V.

Nachdem der Weg wieder breiter geworden war und sich die Gesellschaft

wieder näher um ihn versammelt hatte, fuhr Vater Lehrwart fort.

Unter den vielen Mönchsorden, die nach gerade entstanden, zeichnete

sich in mancher Hinsicht sehr vortheilhaft der Augustiner=Orden aus,

der uns näher angeht, weil das Kloster Himmelpforte ein

Augustiner=Kloster gewesen ist. Dieser Orden leitete seinen Ursprung

von einem der berühmtesten christlichen Kirchenlehrer, dem gewöhnlich

so genannten heiligen Augustinus ab, von dessen merkwürdiger

Lebensgeschichte ich Euch Etwas erzählen muß.

Er hieß eigentlich Aurelius Augustinus und wurde zu einer

Zeit geboren, wo das Christenthum in dem damaligen großen

Römischen Reiche, zu dem auch sein Geburtsland, das nördliche

Afrika, gehörte, immer mehr herrschend ward, nämlich ohngefähr

50 Jahre nachher, nachdem der Römische Kaiser Constantin der

Große selber ein Christ geworden war. Auch die Eltern des Augustinus

waren schon Christen; sein Vater, ein vornehmer Mann, war wenigstens

ein Christ dem äußeren Bekenntniß nach; seine Mutter aber, die Monika

hieß, war eine recht lebendige und eifrige Christin und wandte allen

Fleiß daran, ihren lieben Sohn von Kind auf mit der heiligen Schrift

bekannt zu machen und ihn aus derselben zu unterweisen zur Seligkeit

durch den Glauben an Christum. Doch schienen ihre Bemühungen nicht

gelingen zu wollen. Denn während der junge Augustinus auf den

niederen und höheren Schulen, auf die ihn sein Vater schickte,

mancherlei Wissenschaften erlernte, die dazu gehörten, um einmal

einen tüchtigen Advokaten abgeben zu können, so hielt er dabei

doch wenig auf das Wort Gottes, das ihm viel zu einfältig vorkam,

und führte ein leichtsinniges und ausschweifendes Leben.

Bei seiner großen Wißbegierde ließ er sich durch den

lockenden Reiz des geheimnißvollen Wesens verleiten, unter

die Manichäer zu gehen, eine damals weit verbreitete Sekte

von Menschen, die Christenthum und Heidenthum mit einander

vermengten und vorgaben, oder sich selbst einbildeten, in den

Lehren des Mannes, eines gewesenen Magiers, den Schatz einer

viel höheren Weisheit, als die des Christenthums, zu besitzen.

Diese ihre vermeintliche Weisheit hielten sie aber geheim.

Neun Jahre lang brachte Augustinus als Lehrling in der Mitte

dieser Leute zu, ohne daß er in ihre Geheimnisse eingeweiht

wurde, bis er endlich einsah, daß er getäuscht sei. Nachher

meinte er in den Schriften des Griechischen Weltweisen Plato

alle Weisheit gefunden zu haben, während es ihm doch noch

immer an dem Anfange der wahren Weisheit, der Furcht Gottes,

mangelte, indem er sein Herz und Leben nicht besserte. Ueber

das Alles war natürlich seine fromme Mutter Monika sehr betrübt.

Sie klagte einstmals ihr Leid unter vielen Thränen einem frommen

christlichen Bischofe, indem sie ihn bat, doch einmal eine

Unterredung mit ihrem Sohne zu halten, um ihn von seinen

Irrthümern zu überzeugen zu suchen. Allein der Bischof

antwortete, es würde bei dem jungen hitzigen Manne mit

Disputieren nichts auszurichten sein, sie sollte nur fleißig

für ihn beten, daß ihn Gott mit seinem heiligen Geiste

erwecken und erleuchten möge, und fügte die tröstliche

Verheißung hinzu: ein Sohn so vieler Thränen könne unmöglich

verloren gehen! Das Wort dieses Mannes bewährte sich bald

wunderbar. Augustinus war nämlich unterdessen als Lehrer

der weltlichen Redekunst an die hohe Schule zu Mailand berufen.

Da lockte ihn die große Beredsamkeit des dortigen Erzbischofs,

des heiligen Ambrosius, an, so daß er denselben oft und gern

predigen hörte, obgleich es ihm dabei nicht um die Erbauung

seines Herzens, sondern nur um die Ergötzung seiner Ohren zu

thun war. Doch endlich wurde er in seinem Gewissen von der

Kraft des göttlichen Wortes getroffen, entschloß sich von

Stund' an zu gänzlicher Aenderung seines Sinnes und Wandels,

ließ sich taufen, gab sein Rhetor=Amt auf und ging wieder in

sein Vaterland Afrika, wo er sich ganz aus der Welt in einen

Kreis gleichgesinnter, frommer Freunde zurückzog, mit denen

er sich zu einem gemeinschaftlichen, stillen und gottseligen

Leben vereinigte. Drei Jahre lang hatte dieses klösterliche

Leben Augustinus gewährt, als er gegen seinen Willen aus

seiner Zurückgezogenheit wieder hervorgeholt und als ein

brennendes und scheinendes Licht der Welt auf einen hohen Leuchter

gestellt ward. Er wurde nämlich in Hippo, der Hauptstadt derjenigen

Gegend von Afrika, wo er sich aufhielt, zuerst zum Presbyter erwählt

und nachher sogar zum Priester erhoben. Als solcher führte er ein

klösterliches, nach gewissen Regeln geordnetes Leben auch bei den ihm

untergebenen Geistlichen ein, was sich als eine sehr zweckmäßige

Maßregel bewährte.

Der Ruhm und Einfluß seiner eifrigen Wirksamkeit, und

besonders seiner tapfern geistlichen Bekämpfung der vielen

Irrlehrer damaliger Zeiten verbreitete sich bald fast über

die ganze christliche Kirche. Seinen großen Fleiß beweisen

seine vielen geistreichen Schriften, die auf uns gekommen sind.

Er starb im Jahre 430, während seine Stadt von den wilden

Horden der Vandalen belagert ward, die sie bald nachher auf

eine schreckliche Weise zerstörten. In den folgenden Zeiten des

Aberglaubens, unter der Herrschaft des Pabstthums, wurde Augustinus

als ein Heiliger verehrt, und seine angeblichen Todtengebeine

wurden gleich denen anderer sogenannten Heiligen als kostbare,

wunderthätige Reliquien angesehen.

Während wir Gottlob von solchem Aberglauben befreit sind,

so muß doch auch uns evangelischen Christen das Andenken dieses

Mannes desto werther sein, weil die beiden großen Reformatoren

Luther und Calvin in der Hochschätzung gegen ihn einerlei gesinnt

waren und, wie sie selbst dankbar bekannten, aus seinen Schriften

viel gelernt haben.

Der Gang nach der Himmelpforte · 第 6 / 14 题