Technik des Dramas.
Einleitung.
Daß die Technik des Dramas nichts Feststehendes, Unveränderliches
sei, bedarf kaum der Erwähnung. Seit Aristoteles einige der höchsten
Gesetze dramatischer Wirkung dargestellt hat, ist die Bildung des
Menschengeschlechts um mehr als zweitausend Jahre älter geworden;
nicht nur die Formen der Kunst, Bühne und Art der Darstellung haben
sich gewaltig verändert, sondern, was wichtiger ist, der geistige und
sittliche Inhalt der Menschen, das Verhältniß des Einzelnen zu seinem
Geschlecht und zu den höchsten Gewalten des Erdenlebens, die Idee der
Freiheit und die Vorstellungen von dem Wesen der Gottheit haben große
Umwandlungen erfahren; ein weites Gebiet dramatischer Stoffe ist uns
verloren, ein neuer größerer Bereich gewonnen. Mit den sittlichen
und politischen Grundsätzen, welche unser Leben beherrschen, haben
sich auch die Vorstellungen vom Schönen und künstlerisch Wirksamen
fortgebildet. Zwischen den höchsten Kunstwirkungen der griechischen
Festspiele, der Autos sacramentales und der Dramen zur Zeit Goethes
und Ifflands ist der Unterschied nicht weniger groß, als zwischen
dem hellenischen Chortheater, dem Mysterienbau und dem geschlossenen
Salon der modernen Bühne. Man darf als sicher betrachten, daß einige
Grundgesetze des dramatischen Schaffens für alle Zeit Geltung behalten
werden; im Ganzen aber sind sowohl die Lebensbedürfnisse des Dramas in
einer beständigen Entwickelung begriffen, als auch die Kunstmittel,
durch welche Wirkungen ausgeübt werden. Und man meine nicht, daß die
Technik der Poesie nur durch die Schöpfungen der größten Dichter
gefördert werde, wir dürfen ohne Selbstüberhebung sagen, daß wir
gegenwärtig klarer sind über die höchsten Kunstwirkungen im Drama und
über den Gebrauch der technischen Zurüstung, als Lessing, Schiller und
Goethe.
Der Dichter der Gegenwart ist geneigt, mit Verwunderung auf eine
Arbeitsweise hinabzusehen, welche den Bau der Scenen, die Behandlung
der Charaktere, die Reihenfolge der Wirkungen nach einem überlieferten
Lehrgebäude fester technischer Regeln einrichtete. Leicht dünkt uns
solche Beschränkung der Tod eines freien künstlerischen Schaffens.
Nie war ein Irrthum größer. Gerade ein ausgebildetes System von
Einzelvorschriften, eine sichere, in volksthümlicher Gewohnheit
wurzelnde Beschränkung bei Wahl der Stoffe und Bau der Stücke sind
zu verschiedenen Zeiten die beste Hilfe der schöpferischen Kraft
gewesen. Ja sie sind, so scheint es, nothwendige Vorbedingung jener
reichlichen Fruchtbarkeit, welche uns in einigen Zeiträumen der
Vergangenheit räthselhaft und unbegreiflich erscheint. Noch erkennen
wir, daß die griechische Tragödie eine solche Technik besaß, und daß
die größten Dichter nach Handwerksregeln schufen, welche zum Theil
allen gemein waren, zum Theil Eigenthum bestimmter Familien und
Genossenschaften sein mochten. Viele derselben waren der attischen
Kritik wohl bekannt, welche den Werth eines Stückes danach beurtheilte,
ob die Peripetiescene an rechter Stelle stand und die Pathosscene die
wünschenswerthe Stärke von Mitgefühl erregte. Daß das spanische Mantel-
und Degendrama die Fäden seiner Intrigue ebenfalls nach festen Regeln
kunstvoll durcheinander schob, darüber belehrt uns freilich keine
Poetik eines Castilianers, aber wir vermögen mehre dieser Regeln aus
dem gleichförmigen Bau und den immer wiederkehrenden Charakteren sehr
wohl zu erkennen, und es würde nicht schwer sein, ein Lehrgebäude der
eigenthümlichen Vorschriften aus den Stücken selbst zu errichten.
Natürlich waren diese Regeln und Kunstgriffe auch für die Zeitgenossen,
denen sie nützten, nicht etwas Unveränderliches, auch sie erfuhren
durch Genie und kluge Erfindung der Einzelnen so lange Ausbildung und
Umformung, bis sie erstarrten und nach einer Zeit geistloser Verwendung
zugleich mit der Schöpferkraft der Dichter verloren wurden.
Es ist wahr, eine ausgebildete Technik, welche nicht nur die Form,
auch viele ästhetische Wirkungen bestimmt, steckt der dramatischen
Poesie einer Zeit auch Ziel und Grenze ab, innerhalb welcher die
größten Erfolge erreicht werden, welche zu überschreiten selbst dem
Genie selten möglich ist. Leicht wird solche Begrenzung in spätern
Jahrhunderten als Hinderniß einer vielseitigen Entwickelung aufgefaßt.
Aber gerade wir Deutschen könnten uns ein abschätzendes Urtheil der
Nachwelt recht gern gefallen lassen, wenn wir nur jetzt die Hilfe einer
gemeingiltigen Technik besäßen. Denn wir leiden an dem Gegentheil einer
engen Begrenzung, an übergroßer Zuchtlosigkeit und Formlosigkeit, uns
fehlt ein volksmäßiger Stil, ein bestimmtes Gebiet dramatischer Stoffe,
jede Sicherheit der Handgriffe; unser Schaffen ist fast nach allen
Richtungen zufällig und unsicher geworden, noch heut, achtzig Jahre
nach Schiller, wird es dem jungen Dichter sehr schwer, sich auf der
Bühne vertraut und heimisch zu bewegen.
Wenn wir aber auch darauf verzichten müssen, mit den Vortheilen der
sichern und handwerksmäßigen Ueberlieferung zu schaffen, welche der
dramatischen Kunst gerade so wie den bildenden Künsten früherer
Jahrhunderte eigen war, so sollen wir doch nicht verschmähen, die
technischen Regeln aus alter und neuer Zeit, welche auf unserer Bühne
künstlerische Wirkungen erleichtern, zu suchen und verständig zu
gebrauchen. Es versteht sich, daß diese Regeln nicht durch Willkür
eines Einzelnen, auch nicht durch den Einfluß eines großen Denkers
oder Dichters auferlegt sein dürfen, sondern daß sie aus den edelsten
Wirkungen unserer Bühne gezogen, nur das für uns Nothwendige enthalten
müssen, daß sie der Kritik und der schaffenden Kraft nicht als
Gewaltherrscher, sondern als ehrliche Helfer zu dienen haben, und daß
auch bei ihnen eine Wandlung und Fortbildung nach den Bedürfnissen der
Zeit nicht ausgeschlossen wird.
Es ist immerhin auffallend, daß die technischen Hilfsregeln früherer
Zeit, nach denen der Schaffende den kunstvollen Bau des Dramas
zusammenzufügen hatte, so selten durch Schrift spätern Geschlechtern
überliefert sind. Zweitausend zweihundert Jahre sind vergangen, seit
Aristoteles den Hellenen einen Theil dieser Gesetze darstellte. Leider
ist die Poetik nur unvollständig auf uns gekommen, das Erhaltene
ist vielleicht nur Auszug, den ungeschickte Hände gemacht haben,
es hat Lücken und verderbten Text, auch scheinen einzelne Kapitel
durcheinander geworfen. Trotz dieser Beschaffenheit ist das Erhaltene
für uns von höchstem Werth, die Alterthumswissenschaft verdankt ihm
einen Einblick in die verschüttete Bühnenwelt der Hellenen, in unsern
ästhetischen Lehrbüchern bildet es noch heut die Grundlage für die
Theorie der dramatischen Kunst, auch dem arbeitenden Dichter sind
einige Kapitel der kleinen Schrift belehrend. Denn das Werk enthält
außer einer Theorie der dramatischen Wirkungen, wie sie der größte
Denker des Alterthums seinen Zeitgenossen zurecht legte, und außer
mehren Grundsätzen einer volksthümlichen Kritik, wie sie der gebildete
Athener vor neuen Stücken in Anwendung brachte, auch noch einige feine
Handgriffe aus den dramatischen Werkstätten des Alterthums, welche wir
für unsere Arbeit sehr vortheilhaft verwenden können. Im Folgenden
wird, soweit der praktische Zweck dieses Buches erlaubt, davon die Rede
sein.
Hundert und zwanzig Jahre sind es, seit Lessing den Deutschen die
Geheimschrift der alten Poetik zu entziffern unternahm. Seine
hamburgische Dramaturgie wurde der Ausgangspunkt für eine volksmäßige
Auffassung des dramatisch Schönen. Und der siegreiche Kampf, welchen er
in diesem Werk gegen die Tyrannei des französischen Geschmacks führte,
wird demselben die Achtung und Liebe der Deutschen auf immer erhalten.
Für unsere Zeit ist der streitende Theil der wichtigste. Wo Lessing
den Aristoteles erklärt, erscheint sein Verständniß des Griechen
unserer Gegenwart, welche mit reicheren Hilfsmitteln arbeitet, nicht
überall genügend; wo er belehrend die Gesetze des Schaffens darlegt,
ist sein Urtheil begrenzt durch die enge Auffassung des Schönen und
Wirkungsvollen, in welcher er damals noch selbst stand.
Freilich die beste Quelle für den Gewinn technischer Regeln sind die
Dramen großer Dichter, welche ihren Zauber auf Leser und Zuschauer noch
heut ausüben. Zunächst die griechischen Tragödien. Wer sich gewöhnt von
den Besonderheiten der alten Form abzusehen, der findet mit inniger
Freude, daß der kunstvollste tragische Dichter der Athener, Sophokles,
die Hauptgesetze des dramatischen Aufbaues mit einer beneidenswerthen
Sicherheit und Klugheit verwendet. Für Steigerung, Höhenpunkt und
Umkehr der Handlung -- den zweiten, dritten und vierten Akt unserer
Stücke -- ist er noch uns ein selten erreichtes Vorbild.
Etwa zweitausend Jahre nach Oedipus auf Kolonos schrieb Shakespeare
das Trauerspiel Romeo und Julie, er die zweite geniale Kraft, welche
der dramatischen Kunst unsterblichen Ausdruck gegeben hat. Er schuf
das Drama der Germanen, seine Behandlung des Tragischen, Anordnung
der Handlung, Art und Weise der Charakterbildung, Darstellung der
Seelenvorgänge haben für die Einleitung des Dramas und für die erste
Hälfte bis zum Höhenpunkt einige technische Gesetze, welche uns noch
leiten, festgestellt.
Auf einem Umwege kamen die Deutschen zur Erkenntniß von der Größe und
Bedeutung seiner Arbeit für uns. Die großen Dichter der Deutschen,
billig die nächsten Muster, an denen wir uns zu bilden haben, lebten in
einer Zeit des geistvollen Anstellens von Versuchen mit dem Erbe alter
Vergangenheit, deshalb fehlt der Technik, welche sie erwarben, Einiges
von der Sicherheit und Folgerichtigkeit der Wirkungen; und gerade weil
das Schöne, das sie gefunden, uns in das Blut übergegangen ist, sind
wir auch verpflichtet, bei der Arbeit Manches von uns abzuwehren, was
bei ihnen auf unfertiger oder unsicherer Grundlage ruht.
Die Beispiele, welche in dem Folgenden herangezogen werden, sind aus
Sophokles, Shakespeare, Lessing, Goethe, Schiller geholt. Denn es war
wünschenswerth, die Beispiele auf allbekannte Werke zu beschränken.
Erstes Kapitel.
Die dramatische Handlung.
1.
Die Idee.
In der Seele des Dichters gestaltet sich das Drama allmählich aus
dem rohen Stoff, dem Bericht über irgend etwas Geschehenes. Zuerst
treten einzelne Momente: innerer Kampf und Entschluß eines Menschen,
eine folgenschwere That, Zusammenstoß zweier Charaktere, Gegensatz
eines Helden gegen seine Umgebung, so lebhaft aus dem Zusammenhange
mit anderen Ereignissen heraus, daß sie Veranlassung zur Umbildung
des Stoffes werden. Diese Umbildung geht so vor sich, daß die lebhaft
empfundene Hauptsache in ihrer die Menschenseele fesselnden, rührenden
oder erschütternden Bedeutung aufgefaßt, von allem zufällig daran
Hängenden losgelöst und mit einzelnen ergänzenden Erfindungen in
einen einheitlichen Zusammenhang von Ursache und Wirkung gebracht
wird. Die neue Einheit, welche dadurch entsteht, ist die Idee des
Dramas. Sie wird der Mittelpunkt, an welchen weitere freie Erfindung
wie in Strahlen anschließt, sie wirkt mit ähnlicher Gewalt, wie die
geheimnißvolle Kraft der Krystallbildung, durch sie wird Einheit der
Handlung und Bedeutung der Charaktere, zuletzt der gesammte Bau des
Dramas hervorgebracht.
Wie der rohe Stoff zu einer poetischen Idee vergeistigt wird, soll das
folgende Beispiel zeigen. Ein junger Dichter des vorigen Jahrhunderts
liest folgende Zeitungsanzeige: „Stuttgart vom 11. Am gestrigen Tage
fand man in der Wohnung des Musikus Kritz dessen älteste Tochter
Luise und den herzoglichen Dragoner-Major Blasius von Böller tot auf
dem Boden liegen. Der aufgenommene Thatbestand und die ärztliche
Untersuchung ergaben, daß beide durch getrunkenes Gift vom Leben
gekommen waren. Man spricht von einem Liebesverhältniß, welches der
Vater des Majors, der bekannte Präsident von Böller, zu beseitigen
versucht habe. Das Schicksal des wegen seiner Sittsamkeit allgemein
geachteten Mädchens erregt die Theilnahme aller fühlenden Seelen.”
Ueber diesen gegebenen Stoff bildet, durch Mitgefühl aufgeregt,
die Phantasie des Dichters den Charakter eines feurigen und
leidenschaftlichen Jünglings, eines unschuldigen, zartfühlenden
Mädchens. Der Gegensatz zwischen der Hofluft, aus welcher der Liebende
hervorgetreten ist, und dem engen Kreis eines kleinen bürgerlichen
Haushalts wird lebhaft empfunden. Der feindliche Vater wird zu einem
herzlosen, ränkevollen Hofmann. Zwingend macht sich das Bedürfniß
geltend, den furchtbaren Entschluß eines lebensfrischen Jünglings, der
bei solchem Verhältniß von ihm ausgegangen scheint, zu erklären. Diesen
innern Zusammenhang findet der schaffende Dichter in einer Täuschung,
welche durch den Vater in die Seele des Sohnes geworfen wird, in
dem Verdachte von der Untreue der Geliebten. Auf solche Weise macht
der Dichter den Bericht sich und Andern verständlich, indem er frei
erfindend einen innern Zusammenhang hineinträgt. Es sind dem Anschein
nach kleine Ergänzungen, aber sie schaffen ein ganz selbständiges Bild,
welches der wirklichen Begebenheit als etwas Neues gegenübersteht und
etwa folgenden Inhalt hat: Einem jungen Edelmann wird durch den Vater
die Eifersucht gegen seine bürgerliche Geliebte so heftig aufgeregt,
daß er sie und sich durch Gift tötet. Durch diese Umbildung ist ein
Ereigniß der Wirklichkeit zu einer dramatischen Idee geworden. Von
jetzt ab ist das wirkliche Ereigniß dem Dichter unwesentlich, der Ort,
die Familiennamen fallen ab, ob in der That der Hergang so war, wie der
Toten und ihrer Eltern Charakter und Stellung war, bekümmert durchaus
nicht mehr; warme Empfindung und die erste Regung schöpferischer Kraft
haben der Begebenheit einen allgemein verständlichen Inhalt und eine
innere Wahrheit gegeben. Die Voraussetzungen des Stückes sind nicht
mehr zufällige und in einem einzelnen Fall vorhandene, sie könnten
gerade so hundertmal wieder eintreten, und bei den angenommenen
Charakteren und dem gefundenen Zusammenhang würde der Ausgang immer
wieder derselbe sein.
Hat der Dichter auf solche Weise den Stoff mit seiner Seele erfüllt,
dann nimmt er etwa noch aus dem wirklichen Bericht, was ihm paßt,
den Titel des Vaters und Sohnes, Vorname der Braut, Geschäft ihrer
Eltern, vielleicht noch Einzelzüge, welche sich ihm für Verwerthung
bequem fügen. Und daneben geht die weitere schöpferische Arbeit; die
Hauptcharaktere entwickeln sich bis in ihre Einzelheiten und dazu die
Nebenfiguren: ein ränkevoller Helfer des Vaters, ein anderes Weib im
Gegensatz zu der Geliebten, die Persönlichkeiten der Eltern. Neue
Momente der Handlung treten hinzu, alle diese Erfindungen durch die
Idee bestimmt und gerichtet.
Diese Idee, der erste Fund des Dichters, die stille Seele, durch welche
er den von außen an ihn tretenden Stoff vergeistigt, tritt ihm selbst
nicht leicht als Gedanke gegenüber, sie hat nicht die farblose Klarheit
eines abgezogenen Begriffes. Im Gegentheil ist das Eigenthümliche bei
solcher Arbeit der Dichterseele, daß die Haupttheile der Handlung, das
Wesen der Hauptcharaktere, ja auch etwas von der Farbe des Stückes
zugleich mit der Idee in der Seele aufleuchten zu einer untrennbaren
Einheit verbunden, und daß sie sofort wie ein Lebendes wirken, nach
allen Seiten weitere Bildungen erzeugend. So ist allerdings möglich,
daß dem Dichter die Idee seines Stückes, die er doch sehr sicher in
der Seele trägt, niemals während dem Schaffen zur Ausbildung in Worten
gelangt, und daß er sich erst später durch Nachdenken seine innere
Habe in das geprägte Metall der Rede umsetzt und als Grundgedanken
seines Dramas begreift. Möglich sogar, daß er als Schaffender die Idee
richtiger nach den Gesetzen seiner Kunst empfunden hat, als er sich den
Grundgedanken des Werkes in einem Satze zusammenfaßt.
Wenn es für ihn aber auch unbequem, zuweilen schwierig ist, die Idee
des werdenden Stückes in eine Formel abzuziehen und in Worten zu
beschreiben, so wird er doch gut thun, diese Abkühlung seiner warmen
Seele schon im Beginn der Arbeit einmal zuzumuthen und scharf prüfend
die gefundene Idee nach den Grundbedingungen des Dramas zu beurtheilen.
Auch für den Fremden ist es lehrreich, aus dem fertigen Kunstwerk
die verborgene Seele zu suchen und, wie unvollständig das auch immer
möglich sei, in eine Formel zu fassen. Es läßt sich Manches daraus
erkennen, was für die einzelnen Dichter charakteristisch ist. Es
sei z. B. die Grundlage „Maria Stuart”: aufgeregte Eifersucht einer
Königin treibt zur Tötung ihrer gefangenen Gegnerin. Und wieder von
„Kabale und Liebe”: aufgeregte Eifersucht eines jungen Adligen treibt
zur Tötung seiner bürgerlichen Geliebten, so wird diese nackte Formel
zwar der ganzen Fülle des farbigen Lebens enthoben sein, welches im
Gemüth des Schaffenden an der Idee haftet; trotzdem wird einiges
Eigenthümliche an dem Bau beider Stücke schon aus ihr deutlich werden,
z. B. daß der Dichter bei solcher Grundlage in die Nothwendigkeit
versetzt war, den ersten Theil der Handlung vorzudichten, welcher das
Entstehen der Eifersucht erklärt, daß also die treibende Kraft in den
Hauptcharakteren selbst erst von der Mitte des Stückes aus wirksam
wird, und daß die ersten Akte bis zum Höhenpunkt vorzugsweise die
Bestrebungen der Nebenfiguren enthalten, diese tötliche Thätigkeit
eines der Hauptcharaktere zu erregen. Er wird ferner bemerken, wie
ähnlich im letzten Grunde Motiv und Bau dieser beiden Dramen Schillers
ist und wie beide eine überraschende Aehnlichkeit mit Idee und Anlage
des gewaltigeren Othello haben.
Der Stoff, welcher durch die dramatische Idee umgebildet wird, ist
entweder vom Dichter eigens für sein Drama erfunden, oder er ist
eine Anekdote aus dem Leben, welches den Dichter umgibt, oder ein
Bericht, den die Geschichte darbietet, oder der Inhalt einer Sage,
Novelle, poetischen Erzählung. In jedem dieser Fälle, wo der Dichter
Vorhandenes benutzt, ist der Stoff bereits durch das Eindringen einer
Idee mehr oder weniger vermenschlicht. Sogar in der oben erdachten
Zeitungsanzeige ist die beginnende Umbildung bereits erkennbar. In
dem letzten Satze: „Man spricht von einem Liebesverhältniß, welches
u. s. w.” macht der Berichterstatter den ersten Versuch, die Thatsachen
in eine innerlich zusammenhängende Geschichte zu wandeln, den
Unglücksfall zu erklären und den Liebenden dadurch erhöhte Theilnahme
zu verleihen, daß ihrem Wesen ein anziehender Inhalt gegeben wird.
Dieser Vorgang des Umdeutens, durch welchen wirklichen Ereignissen ein
den Bedürfnissen des Gemüths entsprechender Inhalt und Zusammenhang
verliehen wird, ist kein Vorrecht des Dichters. Neigung und Fähigkeit
dazu sind in allen Menschen und zu allen Zeiten thätig. Jahrtausende
lang hat das Menschengeschlecht alles Leben des Himmels und der Erde
sich so umgedeutet, es hat seine Vorstellungen von dem göttlichen
Wesen mit menschlichen Ideen überreichlich erfüllt. Alle epische Sage
ist aus einer solchen Umwandlung religiöser, naturhistorischer und
zuweilen geschichtlicher Eindrücke in poetische Ideen hervorgegangen.
Noch jetzt, seit die historische Bildung uns beherrscht und die Achtung
vor dem thatsächlichen Zusammenhange der Weltbegebenheiten hoch
gestiegen ist, erweist sich im Größten wie im Kleinsten dieser Drang
die Ereignisse zu erklären. Bei jeder Anekdote, ja in dem unliebsamen
Geklätsch der Gesellschaft ist dieselbe Thätigkeit sichtbar, mag nun
das Wirkliche durch den Trieb umgewandelt werden, irgend einen Zug des
kleinen Lebens heiter und anmuthig darzustellen, oder aus dem Bedürfniß
des Erzählers, sich selbst im Gegensatz zu andern Menschen als sicherer
und besser zu empfinden.
Auch der geschichtliche Stoff ist durch den Historiker bereits
vermittelst einer Idee geordnet, bevor der Dichter sich seiner
bemächtigt. Die Ideen des Geschichtschreibers sind allerdings nicht
poetische, aber auch sie wirken bestimmend und bildend auf alle Theile
des Werkes, welches durch sie hervorgerufen wird. Wer das Leben eines
Mannes beschreibt, wer einen Abschnitt der vergangenen Zeit darstellt,
auch er muß nach festen Gesichtspunkten die chaotische Stoffmasse
ordnen, Unwesentliches ausscheiden, die Hauptsachen hervorheben.
Noch mehr: er muß den Inhalt eines Menschenlebens oder einer Zeit zu
verstehen suchen, ureigene Grundzüge, einen innern Zusammenhang der
Ereignisse zu finden bemüht sein. Aber freilich zunächst einen innern
Zusammenhang seines Stoffes mit vielem Andern, außerhalb Liegenden,
das er nicht darstellt. Ja, er muß sogar in einzelnen Fällen die
Ueberlieferung ergänzen und Unverständliches dadurch deuten, daß
er den möglichen und wahrscheinlichen Inhalt desselben findet. Er
wird endlich auch bei der Anordnung seines Werkes durch Gesetze des
Schaffens bestimmt, welche zahlreiche Uebereinstimmungen mit den
Compositionsgesetzen des Dichters haben. Und er vermag durch sein
Wissen und seine Kunst aus dem rohen Stoffe ein Bewunderung erregendes
Bild zu schaffen, den mächtigsten Eindruck auf die Seele des Lesers
hervorzubringen. Aber er unterscheidet sich von dem Dichter dadurch,
daß er gewissenhaft das wirklich Geschehene so zu verstehen sucht, wie
es thatsächlich in die Erscheinung getreten war, und daß der innere
Zusammenhang, den er sucht, durch eine Weltordnung hervorgebracht
wird, welche wir als göttlich, unendlich, unfaßlich verehren. Dem
Geschichtschreiber ist der Thatbestand selbst und die Bedeutung
desselben für den menschlichen Geist der höchste Fund. Dem Dichter ist
das Höchste die schöne Wirkung der eigenen Erfindung, ihr zu Liebe
wandelt er behaglich spielend den wirklichen Thatbestand. Deshalb
ist dem Dichter jedes Werk des Geschichtschreibers, wie vollständig
dasselbe auch durch die aus dem Inhalte erkannte geschichtliche
Idee belebt sein mag, doch nichts als roher Stoff, gleich einem
Tagesereigniß, und die kunstvollste Behandlung durch den Historiker
ist ihm nur insoweit brauchbar, als sie ihm das Verständniß einer
Begebenheit erleichtert. Hat der Dichter durch die Geschichte
Theilnahme an der Person des Kriegsfürsten Wallenstein gewonnen,
empfindet er aus dem Bericht lebhaft einen gewissen Zusammenhang
zwischen den Thaten und dem Geschick des Mannes, wird er durch
auffallende Einzelzüge des wirklichen Lebens gerührt oder erschüttert,
so beginnt bei ihm der Vorgang des Umbildens damit, daß er Thaten und
Untergang des Helden in vollständig begreiflichen und ergreifenden
Zusammenhang bringt, und daß er sich das Wesen des Helden so umbildet,
wie es für eine rührende und erschütternde Wirkung der Handlung
wünschenswerth ist. Was in dem geschichtlichen Charakter vielleicht nur
eine Nebenursache war, wird zur Grundlage seines Wesens, der finstere,
schreckliche Bandenführer nimmt etwas von der Natur des Dichters an,
er wird ein hochsinniger, träumerisch nachdenklicher Mann. Diesem
Charakter gemäß werden die Begebenheiten umgedeutet, alle andern
Charaktere bestimmt, Schuld und Schicksale gerichtet. Durch solches
Idealisiren ist Schillers Wallenstein entstanden, eine Gestalt, deren
fesselnde Züge mit dem Antlitz des geschichtlichen Wallenstein nur
wenig gemein haben. Freilich wird der Dichter sich zu hüten haben, daß
in seiner Erfindung nicht ein für seine Zeitgenossen empfindlicher
Gegensatz zu der historischen Wahrheit hervortrete. Wie sehr der neuere
Dichter durch solche Rücksicht eingeengt wird, soll später ausgeführt
werden.
Es wird dabei von der Persönlichkeit des Dichters abhängen, ob den
ersten Reiz zu seiner poetischen Thätigkeit fesselnde Charakterzüge
der Menschen, oder das Schlagende des wirklichen Geschickes, oder
vielleicht gar die interessante Zeitfarbe abgibt, welche er schon in
dem geschichtlichen Bericht vorfindet. Von dem Augenblick aber, wo ihm
der Reiz und die Wärme gekommen sind, deren er zum Schaffen bedarf,
verfährt er, wie treu er sich auch scheinbar an den geschichtlichen
Stoff anlehne, doch in der That mit unumschränkter Freiheit. Er
verwandelt allen für ihn brauchbaren Stoff in dramatische Momente.[1]
Aber auch, wo der Dichter einen Stoff aufnimmt, der bereits nach
Gesetzen des epischen Schaffens mehr oder weniger vollständig geordnet
ist, als Heldengedicht, Sage, kunstvoll durchgebildete Erzählung, ist
ihm das für eine andere Gattung der Poesie Fertige nur Stoff. Und man
meine nicht, daß eine Begebenheit und ihre Personen, welche durch so
nahe verwandte Kunst bereits verklärt sind, schon deshalb für das
Drama bessere Zurichtung haben. Im Gegentheil ist gerade zwischen
den großen Gebilden der epischen Poesie, welche Begebenheiten und
Helden schildert, wie sie _neben_ einander stehen, und zwischen der
dramatischen Kunst, welche Handlungen und Charaktere darstellt, wie sie
_durch_ einander werden, ein tiefer Gegensatz, der für den Schaffenden
nicht leicht zu bewältigen ist. Sogar der poetische Reiz, den diese
zugerichteten Gebilde auf seine Seele ausüben, mag ihm erschweren,
dieselben nach den Lebensbedingungen seiner Kunst umzubilden. Das
griechische Drama hat ebenso hart mit seinen Stoffen gerungen, welche
dem Epos entnommen waren, als die geschichtlichen Dichter unserer Zeit
mit der Umwandlung der geschichtlichen Ideen in dramatische.
Einen Stoff nach einheitlicher Idee künstlerisch umbilden heißt
ihn idealisiren. Die Personen des Dichters werden, gegenüber ihren
Stoffbildern aus der Wirklichkeit, mit einem bequemen Handwerksausdruck
Ideale genannt.
2.
Was ist dramatisch?
_Dramatisch_ sind diejenigen starken Seelenbewegungen, welche
sich bis zum Willen und zum Thun verhärten, und diejenigen
Seelenbewegungen, welche durch ein Thun aufgeregt werden; also die
innern Vorgänge, welche der Mensch vom Aufleuchten einer Empfindung
bis zu leidenschaftlichem Begehren und Handeln durchmacht, sowie
die Einwirkungen, welche eigenes und fremdes Handeln in der Seele
hervorbringt; also das Ausströmen der Willenskraft aus dem tiefen
Gemüth nach der Außenwelt und das Einströmen bestimmender Einflüsse aus
der Außenwelt in das Innere des Gemüths; also das _Werden_ einer That
und ihre _Folgen_ auf das Gemüth.
_Nicht dramatisch_ ist die Action an sich und die leidenschaftliche
Bewegung an sich. Nicht die Darstellung einer Leidenschaft an sich,
sondern der Leidenschaft, welche zu einem Thun leitet, ist die Aufgabe
der dramatischen Kunst; nicht die Darstellung einer Begebenheit an
sich, sondern ihrer Einwirkung auf die Menschenseele ist Aufgabe der
dramatischen Kunst. Ausführung leidenschaftlicher Seelenbewegungen als
solcher ist Sache der Lyrik, Schilderung fesselnder Begebenheiten ist
Aufgabe des Epos.
Beide Richtungen, in denen das Dramatische sich äußert, sind allerdings
nicht grundverschieden. Auch während der Mensch in der Spannung und
Arbeit ist, sein Inneres nach Außen zu wenden, wirkt seine Umgebung
fördernd oder hemmend auf seine leidenschaftliche Bewegung. Und
wieder, auch während das Gethane auf ihn zurückwirkt, beharrt er
nicht aufnehmend, sondern erhält durch die Aufnahme neue Bewegungen
und Wandlungen. Dennoch ist ein Unterschied in der Wirkung beider eng
verbundenen Vorgänge. Den höchsten Reiz hat immer der erste Vorgang,
der innere Kampf des Menschen bis zur That. Der zweite fordert mehr
äußerliche Bewegung, ein stärkeres Zusammenwirken verschiedener Kräfte,
fast Alles, was die Schaulust vergnügt, gehört ihm an; und doch ist
er, wie unentbehrlich er dem Drama sei, vornehmlich ein Befriedigen
erregter Spannung, und leicht eilt über ihn hinweg die Ungeduld des
nachschaffenden Hörers, eine neue leidenschaftliche Spannung im Innern
der Helden suchend. Was _wird_, nicht, was als ein Gewordenes Staunen
erregt, fesselt am meisten.
Da die dramatische Kunst Menschen darstellt, wie ihr Inneres nach Außen
wirkt oder durch Einwirkungen von Außen ergriffen wird, so muß sie
folgerecht die Mittel benützen, durch welche sie den Zuhörern diese
Vorgänge der Menschennatur verständlich machen kann. Diese Mittel sind
Rede, Ton, Geberde. Sie muß ihre Menschen vorführen als sprechend,
singend, im Geberdenspiel. Die Poesie gebraucht also zu Gehilfen für
ihre Darstellung die Musik und Schauspielkunst.
In engem Verbande mit ihren helfenden Künsten, in kräftiger, geselliger
Arbeit, sendet sie ihre Bilder in die Seelen der Aufnehmenden, welche
zugleich Hörende und Schauende sind. Die Eindrücke, welche sie
hervorbringt, werden _Wirkungen_ genannt. Die dramatischen Wirkungen
haben eine sehr eigenthümliche Beschaffenheit, sie unterscheiden sich
nicht nur von den Wirkungen der bildenden Künste durch nachdrücklichere
Kraft und die allmähliche gesetzmäßige Steigerung in bestimmtem
Zeitmaß, sondern auch von den mächtigen Wirkungen der Musik dadurch,
daß sie durch _zwei_ Sinne zugleich einströmen, und daß sie nicht
allein das Empfindungsleben, sondern auch die Denkkraft des Hörers
reizvoll spannen.
Schon aus dem Gesagten ist klar, daß die nach den Bedürfnissen
dramatischer Kunst zugerichteten Personen einiges Besondere in
ihrem Wesen haben müssen, was sie nicht nur von den unendlich
mannigfaltigeren und complicirteren Menschenbildern, welche uns das
wirkliche Leben in die Seele drückt, unterscheidet, sondern auch von
den poetischen Gebilden, welche durch andere Gattungen der Kunst,
das Epos und den Roman oder die Lyrik, wirksam gemacht werden. Die
dramatische Person soll menschliche Natur darstellen, nicht wie sie
sich thätig und gefühlvoll in ihrer Umgebung regt und spiegelt, sondern
ein großartig und leidenschaftlich bewegtes Innere, welches danach
ringt, sich in die That umzusetzen, Wesen und Thun Anderer umgestaltend
zu leiten. Der Mensch des Dramas soll in starker Befangenheit, Spannung
und Wandlung erscheinen; vorzugsweise die Eigenschaften werden bei
ihm in Thätigkeit dargestellt, welche im Kampf mit anderen Menschen
zur Geltung kommen, Energie der Empfindung, Wucht der Willenskraft,
Beschränktheit durch leidenschaftliches Begehren, gerade die
Eigenschaften, welche den Charakter bilden und durch den Charakter
verständlich werden. Es geschieht also nicht ohne Grund, daß die
Kunstsprache kurzweg die Personen des Dramas _Charaktere_ nennt.
Aber die Charaktere, welche durch die Poesie und ihre helfenden Künste
vorgeführt werden, vermögen ihr inneres Leben nur zu bethätigen an
einem Geschehenden, als Theilnehmer an einer Begebenheit, deren Verlauf
und innerer Zusammenhang durch die dramatischen Vorgänge in der Seele
der Helden dem Zuhörer deutlich wird. Diese Begebenheit, wenn sie nach
den Bedürfnissen der Kunst zugerichtet ist, heißt die _Handlung_.[2]
Jeder Theilnehmer an der dramatischen Handlung hat eine bestimmte
Stellung zum Ganzen, für jeden ist eine genau umschriebene
Persönlichkeit nothwendig, welche so beschaffen sein muß, daß das
Zweckvolle derselben vom Zuhörer mit Behagen empfunden, das Menschliche
und Eigenthümliche von dem Schauspieler durch die Mittel seiner Kunst
wirksam dargestellt werden kann.
Jene Seelenvorgänge, welche oben als die dramatischen bezeichnet
wurden, werden allerdings nicht an jeder der dargestellten Personen
vollständig sichtbar, zumal nicht auf der neuern Bühne, welche
liebt, eine größere Anzahl von Menschen als Träger ihrer Handlung
aufzuführen. Aber die Hauptpersonen müssen davon erfüllt sein, nur
wenn diese ihr Wesen in der angegebenen Weise kräftig, reichlich und
bis zu den geheimsten Falten des Innern darlegen, vermag das Drama
große Wirkungen hervorzubringen. Wird an den Hauptpersonen dies letzte
Dramatische nicht sichtbar und nicht dem Aufnehmenden eindringlich, so
fehlt dem Drama das Leben, es wird eine gekünstelte leere Form ohne
den entsprechenden Inhalt, das anspruchsvolle Zusammenwirken mehrer
verbundener Künste macht diese Leere doppelt peinlich.
Neben den Hauptpersonen erhalten ihre Gehilfen, je nach dem Raum,
welchen sie im Stück einnehmen, mehr oder weniger Antheil an diesem
dramatischen Leben. Und völlig schwindet es auch in den kleinsten
Rollen nicht, selbst bei den Personen, welche nur durch wenige Worte
ihre Theilnahme erweisen können; bei dem Begleiter, dem Anmeldenden
wird wenigstens der Schauspielkunst die Pflicht, durch Tracht,
Sprechweise, Haltung, Geberde, Aufstellung der eintretenden Person den
für das Stück zweckmäßigen Inhalt derselben äußerlich darzustellen,
wenn auch knapp und bescheiden.
Da aber die Darstellung derjenigen Seelenvorgänge, welche Vorrecht und
Bedürfniß des Dramas sind, Zeit in Anspruch nimmt, und dem Dichter je
nach der Gewohnheit seines Volkes auch das Zeitmaß für seine Wirkungen
begrenzt ist, so folgt schon hieraus, daß die dargestellte Begebenheit
die Hauptpersonen weit stärker hervorheben muß, als bei einem Ereigniß
der Wirklichkeit, welches durch gemeinsame Thätigkeit mehrer Menschen
hervorgebracht wird, nothwendig ist.
Die Fähigkeit, dramatische Wirkungen durch die Kunst hervorzubringen,
ist dem Menschengeschlecht nicht in jedem Zeitraum seines Daseins
verliehen. Die dramatische Poesie erscheint später als Epos und Lyrik;
ihre Blüthe in einem Volke hängt allerdings von dem glücklichen
Zusammentreffen vieler hervortreibender Kräfte ab, zunächst aber davon,
daß in dem wirklichen Leben der Volksgenossen die entsprechenden
Seelenvorgänge bereits häufig und reichlich sichtbar werden. Und dies
ist erst möglich, wenn das Volk eine gewisse Höhe der Entwickelung
erreicht hat, wenn die Menschen gewöhnt sind, sich selbst und andere
_vor_ den Momenten einer That scharfsichtig zu beobachten, wenn die
Sprache einen hohen Grad von Beweglichkeit und gewandter Dialektik
ausgebildet hat, wenn der Einzelne nicht mehr durch den epischen Bann
alter Ueberlieferung und äußerer Gewalt, durch hergebrachte Formel
und volksgemäße Gewohnheit gefesselt wird, sondern sich freier das
eigene Leben zu formen vermag. Wir unterscheiden zwei Zeiträume, in
denen das Dramatische dem Geschlecht der Erde gekommen ist. Zum ersten
Mal trat diese Vertiefung der Menschenseele in die antike Welt etwa
um das Jahr 500 v. Chr., als sich das jugendliche Selbstgefühl der
freien hellenischen Stadtgemeinden mit der Blüthe des Handels, der
öffentlichen Reden und der Theilnahme des Bürgers am Staat erhob.
Das zweite Mal trat das Dramatische in die neuere Völkerfamilie
Europas nach der Reformation zugleich mit der Vertiefung des Gemüthes
und Geistes, welche durch das sechzehnte Jahrhundert sowohl bei
den Germanen als bei den Romanen -- in sehr verschiedener Weise --
hervorgebracht wurde. Allerdings hatten schon Jahrhunderte vor dem
Eintritt dieser kräftigen Seelenarbeit sowohl die Hellenen als die
Stämme der Völkerwanderung sich die ersten Anfänge einer Redeweise
und Kunst des Geberdenspiels entwickelt, welche das Dramatische
suchte. Dort wie hier hatten große Götterfeste einen Gesang in
feierlicher Tracht und das Spiel volksthümlicher Masken veranlaßt.
Aber das Eintreten der dramatischen Kraft in diese lyrischen oder
epischen Schaustellungen war doch beide Male ein wunderbar schnelles,
fast plötzliches. Beide Male entfaltete sich das Dramatische von
dem Augenblick, in dem es lebendig wurde, mit großer Kraft zu einer
Schönheit, welche durch die spätern Jahrhunderte nicht leicht erreicht
wurde. Unmittelbar nach den Perserkriegen kamen Aeschylos, Sophokles,
Euripides dicht hinter einander herauf. Kurz nach der Reformation
erwuchs in der Völkerfamilie Europas zuerst bei den Engländern und
Spaniern, dann bei den Franzosen, endlich bei den zurückgebliebenen
Deutschen aus unbehilflicher Schwäche die höchste volksgemäße Blüthe
der seltenen Kunst.
Aber darin unterscheidet sich jener ältere Eintritt des Dramatischen in
die alte Welt, daß das Drama des Alterthums aus lyrischem Chorgesang
hervorwuchs, während das neuere auf der epischen Freude an Vorführung
wichtiger Begebenheiten beruht. Dort war im ersten Anfange die
leidenschaftliche Aufregung des Gefühls, hier das Schauen eines
Ereignisses reizvoll gewesen. Diese Verschiedenheit des Ursprungs hat
auch nach der kunstvollen Ausbildung Form und Inhalt des Dramas mächtig
beeinflußt, und wie erhaben die besten Leistungen der Kunst in beiden
Zeiträumen wurden, sie behielten etwas wesentlich Verschiedenes.
Aber selbst nachdem das dramatische Leben in dem Volke aufgegangen war,
blieben die höchsten Kunstwirkungen der Poesie ein Vorrecht Weniger,
auch seit dieser Zeit wird die dramatische Kraft nicht jedem Dichter
zu Theil; ja sie füllt nicht jedes Werk, auch der größten Dichter,
mit genügender Gewalt. Wir dürfen schließen, daß schon zur Zeit des
Aristoteles jene prunkvollen Schaustücke mit einfacher Handlung, ohne
charakteristisches Begehren der Hauptfiguren, mit lose eingehängten
Chören, wie er sie beschreibt, vielleicht lyrische Schönheiten hatten,
aber keine dramatischen. Und unter den geschichtlichen Dramen, welche
jetzt in Deutschland jährlich geschrieben werden, enthält die größere
Hälfte wenig mehr als dialogisirte und verstümmelte Geschichte, etwa
epischen Stoff in scenischer Form, ebenfalls nicht dramatischen Inhalt.
Ja auch einzelne Werke großer Dichter kranken an demselben Mangel. Nur
zwei berühmte Dramen seien hier genannt. Die Hekabe des Euripides zeigt
bis gegen das Ende nur kleine durchaus ungenügende Fortschritte aus der
bewegten Stimmung zu einem Thun: erst im Schlußkampf gegen Polymestor
erweist Hekabe eine Leidenschaft, die zum Willen wird, erst da
beginnt eine dramatische Spannung, bis dahin floß aus kurz skizzirten
leidenvollen Zuständen der Hauptpersonen nur lyrische Klage. Und wieder
in Shakespeare's Heinrich ~V.~, in dem der Dichter ein vaterländisches
Volksstück nach den alten epischen Gewohnheiten seiner Bühne dichten
wollte, mit kriegerischen Aufzügen, Gefechten, kleinen Episoden, ist
weder an dem Hauptcharakter noch den Nebenfiguren eine tiefe Begründung
ihres Thuns aus dramatisch darstellbaren Motiven sichtbar. In kurzen
Wellen kräuselt sich Wunsch und Forderung, die Handlungen selbst
sind die Hauptsache. Die Vaterlandsliebe muß warme Theilnahme an der
Handlung aufregen, was sie allerdings in Shakespeare's Zeit und Volk
reichlich gethan hat. Für uns ist das Drama weniger darstellbar,
als die Theile Heinrich's ~VI.~ -- Dagegen enthält, um nur einige
Stücke desselben Dichters zu nennen, Macbeth bis zur Banketscene, der
ganze Coriolan, Othello, Romeo und Julie, Julius Cäsar, Lear bis zur
Hüttenscene, Richard ~III.~ das machtvollste Dramatische, welches je
von einem Germanen geschaffen worden.
Nach der starken Spannung der Hauptpersonen aber schätzt in der Regel
schon die Mitwelt, in jedem Fall die Folgezeit die Bedeutung eines
Dramas. Wo dies Leben fehlt, vermag keine Kunst der Behandlung, kein
günstiger Stoff das Werk lebendig zu erhalten. Wo dies dramatische
Leben vorhanden ist, betrachtet auch noch späte Folgezeit ein
Dichterwerk mit lebhafter Achtung und übersieht ihm gern große Mängel.
3.
Einheit der Handlung.
Die Handlung des Dramas ist die nach einer Idee angeordnete
Begebenheit, deren Inhalt durch die Charaktere vorgeführt wird.
Sie ist aus vielen Einzelheiten zusammengesetzt und besteht aus einer
Anzahl dramatischer Momente, welche nach einander in gesetzlicher
Gliederung wirksam werden.
Die Handlung des ernsten Dramas muß folgende Eigenschaften haben:
_Sie muß eine festgeschlossene Einheit bilden._
Dies berühmte Gesetz hat bei Griechen und Römern, bei Spaniern und
Franzosen, bei Shakespeare und den Deutschen sehr verschiedene
Anwendung erfahren, welche zum Theil durch die Kunstgelehrten, zum
Theil durch die Beschaffenheit der Bühnen veranlaßt wurde. Das Verengen
seiner Forderung durch die französischen Classiker und der gegen die
drei Einheiten von Ort, Zeit, Begebenheit geführte Kampf der Deutschen
haben für uns nur noch ein literarhistorisches Interesse.[3]
Kein Stoff ist ohne Voraussetzungen, wie vollständig er aus
dem Zusammenhange mit andern Ereignissen herausgelöst werde.
Diese unentbehrlichen Voraussetzungen müssen dem Hörer in den
Eröffnungsscenen so weit dargestellt werden, daß er die Grundlagen
des Stückes übersieht, nicht weitläufiger, damit nicht der Raum
für die Handlung selbst beengt werde. Also zunächst Zeit, Volk,
Ort, Stellung der auftretenden Hauptpersonen zu einander, dabei die
unvermeidlichen Fäden, welche von Allem, was außerhalb der Handlung
geblieben ist, sich in diese selbst hineinziehen. Wenn z. B. in
Kabale und Liebe ein bestehendes Liebesverhältniß zu Grunde liegt, so
muß dem Hörer sogleich ein scharf beleuchtender Einblick in diese
Beziehung der beiden Hauptpersonen und in das Familienleben gewährt
werden, aus welchem sich das Trauerspiel entwickeln soll. Vollends
bei geschichtlichem Stoff, der aus dem ungeheuren und unendlichen
Zusammenhange der Weltereignisse herausgehoben wird, ist die Darlegung
seiner Voraussetzungen keine leichte Sache und der Dichter hat sehr
darauf zu achten, daß er dieselben so viel als möglich vereinfache.
Von dieser unentbehrlichen Einleitung muß sich aber der Anfang der
bewegten Handlung kräftig abheben, wie eine beginnende Melodie von
einleitenden Accorden. Dies erste Moment der Bewegung -- das aufregende
Moment -- ist von großer Wichtigkeit für die Wirkung des Dramas; es
wird weiter unten davon die Rede sein.
Ebenso muß das Ende der Handlung als allgemein verständliches
Ergebniß des Gesammtverlaufs erscheinen, gerade hier muß die innere
Nothwendigkeit lebhaft empfunden werden; der Ausgang aber muß die
vollständige Beendigung des Kampfes und der aufgeregten Conflicte
darstellen.
Innerhalb dieser Grenzen soll sich die Handlung in einheitlichem
Zusammenhange fortbewegen. Dieser innere Zusammenhang wird im Drama
dadurch hervorgebracht, daß jedes Folgende aus dem Vorhergehenden
abgeleitet wird als Wirkung einer dargestellten Ursache. Mag das
Veranlassende nun der folgerechte Zwang der Begebenheiten sein, und
das neu Eintretende als wahrscheinliches und allgemein verständliches
Ergebniß früherer Handlungen begriffen werden; oder mag das Bewirkende
eine allgemein verständliche Eigenthümlichkeit des bereits dargelegten
Charakters sein. Auch wenn unvermeidlich ist, daß im Verlauf neue
Ereignisse hinzutreten, sogar solche, welche dem Hörer unerwartet
und überraschend kommen, müssen diese unmerklich, aber vollständig
durch Vorhergegangenes erklärt sein. Dies Begründen der Ereignisse
im Drama heißt Motiviren. Durch die Motive werden die Einzelheiten
der Handlung zu einem künstlerisch wohlgefügten Ganzen verbunden.
Das Zusammenfesseln der Ereignisse durch das freie Schaffen einer
ursächlichen Verbindung ist die unterscheidende Eigenthümlichkeit
dieser Kunstgattung, durch dies Zusammenfesseln wird das _dramatische_
Idealisiren des Stoffes bewirkt.
Als Beispiel diene die Umwandlung einer Erzählung in eine dramatische
Handlung. Die Erzählung berichtet Folgendes: Zu Verona lebten zwei edle
Familien in alter Feindschaft und Fehde. Da will der Zufall, daß einst
der Sohn des einen Geschlechts mit seinen Begleitern den übermüthigen
Streich ausführt, verkleidet in ein Maskenfest einzudringen, das der
Häuptling des anderen Geschlechtes veranstaltet. Auf diesem Maskenfest
sieht der Eindringling die Tochter seines Feindes, in beiden entsteht
eine rücksichtslose Leidenschaft, sie beschließen heimliche Vermählung
und werden von dem Beichtvater des Mädchens getraut. Da will wieder der
Zufall, daß der Neuvermählte mit einem Vetter seiner Braut in Streit
geräth und, weil er diesen im Zweikampf getötet hat, von dem Fürsten
des Landes bei Todesstrafe verbannt wird. Unterdeß hat ein vornehmer
Freier bei den Eltern der Neuvermählten um sie angehalten, der Vater
achtet nicht das verzweifelte Flehen der Tochter und setzt den Tag der
Vermählung fest. Die junge Frau erhält in dieser schrecklichen Lage von
ihrem Beichtvater einen Schlaftrunk, der ihr den Schein des Todes geben
soll, der Beichtvater unternimmt, sie heimlich aus dem Sarge zu lösen
und ihren entfernten Gatten von dem Sachverhältniß zu unterrichten.
Aber wieder bewirkt ein unglücklicher Zufall, daß der Gatte in der
Fremde, bevor ihn der Bote des Paters trifft, die Nachricht erhält, daß
seine Geliebte gestorben sei. Er eilt heimlich in die Vaterstadt zurück
und dringt bei Nacht in ihr Grabgewölbe; unglücklicher Weise trifft er
dort mit dem von den Eltern bestimmten Bräutigam zusammen, er tötet
ihn und trinkt an dem Sarge der Geliebten Gift. Die Geliebte erwacht,
sieht den sterbenden Gemahl und ersticht sich mit seinem Dolche.[4]
Diese Erzählung ist einfacher Bericht über ein auffallendes Ereigniß.
_Daß_ Alles so gekommen, wird gesagt; _wie_ und _warum_ es so gekommen,
kümmert nicht. Die Reihenfolge der berichteten Ereignisse hat sehr
lose Verbindung, Zufall, Laune des Schicksals, ein unberechenbares
Zusammentreffen unglücklicher Momente veranlaßt Verlauf und
Katastrophe. Ja, gerade das auffällige Spiel des Zufalls ist das
Reizvolle. Ein solcher Stoff scheint vorzüglich ungünstig für das
Drama. Und doch hat ein großer Dichter eines seiner schönsten Dramen
daraus geschaffen.
Die Thatsachen sind sämmtlich unverändert geblieben, nur ihre
Verbindung ist eine andere geworden. Denn die Aufgabe des Dichters war
nicht, uns die Thatsachen auf der Bühne vorzuführen, sondern dieselben
aus dem Empfinden, Begehren, Handeln seiner Personen herzuleiten,
zu erklären, glaublich und vernunftgemäß zu entwickeln. Er hatte im
Anfang die Voraussetzungen der Handlung darzulegen: die Händel in einer
italienischen Stadt zur Zeit, wo Schwerter getragen wurden und die
Rauflust schnell mit der Hand an die Waffen griff, die Führer beider
Parteien, die regierende Macht, welche mit Mühe die Unruhigen im Zaum
hält. Dann den Entschluß des Capulet ein Gastmahl zu geben. Darauf
mußte die Darstellung des lustigen Einfalls kommen, welcher Romeo und
seine Begleiter in das Haus des Capulet bringt. Dies erregende Moment,
der Anfang der Handlung durfte aber nicht als ein Zufall auftreten,
es mußte aus den Charakteren erklärt werden. Daher war nöthig vorher
die Genossenschaft des Romeo einzuführen, übermüthig, frisch, in
ungebändigter Jugendkraft mit dem Leben spielend. Diesem Bedürfniß der
Begründung verdankt Mercutio sein Dasein. Im Gegensatz zu den tollen
Genossen wurde der schwermüthige Held Romeo geformt, dessen Wesen
schon vor seinem Eintritt in die bewegte Handlung die liebesuchende
Leidenschaftlichkeit auszudrücken hat. Daher die Träumerei um
Rosalinde. Darauf galt es die entstehende Zuneigung der Liebenden
glaublich zu machen. Dafür die Masken- und Balkonscene. Aller Zauber
der Poesie ist hier höchst zweckvoll verwendet, um als begreiflich
und selbstverständlich zu zeigen, daß die süße Leidenschaft beiden
Liebenden fortan das Leben bestimmt.
Die Nebenfigur, welche von da in das Stück eintrat, sollte durch ihren
Charakter die Verwickelung und den traurigen Ausgang motiviren helfen.
Für die Erzählung war die Thatsache genügend, daß ein Priester traute
und die unglückliche Intrigue leitete, es haben sich immer solche
Helfer gefunden. Sobald er aber selbst auftrat und in die Handlung
hineinsprach, mußte er eine Persönlichkeit erhalten, welche alles
Folgende erklärte, er mußte gutherzig und theilnehmend sein und durch
sein Herz so großes Vertrauen verdienen, er mußte unpraktisch und zu
stillen Ränken geneigt sein, wie nicht selten die besseren Priester der
italienischen Kirche sind, um später für sein Beichtkind das verwegene
Spiel mit dem Tode zu wagen. So entstand Lorenzo.
Nach der Vermählung fiel in die Erzählung der unglückliche Zufall mit
Tybalt. Hier hatte der dramatische Dichter besondere Veranlassung,
dem plötzlich Eintretenden das Zufällige zu nehmen. Ihm konnte nicht
genügen, den Tybalt als hitzköpfigen Raufer einzuführen, er mußte,
ohne daß der Zuschauer die Absicht merkte, schon im Vorhergehenden den
besonderen Haß gegen Romeo und seine Genossen begründen. Daher die
kleine Zwischenscene beim Maskenfest, in welcher Tybalt's Zorn über
das Eindringen des Romeo aufbrennt. Und in der Scene selbst hatte der
Dichter die stärksten Motive aufzuspannen, um Romeo zum Zweikampf zu
zwingen. Deshalb mußte vorher Mercutio fallen. Auch deshalb, um das
Gewicht dieser tragischen Scene zu steigern und den Zorn des Fürsten zu
erklären.
Romeo sofort in die Verbannung zu senden, wie die Erzählung thut, war
dem Drama unmöglich. Ihm war zwingende Nothwendigkeit, der aufgeregten
Leidenschaft ihre höchste Steigerung zu geben, dem Zuschauer die
Untrennbarkeit der beiden Liebenden zu beweisen. Wie das dem Dichter
gelungen, weiß jeder. Die Scene der Brautnacht ist der höchste Punkt
der Handlung und auch durch die poetische Ausführung, die uns hier
nicht kümmert, in höchster Schönheit herausgehoben. Aber auch aus
anderen Gründen war diese Scene nothwendig. Der Charakter Julia's macht
eine Steigerung in das Edle nöthig; daß das liebevolle Mädchen auch
großartiger Bewegungen, der kräftigsten Leidenschaft fähig ist, das
muß gelehrt werden, damit man ihren späteren verzweifelten Entschluß
ihrem Wesen angemessen finde. Der wundervolle Kampf in ihr um Tybalt's
Tod und Romeo's Verbannung muß der Brautnacht vorausgehen, um der
bräutlichen Sehnsucht die schön pathetische Zugabe zu ertheilen,
welche die Theilnahme an der immerhin delikaten Scene steigert. Aber
auch die Möglichkeit dieser Scene mußte erklärt werden, die kleinen
Hilfsmotive derselben, Pater Lorenzo und die Amme als Vermittler, sind
wieder bedeutsam. Der Charakter der Amme, eine der unübertrefflichen
Erfindungen Shakespeare's, ist ebenfalls nicht zufällig so gebildet,
gerade wie sie ist, paßt sie als Helferin und macht sie die innere
Trennung Julia's von ihr und die Katastrophe erklärlich.
Unmittelbar nach der Brautnacht kommt an Julia der Befehl, sich dem
Paris zu vermählen. Daß die schöne Tochter des reichen Capulet einen
vornehmen Freier findet, und daß der Vater -- dessen rauhe Hitze schon
vorher genügend motivirt ist -- dabei harten Zwang ausübt, würde auch
ohne weitere Vorbereitung als wahrscheinlich und selbstverständlich
vom Hörer zugegeben werden. Aber dem Dramatiker lag sehr daran,
dies wichtige Ereigniß schon vorher zu begründen. Schon _vor_ der
Brautnacht läßt er den Paris das Versprechen des Vaters erhalten, auch
diesen dunkeln Schatten wollte er noch über die große Liebesscene
werfen, und er wollte das einbrechende Verhängniß recht deutlich und
gemeinverständlich erklären.
Jetzt ist das Schicksal der Liebenden in die schwachen Hände des Pater
Lorenzo gegeben. Bis dahin hat das Drama sorgfältig jedes Eindringen
eines Zufalls ausgeschlossen, bis auf die kleinste Nebensache ist Alles
aus den Charakteren und Situationen erklärt. Jetzt lastet bereits ein
ungeheures Geschick auf zwei Unglücklichen: vergossenes Blut, tötliche
Familienfeindschaft, die heimliche Ehe, die Verbannung, die neue
Brautwerbung; das Alles drängt in der Empfindung den Hörer mit einem
gewissen Zwange abwärts. Das Einführen kleiner erklärender Motive ist
nicht mehr wirksam und nicht mehr nöthig. So darf jetzt die List des
kopflosen und unpraktischen Paters durch einen Zufall scheitern. Denn
die Empfindung, daß es verzweifelt und höchst vermessen war, eine
Lebende den unberechenbaren Zufällen eines Schlaftrunks und Begrabens
auszusetzen, ist im Hörer so lebendig geworden, daß derselbe jetzt
bereits einen _unglücklichen Fall als das Wahrscheinliche betrachtet_.
So wird die Katastrophe eingeleitet und begründet. Aber damit dem Hörer
die Hoffnung auf einen glücklichen Ausgang völlig schwinde, und damit
die innere Nothwendigkeit des Untergangs noch im letzten Augenblick die
Bedeutung der unvermeidlichen Zufälle in der Totengruft überwachse, muß
Romeo noch vor der Gruft den Paris erschlagen.
Der Tod dieses fremden Mannes ist das letzte Motiv für den traurigen
Ausgang der Liebenden. Selbst wenn Julia jetzt im günstigen Augenblick
erwachte, der Pfad der Liebenden ist so mit Blut überflossen, daß
ihnen ein Glück und Leben sehr unwahrscheinlich geworden ist.
Es war hier nur die Aufgabe, an wenigen Hauptsachen den Gegensatz
zwischen innerer dramatischer Verbindung und epischem Bericht zu
zeigen. Das Stück enthält noch eine Fülle anderer Motive und ist bis
ins Kleinste hinab zweckvoll gefügt und durch feste Klammern verbunden.
Die innere Einheit einer dramatischen Handlung wird aber _nicht_
dadurch hervorgebracht, daß irgend eine Reihenfolge von Begebenheiten
als Thaten und Leiden desselben Helden erscheint. Nie ist gegen ein
großes Grundgesetz des dramatischen Schaffens öfter gefehlt worden als
gegen dieses, auch von großen Dichtern. Und immer hat diese Mißachtung
die Wirkungen auch genialer Kraft beeinträchtigt. Schon die Bühne der
Athener litt darunter und schon Aristoteles suchte diesem Unrecht
entgegen zu treten, indem er in seiner festen Weise aussprach: „die
Handlung ist das Erste und Wichtigste, die Charaktere erst das Zweite”
-- und: „die Handlung wird nicht dadurch einig, daß sie um Einen geht.”
-- Vollends wir Neueren, welche am häufigsten durch das Reizvolle
geschichtlicher Stoffe angezogen werden, haben dringende Veranlassung,
an dem Satze festzuhalten, daß die Personalunion allein nicht genüge,
die Begebenheiten in eine Einheit zu schließen.
Noch immer geschieht es, daß ein Dichter unternimmt, das Leben
eines heldenhaften Fürsten vorzuführen, wie dieser sich mit seinen
Vasallen entzweit, mit seinen Nachbarn und der Kirche herumschlägt
und versöhnt, zuletzt in einem solchen Kampfe untergeht; der Dichter
vertheilt die Hauptmomente des historischen Lebens in die fünf Akte
und drei Stunden eines Bühnendramas, setzt in Reden und Gegenreden
politische Interessen und Parteistandpunkte auseinander, flicht wohl
oder übel eine Liebesepisode ein, und meint das geschichtliche Bild
in ein poetisches verwandelt zu haben. Er ist zuverlässig nur ein
mattherziger Verderber der Geschichte, kein Priester seiner stolzen
Göttin. Was er geschaffen, ist nicht Geschichte, nicht Drama. Denn
er hat allerdings einigen Forderungen seiner Kunst nachgegeben, er
hat wichtige Ereignisse weggelassen, die ihm nicht paßten, hat den
Charakter des Helden sich einfach und kunstgemäß zugerichtet, ist
mit kleiner und großer Zuthat nicht sparsam gewesen, hat auch dem
verwickelten Zusammenhang der historischen Begebenheiten hier und da
einen erfundenen untergeschoben. Aber er hat durch alles dies eine
Gesammtwirkung erreicht, welche in gutem Falle ein schwacher Abglanz
jener erhabenen Wirkung ist, die das Leben des Helden bei guter
Darstellung durch den Historiker hervorgebracht hätte. Und sein Irrthum
war, daß er die historische Idee an die Stelle der dramatischen gesetzt
hat.
Doch auch der Dichter, welcher würdiger von seiner Kunst denkt,
ist vor geschichtlichen Stoffen in der Gefahr, eine _falsche
Einheit_ zu suchen. Der Geschichtschreiber hat ihn belehrt, daß
die wechselnden Ereignisse des geschichtlichen Lebens oft durch
Charaktereigenthümlichkeiten erklärt werden, welche Erfolge sichern,
ein Verhängniß heraufbeschwören. Gewaltig und Staunen erregend ist
die Wirkung, welche der innere Zusammenhang eines geschichtlichen
Lebens hervorbringt. Durch solche Gewalt des Wirklichen bestimmt,
sucht der Dichter den innern Zusammenhang der Begebenheiten in dem
charakteristischen Grundzuge des Heldenlebens zusammenzufassen.
Der Charakter des Helden wird ihm das letzte Motiv zur Begründung
der verschiedenen Wechselfälle eines thatenreichen Daseins. Ein
deutscher Fürst z. B., der bei großer Kraft und hochsinnigem Wesen
durch jähe Heftigkeit in Kämpfe und Niederlagen getrieben wird,
der in herzfressenden Demüthigungen, in der tiefsten Erniedrigung
sein besseres Selbst wiederfindet, sich maßvoll erhebt, seinen
hochfahrenden Stolz bändigt u. s. w., ein solcher Charakter mag an
sich alle Eigenschaften eines dramatischen Helden haben, das allgemein
Verständliche, Bedeutsame dringt vielleicht aus dem Zufälligen
seines irdischen Daseins gewaltig hervor, auch das Geschick seines
Lebens zeigt ein das menschliche Gemüth ergreifendes Verhältniß
von Schuld und Strafe, er erscheint in der That als der hämmernde
Schmied seines Glücks und Unglücks, Kern und Inhalt seines wirklichen
Lebens mag einer poetischen Idee sehr _ähnlich_ sein. Aber gerade
vor solcher Aehnlichkeit soll der Dichter mißtrauisch anhalten. Er
hat sich zunächst zu fragen, ob er denn Gewaltigeres und Wirksameres
durch _seine_ Kunst geben könne, als die Geschichte selbst bietet.
Ja, ob er überhaupt in der Lage sei, durch die Mittel seiner Kunst
auch nur einen Theil der Wirkungen herauszubilden, welche er in dem
historischen Stoffe vorausfühlend bewundert. Allerdings, er vermag
den Charakter seines Helden zu vertiefen. Was in der Seele Heinrich's
~IV.~ arbeitete, als er nach Canossa zog und im Büßerhemd an der
Schloßmauer stand, ist Geheimniß des Dichters, der Historiker weiß
darüber wenig zu erzählen. Und auf solche Momente eines wirklichen
Lebens hat der Dichter ein unveräußerliches Recht. Aber Wesen und
Wandlungen des historischen Helden vollziehen sich nicht vorzugsweise
in Momenten der persönlichen Vereinsamung, und was den Dichter gelockt
hat, war gerade ein heldenhaftes Wesen, dessen ureigenes Gefüge an
verschiedenen Ereignissen sich darstellte. Nun sind diese Ereignisse,
welche der Historiker berichtet, sehr zahlreich. Der Dichter wird sich
auf wenige der wichtigsten beschränken müssen. Er wird diese wenigen
umformen müssen, um die Bedeutung hineinzulegen, die in Wirklichkeit
der Zug des ganzen Lebens hat. Mit Erstaunen wird er sehen, wie schwer
das ist, und wie sein Held selbst dadurch kleiner und schwächer wird,
daß seine historische Idee sich an so Wenigem vollendet. Aber auch
in der Darstellung dieser ausgewählten Ereignisse ist der Dichter
wieder unendlich ärmer als der Geschichtschreiber. Für jedes seiner
Momente braucht er eine erklärende Einleitung, er muß die Hannos und
Ottos, die Rudolfe und Heinriche dem Zuhörer vorstellen, er muß ihre
Angelegenheiten bis zu gewissem Grade anziehend machen, er wird zwei-,
dreimal im Stück anspannen und abwickeln, die Personen drängen und
decken einander auf dem engen Raum, die aufschießende Theilnahme der
Hörer wird immer wieder geknickt. Er wird mit Erstaunen die Erfahrung
machen, _daß Spannung des Hörers überhaupt nicht durch die Charaktere
hervorgebracht wird, wie interessant diese sein mögen, sondern nur
durch das Gefüge der Handlung_. Und er wird im besten Fall nichts
weiter erreichen, als eine und die andere groß ausgeführte Scene
mit echtem dramatischen Leben, welche einzeln steht in einer Oede
von skizzenhaften kurzen Andeutungen, von verstümmelter Historie,
schwungloser Erfindung. Das ist das gewöhnliche Aussehen moderner
historischer Dramen.
Und wahrscheinlich ist der Dichter bei solcher Arbeit über
zahlreiche schöne Stoffe, die in dem geschichtlichen Material lagen,
hinweggefahren, ohne sie zu sehen. Ein ganzes politisches Menschenleben
zu idealisiren, ist eine riesige Arbeit. Auch cyklische Dramen,
Trilogie, Tetralogie mögen in den meisten Fällen dafür schwerlich
genügen. Ein einziges historisches Moment vermag dem Dichter
überreichen Stoff zu geben. Denn wie der Glaube da beginnt, wo das
Wissen endet, so fängt die Poesie da an, wo die Geschichte aufhört.
Was die Geschichte zu melden weiß, darf dem Dichter nichts sein als
der Rahmen, in welchem er seine glänzenden Farben, die geheimsten
Offenbarungen der Menschennatur hineinmalt; wie soll ihm dafür Raum und
innere Freiheit bleiben, wenn er sich mit Darlegung einer Folge von
geschichtlichen Ereignissen zerarbeitet? Schiller hat in seinen beiden
größten historischen Stücken nur die geschichtliche Katastrophe, die
letzten Scenen eines wirklichen Menschenlebens verwerthet, und er hat
für einen so kleinen historischen Ausschnitt im Wallenstein drei Dramen
gebraucht. Möge man dies Beispiel beherzigen. Es ist wahr, Götz von
Berlichingen wird immer für ein sehr liebenswerthes Gedicht gehalten
werden, weil die Reiteranekdoten, welche mit knappen kurzen Strichen
vortrefflich dargestellt sind, den Leser fesseln, aber ein auf der
Bühne wirksames Drama ist das Stück nicht, ebensowenig Egmont, obgleich
die üble Handlung desselben und die mangelhafte Charakterzeichnung des
Helden durch die größere Ausführung eines bewegten Frauencharakters
einigermaßen gut gemacht sind.
Den Deutschen ist die kunstlose Behandlung historischer Stoffe durch
die epischen Ueberlieferungen unserer alten Bühne, vor Allem durch
Shakespeare nahe gelegt worden. Seine historischen Dramen aus der
englischen Geschichte, deren Bau wir, Richard ~III.~ ausgenommen, nicht
nachahmen sollen, hatten doch eine weit andere Berechtigung. Damals
gab es noch keine Geschichtschreibung, wie wir dieselbe fassen, und
als der Dichter die einfachen Berichte seiner historischen Quellen
zu künstlerischer Gestaltung benutzte, da arbeitete er noch aus dem
Vollen und schloß seinem Volke in einer Anzahl von meisterhaften
Charakterbildern die nächste Vergangenheit auf. Er selbst aber
hat für seine Bühne den großen Fortschritt zu einer geschlossenen
Handlung durchgemacht, und gerade ihm verdanken wir, seit er an die
italienischen Novellenstoffe kam, das Verständniß, wie unersetzlich
die edlen Wirkungen sind, welche eine einheitlich geordnete Handlung
hervorbringt. Seine Römerdramen sind, wenn man einige Gewohnheiten
seiner Bühne und etwa den dritten Akt von Antonius und Kleopatra
abrechnet, Muster eines festen Baues. Wir thun nicht gut, nachzuahmen,
was er überwunden hat.
Unleugbar ist im modernen Drama die Einwirkung des Charakters auf das
Gefüge der Handlung stärker, als auf der Bühne des Alterthums. Wie dem
Germanen der erste Anreiz zum Schaffen häufig durch Charakterzüge eines
historischen Helden kommt, wie die Zeichnung der Charaktere und ihre
Darstellung durch unsere Schauspieler mehr Einzelzuthaten und feinere
Ausführung erhalten hat, als bei der griechischen Maskentragödie
möglich war, so wird auch der Charakter der Helden stärkere Einwirkung
auf den Bau der Handlung ausüben. Aber nur dadurch, daß wir mit
größerer Freiheit die _innerlich zusammenhängende einheitliche Handlung
durch Charaktereigenthümlichkeiten der Helden erklären dürfen_. Fremd
war solche Motivirung auch den Hellenen nicht. Schon in einem der
älteren Stücke des Aeschylos, in den Hiketiden, ist der schwankende
Charakter des Königs von Argos so stark hervorgehoben, daß man deutlich
erkennt, wie der Dichter in dem verlorenen folgenden Stück die
Auslieferung der schutzflehenden Danaiden darauf gegründet hat. Und
Sophokles ist gerade darin Meister, einen Grundzug seiner Charaktere
als bewegendes Motiv vorzustellen, so bei Antigone, Aias, Odysseus. Ja
Euripides ist sogar darin den Germanen noch ähnlicher als Sophokles,
daß er auch Besonderheiten der Charaktere mit Behagen hervorhebt.
Im Ganzen aber war der epische Zwang der Fabel weit mächtiger als
bei uns, die Personen wurden in der Regel nach dem Bedürfniß eines
allbekannten, bereits fertigen Gewebes der Begebenheiten geformt, so
Agamemnon, Klytämnestra, Orestes. Das war dem Griechen ein Vortheil,
uns würde es als Beschränkung erscheinen. Bei uns wird der Dichter
nicht selten in die Lage kommen, daß sein Held sich eine Handlung
sucht, als ein lichtstrahlender Mittelpunkt, der Allem, was an ihn
herangezogen wird, Beleuchtung gibt. Wir werden Tieferes und Geheimeres
aus seinem Wesen erklären können. Aber wie sehr wir die Handlung nach
seinen Bedürfnissen zurichten, sie wird immer nur aus Einzelheiten
zusammengefügt sein dürfen, welche einer und derselben Begebenheit
angehören, die vom Anfang bis zum Ende des Stückes reicht.
Unter den Griechen ist für uns Sophokles ein Meister in Handhabung
dieser dramatischen Einheit, ganz gewissenlos dagegen Euripides.
Wie Shakespeare in seinen ernsten Stücken sich und uns allmählich,
gegenüber der Bühne des sechzehnten Jahrhunderts, dies Gesetz
aufschloß, ist gesagt. Von den Deutschen hält Lessing die Einheit
sehr fest, auch Goethe in der kurzen Handlung des Clavigo und in den
spätern Dramen, bei welchen er an die Bühne gedacht hat, in Tasso
und Iphigenie. Schiller hat von Kabale und Liebe an dies Gesetz treu
beobachtet; ist es ein Zufall, daß er es in seinen letzten Dramen,
im Tell und im Demetrius, soweit man über diesen aus den erhaltenen
Notizen urtheilen darf, vernachlässigt? Wo er einmal an die Grenze des
Erlaubten kam, geschah es nur wegen seiner Freude an Episoden und an
Doppelhelden, wie in Carlos, Maria Stuart, Wallenstein.
Von den Stoffen machen die aus der epischen Sage genommenen nicht
schwer, die Einheit der Handlung fest zu halten, aber ihre Handlung
verträgt ungern dramatische Ausarbeitung der Charaktere. Die
Novellenstoffe bewahren gut die Einheit der Handlung, aber die
Charaktere werden leicht durch die verflochtene Handlung zu unfrei
umhergeworfen oder durch Situationsschilderungen in der Bewegung
gehemmt. Die historischen Stoffe bieten für Charakterzeichnung die
schönsten und größten Aufgaben, aber es ist sehr schwer, aus ihnen eine
gute Handlung zusammenzufügen.
Leicht steigert sich dem Dichter das Interesse an den Charakteren der
Gegenspieler so hoch, daß auch diesen reichliche Einzelschilderung,
eine theilnahmvolle Darlegung ihrer Strebungen und ihrer Kampfstimmung
und ein besonderes Schicksal gegönnt wird. Dadurch zunächst entsteht
für das Drama eine Doppelhandlung. Oder die Handlung des Stückes
mag so beschaffen sein, daß zu ihrer Beleuchtung und Ergänzung
eine Nebenhandlung wünschenswerth wird, welche durch Darstellung
gleichlaufender oder gegensätzlicher Verhältnisse die Hauptpersonen
und ihr Thun und Leiden stärker abhebt. Verschiedene Einseitigkeiten
des Stoffes können derartige Ergänzung wünschenswerth machen. Ein
Drama soll nicht den ganzen großen Kreis rührender und erschütternder
Stimmungen durchlaufen, und es soll von seiner ernsten Grundfarbe
aus nicht in alle möglichen andern Farbentöne spielen; aber eine
Abwechselung in den Stimmungen und bescheidene Farbengegensätze sind
einem Drama ebenso nöthig, wie einem figurenreichen Gemälde neben den
Hauptlinien und Gruppen ein abstechender Schwung in den Nebenlinien,
gegenüber der Hauptfarbe Verwendung der abhängigen Ergänzungsfarben.
Ein vorzugsweise finsterer Stoff macht die Einfügung heller
Nebengestalten nöthig. Zu den trotzigen Charakteren der Iphigeneia und
des Kreon sind die milderen Gegenbilder Ismene und Hämon erfunden,
durch das Eintreten der Tekmessa erhält die Verzweiflung des Aias
eine rührende Nebenfarbe, deren zauberischen Reiz wir noch heut
empfinden. Der düstere pathetische Othello heischt ein Gegenspiel,
in welchem etwas von der unumschränkten Freiheit des Humors sichtbar
wird. Die finstere Gestalt Wallensteins und seiner Intriganten fordert
gebieterisch die Einfügung des glänzenden Max.
Wenn aus diesem Grunde schon die Griechen ihre Dramen in einfache und
in solche mit Doppelhandlung theilten, so haben die modernen Stücke die
Erweiterung des Gegen- oder Nebenspiels zu einer Nebenhandlung noch
weniger vermieden. Die Einflechtung derselben in die Haupthandlung
geschah allerdings zuweilen auf Kosten der Gesammtwirkung. Die
Germanen namentlich, welche immer geneigt sein werden, während der
Arbeit auch die Bedeutung der Nebenpersonen mit herzlicher Wärme zu
fassen, mögen sich vor einer zu weiten Ausdehnung der Nebenhandlung
hüten. Schon Shakespeare hat sich einigemal dadurch die Wirkung des
Dramas beeinträchtigt, am auffälligsten im Lear, in welchem die ganze
Parallelhandlung des Hauses Gloster, nur lose mit der Haupthandlung
verbunden und ohne besondere Liebe behandelt, den Fortschritt
aufhält, das Ganze ohne Noth herber macht. Daß dem Dichter in den
beiden Dramen Heinrich ~IV.~ die Episoden zu einer Nebenhandlung
heraufwuchsen, deren unsterblicher Humor die ernsten Wirkungen des
Stückes überglänzt, macht diese Dramen allerdings zu Lieblingen
des Lesers. Daß aber die Gesammtwirkung auf der Bühne trotz dieses
Zaubers nicht die entsprechende Gewalt hat, soll jeder Bewunderer
Falstaff's zugeben. Nur nebenbei sei bemerkt, daß in den Komödien
Shakespeare's die Doppelhandlung zum Wesen gehört, er suchte seinen
Clowns das Episodische zu nehmen, indem er sie mit einer ernstern
Handlung verflocht. Die gute Laune, welche aus ihren Scenen strahlt,
muß zuweilen Härten des Stoffes verdecken; so muß z. B. die Bürgerwache
über das peinliche Geschick der Hero weghelfen. Unter den deutschen
Dichtern war Schiller am meisten in Gefahr, durch Doppelhandlungen
sich zu stören; das zu mächtige Heraufwachsen der Nebenhandlung beruht
im Carlos und in der Maria Stuart darauf, daß seine Wärme für den
Gegenspieler zu groß wird, im Wallenstein hat derselbe Grund das Stück
bis zur Trilogie erweitert. Im Tell laufen sogar drei Handlungen neben
einander.[5]
Die Handlung hat die Aufgabe, uns den innern Zusammenhang einer
Begebenheit darzustellen, wie er den Bedürfnissen des Verstandes und
Herzens entspricht; was in dem rohen Stoffe nicht dazu dient, wird
der Dichter wegzuwerfen verpflichtet sein. Und es ist wünschenswerth,
daß er streng an diesem Grundsatze halte, nur das für die Einheit
Unentbehrliche zu geben. Aber eine Abweichung davon wird er doch nicht
vermeiden. Denn ihm werden nicht selten Abschweifungen wünschenswerth,
welche die Farbe des Stückes in zweckmäßiger Weise verstärken, den
Charakteren tiefern Inhalt verleihen, durch Eintragen einer neuen Farbe
oder eines Gegensatzes die Gesammtwirkung steigern. Diese schmückenden
Zuthaten des Dichters heißen Episoden. Sie sind sehr verschiedener Art.
Ein charakterisirendes Moment kann an einer Stelle, wo die Handlung
eine kurze Ruhe erträgt, zu einem kleinen Situationsbilde erweitert
werden, einem Helden kann Gelegenheit werden, den bedeutungsvollen
Grundzug seines Wesens an einer Nebenperson anziehend darzulegen,
eine Nebenrolle des Stückes kann durch reichere Ausführung zu einer
anziehenden Figur erweitert werden. Bei bescheidener Verwendung, welche
nicht Wichtigerem die Zeit wegnimmt, mögen sie ein Schmuck des Dramas
werden. Und als Schmuckstücke hat sie der Dichter zu behandeln, durch
feine Ausführung, saubere Arbeit dafür zu entschädigen, wenn sie doch
einmal den Fortschritt verzögern. Die Episoden haben nach den Theilen
des Dramas, in welchen sie erscheinen, verschiedene Aufgaben. Während
sie im Anfange in die Rollen der Hauptpersonen eintreten, diese in
ihrer Eigenart zu zeichnen, werden sie in dem letzten Theil als
Erweiterungen derjenigen neuen Rollen geduldet, welche dem Forttreiben
der Handlung eine kleine Hilfe gewähren, an jeder Stelle aber sollen
sie als vortheilhafte Zuthat empfunden werden.
Die Griechen faßten das Wort in etwas weiterer Bedeutung.[6] Was in den
Dramen des Sophokles den Zeitgenossen Episode hieß, werden wir nicht
mehr so nennen. Denn die geniale Kunst dieses großen Meisters besteht
unter Anderm darin, daß er die schmückenden Zuthaten sehr innig seiner
Handlung verflicht, zumeist um die Charaktere der Haupthelden durch
Gegensätze in ein scharfes Licht zu setzen. So ist außer der unten
erwähnten Scene der Ismene auch die Chrysothemis in der Elektra nach
unserer Empfindung für die Hauptheldin unentbehrlich, und nicht mehr
Episode, sondern Theil der Handlung. Auch wo er eine Situation breiter
ausmalt, wie im Anfange des Oedipus von Kolonos, entspricht solche
Schilderung durchaus den Gewohnheiten unserer Bühnen. Fast ebenso steht
Shakespeare zu seinen Episoden. Auch in denjenigen ernsten Dramen
Shakespeare's, welche kunstvolleren Bau haben, sind fast in jedem Akte
theils ausgeweitete Scenen, theils ganze Rollen von episodischer
Ausführung; aber es ist soviel Schönes und daneben soviel für die
Gesammtwirkung Zweckmäßiges hineingebannt, daß der strengste Regisseur
unserer Bühne, der in der Nothwendigkeit ist, an den Dramen zu kürzen,
gerade diese Stellen fast niemals hinwegwischen wird. Mercutio mit
seiner Fee Mab und die Scherze der Amme, die Unterhandlung Hamlet's
mit den Schauspielern und Hofleuten, sowie die Totengräberscene
sind Beispiele, wie sie fast in allen Stücken wiederkehren. Fast
überreichlich und mit scheinbarer Sorglosigkeit befestigt der große
Künstler seine goldenen Zieraten an alle Theile des Stückes; wer aber
daran geht, sie abzulösen, der findet sie eisenfest in das Gefüge des
Ganzen eingewachsen. Von den Deutschen hat Lessing seine Episoden
dem sorgfältigen Bau der Stücke mit einer ehrbaren Regelmäßigkeit
eingefügt, nach eigener Methode, die auf seine Nachfolger übergegangen
ist. Seine Episoden sind kleine Charakterrollen. Der Maler und die
Gräfin Orsina in Emilia Galotti (die letzte das bessere Vorbild der
Lady Milford), Riccault in Minna von Barnhelm, ja auch der Derwisch
im Nathan wurden Muster für die deutschen Episoden des achtzehnten
Jahrhunderts. Goethe hat sie in seinen regelmäßigen Dramen, Clavigo,
Tasso, Iphigenie, nicht verwerthet. Bei Schiller dagegen drängen
sie sich überreich in jeder Form als Schilderungen, ausgeführte
Situationen, als Nebencharaktere in die gefügte Handlung. Häufig sind
auch sie durch besondere Schönheit gerechtfertigt, kluge Hilfsmittel
für die hohe, langwellige Bewegung. Aber nicht immer. Denn einzelne
derselben könnten wir gern missen, den Parricida im Tell, gerade weil
bei ihm die verständige Absicht so auffällig wird, den schwarzen Ritter
in der Jungfrau, nicht selten die ausgesponnenen Betrachtungen und
Schilderungen in seinen Dialogscenen.
4.
Wahrscheinlichkeit der Handlung.
_Die Handlung des ernsten Dramas soll wahrscheinlich sein._
Die poetische Wahrheit wird einem der Wirklichkeit entnommenen
Stoff dadurch zu Theil, daß derselbe, dem zufälligen Zusammenhange
enthoben, einen allgemeinverständlichen Inhalt und Bedeutung erhält.
In der dramatischen Poesie wird dies Umwandeln der Wirklichkeit
in poetische Wahrheit dadurch hervorgebracht, daß die Hauptsachen
durch eine ursächliche Verbindung zu innerer Einheit verbunden und
alle Nebenerfindungen als wahrscheinliche und glaubliche Momente
der dargestellten Begebenheiten begriffen werden. Aber nicht diese
poetische Wahrheit allein ist im Drama nöthig. Der Genießende gibt
sich zwar der Erfindung des Dichters willig hin, er läßt sich
Voraussetzungen eines Stückes gern gefallen und ist im Ganzen sehr
geneigt, dem erfundenen menschlichen Zusammenhang in der Welt des
schönen Scheins beizustimmen; aber er vermag doch nicht ganz die
Wirklichkeit zu vergessen, er hält an das poetische Gebilde, welches
reizvoll vor ihm aufsteigt, das Bild der wirklichen Welt, in der
er selbst athmet. Er bringt eine gewisse Kenntniß geschichtlicher
Verhältnisse, bestimmte ethische und sittliche Forderungen an das
Menschenleben, Ahnungen und sicheres Wissen über den Lauf der Welt
mit vor die Bühne. Es ist ihm bis zu gewissem Grade unmöglich auf
diesen Inhalt seines eigenen Lebens zu verzichten, zuweilen empfindet
er lebhaft, wenn das poetische Bild damit in Widerspruch tritt. Daß
Seeschiffe am Ufer von Böhmen landen, daß Karl der Große mit Kanonen
schießt, erscheint unsern Zuschauern als eine Unrichtigkeit.
Daß dem Juden Shylock Gnade versprochen wird, wenn er ein Christ
werde, verstößt gegen die sittlichen Empfindungen des Zuschauers, und
er ist vielleicht nicht geneigt zuzugeben, daß ein gerechter Richter
so geurtheilt habe. Daß Thoas, der so gebildet und würdig um die
Priesterin Iphigenie wirbt, in seinem Lande Menschenopfer duldet,
erscheint als ein innerer Widerspruch zwischen dem edlen Inhalt der
Charaktere und den Voraussetzungen des Stückes und vermag vielleicht,
wie klug der Dichter diesen vernunftwidrigen Bestandtheil verdeckt, die
Wirkung zu beeinträchtigen. Daß König Oedipus viele Jahre herrscht,
ohne sich um den Tod des Laios zu kümmern, erschien vielleicht schon
bei der ersten Aufführung des Stückes den Athenern als eine bedenkliche
Voraussetzung.
Nun ist wohlbekannt, daß dies Bild der Wirklichkeit, welches der
Zuschauer gegen das einzelne Drama hält, nicht in jedem Jahrhundert
dasselbe bleibt, sondern durch jeden Fortschritt der menschlichen
Bildung verändert wird. Das Verständniß vergangener Zeit, die
sittlichen Forderungen, die gesellschaftlichen Verhältnisse sind
nichts Feststehendes, jeder Zuhörer aber ist ein Kind seiner Zeit,
jedem wird sein Erfassen des Gemeingiltigen eingeschränkt durch seine
Persönlichkeit und die Zeitbildung.
Und ferner ist klar, daß dies Bild von dem Leben der Wirklichkeit
in jedem Menschen anders abgeschattet ist, und daß der Dichter, wie
völlig und reich er die Bildung seines Geschlechtes in das eigene Leben
aufgenommen habe, doch tausend verschieden gefärbten Auffassungen der
Wirklichkeit gegenübersteht. Wohl, er hat den großen Beruf, seiner Zeit
ein Apostel der freiesten und höchsten Bildung zu sein und ohne daß er
sich lehrhaft geberde, seine Hörer zu sich heraufzuziehen. Aber dem
dramatischen Dichter sind dafür heimliche Schranken abgesteckt, er darf
nicht über diese Schranken hinausgehen, er darf in vielen Fällen nichts
von dem Raume leer lassen, den sie einschließen. Wo sie sich unsichtbar
erheben, das kann in jedem einzelnen Fall nur durch Feingefühl und
sichere Empfindung geahnt werden.
Die Wirkungen der dramatischen Kunst sind nämlich gesellige. Wie
das dramatische Kunstwerk in einer Verbindung mehrer Künste, durch
gemeinsame Thätigkeit zahlreicher Gehilfen dargestellt wird, so ist
auch die Zuhörerschaft des Dichters eine Körperschaft aus vielen
wechselnden Einzelwesen zusammengesetzt, und doch als Ganzes ein
einheitliches Wesen, welches, wie jede menschliche Gemeinschaft, die
einzelnen Theilnehmer mächtig beeinflußt, eine gewisse Uebereinstimmung
des Empfindens und der Anschauungen entwickelt, den einen heraufhebt,
den andern hinabdrückt, Stimmung und Urtheil durch Gemeinsinn in
hohem Grade ausgleicht. Dieser Gemeinsinn der Zuhörerschaft äußert
sich fortwährend bei Aufnahme der dramatischen Wirkungen, er vermag
die Kraft derselben außerordentlich zu steigern, er vermag sie ebenso
sehr zu schwächen. Schwerlich wird sich der einzelne Hörer dem Einfluß
entziehen, welchen ein theilnahmloses Haus, eine begeisterte Menge auf
ihn ausüben. Wohl Jeder hat empfunden, wie verschieden der Eindruck
ist, den dasselbe Stück bei gleich guter Aufführung auf verschiedenen
Bühnen vor einem anders zusammengesetzten Publikum macht. Beständig
wird auch der Schaffende, vielleicht ohne sich dessen bewußt zu sein,
durch die Auffassung bestimmt, welche er von Verständniß, Geschmack,
den gemüthlichen Bedürfnissen seiner Zuhörerschaft hat. Er weiß, daß er
ihr nicht zu viel zumuthen, nicht zu wenig bieten darf. Er wird also
seine Handlung so einrichten müssen, daß sie einem guten mittleren
Durchschnitt seiner Hörer nicht gegen die Voraussetzungen verstoße,
welche diese aus dem wirklichen Leben vor die Bühne bringen, das
heißt, er wird ihnen den Zusammenhang der Gegebenheiten, Motive und
Umrisse seiner Helden wahrscheinlich machen müssen. Gelingt ihm das
mit dem Grundgewebe des Stücks, der Handlung und den Hauptlinien der
Charaktere, so mag er den Hörern im Uebrigen die höchste Bildung und
das feinste Verständniß seiner Ausführung zutrauen.
Diese Rücksicht muß den Dichter zumeist da bestimmen, wo er in
Versuchung kommt, Fremdartiges und Wunderbares vorzuführen. Das
Fremdartige reizvoll zu machen, ist sehr wohl möglich. Gerade die
dramatische Kunst hat die reichsten Mittel, dasselbe zu erklären,
seinen auch uns verständlichen Inhalt herauszuheben. Aber es ist dazu
ein besonderer Aufwand von Kraft und Zeit nöthig, und häufig wird
die Frage berechtigt sein, ob die erzielte Wirkung die aufgewandte
Zeit und die dadurch hervorgebrachte Einschränkung der Hauptsachen
lohne. Namentlich der neuere Dichter, ohne ein fest begrenztes Gebiet
der Stoffe, mitten in einer Kulturperiode, der überreiches Aufnehmen
fremder Bilder eigen ist, kann verlockt werden, seinen Stoff aus den
Bildungsverhältnissen einer dunklen Zeit, eines abgelegenen Volkes
zu nehmen. Vielleicht ist ihm gerade das Fremdartige eines solchen
Stoffes als besonders lohnend für scharf zeichnende Einzelschilderung
erschienen. Schon eine genaue Betrachtung der deutschen Vorzeit
oder der alten Welt bietet zahlreiche eigenthümliche, dem Leben
der Neuzeit fremde Zustände, in denen sich ein ergreifender und
bedeutsamer Inhalt kundgibt, dem Kulturhistoriker von höchster
Wichtigkeit. Für den Dichter wird dergleichen nur ausnahmsweise,
bei sehr geschickter Behandlung, immer nur als ein Hilfsmittel,
welches die Farbe verstärkt, zu verwenden sein. Denn nicht aus den
Besonderheiten des Menschenlebens, sondern aus dem unsterblichen
Inhalt desselben, aus dem, was uns mit der alten Zeit gemeinsam
ist, erblühen ihm seine Erfolge. Noch mehr wird er vermeiden,
solche fremde Völkerschaften aufzuführen, welche außerhalb der
großen Kulturbewegung des Menschengeschlechtes stehen. Schon das
Ungewohnte ihrer Sitten und Erscheinung, ihrer Tracht oder gar ihrer
Hautfarbe zerstreut und erregt Nebenvorstellungen, welche für ernste
Kunstwirkungen ungünstig sind. Denn in roher Weise wird dem Hörer
die ideale Welt der Poesie mit einer Schilderung wirklicher Zustände
verbunden, welche nur darum ein Interesse beanspruchen dürfen, weil
sie wirklich sind. Aber auch das innere Leben solcher Fremden ist für
dramatischen Ausdruck besonders ungeeignet, denn ohne Ausnahme fehlt
ihnen in Wirklichkeit die Fähigkeit, innere Gemüthsvorgänge, wie sie
unsere Kunst nöthig hat, reichlich darzulegen. Und das Hineintragen
einer solchen Bildung in ihre Seelen erregt in dem Hörer mit Recht
das Gefühl einer Ungehörigkeit. Wer seine Handlung unter die alten
Aegypter oder die heutigen Fellah, zu Japanern oder selbst Hindus
verlegen wollte, der würde durch das fremde Volkswesen vielleicht ein
ethnographisches Interesse aufregen, aber dieser neugierige Antheil
an dem Seltsamen würde dem Hörer vor der Bühne die Antheilnahme an
dem etwaigen poetischen Inhalt nicht steigern, sondern durchkreuzen
und beeinträchtigen. Es ist kein Zufall, daß nur solche Völker eine
passende Grundlage für das Drama werden, welche in der Entwickelung
ihres Gemüthslebens so weit gekommen sind, daß sie selbst ein
volksgemäßes Kunstdrama hervorbringen konnten, Griechen, Römer, die
gebildeten Völker der Neuzeit. Neben ihnen etwa noch solche, deren
Volksthum mit unserer oder der antiken Bildung enge verwachsen ist, wie
die Hebräer, kaum noch die Türken.
Wie weit das Wunderbare für das Drama verwerthet werden dürfe, darf
auch uns Deutschen nicht zweifelhaft sein, auf deren Bühne der
geistvollste und liebenswürdigste aller Teufel das Bürgerrecht erhalten
hat. Die dramatische Poesie ist darin ärmer und reicher als ihre
Schwestern, Lyrik und Epos, daß sie nur _Menschen_ darzustellen vermag,
und wenn man genauer zusieht, nur gebildete Menschen, diese aber tief
und völlig, wie keine andere Kunst. Sie muß sogar geschichtliche
Verhältnisse sich dadurch zurichten, daß sie ihnen einen Zusammenhang
erfindet, der menschlicher Vernunft durchaus begreiflich ist; wie
sollte sie Ueberirdisches verkörpern können?
Gesetzt aber, sie unternähme dergleichen, so vermag sie es nur
insofern, als das Nichtmenschliche bereits durch die Einbildungskraft
des Volkes dichterisch zugerichtet, mit einer dem Menschen
entsprechenden Persönlichkeit versehen, durch scharf ausgeprägte Züge
bis ins Einzelne hinein verbildlicht ist. So gestaltet lebten in der
griechischen Welt die Götter unter ihrem Volke, so schweben noch unter
uns die herzlich zugerichteten Bilder vieler Heiligen der christlichen
Legende, fast zahllose Schattengestalten aus dem Hausglauben der
deutschen Urzeit. Nicht wenige unter diesen Phantasiegebilden haben
durch Sage, Dichtkunst, Malerei und durch das Gemüth unseres Volkes,
welches sich noch heut gläubig oder mißtrauisch mit ihnen beschäftigt,
so reiche Ausbildung erhalten, daß sie auch den Schaffenden wie
alte werthe Freunde während seiner Arbeit umgeben. Die Jungfrau
Maria, Sanct Peter an der Himmelspforte, mehre Heilige, Erzengel
und Engel, nicht zuletzt die ansehnliche Schar der Teufel leben
in unserem Volke traulich gesellt zu weißen Frauen und dem wilden
Jäger, zu Elfen, Riesen und Zwergen. Doch wie lockend die Farben
schimmern, welche sie in ihrem Dämmerlicht tragen, vor der scharfen
Beleuchtung der tragischen Bühne verflüchtigen sie sich doch in
wesenlose Schatten. Denn es ist wahr, sie haben durch das Volk einen
Antheil an menschlicher Empfindung und an den Bedingungen irdischen
Lebens erhalten. Aber dieser Antheil ist nur epischer Art; für die
dramatischen Gemüthsvorgänge sind sie nicht gebildet. Das deutsche
Volk läßt in einigen der schönsten Sagen die kleinen Geister beklagen,
daß sie nicht selig werden können, d. h. daß sie keine menschliche
Seele haben. Derselbe Unterschied, den schon im Mittelalter das Volk
ahnte, hält sie der modernen Bühne in noch ganz anderer Weise fern,
die inneren Kämpfe fehlen ihnen, die Freiheit fehlt zu prüfen und zu
wählen, sie stehen außerhalb Sitte, Gesetz, Recht. Weder völliger
Mangel an Wandelbarkeit, weder vollendete Reinheit, noch völlige
Schlechtigkeit sind darstellbar, weil sie jede innere Bewegung
ausschließen. Auch die Griechen empfanden das. Wenn die Götter auf
der Bühne mehr vorstellen sollten, als von der Maschine herab einen
Befehl aussprechen, so mußten sie entweder ganz Menschen werden mit
allem Schmerz und Zorn, wie Prometheus, oder sie sanken unter den Adel
der Menschennatur hinab, ohne daß der Dichter es verhindern konnte, zu
starren Verallgemeinerungen in Liebe und Haß, wie Athene im Prolog des
Aias.
Während Götter und Geister im ernsten Drama üblen Stand haben,
gelingt es ihnen in der Komödie weit besser. Und die jetzt abgelebten
Zauberpossen geben nur eine sehr blasse Vorstellung von dem, was unsere
Geisterwelt bei launiger und humoristischer Darstellung einem Dichter
sein könnte. Wenn die Deutschen erst für eine politische Komödie reif
sein werden, dann wird man den Werth des unerschöpflichen Schatzes
von Motiven und Gegensätzen benutzen lernen, welcher aus dieser
Phantasiewelt für drollige Laune, politische Satire und humoristische
Einzelschilderung zu heben ist.
Für das Gesagte ist der Faust und in ihm die Rolle des Mephistopheles
der beste Beweis. Hier hat die Kraft des größten deutschen Dichters
ein Bühnen-Problem geschaffen, welches eine Lieblingsaufgabe unserer
Charakterspieler geworden ist. Jeder von ihnen sucht sich auf seine
Weise mit der unlösbaren Aufgabe abzufinden, der eine holt die Maske
des alten Holzschnitt-Teufels heraus, ein anderer den cavaliermäßigen
Junker Voland, am besten wird die Sache noch dem Darsteller gerathen,
der sich begnügt mit Klugheit und Geist die feine Redekunst der Dialoge
verständlich zu machen und in den drolligen Scenen Haltung und gute
Laune zu zeigen. Der Dichter freilich hat es dem Schauspieler, an den
er beim Schreiben überhaupt nicht dachte, besonders schwer gemacht,
denn die Rolle schillert in allen Farben, von der treuherzigen Sprache
des Hans Sachs bis zu den feinen Erörterungen eines Spinozisten, vom
Grotesken bis in das Furchtbare. Und sieht man näher zu, wie die
Darstellung dieses Geistes auf der Bühne doch noch möglich wird, so
ist der letzte Grund das Eintreten eines komischen Elements. Mephisto
erscheint in einigen ernsten Situationen, aber er ist eine im großen
Stil behandelte Lustspielfigur, und soweit er auf der Bühne wirkt, thut
er es nach dieser Richtung.
Damit ist nicht gesagt, daß das Geheimnißvolle, menschlicher Vernunft
Unergründliche ganz aus dem Gebiet des Dramas verbannt werden soll.
Träume, Ahnungen, Prophezeiungen, Gespensterschauer, das Eindringen
der Geisterwelt in das Menschenleben, Alles, wofür in der Seele der
Zuhörer noch eine gewisse Empfänglichkeit vorausgesetzt werden darf,
mag der Dichter allerdings zu gelegentlicher Verstärkung _seiner_
Wirkungen benutzen. Es versteht sich, daß er dabei zunächst die
Empfänglichkeit seiner Zeitgenossen richtig zu schätzen hat, wir
sind nicht mehr geneigt viel darauf zu geben, und nur sehr sparsame
Verwendung zu Nebenwirkungen wird dem Schaffenden jetzt gebilligt
werden. Shakespeare durfte dergleichen kleine Hilfsmittel mit größerem
Behagen gebrauchen, denn in der Empfindung auch seiner gebildeten
Zeitgenossen war die volksthümliche Ueberlieferung noch sehr lebendig
und der Zusammenhang mit der Geisterwelt wurde allgemein weit anders
aufgefaßt. Auch die seelischen Vorgänge eines unter schwerer Last
ringenden Menschen waren nicht nur im Volke, selbst bei Anspruchsvollen
anders beschaffen. Bei aufgeregter Furcht, Gewissenszweifeln, Reue
stellte die Einbildungskraft das Bild des Furchtbaren noch als ein
äußeres gegenüber, der Mörder sah den Ermordeten als Geist vor sich
aufsteigen, er fühlte, in die Luft greifend, die Waffe, womit er die
Unthat geübt, er hörte die Stimmen toter Opfer in sein Ohr dringen.
Shakespeare und seine Zuhörer faßten deshalb auch auf der Bühne den
Dolch Macbeth's und die Geister Banquo's, Cäsar's, des alten Hamlet,
der Schlachtopfer Richard's ~III.~ weit anders auf als wir. Ihnen
war dergleichen noch nicht ein bloßes herkömmliches Symbolisiren
der inneren Kämpfe ihrer Helden, eine zufällige kluge Erfindung
des Dichters, der durch den gespenstigen Trödel seine Wirkungen
unterstützt, sondern es war ihnen noch die nothwendige landesübliche
Weise, in welcher sie selbst Schauer, Entsetzen, Seelenkämpfe erfuhren.
Das Grauen war nicht künstlich aus Ammenerinnerungen aufgeregt, die
Bühne stellte nur dar, was in ihrem eigenen Leben furchtbar gewesen
war oder sein konnte. Denn wenn auch der junge Protestantismus die
schwersten Kämpfe in das Gewissen der Menschen verlegt hatte, und
wenn auch die Gedanken und leidenschaftlichen Stimmungen der erregten
Seele bereits von jedem Einzelnen sorgfältiger und schärfer beobachtet
wurden, die mittelalterliche Empfindungsweise war deshalb noch nicht
ganz geschwunden. Darum durfte Shakespeare diese Art von Wirkungen
häufiger anwenden und mehr von ihnen erwarten, als wir.
Aber er ist zugleich höchstes Muster, wie dergleichen spukhafte
Gebilde künstlerisch für das Drama verwerthet sein wollen. Wer Helden
vergangener Jahrhunderte innerhalb der Lebensanschauung ihrer Zeit
darzustellen hat, wird eine Unfreiheit und Abhängigkeit der Menschen
von sagenhaften Gebilden nicht ganz verbergen; aber er wird sie so
verwenden, wie Shakespeare seine Hexen in den ersten Scenen des
Macbeth, als Arabesken, welche Farbe und Stimmung der Zeit spiegeln
und welche nur eine Veranlassung geben, das aus dem Innern des Helden
herauszutreiben, was mit der für eine dramatische Gestalt nothwendigen
Freiheit in seiner eigenen Seele emporwächst.
Für die Arbeit des modernen Dichters ist zu bemerken, daß solche
Hilfsmittel der Handlung vorzugsweise dienen, Farbe und Stimmung zu
geben. Sie gehören also in den Aufgang des Dramas. Aber auch, wenn sie
in die Wirkungen späterer Theile geflochten sind, wird unvermeidlich
ihr Erscheinen schon im Anfange durch eine damit stimmende Färbung
zu rechtfertigen und außerdem besonders genau zu begründen sein. So
ist das Erscheinen des schwarzen Ritters in der Jungfrau deshalb eine
störende Zuthat, weil die gespenstige Gestalt unvorbereitet aufsteigt
und zu der glänzenden, gedankenreichen Sprache Schiller's, zu Ton
und Farbe des Stückes durchaus nicht paßt. Die Zeit und Handlung an
sich hätte eine solche Erscheinung ganz wohl erlaubt, auch erschien
er dem Dichter als ein Gegenbild zu der kriegerischen Himmelskönigin,
welche Fahne und Schwert in das Drama liefert. Aber Schiller hat auch
die Himmelskönigin nicht selbst vorgeführt, nur in seiner prächtigen
Weise von ihr erzählen lassen. Hätte der Prolog die entscheidende
Unterredung des Hirtenmädchens mit der Mutter Gottes in der Sprache
und treuherzigen Haltung, wie sie der mittelalterliche Stoff nahe
legte, dargestellt, so wäre auch dem späteren Erscheinen des bösen
Geistes bessere Berechtigung geworden. Die Rolle ist übrigens auch in
Tracht und Rede nicht vortheilhaft ausgestattet. Schiller verfügte
mit bewundernswerther Meisterschaft über die verschiedenartigste
historische Färbung, aber der Dämmerschein des Sagenhaften steht
ihm, der immer in vollen Farben malt und, wenn ein spielender
Vergleich erlaubt ist, leuchtendes Goldgelb und dunkles Himmelblau am
liebsten verwendet, gar nicht an. Wundervoll hat dagegen Goethe, der
unumschränkte Herr lyrischer Stimmungen, die Geisterwelt für die Farben
des Faust verwendet, allerdings nicht zum Zweck einer Aufführung.
5.
Wichtigkeit und Größe der Handlung.
_Die Handlung des ernsten Dramas muß Wichtigkeit und Größe haben._
Die Kämpfe der einzelnen Menschen sollen ihr innerstes Leben ergreifen,
der Gegenstand des Kampfes soll nach allgemeiner Auffassung ein hoher
sein, die Behandlung eine würdige.
Solchem Inhalt der Handlung müssen auch die Charaktere entsprechen,
um eine große Wirkung des Dramas hervorzubringen. Ist die Handlung
dem angeführten Gesetz gemäß zugerichtet und die Charaktere genügen
nicht den dadurch erregten Forderungen, oder haben die Charaktere
eine große und leidenschaftliche Bewegung, während der Handlung diese
Eigenschaften fehlen, so wird das Mißverhältniß vom Hörer peinlich
empfunden. Iphigeneia in Aulis hat bei Euripides einen Inhalt, welcher
die furchtbarsten menschlichen Seelenkämpfe für die Bühne liefert, aber
die Charaktere sind, allenfalls mit Ausnahme der Klytämnestra, schlecht
erfunden, entweder durch unnöthige Niedrigkeit der Gesinnung oder durch
Kraftlosigkeit, oder durch unbegründete plötzliche Wandlungen der
Empfindung entstellt, so Agamemnon, Menelaos, Achilleus, Iphigeneia.
Und wieder im Timon von Athen des Shakespeare hat zwar der Charakter
des Helden von dem Augenblick, wo er in Bewegung gesetzt wird, eine
immer steigende Energie und Kraft, welcher eine finstere Großartigkeit
durchaus nicht fehlt, aber Idee und Handlung stehen im Mißverhältniß
dazu. Daß ein warmherziger, vertrauensvoller Verschwender nach Verlust
der äußern Güter durch Undank und Gemeinheit seiner frühern Freunde
zum Menschenhasser wird, setzt Schwäche des eigenen Charakters und
Erbärmlichkeit seiner Umgebung voraus, und diese Haltlosigkeit und
Kläglichkeit aller dargestellten Verhältnisse verengt trotz großer
Dichterkunst das Mitgefühl des Hörers.
Aber auch die Umgebung, der Lebenskreis des Helden beeinflußt die Würde
und Größe der Handlung. Wir fordern mit Recht, daß der Held, dessen
Schicksal uns fesseln soll, einen starken, über das gewöhnliche Maß
menschlicher Kraft hinausreichenden Inhalt habe. Dieser Inhalt seines
Wesens liegt aber nicht nur in der Energie seines Wollens und der
Wucht seiner Leidenschaft, sondern nicht weniger in einem reichlichen
Antheil an der Bildung, Sitte, der geistigen Tüchtigkeit seiner Zeit.
Er hat sich in wichtigen Beziehungen seiner Umgebung als überlegen
darzustellen, und seine Umgebung muß so beschaffen sein, daß dem
Hörer an ihr eine hohe Antheilnahme leicht wird. Es ist daher kein
Zufall, daß eine Handlung, welche in vergangene Zeiten zurückgeht,
immer die Kreise aufsucht, in denen das wichtigste und größte Leben
der Zeit enthalten war, die großen Angelegenheiten eines Volkes, das
Leben seiner Führer und Beherrscher, diejenigen Höhen der Menschheit,
welche nicht nur einen kräftigen geistigen Inhalt, sondern auch eine
bedeutende Willenskraft entwickelten. Sind uns aus alter Zeit doch fast
nur die Thaten und Lebensschicksale solcher Herrschenden überliefert.
Bei Stoffen aus neuerer Zeit ändert sich allerdings das Verhältniß.
Nicht mehr sind für uns die stärksten Leidenschaften, die höchsten
inneren Kämpfe an Höfen, in politischen Herrschern allein zu erkennen.
Ja nicht einmal vorzugsweise. Immer aber bleibt solchen Gestalten für
das Drama gerade das ein Vorzug, was für ihr und ihrer Zeitgenossen
Leben ein Unglück werden mag. Sie stehen auch jetzt noch freier zu dem
Zwange, welchen die bürgerliche Gesellschaft auf den Privatmann ausübt.
Sie sind nicht ganz in dem Grade wie der Privatmann dem bürgerlichen
Gesetz unterworfen, und sie wissen das. In innern und äußern Kämpfen
hat ihr eigenes Selbst nicht größeres Recht, aber größere Macht.
So erscheinen sie als freier, stärkerer Versuchung ausgesetzt und
stärkerer Selbstbestimmung fähig. Dazu kommt, daß die Verhältnisse,
in denen sie leben, und die verschiedenen Richtungen, nach denen sie
wirken, einen Reichthum an Farben, die bunteste Mannigfaltigkeit an
Gestalten darbieten. Endlich ist auch das Gegenspiel gegen ihre Person
und gegen ihre Zwecke am thätigsten, und das Gebiet der Interessen, für
welche sie leben sollen, umfaßt die höchsten irdischen Angelegenheiten.
Aber auch das Leben von Privatpersonen ist seit Jahrhunderten aus dem
äußeren Zwange bestimmender Ueberlieferung herausgehoben, mit Adel und
innerer Freiheit, mit kräftigen Gegensätzen und Kämpfen angefüllt.
Ueberall, wo in der Wirklichkeit ein Kreis weltlicher Ziele und
Handlungen von der Zeitbildung durchdrungen ist, vermag aus seiner
Lebensluft ein tragischer Held heraufzuwachsen. Es kommt nur darauf
an, ob ihm ein Kampf möglich ist, welcher nach der gemeingiltigen
Empfindung der Zuschauer ein großes Ziel hat und ob das Gegenspiel
eine entsprechende, achtungswerthe Thätigkeit entwickelt. Da aber
die Wichtigkeit und Größe des Kampfes nur dadurch eindringlich
gemacht werden kann, daß der Held die Fähigkeit besitzt, sein Inneres
in großartiger Weise mit einer gewissen Reichlichkeit der Worte
auszudrücken, und da diese Forderungen bei solchen Menschen, welche dem
Leben der Neuzeit angehören, sich steigern, so wird auch dem modernen
Helden auf der Bühne ein tüchtiges Maß seiner Zeitbildung unentbehrlich
sein. Denn nur dadurch erhält er innere Freiheit. Deshalb sind solche
Klassen der Gesellschaft, welche bis in unsere Zeit unter dem Zwang
epischer Verhältnisse stehen, deren Leben vorzugsweise durch die
Gewohnheiten ihres Kreises gerichtet wird, welche noch unter dem Druck
solcher Zustände dahinsiechen, die der Hörer übersieht und als ein
Unrecht verurtheilt, solche endlich, welche nicht vorzugsweise befähigt
sind, Empfindungen und Gedanken schöpferisch in Rede umzusetzen, zu
Helden des Dramas nicht gut verwendbar, wie kräftig auch in diesen
Naturen die Leidenschaft arbeite, wie naturwüchsig stark ihr Gefühl in
einzelnen Stunden hervorbreche.
Aus dem Gesagten folgt, daß das Trauerspiel darauf verzichten muß,
seine Bewegung auf Motive zu gründen, welche von der Empfindung der
Zuschauer als kläglich, gemein oder als unverständig verurtheilt
werden. Auch dergleichen Beweggründe vermögen einen Mann in den
heftigsten Kampf mit seiner Umgebung zu treiben, aber die dramatische
Kunst wird im Ganzen betrachtet nicht im Stande sein, solche Gegensätze
zu verwerthen. Wer aus Gewinnsucht raubt, stiehlt, mordet, fälscht, wer
aus Feigheit ehrlos handelt, wer aus Dummheit und Kurzsichtigkeit, aus
Leichtsinn und Gedankenlosigkeit kleiner und schwächer wird, als die
Verhältnisse ihn fordern, der ist als Held eines ernsten Dramas völlig
unbrauchbar.
Wenn vollends ein Dichter die Kunst dazu entwürdigen wollte,
gesellschaftliche Verbildungen des wirklichen Lebens, Gewaltherrschaft
der Reichen, die gequälte Lage Gedrückter, die Stellung der Armen,
welche von der Gesellschaft fast nur Leiden empfangen, streitlustig und
tendenzvoll zur Handlung eines Dramas zu verwerthen, so würde er durch
solche Arbeit wahrscheinlich die Theilnahme seiner Zuschauer lebhaft
erregen, aber diese Theilnahme würde am Ende des Stückes in einer
quälenden Verstimmung untergehen. Die Schilderung der Gemüthsvorgänge
eines gemeinen Verbrechers gehört in den Saal des Schwurgerichts, die
Sorge um Besserung der armen und gedrückten Klassen soll ein wichtiger
Theil unserer Arbeit im wirklichen Leben sein, die Muse der Kunst ist
keine barmherzige Schwester.
6.
Bewegung und Steigerung der Handlung.
_Die dramatische Handlung muß alles für das Verständniß Wichtige in
starker Bewegung der Charaktere, in fortlaufender Steigerung der
Wirkungen darstellen._
Die Handlung soll zunächst der stärksten dramatischen Bewegung fähig
sein. Und diese Bewegung soll eine gemeinverständliche werden.
Es gibt große und wichtige Kreise menschlicher Thätigkeit, welche das
Herausbilden eines hinreißenden Empfindens, Begehrens, Wollens nicht
leicht machen, und wieder heftige Kämpfe, welche zwar die gewaltigsten
inneren Vorgänge nach der Außenseite der Menschen treiben, bei denen
aber der Gegenstand des Kampfes für Darstellung auf der Bühne wenig
geeignet ist, obwohl auch ihm Wichtigkeit und Größe nicht fehlt. Ein
staatskluger Fürst z. B., welcher mit den Gewalten seines Landes
verhandelt, mit Nachbarn Krieg und Frieden schließt, wird vielleicht
dies alles thun, ohne daß einmal eine leidenschaftliche Bewegung in ihm
sichtbar wird, und wenn sie zu Tage kommt, als geheimes Verlangen, als
Unwille gegen Andere, wird sie nur vorsichtig, wie in kurzen Wellen,
bemerkbar werden. Aber auch wenn sie sein ganzes Wesen in dramatischer
Spannung darzustellen gestattet, wird der Gegenstand seines Wollens,
ein politischer Erfolg, ein Sieg, sich in dem Rahmen der Bühne nur sehr
unvollständig und mangelhaft zeigen lassen. Und die Scenen, in welchen
dieser Kreis irdischer Zwecke sich vorzugsweise bewegt, Staatsaktionen,
Reden, Schlachten sind aus technischen Gründen nicht der bequemste
Theil des Dramas. Auch von diesem Standpunkt aus muß davor gewarnt
werden, den Stoff der politischen Geschichte auf die Bühne zu tragen.
Allerdings sind die Schwierigkeiten, welche dies Gebiet der stärksten
irdischen Thätigkeit darbietet, nicht unüberwindlich, aber es gehört
nicht nur ein gereifter Geist, auch ganz besondere Kenntniß der
Bühne dazu, dergleichen gut zu machen. Nie aber wird der Dichter
seine Handlung dadurch herabwürdigen, daß er sie zu einer doch nur
unvollständigen und ungenügenden Auseinandersetzung solcher politischen
Thaten und Ziele macht, er wird nur eine einzelne Handlung oder eine
geringe Zahl derselben als Hintergrund benutzen dürfen, vor dem er das
aufbaut, worin er dem Geschichtschreiber unendlich überlegen ist, die
geheimsten Offenbarungen der Menschennatur in wenigen Persönlichkeiten
und in den leidenschaftlichsten Beziehungen derselben zu einander.
Versäumt er dies, so wird er auch nach dieser Richtung die Geschichte
fälschen, ohne Poetisches zu schaffen.
Ein ganz ungünstiges Stoffgebiet sind die inneren Kämpfe, welche der
Erfinder, Künstler, Denker mit sich und seiner Zeit zu bestehen hat.
Auch wenn er eine reformatorische Natur ist, welche tausend Anderen
das Gepräge des eigenen Geistes aufzudrücken weiß, ja selbst wenn
seine äußeren Schicksale ungewöhnlichen Antheil in Anspruch nehmen,
wird der Dramatiker sich nicht gern entschließen, ihn als Helden einer
Handlung aufzuführen. Ist die geistige Arbeit eines solchen Helden
dem lebenden Geschlecht nicht genau bekannt, so wird der Dichter die
Berechtigung seines Mannes erst durch kunstvolle Rede, durch wortreiche
Ausführung und durch Darstellung eines geistigen Inhalts vorzuführen
haben. Das mag ebenso schwierig sein als es undramatisch ist. Setzt
der Dichter aber lebendige Antheilnahme an solcher Persönlichkeit,
Bekanntschaft mit den Ergebnissen ihres Lebens bei seinen Hörern voraus
und benutzt er diesen Antheil, um ein Ereigniß aus dem Leben solches
Helden werth zu machen, so verfällt er einer andern Gefahr. Auf der
Bühne hat das Gute, was man von einem Menschen voraus weiß, oder was
von ihm berichtet wird, durchaus keinen Werth gegen das, was der Held
auf der Bühne selbst thut. Ja gerade die großen Erwartungen, welche der
Hörer in diesem Falle mitbringt, mögen die unbefangene Aufnahme der
Handlung beeinträchtigen. Und wenn es auch, wie bei volksthümlichen
Helden wahrscheinlich ist, dem Dichter gelingt, durch eine bereits
vorhandene Wärme für die Person des Helden die scenischen Wirkungen zu
fördern, so verdankt er seinen Erfolg dem Antheil, welchen der Hörer
mitbringt, nicht dem Antheil, den sich das Drama selbst verdient. Der
Dichter wird also, wenn er gewissenhaft ist, nur solche Momente aus dem
Leben des Künstlers, Dichters, Denkers verwerthen dürfen, in denen der
Held sich thätig und leidend ebenso bedeutend gegen Andere erweist,
als er in seiner Arbeitsstube war. Es ist klar, daß das nur zufällig
einmal der Fall sein wird, ebenso klar, daß es in solchem Falle wieder
zufällig ist, ob der Held einen berühmten Namen trägt oder nicht.
Deshalb ist die Verwerthung von Anekdoten aus dem Leben solcher großen
Männer, deren Bedeutung sich nicht in der Handlung selbst, sondern
in der nicht darstellbaren Thätigkeit ihrer Werkstatt erweist, recht
innerlich undramatisch. Das Große in ihnen ist nicht darstellbar, und
was dargestellt wird, borgt die Größe des Helden von einem außerhalb
des Stückes liegenden Moment seines Lebens. Die Persönlichkeit
Shakespeare's, Goethe's, Schiller's ist auf der Bühne noch übler daran,
als in Roman und Novelle. Um so schlimmer, je genauer ihr Leben bekannt
ist.
Allerdings ist die Ansicht darüber, was auf der Bühne darstellbar
und wirksam sei, nicht zu allen Zeiten gleich, sowohl die nationale
Gewohnheit, als die Einrichtung des Theaters bestimmen den Dichter.
Wir haben durchaus nicht mehr die Empfänglichkeit der Griechen für
epische Berichte, welche durch einen Boten auf die Scene getragen
werden, wir sind schaufreudiger und wagen auf unserer Bühne auch
die Nachbildung von Aktionen, welche der Bühne Athens trotz ihrer
Maschinen, Flugwerke und ihrer perspektivischen Malerei ganz unmöglich
erschienen wären: Volksaufruhr, Kriegführung und dergleichen. Und in
der Regel wird der neuere Dichter geneigt sein, nach dieser Richtung
eher zu viel als zu wenig zu thun.
Eher als dem Griechen mag ihm deshalb begegnen, daß durch die reiche
Ausführung der Aktionen die innere Bewegung der Hauptfiguren übermäßig
beschränkt wird, und daß ein wichtiger Uebergang, eine folgenschwere
Reihe von Stimmungen verschwiegen bleibt. Ein bekanntes Beispiel
solcher Lücke ist im Prinzen von Homburg, gerade dem Stück, worin der
Dichter eine der schwierigsten scenischen Aufgaben, die Disposition zu
einer Schlacht und die Schilderung der Schlacht selbst, vortrefflich
gelöst hat. Der Prinz hat seine Haft leicht genommen; als sein Freund
Hohenzollern ihm die Nachricht bringt, daß sein Todesurtheil zur
Unterschrift vorliege, wird seine Stimmung allerdings ernst, und er
beschließt die Verwendung der Kurfürstin zu erbitten. Und in der
nächsten Scene stürzt der junge Held kraftlos, haltungslos zu den
Füßen seiner Gönnerin, weil er auf dem Wege zu ihr, wie er erzählt,
beim Fackelschein an seinem Grabe arbeiten sah; er fleht um sein
Leben, wenn er auch schimpflich abgesetzt werde. Dieser unvermittelte
Sprung zur feigen Todesfurcht verletzt an einem General auf das
peinlichste. Er ist sicher an sich nicht unwahr, wenn wir auch von
einem Feldherrn unter solchen Umständen ungern Haltlosigkeit ertragen.
Und das Drama forderte die stärkste Niederdrückung des Helden, gerade
die Muthlosigkeit ist der entscheidende Punkt des Stückes, zu dem der
Held in seiner Befangenheit stürzen muß, um sich in dem zweiten Theil
der Handlung würdig zu erheben. Es war deshalb eine Hauptaufgabe, die
Herabstimmung einer jugendlichen Heldennatur bis zur Todesfurcht
vorzuführen und zwar so, daß die Theilnahme des Hörers nicht durch
Verachtung weggeblasen wurde. Das konnte nur durch genauste Darstellung
der innern Bewegungen bis zur ausbrechenden Todesangst geschehen, an
welche sich der Fußfall anschließen mochte, eine schwierige Aufgabe
auch für starke Dichterkraft, aber sie mußte gelöst werden. Und schon
hier sei eine kluge Regel erwähnt, die für den Dichter wie für den
Schauspieler Geltung hat. Es ist verkehrt, über Theile der Handlung,
welche aus irgend einem Grunde für das Stück nothwendig sind, aber
nicht die Eigenschaft dankbarer Momente haben, hinwegzuhasten; im
Gegentheil muß an solchen Stellen die höchste technische Kunst
angewendet werden, um das an sich Unbequeme dichterisch schön
herauszuheben. Gerade vor dergleichen Aufgaben muß den Künstler
das stolze Gefühl erfüllen, daß es für ihn keine unüberwindliche
Schwierigkeit gibt.
Ein anderer Fall, in welchem das versäumte Heraustreiben einer
Hauptwirkung auffällt, ist der dritte Akt von Antonius und Kleopatra.
Freilich rührt ein Versäumniß bei Shakespeare weder von mangelhafter
Einsicht noch von Flüchtigkeit her. Das Auffallende liegt hier
darin, daß dem Stück der Höhenpunkt fehlt. Antonius hat sich von
Kleopatra getrennt, mit Oktavian versöhnt, seine Herrschermacht
wieder hergestellt. Der Hörer ahnt aber längst, daß er zur Kleopatra
zurückfallen wird. Die innere Nothwendigkeit dieses Rückfalls ist
vom ersten Akt an reichlich motivirt. Demungeachtet fordert man mit
Recht diesen verhängnißvollen Rückfall mit seinen leidenschaftlichen
Bewegungen zu sehen, er ist der Punkt, auf welchen alles Vorhergehende
gespannt hat, der alles Folgende, die Erniedrigung des Antonius bis
zu feiger Flucht und seinen Tod erklären muß. Und doch wird er nur
in kurzen Absätzen dargestellt, die Spitze der Handlung ist in viele
kleine Scenen zerspalten. Und eine Einfügung in ausgeführter Scene war
um so wünschenswerther, da auch die wichtige Begebenheit der Umkehr,
jene Flucht des Antonius aus der Seeschlacht, nicht auf der Bühne
vorgeführt, sondern nur durch den kurzen Bericht der Unterfeldherren
und das darauf folgende erschütternde Ringen des gebrochenen Helden
anschaulich gemacht werden konnte.[7]
Aber der Dichter hat selbstverständlich nicht die Aufgabe, jedes
einzelne Moment, welches für den Zusammenhang der Handlung nothwendig
ist, durch die Aktion der Bühne als geschehend darzustellen. Ein
solches Ausführen der Nebensachen würde die Grundzüge mehr verdecken
als eindringlich machen, weil es Wichtigerem die Zeit raubte; es würde
auch die Handlung in zu viele Theile zersplittern und dadurch die
scenische Wirkung beeinträchtigen. Auch auf unserer Bühne sind noch
kleine epische Berichte über Ereignisse in lebendiger Darstellung
nothwendig. Da sie immer Ruhepunkte der Handlung darstellen, wie
aufgeregt auch der Verkünder sprechen möge, so gilt für sie das Gesetz,
daß sie als Lösung einer kräftig erregten Spannung einzutreten haben.
Der Zuschauer muß durch die lebendige Bewegung der dabei betheiligten
Personen vorher angeregt sein. Die Länge der Erzählung ist sorgfältig
zu überwachen, eine Zeile zu viel, die kleinste unnöthige Ausführung
kann Ermüdung verursachen. Die Erzählung ist, wenn sie breitere
Einzelheiten enthält, in Absätze zu theilen, mit kurzen Zwischenreden
zu versehen, welche die Stimmung der Betheiligten andeuten, und ist
in kräftiger Steigerung des Inhalts und der Sprachweise zu arbeiten.
Ein berühmtes Beispiel von vortrefflicher Anordnung ist der Bericht
des schwedischen Hauptmanns im Wallenstein. Ein ausführlicher Bericht
darf nicht an solchen Stellen stehen, wo die Handlung mitten in starker
Bewegung abrollt.
Eine Abart der Botenscenen ist die Schilderung eines hinter der
Scene gedachten Ereignisses, wenn die Personen auf der Bühne als
Beobachter dargestellt werden, also ein Vorführen der Aktion aus den
Eindrücken, welche dieselbe in die Charaktere wirft. Diese Art des
Berichtes gestattet leichter dramatische Bewegung; sie mag einer
ruhigen Erzählung nahe stehen, sie mag vielleicht die leidenschaftliche
Erregung auf der Bühne hervorrufen oder steigern.
Die Gründe, aus denen der Dichter ein Geschehendes hinter die
Scene verlegt, sind verschiedener Art. Zunächst veranlassen dazu
unvermeidliche Vorgänge, welche ihrer Natur nach überhaupt nicht,
oder nur durch ein umständliches Maschinenwesen darstellbar sind,
so eine Feuersbrunst, so die erwähnte Seeschlacht, Volksgewühl,
Kämpfe zu Roß und Wagen, Alles, wobei gewaltige Kräfte der Natur oder
große Menschenmassen mit umfangreichen Bewegungen thätig sind. Die
Wirkung solcher widerspiegelnden Eindrücke läßt sich außerordentlich
unterstützen durch kleine scenische Andeutungen: Rufe von außen
her, Signale, grellen Lichtschein, Donner und Blitz, Geschützdonner
und ähnliche Erfindungen, welche die Phantasie anregen und deren
Zweckmäßigkeit von dem Hörer leicht erkannt wird. Am besten werden die
Andeutungen und klugen Verweise auf ein Entferntes dann gedeihen, wenn
sie menschliches Thun schildern; nicht so günstig stehen Darstellungen
von seltenen Naturereignissen, Beschreibungen der Landschaft, alle
Anschauungen, denen der Hörer vor der Bühne sich hinzugeben nicht
gewöhnt ist; leicht mag in solchem Fall die beabsichtigte Wirkung
deshalb verfehlt werden, weil das Publikum sich gegen Versuche,
ungewohnte Täuschungen hervorzubringen, zu sträuben pflegt.