunden; während der Hörer Gedanken, Leiden
und Schicksale der Helden mit einer Lebendigkeit nachempfindet, als
ob sie seine eigenen wären, hat er mitten in der heftigsten Erregung
die Empfindung einer unumschränkten Freiheit, welche ihn zugleich hoch
über die Ereignisse heraushebt, durch welche seine Fähigkeit, Eindrücke
aufzunehmen, vollständig in Anspruch genommen scheint. Er wird nach dem
Fallen des Vorhangs trotz der starken Anstrengung, in welche er durch
Stunden versetzt war, eine Steigerung seiner Lebenskraft wahrnehmen,
das Auge leuchtet, der Schritt ist elastisch, jede Bewegung fest und
frei. Auf die Erschütterung ist ein Gefühl von freudiger Sicherheit
gefolgt, in den Empfindungen der nächsten Stunde ist ein edler
Aufschwung, in seiner Wortfügung nachdrückliche Kraft, die gesammte
eigene Produktion ist ihm gesteigert. Der Glanz großer Anschauungen und
starker Gefühle, der in seine Seele gezogen, liegt wie eine Verklärung
auf seinem Wesen. Diese merkwürdige Ergriffenheit von Leib und Seele,
das Herausheben aus den Stimmungen des Tages, das freie Wohlgefühl
nach großen Aufregungen ist genau das, was bei dem modernen Drama
der Katharsis des Aristoteles entspricht. Es ist kein Zweifel, daß
solche Folge scenischer Aufführungen bei den fein beanlagten Hellenen
nach einer zehnstündigen Anspannung durch die stärksten Wirkungen
gesteigerter und auffallender zu Tage kam.
Die erhebende Einwirkung des Schönen auf die Seele ist keiner Kunst
ganz fremd, aber das Besondere, welches durch die Verbindung von
Schmerz, Schauer und Behagen mit einer starken Anspannung der Phantasie
und Urtheilskraft und durch die hohe Befriedigung unserer Forderungen
an einen vernünftigen Weltzusammenhang hervorgebracht wird, ist
der dramatischen Dichtkunst allein eigen. Auch die durchdringende
Stärke dieses dramatischen Effekts ist bei der Mehrzahl der Menschen
größer als die Stärke der Wirkungen, welche durch andere Künste
ausgeübt werden. Nur die Musik vermag noch heftiger das Nervenleben
zu beeinflussen, aber die Erschütterungen, welche der Ton hervorruft,
fallen vorzugsweise in das Gebiet der unmittelbaren Empfindung, welche
sich nicht zum Gedanken verklärt, sie sind mehr verzückt und weniger
vergeistigt.
Allerdings sind die Wirkungen des Dramas bei uns nicht mehr ganz
dieselben wie zur Zeit des Aristoteles. Und er selbst erklärt uns das.
Er, der so gut wußte, daß die Handlung die Hauptsache im Drama sei
und daß Euripides seine Handlungen übel zusammenfüge, nennt diesen
doch den am meisten tragischen Dichter, d. h. den, welcher die einem
Drama eigenthümlichen Wirkungen am stärksten hervorzubringen wußte.
Uns aber macht kaum ein Stück des Euripides starke Gesammtwirkung,
wie sehr die Seelenstürme der Helden in einzelnen seiner bessern
Dramen erschüttern. Woher kommt diese Verschiedenheit der Auffassung?
Euripides war Meister in Darstellung der leidenschaftlichen Bewegung,
mit zu geringer Rücksicht auf die scharfe Ausprägung der Personen und
auf den vernünftigen Zusammenhang der Handlung. Den Griechen aber war
ihr Drama aus einer Verbindung der Musik und Lyrik heraufgekommen, es
bewahrte über Aristoteles hinaus Einiges aus seiner ersten Jugend.
Der musikalische Bestandtheil dauerte nicht nur in den Chören, auch
dem Helden steigerte sich auf Höhenpunkten die rhythmisch bewegte
Sprache leicht zum Gesange und die Höhenpunkte waren häufig durch breit
ausgeführte Pathosscenen bezeichnet. Der Gesammteindruck der alten
Tragödie stand also zwischen dem unserer Oper und unseres Dramas,
vielleicht der Oper noch näher, er behielt etwas von dem gewaltig
Aufwühlenden der Musik.
Dagegen war in der antiken Tragödie eine andere Wirkung nur
unvollständig entwickelt, welche unserem Trauerspiel unentbehrlich ist.
Die dramatischen Ideen und Handlungen der Griechen entbehrten eine
vernünftige Weltordnung, d. h. eine Fügung der Begebenheiten, welche
aus der Anlage und der Einseitigkeit der dargestellten Charaktere
vollständig erklärt wird. Wir sind freiere Männer geworden, wir
erkennen auf der Bühne kein anderes Schicksal an, als ein solches, das
aus dem Wesen der Helden selbst hervorgeht. Der moderne Dichter hat
dem Zuschauer die stolze Freude zu bereiten, daß die Welt, in welche
er ihn einführt, durchaus den idealen Forderungen entspricht, welche
Gemüth und Urtheil der Hörer gegenüber den Ereignissen der Wirklichkeit
erheben. Menschliche Vernunft erscheint in dem neueren Drama als einig
und eins mit dem Göttlichen, alles Unbegreifliche der Weltordnung nach
den Bedürfnissen unseres Geistes und Gemüthes umgebildet. Und diese
Eigenthümlichkeit der Handlung verstärkt allerdings dem Zuschauer der
besten neueren Dramen die schöne Klarheit und fröhliche Gehobenheit,
sie hilft, ihn selbst auf Stunden größer, freier, edler zu machen. Dies
ist der Punkt, wo der Charakter des modernen Dichters, seine freie
Männlichkeit, größeren Einfluß auf die Gesammtwirkung ausübt, als im
Alterthum.
Diese Einheit des Göttlichen und Vernünftigen suchte auch der attische
Dichter, aber ihm wurde schwer sie zu finden. Allerdings leuchtet
dies freie Tragische auch in einzelnen Dramen des Alterthums auf. Und
das ist erklärlich. Denn die Lebensgesetze des poetischen Schaffens
bestimmen den Schaffenden, lange bevor die Kunstbetrachtung Formeln
dafür gefunden hat, und in seinen besten Stunden mag der Dichter
eine innere Freiheit und Größe erhalten, welche ihn weit über die
Beschränktheiten seiner Zeit hinaushebt. Sophokles leitet einige Male
in fast germanischer Weise Charakter und Schicksal seiner Helden.
Im Ganzen aber kamen die Griechen nicht über eine Gebundenheit
hinaus, welche uns auch bei der stärksten Kunstwirkung als ein Mangel
erscheint. Schon das epische Gebiet ihrer Stoffe war für eine freie
Leitung der Heldengeschicke durchaus ungünstig. Von außen greift ein
unverständliches Schicksal in die Handlung ein, Weissagungen und
Orakelsprüche wirken auf den Entschluß, zufälliges Unglück schlägt
auf die Helden, Unthaten der Eltern bestimmen auch das Schicksal der
spätern Nachkommen, die Personificationen der Gottheit treten als
Freunde und Feinde in die Handlung ein, zwischen dem, was ihren Zorn
aufregt, und den Strafen, welche sie verhängen, ist nach menschlichem
Urtheil nicht immer ein Zusammenhang, noch weniger ein vernünftiges
Verhältniß. Die Einseitigkeit und Willkür, mit welcher sie herrschen,
ist furchtbar und beängstigend, auch wo sie sich einmal mild versöhnen,
bleiben sie ein Fremdes. Solcher kalten Uebermacht gegenüber ist
demüthige Bescheidenheit des Menschen die höchste Weisheit. Wer
fest auf sich selbst zu stehen meint, der verfällt am ersten einer
unheimlichen Gewalt, welche den Schuldigen wie den Unschuldigen
vernichtet. Bei dieser Auffassung, welche im letzten Grunde traurig,
finster, zermalmend war, blieb dem griechischen Dichter nur das Mittel,
auch in die Charaktere seiner unfreien Helden etwas zu legen, was
einigermaßen das Furchtbare, das sie zu leiden hatten, erklärte. Und
die große Kunst des Sophokles zeigt sich unter Anderem auch in dieser
Färbung seiner Personen. Aber nicht immer reicht die weise Fügung
seiner Charaktere hin, um den Verlauf ihres Schicksals zu begründen:
sie bleibt nicht selten ein unzureichendes Motiv. Die Größe, welche
die antiken Dichter hervorbrachten, lag zunächst in der Stärke der
Leidenschaften, dann in dem Ungeheuern der Kämpfe, durch welche ihre
Helden niedergeworfen wurden, endlich in der Strenge, Härte und
Schonungslosigkeit, mit welcher sie die Charaktere handeln und leiden
machten.
Die Griechen aber fühlten sehr gut, daß es nicht rathsam sei, den
Zuschauer nach solchen Wirkungen von den Gebilden der schönen Kunst
zu entlassen. Sie schlossen deshalb die Aufführung des Tages mit
einer Parodie, in welcher sie die ernsten Helden der Tragödie mit
übermüthigem Scherz behandelten und die Kämpfe derselben launig
nachbildeten. Die Satyrspiele waren ein äußerliches Mittel, um die
Erfrischung hervorzubringen, welche für uns in den Wirkungen der
Tragödie selbst liegt.
Aus diesen Gründen gilt von jener Begriffsbestimmung des Aristoteles
der letzte Satz nicht ohne Einschränkungen für unser Drama. Ihm wie uns
ist Hauptwirkung des Dramas die Entladung von den trüben und beengenden
Stimmungen des Tages, welche uns durch den Jammer und das Fürchterliche
in der Welt kommen. Aber wenn er diese Befreiung -- an anderer Stelle
-- dadurch zu erklären weiß, daß der Mensch das Bedürfniß habe, sich
gerührt und erschüttert zu sehen, und daß die gewaltige Befriedigung
und Sättigung dieses Bedürfnisses ihm innere Freiheit gebe, so ist
diese Erklärung zwar auch für uns nicht unverständlich, aber sie nimmt
als den letzten innern Grund dieses Bedürfnisses pathologische Zustände
an, wo wir fröhliche Rührigkeit der Hörer erkennen.
Denn der letzte Grund jeder großen Wirkung des Dramas liegt nicht in
dem Bedürfniß des Hörers, leidend Eindrücke aufzunehmen, sondern in
seinem unablässigen Drange zu schaffen und zu bilden. Der dramatische
Dichter zwingt den Hörer zum Nachschaffen. Die ganze Welt von
Charakteren, von Leid und Schicksal muß der Hörende in sich selbst
lebendig machen; während er mit höchster Spannung aufnimmt, ist er
zugleich in stärkster und schnellster schöpferischer Thätigkeit. Eine
ähnliche Wärme und beglückende Heiterkeit, wie sie der Dichter im
Schaffen empfand, erfüllt auch den nachschaffenden Hörer: daher der
Schmerz mit Wohlgefühl, daher die Erhebung, welche den Schluß des
Werkes überdauert. Und diese Aufregung der schaffenden Kräfte wird
bei dem Drama der Neuzeit allerdings noch von einem milderen Licht
durchstrahlt. Denn eng damit verbunden ist uns die erhebende Empfindung
von der ewigen Vernunft in den schwersten Schicksalen und Leiden des
Menschen. Der Hörer fühlt und erkennt, daß die Gottheit, welche sein
Leben leitet, auch wo sie das einzelne menschliche Dasein zerbricht,
in liebevollem Bündniß mit dem Menschengeschlecht handelt, und er
selbst fühlt sich schöpferisch gehoben, als einig mit der großen,
weltlenkenden Gewalt.
So ist die Gesammtwirkung des Dramas, das Tragische, bei uns jener
griechischen verwandt, nicht mehr ganz dieselbe. Der Grieche lauschte
in der grünen Jugendzeit des Menschengeschlechts nach den Tönen des
Prosceniums, erfüllt von dem heiligen Rausch des Dionysos, der Germane
schaut in die Welt des Scheins, nicht weniger bewegt, aber als ein Herr
der Erde; das Menschengeschlecht hat seitdem eine lange Geschichte
durchlebt, wir alle sind durch historische Wissenschaft erzogen.
Aber nicht nur die Gesammtwirkung des Dramas bezeichnet man durch das
Wort tragisch. Der Dichter der Gegenwart und zuweilen auch das Volk
gebrauchen das Wort in engerer Bedeutung. Wir verstehen darunter auch
eine besondere Art der dramatischen Wirkungen.
Wenn an einem Punkte der Handlung plötzlich, unerwartet, im Gegensatz
zu dem Vorhergehenden etwas Trauriges, Finsteres, Schreckliches
eintritt, das wir doch sofort als aus der ursächlichen Verbindung der
Ereignisse hervorgegangen und aus den Voraussetzungen des Stückes als
vollständig begreiflich empfinden, so ist dies Neue ein tragisches
Moment. Das tragische Moment muß also folgende drei Eigenschaften
haben: 1) es muß wichtig und folgenschwer für den Helden sein, 2)
es muß unerwartet aufspringen, 3) es muß durch eine dem Zuschauer
sichtbare Kette von Nebenvorstellungen in vernünftigem Zusammenhang mit
früheren Theilen der Handlung stehen. Nachdem die Verschworenen den
Cäsar getötet und sich, wie sie meinen, den Antonius verbündet haben,
wiegelt Antonius durch seine Rede dieselben Römer, für deren Freiheit
Brutus den Mord begangen hat, gegen die Mörder auf. Als Romeo sich mit
Julia vermählt hat, ist er in die Nothwendigkeit versetzt, ihren Vetter
Tybalt im Zweikampf zu töten, und wird verbannt. Als Maria Stuart der
Elisabeth so weit genähert ist, daß eine versöhnende Zusammenkunft
der beiden Königinnen möglich wird, entbrennt zwischen beiden ein
Zank, der tötlich für Maria wird. Hier sind die Rede des Antonius,
der Tod des Tybalt, der Zank der Königinnen die tragischen Momente.
Ihre Wirkung beruht darauf, daß der Zuschauer das Bedeutungsvolle als
überraschend und doch in festem Zusammenhange mit dem Vorhergehenden
begreift. Die Rede des Antonius empfindet der Hörer lebhaft als eine
Folge des Unrechts, welches die Verschworenen gegen Cäsar geübt haben;
durch die Stellung des Antonius zu Cäsar und sein Verhalten in der
vorangegangenen Dialogscene mit den Verschworenen wird sie zugleich
als nothwendige Folge der Schonung und des kopflosen und vorschnellen
Vertrauens, welches die Mörder ihm schenken, begriffen. Daß Romeo den
Tybalt töten muß, wird augenblicklich als unvermeidliche Folge des
tötlichen Familienzwistes und des Zweikampfes mit Mercutio verstanden;
den Streit der beiden Königinnen faßt der Hörer sogleich als natürliche
Folge des Stolzes, Hasses und der alten Eifersucht.
In derselben technischen Bedeutung wird das Wort tragisch zuweilen auch
auf Ereignisse des wirklichen Lebens angewandt. Die Thatsache z. B.,
daß Luther, der starke Kämpfer für die Freiheit der Gewissen, in der
letzten Hälfte seines Lebens selbst ein unduldsamer Beherrscher der
Gewissen wurde, enthält, so hingestellt, nichts Tragisches. In Luther
mag sich übergroße Herrschsucht entwickelt haben, er mag altersschwach
geworden sein u. s. w. Von dem Augenblick aber, wo uns durch eine
Reihe von Nebenvorstellungen klar wird, daß diese Unduldsamkeit die
nothwendige Folge desselben ehrlichen rücksichtslosen Ringens nach
Wahrheit war, welches die Reformation durchgesetzt hat, daß dieselbe
fromme Festigkeit, mit welcher Luther seine Auffassung der Bibel der
römischen Kirche gegenüberhielt, ihn dazu brachte, diese Auffassung
gegen abweichendes Urtheil zu vertreten, daß ihm, wenn er in seiner
Stellung außerhalb der Kirche nicht verzweifeln wollte, nur übrig
blieb, stierköpfig den Buchstaben seiner Schrift festzuhalten, --
von dem Augenblicke also, wo wir den innerlichen Zusammenhang seiner
Unduldsamkeit mit allem Guten und Großen seiner Natur begreifen, macht
diese Verdüsterung seines späteren Lebens den Eindruck des Tragischen.
Ebenso bei Cromwell. Daß der Volksführer als Tyrann herrschte, wirkt an
sich nicht tragisch. Daß er es aber wider seinen Willen that und thun
mußte, weil die Parteistellung, durch welche er heraufgekommen war, und
sein Antheil an der Hinrichtung des Königs die Herzen der Gemäßigten
gegen ihn empört hatte, daß der starke Held aus dem Zwange, den ihm
sein früheres Leben auflegte, sich nicht loszuringen vermochte, das
macht die Schatten, welche durch die ungesetzliche Herrschaft in sein
Leben fielen, für uns tragisch. Daß Konradin, das Hohenstaufenkind,
einen Haufen zusammenrafft und in Italien von seinem Gegner erschlagen
wird, das ist an sich nicht dramatisch und in keiner Bedeutung des
Wortes tragisch. Ein schwacher Jüngling mit geringen Hilfsmitteln, --
es war in der Ordnung, daß er unterlag. Wenn uns aber in die Seele
fällt, daß der Jüngling nur dem alten Zuge seines Geschlechtes nach
Italien folgt, daß demselben Zuge fast alle großen Fürsten seines
Hauses unterlegen sind und daß dieser Zug eines Kaisergeschlechts
nichts Zufälliges ist, sondern auf der uralten geschichtlichen
Verbindung Deutschlands mit Italien ruht, so erscheint uns der Tod
Konradin's allerdings tragisch, nicht für ihn selbst, sondern als
letzter Ausgang des größten Herrengeschlechtes jener Zeit.
Mit besonderem Nachdruck muß noch einmal hervorgehoben werden, daß das
tragische Moment in seinem vernünftigen ursächlichen Zusammenhange
mit den Grundbedingungen der Handlung verstanden werden muß. Für
unser Drama haben solche Ereignisse, welche unbegreiflich eintreten,
Zwischenfälle, deren Beziehung zur Handlung sich geheimnißvoll
verhüllt, Einflüsse, deren Bedeutung auf abergläubischen Vorstellungen
beruht, Motive, die aus dem Traumleben genommen sind, Prophezeiungen,
Ahnungen nur untergeordnete Bedeutung. Wenn ein Familienbild, welches
vom Nagel fällt, Tod und Verderben vorbedeutsam anzeigen soll; wenn ein
Dolch, der zu einer Unthat verwendet wurde, mit einem geheimnißvoll
fortwirkenden Fluch behaftet erscheint, bis er auch dem Mörder den
Tod bringt, so sind dergleichen Versuche, die tragische Wirkung auf
einen innern Zusammenhang zu begründen, der uns unverständlich ist
oder unvernünftig erscheint, für das freie Geschlecht der Gegenwart
schwächlich oder gar unleidlich. Was uns als Zufall, selbst als
überraschender, entgegentritt, ziemt nicht für große Wirkungen der
Bühne. Es ist erst einige Jahrzehnte her, daß in Deutschland neben
vielem Andern auch die Verwerthung solcher Motive versucht wurde.
Die Hellenen waren, nebenbei bemerkt, in Benutzung dieser
vernunftwidrigen Momente zu tragischer Wirkung etwas weniger
wählerisch. Sie mochten sich auch einmal damit begnügen, wenn der
innere Zusammenhang eines plötzlich eintretenden tragischen Moments
mit Vorhergehendem nur in ahnungsvollem Schauer empfunden wurde. Wenn
Aristoteles als ein in dieser Richtung wirksames Beispiel anführt, daß
die einem Manne errichtete Bildsäule im Umfallen den erschlug, der an
dem Tode des Mannes schuld war, so würden wir zwar im Leben des Tages
solchen Zufall als bedeutsam empfinden, für die Kunst würden wir ihn
nicht mit Erfolg verwerthen. Sophokles weiß auch bei solchen Momenten
einen natürlichen und verständlichen Zusammenhang zwischen Ursache und
Wirkung hervorzuheben, soweit seine Mythen das irgend gestatteten. Sehr
merkwürdig ist z. B. die Art und Weise, wie er die giftige Wirkung des
Nessoskleides, welches Deianeira dem Herakles sendet, mit realistischer
Ausführlichkeit erklärt.
Das tragische Moment ist aber im Drama eine einzelne von vielen
Wirkungen. Sie kann einmal eintreten, wie gewöhnlich geschieht, sie
kann in demselben Stück öfter angewandt werden. So hat Romeo und
Julie drei tragische Momente: den Tod des Tybalt nach der Vermählung,
die Verlobung der Julia mit Paris nach der Brautnacht, den Tod des
Paris vor der Katastrophe. Die Stellung, welche dies Moment im Stücke
einnimmt, ist nicht immer dieselbe, _ein_ Punkt aber ist vorzugsweise
dafür geeignet, so daß die Fälle, in denen es einen andern Platz
fordert, als Ausnahme betrachtet werden können. Und es ist zweckmäßig,
im Zusammenhange mit dem Vorhergehenden darüber zu reden, obgleich die
Theile des Dramas erst im folgenden Kapitel besprochen werden.
Der Punkt, von welchem ab die That des Helden auf denselben
zurückwirkt, ist einer der wichtigsten im Drama. Dieser Beginn der
Reaktion, mit dem Höhenpunkt zuweilen in einer Scene verbunden, ist,
solange es eine dramatische Kunst gibt, besonders ausgezeichnet worden.
Die Befangenheit des Helden und die verhängnißvolle Lage, in welche
er sich gebracht hat, soll dadurch eindringlich dargestellt werden;
zugleich aber hat dieses Moment die Aufgabe, für den zweiten Theil des
Stückes neue Spannung hervorzubringen, umsomehr, je glänzender der
äußere Erfolg des Helden bis dahin gewesen ist und je großartiger die
Scene des Höhenpunktes denselben dargestellt hat. Was jetzt in das
Stück tritt, muß alle die Eigenschaften haben, welche oben auseinander
gesetzt wurden, es muß ein scharfer Gegensatz, es muß nicht zufällig,
es muß folgenschwer sein. Deshalb wird es Wichtigkeit und eine gewisse
Größe haben müssen. Diese Scene des tragischen Momentes folgt entweder
der Scene des Höhenpunktes unmittelbar, wie die Verzweiflung der Julia
auf den Abschied Romeo's, oder durch eine Zwischenscene verbunden, wie
die Rede des Antonius auf die Ermordung des Cäsar; oder sie ist mit der
Scene des Höhenpunktes zu einer scenischen Einheit zusammengekoppelt,
wie in Maria Stuart, oder sie ist gar durch einen Aktschluß davon
getrennt, wie in Kabale und Liebe, wo das Briefschreiben Luisens den
Höhenpunkt bezeichnet, die Ueberzeugung Ferdinand's von der Untreue der
Geliebten das tragische Moment.
Solche Scenen stehen fast immer noch im dritten Akt unserer Stücke,
weniger wirksam im Beginn des vierten.
Sie sind allerdings dem Trauerspiel nicht unbedingt nothwendig, es ist
sehr wohl möglich, die wachsende Rückwirkung durch mehre Schläge in
allmählicher Verstärkung zu leiten. Dies wird zumeist da der Fall sein,
wo die Katastrophe durch Gemüthsvorgänge des Helden bewirkt wird, wie
im Othello.
Es ist für uns Moderne von Werth, zu erkennen, wie wichtig den Griechen
dieses Eintreten des tragischen Momentes in die Handlung war. Es war
unter anderem Namen genau dieselbe Wirkung, und sie wurde durch die
attischen Kunstrichter noch bedeutsamer hervorgehoben, als uns nöthig
ist. Auch ihren Tragödien war dies Moment nicht unentbehrlich, aber
es galt für eine der schönsten und wirkungsvollsten Erfindungen. Ja
sie unterschieden diese Wirkung darnach, ob sie in der Handlung selbst
oder in der Stellung der Hauptcharaktere zu einander eine Wendung
hervorbrachte, und hatten für jeden dieser Fälle besondere Benennungen,
offenbar Ausdrücke der alten Dichterwerkstatt, welche uns ein Zufall in
der Poetik des Aristoteles erhalten hat.[9]
Peripetie heißt den Griechen das tragische Moment, welches das Wollen
des Helden und damit die Handlung durch das plötzliche Einbrechen
eines zwar unvorhergesehenen und überraschenden, aber in der Anlage
der Handlung bereits gegründeten Ereignisses in einer Richtung
forttreibt, welche von der des Anfanges sehr verschieden ist. Solche
Peripetiescenen sind im Philoktet die Wandlung in den Ansichten des
Neoptolemos, im König Oedipus die Berichte des Boten und des Hirten
an Iokaste und den König, in den Trachinierinnen der Bericht des
Hyllos an Deianeira über die Wirkung des Nessoskleides. Vorzugsweise
durch dieses Moment wurde eine kräftige Bewegung des zweiten Theils
hervorgebracht, und die Athener unterschieden sorgfältig Tragödien mit
und ohne Peripetie. Die mit Peripetie galten im Ganzen betrachtet für
die besseren. Nur darin unterscheidet sich dies Moment der antiken
Handlung von dem entsprechenden neueren, daß es nicht nothwendig eine
unheilvolle Wendung bezeichnete, weil die Tragödie des Alterthums nicht
immer traurigen Ausgang hatte, sondern auch den plötzlichen Umschwung
zum Besseren.
Kaum geringere Bedeutung beanspruchten die Scenen, in denen die
Stellung der handelnden Personen zu einander dadurch geändert wurde,
daß sich eine alte wichtige Beziehung zwischen ihnen unerwartet
offenbarte. Diese Scenen der Anagnorisis, Erkennungsscenen, waren
es vorzugsweise, in denen die gemüthlichen Beziehungen der Helden
zu einander in großartiger Ausführung sichtbar wurden. Und da die
griechische Bühne unsere Liebesscenen nicht kannte, so nahmen sie
eine ähnliche Stellung ein, obgleich nicht immer Zuneigung, auch Haß
in ihnen aufbrannte. Gelegenheit zu solchen Scenen aber boten die
Stoffe der Hellenen sehr reichlich. Die Helden der griechischen Sage
sind fast ohne Ausnahme ein umherschweifendes Geschlecht. Ausziehen
und wiederkehren, Freunde und Feinde unerwartet finden, gehörte zu
den häufigsten Zügen der Sage. Fast jeder Sagenkreis enthält Kinder,
welche ihre Eltern nicht kannten, Gatten, welche nach längerer Trennung
einander unter bedenklichen Umständen wiedersahen, Gastfreunde und
Feinde, welche Namen und Absicht klug zu verhüllen suchten. Deshalb
wurden bei vielen Stoffen Scenen der Begegnung, des Wiederfindens,
der Erinnerung an bedeutungsvolle Ereignisse der Vergangenheit von
entscheidender Wichtigkeit. Und nicht nur das Wiedererkennen von
Menschen, auch das Erkennen einer Gegend, einer beziehungsvollen Sache
konnte Motiv für eine starke Bewegung werden. Solche Scenen gaben
dem antiken Dichter eine willkommene Gelegenheit zur Darstellung
von Gegensätzen der Empfindung und zu den beliebten pathetischen
Ausführungen, in welchen das heftig erregte Gefühl in langen Wellen
ausströmte. Die Frau, welche einen Feind töten will und vor oder nach
der That den eigenen Sohn erkennt; der Sohn, welcher in der Todfeindin
seine Mutter wiederfindet, wie Ion; die Priesterin, welche den fremden
Mann opfern soll und in ihm den Bruder erräth, wie Iphigeneia; die
Schwester, welche den toten Bruder betrauert und im Ueberbringer des
Aschenkruges den lebenden zurückerhält, wie Elektra; die Amme des
Odysseus, welche in einem Bettler den heimkehrenden Herrn an der Narbe
des Fußes herausfindet, sind einige von den zahlreichen Beispielen.
Häufig wurden solche Erkennungsscenen zu Peripetiemomenten, wie die
oben erwähnten Berichte des Boten und des Hirten für das Königspaar von
Theben. Bei Aristoteles mag man nachlesen, wie wichtig den Griechen die
Umstände waren, durch welche die Erkennung veranlaßt wurde, sie werden
von dem großen Philosophen genau nach ihrem inneren Werthe abgewogen
und geschätzt. Und es macht fröhlich zu sehen, daß auch schon dem
Griechen nicht zufällige äußere Merkmale für kunstgemäße Motive galten,
sondern innere Bezüge zwischen den Erkennenden, welche sich ungezwungen
und charakteristisch für beide in der Gesprächsscene offenbarten.
Gerade hier wird uns ein Einblick, wie fein und ausgebildet die
Theaterkritik der Griechen war, und wie peinlich gewissenhaft sie vor
einem neuen Drama auf das achteten, was ihrer Kunstanschauung für
schöne Wirkung galt.
Zweites Kapitel.
Der Bau des Dramas.
1.
Spiel und Gegenspiel.
Das Drama stellt in einer Handlung durch Charaktere, vermittelst Wort,
Stimme, Geberde diejenigen Seelenvorgänge dar, welche der Mensch vom
Aufleuchten eines Eindrucks bis zu leidenschaftlichem Begehren und zur
That durchmacht, sowie die inneren Bewegungen, welche durch eigene und
fremde That aufgeregt werden.
Der Bau des Dramas soll diese beiden Gegensätze des Dramatischen
zu einer Einheit verbunden zeigen, Ausströmen und Einströmen der
Willenskraft, das Werden der That und ihre Reflexe auf die Seele, Satz
und Gegensatz, Kampf und Gegenkampf, Steigen und Sinken, Binden und
Lösen.
In jeder Stelle des Dramas kommen beide Richtungen des dramatischen
Lebens, von denen die eine die andere unablässig fordert, in Spiel
und Gegenspiel zur Geltung; aber auch im Ganzen wird die Handlung des
Dramas und die Gruppirung seiner Charaktere dadurch zweitheilig. Der
Inhalt des Dramas ist immer ein Kampf mit starken Seelenbewegungen,
welchen der Held gegen widerstrebende Gewalten führt. Und wie der Held
ein starkes Leben in gewisser Einseitigkeit und Befangenheit enthalten
muß, so muß auch die gegenspielende Gewalt durch menschliche Vertreter
sichtbar gemacht werden.
Es ist zunächst gleichgiltig, auf welcher Seite der Kämpfenden die
höhere Berechtigung liegt, ob Spieler oder Gegenspieler mehr von
Sitte, Gesetz, Ueberlieferung ihrer Zeit und dem Ethos des Dichters
enthalten, in beiden Parteien mag Gutes und Schlechtes, Kraft und
Schwäche verschieden gemischt sein. Beide aber müssen einen allgemein
verständlichen menschlichen Inhalt haben. Und immer muß der Hauptheld
sich vor den Gegenspielern kräftig abheben, der Antheil, welchen er für
sich gewinnt, muß der größere sein, um so größer, je vollständiger das
letzte Ergebniß des Kampfes ihn als Unterliegenden zeigt.
Diese zwei Haupttheile des Dramas sind durch einen Punkt der Handlung,
welcher in der Mitte derselben liegt, fest verbunden. Diese Mitte, der
Höhenpunkt des Dramas, ist die wichtigste Stelle des Aufbaues, bis zu
ihm steigt, von ihm ab fällt die Handlung. Es ist nun entscheidend für
die Beschaffenheit des Dramas, welche von den beiden Brechungen des
dramatischen Lichtes in den ersten, und welche in den zweiten Theil als
die vorherrschende gesetzt wird, ob das Ausströmen oder Einströmen, das
Spiel oder das Gegenspiel den ersten Theil erhält. Beides ist erlaubt,
beide Fügungen des Baues vermögen ihre Berechtigung an Dramen von
höchstem Werth nachzuweisen. Und diese beiden Arten ein Drama zu bilden
sind charakteristisch geworden für die einzelnen Dichter und die Zeit,
in welcher sie lebten.
Entweder nämlich wird die Hauptperson, der Held des Stücks, so
eingeführt, daß sich Wesen und Eigenthümlichkeit desselben noch
unbefangen ausspricht, und zwar bis zu den Momenten, wo als Folge
äußerer Anregung oder innerer Gedankenverbindung in ihm der Beginn
eines gewaltigen Gefühls oder Wollens wahrnehmbar wird. Die innere
Bewegung, die leidenschaftliche Spannung, das Begehren des Helden
steigert sich, neue Umstände, fördernd oder hemmend, verstärken seine
Befangenheit und den Kampf, siegreich schreitet der Hauptcharakter
vor bis zu einer Lebensäußerung, in welcher die volle Kraft eines
Gefühls und Wollens sich zu einer „That” zusammendrängt, durch welche
die hohe Spannung des Helden für den Augenblick gelöst wird. Von
da beginnt eine Umkehr der Handlung; der Held erschien bis dahin
in einseitigem aber erfolgreichem Begehren, von innen nach außen
wirkend, die Lebensverhältnisse, in denen er auftrat, mit sich
verändernd. Von dem Höhenpunkt wirkt das, was er gethan hat, auf ihn
selbst zurück und gewinnt Macht über ihn; die Außenwelt, welche im
Aufsteigen des leidenschaftlichen Kampfes durch den Helden besiegt
wurde, erhebt sich im Kampfe über ihn. Immer stärker und siegreicher
wird diese Gegenwirkung, bis sie zuletzt in der Schlußkatastrophe mit
unwiderstehlicher Gewalt den Helden unterliegen macht. Auf solche
Katastrophe folgt schnell das Ende des Stückes, der Zustand, wo die
Wiederherstellung der Ruhe nach dem Kampfe sichtbar wird.
Bei dieser Anordnung sieht man zuerst das Werden der Aktion, dann die
Wirkungen der Reaktion; der erste Theil wird bestimmt durch die aus
der Tiefe des Helden herausbrechenden Forderungen, der zweite durch
die Gegenforderungen, welche die heftig aufgeregte Umgebung erhebt.
Dies ist der Bau der Antigone, des Aias, aller großen Tragödien
Shakespeare's mit Ausnahme des Othello und Lear, dann der Jungfrau und,
weniger sicher, der Doppeltragödie Wallenstein.
Die andere Anordnung des Dramas dagegen stellt den Helden beim Beginn
in verhältnißmäßiger Ruhe unter Lebensbedingungen dar, welche fremden
Gewalten einen Einfluß auf sein Inneres nahe legen. Diese Gewalten,
die Gegenspieler, arbeiten mit gesteigerter Thätigkeit so lange in
die Seele des Helden, bis sie denselben auf dem Höhenpunkt in eine
verhängnißvolle Befangenheit versetzt haben, von welcher ab der Held
in leidenschaftlichem Drange, begehrend, handelnd abwärts bis zur
Katastrophe stürzt.
Dieser Bau benutzt die Gegenspieler, um die starke Bewegung der
Hauptspieler zu motiviren; das Verhältniß der Hauptfiguren zu der Idee
des Dramas ist ein durchaus anderes, sie treiben in der aufsteigenden
Handlung nicht, sondern werden getrieben.
Beispiele für diese Art des Baues sind König Oedipus, Othello, Lear,
Emilia Galotti, Clavigo, Kabale und Liebe.
Es könnte scheinen, daß diese zweite Methode der Dramenbildung die
wirksamere sein müsse. Allmählich, in besonders genauer Ausführung
sieht man die Conflikte, durch welche das Leben der Helden gestört
wird, das Innere derselben bestimmen. Gerade da, wo der Zuschauer
kräftige Steigerung der Wirkungen fordert, tritt die vorbereitete
Herrschaft der Hauptcharaktere ein, Spannung und Theilnahme, die in der
zweiten Hälfte des Dramas schwerer zu erhalten sind, bleiben auf die
Hauptpersonen festgebannt, der stürmische und unaufhaltsame Fortschritt
nach abwärts ist gewaltigen und erschütternden Wirkungen besonders
günstig. Und in der That sind Stoffe, in denen das allmähliche
Entstehen einer verhängnißvollen Leidenschaft enthalten ist, die
den Helden zuletzt dem Untergange zuführt, für solche Behandlung
vorzugsweise günstig.
Aber das beste dramatische Recht hat diese Art und Weise des Baues
dennoch nicht, und es ist kein Zufall, daß die größten Stücke von
solcher Beschaffenheit bei tragischem Ausgang dem Hörer in die Bewegung
und Erschütterung leicht eine quälende Empfindung mischen, welche
Freude und Erfrischung verringert. Denn sie zeigen den Helden nicht
vorzugsweise als thatlustige, angreifende Natur, sondern als einen
Empfangenden, Leidenden, der übermächtig bestimmt wird durch das
Gegenspiel, das von außen in ihn schlägt. Die höchste Gewalt einer
Menschenkraft, das was am unwiderstehlichsten die Herzen der Zuhörer
fortreißt, ist zu allen Zeiten der kühne Sinn, der rücksichtslos sein
eigenes Innere den Gewalten, welche ihn umgeben, gegenüberstellt. Das
Wesen des Dramas ist Kampf und Spannung; je früher diese durch den
Haupthelden selbst hervorgerufen und geleitet werden, desto besser.
Es ist wahr, jene erste Bauweise des Dramas birgt eine Gefahr, welche
auch durch das Genie nicht in jedem Falle siegreich überwunden
wird. Bei ihr ist in der Regel der erste Theil des Dramas, der den
Helden in gesteigerter Spannung bis zum Höhenpunkt hinauftreibt,
in seinem Erfolge gesichert; aber der zweite Theil, welcher doch
die größeren Wirkungen fordert, hängt zumeist von dem Gegenspiel
ab, und dies Gegenspiel muß hier in heftigerer Bewegung und in
verhältnißmäßig größerer Berechtigung motivirt werden. Das mag die
Aufmerksamkeit zerstreuen, anstatt sie zu steigern. Dazu kommt, daß
der Held vom Höhenpunkt seines Handelns schwächer erscheinen muß als
die gegenwirkenden Gestalten. Auch dadurch mag das Interesse an ihm
verringert werden. Doch trotz dieser Schwierigkeit darf der Dichter
nicht in Zweifel sein, welcher Anordnung er den Vorzug zu geben hat.
Seine Arbeit wird schwerer, es gehört bei solcher Anlage große Kunst
dazu, die letzten Akte gut zu machen. Aber Begabung und gutes Glück
sollen das überwinden. Und die schönsten Kränze, welche die dramatische
Kunst zu geben vermag, sinken auf das gelungene Werk. Allerdings ist
der Dichter hierbei von seinem Stoff abhängig, der zuweilen keine Wahl
läßt. Deshalb ist eine der ersten Fragen, welche der Dichter an einen
lockenden Stoff zu stellen hat, _ob derselbe im Spiel oder Gegenspiel
aufsteigt_.
Es ist belehrend, in dieser Beziehung die großen Dichter zu
vergleichen. Von den wenigen Dramen des Sophokles, die uns erhalten
sind, gehört die Mehrzahl (4) denen an, wo der Hauptspieler die Führung
hat, wie ungünstig auch das Gebiet epischer Stoffe für die freie
Selbstbestimmung der Helden war. -- Die höchste Kraft und Kunst aber
bewährt hier Shakespeare. Er vorzugsweise ist der Dichter der schnell
entschlossenen Charaktere, Lebensfeuer und Mark, gedrungene Energie
und hochgespannte männliche Kraft seiner Helden treiben gleich nach der
Eröffnungsscene die Stücke in schneller Steigerung aufwärts.
In schneidendem Gegensatz zu ihm steht die Neigung der großen deutschen
Dichter des vorigen Jahrhunderts. Sie lieben breites Motiviren,
sorgfältiges Begründen des Ungewöhnlichen. In mehren ihrer Dramen
sieht es aus, als würden ihre Helden ruhig in gemäßigter Stimmung,
in unsichern Verhältnissen beharren, wenn man sie nur ließe. Und wie
den meisten Heldencharakteren der Deutschen fröhliche Kraft, hartes
Selbstvertrauen und schneller Entschluß zur That fehlen, so stehen sie
auch in der Handlung unsicher, grübelnd, zweifelnd, mehr durch äußere
Verhältnisse als durch rücksichtsloses Fordern fortbewegt. Das ist
bedeutungsvoll für die Bildung des vorigen Jahrhunderts, für Kultur und
Seelenleben eines Volkes, dem das fröhliche Gedeihen, ein öffentliches
Leben, Selbstregierung so sehr fehlten. Sogar Schiller, welcher doch
heftige Leidenschaften aufzuregen weiß, liebt es, den Gegenspielern im
ersten Theil, den Haupthelden erst im zweiten vom Höhenpunkt abwärts
die Führung zu geben. So werden in Kabale und Liebe Ferdinand und
Luise durch die Intriganten fortgestoßen, erst von der Scene zwischen
Ferdinand und dem Präsidenten, nach dem tragischen Moment, übernimmt
Ferdinand die Führung bis zum Ende. Noch schlechter steht der Held
Don Carlos zu der Handlung seines Stückes, er wird sowohl in der
steigenden als in der fallenden Hälfte bevormundet. In Maria Stuart
hat die Heldin allerdings die verhängnißvolle Leitung ihres Schicksals
bis zum Höhenpunkt, der Gartenscene, insofern sie die Stimmungen ihrer
Gegenspieler beherrscht: der vorwärts treibende Theil sind aber, wie
durch den Stoff geboten war, die Intriganten und Elisabeth.
Weit bekannter und doch von geringerer Bedeutung für den Bau des Dramas
ist die Unterscheidung der Dramen, welche von der letzten Wendung im
Geschick des Helden und von dem Inhalt der Katastrophe hergenommen
wird. Die neue Bühne der Deutschen unterscheidet zwei Arten des ernsten
Dramas, Trauerspiel und Schauspiel. Die strenge Unterscheidung in
diesem Sinne ist auch bei uns nicht alt, sie ist auf den Repertoiren
erst seit Iffland durchgeführt. Und wenn man jetzt auf der Bühne
zuweilen Lustspiel, Schauspiel und Trauerspiel als drei verschiedene
Arten der recitirenden Darstellung einander gegenüberstellt, so ist
doch das Schauspiel seinem Wesen nach keine dritte gleichstehende Art
des dramatischen Schaffens, sondern eine Unterabtheilung des ernsten
Dramas. Die attische Bühne hatte nicht den Namen, aber die Sache.
Schon zur Zeit des Aeschylos und Sophokles war ein finsterer Ausgang
keineswegs der Tragödie unentbehrlich, von sieben erhaltenen Tragödien
des letzteren haben zwei, Aias und Philoktetes, ja in den Augen der
Athener auch Oedipus auf Kolonos, einen milden Schluß, welcher das
Schicksal des Helden zum Bessern wendet. Selbst bei Euripides, dem die
Poetik nachrühmt, daß er düstern Ausgang liebe, sind unter siebzehn
erhaltenen Tragödien außer der Alkestis noch vier: Helena, Iphigeneia
in Tauris, Andromache, Ion, deren Ende dem unserer Schauspiele
entspricht; bei mehren anderen ist der traurige Ausgang zufällig und
unmotivirt. Und es scheint, daß die Athener bereits denselben Geschmack
hatten, den wir an unsern Zuschauern kennen, sie sahen am liebsten
solche Tragödien, welche in unserem Sinn Schauspiele waren, in denen
der Held arg durch das Schicksal gezaust wurde, aber zuletzt Haut und
Haar gerettet davontrug.
Auf der modernen Bühne ist unleugbar die Berechtigung des Schauspiels
noch größer geworden. Edler und freier fassen wir die Menschennatur,
wir vermögen reizvoller, wirksamer und genauer innere Kämpfe des
Gewissens, entgegenstehende Ueberzeugungen zu schildern. In einer
Zeit, in welcher man sogar über Abschaffung der Todesstrafe verhandelt
hat, sind die Toten am Ende eines Stückes, so scheint es, leichter zu
entbehren; wir trauen in der Wirklichkeit einer starken Menschenkraft
zu, daß sie die Pflicht des Lebens sehr hoch halte, auch schwere
Missethat nicht durch den Tod, sondern durch ein reineres Leben büße.
Aber diese veränderte Auffassung des irdischen Daseins kommt dem Drama
nicht nach jeder Richtung zu Gute. Es ist wahr, der tötliche Ausgang
ist zumal bei modernen Stoffen weniger Bedürfniß als bei dramatischer
Behandlung epischer Sagen oder älterer geschichtlicher Begebenheiten.
Aber nicht, daß der Held zuletzt am Leben bleibt, macht ein Stück zum
Schauspiel, sondern daß er aus den Kämpfen als Sieger oder durch einen
Ausgleich mit seinem Gegensatze versöhnt hervorgeht. Ist er am Ende der
unterliegende, muß er gebrochen werden, so behält das Stück nicht nur
den Charakter, sondern auch den Namen eines Trauerspiels. Der Prinz von
Homburg ist Schauspiel, Tasso eine Tragödie.
Das Drama der Neuzeit hat in den Kreis seiner Stoffe ein weites Gebiet
aufgenommen, welches der ältern Tragödie der Griechen, ja in der
Hauptsache noch der Kunst Shakespeare's fremd war: das bürgerliche
Leben der Gegenwart, die Conflikte unserer Gesellschaft. Kein Zweifel,
daß die Kämpfe und Leiden moderner Menschen eine tragische Behandlung
möglich machen und daß diese ihnen noch viel zu wenig zu Theil geworden
ist; aber das Genrehafte, Zahme und Rücksichtsvolle, welches dieser
Gattung von Stoffen in der Regel anhängt, gibt auch der künstlerischen
Auffassung völlige Berechtigung, welche gerade hier gern solche Kämpfe
vorführt, denen wir im wirklichen Leben eine milde Ausgleichung
zutrauen und wünschen. Bei der breiten und volksthümlichen Ausdehnung,
welche diese Behandlung gewonnen hat, gilt es zweierlei hervorzuheben.
Erstens, daß die Gesetze für Bau des Schauspiels und Leben der
Charaktere in der Hauptsache dieselben sind, wie für das Trauerspiel,
und daß es für den Schaffenden nützlich ist, diese Gesetze aus dem
Drama hohen Stils zu erkennen, wo jeder Verstoß dagegen dem Erfolg des
Stückes verhängnißvoll werden mag.
Zweitens aber, daß das Schauspiel, bei welchem eine weichere
Ausgleichung der Conflikte im zweiten Theile nothwendig ist, doppelt
Ursache hat, in der ersten Hälfte herzhaftes und frisches Begehren
seines Helden durch feine Charakterschilderung zu motiviren. Es kommt
sonst in Gefahr, zu einem Situationsstück oder Intriguenstück zu
werden, im ersten Fall einer behaglichen Schilderung von Zuständen und
charakteristischen Eigenthümlichkeiten die kräftige Bewegung einer
einheitlichen Handlung zu opfern, im andern Fall über den schnellen
Schachzügen einer unruhigen Handlung die Ausbildung der Charaktere zu
vernachlässigen. Das erstere ist Neigung der Deutschen, das andere der
Romanen; beide Arten der Zurichtung eines Stoffes sind einer würdigen
Behandlung ernster Kämpfe ungünstig, sie gehören ihrem Wesen nach der
Komödie, nicht dem ernsten Drama an.
2.
Fünf Theile und drei Stellen des Dramas.
Durch die beiden Hälften der Handlung, welche in einem Punkt
zusammenschließen, erhält das Drama, -- wenn man die Anordnung
durch Linien verbildlicht, -- einen pyramidalen Bau. Es steigt von
der Einleitung mit dem Zutritt des erregenden Moments bis zu dem
Höhenpunkt, und fällt von da bis zur Katastrophe. Zwischen diesen drei
Theilen liegen die Theile der Steigerung und des Falles. Jeder dieser
fünf Theile kann aus einer Scene oder aus einer gegliederten Folge von
Scenen bestehen, nur der Höhenpunkt ist gewöhnlich in einer Hauptscene
zusammengefaßt.
[Illustration]
Diese Theile des Dramas, ~a)~ Einleitung, ~b)~ Steigerung, ~c)~
Höhenpunkt, ~d)~ Fall oder Umkehr, ~e)~ Katastrophe, haben jeder
Besonderes in Zweck und Baueinrichtung. Zwischen ihnen stehen drei
wichtige scenische Wirkungen, durch welche die fünf Theile sowohl
geschieden als verbunden werden. Von diesen drei dramatischen
Momenten steht eines, welches den Beginn der bewegten Handlung
bezeichnet, zwischen Einleitung und Steigerung, das zweite, Beginn
der Gegenwirkung, zwischen Höhenpunkt und Umkehr, das dritte, welches
vor Eintritt der Katastrophe noch einmal zu steigern hat, zwischen
Umkehr und Katastrophe. Sie heißen hier: das erregende Moment, das
tragische Moment, das Moment der letzten Spannung. Die erste Wirkung
ist jedem Drama nöthig, die zweite und dritte sind gute, aber nicht
unentbehrliche Hilfsmittel. -- Es werden deshalb im Folgenden acht
Bestandtheile des Dramas in ihrer Reihenfolge aufgeführt.
_Die Einleitung._ Der Brauch des Alterthums war, die Vorbedingungen
der Handlung in einem Prolog mitzutheilen. Der Prolog des Sophokles,
ja schon des Aeschylos ist ein durchaus nothwendiger und wesentlicher
Theil der Handlung, dramatisch belebt und gegliedert, welcher genau
unserer Eröffnungsscene entspricht und in der alten Regiebedeutung des
Wortes den Theil der Handlung umfaßt, welcher vor dem Einzugsgesang
des Chors lag. Bei Euripides ist er in nachlässiger Rückkehr zu
der älteren Gewohnheit ein epischer Botenbericht, den eine Maske
den Zuhörern abstattet, die nicht einmal immer in dem Stück selbst
auftritt, wie Aphrodite im Hippolytos, der Geist des getöteten
Polydoros in der Hekabe. -- Bei Shakespeare ist der Prolog ganz von der
Handlung abgelöst, er ist nur Anrede des Dichters, enthält Artigkeit,
Entschuldigung, die Bitte aufzumerken. Die deutsche Bühne hat, seit
ihr nicht mehr nöthig ist, Ruhe und Aufmerksamkeit zu erbitten, diesen
Prolog zweckmäßig aufgegeben, sie läßt ihn als Festgruß, welcher einmal
eine einzelne Vorstellung auszeichnet, oder als zufällige Laune des
Dichters zu. Bei Shakespeare sowohl als bei uns ist die Einleitung
wieder in die rechte Stelle getreten, sie ist mit dramatischer Bewegung
erfüllt und ein organischer Theil im Bau des Dramas geworden. Doch hat
in einzelnen Fällen die neuere Bühne einer anderen Versuchung nicht
widerstanden, die Einleitung zu einem Situationsbilde auszuweiten und
als besonderes Vorspiel dem Drama vorauszusenden. Berühmte Beispiele
sind die Jungfrau von Orleans und das Käthchen von Heilbronn,
Wallensteins Lager, und die schönsten aller Prologe, die zu Faust.
Daß solche Ablösung der Eröffnungsscene bedenklich ist, wird leicht
zugegeben werden. Der Dichter, welcher sie als ein getrenntes Stück
behandelt, ist gezwungen, ihr eine Ausdehnung und Gliederung zu
geben, welche ihrer innern Bedeutung nicht entspricht. Was als ein
Besonderes durch starken Einschnitt abgesetzt erscheint, verfällt
den Gesetzen jeder größeren dramatischen Einheit, es muß wieder eine
Einleitung, Steigerung, eine mäßige Höhe, einen Abschluß erhalten.
Solche Voraussetzungen eines Dramas aber, die Zustände vor dem Eintritt
der bewegenden Kraft, sind einer kräftig gegliederten Bewegung nicht
günstig, und der Dichter wird deshalb seine Personen in ausgeschmückten
und verhältnißmäßig breit ausgeführten Situationen vorzuführen
haben. Er wird diese Situationen in einiger Fülle und Reichlichkeit
geben _müssen_, weil jeder abgeschlossene Bau auch eine selbständige
Theilnahme erwecken und befriedigen soll, was nur bei gewisser
Zeitdauer möglich ist. Dadurch aber entstehen zwei Uebelstände, einmal
daß der Haupthandlung die auf unserer Bühne ohnedies nicht reichlich
zugemessene Zeit beschränkt wird, und ferner, daß das Vorspiel durch
die breite Behandlung und den ruhigen Inhalt wahrscheinlich eine Farbe
erhält, welche von der des Dramas abweicht und den Hörer zerstreut und
befriedigt, anstatt ihn vorzubereiten.
Es ist fast immer Bequemlichkeit des Dichters und mangelhafte Anordnung
des Stoffes, welche bei einem Bühnenstück den Aufbau des Vorspiels
veranlaßt. Kein Stoff darf weitere Voraussetzungen behalten, als
solche, welche sich in wenigen kurzen Strichen wiedergeben lassen.
Da die Darstellung von Ort, Zeit, Volksthum und Lebensverhältnissen
des Helden der Einleitung des Dramas zukommt, so wird diese zunächst
das Umgebende kurz charakterisiren. Außerdem wird dem Dichter hier
Gelegenheit sowohl die eigenthümliche Stimmung des Stückes wie in
kurzer Ouverture anzudeuten, als auch das Tempo desselben, die größere
Leidenschaftlichkeit oder Ruhe, mit welcher die Handlung forteilt.
Der gemäßigte Gang, das milde Licht im Tasso wird durch den heitern
Glanz des fürstlichen Gartens, die ruhige Unterhaltung der geschmückten
Frauen, die Kränze, das Schmücken der Dichterbilder eingeführt. In
Maria Stuart gibt das Erbrechen der Schränke, der Streit Paulet's
mit der Kennedy ein gutes Bild der Lage. Im Nathan ist die erregte
Unterhaltung des heimkehrenden Nathan mit Daja eine vortreffliche
Einführung in den würdigen Gang der Handlung und in die Gegensätze der
innerlich bewegten Charaktere. In den Piccolomini gibt die Begrüßung
der Generäle und Questenberg's eine besonders schöne Vorbereitung
in die allmählich steigende Bewegung. Der größte Meister in guten
Anfängen ist aber Shakespeare. In Romeo: Tag, offene Straße, Händel
und Schwerterklirren der feindlichen Parteien; in Hamlet: Nacht, der
spannende Commandoruf, Aufziehen der Wache, das Erscheinen des Geistes,
unruhige, düstere, zweifelvolle Erregtheit; in Macbeth: Sturm, Donner,
die unheimlichen Hexen auf wüster Haide. Und wieder in Richard ~III.~:
keine auffallende Umgebung, ein einzelner Mann auf der Bühne, der
Alle beherrschende Bösewicht, der das ganze dramatische Leben des
Stückes regiert, sich selbst den Prolog sprechend. So in jedem seiner
kunstvolleren Dramen.
Als Regel gelte, daß es nützlich ist, den ersten Accord nach Eröffnung
der Bühne so stark und nachdrücklich anzuschlagen, als der Charakter
des Stückes erlaubt. Es versteht sich, daß man den Clavigo nicht
mit Trommelwirbel und den Tell nicht mit Kindergezänk in häuslichem
Stillleben eröffnet; eine dem Stücke angemessene kurze Bewegung führe
zwanglos zu der ruhigeren Exposition über. Zuweilen ist dieser erste
anspannende Accord bei Shakespeare, dem seine Bühne größere Freiheit
gestattete, von der folgenden Exposition durch einen scenischen
Einschnitt geschieden; so folgt ihm im Hamlet eine Hofscene, im Macbeth
das Auftreten Duncan's und der Schlachtbericht. Ebenso im Julius
Cäsar, wo Unterredung und Streit der Tribunen und Plebejer den ersten
stärkeren Anschlag bilden, welchem sich die Exposition: Unterredung
des Cassius und Brutus und festlicher Einzug des Cäsar, anschließt.
Auch in Maria Stuart folgt dem Streit mit Paulet die Expositionsscene:
Maria und Kennedy; so im Tell dem reizvollen, nur zu melodramatischen
Eröffnungsbilde die Unterredung der Landleute.
Nun ist allerdings dieser Accord des Anfangs nicht nothwendig ein
lautes Zusammentönen verschiedener Personen, sehr gut mögen auch kurze
Seelenbewegungen der Hauptpersonen das erste Kräuseln kleiner Wellen
andeuten, welches die Stürme des Dramas einzuleiten hat. So geht in
Emilia Galotti die Exposition von der unruhigen Bewegung des Prinzen am
Arbeitstisch durch die in größerem Wellenschlage gehaltene Unterredung
mit Conti bis in die Scene mit Marinelli, welche das aufregende
Moment: Nachricht von der bevorstehenden Vermählung Emilia's, enthält.
Aehnlich, aber weniger bequem im Clavigo von der Unterredung am
Schreibtische des Clavigo durch die Wohnung der Marie bis zum Beginn
der Handlung selbst: dem Besuch des Beaumarchais bei Clavigo. Ja die
Handlung kann sich allmählich so erheben, daß die gehaltene Ruhe des
Anfangs eine wirksame Unterlage bildet, wie in Goethe's Iphigenie.
Wenn Shakespeare und die Deutschen der frühern Zeit -- Sara Sampson,
Clavigo -- in der Einleitung den Scenenwechsel nicht vermieden haben,
so ist das für unsere Bühne nicht nachzuahmen. Die Exposition soll
jedes Zerstreuende von sich fern halten; ihre Aufgabe, vorzubereiten,
erfüllt sie am besten, wenn sie so fortläuft, daß dem kurzen
einleitenden Accord eine ausgeführte Scene folgt, welche durch
schnellen Uebergang mit der folgenden Scene des erregenden Momentes
verbunden ist. Julius Cäsar, Maria Stuart, Wallenstein sind nach dieser
Richtung treffliche Vorbilder.
Die Schwierigkeit, auch den Vertretern des Gegenspiels eine Stelle in
der Einleitung zu geben, ist nicht unüberwindlich. In der scenischen
Anordnung wenigstens muß der Dichter seine volle Herrschaft über den
Stoff empfinden, und es ist gewöhnlich nur eine Befangenheit seiner
Einbildungskraft, wenn ihm dergleichen unmöglich scheint. Sollte aber
die Einfügung der Gegenpartei in die Exposition unthunlich werden,
so ist immer noch Zeit, dieselbe in den ersten Scenen der bewegten
Handlung vorzuführen.
Ohne sich deshalb die möglichen Fälle in eine Schablone zu zwängen,
darf der Dichter festhalten, daß ein regelmäßiger Bau der Einleitung
folgender ist: scharf bezeichnender Accord, ausgeführte Scene, kurzer
Uebergang in das erste Moment der Bewegung.
_Das erregende Moment._ Der Eintritt der bewegten Handlung findet an
der Stelle des Dramas statt, wo in der Seele des Helden ein Gefühl
oder Wollen aufsteigt, welches die Veranlassung zu der folgenden
Handlung wird, oder wo das Gegenspiel den Entschluß faßt, durch
seine Hebel den Helden in Bewegung zu setzen. Offenbar wird dieses
Treibende bedeutsamer in solchen Stücken hervortreten, bei denen der
Hauptspieler die erste Hälfte willenskräftig beherrscht, aber es bleibt
bei jeder Anordnung ein wichtiges Moment der Handlung. Im Julius Cäsar
ist dies Treibende der Gedanke den Cäsar zu töten, welcher durch das
Gespräch mit Cassius allmählich in die Seele des Brutus gelegt wird.
Im Othello tritt es nach den stürmischen Nachtscenen, der Exposition,
durch die zweite Unterredung zwischen Jago und Rodrigo hervor mit der
Verabredung, Desdemona und den Mohren zu entzweien. In Richard ~III.~
dagegen steigt es im ersten Anfange des Stückes zugleich mit der
Exposition aus der Seele des Helden als fertiger Plan herauf. Beidemal
ist seine Stellung bezeichnend für den Charakter der Stücke, im
Othello, wo das Gegenspiel führt, am Schluß einer längeren Einleitung,
im Richard, wo der Bösewicht allein herrscht, im ersten Auftritt. Im
Romeo kommt dies veranlassende Motiv an die Seele des Helden in der
Unterredung mit Benvolio, als Entschluß das Maskenfest zu besuchen,
und unmittelbar vor dieser kleinen Scene läuft als Parallelscene
die erste Unterredung zwischen Paris und Capulet, durch welche das
Schicksal Julia's bestimmt wird; beide scenischen Momente, so bedeutsam
nebeneinandergestellt, bilden zusammen das Treibende dieses Dramas,
welches _zwei_ Helden hat, die beiden Liebenden. In Emilia Galotti
sinkt es als Nachricht von der bevorstehenden Vermählung der Heldin in
die Seele des Prinzen, im Clavigo ist es die Ankunft des Beaumarchais
bei seiner Schwester, in Maria Stuart ist es das Bekenntniß, welches
Mortimer der Maria ablegt.
Schwerlich wird Jemand die Ansicht hegen, daß der Faust besser ein
regelmäßiges Bühnendrama geworden wäre; aber es ist gerade belehrend,
an diesem größten Gedicht der Deutschen zu begreifen, wie die Gesetze
des Schaffens noch bei der freiesten Erfindung in dramatischer Form
Gehorsam forderten. Auch dieses Stück hat ein erregendes Moment, den
Eintritt des Mephisto in die Stube des Faust. Was vorhergeht, ist
Exposition, die dramatisch bewegte Handlung umfaßt das Verhältniß
zwischen Faust und Gretchen; sie hat ihre steigende und fallende
Hälfte, von dem Erscheinen des Mephisto steigt sie bis zum Höhenpunkt,
der Scene, welche die Hingabe Gretchens an Faust andeutet, von da fällt
sie bis zur Katastrophe. Das Ungewöhnliche des Baues liegt, abgesehen
von den späteren Episoden, nur darin, daß die Scenen der Einleitung
und des erregenden Momentes das halbe Stück füllen, und etwa, daß der
Höhenpunkt nicht stark herausgetrieben ist. Im Uebrigen aber hat das
Stück, dessen Scenen wie an einem Faden zusammengereiht scheinen,
eine kleine vollständig geordnete Handlung von einfacher und sogar
regelmäßiger Beschaffenheit. Man hat nur nöthig, die Begegnung mit
Gretchen als an das Ende eines ersten Aktes gestellt zu denken.
Shakespeare behandelt dies Eintreten der Bewegung mit besonderer
Sorgfalt. Ist ihm das erregende Moment einmal zu klein und leicht, wie
in Romeo und Julie, so weiß er es zu verstärken; deshalb muß Romeo,
nachdem das Eindringen bei den Capulet beschlossen ist, vor dem Hause
seine finsteren Ahnungen aussprechen. In drei Stücken hat er dabei
seiner Neigung, ein Motiv zu wiederholen, nachgegeben. Jedesmal mit
großer Wirkung. Wie die Scene im Othello: „Schaff einen Beutel mit
Geld” eine Variation des einleitenden Accordes ist, so auch die Hexen,
welche dem Macbeth die blutigen Gedanken aufregen, so der Geist,
welcher dem Hamlet den Mord verkündet. Was im ersten Aufgange des
Stückes Ton und Farbe andeutete, wird auch die aufstachelnde Gewalt für
die Seele der Helden.
Aus den angeführten Beispielen ist ersichtlich, daß dies Moment der
Handlung in sehr verschiedener Gestalt auftreten könne. Es mag eine
ausgeführte Scene füllen, es mag in wenigen Worten zusammengefaßt
werden. Es muß durchaus nicht immer von außen in die Seele des Helden
oder seines Gegenspielers dringen, es darf ebenso ein Gedanke, ein
Wunsch, ein Entschluß sein, welcher durch eine Reihe von Vorstellungen
aus dem Innern des Helden selbst gelockt wird. Immer aber bildet es den
Uebergang von der Einleitung zur aufsteigenden Handlung, entweder als
plötzlich eintretend, wie Mortimer's Erklärung in Maria Stuart und die
Rettung Baumgarten's im Tell, oder allmählich durch Gespräch und innere
Vorgänge herausgebildet, wie der Entschluß des Mordes bei Brutus, wo
an keiner Stelle des erwähnten Zwiegesprächs die furchtbaren Worte
ausgesprochen sind, die Bedeutung der Scene dagegen durch den Argwohn,
welchen der dazwischentretende Cäsar ausdrückt, bedeutsam herausgehoben
wird.
Doch ist für die Arbeit zu beachten, daß dies Moment eine große
Ausführung nur selten verträgt. Es steht im Anfange des Stückes, wo
mächtiges Eindringen auf die Hörenden weder nöthig noch rathsam
ist. Es hat den Charakter eines Motivs, welches Richtung gibt und
vorbereitet, nicht selbst einen Ruhepunkt darbietet. Es darf nicht
unbedeutend sein, aber auch nicht so stark hervortreten, daß es nach
der Empfindung der Zuschauer dem Folgenden zu viel vorweg nimmt,
also die Spannung, die es erregen soll, verringert oder bereits über
das Schicksal des Helden entscheidet. Hamlet's Verdacht darf durch
die Offenbarung des Geistes nicht zu unbedingter Gewißheit erhoben
werden, sonst müßte der Verlauf des Stückes ein anderer werden. Des
Cassius und Brutus Entschluß darf nicht in klare Worte gefaßt als
fertig heraustreten, damit die folgende Ueberlegung des Brutus und die
Verschwörung als Fortschritt erscheinen. Der Dichter wird also die
Wichtigkeit, womit er dasselbe hervorhebt, wohl abzudämpfen haben.
Immer aber wird er dasselbe so früh als möglich bringen, denn erst von
ihm ab beginnt ernste dramatische Arbeit.
Eine bequeme Einrichtung für unsere Bühnen ist: nach der Einleitung
das erregende Moment in mäßiger Scene zu geben und die erste folgende
Steigerung in größerer Ausführung anzuschließen. Von solchem
regelrechten Bau ist z. B. der erste Akt der Maria Stuart.
_Die Steigerung._ Die Handlung ist in Bewegung gesetzt, die
Hauptpersonen haben ihr Wesen dargelegt, die Theilnahme ist angeregt.
In einer gegebenen Richtung hebt sich Stimmung, Leidenschaft,
Verwicklung. Es ist in modernen Stücken kein unbedeutender Theil
des dreistündigen Dramas, welcher dieser Steigerung gehört. Seine
Einrichtung hat verhältnißmäßig geringe Schwierigkeit. Folgendes sind
die gemeingiltigen Regeln dafür.
War es nicht möglich, die wichtigsten Personen des Gegenspiels oder der
Hauptgruppe im Vorhergehenden darzustellen, so muß ihnen jetzt ein Raum
geschafft und Gelegenheit zu bedeutsamer Thätigkeit gegeben werden.
Auch solche, welche erst in der zweiten Hälfte des Dramas wirksam
sind, müssen dringend wünschen, sich schon jetzt dem Hörer bekannt zu
machen. -- Ob die Steigerung in einer oder in mehren Stufen bis zum
Höhenpunkt laufe, hängt von Stoff und Behandlung ab. In jedem Fall ist
ein Absatz in der Handlung auch in der Scenenbildung so auszudrücken,
daß die dramatischen Momente, Auftritte und Scenen, welche demselben
Abschnitt der Handlung angehören, auch unter einander zur Einheit
geordnet werden, als Hauptscene, Nebenscenen, Zwischenglieder. Im
Julius Cäsar z. B. besteht die Steigerung vom Moment der Erregung bis
zum Höhenpunkt nur aus einer Stufe, der Verschwörung. Diese bildet
mit den vorbereitenden und der dazu gehörigen Scene des Gegensatzes
-- Brutus und Portia -- eine ansehnliche, auch nach den Bedürfnissen
unserer Bühne sehr schön gebaute Scenengruppe, an welche sich sogleich
das Scenenbündel schließt, welches um die Mordscene, den Höhenpunkt,
geordnet ist. Dagegen läuft in Romeo und Julie die Steigerung in vier
Absätzen bis zum Höhenpunkte. Der Bau dieser steigernden Scenengruppen
ist hier folgender: Erste Stufe: _der Maskenball_. Dreitheilig: zwei
Vorscenen (Julia mit Mutter und Amme. Romeo und seine Genossen) und
eine Hauptscene: der Ball selbst (bestehend aus einem Vorschlag:
Unterredung der Diener, und aus vier Momenten: Capulet ermunternd,
Tybalt's Zorn und Zurechtweisung, Gespräch der Liebenden, Julia und die
Amme als Schluß). -- Zweite Stufe: _die Gartenscene_. Kurze Vorscene
(Benvolio und Mercutio den Romeo suchend) und große Hauptscene (die
Liebenden beschließen Vermählung). -- Dritte Stufe: _die Trauung_.
Viertheilig: erste Scene: Lorenzo mit Romeo. Zweite Scene: Romeo und
Genossen und Amme als Botenläuferin. Dritte Scene: Julia und Amme als
Botenläuferin. Vierte Scene: Lorenzo und die Liebenden, die Trauung. --
Vierte Stufe: _Tybalt's Tod_. Eine Aktionsscene.
Es folgt die Scenengruppe des Höhenpunktes, welche von den Worten
Julia's: „Hinab du flammenhufiges Gespann” beginnt und bis zu Romeo's
Abschied: „Der Schmerz trinkt unser Blut, leb' wohl!” reicht. -- Man
beachte in den vier Stufen der Steigerung den verschiedenen Bau der
einzelnen Scenen. Im Maskenball sind kleine Scenen in rascher Folge bis
zum Schluß zusammengefügt, die Gartenscene ist ausgeführte große Scene
der Liebenden, im schönen Abstich dazu sind in der Scenengruppe der
Trauung die Vermittler Lorenzo und die Amme thätig und im Vordergrund
gehalten, die Liebenden gedeckt; Tybalt's Tod ist der starke Absatz,
welcher die gesammte Steigerung vom Höhenpunkte scheidet, dessen Scenen
höheren Schwung, leidenschaftlichere Bewegung haben. Die Anordnung des
Stückes ist sehr sorgfältig, die Fortschritte der beiden Helden und die
Motive dafür sind in je zwei nebeneinanderlaufenden Scenen für jeden
besonders dargelegt.
Dieselbe Art der Steigerung, langsamer, mit weniger häufigem
Scenenwechsel, ist bei den Deutschen. In Kabale und Liebe z. B. ist
das aufregende Moment des Stückes der Bericht des Wurm an den Vater,
daß sein Ferdinand die Tochter des Musikus liebe. Von da steigt das
Stück im Gegenspiel durch vier Stufen. _Erste Stufe_ (der Vater fordert
die Heirat mit der Milford) in zwei Scenen: Vorscene (er läßt durch
Kalb die Verlobung bekannt machen), Hauptscene (er zwingt den Sohn die
Milford zu besuchen). -- _Zweite Stufe_ (Ferdinand und die Milford):
zwei Vorscenen, große Hauptscene (die Lady besteht darauf ihn zu
heiraten). -- _Dritte Stufe_: zwei Vorscenen, große Hauptscene (der
Präsident will Luise in Haft nehmen, Ferdinand widersteht). -- _Vierte
Stufe_: zwei Scenen (Plan des Präsidenten mit dem Briefe und die
Verschwörung der Schurken). Darauf folgt der Höhenpunkt. Hauptscene:
die Abfassung des Briefes. Auch dieses Stück hat die Eigenthümlichkeit,
zwei Haupthelden zu haben, die beiden Liebenden.
Der Inhalt des Dramas ist allerdings peinlich, aber der Bau ist
bei einiger Unbehilflichkeit in der Scenenführung doch im Ganzen
regelmäßig und besonderer Beachtung werth, weil er weit mehr durch
richtige Empfindung des jungen Dichters, als durch sichere Technik
hervorgebracht ist.
Für die Scenen der Steigerung gilt der Satz, daß sie eine fortlaufende
Verstärkung der Theilnahme hervorzubringen haben; sie müssen deshalb
nicht nur durch ihren Inhalt den Fortschritt darstellen, auch in Form
und Behandlung eine Vergrößerung zeigen, und zwar mit Wechsel und
Schattirungen in der Ausführung; sind mehre Stufen nöthig, so muß die
vorletzte oder letzte den Charakter einer Hauptscene erhalten.
_Der Höhenpunkt_ des Dramas ist die Stelle des Stückes, in welcher das
Ergebniß des aufsteigenden Kampfes stark und entschieden heraustritt,
er ist fast immer die Spitze einer groß ausgeführten Scene, an welche
sich die kleineren Verbindungsscenen von der Steigerung und der
fallenden Handlung heranlegen. Allen Glanz der Poesie, alle dramatische
Kraft wird der Dichter anzuwenden haben, um diesen Mittelpunkt
seines Kunstwerks lebendig herauszuheben. Die höchste Bedeutung hat
er freilich nur in den Stücken, in denen der Held die aufsteigende
Handlung durch seine innern Seelenvorgänge treibt; bei den Dramen,
welche durch das Gegenspiel steigen, bezeichnet er die allerdings
wichtige Stelle, wo dies Spiel den Haupthelden gefangen und in die
Richtung des Falles verlockt hat. Prachtvolle Beispiele sind fast in
jedem Stück Shakespeare's und der Deutschen zu finden. So ist die
Hüttenscene im Lear, das Spiel der drei Gestörten und die Verurtheilung
des Sessels vielleicht das Wirkungsreichste, was je auf der Bühne
dargestellt wurde, wie auch die Steigerung Lear's bis zu dieser Scene
des ausbrechenden Wahnsinns von furchtbarer Großartigkeit ist. Die
Scene ist auch deshalb merkwürdig, weil der große Dichter hier den
Humor zur Verstärkung der schauerlichen Wirkung benutzt hat und weil
dies eine von den sehr seltenen Stellen ist, wo der Hörer trotz der
ungeheuren Erregtheit mit einem gewissen Befremden wahrnimmt, daß
Shakespeare zum Heraustreiben der Wirkung Kunstgriffe anwendet. Edgar
ist keine glückliche Zugabe der Scene. -- In anderer Weise lehrreich
ist die Banketscene im Macbeth. In diesem Trauerspiel war eine
vorausgegangene Scene, die Mordnacht, so gewaltig herausgetrieben, und
durch höchste dramatische Poesie so reich ausgestattet worden, daß
man an der Möglichkeit einer Steigerung verzweifeln möchte. Und sie
ist doch erreicht. Das Ringen mit dem Geist und die fürchterlichen
Gewissenskämpfe des Mörders sind in der unruhigen Scene, zu welcher die
festliche Gesellschaft und der Königsglanz den wirksamsten Gegensatz
bilden, mit einer Wahrheit und wilden Poesie geschildert, bei welcher
das Herz des Hörers erbebt. -- Im Othello dagegen liegt der Höhenpunkt
in der großen Scene, in welcher Jago dem Othello die Eifersucht
aufregt; sie ist langsam vorbereitet und der Beginn des erschütternden
Seelenkampfes, in welchem der Held untergeht. -- Im Clavigo ist er die
Versöhnung Clavigo's mit Marie, in Emilia Galotti der Fußfall Emilia's,
in beiden Stücken von dem vorherrschenden Gegenspiel gedeckt. Dagegen
ist er bei Schiller wieder in allen Stücken kräftig entwickelt.
Dies Herausbrechen der That aus der Seele des Helden oder das
Einströmen der verhängnißvollen Eindrücke in dieselbe, das erste große
Resultat des hochgesteigerten Kampfes oder der Beginn des tötlichen
innern Confliktes, muß in fester Verbindung sowohl mit dem Vorgehenden
als dem Folgenden erscheinen, es wird sich durch größere Behandlung
und Wirkung abheben, aber es wird in der Regel in seiner Entwicklung
aus der Steigerung und in seiner Wirkung auf die Umgebung dargestellt
werden; deshalb bildet die Hauptscene des Höhenpunktes gern den
Mittelpunkt einer Gruppe von Momenten, welche nach beiden Seiten
anschießend auf- und abwärts laufen.
In dem Fall, wo der Höhenpunkt durch ein _tragisches Moment_ mit der
sinkenden Handlung verbunden ist, erhält der Bau des Dramas durch das
Zusammentreten zweier wichtiger Stellen, welche sich in scharfem
Gegensatz gegen einander abheben, einiges Besondere. Ueber das
tragische Moment selbst mußte früher gesprochen werden. Dieser Anfang
der sinkenden Handlung wird am besten mit dem Höhenpunkt verbunden und
von den folgenden Momenten des Gegenspiels, zu denen er doch gehört,
durch einen Einschnitt -- unsern Aktschluß -- abgesetzt, der wieder am
besten nicht unmittelbar nach dem Eintritt dieses Tragischen, sondern
durch ein allmähliches Austönen seines scharfen Klanges bewirkt wird.
Es ist dabei gleichgiltig, ob die Verbindung dieser beiden großen
abstechenden Scenen durch die Verkopplung in einer Scene oder durch
das Zusammenfügen vermittelst eines Zwischengliedes geschieht. Ein
glänzendes Beispiel des ersten Falls ist im Coriolan.
In diesem Stück steigt die Handlung von dem erregenden Moment
(Nachricht, daß der Krieg mit den Volskern unvermeidlich sei) durch
die erste Steigerung (Kampf zwischen Coriolanus und Aufidius) bis
zum Höhenpunkt, der Ernennung des Coriolan zum Consul. An diese
Stelle schließt sich das tragische Moment, die Verbannung. Was die
höchste Erhebung des Helden zu werden schien, das wird durch seinen
unbezähmbaren Stolz in das Gegentheil umschlagen. Der Umschlag
geschieht nicht plötzlich, man sieht ihn -- was Shakespeare überhaupt
liebt -- sich allmählich auf der Bühne vollziehen, das Ueberraschende
des Ergebnisses wird erst am Ende der Scene empfunden. Die beiden hier
durch fortlaufende Handlung verbundenen Punkte bilden zusammen eine
mächtige Scenengruppe von heftigster Bewegung, das Ganze von breit
ausgeführter Wirkung. -- Aber auch nach dem Schluß dieser Doppelscene
wird die Handlung nicht plötzlich eingeschnitten, denn unmittelbar
daran fügt sich als Gegensatz die schöne, würdig gehaltene Trauerscene
des Abschiedes, welche auf das Folgende hinüberleitet, und noch nachdem
der Held geschieden, sind die Stimmungen der Zurückgebliebenen wie
ein zitternder Nachklang der heftigen Bewegung dargestellt, bevor der
Ruhepunkt eintritt.
Noch enger verbunden ist Höhenpunkt und tragisches Moment in Maria
Stuart. Auch hier ist der Eintritt des Höhenpunktes durch den Monolog
und die gehobene lyrische Stimmung der Maria nach Art einer antiken
Pathosscene scharf bezeichnet, und die Stimmungsscene durch ein
kleines Verbindungsglied mit der großen Dialogscene zwischen Maria
und Elisabeth verbunden; aber der dramatische Höhenpunkt reicht noch
in diese große Scene hinein, und in ihr selbst liegt der Uebergang zu
dem verhängnißvollen Streit, der wieder in seiner Entwicklung bis ins
Einzelne genau dargestellt ist.
Etwas schärfer ist durch eine ausgeführte Zwischenscene Höhenpunkt und
tragisches Moment im Julius Cäsar von einander getrennt. Auf die Gruppe
der Mordscene folgt die ausgeführte Unterredung der Verschworenen mit
Antonius, -- dies eingeschobene Glied von sehr schöner Arbeit, --
darauf erst die Redescene des Brutus und Antonius; auch nach dieser
Scene folgen kleine Uebergänge zu den Theilen der Umkehr.
Diese enge Verbindung der beiden wichtigen Theile gibt dem Drama mit
tragischem Moment eine Größe und Ausdehnung der Mitte, welche, wenn man
den spielenden Vergleich mit Linien fortsetzt, die pyramidale Form in
eine Doppelspitze verwandelt.
Der schwierigste Theil des Dramas ist die Scenenfolge der _fallenden
Handlung_ oder, wie sie wohl genannt wird, der _Umkehr_; allerdings
treten die Gefahren zumeist bei den kraftvollen Stücken ein, in denen
die Helden die Führung haben. Bis zum Höhenpunkt war die Theilnahme
an die eingeschlagene Richtung der Hauptcharaktere gefesselt. Nach
der That entsteht eine Pause. Die Spannung muß auf das Neue erregt
werden, dazu müssen neue Kräfte, vielleicht neue Rollen vorgeführt
werden, an denen der Hörer erst Antheil gewinnen soll. Schon deshalb
droht Zerstreuung und Zersplitterung der scenischen Wirkungen. Dazu
kommt, daß die Angriffe der Gegenpartei auf den Helden sich nicht immer
leicht in einer Person und einer Situation vereinigen lassen, häufig
ist es nöthig zu zeigen, wie nach und nach, von verschiedenen Seiten
an die Seele des Helden geschlagen wird; auch dadurch mag, gegenüber
der Einheit und dem festen Fortschritt der ersten Hälfte, die zweite
zerrissen, vieltheilig, unruhig werden. Zumal bei geschichtlichen
Stoffen, wo das Zusammenfassen der Gegenpartei in wenige Charaktere am
schwierigsten ist.
Und doch fordert die Umkehr eine starke Hebung und Verstärkung der
scenischen Effekte wegen der Sättigung des Hörers, der größeren
Bedeutung des Kampfes. Deshalb ist das erste Gesetz für den Bau dieses
Theils, daß die Zahl der Personen soweit nur möglich beschränkt, die
Wirkungen in großen Scenen zusammengeschlossen werden. Alle Kunst
der Technik, alle Kraft der Erfindung sind nöthig, um hier einen
Fortschritt der Theilnahme zu sichern.
Außerdem noch ein Anderes. Vorzüglich dieser Theil des Dramas ist
es, welcher den Charakter des Dichters in Anspruch nimmt. Denn das
Schicksal gewinnt Macht über den Helden, seine Kämpfe wachsen einem
verhängnißvollen Ausgang zu, der sein ganzes Leben ergreift. Es
ist jetzt keine Zeit mehr, durch kleine Kunstmittel, sorgfältige
Ausführung, hübsche Einzelheiten, saubere Motive zu wirken. Der Kern
des Ganzen, Idee und Führung der Handlung treten mächtig hervor, der
Zuschauer versteht den Zusammenhang der Begebenheiten, sieht die letzte
Absicht des Dichters, er soll sich den höchsten Wirkungen hingeben und
er beginnt mitten in seiner Theilnahme prüfend das Maß seines Wissens,
seiner gemüthlichen Neigungen und Bedürfnisse an das Kunstwerk zu
legen. Jeder Fehler im Bau, jeder Mangel in der Charakterzeichnung
wird jetzt lebhaft empfunden. Deshalb gilt für diesen Theil die zweite
Regel: nur große Züge, große Wirkungen; auch die Episoden, welche jetzt
gewagt werden, müssen eine gewisse Bedeutung und Energie haben.
Wie groß die Zahl der Absätze sein müsse, in denen der Sturz des Helden
geschieht, darüber ist keine Vorschrift zu geben als etwa, daß die
Umkehr eine geringere Zahl wünschenswerth macht, als im Allgemeinen die
aufsteigende Handlung verstattet. Für das Steigern dieser Wirkungen
wird vor dem Eintritt der Katastrophe eine ausgeführte Scene nützlich,
welche entweder die widerstrebenden Gewalten im Streit mit dem Helden
in stärkster Bewegung zeigt, oder einen tiefen Einblick in das innere
Leben des Helden gestattet. Die große Scene: Coriolanus und seine
Mutter, ist Beispiel des einen Falles, der Monolog Julia's vor dem
Schlaftrunk, das Nachtwandeln der Lady Macbeth Beispiel des andern
Falles.
_Das Moment der letzten Spannung._ Daß die Katastrophe dem Hörer im
Ganzen nicht überraschend kommen dürfe, versteht sich von selbst. Je
mächtiger der Höhenpunkt herausgehoben, je heftiger der Absturz des
Helden war, desto lebhafter muß das Ende voraus empfunden werden; je
geringer die dramatische Kraft des Dichters in der Mitte des Stückes
ist, desto mehr wird er am Ende künsteln und schlagende Wirkungen
hervorsuchen. Shakespeare thut das letztere in seinen regelmäßig
gebauten Stücken gar nicht. Leicht, kurz, wie nachlässig wirft er die
Katastrophe hin, ohne dabei durch neue Wirkungen zu überraschen, sie
ist ihm so nothwendige Folge des gesammten Stückes und der Meister
ist so sicher, seine Hörer mit sich fortzureißen, daß er über die
Nothwendigkeiten des Schlusses fast eilt. Der geniale Mann empfand
sehr richtig, daß es nöthig sei, bei guter Zeit die Stimmung für die
Katastrophe vorzubereiten; deshalb erscheint dem Brutus Cäsar's Geist;
deshalb sagt Edmund dem Soldaten, er solle unter gewissen Verhältnissen
Lear und Cordelia töten; so muß Romeo vor der Gruft Juliens noch den
Paris erschlagen, damit die Zuschauer, welche in diesem Augenblick
nicht mehr an Tybalt's Tod denken, ja nicht die Hoffnung aufkommen
lassen, das Stück könne noch gut endigen; deshalb muß der tötliche
Neid des Aufidius gegen Coriolan sich schon vor der großen Scene der
Umkehr wiederholt äußern und Coriolan die berühmten Worte sagen: „Du
hast deinen Sohn verloren”; deshalb hat der König mit Laertes die
Ermordung Hamlet's durch ein vergiftetes Rappier vorher zu besprechen.
Demungeachtet ist es zuweilen mißlich, ohne Unterbrechung bis zum Ende
zu eilen. Gerade dann, wenn das Gewicht des unglücklichen Geschicks
bereits lange und schwer auf einem Helden lastet, welchem die gerührte
Empfindung des Hörers Rettung wünscht, obgleich vernünftige Erwägung
die innere Nothwendigkeit des Untergangs recht wohl deutlich macht.
In solchem Fall ist ein altes anspruchsloses Mittel des Dichters, dem
Gemüth des Hörers für einige Augenblicke Aussicht auf Erleichterung zu
gönnen. Dies geschieht durch eine neue kleine Spannung, dadurch, daß
ein leichtes Hinderniß, eine entfernte Möglichkeit glücklicher Lösung,
der bereits angedeuteten Richtung auf das Ende noch in den Weg geworfen
wird. Brutus muß erklären, daß er sich selbst zu töten für feig halte;
der sterbende Edmund muß den Mordbefehl gegen Lear widerrufen; Pater
Lorenzo kann vor dem Augenblick, wo Romeo sich tötet, eintreten; auch
Coriolan kann von den Richtern noch freigesprochen werden; Macbeth
ist noch unverwundbar durch jeden, den ein Weib geboren, als schon
der grüne Wald gegen seine Burg heranzieht. Sogar Richard ~III.~
erhält noch die Nachricht, daß die Flotte des Richmond durch Stürme
zerschlagen ist.
Die Anwendung dieses Kunstmittels ist alt, schon Sophokles benutzte
dasselbe in der Antigone zu guter Wirkung. Kreon wird erweicht und
widerruft den Todesbefehl über Antigone; ist mit ihr so verfahren, wie
er befahl, so mag sie noch gerettet werden. Es ist bemerkenswerth, daß
die Griechen diesen feinen Zug im Stück anders betrachteten als wir.
Doch gehört Feingefühl dazu, dies Moment gut zu gebrauchen. Es darf
nicht zu unbedeutend werden, sonst verfehlt es die beabsichtigte
Wirkung; es muß aus der Handlung und dem Grundzug der Charaktere
herausgearbeitet sein; es darf aber auch nicht so bedeutend
hervorspringen, daß es in der That die Stellung der Parteien wesentlich
ändert. Ueber der aufsteigenden Möglichkeit muß der Zuschauer immer die
abwärts drängende Gewalt des Vorausgegangenen empfinden.
_Katastrophe_ des Dramas ist uns die Schlußhandlung, welche der
Bühne des Alterthums Exodus hieß. In ihr wird die Befangenheit der
Hauptcharaktere durch eine kräftige That aufgehoben. Je tiefer der
Kampf aus ihrem innersten Leben hervorgegangen und je größer das
Ziel desselben war, desto folgerichtiger wird die Vernichtung des
unterliegenden Helden sein.
Und es muß hier davor gewarnt werden, daß man sich nicht durch moderne
Weichherzigkeit verleiten lasse, auf der Bühne das Leben seiner Helden
zu schonen. Das Drama soll eine in sich abgeschlossene, gänzlich
vollendete Handlung darstellen; hat der Kampf eines Helden in der That
sein ganzes Leben ergriffen, so ist es nicht alte Ueberlieferung,
sondern innere Nothwendigkeit, daß man auch die vollständige Verwüstung
des Lebens eindringlich mache. Daß in der Wirklichkeit dem Menschen
der Neuzeit unter Umständen noch ein nicht unkräftiges Leben auch nach
tötlichen Kämpfen möglich ist, ändert für das Drama nichts in der
Sache. Denn die Gewalt und Kraft eines Daseins, welches _nach_ der
Handlung des Stückes liegt, die zahllosen versöhnenden und erhebenden
Umstände, welche ein neues Leben zu weihen vermögen, die soll und
kann das Drama nicht mehr darstellen, und eine Hinweisung darauf wird
niemals dem Hörer die Befriedigung eines sichern Abschlusses gewähren.
Ueber dem Ende der Helden aber muß versöhnend und erhebend im Zuschauer
die Empfindung von dem Vernünftigen und Nothwendigen solches Untergangs
lebendig werden. Dies ist nur möglich, wenn durch das Geschick
der Helden eine wirkliche Ausgleichung der kämpfenden Gegensätze
hervorgebracht wird. Die Schlußworte des Dramas haben die Aufgabe, zu
erinnern, daß nichts Zufälliges, einmal Geschehenes dargestellt worden
sei, sondern ein Poetisches, das allgemeinverständliche Bedeutung habe.
Den neueren Dichtern pflegt die Katastrophe Schwierigkeit zu machen.
Das ist kein gutes Zeichen. Wohl gehört unbefangenes Urtheil dazu,
die Versöhnung zu finden, welche dem Gefühl des Schauenden nicht
widerstrebt und doch die nothwendigen Ergebnisse des Stückes sämmtlich
umschließt. Roheit und weichliche Empfindsamkeit verletzen da am
meisten, wo das ganze Bühnenwerk seine Rechtfertigung und Bestätigung
finden soll. Aber die Katastrophe enthält doch nur die nothwendigen
Folgen der Handlung und der Charaktere; wer beide fest in der Seele
trug, dem kann von dem Schluß seines Dramas nur sehr wenig zweifelhaft
sein. Ja, weil der ganze Bau auf das Ende gerichtet ist, mag eine
kräftige Begabung eher in die entgegengesetzte Gefahr kommen, das Ende
zu früh auszuarbeiten und fertig mit sich herumzutragen; dann mag das
Ende mit den feinen Abstufungen, welche das Vorausgegangene während der
Ausarbeitung erhält, leicht einmal in Widerspruch kommen. Man empfindet
so etwas im Prinzen von Homburg, wo das dem Anfang entsprechende
Traumwandeln am Schlusse, welches offenbar dem Dichter sehr fest in der
Seele saß, mit dem schönen klaren Ton und der breiten Ausführung des
vierten und fünften Aktes durchaus nicht stimmt. Aehnlich im Egmont, wo
man den Schluß -- Klärchen als befreites Holland in Verklärung -- auch
für eher geschrieben halten möchte, als die letzte Scene Klärchens im
Stück selbst, zu welcher dieser Schluß nicht recht paßt.
Für den Bau der Katastrophe gelten folgende Regeln. Erstens man
vermeide jetzt jedes unnütze Wort, und lasse kein Wort, das die Idee
des Stückes aus dem Wesen der Charaktere zwanglos erklären kann,
ungesagt.
Ferner versage man sich breite scenische Ausführung, man halte das
dramatisch Darzustellende kurz, einfach, schmucklos, gebe in Wort
und Handlung das Beste und Gedrungenste, fasse die Scenen mit ihren
unentbehrlichen Verbindungen in einen kleinen Körper mit rasch
pulsirendem Leben zusammen, vermeide, solange die Handlung läuft, neue
oder schwierige Bühneneffekte, zumal Massenwirkungen.
Es sind verschiedene Eigenschaften einer Dichternatur, welche bei
diesen acht Theilen des Dramas, auf denen sein kunstgerechter Bau
ruht, gefordert werden. Eine gute Einleitung und ein reizvolles
Moment zu finden, welches die Seele des Helden in Spannung versetzt,
ist Sache des Scharfsinns und der Erfahrung. Den Höhenpunkt mächtig
herauszutreiben, ist vorzugsweise Sache der dichterischen Kraft; die
Schlußkatastrophe gut zu machen, dazu gehört ein männliches Herz und
ein hoch überlegener Sinn; die Umkehr aber wirksam zu schaffen, ist am
schwersten. Hier kann weder Erfahrung noch poetischer Reichthum, noch
weise Klarheit des Dichtergeistes das Gelingen verbürgen, es gehört
dazu eine Vereinigung von allen diesen Eigenschaften. Und außerdem ein
guter Stoff und einige gute Einfälle, das heißt gutes Glück.
Aus den angeführten Bestandtheilen -- entweder allen oder den
nothwendigen -- ist jedes Kunstdrama alter und neuer Zeit
zusammengefügt.
3.
Der Bau des Dramas bei Sophokles.
Noch immer übt die Tragödie der Athener ihre Macht auf die Schaffenden
der Gegenwart, nicht nur die unvergängliche Schönheit ihres Inhalts,
auch die antike Form beeinflußt unsere Dichterarbeiten; die Tragödie
des Alterthums hat wesentlich dazu beigetragen, unser Drama von der
Bühne des Mittelalters zu scheiden und demselben kunstvolleren Bau und
tieferen Inhalt zu geben.
Bevor deshalb die technische Einrichtung in den Tragödien des Sophokles
berichtet wird, sollen kurz diejenigen Besonderheiten der antiken Bühne
in Erinnerung gebracht werden, welche den Athener -- soweit wir darüber
ein Urtheil haben -- fördernd und einengend bestimmten. Was anderswo
bequem zu finden ist, wird hier nur kurz erwähnt.
Die Tragödie der alten Welt erwuchs aus den dithyrambischen
Sologesängen mit Chören, welche an den attischen Dionysosfesten des
Frühjahrs aufgeführt wurden; allmählich traten die Reden Einzelner
zwischen Dithyrambos und Chorgesang und erweiterten sich zu einer
Handlung. Die Tragödie behielt von diesen Anfängen den Chor, den
Gesang einzelner Hauptrollen in den Augenblicken höchster Bewegung,
Wechselgesänge der Schauspieler und des Chors. Es war ein naturgemäßer
Verlauf, daß der dramatische Theil der Tragödie größere Herrschaft
gewann und den Chor zurückdrängte. In den ältesten Stücken des
Aeschylos, den Persern und Hiketiden, sind die Chorgesänge noch bei
weitem die Hauptsache. Sie haben eine Schönheit, Größe und eine so
mächtige dramatische Bewegung, daß sich ihnen weder in unsern Oratorien
noch Opern Vieles an die Seite setzen läßt. Die kurzen Zwischensätze
einzelner Personen, welche nicht lyrisch-musikalisch sind, dienen
fast nur als Motive, um neue Stimmungen der Solosänger und des Chors
hervorzubringen. Aber schon zur Zeit des Euripides trat der Chor in den
Hintergrund, sein Zusammenhang mit der ausgebildeten Handlung wurde
locker, er sank vom Begleiter und Vertrauten der Hauptpersonen zu einem
unwesentlichen Theil des Dramas herab. Chorlieder des einen Dramas
wurden für das andere verwendet, sie stellten zuletzt, wie es scheint,
nichts weiter vor als Gesang, der die Zwischenakte ausfüllte. Aber
das lyrische Element haftete in der Handlung selbst. Großangelegte,
breitausgeführte Gefühlsscenen der Darsteller, gesungen und gesprochen,
blieben an wichtigen Stellen der Handlung ein unentbehrlicher
Bestandtheil der Tragödie. Diese Pathosscenen, der Ruhm des ersten
Schauspielers, die Glanzpunkte der antiken Darstellung, enthalten die
lyrischen Elemente der Situation in einer Ausführlichkeit, welche
wir nicht mehr nachahmen dürften. In ihnen fassen sich die rührenden
Wirkungen der Tragödie zusammen. Das langathmige Ausströmen innerer
Empfindung hatte für die Zuschauer so großen Reiz, daß diesen Scenen
von den schwächeren Dichtern Einheit und Wahrscheinlichkeit der
Handlung geopfert wurde. Aber wie schön und voll auch das Gefühl in
ihnen tönt, die dramatische Bewegung ist doch nicht groß. Es sind
poetische Betrachtungen über die eigene Lage, Flehen zu den Göttern,
gefühlvolle Schilderung der eigenthümlichen Verhältnisse. Sie lassen
sich am ersten mit den Monologen der Neuzeit vergleichen, obwohl bei
ihnen der Chor den theilnehmenden, zuweilen einredenden Hörer darstellt.
Jene Erweiterung der alten dithyrambischen Gesänge, zuerst zu
Oratorien, deren Solosänger in der Festkleidung mit einfachem
Geberdenspiel auftraten, dann zu Dramen mit ausgebildeter Kunst der
Darstellung, wurde durch das Eintreten einer Handlung bewirkt, welche
fast ausschließlich aus dem Gebiet der hellenischen Heldensage und des
Epos genommen war. Einzelne Versuche der Dichter, dies Stoffgebiet zu
erweitern, blieben im Ganzen ohne Erfolg. Schon vor Aeschylos hatte
vielleicht einmal ein Oratoriendichter versucht, einen historischen
Stoff zu verwerthen, die älteste Tragödie des Aeschylos, welche auf uns
gekommen ist, hat ebenfalls einen geschichtlichen Stoff seiner nächsten
Vergangenheit benutzt; aber die Griechen hatten damals überhaupt
noch keine Geschichtschreibung in unserem Sinne. Auch ein gelungener
Versuch, frei erfundene Stoffe auf die Bühne zu führen, hat in der
Blüthezeit der griechischen Tragödie nur selten Nachahmung gefunden.
Solche Beschränkung auf ein bestimmtes Stoffgebiet war sowohl ein
Segen als ein Verhängniß für die attische Bühne. Sie verengte die
dramatischen Situationen und Wirkungen auf einen ziemlich engen Kreis,
in welchem die älteren Dichter mit frischer Kraft die höchsten Erfolge
erreichten, der die späteren sehr bald veranlaßte, neue Wirkungen auf
Seitenpfaden zu suchen, welche den Verfall des Dramas unvermeidlich
machten. In der That war zwischen der Welt, aus welcher diese Stoffe
genommen waren, und den Lebensbedingungen des Dramas ein innerer
Gegensatz, den die höchste Kraft zu besiegen wußte, an dem schon die
Begabung des Euripides erkrankte.
Die Gattung der Poesie, welche den Sagenstoff vor Ausbildung des Dramas
dem Volke lieb gemacht hatte, behauptete eine Stelle in gewissen Scenen
des Dramas. Den Griechen war eine volksthümliche Freude, öffentliche
Vorträge, später Vorlesungen epischer Gedichte zu hören. Diese
Gewohnheit gab auch der Tragödie längere Berichte über Ereignisse,
welche der Handlung wesentlich waren. Und diese nahmen einen größeren
Raum ein, als in dem neueren Drama gestattet wäre. Die Erzählung wird
für die Bühne mit dramatischer Lebendigkeit ausgestattet. Herolde,
Boten, Wahrsager sind stehende Rollen für solche Berichte. Und die
Scenen, in denen sie auftreten, haben in der Mehrzahl dieselbe Fügung.
Nach kurzer Einführung erzählen die Berichterstatter, dann folgen mehr
oder weniger lange gleich gemessene Schlagverse, schnell wechselnde
Frage und Antwort, zuletzt wird das Ergebniß ihres Berichtes in kurzen
Worten zusammengefaßt. Die Erzählung tritt auch da ein, wo sie uns am
auffälligsten ist, in der Katastrophe. Der letzte Ausgang der Helden
wird zuweilen nur verkündet.
In anderer Weise wurde die Führung der Scenen beeinflußt durch die
große Angelegenheit des attischen Marktes, die Gerichtsverhandlungen.
Den Reden der Ankläger und Vertheidiger zu lauschen, war Leidenschaft
des Volkes. Die höchst kunstvolle Ausbildung der griechischen
Gerichtsreden, aber auch die gekünstelte Weise, mit welcher man
Wirkungen hervorzubringen suchte, die feine sophistische Redekunst
drang in die attische Bühne ein und bestimmte den Inhalt der
Gesprächsscenen. Auch diese Scenen sind im Ganzen betrachtet nach
feststehender Vorschrift gebildet. Der erste Schauspieler hält eine
kleine Rede, der andere antwortet in Gegenrede von ähnlicher, zuweilen
von genau derselben Länge. Dann folgen Schlagverse, etwa vier gegen
vier, je zwei gegen zwei, je einer gegen einen, dann fassen vielleicht
noch beide Theile ihre Stellung in einer zweiten Rede und Gegenrede
zusammen, dann klirren wieder die Schlagverse gegen einander, bis
der, welcher Sieger sein soll, seinen Standpunkt kurz noch einmal
darlegt. Das letzte Wort, ein geringes Uebergewicht an Versen gibt
den Ausschlag. Dieser Bau, zuweilen durch kurze Zwischenreden des
Chors gebrochen und gegliedert, hat trotz dem Wechsel von ausgeführter
Rede und trotz äußerlicher stark gesteigerter Lebhaftigkeit nicht die
höchste dramatische Bewegung, es ist eine rednerische Darlegung des
Standpunktes, ein Streit mit spitzfindigen Beweisgründen, für unsere
Empfindung zu rednermäßig, berechnet, gekünstelt. Selten wird eine
Partei durch die andere überzeugt. Freilich hatte dies noch anderen
Grund, denn dem Helden der attischen Bühne wird nicht leicht erlaubt,
nach fremder Rede seine Meinung zu ändern. Auch wenn eine dritte
Rolle auf der Bühne war, behielten die Dialoge den Charakter eines
Zwiegesprächs, rasches und wiederholtes Eingreifen der drei Rollen in
einander war selten und vorübergehend; trat die dritte in das Gespräch
ein, so zog sich die zweite zurück, dann wurde wohl der Abstich durch
eine eingeworfene Chorzeile hervorgehoben. Massenscenen in unserem
Sinne kannte die antike Bühne nicht.
In diesen Pathosscenen, Botenscenen, Dialogscenen, den Reden und
Verkündigungen amtlicher Personen an den Chor verläuft die Handlung.
Rechnet man dazu noch die Peripetien und Erkennungsscenen, so
findet man fast den gesammten Inhalt des Stückes nach stehenden
handwerksmäßigen Formen geordnet. Und die Begabung der Dichter bewährt
sich darin, wie sie diese Formen zu vergeistigen wissen. Am größten
ist Sophokles auch deshalb, weil das Feststehende bei ihm am meisten
variirt und wie versteckt ist.
In andrer Weise wurde der Bau der Dramen gerichtet durch die
eigenthümlichen Verhältnisse, unter denen die Aufführung stattfand.
Die attischen Tragödien wurden in der großen Zeit Athens an den Tagen
der Dionysosfeste aufgeführt. An diesen Festen kämpfte der Dichter
gegen seine Mitbewerber, nicht als Verfasser der Dramen, sondern, wenn
er nicht außerdem selbst als Schauspieler auftrat, als Regisseur,
Didaskalos. Er war als solcher mit seinen Schauspielern und dem Leiter
des Chors zu einer Genossenschaft verbunden. Jedem Dichter gehörte
ein Tag, er hatte an diesem Tag vier Stücke, von denen das letzte in
der Regel ein Satyrspiel war, vorzuführen. Man kann zweifeln, was
erstaunlicher war, die Schöpferkraft der Dichter oder die Ausdauer
der Zuschauer. Wenn wir zu der erhaltenen Trilogie des Aeschylos ein
Satyrspiel hinzudenken und nach den Erfahrungen unserer Bühne die Dauer
einer solchen Aufführung abschätzen, dazu das langsame Zeitmaß des
Vortrags einrechnen, welches durch die langen Schallwellen des großen
Raumes und durch die scharf markirende Declamation nothwendig wurde, so
muß diese Aufführung bei kurzen Unterbrechungen zwischen den Stücken
wenigstens neun Stunden gedauert haben; drei Tragödien des Sophokles
müssen mit dem Satyrspiel wenigstens zehn Stunden beansprucht haben.[10]
Die drei ernsten Dramen verband in der früheren Zeit eine
zusammenhängende Handlung, welche demselben Sagenstoff entnommen war;
sie hatten, solange diese alte trilogische Form bestand, das Wesen
riesenhafter Akte, deren jeder einen Theil der Handlung zum Abschluß
brachte. Auch als Sophokles dies Herkommen durchbrochen hatte und
drei selbständige, abgeschlossene Dramen hintereinander zum Wettkampf
stellte, standen die Stücke zuverlässig in innerer Beziehung. Wie
weit durch bedeutsame Zusammenstellung der Ideen und Handlungen,
durch Parallelismus und Abstich der Situationen eine Verstärkung der
Gesammtwirkung erreicht wurde, vermögen wir nicht mehr zu übersehen;
aber aus dem Wesen aller dramatischen Darstellung folgt, daß der
Dichter eine Steigerung und eine gewisse Gesammtheit der damals
möglichen Wirkungen erstrebt haben muß.[11]