Die übrigen Wallfahrer der Himmelpforte waren sämmtlich
schon fort. Auch die Gründlersche und Lehrwartsche Familie
wollten sich von der des Försters dankbar verabschieden. Aber
diese mit ihren frühern Gästen baten einstimmig so dringend,
noch etwas länger in ihrer Gesellschaft zu bleiben und mit
ihnen über Hasserode zurückzugehen, daß der Archivarius der
erste war, der darein willigte, diesen Umweg zu wählen. Während
die Frau Försterin im Jagdhäuschen aufräumte und die mitgebrachten
Geräthschaften wieder einpackte, beeilte sich der gefällige Förster,
den Kindern auf ihren Wunsch in der Geschwindigkeit noch die innere
Einrichtung des Saufanges zu zeigen und ihnen die Art und Weise der
Einkörnung der Thiere und ihrer Erlegung zu schildern. Dann wurde
aufgebrochen. Ehe man den Wiesengrund des Thales der Himmelpforte
verließ, machte der Förster die Kinder noch auf die hier nahe am Wege
zahlreich zu findenden gelben Himmelschlüssel und, weiter hin, auf die
am Waldrande blühenden blauen Hasselblümchen aufmerksam und sagte von
den erstern, scherzhafter Weise, man könne sie als die Früchte der
Aussaat betrachten, die von den Mönchen bei ihrer Flucht aus dem
Kloster, wobei sie die Schlüssel desselben verloren hätten,
ausgestreuet wäre. Von den Hasselblümchen dagegen ersann er in
der Geschwindigkeit das artige Mährchen, daß von diesen einfachen,
anspruchslosen Kindern der Natur der Name Hasserode und das
ursprüngliche ächte Wappen der Ritter dieses Namens entlehnt
sei. Weil sie das aber nachmals verläugnet und die Hasselblümchen
aus ihrem Schilde ausgerodet hätten, so sei deshalb ihr Geschlecht
so früh verblüht.
So ungehalten der Archivarius über diese Vermengung von
Mythen mit wahrer Geschichte that, so wurden die launigen
Einfälle des Försters dennoch von den Frauen belobt und die
Kinder pflückten Himmelschlüssel und Hasselblumen in Menge,
um sie zu einem Kranze zu verflechten. Durch eine kleine
Waldstrecke führte der Fußpfad, den man eingeschlagen hatte,
zu der sogenannten Kuhbreite, einer hochgelegenen weiten
Wiesenfläche hinan. Hier wurde ein augenblicklicher Halt
gemacht, um die liebliche Aussicht auf das noch durch den
Abendschimmer hindurch blickende hehre Grafenschloß zu genießen.
Während von jedem in der Gesellschaft im Geiste ein herzlicher
segnender Abendgruß dahin gesandt ward, hatte der Förster
unvermerkt aus dem Korbe der Magd, die das Geräth trug, das
darin verborgen gewesene Waldhorn hervorgeholt und überraschte
plötzliche die Gesellschaft mit dem schönen harmonischen
Dreiklang, den ein mehrfaches Echo aus dem Walde erwiederte.
Dadurch wurden die Kinder vollends gleichsam bezaubert und es
hielt schwer, ihren immer erneuerten Wünschen nach einer öftern
Wiederholung dieses Concertes sobald ein Ziel zu setzen, als
es die zunehmende Dämmerung und die Weite des noch übrigen
Weges erforderte. Auf einem sehr steilen Pfade an dem jähen
Abhange des Kellerberges herunter, stieg man in das Thal hinab,
in welchem die von dem starken Regengusse im Gebirge
hochangeschwollene Holtemme brauste. Da sich dieselbe nun
nicht wie sonst allenthalben leicht überschreiten ließ, so
sah sich die Hasseröder Gesellschaft genöthigt, noch eine
Strecke am linken Ufer derselben entlang mit den Städtern
fortzugehen, bis zu dem schmalen Stege, der nahe dem Standorte
der ehemaligen Burg und des nachmaligen Amtes von Hasserode über
den Fluß führte. Diesen Steg bei der schon angebrochenen Dunkelheit
zu überschreiten war für die Stadtkinder gefährlich. Hier trennte
man sich also mit gegenseitigem herzlichem Danke und mit dem
Wunsche bald einmal wieder zusammen zu treffen.
Unter ängstlichem Nachsehen der Städter kamen die Hasseröder,
einer nach dem andern, glücklich hinüber und riefen von jenseit
jenen, die ihren Weg auf dem linken Ufer des Flusses fortsetzten,
den Wunsch einer guten Nacht nach.
Die noch übrige Strecke der Wanderung hinter dem Flecken
Hasserode=Friedrichsthal das Thal entlang bis zu der Stadt
verkürzte der Archivarius dadurch, daß er erzählte, wie nach
dem Aussterben des Geschlechtes der Herren von Hasserode die
Stammburg derselben mit ihrem Gebiete den Lehnsherren, den Grafen
von Wernigerode anheimfiel, wie der letzte von diesen sie Anfangs
der Stadt Wernigerode verpfändete, dann als Lehn überließ; wie
von ihr jedoch zur Zeit der Reformation dieses Besitzthum
vernachlässigt, die Pfarrkirche des alten Hasserode eingezogen
und der Nikolai=Pfarre zu Wernigerode einverleibt wurde; wie
späterhin die Burg zu Hasseorde der Sitz eines Königl. Preuß.
Amtes ward und wie dieß dann zu der Stiftung eines reformierten
Gottesdienstes, einer Kirche und dann selbst zu der Anlage
der Colonie Friedrichsthal die Veranlassung hergab.
Ehe man sich dessen versah, war man am Westernthore
angelangt, wo beide Familien Abschied von einander nahmen,
indem die eine wieder in dieses Thor einging, während die andere
den Weg nach dem Johannisthore einschlug.
Bei der Rückkehr in das Haus dankten die Lehrwartschen Kinder
der Tante und dem Vater mit der innigsten Zärtlichkeit für
das gehabte, große Vergnügen. Väterchen, sagte die kleine
Sophie, laß uns doch übers Jahr ja wieder nach der
Himmelpforte gehen! Vater Lehrwart sagte: Wir wollen sehen!
Indessen wollen wir uns heute nicht schlafen legen, liebe
Kinder, ohne uns noch dazu ermuntert zu haben, schon mit
dem morgendlichen Tage wieder den Gang anzutreten, zu dessen
täglicher, freudiger, beharrlicher und unermüdet geduldiger
Fortsetzung uns die Feier des heutigen festlichen Tages hat
Lust machen sollen, nämlich den Wandel in der Nachfolge
unseres Heilandes, der in den Himmel einhergegangen und zu der
Rechten Gottes erhöhet ist. Lasset und noch gemeinsam singen:
Er bringt und an die Pforten,
Die in den Himmel führt,
Daran mit güldnen Worten
Der Reim gelesen wird:
"Wer dort wird mit verhöhnt,
Wird hier auch mit gekrönt;
Wer dort mit Sterben geht,
Wird hier auch mit erhöht."