XI.

Kaum war der Archivarius aus der Thüre des Jagdhäuschens

hinaus und ins Freie gekommen, als er mit einer Lebhaftigkeit,

die bei seinem Alter und seinem sonst so ruhigen und gesetzten

Wesen desto mehr auffallen mußte, ein Geschrei erhob, gleich

einem Wachtposten, der die Mannschaft in das Gewehr ruft.

Heraus! schrie er, heraus! Kinder heraus! Alles heraus!

Man dachte im ersten Augenblicke, es sei ihm irgend

etwas Ungeheures begegnet. Den kleineren unter den Kindern schien

ganz graulich zu Muthe zu werden. Eins mochte denken, es sei einer

der alten Mönche erschienen, das andere, es gälte, sich einer

wilden Sau zu erwehren. Aber ein jeder, der dem wiederholten

Rufe des Archivarius folgte, sah im Augenblicke seines

Heraustretens seinen Schrecken in ein frohes Erstaunen

und Entzücken verwandelt.

Denn, - man rathe, was sich erblicken ließ! Ohne

daß darauf geachtet war, hatte während der Erzählung des

Archivarius der Regen allmählich aufgehört. Das von Süd=West

gekommene Gewitter war über das Thal der Himmelpforte hinüber

nach Nord=Osten gezogen. Da stand es noch gleich einer grauen

Wand, oder die regnenden Wolken hingen vielmehr wie Aescherlaken

auf die Erde hernieder. Aber jetzt sandte die sinkende Sonne von

Westen her ihre letzten Strahlen über den waldigen Rücken der

Berge herüber und malte mit denselben in den nassen dunklen

Hintergrund jedes Vorhanges ein prächtiges 7 farbiges

himmelhohes Gewölbe, welches gleich einer Brücke über

den grünen Wiesengrund des Thales und das in demselben

hinunterfließende von dem Regenguß aufgeschwollene

Bächlein gespannt war.

Ach! Ach! O wie wunderschön! Welch' ein prächtiger

Regenbogen! So riefen bei diesem Anblick voll Entzücken die Kinder.

- Aber der Prediger sagte im Tone der Mißbilligung: Ei was!

Regenbogen? Der Name kommt mir für das, was wir heute hier sehen

zu ordinär vor! Weiß keins von Euch dafür einen besseren Namen zu

finden? Himmelpforte! Himmelpforte! riefen Alle auf einmal.

Getroffen! erwiederte Vater Lehrwart. Und - setzte er hinzu, weil

ihr meine Meinung so gut errathen habt, so will ich euch auch

noch ein kleines Lied dazu sagen, welches ich vor Zeiten einmal

gelernt habe und hoffentlich noch kann. Es heißt:

Sehet da den Farbenbogen

Durch die Wolken hingezogen!

An der schönen Himmels=Pforte

Stehen sieben güldne Worte.

Jene sieben Farben deuten

Allen wahren Christenleuten,

Welchen Sinn sie haben sollen,

Wenn zu Gott sie kommen wollen.

*Violett* spricht: o Mensch senke

Demuthsvoll dein Haupt und denke:

Ach, was würde aus mir Armen,

Wäre bei Gott kein Erbarmen?

*Blau* kommt dann und heißt dich schauen

Gläubig himmelwärts und trauen

Dem, deß Wege höher gehen,

Als wir Menschen sie verstehen.

*Purpur* folgt und heischt: Erneue

Täglich deinen Bund der Treue

Gegen Ihn, der nie gebrochen,

Was Sein Wort dir hat versprochen!

*Feuerroth* ruft: o Mensch liebe

Gott mit glühend heißem Triebe,

Laß auch, Gotte zu gefallen,

Dein Herz für den Nächsten wallen!

Und *Orange* mahnt: halt' Frieden

Gern mit Jedermann hiernieden,

Brich oft deinen eignen Willen,

Lern' in Gott dein Herze füllen!

*Lichtgelb* räth dir, dich zu kleiden

In Geduld, bei Kreuz und Leiden,

Stetig harrend, daß am Ende

Gott zum Besten Alles wende.

Endlich sagt der *grüne* Schimmer:

Lieber Christ, verzage nimmer!

Den, der auf Ihn hofft auf Erden,

läßt Gott nie zu Schanden werden.

Merkt euch, Leutchen, diese Worte,

Die an seine Himmelspforte

Gott ließ durch die Sonne malen

Mit dem Bündel ihrer Strahlen.

Wird bei euch dieß Licht sich brechen

In der letzten Thräne - sprechen

Dann von euch, die hinterblieben:

"Heimgegangen sind die Lieben!"

Der Prediger schwieg. Jeder sah, voll Rührung, still vor sich

hin. In den Augen der Kinder standen Thränen. Der himmlische Bogen

war verschwunden. Die Sonne war hinter den Bergen im Rücken der

Gesellschaft versunken. Der Archivarius drückte dem Vater Lehrwart

herzlich die Hand und sagte: Nun, mein Freund, nun wollen

auch wir heimgehen!

Der Gang nach der Himmelpforte · 第 12 / 14 题