»Es wird schlimm werden!« sagte mit besorglicher Miene
der Archivarius, indem er den Vater Lehrwart auf die über
den nahen waldigen Bergrücken heranziehenden dunklen Wolken
aufmerksam machte. »Wir werden wohlthun,« fügte er hinzu, »wenn
wir uns eilig aufmachen, um vor dem Ausbruch des Wetters nach
Haus zu kommen, oder wenigstens ein schirmendes Obdach im
Friedrichsthale zu finden.« Ein mehrstimmiges: Ach! und O!
von Seiten der Kinder erhoben, zeigte deren Betrübniß über
die gehörten Worte an und sicherte dem Vater Lehrwart im Voraus
eine bedeutend überwiegende Stimmen=Mehrheit für den Vorschlag zu,
den er dem Rathe des älteren Freundes mit geziemender Bescheidenheit
entgegenzustellen wagte, indem er das Bedenken äußerte, daß man wohl
selbst das nahe Hasserode nicht mehr erreichen würde, ehe es zu
regnen anfinge, und dabei die Hoffnung ausdrückte, es dürfe ein
viel näherer sicherer Schutz gegen das, wahrscheinlich sehr bald
vorübergehende, leichte Gewitter zu finden sein. Denn, sagte er,
wenn mich meine Augen nicht trügen, so sahe ich vorhin die Thüre
des Jagdhäuschens am Saufange geöffnet und unsern Freund, den
Herrn Förster Immermann, in dasselbe hineingehen.
»Ja, ja,« bestätigte die Frau Archivarius, »das habe ich auch
gesehen!«
»Aber,« wandte ihr Mann ein, indem er die Uhr herauszog, »es wird
ohnehin sehr bald Zeit zu der Rückkehr werden, es ist gleich
halb fünf Uhr.«
Ein stärkeres Rollen des Donners, welches halb nach einem
leuchtenden Blitzstrahle folgte, hob inzwischen alle weiteren
Bedenken, und der Archivarius folgte halb unbewußt und
unwillkürlich der überwiegenden Neigung seiner Ehe=Hälfte
und der ihr anhängenden Kinderschaar, welche sich sämmtlich
mit eiligen Schritten nach dem nur einige hundert Schritte
weiter hinaufliegenden und das Thal abschließenden Saufange
wandten, wo das rothe Dach des Jagdhauses Schirm gegen den
Platzregen verhieß, dessen Vortrab sich in einzelnen großen
Tropfen, die herniederfielen, bereits eingestellt hatte.
Aus den raschen Schritten der Kinder, die selbst bei ihrer
Verdoppelung doch denen der Erwachsenen kaum zu folgen vermochten,
wurde bald ein völliger Wettlauf, wobei denn wieder das Alter
zurückbleiben mußte. Doch kam noch eben zu rechter Zeit Alles
unter Dach und Fach in dem Jagdhäuschen, dessen Thüre den Schutz
suchenden Flüchtlingen von dem ihnen entgegenkommenden und sie
freundlich willkommen heißenden Förster gastfreundlich so weit
als möglich geöffnet ward.
Das Jagdhäuschen, welches von Niemand bewohnt wurde, und
eigentlich nur bestimmt war, zum sicheren und bequemen
Schießstande Behufs der Erlegung der im angränzenden Garten
eingefangenen wilden Schweine zu dienen, war zwar eng und klein.
Das im oberen Raume desselben befindliche Zimmer schien bei dem
Eintritt der Flüchtlinge schon hinlänglich besetzt zu sein; denn
die Frau Försterin bewirthete in demselben eine befreundete
Familie, die der schöne Tag und die Volkssitte gleichfalls zum
Besuche der Himmelpforte angelockt hatte. Aber da man eng
zusammenrückte, so fand sich doch am Ende auf den an den Wänden
des Zimmers umherlaufenden Pritschen und auf einigen Stühlen
in der Mitte desselben noch Platz zum Sitzen für die ganze
Gesellschaft. Ja, als in Kurzem der Regen rauschend herabfloß
und noch mehr als ein Häufchen von der auf den Wiesen der
Himmelpforte hie und da gelagerten Menge seine Zuflucht hierher
nahm, so zeigte sich's, daß das Häuschen im Stande war, in dem
Raume seines unteren Schießstandes, seiner kleinen Küche und
seines Ein= und Ausgangs noch mehr als ein Dutzend von Menschen
zu bergen, während sich noch manche Andere an der von dem Wetter
abgekehrten äußeren Seite desselben, unter dem überragenden
Dache, wenigstens einigermaßen gedeckt sahen.
Zum Glücke folgten nur noch sehr wenige Donnerschläge.
Sonst hätte sich vielleicht der bedachtsame Herr Archivarius,
der nicht mit Unrecht die Anhäufung so vieler Menschen im engen
Raume, während des Gewitters, gefährlich fand, nicht abhalten
lassen, sich mit seiner Familie lieber in das kalte Traufbad zu
stürzen. Da sich aber die tröstliche Verheißung des Försters
bewährte und das immer später eintretende und immer schwächer
werdende Rollen des Donners bewies, daß das Gewitter vorüberzog,
während das Rauschen des Regens noch anhielt, so nahm Vater
Lehrwart die Gunst der Umstände wahr und unterbrach die trauliche
Stille des auf den Regenguß lauschenden Kreises mit der an den
Archivarius gerichteten Bitte, in Gemäßigkeit seines früheren
Versprechens, jetzt die Geschichte des Klosters Himmelpforte
zum Besten zu geben, wobei er bemerkte, daß er den
ansehnlichen Zuwachs des Auditoriums, welches er sich zu
Danke verpflichten werde, als eine Aufforderung mehr dazu
ansehen müsse. Der Förster und mehrere der im Häuschen
versammelten Leute, sowie sämmtliche Kinder unterstützten
die Bitte des Predigers.
Der Archivarius sträubte sich zwar etwas dagegen,
indem er die Besorgniß äußerte, daß seine Erzählung gegen
den vorherigen Vortrag des Predigers zu sehr abstechen und
desto trockener ausfallen werde, je mehr jener erbaulich gewesen
sei. Indessen schlug ihn der Prediger mit der scherzhaften
Gegenbemerkung, daß, wer eine nasse Salbung lieben sollte,
ja nur hinauszugehen brauche, um sie zu finden. Dieß erregte
allgemeines Gelächter. Der Archivarius wurde von dem Förster
und Prediger mit vereinter sanfter Gewalt in die Mitte des
Kreises gezogen und statt des Katheders auf den daselbst
stehenden, schon vorher abgeräumten, handfesten eichenen
Tisch gesetzt, worauf er denn nach einigem Räuspern
erklärte, er sehe wohl, er müsse sich fügen, wolle es
wenigstens in einer Hinsicht, nämlich der, der belobten
Kürze, seinem Vorredner zuvorzuthun versuchen und übrigens
seinem Vortrag nach der beliebten Weise des Herrn Prediger
3 Theile geben, indem er kürzlich erstlich die Geschichte
der Entstehung, zweitens die des Bestehens und drittens die
des Unterganges des Klosters Himmelpforte zu erzählen gedenke.
Er holte dabei die Uhr heraus und nahm sie in die Hand.