Nachdem der Weg wieder breiter geworden war und sich die Gesellschaft
wieder näher um ihn versammelt hatte, fuhr Vater Lehrwart fort.
Unter den vielen Mönchsorden, die nach gerade entstanden, zeichnete
sich in mancher Hinsicht sehr vortheilhaft der Augustiner=Orden aus,
der uns näher angeht, weil das Kloster Himmelpforte ein
Augustiner=Kloster gewesen ist. Dieser Orden leitete seinen Ursprung
von einem der berühmtesten christlichen Kirchenlehrer, dem gewöhnlich
so genannten heiligen Augustinus ab, von dessen merkwürdiger
Lebensgeschichte ich Euch Etwas erzählen muß.
Er hieß eigentlich Aurelius Augustinus und wurde zu einer
Zeit geboren, wo das Christenthum in dem damaligen großen
Römischen Reiche, zu dem auch sein Geburtsland, das nördliche
Afrika, gehörte, immer mehr herrschend ward, nämlich ohngefähr
50 Jahre nachher, nachdem der Römische Kaiser Constantin der
Große selber ein Christ geworden war. Auch die Eltern des Augustinus
waren schon Christen; sein Vater, ein vornehmer Mann, war wenigstens
ein Christ dem äußeren Bekenntniß nach; seine Mutter aber, die Monika
hieß, war eine recht lebendige und eifrige Christin und wandte allen
Fleiß daran, ihren lieben Sohn von Kind auf mit der heiligen Schrift
bekannt zu machen und ihn aus derselben zu unterweisen zur Seligkeit
durch den Glauben an Christum. Doch schienen ihre Bemühungen nicht
gelingen zu wollen. Denn während der junge Augustinus auf den
niederen und höheren Schulen, auf die ihn sein Vater schickte,
mancherlei Wissenschaften erlernte, die dazu gehörten, um einmal
einen tüchtigen Advokaten abgeben zu können, so hielt er dabei
doch wenig auf das Wort Gottes, das ihm viel zu einfältig vorkam,
und führte ein leichtsinniges und ausschweifendes Leben.
Bei seiner großen Wißbegierde ließ er sich durch den
lockenden Reiz des geheimnißvollen Wesens verleiten, unter
die Manichäer zu gehen, eine damals weit verbreitete Sekte
von Menschen, die Christenthum und Heidenthum mit einander
vermengten und vorgaben, oder sich selbst einbildeten, in den
Lehren des Mannes, eines gewesenen Magiers, den Schatz einer
viel höheren Weisheit, als die des Christenthums, zu besitzen.
Diese ihre vermeintliche Weisheit hielten sie aber geheim.
Neun Jahre lang brachte Augustinus als Lehrling in der Mitte
dieser Leute zu, ohne daß er in ihre Geheimnisse eingeweiht
wurde, bis er endlich einsah, daß er getäuscht sei. Nachher
meinte er in den Schriften des Griechischen Weltweisen Plato
alle Weisheit gefunden zu haben, während es ihm doch noch
immer an dem Anfange der wahren Weisheit, der Furcht Gottes,
mangelte, indem er sein Herz und Leben nicht besserte. Ueber
das Alles war natürlich seine fromme Mutter Monika sehr betrübt.
Sie klagte einstmals ihr Leid unter vielen Thränen einem frommen
christlichen Bischofe, indem sie ihn bat, doch einmal eine
Unterredung mit ihrem Sohne zu halten, um ihn von seinen
Irrthümern zu überzeugen zu suchen. Allein der Bischof
antwortete, es würde bei dem jungen hitzigen Manne mit
Disputieren nichts auszurichten sein, sie sollte nur fleißig
für ihn beten, daß ihn Gott mit seinem heiligen Geiste
erwecken und erleuchten möge, und fügte die tröstliche
Verheißung hinzu: ein Sohn so vieler Thränen könne unmöglich
verloren gehen! Das Wort dieses Mannes bewährte sich bald
wunderbar. Augustinus war nämlich unterdessen als Lehrer
der weltlichen Redekunst an die hohe Schule zu Mailand berufen.
Da lockte ihn die große Beredsamkeit des dortigen Erzbischofs,
des heiligen Ambrosius, an, so daß er denselben oft und gern
predigen hörte, obgleich es ihm dabei nicht um die Erbauung
seines Herzens, sondern nur um die Ergötzung seiner Ohren zu
thun war. Doch endlich wurde er in seinem Gewissen von der
Kraft des göttlichen Wortes getroffen, entschloß sich von
Stund' an zu gänzlicher Aenderung seines Sinnes und Wandels,
ließ sich taufen, gab sein Rhetor=Amt auf und ging wieder in
sein Vaterland Afrika, wo er sich ganz aus der Welt in einen
Kreis gleichgesinnter, frommer Freunde zurückzog, mit denen
er sich zu einem gemeinschaftlichen, stillen und gottseligen
Leben vereinigte. Drei Jahre lang hatte dieses klösterliche
Leben Augustinus gewährt, als er gegen seinen Willen aus
seiner Zurückgezogenheit wieder hervorgeholt und als ein
brennendes und scheinendes Licht der Welt auf einen hohen Leuchter
gestellt ward. Er wurde nämlich in Hippo, der Hauptstadt derjenigen
Gegend von Afrika, wo er sich aufhielt, zuerst zum Presbyter erwählt
und nachher sogar zum Priester erhoben. Als solcher führte er ein
klösterliches, nach gewissen Regeln geordnetes Leben auch bei den ihm
untergebenen Geistlichen ein, was sich als eine sehr zweckmäßige
Maßregel bewährte.
Der Ruhm und Einfluß seiner eifrigen Wirksamkeit, und
besonders seiner tapfern geistlichen Bekämpfung der vielen
Irrlehrer damaliger Zeiten verbreitete sich bald fast über
die ganze christliche Kirche. Seinen großen Fleiß beweisen
seine vielen geistreichen Schriften, die auf uns gekommen sind.
Er starb im Jahre 430, während seine Stadt von den wilden
Horden der Vandalen belagert ward, die sie bald nachher auf
eine schreckliche Weise zerstörten. In den folgenden Zeiten des
Aberglaubens, unter der Herrschaft des Pabstthums, wurde Augustinus
als ein Heiliger verehrt, und seine angeblichen Todtengebeine
wurden gleich denen anderer sogenannten Heiligen als kostbare,
wunderthätige Reliquien angesehen.
Während wir Gottlob von solchem Aberglauben befreit sind,
so muß doch auch uns evangelischen Christen das Andenken dieses
Mannes desto werther sein, weil die beiden großen Reformatoren
Luther und Calvin in der Hochschätzung gegen ihn einerlei gesinnt
waren und, wie sie selbst dankbar bekannten, aus seinen Schriften
viel gelernt haben.