Kaum war der Archivarius aus der Thüre des Jagdhäuschens
hinaus und ins Freie gekommen, als er mit einer Lebhaftigkeit,
die bei seinem Alter und seinem sonst so ruhigen und gesetzten
Wesen desto mehr auffallen mußte, ein Geschrei erhob, gleich
einem Wachtposten, der die Mannschaft in das Gewehr ruft.
Heraus! schrie er, heraus! Kinder heraus! Alles heraus!
Man dachte im ersten Augenblicke, es sei ihm irgend
etwas Ungeheures begegnet. Den kleineren unter den Kindern schien
ganz graulich zu Muthe zu werden. Eins mochte denken, es sei einer
der alten Mönche erschienen, das andere, es gälte, sich einer
wilden Sau zu erwehren. Aber ein jeder, der dem wiederholten
Rufe des Archivarius folgte, sah im Augenblicke seines
Heraustretens seinen Schrecken in ein frohes Erstaunen
und Entzücken verwandelt.
Denn, - man rathe, was sich erblicken ließ! Ohne
daß darauf geachtet war, hatte während der Erzählung des
Archivarius der Regen allmählich aufgehört. Das von Süd=West
gekommene Gewitter war über das Thal der Himmelpforte hinüber
nach Nord=Osten gezogen. Da stand es noch gleich einer grauen
Wand, oder die regnenden Wolken hingen vielmehr wie Aescherlaken
auf die Erde hernieder. Aber jetzt sandte die sinkende Sonne von
Westen her ihre letzten Strahlen über den waldigen Rücken der
Berge herüber und malte mit denselben in den nassen dunklen
Hintergrund jedes Vorhanges ein prächtiges 7 farbiges
himmelhohes Gewölbe, welches gleich einer Brücke über
den grünen Wiesengrund des Thales und das in demselben
hinunterfließende von dem Regenguß aufgeschwollene
Bächlein gespannt war.
Ach! Ach! O wie wunderschön! Welch' ein prächtiger
Regenbogen! So riefen bei diesem Anblick voll Entzücken die Kinder.
- Aber der Prediger sagte im Tone der Mißbilligung: Ei was!
Regenbogen? Der Name kommt mir für das, was wir heute hier sehen
zu ordinär vor! Weiß keins von Euch dafür einen besseren Namen zu
finden? Himmelpforte! Himmelpforte! riefen Alle auf einmal.
Getroffen! erwiederte Vater Lehrwart. Und - setzte er hinzu, weil
ihr meine Meinung so gut errathen habt, so will ich euch auch
noch ein kleines Lied dazu sagen, welches ich vor Zeiten einmal
gelernt habe und hoffentlich noch kann. Es heißt:
Sehet da den Farbenbogen
Durch die Wolken hingezogen!
An der schönen Himmels=Pforte
Stehen sieben güldne Worte.
Jene sieben Farben deuten
Allen wahren Christenleuten,
Welchen Sinn sie haben sollen,
Wenn zu Gott sie kommen wollen.
*Violett* spricht: o Mensch senke
Demuthsvoll dein Haupt und denke:
Ach, was würde aus mir Armen,
Wäre bei Gott kein Erbarmen?
*Blau* kommt dann und heißt dich schauen
Gläubig himmelwärts und trauen
Dem, deß Wege höher gehen,
Als wir Menschen sie verstehen.
*Purpur* folgt und heischt: Erneue
Täglich deinen Bund der Treue
Gegen Ihn, der nie gebrochen,
Was Sein Wort dir hat versprochen!
*Feuerroth* ruft: o Mensch liebe
Gott mit glühend heißem Triebe,
Laß auch, Gotte zu gefallen,
Dein Herz für den Nächsten wallen!
Und *Orange* mahnt: halt' Frieden
Gern mit Jedermann hiernieden,
Brich oft deinen eignen Willen,
Lern' in Gott dein Herze füllen!
*Lichtgelb* räth dir, dich zu kleiden
In Geduld, bei Kreuz und Leiden,
Stetig harrend, daß am Ende
Gott zum Besten Alles wende.
Endlich sagt der *grüne* Schimmer:
Lieber Christ, verzage nimmer!
Den, der auf Ihn hofft auf Erden,
läßt Gott nie zu Schanden werden.
Merkt euch, Leutchen, diese Worte,
Die an seine Himmelspforte
Gott ließ durch die Sonne malen
Mit dem Bündel ihrer Strahlen.
Wird bei euch dieß Licht sich brechen
In der letzten Thräne - sprechen
Dann von euch, die hinterblieben:
"Heimgegangen sind die Lieben!"
Der Prediger schwieg. Jeder sah, voll Rührung, still vor sich
hin. In den Augen der Kinder standen Thränen. Der himmlische Bogen
war verschwunden. Die Sonne war hinter den Bergen im Rücken der
Gesellschaft versunken. Der Archivarius drückte dem Vater Lehrwart
herzlich die Hand und sagte: Nun, mein Freund, nun wollen
auch wir heimgehen!