Ehe nach diesem kurzweiligen Zwischenakt der Archivarius
zu der Fortsetzung seiner Erzählung schritt, richtete der Vater
Lehrwart an denselben die Frage: ob nicht eine alte Volkssitte
der Wernigeröder, am Himmelfahrtsfeste die Himmelpforte zu
besuchen, daher rührte, daß vor Zeiten an diesem Tage die
Wallfahrt nach dem Kloster üblich gewesen und mit Ablaß
belohnt sei? Der Archivarius aber entgegnete: Nein, mein
Freund! So sehr sich auch diese Vermuthung hören ließe, so
haben wir doch keinen geschichtlich urkundlichen Grund für
dieselbe. Ich dächte, sagte der Prediger, ich hätte in Ihren
eigenen vormaligen Mittheilungen über die Geschichte des
Klosters Himmelpforte im Wochenblatte eine Andeutung davon
gefunden? Das beruhet sicher auf einem Mßverständniß, versetzte
der Archivarius, und zwar vermuthlich auf Mißverständniß der
Erwähnung, daß der Papst Nicolaus IV. anno 1289 auf den Besuch
der Augustiner=Kirche an manchen Festen Ablaß verheißen hatte,
unter denen allerdings auch ein Himmelfahrtsfest genannt war,
wobei aber Nota bene! nicht das Fest der Himmelfahrt Christi
gemeint war, sondern das damals noch nicht lange aufgekommene
Fest der angeblichen Himmelfahrt der Jungfrau Maria, welches
den 15. August gefeiert wurde.
»Aha!« sagte der Prediger, »ich danke für die
Bescheidung. Sollte sich aber nicht vielleicht dennoch
annehmen lassen, daß aus den früheren Wallfahrten nach dem
Kloster Himmelpforte am Tage der Himmelfahrt Mariä, die
nachherige Sitte des Besuches seiner Stätte am Feste der
Himmelfahrt Christi entstanden sei?« »Unmöglich wäre es
freilich nicht,« entgegnete der Archivarius. »Indessen,
mein Freund! Man kann sich nicht genug davor hüten,
keine Mythen in die Geschichte einzuführen!« und fuhr
demnächst in seiner Erzählung also fort.
Das anfängliche gute Gedeihen und rasche Wachsthum des
Klosters Himmelpforte kann man daraus abnehmen, daß von
dieser Pflanzung, als sie selber noch jung war, schon
Ableger gemacht wurden.
Noch in dem Jahrhundert seiner Entstehung wurden
von dem Kloster Himmelpforte zwei andere neu gestiftete
Augustiner=Klöster, eines in Quedlinburg und eines in
Helmstädt bevölkert. Mit der erstern Tochter kam aber
die Mutter Himmelpforte bald in Streit über die Gränzen
der Gebiete, innerhalb deren sie ihre Almosen einsammeln
ließen. Dieser Streit wurde von dem Vikar des Provinzials
des Augustiner=Ordens in Deutschland geschlichtet, welcher
beiden Klöstern die Gränzen ihrer Distrikte bestimmte.
Wie einträglich dieses Terminiren sein mochte, läßt
sich ohngefähr daraus ermessen, wenn man hört, daß den
Brüdern der Himmelpforte dabei über Heimburg und Langenstein
bis Erxstedt, Harsleben und Kloster=Gröningen zu geben erlaubt
war. Auch beweisen manche noch vorhandene Urkunden über Ankäufe
von Grundstücken, daß es dem Kloster nicht an Geld gefehlt haben
müsse. Aber freilich erlitt das Kloster in den unruhigen Zeiten
des 14. Jahrhunderts, wo das sogenannte Faustrecht mit der
größten Tyrannei ausgeübt ward, auch wieder manche Verluste.
Zwar hatte schon Bischof Volrad von Halberstadt im Jahre
1284 den Bannfluch über diejenigen ausgesprochen, welche sich
an der Person oder den Sachen derer, die nach der Himmelpforte
wallfahrteten, vergriffen, oder das Kloster sonst gewaltsam
beeinträchtigen würden. Aber daran kehrten sich die Herrn
Raubritter wenig, zumal da auch für die Uebertretung eines
solchen Verbotes leicht wieder Ablaß erkauft werden konnte.
Daher geschah es, daß gleich im Anfange des 14ten
Jahrhunderts der gute Bruder Degenhard, ein herumreisender
Almosen=Sammler unseres Klosters, als er der Himmelpforte eine
schöne Ladung von wollenen Tüchern und anderen Sachen zuführen
wollte, von einem Truchseß von Alvensleben und von den Gebrüdern
von Romersleben überfallen, seiner Ladung sammt der Pferde
beraubt und selbst gefangen genommen und auf ein Raubschloß
fortgeschleppt wurde.
Auf eine noch viel ärgere Weise trieben es am Ende des 14ten
Jahrhunderts die Grafen von Reinstein, die auf dem jetzigen
Regensteine hausten, indem sie das Kloster Himmelpforte mit
Raub und Brand überfielen und die friedlichen Mönche
barbarisch schunden und plünderten.
Ei, sagte der Förster, unwillkührlich die Hand an den
Hirschfänger legend, beschützten denn die guten Herrn
von Hartesrode das Kloster nicht?
Vielleicht, entgegnete der Archivarius, waren sie dazu
nicht mehr im Stande; wenigstens erhellt aus einer Urkunde
von 1398 so viel, daß damals der letzte ihres Stammes
bereits verstorben war.
Indessen nach ihrem Aussterben bestand doch ihre Stiftung
noch länger als ein Jahrhundert im Segen fort.
Von der Bildung und Gelehrsamkeit, die in dem Kloster
Himmelpforte in jenen, sonst so finsteren Zeiten herrschte,
sind uns einige erfreuliche Zeugnisse übrig geblieben. Schon
unter jenen Mönchen, welche von der Himmelpforte aus nach
Quedlinburg verpflanzt wurden, war einer Namens Jordan gewesen,
der nachher Professor der Theologie wurde und eine Menge
von gelehrten Schriften hinterlassen hat. Ein Hauptgeschäft
der Augustiner=Mönche überhaupt und derer in der Himmelpforte
besonders war der Unterricht und die Erziehung der Jugend.
Es gab damals keine öffentlichen Schulen außer in den Klöstern
und Stiftern. Der Augustiner=Orden setzte seinen Ruhm nächst
der Beredsamkeit seiner Prediger vorzüglich darein, gelehrte
und würdige Zöglinge aufzuziehen. Die Zahl der Prediger, des
Klosters Himmelpforte war auf zwölf festgestellt, die frühzeitig
auch in der Stadt Wernigerode gewisse Predigten hielten.
Unter anderem hatten sie des Sonntags Nachmittags in
der Nicolai=Kirche zu predigen.
Ein ausgezeichneter Beweis von der Vorzüglichkeit
der Schule der Himmelpforte ist der, daß in derselben der
fromme, gottesfürchtige und gelehrte Graf Albert von Wernigerode
von Kind auf erzogen war, der 1386 Domprobst und 1411 Bischof von
Halberstadt wurde, das Bisthum 7 Jahre lang vortrefflich regierte,
guten Frieden hielt und keine anderen Kriege führte außer gegen
die Raubritter von der Harzburg und ihresgleichen. Dieser Bischof
erwies sich denn auch, wie natürlich, aus schuldiger Dankbarkeit,
dem Kloster Himmelpforte sehr günstig. Er war ein Bruder des
letzten Grafen Henrich von Wernigerode, nach dessen im Jahre
1429 erfolgten Tode unsere Grafschaft durch einen Erbvertrag
an das Haus Stolberg kam.
Bei dieser Erwähnung rief der Förster: »Vivat, das Haus
Stolberg!« in welchen Ruf denn nebst der ganzen übrigen
Gesellschaft auch der Archivarius freudig einstimmte, jedoch
sogleich nach Ausleerung des ihm dargereichten Glases selber
bat, ihn seine einmal angefangene Erzählung nun auch bis zu Ende
bringen und wenigstens noch von der wichtigsten Hauptperson aus
der Geschichte des Klosters Himmelpforte reden zu lassen.
Diese war ohne Zweifel, fuhr er rasch fort, da alsbald Alles
mäuschenstill wurde, der berühmte Andreas Proles, der 1429 in
Dresden geboren war, in Leipzig studierte, 1451 als Mönch in
dem Kloster Himmelpforte eingekleidet wurde, 1456 zu der Würde
eines Priors dieses Klosters und einige Jahre darauf zu der
eines Provinzials des Augustiner=Ordens in Deutschland erhoben
wurde, während er seinen Sitz in Himmelpforte beibehielt. Mehr
als diese seine hohe Würde, worin er den edlen Staupitz, den
väterlichen Freund und Gönner Luthers, zum Nachfolger hatte,
gereicht dem Andreas Proles zum Nachruhme, daß er ein Zeuge
der Wahrheit vor Luther und ein Vorläufer der Reformation zu
heißen verdient. Er war ein Mann von exemplarischem Lebenswandel,
ein gewaltiger Prediger, voll weitläufiger Wissenschaft, schrieb
indessen nur wenig.
Er sah den Verfall der Religion und der Geistlichkeit zu
seiner Zeit ein, forderte deren Verbesserung, erklärte freimüthig
Hussens Verdammung für eine begangene hinterlistige Ungerechtigkeit
und weissagte einen nahen Fall der päpstlichen Herrschaft. Obgleich
er es dabei bewenden ließ und zu der Herbeiführung der gewünschten
Verbesserung nicht selbst Hand ans Werk legte, weil er sich dazu
für zu schwach und zu alt hielt, so hatte er sich über seine
Meinungen und Gesinnungen doch so kräftig geäußert, daß er
dadurch dem päpstlichen Stuhle verhaßt geworden war. Er
pflegte zu seinen Augustinern zu sagen: O ihr Brüder, die
Christenheit hat einer tapfern und großen Reformation nöthig
und ich sehe schon, daß sie sehr nahe ist. Gott wird einen
Held erwecken, der genug Jugend, Kräfte, Fleiß, Lehre, Gaben
und Beredsamkeit haben wird; der soll die Reformation anfangen
und den Irrthümern sich entgegen setzen. Dergleichen Aeußerungen
waren nicht verborgen geblieben.
Schon hatte Proles einige Male nach Rom reisen müssen
und hatte dabei das dortige Unwesen selbst angesehen. Auf einer
neuen Reise dahin begriffen, ward er plötzlich in den Bann gethan
und mußte, von Banditen und Meuchelmördern verfolgt, heimlich aus
Welschland fliehen. Der Erzbischof von Magdeburg bewirkte seine
Lossprechung, doch sollte er sich selbst in Rom stellen und sich
verantworten. Im hohen Alter trat er zum vierten Male den Weg an.
Unterwegs, an der Gränze von Deutschland, ließ ihn ein Kardinal
durch einen geheimen Boten warnen, ja nicht nach Rom zu gehen.
Er achtete den Rath, kehrte um, sah aber die Himmelpforte nicht
wieder, sondern starb am 6. Juni 1503 in dem Kloster zu Kulmbach.
»Friede sei mit seiner Asche!« sprach in gerührtem, feierlichen
Tone der Prediger. Ja, und mit dem Kloster Himmelpforte auch!
fügte der Archivarius hinzu, denn von diesem habe ich nichts
mehr zu erzählen, als die Geschichte seines traurigen Untergangs.