VII.

»Es wird schlimm werden!« sagte mit besorglicher Miene

der Archivarius, indem er den Vater Lehrwart auf die über

den nahen waldigen Bergrücken heranziehenden dunklen Wolken

aufmerksam machte. »Wir werden wohlthun,« fügte er hinzu, »wenn

wir uns eilig aufmachen, um vor dem Ausbruch des Wetters nach

Haus zu kommen, oder wenigstens ein schirmendes Obdach im

Friedrichsthale zu finden.« Ein mehrstimmiges: Ach! und O!

von Seiten der Kinder erhoben, zeigte deren Betrübniß über

die gehörten Worte an und sicherte dem Vater Lehrwart im Voraus

eine bedeutend überwiegende Stimmen=Mehrheit für den Vorschlag zu,

den er dem Rathe des älteren Freundes mit geziemender Bescheidenheit

entgegenzustellen wagte, indem er das Bedenken äußerte, daß man wohl

selbst das nahe Hasserode nicht mehr erreichen würde, ehe es zu

regnen anfinge, und dabei die Hoffnung ausdrückte, es dürfe ein

viel näherer sicherer Schutz gegen das, wahrscheinlich sehr bald

vorübergehende, leichte Gewitter zu finden sein. Denn, sagte er,

wenn mich meine Augen nicht trügen, so sahe ich vorhin die Thüre

des Jagdhäuschens am Saufange geöffnet und unsern Freund, den

Herrn Förster Immermann, in dasselbe hineingehen.

»Ja, ja,« bestätigte die Frau Archivarius, »das habe ich auch

gesehen!«

»Aber,« wandte ihr Mann ein, indem er die Uhr herauszog, »es wird

ohnehin sehr bald Zeit zu der Rückkehr werden, es ist gleich

halb fünf Uhr.«

Ein stärkeres Rollen des Donners, welches halb nach einem

leuchtenden Blitzstrahle folgte, hob inzwischen alle weiteren

Bedenken, und der Archivarius folgte halb unbewußt und

unwillkürlich der überwiegenden Neigung seiner Ehe=Hälfte

und der ihr anhängenden Kinderschaar, welche sich sämmtlich

mit eiligen Schritten nach dem nur einige hundert Schritte

weiter hinaufliegenden und das Thal abschließenden Saufange

wandten, wo das rothe Dach des Jagdhauses Schirm gegen den

Platzregen verhieß, dessen Vortrab sich in einzelnen großen

Tropfen, die herniederfielen, bereits eingestellt hatte.

Aus den raschen Schritten der Kinder, die selbst bei ihrer

Verdoppelung doch denen der Erwachsenen kaum zu folgen vermochten,

wurde bald ein völliger Wettlauf, wobei denn wieder das Alter

zurückbleiben mußte. Doch kam noch eben zu rechter Zeit Alles

unter Dach und Fach in dem Jagdhäuschen, dessen Thüre den Schutz

suchenden Flüchtlingen von dem ihnen entgegenkommenden und sie

freundlich willkommen heißenden Förster gastfreundlich so weit

als möglich geöffnet ward.

Das Jagdhäuschen, welches von Niemand bewohnt wurde, und

eigentlich nur bestimmt war, zum sicheren und bequemen

Schießstande Behufs der Erlegung der im angränzenden Garten

eingefangenen wilden Schweine zu dienen, war zwar eng und klein.

Das im oberen Raume desselben befindliche Zimmer schien bei dem

Eintritt der Flüchtlinge schon hinlänglich besetzt zu sein; denn

die Frau Försterin bewirthete in demselben eine befreundete

Familie, die der schöne Tag und die Volkssitte gleichfalls zum

Besuche der Himmelpforte angelockt hatte. Aber da man eng

zusammenrückte, so fand sich doch am Ende auf den an den Wänden

des Zimmers umherlaufenden Pritschen und auf einigen Stühlen

in der Mitte desselben noch Platz zum Sitzen für die ganze

Gesellschaft. Ja, als in Kurzem der Regen rauschend herabfloß

und noch mehr als ein Häufchen von der auf den Wiesen der

Himmelpforte hie und da gelagerten Menge seine Zuflucht hierher

nahm, so zeigte sich's, daß das Häuschen im Stande war, in dem

Raume seines unteren Schießstandes, seiner kleinen Küche und

seines Ein= und Ausgangs noch mehr als ein Dutzend von Menschen

zu bergen, während sich noch manche Andere an der von dem Wetter

abgekehrten äußeren Seite desselben, unter dem überragenden

Dache, wenigstens einigermaßen gedeckt sahen.

Zum Glücke folgten nur noch sehr wenige Donnerschläge.

Sonst hätte sich vielleicht der bedachtsame Herr Archivarius,

der nicht mit Unrecht die Anhäufung so vieler Menschen im engen

Raume, während des Gewitters, gefährlich fand, nicht abhalten

lassen, sich mit seiner Familie lieber in das kalte Traufbad zu

stürzen. Da sich aber die tröstliche Verheißung des Försters

bewährte und das immer später eintretende und immer schwächer

werdende Rollen des Donners bewies, daß das Gewitter vorüberzog,

während das Rauschen des Regens noch anhielt, so nahm Vater

Lehrwart die Gunst der Umstände wahr und unterbrach die trauliche

Stille des auf den Regenguß lauschenden Kreises mit der an den

Archivarius gerichteten Bitte, in Gemäßigkeit seines früheren

Versprechens, jetzt die Geschichte des Klosters Himmelpforte

zum Besten zu geben, wobei er bemerkte, daß er den

ansehnlichen Zuwachs des Auditoriums, welches er sich zu

Danke verpflichten werde, als eine Aufforderung mehr dazu

ansehen müsse. Der Förster und mehrere der im Häuschen

versammelten Leute, sowie sämmtliche Kinder unterstützten

die Bitte des Predigers.

Der Archivarius sträubte sich zwar etwas dagegen,

indem er die Besorgniß äußerte, daß seine Erzählung gegen

den vorherigen Vortrag des Predigers zu sehr abstechen und

desto trockener ausfallen werde, je mehr jener erbaulich gewesen

sei. Indessen schlug ihn der Prediger mit der scherzhaften

Gegenbemerkung, daß, wer eine nasse Salbung lieben sollte,

ja nur hinauszugehen brauche, um sie zu finden. Dieß erregte

allgemeines Gelächter. Der Archivarius wurde von dem Förster

und Prediger mit vereinter sanfter Gewalt in die Mitte des

Kreises gezogen und statt des Katheders auf den daselbst

stehenden, schon vorher abgeräumten, handfesten eichenen

Tisch gesetzt, worauf er denn nach einigem Räuspern

erklärte, er sehe wohl, er müsse sich fügen, wolle es

wenigstens in einer Hinsicht, nämlich der, der belobten

Kürze, seinem Vorredner zuvorzuthun versuchen und übrigens

seinem Vortrag nach der beliebten Weise des Herrn Prediger

3 Theile geben, indem er kürzlich erstlich die Geschichte

der Entstehung, zweitens die des Bestehens und drittens die

des Unterganges des Klosters Himmelpforte zu erzählen gedenke.

Er holte dabei die Uhr heraus und nahm sie in die Hand.

Der Gang nach der Himmelpforte · 第 8 / 14 题