VIII.

»In dem Thale der Holtemme,« so hob der Archivarius

seine Erzählung an, »wo jetzt der Fleckenort

Hasserode=Friedrichsthal liegt, unweit der Wohnung unseres lieben

Gastfreundes, des Herrn Försters Immermann, ganz nahe unterhalb

der Böterschen Papiermühle am Fuße des Kellerberges, stand vor

Zeiten die Burg der edlen Herren von Hartesrode. Ein kleines

Dörfchen gleiches Namens, der nachher in Hasserode verwandelt

wurde, lag um die Burg her. Die Ritter von Hartesrode, wenigstens

die späteren Zweige dieses edlen Stammes, waren Vasallen oder

Lehnsleute der Grafen von Wernigerode und zugleich Erbmarschälle

des Bisthums Halberstadt, welche Würde bei der Erlöschung ihres

Stammes auf die Herrn von Rössing überging. Sie führten Anfangs

in ihrem Wappen das friedliche Zeichen eines Zweigleins mit 3

fünfblättrigen Blumen, welches nachher aber einem mehr

kriegerischen Sinnbilde, dem eines Balkens mit Mauerzinnen wich.

In dieser seiner späteren Gestalt ist ihr Wappen noch zu schauen

neben dem Gräflichen und dem Stadtwappen an der Kanzeln der St.

Nicolai=Kirche zu Wernigerode. Die letzteren Sprossen ihres

Stammes liegen in dem von ihnen erbauten Grabgewölbe neben

dem hohen Thore der St. Sylvestri=Kirche zu Wernigerode,

welches nachher zum Gräflichen Erbbegräbnisse erwählt wurde,

begraben. Von den ersten Zweigen ihres Stammes, die uns die

urkundliche Geschichte nennt, weiß sie keine anderen Thaten,

als friedliche Vermittelung und fromme Stiftungen, die

sie machten, zu rühmen.

Sie waren es, welche den Grundraum zu der Kapelle des

heiligen Blutes bei Wasserleben hergaben. Ihnen hatte

auch das Kloster Himmelpforte seinen Ursprung zu danken.

Der Ritter Theodorich von Hartesrode war der Stifter

desselben, höchst wahrscheinlich eben derselbe, der in einer

Urkunde vom Jahre 1251 als Schiedsrichter einer Streitsache

der Herren von Derenburg vorkommt, wo er aber Tiderikus von

Hartesrode genannt wird. Die von ihm ausgestellte

Stiftungsurkunde des Klosters Himmelpforte trägt die

Jahreszahl 1253, hinsichtlich deren Richtigkeit

indessen einige Zweifel obwalten.

Aus der Urkunde selbst geht übrigens deutlich hervor,

daß die erste Ansiedelung der Brüder Einsiedler oder Eremiten

nach der Regel des heiligen Augustinus in unserer Himmelpforte

bereits vor dem Jahre 1236 erfolgte, also wenigstens 20 Jahre

früher, als Papst Alexander IV. seine Reform des

Augustiner=Ordens bewirkte. Die Urkunde sagt, daß die erste

Anlage des Klosters Himmelpforte bereits zu den Zeiten des Bischofs

Friedrich von Halberstadt, welcher 1236 starb, begonnen, daß die

weitere Einrichtung desselben dann unter den Nachfolgern jenes,

den Bischöfen Ludolph (I.), Meinhard und Ludolph (II.) und

endlich unter dem Bischof Volrad fortgeführt sei. Der Ritter

Theodorich von Hartesrode bestätigt in diesem Dokumente die

Augustiner=Eremiten zur Himmelpforte in dem Besitze der ihnen

von ihm verliehenen bereits urbar gemachten und noch

nicht urbaren Ländereien, Triften, Waldungen, Bäche, Berge und

Thäler, die in der Umgebung des von ihnen bewohnten Platzes, der

sonst Elbingerothe geheißen habe, lägen und deren Gränzen er

angiebt. Er erklärt, er habe diese Stiftung gemacht aus Ehrfurcht

gegen unseren Heiland Jesum Christum und die allerheiligste Mutter

desselben, zum Heil seiner Seele und der Seelen der Seinigen, mit

Genehmigung des ehrwürdigen Bischofs von Halberstadt und mit

Zustimmung seiner Söhne. Als Zeugen dessen werden unter anderem die

mit unterschriebenen Grafen Gebhard und Friedrich von Wernigerode,

die würdige Frau Heilewige von Hartesrode und deren Sohn Ritter

Johannes angeführt. Aus einer anderen Urkunde erhellt, daß am

11. April 1257 der Marien=Altar der neuen Pflanzung zur

Himmelpforte von Bischof Volrad von Halberstadt eingeweihet

und zugleich mit einem Berge beschenkt ward, wie auch, daß

damals der Ritter Theodorich von Hartesrode, der Stifter

des Klosters, schon nicht mehr am Leben war.

Verschiedene spätere Urkunden beweisen, daß der Schutz

des Klosters Himmelpforte mit dem Besitze der Stammburg

der Herren von Hartesrode verknüpft blieb. Als einer der

ersten Gönner und Beförderer des Klosters erscheint der

Bischof Wilhelm von Münster, der im Jahre 1260 allen denen

40 tägigen Ablaß versprach, welche den Eremiten=Brüdern des

Ordens St. Augustinus zur Himmelpforte im Halberstädtischen

Sprengel Almosen mittheilen oder sonst hülfreiche Hand leisten

würden. Erwerbsquellen dieser Art eröffneten sich nachher für

das Kloster noch mehrere, da jenem Beispiele außer dem Bischofe

und Churfürsten von Mainz, Werner von Epstein, der im Jahre 1267

ein Gleiches that und außer dem Erzbischofe Rudolph von Salzburg

noch manche andere Bischöfe nachfolgten. Ueberdem kamen dem

Kloster Himmelpforte natürlich auch alle diejenigen Vortheile

zu Gute, welche dem Augustiner=Orden überhaupt zustanden, zu

dessen Gunsten unter anderem der Papst Nicolaus IV. im Jahre

1289 verfügte, daß Alle einen hundertjährigen Ablaß erhalten

sollten, welche an gewissen Festtagen zu den Klöstern und

Kirchen der Augustiner wallfahrten würden.«

»Was war denn daß eigentlich: Ablaß?« fragte hier

Julie, die jünste Tochter des Archivarius. Das laß dir,

erwiederte ihr Vater, von dem Herrn Prediger sagen.

Vater Lehrwart nahm darauf so das Wort.

»Ablaß, mein Kind, war eigentlich und ursprünglich

nur so viel, als Erlassung derjenigen Bußen und Strafen,

welche von der kirchlichen Obrigkeit auf solche Vergehungen

gelegt wurden, deren sich billig jeder Christ schämen mußte

und um deren willen der, der sie beging, eigentlich von der

Gemeinde der Christen und von der Theilnahme am christlichen

Gottesdienst hätte ausgeschlossen werden sollen, aber denn doch

zugelassen wurde, wenn er zum Beweise, daß ihm seine Sünde

aufrichtig leid sei, öffentlich Buße that, strengere Fasttage

hielt, oder aber ein härenes Gewand trug oder nach dem gelobten

Lande wallfahrtete, oder sonst etwas Schweres und Lästiges, was

ihm aufgelegt wurde, unternahm. Solche Kirchenbußen oder Strafen

konnten von dem Papste und von den einzelnen Bischöfen erlassen,

oder doch gemildert werden und das hieß dann Ablaß. Mit der Zeit

aber wurde aus dem Ablaß ein sehr schlimmes Ding. Nämlich es

kam der Wahn auf, als könne man auch von Gott Vergebung seiner

Sünde und Erlösung der Seele aus dem Fegefeuer d.h. aus ihrem

qualvollen Zustande nach dem Tode erlangen, wenn man Kirchen

und Klöster beschenkte und sich damit Ablaß erkaufte. Da wurde

dann mit dem Ablaß ein für die Päpste sehr einträglicher,

abscheulicher Handel getrieben.

Luther fing das Werk seiner Kirchenverbesserung eben

damit an, daß er diesem abscheulichen Ablaßkrame entgegentrat,

indem er sich öffentlich gegen denselben erklärte in den 95

Sätzen, die er an die Schloßkirche zu Wittenberg anschlug.«

Nun wißt ihr, was der Ablaß war, sagte hierauf der

Archivarius, und ich kann in meiner Erzählung fortfahren.

Inzwischen benutzte die Frau Försterin die eingetretene

augenblickliche Pause dazu, um dem Archivarius ein Glas zu

reichen, welches mit dem vortrefflichen Maitrank gefüllt

war, der aus Rheinwein, gegossen auf Waldmeister und andere

in der Himmelpforte wachsende edle würzige Frühlingskräuter,

bereitet wird, und ihn zu bitten, zu seiner Erquickung, nach

der Weise der guten Brüder Eremiten des vormaligen Klosters

Himmelpforte, erst einmal auf das ehrenwerte Gedächtnis der

frommen Stifter und Schutzherren desselben, der edlen Ritter

von Hasserode zu trinken. »Wer könnte,« sagte der Archivarius,

»solcher Aufforderung widerstehen!« Ich verbinde aber mit dem

von Ihnen mir vorgeschriebenen Toaste zugleich den dankbaren

Lobspruch aller der würdigen Hausfrauen, die so milde und

freigebig gesinnt sind, wie weiland Frau Heilewige, die

edle Hälfte des Ritters Theodorich von Hartesrode! Es wurde

darauf angestoßen mit so vielen Gläsern als derselben in

der Saufangs=Eremitage mitgebracht waren und die im engen

Kreise umgingen; aber auch manche von denen, die draußen

standen und nichts zu trinken bekamen, riefen doch Vivat! mit.

Der Gang nach der Himmelpforte · 第 9 / 14 题