Schon während eines Theils seines letzten Vortrages war
Vater Lehrwart stehen geblieben und hatte einige Male seinen
Sohn Ernst durch bedeutungsvolle Winke erinnern müssen, daß er
aufmerksam zuhören möge, anstatt seine Geschwister und die übrige
Gesellschaft in ihrer Aufmerksamkeit zu stören. Ernst hatte zwar
bis jetzt geschwiegen, aber mit sichtbarer Ungeduld, und hatte
wenigstens nicht unterlassen können, durch Fingerzeige die Blicke
Aller dahin zu richten zu suchen, wohin seine eigenen gingen.
Diese hafteten an den, großen Gräbern ähnlichen, Unebenheiten
und Hügeln, womit der Grund des Thales in der Gegend, wo
der Vater Stillstand gemacht hatte, bedeckt war.
Als der Vater die Lebensgeschichte des heiligen Augustinus
beendigt hatte, erhielt Ernst die Erlaubniß zu reden, der, wie
es schien, sich nicht wenig darauf einbildete, kund thun zu können,
daß jene Hügel die Stelle des vormaligen Klosters Himmelpforte
bezeichneten, wobei ihn die Bestätigung des Herrn Archivarius,
daß er Recht habe, gegen die etwanigen ungläubigen Zweifel
der übrigen Kinder sicherte.
»Ja,« sagte dieser, »da liegen die wenigen Rest des
Klosters begraben, von welchem wir, Eure Väter, als wir in
eurem Alter waren, noch weit mehrere Ueberbleibsel erblickten.
Mein seliger Vater aber hat noch einen Mann gekannt, in dessen
Jugend die Mauern der Klosterkirche noch so vollständig vorhanden
waren, daß bloß das Dach fehlte, nach dessen abgebrannten
Balkenköpfen die Knaben mit Steinen zu werfen pflegten.«
Als die Augen der Gesellschaft eine Weile mit
verwunderungsvollem Nachdenken auf diesem Platze geruhet hatten,
that die Frau Archivarius den Vorschlag, den Beinen auch einige
Ruhe zu gönnen und die bequemen Plätze zum Sitzen zu benutzen,
welche einige gefällte Baumstämme darboten, die am Rande des
den Wiesengrund des Thales bekränzenden Eichen= und
Buchenwaldes hingestreckt lagen.
Dieser Rath wurde gern befolgt und auch die Erquickung
wurde dankbar willkommen geheißen, welche Tante Elisabeth
darreichte, indem sie aus ihrem Handkorbe Obst und einiges
Backwerk hervorlangte und dasselbe in der Gesellschaft
vertheilte. Unterdessen nahm Vater Lehrwart den unterbrochenen
Faden der Erzählung wieder auf und sagte, er wolle mit der
Geschichte des heiligen Augustinus nun noch einige Mittheilungen
über den von ihm benannten Orden verknüpfen.
Ihr habt schon vorhin gehört, redete er die Kinder an,
daß der heilige Augustinus nach seiner gänzlichen
Sinnesänderung sich mit mehreren gleichgesinnten Freunden
aus der Welt zurückgezogen hatte, um im Verein mit ihnen,
abgesondert von der übrigen menschlichen Gesellschaft, ein
einsiedlerisches Leben zu führen, und daß er später, nach seiner
Erhebung zum Bischof, auch bei der, ihm zunächst untergebenen
Geistlichkeit eine Art von Klosterzucht eingeführt hatte. Es war
natürlich, daß bei dem großen Ansehen, worin dieser Mann stand, die
von ihm aufgestellten Regeln bald in mehreren schon vorhandenen
und neu eingerichteten Klöstern zur Richtschnur erwählt wurden.
So entstand der Augustiner=Mönchs=Orden, der sich in zwei Klassen
theilte, von denen die eine die der Eremiten, die andere die der
regulären Kanoniker oder der regulierten Chorherren genannt ward.
Die ersteren ahmten das einsiedlerische Leben Augustin's in seiner
Zurückgezogenheit von der Welt nach. Die letztern waren solche,
mehrentheils zu einer Kirche gehörige Geistliche und Kirchendiener,
welche die von Augustinus bei der Geistlichkeit von Hippo eingeführte
klösterliche Lebensordnung zu ihrem Vorbilde erwählten. Diese wohnten
gewöhnlich in größeren Städten in der Nähe einer Hauptkirche, wenn
nicht in einem Hause beisammen, doch in aneinander stoßenden
Häusern und kamen zu gewissen Stunden des Tages und selbst der
Nacht zu gemeinschaftlichen Andachtsübungen oder auch zu
gemeinschaftlicher Mahlzeit zusammen. Jene, die Eremiten, baueten
sich dagegen in der Regel ihre Klöster in einsamen, von den Städten
abgelegenen, stillen Gegenenden auf, obgleich sie sich späterhin
mitunter auch in Städten und Flecken anbaueten.
Beide Klassen des Augustiner=Ordens unterschieden sich auch durch die
Kleidung. Die Eremiten trugen einen schwarzen Rock mit weiten Aermeln,
der bis auf die Knöchel herabhing und unserm jetzigen Chorrocke sehr
ähnlich war, um den Leib einen ledernen Gürtel und in der Hand einen
langen Stab. Die Kleidung der Chorherren aber war weiß.
Die Eremiten gehörten zu den sogenannten Bettel=Mönchen, die von
Zeit zu Zeit in der Umgegend ihrer Klöster zu ihrer Unterhaltung
milde Beiträge einsammelten. Die Chorherren aber nicht. Eine recht
feste Einrichtung erhielt der Augustiner=Orden übrigens erst durch
den Papst Alexander IV. im Jahre 1256. Mehr als fast in allen anderen
Klöstern war in denen der Augustiner Gelehrsamkeit und Bildung zu
finden, selbst die Benediktiner wurden darin in mancher Hinsicht
von den Augustinern übertroffen, wozu ohne Zweifel bei den
letztern ihre häufige Beschäftigung mit den vielen geistreichen
Schriften des großen Stifters ihres Ordens viel beitrug.
Diese Anstalten dienten nach dem Rathschlusse der göttlichen
Vorsehung dazu, um in der Nacht eines finstern Zeitalters die
fast erloschenen Funken eines heiligen Feuers am stillen und
verborgenen Orte so lange zu hegen und zu nähren, bis sie,
angefacht von dem lebendigen Odem seines Geistes, zu seiner
Zeit wieder zu einer hellleuchtenden Flamme ausschlagen sollten.
Vater Lehrwart hielt einen Augenblick inne - und sagte dann mit
erhobener Stimme: Aus einem Augustiner=Kloster ging der Mann
hervor, der das Licht des Evangeliums Jesu unter dem Scheffel,
womit es überstülpt war, wieder hervorgeholt hat: dem wir es zu
verdanken haben, daß wir von dem Wahne und Aberglauben befreit sind,
als ob die Gnade Gottes, die uns frei geschenkt wird, nachdem sie
uns Jesus Christus unser Heiland durch sein Opfer erworben hat,
noch irgendwie erkauft werden könne und müßte, von dem Wahne,
als ob man dadurch in den Himmel kommen könnte, daß man ein
Kloster stiftet und eine Kirche bauet, oder selbst in ein Kloster
hineingeht und mit Geißeln und Fasten sich selbst quält, - der Mann,
der uns die rechte, die wahre Himmelspforte, den freien Zugang zu
Gott durch den Glauben an Jesum Christum wieder eröffnet hat! -
Wer war der Mann? - Wer kann es mir sagen? - Martin Luther! Martin
Luther! war die laut schallende Antwort, zu der des Archivarius
Sohn Hermann den ersten Ton angab und in die dann die ganze
übrige Gesellschaft einstimmte.
Eine Stimme vom Himmel her schien gleichsam die Bestätigung
zu dem Gesagten geben zu wollen, in dem sich gleich darauf
ein entferntes Rollen des Donners vernehmen ließ, wobei
Alle erschrocken emporsahen.