Der Archivarius, der während seines Fluges durch ein Paar
Jahrhunderte der Vorzeit die ängstliche Berechnung der Minuten
der Gegenwart vergessen zu haben schien, indem er, vermuthlich
unbewußt, die Uhr wieder eingesteckt hatte, nahm jetzt willig
Einiges von den ihm angebotenen Erfrischungen an und fuhr dann
zu erzählen fort.
Das Augustiner=Kloster zu Himmelpforte fiel, wie wir mit
Wehmuth eingestehen müssen, als eines der unschuldigen Opfer
der menschlichen Ungerechtigkeit, durch deren Beimischung das
sonst so herrliche Werk der durch Luther herbeigeführten
Kirchenverbesserung des 16ten Jahrhunderts befleckt und
getrübt ward. Einer nicht unglaubhaften Ueberlieferung
zufolge hatte das Kloster Himmelpforte diesen Mann Gottes
11 Jahr vorher, ehe er sein Reformationswerk anfing, im Jahr
1506 in seinen Mauern gesehen und der Jüngling hatte damals mit
prophetischem Geiste dem Glanze, den er in dem Kloster zu Walkenried
wahrgenommen hatte, sein nahes Erlöschen verkündigt. Diese Prophezeiung
Luthers war in Erfüllung gegangen. Das Kloster Walkenried war eines
der ersten gewesen, welches von den, die evangelische Freiheit so
übel und so ganz gegen den Geist Luthers mißverstehenden und
mißbrauchenden thüringischen Bauern, in dem von ihnen erregten
Aufruhre, dem sogenannten Bauernkriege, unter Anführung des
wüthenden Thomas Münzer, zerstört war. Ein gleiches Schicksal
hatte bald darauf das Kloster Huysburg getroffen, welches am
9. Mai 1525 in Brand gesteckt wurde.
Auch die Klöster zu Ilsenburg, Drübeck und Wasserleben
waren geplündert, während die Himmelpforte noch verschont
geblieben war. Aber dafür erging es ihr dann desto schlimmer.
Es lebte damals in Wernigerode ein Barbier, Wilhelm
Wiardes, gewöhnlich Wilhelm Barbier genannt. Dieser brachte
in einer Frühlingsnacht des Jahres 1525, das Datum ist nicht
genau bekannt, die friedlichen Bürger der Stadt in Aufruhr,
indem er von einem Trommelschläger, den er sich zu verschaffen
gewußt hatte, Lärm schlagen ließ und die versammelte Menge
ermahnte, ihm gen Schauen zu folgen, wo damals ein großes, zu
dem Kloster Walkenried gehöriges Gut war, die Inhaber zu
verjagen, den Hof anzuzünden und was sie fänden, zu nehmen.
Doch der Rath der Stadt ließ sogleich deren Thore verschließen
und verhinderte dadurch die sofortige Ausführung dieses
bösen Vorhabens.
Aber Wilhelm Barbier ruhete nicht; am andern Morgen
stand er wieder am Platze und nun gelang es seiner
Ueberredungskunst, sich Anhang zu einer näheren und leichteren
Expedition zu verschaffen. Nach der nahen Himmelpforte ging der
Zug, der unterwegs noch verstärkt ward. Man stürmte das Kloster,
räumte aus Alles, was da war an jeglichem Vorrath, trieb Pferde,
Kühe und Schweine fort, jeder nahm, was er kriegen konnte, endlich
wurde das Kloster sammt der Kirche mit verwegener Hand in Brand
gesteckt. Zwar fielen die Rädelsführer und mehrere von deren Gesellen
in die Hände der Gerechtigkeit, kamen aber mit einer viel zu leichten
Strafe davon. Wilhelm Barbier war zum Tode verurtheilt. Indessen die
Fürbitte der Herzogin Elisabeth von Braunschweig, die damals gerade in
Wernigerode anwesend war, vermochte den Grafen Botho dazu, die Strafe
dahingehend zu mildern, daß er zu einer ewigen Verweisung aus dem
Gräflich Stolbergischen Gebiete und 10 Meilen im Umkreise desselben
verdammt wurde. Seine Gefährten kamen mit kurzer Haft und leichter
Geldbuße davon.
Inzwischen hatten bei der Zerstörung des Klosters die Mönche ihr
Heil in der Flucht gesucht, auch ihre Dokumente und einen Theil ihrer
Habe gerettet. Der Sage nach sollen sie ihre Flucht zunächst in den
über der Himmelpforte gelegenen Wald genommen und sich da an der
Stelle gelagert haben, welche zum Andenken noch heute die
Mönchenlagerstätte genannt wird und an einer prächtigen alten
Buche kenntlich ist. Die Vernichtung des Klosters war nicht von
der Art, daß eine Wiederherstellung desselben mittels des übrig
gebliebenen Vermögens an Grundbesitz und ausstehenden Kapitalien
unmöglich gewesen wäre. Es fehlte im Grunde wohl nur an Lust dazu.
Der größere Theil der Mönche mochte sich seiner Erlösung von dem
bisherigen Joche freuen. Besonders mochte dies bei dem damaligen
Prior des Klosters selber der Fall sein.
Dieser hieß Hermann Inmann. Er gab sich gar keine Mühe, die
Wiederherstellung des Klosters zu bewirken, was er sonst wohl
vermocht hätte. Denn der schon erwähnte damalige Landesherr, Graf
Botho der Glückselige, war ein eben so gerechter und billiger, als
weiser und frommer Fürst, voll Großmuth und Milde, ein recht ächter
Stolberger. Zwar konnte diesem an der Wiederherstellung des Klosters
nichts gelegen sein, da er selbst ein Freund und Beförderer der
Reformation war, und der veränderte Geist der Zeit brachte es mit
sich, die Klöster als eine schändliche Last des Landes, oder
wenigstens als unnützlich und überflüssig anzusehen. So ernstlich
Graf Botho gewiß die frevelhafte Zerstörung der Klöster mißbilligte,
so mochte er sich doch nicht berufen fühlen, die einmal eingegangenen
wieder neu einzurichten. Aber was er nicht fördern mochte, wollte er
darum nicht gerade hindern. Es geschah daher mit seiner Erlaubniß,
daß einige Mönche des Klosters Himmelpforte, einen gewissen Gröning
an ihrer Spitze, einen Versuch zu der Wiederherstellung des
Klosters machten, der aber bald scheiterte, indem der Anführer
selbst der erste war, der sich wieder entfernte. Nach Mißbilligung
dieses Versuches aber traf Graf Botho, als natürlicher Erbherr
des Klosters, solche Maßregeln, wie sie den Umständen angemessen
erschienen. Er ließ zur Abfindung der jüngeren Mönche, welche die
Freiheit, in die Welt zu gehen, benutzen wollten, einige
Klostergüter und Verschreibungen aufnehmen und umsetzen,
den älteren Mönchen dagegen sicherte er lebenslänglichen
Unterhalt zu, während er den Prior Hermann Inman selbst
noch besser bedachte, indem er ihn mit einigen Gütern des
Klosters, unter anderem dem in der Stadt Wernigerode auf dem
Klinte gelegenen sogenannten Mönchenhofe erbzinslich belehnte.
»Ach, entschuldigen Sie,« unterbrach hier der Förster dem
Archivarius, »daß war wohl der nachher sogenannte Rektorhof,
in dessen großem Garten wir uns als Schüler so oft getummelt
haben und wo es als eine Probe des Muthes galt, wenn sich einer
von uns recht weit in den dunkeln unterirdischen Gang hineinwagte,
der nach der Himmelpforte geführt hat?«
»Haben soll!« verbesserte der Archivarius eilig, denn das
ist für eine bloße Fabel zu achten, während allerdings die
nachmalige Rektorei der vormalige Mönchenhoff war, der,
als dem Kloster Himmelpforte angehörig, insofern mit
demselben zusammenhing.
Nun, sagte der Förster, vergeben Sie nur, daß ich
Sie störte. Hat nichts zu sagen! erwiederte der Archivarius.
Doch wo bin ich nur stehen geblieben? Ja, um wieder auf den
Prior Hermann Inmann zu kommen: derselbe heirathete bald nachher
und hinterließ bei seinem Tode auch eine Tochter, Judith mit Namen.
Ein unwillkürliches Niesen des Försters, der eben eine Priese
genommen hatte, unterbrach hier noch einmal den Archivarius,
der sich aber durch das dadurch veranlaßte Gelächter nicht
weiter irre machen ließ, sondern ohne darauf Rücksicht zu
nehmen fortfuhr: Die Verpflegung der noch übrigen 4 alten
Mönche übernahm nachher, der Verfügung des Grafen Botho
zufolge, der Magistrat zu Wernigerode gegen ein jährliches
Kopfgeld, räumte ihnen zur gemeinschaftlichen Bewohnung ein
hinter dem Thurme der Sylvestri-Kirche gelegenes Haus ein
und erhielt dafür alle Obligationen und Zinsen den Klosters,
welche letztere nach dem Aussterben der Mönche sammt deren
Nachlaß den Armen anheim fallen sollten.
In den Ueberresten des Klosters Himmelpforte selbst
wurde bald nach dessen Zerstörung eine Ziegelbrennerei
angelegt, welche indessen wieder einging, nachdem sie die
Ziegeln zum Wiederaufbau der im Jahr 1528 abgebrannten Stadt
geliefert hatte. Später wurde sie noch einmal wieder hergestellt,
aber gleichfalls ohne langen Bestand. Die Mauern wurden nachgerade
abgebrochen und die Steine als Baumaterial zu anderweitiger
Benutzung abgeführt. Der größte Rest derselben diente mit zum
Wiederaufbau der Stadt nach dem Brande von 1751. Noch im Anfange
unseres jetzigen Jahrhunderts fehlte es nicht an thörichten
Menschen, welche den Grund und Boden der Himmelpforte durchwühlten,
in der Hoffnung, Schätze, die hier von den Mönchen vergraben sein
möchten, heben zu können. Es waren aber keine Schätze zu finden,
aus dem Grunde, weil keine da waren.
Allerdings ein zureichender Grund! sagte der Prediger lachend,
indem er dem Archivarius, der von seinem Thorne herabzusteigen
suchte, hülfreiche Hand leistete. Aber, fuhr er fort, wer aus
den Archiven, wo sie begraben liegen, solche Schätze interessanter
und lehrreicher Geschichten unserer Vorzeit auf eine so geschickte
Weise zu heben versteht, wie Sie es uns so eben gezeigt haben,
werther Freund, dem gebührt mindestens unser Aller schönstes
Lob und wärmster Dank dafür. - Ja wohl, ja wohl! stimmte die
ganze Gesellschaft ein und umringte mit frohem Jubel den
Archivarius, der sich indessen die Ohren zuhielt und sich
durch das Gedränge hindurch arbeitete, um in das Freie
zu kommen.